Leni Riefenstahl – kein Abschied

Von Martha Jüngst

Am 8. September diesen Jahres ist mit 101 Jahren Leni Riefenstahl in ihrem Haus in Pöcking am Starnberger See verstorben.

Leni Riefenstahl bei Dreharbeiten zum Olympia-Film

Leni Riefenstahl ist ein Name aus den "Dunstkreisen des Bösen", der gemeinhin nur noch mit Zusätzen von Indignation genannt wird.

Vom Ableben der Weggefährtin des Teufels und vom Hinscheiden der Botin aus Deutschlands dunkelster Zeit ist am Folgetag in den Gazetten zu lesen, von der Künstlerin ohne Moral und der Frau mit dem harten, erbarmungslosen Blick.

Die Trauerfeier wird am 12. September um 16 Uhr auf dem Münchner Ostfriedhof angesetzt, der Termin in der Presse bekanntgemacht.

Schon ca. eine Stunde vor der Trauerfeier beginnen sich die Gäste vor der stattlichen, in Neorenaissance gehaltenen Einsegnungshalle des Ostfriedhofes zu sammeln. Von Minute zu Minute wächst die Menschenmenge, bis der gesamte Eingangsbereich schwarz ist von Besuchern. Es sind viele Ältere, denen das erzwungene Schweigen der letzten Jahrhunderthälfte Bitterkeit oder Resignation in die Mienen grub. Manche kommen mit Krücken, einige im Rollstuhl. Zwischen diesen finden sich die Jungen, oft von weither angereist, Trotz in den verschlossenen Gesichtern. Einige halten Rosen in den Händen, einer von ihnen hat ein Album mit signierten Leni-Bildern mitgebracht, welche ihm die Verstorbene auf Anfrage zugeschickt habe. Er ist von Schaubedürftigen umringt.

Seitlich ist auf einem mit schwarzem Samt bedeckten Pult ein Kondolenzbuch aufgeschlagen. Wer sich hier einträgt, bekommt ein Kärtchen mit einem Bild zugeeignet, welches die Verstorbene im Strandkleid zeigt. Manche haben Hemmungen, ihre Unterschrift abzugeben: »Es ist, als ob man etwas Verbotenes tut«, sagt eine Frau.

Als es auf 16 Uhr zugeht, rückt die Presse an, meist Angehörige der ansonsten nur schwach vertretenen mittleren Generation. Sie kommen mit wuchtigem Gerät, welches sogleich unter ununterbrochenem Klicken und Blitzen auf die Anwesenden gerichtet wird. Die gedämpften Gespräche verstummen.

Es ist nahezu 16 Uhr, noch immer ist das Eingangstor der Halle verschlossen. Schließlich öffnet sich eine Seitentür, schwarz gekleidete Herren bedeuten der Presse, sie könne eintreten, worauf diese sich, jung und alt harsch beiseitedrückend, in die für alle anderen noch immer geschlossene Halle schiebt.

Einmal nur wird der Strom angehalten, um einer Prominenz Vortritt zu lassen: Leo Kirch ist gekommen und begehrt Einlaß. Vor anderen prominenten Besuchern, etwa vor Vertretern der Bundesrepublik oder der bayrischen Landesregierung, muß nicht zurückgewichen werden, diese erscheinen nicht.

16 Uhr ist vorbei, noch immer warten die Gäste draußen. Soll Leni am Ende allein vor der Presse verabschiedet werden? Unruhe kommt auf.

Schließlich öffnet sich das große Tor. Zögernd, den Gehbehinderten und Rollstuhlfahrern den Vortritt lassend, strömt nun auch die wartende Menge in die Halle. Bald ist kein Sitz- und auch kein Stehplatz mehr zu bekommen. Ein Teil der Gäste muß draußen bleiben.

Der Sarg ist von einem rosa-blauen Blumenmeer bedeckt und von ungezählten bunten Kränzen umgeben, als solle heute nicht getrauert, sondern ein freudiges Ereignis gefeiert werden. An hervorgehobener Stelle liegt der Kranz von Leo Kirch, etwas abseits der von Peter Gauweiler mit schwarz-rot-goldenen Schleifen. Peter Gauweiler selbst aber ist nicht gekommen.

Seitlich steht ein Gemälde der Verstorbenen, das einzige, das alle Nachkriegswirren und Eigentumsbeschlagnahmungen überstanden hat. Erwartungsvoll, das Kinn in die Hand gestützt, blickt die damals 22-Jährige der eintretenden Menge entgegen und es ist, als werde jeder einzelne einbezogen in ein Feld unzerstörbarer Kräfte.

Die Feier beginnt. Von der Empore erklingen Töne wie aus einer anderen Welt, Musik aus Lenis letztem Film über die Wunder der Meerestiefen.

Nach einleitenden Worten des Trauerredners – es ist eine nichtchristliche Veranstaltung – ertönen weiter fremde Klänge, Musik aus der Verfilmung der Oper Tiefland, deren Protagonisten sich vor den Nachstellungen der Tieflandbewohner in die Reinheit der Berge flüchten.

Die erste Rede hält eine Freundin, die Fernseh-Moderatorin Dr. Antje-Katrin Kühnemann.

Sie spricht zunächst über Leni Riefenstahl als Mensch. Leni sei die warmherzigste Freundin gewesen, die sich denken läßt. Die von ihren Widersachern behauptete Härte des Blickes sei nur bei der immer wiederkehrenden Konfrontation mit Verleumdung und Gehässigkeit in Erscheinung getreten.

Leni Riefenstahl, Gemälde
von Eugen Spiro aus dem Jahre 1924.

Dann spricht die Rednerin über Leni als Künstlerin, über ihre Liebe zur Schönheit, ihren keine Hindernisse anerkennenden Willen, Schönheit mit unermüdlicher Arbeitskraft zu gestalten.

Die Rednerin ist sichtlich bewegt und spricht leise, so daß die hinten Stehenden nur Bruchstücke des Gesagten verstehen.

Als nächster spricht der Präsident der deutschen Filmwirtschaft, Steffen Kuchenreuther: Leni Riefenstahl sei eine Künstlerin von Weltrang gewesen. Sie habe den Film zum Kunstwerk erhoben. Wenn alle diejenigen, die noch immer versuchen, die Künstlerin zu diffamieren, vergessen seien, werde ihr Werk leben.

Auch Herr Kuchenreuther spricht leise, so daß die Gäste in den hinteren Reihen sich nicht des Inhalts seiner Sätze erfreuen können und schließlich mit einem kräftigen: »Lauter!« protestieren.

Anschließend läßt der Trauerredner die Lebensstationen der Verstorbenen an den Gästen vorüberziehen, wobei er keine Veranlassung sieht, seine Stimme zu dämpfen. Er ist bis in die hinterste Ecke des Raumes zu verstehen.

Er spricht von der jungen, stürmisch gefeierten Tänzerin, von der kühnen Darstellerin in den Bergfilmen, von den Welterfolgen der Regisseurin in dem Mysterienfilm Das blaue Licht, in Tiefland, in den Filmen über die Nürnberger Reichsparteitage: Sieg des Glaubens und Triumph des Willens, und in den beiden Filmen über die Olympiade von 1936: Fest der Völker und Fest der Schönheit.

Von den Verfolgungen der Nachkriegszeit, von Verleumdungen und Unterstellungen, Enteignungen und Prozessen, von der Verschleppung der Künstlerin ins Gefängnis und in die Irrenanstalt, der schließlichen Zerstörung ihrer weiteren Karriere spricht der Redner nicht, es ist, als solle diese Feier allein der Freude und Schönheit gewidmet sein und das Dunkle keinen Eingang finden.

Ohne Übergang geht er über zu Leni Riefenstahls Leistungen als Fotografin in Afrika und als Eroberin der Unterwasserwelt in Foto und Film.

Obwohl es eine nichtkirchliche Feier ist, fordert er zum Abschluß die Versammlung auf, ein Vater Unser zu beten. Die Menge erhebt sich und betet, wobei das »Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern« gedankenschwer im Raum verhallt.

Seitlich neben dem Sarg sitzen Mitglieder des bayerischen Staatsorchesters und warten auf ihren Einsatz: Die Feier klingt aus mit dem vom Cello intonierten Lied vom Abendstern aus Tannhäuser von Richard Wagner. Es ist das Lied des Minnesängers Wolfram von Eschenbach, dessen Gedanken die der Erde entschwebende Seele seiner nie erfüllten Liebe Elisabeth begleiten:

O du, mein holder Abendstern,
wohl grüßt ich immer dich so gern:
vom Herzen, das sie nie verriet,
grüße sie, wenn sie vorbei dir zieht,…

Vom Herzen, das sie nie verriet…. , da mögen dem einen Tränen durchlebter Leiden, dem anderen aber Tränen empor drängender Scham in die Augen getreten sein. Noch lange nach Verklingen des letzten Tons bleibt es still in der weiten, mit Menschen gefüllten Halle.

Leni Riefenstahl hat eine Feuerbestattung gewünscht, der Sarg wird nicht der Erde übergeben, sondern bleibt am Ende der Feier zum Abschiednehmen an seinem Orte stehen. Die Besucher, auch die, welche die Feier durch Tonübertragung draußen miterlebt haben, strömen nun in einem nicht enden wollenden Zug an dem blumenübergossenen Sarg vorbei. Viele bleiben eine Zeit stehen, fügen den Blumen ihre mitgebrachten Rosen hinzu, manche bleiben noch eine Weile schweigend in der ersten Reihe sitzen.

Leni Riefenstahl, ein Name, der von den Lebenden seit über einem halben Jahrhundert in einen Abgrund des Aussatzes verbannt worden ist, scheint wie von allen Beschmutzungen befreit. Für den einen, den anderen beginnt das Bild neben dem Sarg zu leben, und er mag Triumph in den Augen der jungen Künstlerin spüren, Triumph eines Willens, der jenseits steht von Neid, Nachstellungen und Tod.

***

Langsam verläuft sich die Menge. Draußen neben der Treppe steht ein seltsamer Mann, ärmlich gekleidet, auf dem Kopf ein Judenkäppi, um den Hals eine offenbar selbst gemalte Tafel gehängt mit der Aufschrift: Jahrhundertgenie – Leni Riefenstahl – Danke – Schalom – Kunst verbindet.

Er ist von ein paar Verwunderten umringt, fragt den einen und andern nach seinem Geburtsdatum und stellt mit den genannten Zahlen verwirrende Berechnungen an.

»Sind Sie Jude?« fragt jemand. Der Mann verfällt zunächst ins Sächsische, dann mit Augen, von denen nur noch ein weißer Spalt zu sehen ist, in nicht verständliches Gemurmel.

Der ist einer von drüben, der Beachtung braucht, sagt einer, ein anderer: Bei den Juden gibt es halt auch Narren.

Schließlich läßt man ihn stehen, geht seiner Wege. Irgendwann verliert sich der "Jude" zwischen den Bäumen und Gräbern.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(3&4) (2003), S. 415f.


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