Auschwitz: Gasprüfer und Gasrestprobe

Von Carlo Mattogno

1. Einleitung

In meinem 1998 erschienenen Artikel »Die "Gasprüfer" von Auschwitz«[1] habe ich zwei Dokumente in ihrem historischen, technischen und bürokratischen Kontext analysiert, die von Jean-Claude Pressac - und den "offiziellen" Historikern nach ihm - als "kriminelle Indizien", wenn nicht gar als "definitiver Beweis", für die Existenz einer Menschentötungsgaskammer im Krematorium II von Birkenau gedeutet wurden. Es handelt sich dabei um ein Telegramm der Zentralbauleitung von Auschwitz an die Firma Topf vom 26. Februar 1943 mit der Bestellung von »10 Gasprüfern« sowie die am 2. März desselben Jahres erfolgte Antwort der Firma Topf, welche diese Instrumente mit imaginären »Anzeigegeräte für Blausäure-Reste« identifiziert.

In Wirklichkeit ist Pressacs Behauptung, er habe damit einen Beweis für die Realität von Menschentötungsgaskammern geliefert, völlig unbegründet, wie ich anhand zahlreicher Argumente dargelegt habe. Bei den »Gasprüfern« handelte es sich nämlich um einfache Apparate zur Analyse von Rauchgasen mittels physikalischer Methode, während die »Anzeigegeräte für Blausäure-Reste« niemals existiert haben. Der Apparat zur Durchführung der Gasrestprobe hieß in Wirklichkeit »Gasrestnachweisgerät« und funktionierte auf chemischer Grundlage.

Im eben erwähnten Artikel habe ich außerdem hervorgehoben, daß alles, was in Auschwitz mit Blausäureentwesung zusammenhing, in den Aufgabenbereich des SS-Standortarztes fiel, dem sämtliche dazu erforderlichen Ausrüstungsgegenstände zur Verfügung standen: Zyklon-B, Gasmasken, Atemeinsätze »J« für die Gasmasken, Schlageisen zur Öffnung der Zyklon-B-Büchsen sowie Gasrestnachweisgeräte für die Gasprobe.

Doch in welchem Umfang waren die zivilen Normen für den Einsatz von Blausäure zu Entwesungszwecken - insbesondere die Gasrestprobe - auch für die Konzentrationslager bindend? Der vorliegende Artikel widmet sich der Untersuchung dieser wichtigen Frage sowie anderer, damit zusammenhängender Themen bezüglich der Anwendung von Zyklon-B.

2. Die deutschen Normen über den Einsatz von Blausäure zu Entwesungszwecken unter besonderer Berücksichtigung der Gasrestprobe

Nach dem Ersten Weltkrieg war die erste deutsche Norm zur Regelung der Verwendung von Blausäure zu Entwesungszwecken die »Verordnung über die Schädlingsbekämpfung mit hochgiftigen Stoffen« vom 29. Januar 1919,[2] die jedoch sehr allgemeiner Art war und sich auf die Frage beschränkte, wer die Befugnis zum Umgang mit Blausäure besaß. Die folgende »Verordnung zur Ausführung der Verordnung über die Schädlingsbekämpfung mit hochgiftigen Stoffen« vom 22. August 1927[3] enthielt lediglich einige zusätzliche Präzisierungen zum Gesetz vom 29. Januar 1919.

Am 25. März 1931 trat die »Verordnung über die Schädlingsbekämpfung mit hochgiftigen Stoffen« in Kraft,[4] welche sich auf die beiden vorhergehenden Gesetze stützte, jedoch erstmals konkrete Vorschriften für die Durchführung einer Blausäureentwesung aufstellte.

Die Paragraphen 6 und 7 befaßten sich mit den Sicherheitsnormen:[5]

»§ 6. Jede mit der Anwendung der genannten Stoffe beschäftigte Person muß ausgerüstet sein mit:

einer gut sitzenden Gasmaske mit einem für die Entgiftung der in der Verordnung genannten Stoffe besonders geeigneten Einsatz. Die Maske muß bei allen Arbeiten mit hochgiftigen Stoffen stets in Bereitschaft sein und bei allen nicht im Freien ausgeführten Arbeiten angelegt werden. Einsätze müssen mit dem Datum ihrer Herstellung versehen sein; sind sie älter als zwei Jahre, so dürfen sie, selbst wenn sie ungebraucht sind, nicht verwendet werden,

einem Mundstück mit Atemeinsatz und Nasenklemme für Arbeiten mit hochgiftigen Stoffen im Freien.

§ 7. Ferner muß an Ort und Stelle bereitgehalten werden:

ein Sauerstoff-Atmungsgerät mit Gebrauchsanweisung zur Behandlung von Gasvergiftungen,

drei weitere dem § 6 entsprechende Gasmasken von verschiedener Kopfgröße und Einsätze in erforderlicher Anzahl,

eine Ausrüstung für lebensrettende keimfreie Einspritzungen unter die Haut (0,01 Gramm Lobelin und 0,25 Gramm Coffeinum-Natrium-Bemzoicum oder andere von der Reichsregierung zugelassene Mittel) sowie für etwaige Verletzungen notwendige Verbandmittel und eine Gebrauchsanweisung mit besonderer Anleitung für die erste Hilfe bei Gasvergiftungen,

eine vollständige Ausrüstung zum Gasrestnachweis nach einem von der zuständigen Behörde anerkannten Verfahren«.

Paragraph 11 enthielt Anweisungen für das, was nach Abschluß einer Entwesung zu tun war:5

»Nach Beendigung der Durchgasung sind die Gebäude durch Öffnen der Türen, Fenster und sonstigen etwa vorhandenen Lufteinlässe und durch Ingangsetzung vorhandener Entlüftungseinrichtungen gründlich zu lüften. Polstermöbel, Kissen, Betten, Teppiche, Decken, Vorhänge, Kleider und ähnliche Gegenstände sind unter Aufsicht des Durchgasungsleiters oder seines Beauftragten möglichst im Freien gründlich auszuklopfen und auszuschwenken. Nach Lüftung der durchgasten Räume oder Gebäude, die mindestens zwanzig Stunden dauern soll, aber auf begründeten Antrag im Einzelfalle von der zuständigen Behörde ermäßigt werden kann, sind alle zum Ausklopfen und Ausschwenken entfernten Gegenstände zurückzubringen und alsdann sämtliche Türen, Fenster und alle sonstigen Lufteinlässe für eine Stunde zu schließen. In heizbaren Räumen ist die Temperatur auf mindestens 15 Grad Celsius zu bringen. Alsdann ist von dem Durchgasungsleiters die Gasrestprobe zu machen.

Werden bei sorgfältiger Durchführung der Gasrestprobe auch zwischen den übereinandergelegten Decken, Matratzen usw. keine Spuren von Blausäuregas festgestellt, so darf das Gebäude freigegeben werden; andernfalls muß die Lüftung fortgesetzt und die Gasrestprobe wiederholt werden«.

Der »Runderlaß des Ministers für Volkswohlfahrt« vom 8. August 1931 zur »Schädlingsbekämpfung mit hochgiftigen Stoffen«[6] enthielt detaillierte Instruktionen zur Verhütung von Unfällen und warnte vor der extremen Gefährlichkeit der Blausäure:

»Giftigkeit der Blausäure: Blausäure ist einer der stärksten gasförmige Stoffe. Wenige Atemzüge in einer stark blausäurehaltigen Luft führen unbedingt zum Tode«.

Der Runderlaß enthielt auch eine genaue Beschreibung der Gasrestprobe:[7]

»c) Zum Gasrestnachweis (§ 7d) wird als brauchbarstes Verfahren die Benzidin-Kupferazetat-Reaktion nach Pertusi und Gastaldi angesehen; zu ihrer Durchführung wird folgende Ausrüstung benötigt, welche gemäß § 7 an Ort und Stelle bereitzuhalten ist:

2 helle Kapselröhrchen mit Lösung I (2,86 Gramm Kupferazetat in 1 Liter Wasser),

2braune Kapselröhrchen mit Lösung II (475 ccm bei Zimmertemperatur gesättigte Benzidinazetatlösung mit        Wasser auf 1 Liter aufgefüllt),

1 Röhrchen mit Korkstopfen zur Aufbewahrung angefeuchteter Papierstreifen,

2 helle Röhrchen mit Kupferazetatpulver für einen halben Liter Lösung I,

2 braune Röhrchen mit Benzidinazetatpulver für einen halben Liter Lösung II,

1 Farbmuster

Fließpapierstreifen.

Diese Ausrüstung ist an Ort und Stelle bereitzuhalten.

Ausführung des Nachweis:

Man füllt in das Mischgefäß gleiche Mengen der Lösungen I und II, schüttelt nach dem Aufsetzen des Korkens durch, befeuchtet durch Eintauchen in das Mischgefäß die unteren Hälften von einigen Fließpapierstreifen und hebt jeden Streifen bis zum Gebrauch in einem verkorkten Röhrchen auf. Die frischbereiteten Reagenzpapierstreifen färben sich in 7 Sekunden deutlich blau, wenn an der geprüften Stelle Blausäurevergiftungsgefahr besteht«.

Die »Verordnung zur Ausführung der Verordnung über die Schädlingsbekämpfung mit hochgiftigen Stoffen« vom 29. November 1932[8] regelte die »Einrichtung und Benutzung von festen Kammern für Durchgasungen.«

Der »Runderlaß des Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft und des Reichsministers des Innern« vom 4. November 1941 faßte sämtliche vorhergehenden Anordnungen zusammen, einschließlich jener bezüglich der Gasrestprobe. Hinsichtlich der Verwendung von Gasmasken hielt das Dokument fest:[9]

»Vor allem wird darauf hingewiesen, daß es notwendig ist, die Gasmaskeneinsätze rechtzeitig zu erneuern. Ein Gasmaskeneinsatz darf bei Arbeiten in einer bis zu 1 Volumenprozent[[10]] Blausäure enthaltenden Luft insgesamt nur eine Stunde, bei Arbeiten in einer Luft mit höheren Blausäurekonzentrationen bis zu 2 Volumenprozent[[11]] insgesamt nur eine halbe Stunde lang benutzt werden. Sie sollen nicht älter als zwei Jahre sein. Diese Benutzungsgrenzen sind selbst dann innezuhalten, wenn bis dahin eine Wirkung des an die Blausäure gebundenen Reizgases noch nicht wahrzunehmen ist«.

Die »Richtlinien für die Anwendung von Blausäure (Zyklon) zur Ungeziefervertilgung (Entwesung)«,[12] herausgegeben von der Gesundheitsanstalt des Protektorats Böhmen und Mähren in Prag, umfaßten alle wesentlichen Anweisungen für eine korrekte Entwesung mit Zyklon B. Im Hinblick auf Erste Hilfe für eventuelle Vergiftungsopfer war jeder Desinfektor gehalten, das Merkblatt »Erste Hilfe bei Blausäurevergiftungen« bei sich zu führen, und jeder Entwesungstrupp mußte über »1 Vorrichtung, um Lobelin einzuspritzen. Lobelin 0,01 g Ampullen. (Cardiozol), Veriazol Tabletten« verfügen.[13]

Galten diese Normen nun auch für die Konzentrationslager?

3. Die Normen für den Einsatz von Blausäure zur Entwesung im KL Gusen

Ein wenig bekanntes Dokument liefert eine erschöpfende Antwort auf diese Frage. Es handelt sich um eine »Dienstanweisung für die Bedienung der Blausäure-Entwesungskammer im K.L.M. Unterkunft Gusen«, die am 25. Februar 1942 vom SS-Standortarzt des KL Mauthausen, SS-Hauptsturmführer Eduard Krebsbach, erstellt wurde. Ich gebe den Text hier vollständig wieder:[14]

»SS-Standortarzt Mauthausen

Mauthausen, den 26.2.1942

DIENSTANWEISUNG

für die Bedienung der Blausäure-Entwesungskammer

im K.L.M. Unterkunft GUSEN

Die Arbeit an und in der Blausäure-Entwesungskammer ist mit großer Lebensgefahr verbunden, wenn die nachfolgenden Bedienungsvorschriften nicht auf das genaueste eingehalten werden.

Bei der Arbeit in der Blausäurekammer hat das Aufsichts- und Bedienungspersonal besondere Arbeitsanzüge zu tragen, die an Händen und Füßen zugebunden sein müssen. Nach Erledigung der Arbeiten ist der Arbeitsanzug sofort auszuziehen und im Vorraum aufzubewahren. Mitnahme des Arbeitsanzuges in die Unterkunft ist strengstens verboten.

Vor dem Beschicken der Blausäurekammer ist in jedem Falle die Gasrestprobe anzustellen.

Feuchtes Gut darf nicht in die Gaskammer gebracht werden.

Das Prüfgerät für den Restgasnachweis ist auf seine Gebrauchsfähigkeit wöchentlich einmal durch den Apotheker des K.L. Mauthausen nachprüfen zu lassen.

Bei der Beschickung der Gaskammer sind sämtliche Türen und Fenster geöffnet zu halten. Die Kleidungsstücke, Decken, u.s.w. werden ohne Pressung auf die vorgesehenen Gestelle aufgehangen.

Nachdem die Kammer beschickt ist, muß diese durch eine halbe Stunde auf eine Mindesttemperatur von 25°C erwärmt werden. Sodann werden die Fenster und Türen geschlossen und mit Papierstreifen gasdicht verklebt. Ehe die Fenster geschlossen werden, ist die Gasabzugöffnung zu schließen. Alsdann wird eine Cyklon-B-Büchse im Freien geöffnet und der Inhalt an der vorgesehenen Stelle von außen in die Kammer geschüttet. Der Schieber wird geschlossen und mit Papierstreifen gasdicht verklebt. Diese Arbeit darf nur mit aufgesetzter Gasmaske (Spezialfilter) vorgenommen werden.

Nachdem die Kammer völlig gasdicht geschlossen ist, wird der in der Kammer befindliche Ventilator eingeschaltet.

Die Einwirkungszeit der Blausäure auf die zu entwesenden Gegenstände hat 2 Stunden zu betragen.

An jeder Seite der Kammer und im Vorraum ist bei gasgefüllter Kammer ein großes Schild anzubringen mit der Inschrift: "Achtung! Lebensgefahr! Kammer vergast!".

Nach beendeter Einwirkungszeit ist zunächst die Gasabzugöffnung von außen, bei eingeschaltetem Kammerventilator, zu öffnen. Auch diese Arbeiten dürfen nur mit aufgesetzter Gasmaske (Spezialfilter) ausgeführt werden.

Die Entlüftungszeit hat mindestens 1 1/2 bis 2 Stunden zu betragen.

Frühestens nach 1 1/2 Stunden muß, von außen, an einem Fenster die Gasrestprobe vorgenommen werden. Ist die Gasrestprobe noch positiv, ist die Entlüftungszeit noch zu verlängern. Die Vornahme der Gasrestprobe ist in jedem Falle mit aufgesetzter Gasmaske vorzunehmen.

Frühestens nach 2 Stunden kann, je nach dem Ausfall der Gasrestprobe, die Kammer ausgeräumt werden. Das Ausräumen der Kammer hat in jedem Falle, auch bei negativer Gasrestprobe, mit aufgesetzter Gasmaske zu erfolgen.

Entweste Kleidungsstücke, Decken u.s.w. dürfen erst wieder in Benützung genommen, bezw. zur Wäscherei gegeben werden, wenn sie wenigstens 6 Stunden gründlich gelüftet oder aber ausgeklopft worden sind.

Es ist auf das strengste verboten, die Gaskammer allein zu betreten. Jeder der die Gaskammer betritt, muß wenigstens durch einen zweiten Mann unter Beobachtung gehalten werden, damit dieser bei einem vorkommenden Unglücksfall helfend eingreifen kann.[[15]] Auch diese 2. Person hat selbstverständlich die Gasmaske aufzusetzen.

Es ist stets griffbereit ein Kasten zur ersten Hilfe vorrätig zu halten. Dieser Kasten dient ausschließlich zur ersten Hilfe bei Unfällen in der Blausäurekammer. Er enthält außer den erforderlichen Mitteln eine genaue Gebrauchsanweisung. Mit dem Inhalt der Gebrauchsanweisung hat sich jedermann, der an der Blausäurekammer beschäftigt ist, eingehend vertraut zu machen.

Der Lagerarzt hat sich wöchentlich wenigstens zweimal von dem ordnungsgemäßen Betrieb der Blausäurekammer zu überzeugen und dabei sich über das Alter des Spezialfilters der Maske, über die Art der Bedienung und über den Zustand des Kasten für 1. Hilfe ein Bild zu machen.

Betriebsstörungen, Unregelmäßigkeiten und sonstige Vorkommnisse, auch geringer Art, sind unverzüglich dem SS-Standortarzt Mauthausen zu melden.

Der Lagerarzt meldet zum 5. jeden Monats:

Zahl und Art der vorgenommenen Entwesungen in der Kammer.

Menge der verbrauchten Blausäure.

Zustand des Kastens für 1. Hilfe und der Gasmasken.

Welcher SS-Angehörige die einzelnen Vergasungen verantwortlich geleitet hat.

Besondere Vorkommnisse.

Der Lagerarzt hat sich wenigstens alle 14 Tage einmal von dem gutsitzenden Zustand der Gasmasken aller Beteiligten persönlich zu unterrichten. Er hat ferner alle 14 Tage die Bedienungsmannschaften darüber zu belehren, daß die Gebrauchsdauer der Filtereinsätze mehrere Stunden beträgt, wenn der Gasrest nach der Entlüftung nur noch geringe Mengen Blausäure enthält. Ohne ausreichende Entlüftung beträgt die Gebrauchsdauer des Filtereinsatzes (bei gefüllter Gaskammer) nur 10 Minuten.

Der SS-Standortarzt Mauthausen

Krebsbach

SS-Hauptsturmführer«.

4. Gasrestnachweisgerät, Gasrestprobe und die angeblichen Gaskammern zur Menschentötung

Die »Dienstanweisung für die Bedienung der Blausäure-Entwesungskammer im K.L.M. Unterkunft Gusen« entsprach voll und ganz den zivilen Normen. Sie ging ohne jeden Zweifel auf eine Anweisung der Amtsgruppe DIII (Sanitätswesen und Lagerhygiene) des SS-WVHA zurück und galt folglich auch für das KL Auschwitz. Dessen in der Entlausungsbaracke 1 und 2 (den Bauwerken 5a und 5b) von Birkenau befindliche Gaskammer war das Gegenstück zur Entwesungskammer von Gusen. Es traf sich, daß der Verfasser der eben zitierten Dienstanweisung, SS-Hauptsturmführer Eduard Krebsbach, im Februar/März 1943 in Auschwitz die Funktion des Stellvertreters des SS-Standortarztes, SS-Hauptsturmführer Eduard Wirths, bekleidete.[16]

Laut manchen Vertretern der offiziellen Geschichtsschreibung soll es im KL Mauthausen seit Herbst 1941 eine Menschentötungsgaskammer gegeben haben, welche mit Blausäure betrieben worden sein soll.[17] In Wirklichkeit handelte es sich dabei um eine Entwesungskammer mit Kreislauf-Anlage.[18] Deshalb hinkt der Vergleich zwischen den Konzentrationslagern Mauthausen und Auschwitz durchaus nicht, um so mehr, als die Bauleitung von Mauthausen in steter Verbindung mit der Firma Topf stand.[19] Genau so wie die Vorstellung unsinnig ist, die SS-Bauleitung von Mauthausen habe sich zur Bestellung von 10 Gasrestnachweisgeräten für die angebliche Menschentötungsgaskammer direkt an die Firma Topf gewandt und dabei den SS-Standortarzt Krebsbach übergangen, der seiner Funktion nach mit der Aufbewahrung dieser Geräte sowie angeblich auch der Überwachung der "Menschenvergasungen" beauftragt war, ist auch der Gedanke ganz abwegig, die Zentralbauleitung von Auschwitz habe ein entsprechendes Gesuch unter Übergehung des SS-Standortarztes Wirths direkt der Firma Topf übermittelt.

Doch stellt sich hier zugleich eine andere, noch wichtigere Frage. Die Gasrestprobe war laut den Dokumenten für die Entwesungskammern vorgeschrieben und müßte es logischerweise auch für die Menschentötungsgaskammern gewesen sein, wenn man annimmt, daß es solche gab.

Dokument 2
(zum Vergrößern anklicken)

Die Gefahr der Vergiftung hätte nämlich nicht nur den Angehörigen des sogenannten "Sonderkommandos" gedroht, sondern auch den sich in den Krematorien aufhaltenden SS-Männern.

Übrigens arbeiteten auch in den Entwesungskammern Häftlinge, die in sogenannten Arbeitskommandos organisiert waren. Wenn deren Sicherheit durch die zuvor zitierte Dienstanweisung gewährleistet wurde, dann galt dies auch für jene des sogenannten "Sonderkommandos".

Unter diesen Umständen hätte man nach jeder der angeblichen Menschenvergasungen eine Gasrestprobe durchführen müssen. Diese Prozedur wäre für die Bedienung der angeblichen Gaskammern in den sogenannten "Bunkern" sowie den Krematorien IV und V geradezu lebenswichtig gewesen, da diese keine mechanische Ventilation aufwiesen. Doch hat keiner der selbsternannten "Augenzeugen" des "Sonderkommandos" die Gasrestprobe je erwähnt. Daß laut einigen dieser "Zeugen" die mit dem Herausschleppen der "Vergasten" aus den "Gaskammern" beauftragten Häftlinge Gasmasken getragen haben sollen, machte die Gasrestprobe durchaus nicht überflüssig, denn laut der »Dienstanweisung für die Bedienung der Blausäure-Entwesungskammer im K.L.M. Unterkunft Gusen« durfte die Entwesungskammer »auch bei negativer Gasrestprobe« lediglich »mit aufgesetzter Gasmaske« erfolgen.

Die selbsternannten "Augenzeugen" zeichnen sich aber auch durch ihre Unkenntnis zweier weiterer essentieller Fakten hinsichtlich der Verwendung von Zyklon-B aus. Der erste Punkt betrifft die inerten Zyklon-B-Kügelchen,[20] die als "verbrauchtes Zyklon" an die Dessauer Werke für Zucker und Chemische Industrie A. G. zurückgesandt wurden, wo man sie wiederverwertete.[21] Hierzu hielten die oben erwähnten »Richtlinien für die Anwendung von Blausäure (Zyklon) zur Ungeziefervertilgung (Entwesung)« folgendes fest:[22]

»Entfernung der Zyklonrückstände aus den durchgasten Räumen. Sie sind im allgemeinen wie Dosen und Kisten an die Fabrik zurückzusenden«.

Der zweite Punkt bezieht sich auf die Dauer der Verdampfung der Blausäure aus der inerten Trägersubstanz. Im August 1944 führten die Sowjets in Lager Majdanek ein Experiment mit zwei Zyklon-B-Büchsen von 1.500 g Inhalt durch. Sie öffneten die Büchsen bei einer Außentemperatur von 23 bis 28°C und wogen sie nach zwei Stunden: Die eine wog nun 2.330 Gramm, die andere 2.310 Gramm.[23] Da sich das Gewicht einer vollen Büchse auf 3.750 g belief, wovon 1.500 g auf die Blausäure, 1.650 g auf die inerte Trägersubstanz sowie 600 auf die leere Büchse entfielen, befanden sich in den beiden Büchsen nach zwei Stunden noch 80 bzw. 60 Gramm Blausäure, was heißt, daß binnen dieses Zeitraums 95 bzw. 86% der Blausäure verdampft sein müssen. Dies entspricht recht genau der Tabelle zur Verdampfungsgeschwindigkeit von Blausäure vom Trägermaterial Erco, die R. Irmscher anno 1942 veröffentlicht hat.[24]

Doch laut den "Augenzeugen" erfolgte die Öffnung der Türen der "Gaskammern" sowie das Herausziehen der Leichen schon wenige Minuten, nachdem die Türen geschlossen worden waren. Beispielsweise machten selbsternannte Angehörige des "Sonderkommandos" hierzu folgende Angaben:

Laut Filip Müller verstrichen zwischen dem Schließen der Türen und dem Herausziehen der Leichen zwei Minuten,[25] laut Charles Sigismund Bendel sieben Minuten,[26] laut Henryk Mandelbaum sieben bis acht Minuten,[27] laut Dov Paisikovic 15 Minuten,[28] laut Miklos Nyiszli 20 Minuten.[29]

Die zitierte Dienstanweisung schrieb hingegen die Durchführung der Gasrestprobe nach nicht weniger als anderthalb Stunden künstlicher Lüftung vor!

Was ich hier hervorheben möchte, ist nicht so sehr die offenkundige Unsinnigkeit einer Prozedur, bei welcher die angeblichen Menschentötungsgaskammern zu einem Zeitpunkt geöffnet worden wären, als die Blausäure eben zu verdunsten begann, als die Tatsache, daß keiner der selbsternannten Augenzeugen je einen Kommentar zu dieser Prozedur abgegeben hat, welche Häftlinge und SS-Männer zugleich in unmittelbare Lebensgefahr gebracht hätte.

Kein einziger der "Augenzeugen" hat ferner auf die Verwendung von »besonderen Arbeitsanzügen« hingewiesen, obgleich diese unabdingbar gewesen wären: Wie die Erfahrung gezeigt hat, kann die Blausäure auch durch die Haut aufgenommen werden; die ersten Symptome einer solchen Vergiftung treten »trotz guten Atemschutzes nach einem Aufenthalt von 2-5 Minuten in einer 1 Vol.-% Blausäure enthaltenden Atmosphäre« auf.[30] Die zuvor erwähnten »Richtlinien für die Anwendung von Blausäure (Zyklon) zur Ungeziefervertilgung (Entwesung)« zählten unter den Vergiftungsmöglichkeiten in der Tat auch »Vergiftungen durch die Haut« auf.[31]

Des weiteren weist kein einziger "Augenzeuge" auf den enormen Verbrauch an Gasrestproben und Spezialfiltern hin, welche angesichts einer jahrelangen, massenhaften Vergasung von Menschen erforderlich gewesen wäre. Beispielsweise ist dokumentiert, daß die lokale Verwaltung des KL Majdanek am 3. Juni 1943 bei der Firma Tesch und Stabenow »200 Stück Atemeinsätze "J"« für Zyklon-B bestellt hat, die für die Entwesungsanlagen des Lagers gedacht waren,[32] und in Majdanek wurde unbestrittenermaßen sehr viel weniger Zyklon verbraucht als in Auschwitz!

Schließlich hat kein Augenzeuge jemals den Erste-Hilfe-Kasten oder die »Ausrüstung für lebensrettende keimfreie Einspritzungen unter die Haut« zur Sprache gebracht, von der in der Verordnung vom 25. März 1931 die Rede war, oder die in diesem Kasten enthaltenen Mittel, also Lobelin und Coffeinum-Natrium-Bemzoicum sowie Natriumnitrit und Natriumthiosulfat.[33] Besonders aufschlußreich ist in diesem Zusammenhang die Zeugenaussage des Dr. Miklos Nyiszli, der dem "Sonderkommando" von Birkenau angehört haben will und dementsprechend permanent über diese Mittel verfügt haben müßte, jedoch kein Wort darüber verliert. Als er die Märchengeschichte von dem Mädchen auftischte, das nach einer Vergasung auf wundersame Weise gerettet wurde, fiel ihm, der er doch bei seinen Schilderungen sonst nicht mit Details geizte, nichts Besseres ein als der lapidare Hinweis auf eine Therapie mit »drei Spritzen«.[34] Was in aller Welt wurde da eingespritzt? Da er glaubte, bei Zyklon-B handle es sich um »Chlor in Granulatform«,[35] kann man sich leicht ausmalen, welche "Hilfe" er SS-Männern oder Häftlingen im Falle einer Blausäurevergiftung hätte angedeihen lassen: er hätte sie mit seinen Therapien glatt vergiftet, und das »wundersam gerettete« Mädchen aus seiner Geschichte wäre das erste Opfer gewesen!

Das einhellige Schweigen sämtlicher "Augenzeugen" zu all diesen - zentralen und miteinander verknüpften - Aspekten

der Verwendung von Zyklon-B läßt nur eine Erklärungsmöglichkeit offen: Keiner dieser "Zeugen" hat je einer Menschenvergasung beigewohnt!


Anmerkungen

Aus dem Italienischen übertragen von Jürgen Graf.

[1]VffG, 2(1) (1998), S. 13-22.
[2]Reichsgesetzblatt, Jahrgang 1919, Nr. 31, S. 165f.
[3]Reichsgesetzblatt, 1927, Teil I, Nr. 41, S. 297.
[4]Reichsgesetzblatt, 1931, Teil I, Nr. 12, S. 83f.
[5]Ebenda, S. 84.
[6]VMBl., 1931, Spalte 792-796.
[7]Ebenda, Spalte 794.
[8]Reichsgesetzblatt, 1932, Teil I, Nr. 78, S. 539f.
[9]F. Puntigam, H. Breymesser, E. Bernfus, Blausäuregaskammern zur Fleckfieberabwehr. Berlin 1943, S. 108.
[10]1 Vol.% = 12 Gramm pro Kubikmeter.
[11]2 Vol.% = 24 Gramm pro Kubikmeter.
[12]NI-9912.
[13]Ebenda, S. 2.
[14]Öffentliches Denkmal und Museum Mauthausen. Archiv, M 9a/1; siehe Dokument 1.
[15]Dies ist der Grund dafür, daß die Türen der Entwesungskammern (außer jenen der mit Degesch-Kreislaufsystem funktionierenden Standardkammern) mit einem Guckloch ausgestattet waren.
[16]Siehe Anmerkung 1, S. 17.
[17]Eugen Kogon, Hermann Langbein, Adalbert Rückerl u. a. (Hg), Nationalsozialistische Massentötungen durch Giftgas. Eine Dokumentation, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 1983, S. 245.
[18]Siehe hierzu meinen Artikel »KL Sachsenhausen. Stärkemeldungen und "Vernichtungsaktionen" 1940-1945«, in: VffG, 7(2) (2003), S. 173-185.
[19]Der betreffende Schriftwechsel befindet sich im Bundesarchiv Koblenz, NS4, Ma/54.
[20]Kieselgur in Granulatform (kommerzielle Bezeichnung: Diagrieß), Gips ("Erco") oder Pappscheiben ("Discoids").
[21]Wehrmacht-Frachtbrief der Verwaltung des KGL-Lublin vom 2 Februar 1943 zum Thema Zustellung von 1.163 kg »verbrauchtes Zyklon« an die Dessauer Werke. APMM (Archiv des staatlichen Majdanek-Museums), sygn. I. d.2, S. 77. Siehe Dokument 2.
[22]NI-9912, S. 4.
[23]J. Graf und C. Mattogno, KL Majdanek. Eine historische und technische Studie. Castle Hill Publishers, Hastings 1998, S. 127f.
[24]W. Lambrecht, »Zyklon-B - eine Ergänzung«, in: VffG, 1(1) (1997), S. 1-5. Tabelle auf S. 3.
[25]F. Müller, Sonderbehandlung. Drei Jahre in den Krematorien und Gaskammern von Auschwitz. Verlag Steinhausen, München 1979, S. 215.
[26]»Les crématoires. "Le Sonderkommando"«, in: Témoignages sur Auschwitz, Paris 1946, S. 163.
[27]Höß-Prozeß, Band 26, S. 152.
[28]Un survivant du Sonderkommando, in: Auschwitz, présenté par Léon Poliakov. Julliard, Paris 1964, S. 161.
[29]M. Nyiszli, Im Jenseits der Menschlichkeit. Ein Gerichtsmediziner in Auschwitz. Dietz Verlag, Berlin 1992, S. 36.
[30]H. Betke, »Blausäurevergiftung infolge Aufnahme durch die Haut«, in: Zentralblatt für Gewerbehygiene und Unfallverhütung, Oktober 1931, Heft 10, S. 249.
[31]NI-9912, S. 2.
[32]J. Graf und C. Mattogno, KL Majdanek. Eine historische und technische Studie, aaO. (Anm. 23), S. 199f.
[33]F. Puntigam, H. Breymesser, E. Bernfus, aaO. (Anm. 9), S. 84f.
[34]M. Nyiszli, aaO. (Anm. 29), S. 79.
[35]Nyiszli, Boncolóorvosa voltam az auschwitz-i krematóriumban. Copyright by Dr. Nyiszli Miklos. Oradea, Nagyvárad, 1946, S. 35. Die - in der vorherigen Anmerkung zitierte - deutsche Übersetzung des Buchs verschweigt diese Definition schlicht und einfach (Anm. 29, S. 36).

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(3&4) (2003), S. 380-385.


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