Simon Wiesenthals Kriegsjahre:
Neues Licht in eine düstere Vergangenheit

Von Theodore O'Keefe

Aus den U.S. National Archives wurde uns die Kopie eines aus dem Jahre 1945 stammenden Dokuments zugänglich, das neue Beweise für die Zusammenarbeit des berühmt-berüchtigten "Nazijägers" Simon Wiesenthal mit der Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs erbringt.[1] Der Verfasser des Dokuments, ein den amerikanischen Militärbehörden im ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen in Oberösterreich übergebenen Lebenslauf, ist Simon Wiesenthal selbst. In dieser kurzen Autobiographie behauptet er, dem sowjetischen Besatzungsregime in der ostgalizischen Stadt Lemberg (ukrainisch: Lwiw; polnisch: Lwów) als Ingenieur gedient zu haben und vom kommunistischen Regime für seine Dienste reich belohnt worden zu sein. Diese 1945 entstandene Darstellung Wiesenthals untermauert eine gegenüber den US-Behörden im Jahre 1948 abgegebene veröffentlichte eidesstattliche Erklärung, wonach er während der sowjetischen Besetzung 1939-1941 in Lemberg als »sowjetischer Chefingenieur« tätig war.[2]

Somit hat Wiesenthal kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zweimal dem widersprochen, was später die Standardgeschichte seiner Zeit im sowjetisch beherrschten Lemberg werden sollte: Laut dieser wurde er nämlich gezwungen, als schlecht entlohnter Fabrikmechaniker zu arbeiten und entkam der Deportation ins Innere der UdSSR nur um Haaresbreite. Der Lebenslauf sowie diesem von Wiesenthal anno 1945 beigelegte Dokumente enthalten zusätzliche Aussagen, die im Widerspruch zu Wiesenthals offizieller Darstellung seiner Kriegsjahre stehen. Von Belang sind diese Urkunden auch, weil sie erste Belege für Wiesenthals Karriere als Denunziant und Verfolger angeblicher deutscher Kriegsverbrecher liefern.

Lemberg: Die fehlenden Jahre

Am 25. Mai 1945, rund drei Wochen nach der Einnahme des Lagers durch US-Truppen, überreichte der kurz zuvor befreite Simon Wiesenthal dem »US Camp Commander, Mauthausen« seinen Lebenslauf und eine Liste mit den Namen von 91 Männern und Frauen, die ihm zufolge Kriegsverbrechen begangen hatten. In einem Begleitbrief schrieb Wiesenthal mit jener Zurückhaltung, die später zu seinem Markenzeichen werden sollte:

»Viele von diesen haben mir selbst und meinen Mitgefangenen unermeßliches Leid zugefügt. [...] Viele von diesen habe ich selber in ihrer Zahl und Methode phantastische Morde begehen sehen.«

Auf die Liste der "Kriegsverbrecher" selbst sowie Wiesenthals Bemühungen, diese zu identifizieren, zu charakterisieren und anzuklagen, gehen wir im folgenden ein. Da es sich bei dem Mann, der diese Dokumente vor nun über 58 Jahren unterzeichnete, um Ing. Szymon Wiesenthal handelt, der den Gegenstand des vorliegenden Artikels bildet, sind seine Angaben zu seiner Person hier jedoch von größerem Interesse als seine Jagdbeute.

Wiesenthal beginnt seinen "Lebenslauf", der seiner Form nach eher einer kurzen Autobiographie ähnelt und seine weiteren Eingaben begleitete, mit einem kurzen und scheinbar belanglosen Abschnitt über seine Herkunft und Ausbildung. Der nächste Absatz lautet:

»Nach Kriegsausbruch blieb ich in Lemberg, und nach dem Einzug der Roten Armee setzte ich meine Arbeit als Bauingenieur und Konstrukteur von Kühlungseinrichtungen sowie anderen Installationen und Privatwohnungen fort. Während dieser Zeit erfand ich ein künstliches Isoliermaterial, für das mich die sowjetische Regierung mit einer Prämie von 25.000 Rubeln auszeichnete.«

Diese beiden Sätze liefern konkretere Einzelheiten über Simon Wiesenthals Arbeit, Status und Verhältnis zu den Sowjetbehörden während der 21 Monate dauernden sowjetischen Besetzung Lembergs als alle anderen bisher erschienenen Aussagen oder Berichte Wiesenthals. Wie oben vermerkt, verleiht das, was er 1948 bei einer Befragung durch die US-Armee zu Protokoll gab, seiner Erklärung von 1945 Glaubwürdigkeit und vermittelt weitere Details hinsichtlich seiner Aktivitäten von September 1939 bis Mitte 1941:

»Bis 1939 als professioneller Bauingenieur tätig, zwischen 1939 und 1941 sowjetischer Chefingenieur, in Lemberg und Odessa angestellt. Zehn Tage vor dem Ausbruch des Kriegs zwischen Deutschland und Rußland kehrte ich nach Lemberg zurück, wo ich den deutschen Einmarsch miterlebte.«

Wiesenthals ausdrückliche Behauptung, ein sowjetischer Chefingenieur gewesen zu sein, ist vielsagend. Wenn er, wie er angab, in Odessa (Sowjetukraine), rund 300 Meilen von Lemberg entfernt, gearbeitet hat, muß er sich einer Bewegungsfreiheit erfreut haben, wie sie nur wenige Bewohner der besetzten Gebiete in Ostpolen vor dem Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges genossen. Für die meisten Polen war der einzige Bestimmungsort in der UdSSR während der ersten Sowjetokkupation der Gulag.

Wiesenthals 1967 erschienene Memoiren The Murderers among Us (Die Mörder unter uns) stehen in schroffem Gegensatz zu seinen 1945 und 1948 aufgestellten Behauptungen.[3] In diesem Buch berichtet er über seine Anstellung im kommunistisch regierten Lemberg folgendes:[4]

»Ende September war die Rote Armee in Lemberg, und wiederum wurde Wiesenthal "befreit". [...] Die Wiesenthals schafften es, in Lemberg zu bleiben, doch Wiesenthals Zeit als unabhängiger Architekt war vorbei. Er war froh, eine schlechtbezahlte Stelle als Mechaniker in einer Fabrik zu finden, die Bettfedern herstellte.«

Simon Wiesenthal

Wenn das, was Wiesenthal in seinen Erklärungen von 1945 und 1948 hinsichtlich seiner Anstellung, seines Status und seiner wirtschaftlichen Lage unter den Sowjets von sich gegeben hat, der Wahrheit entspricht,[5] drängen sich weitere Fragen zu seinen Aktivitäten und Verbindungen in Lemberg von 1939 bis 1941 auf. War er KP-Mitglied? Erwarb er die sowjetische Staatsbürgerschaft? Beteiligte er sich an der Verfolgung der polnischen und ukrainischen christlichen Bevölkerungsmehrheit? Und weshalb wurde Wiesenthal - der anscheinend das Vertrauen der Sowjets besaß, tüchtig war und über hochgeschätzte Fertigkeiten verfügte - nicht mit der Roten Armee evakuiert wie so viele andere, als diese Lemberg Mitte 1941 räumte?

Von Kirchenglocken gerettet?

Eine der berühmtesten Episoden aus der Heiligengeschichte Wiesenthals besteht in seiner Verhaftung und in der angeblich in letzter Minute erfolgten Rettung vor der Exekution durch ukrainische Hilfspolizei einige Tage nach Eintreffen der Wehrmacht. In The Murderers among Us wird berichtet, Wiesenthal sei am Sonntagnachmittag, den 6. Juli 1941, von einem ukrainischen Polizisten festgenommen und ins Brigidki-Gefängnis von Lemberg eingeliefert worden.[6] Laut Wiesenthal hatten die Ukrainer rund 40 Juden in den Gefängnishof gebracht, stellten sie dort in Reih und Glied auf und begannen, sie einen nach dem anderen zu erschießen. Er berichtet, die Henker hätten sich zwischen den Morden die Bäuche mit Wurst vollgeschlagen und sich Wodka hinter die Binde gekippt. In den - streckenweise in der dritten Person geschriebenen - Memoiren heißt es:

»Die Schüsse sowie die Schreie der sterbenden Männer drangen immer näher zu Wiesenthal. Er erinnert sich, daß er dastand und die graue Wand anstarrte, ohne sie wirklich zu sehen. Plötzlich hörte er den Klang von Kirchenglocken, und eine ukrainische Stimme rief: "Genug! Abendmesse!"«

In jener Nacht, so fährt die Schilderung fort, wurde Wiesenthal dank der zufälligen Begegnung mit einem in der ukrainischen Hilfspolizei dienenden polnischen Bekannten in seiner Zelle gerettet. Der Polizist heckte einen kühnen Plan aus: Er würde seinen Kollegen erzählen, Wiesenthal sei ein Sowjetspion, und er müsse ihn einem ukrainischen Kommissar anderswo in der Stadt vorführen. Zwar, so behauptet Wiesenthal, sei er brutal verprügelt worden, doch sei es dem ihm freundlich gesinnten Polizisten geglückt, ihn und einen anderen "Spion" (einen Freund Wiesenthals) aus dem Gefängnis zu führen, und beide Männer waren am nächsten Morgen wieder daheim, »nachdem sie mehrmals um ein Haar der Verhaftung entronnen waren.«

Das wenige, was Wiesenthal in seinem Lebenslauf von 1945 über die Zeit nach dem deutschen Einmarsch berichtet, widerspricht der Geschichte in seinen Memoiren klar. Er schreibt:

»Als diese Stadt nach Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges von den deutschen Truppen eingenommen worden war, wurde ich am 13. Juli 1941 sofort als Vertreter der jüdischen Intelligenz verhaftet. Da ich wirtschaftlich unabhängig war, gelang es mir, durch Bestechung aus dem Kerker freizukommen.«

In dieser weniger als vier Jahre nach den behaupteten Geschehnissen entstandenen Version wird Wiesenthal eine Woche später verhaftet als in seinen Memoiren. Seine Rettung aus dem Kerker erfolgt hier durch Bestechungsgeld und nicht durch eine zufällige Begegnung mit einem selbstlosen und kaltblütigen polnischen Freund. Obgleich Wiesenthal in diesem Dokument sowie in seiner Befragung von 1948 geltend macht, er habe unzählige Grausamkeiten durchlebt oder gesehen, spricht er von keiner Massenerschießung durch schlemmende und zechende ukrainische Hilfspolizisten.

Wiesenthals Zeugenaussage von 1948 liefert ein weiteres Indiz gegen die Geschichte von seiner wundersamen Errettung vor der Ermordung durch Ukrainer im Juli 1941. Er hatte damals folgendes ausgesagt:

»Am 8. Juli 1941 wurde ich von zwei Soldaten und einem ukrainischen Hilfspolizisten aus meinem Wohnsitz verschleppt. Eine Gruppe von 60 Juden, die wie ich aus ihren Wohnungen gezerrt worden waren, wartete auf der Straße; wir gingen langsam die Straße hinunter, da beständig neue Juden aus ihren Häusern gebracht wurden. Als wir etwa 100 bis 120 Mann zählten, schaffte man uns zu den deutschen Eisenbahnwerken, wo die Armeeingenieure auf uns warteten. Wir mußten Spießruten laufen, und fast jeder von uns bekam einen Fußtritt oder einen Peitschenhieb ab.« (Rückübersetzung aus dem Englischen.)

Wiesenthal fährt fort, er habe anschließend als Zwangsarbeiter in den Eisenbahnwerken Dienst getan, wobei er nachts jeweils heimkehren durfte, und dies wenigstens zwei Wochen lang.

Jüdische Propagandisten erzählen begreiflicherweise gerne skurrile und oft frei erfundene Geschichten von Greueltaten, die im Verlauf der Jahrhunderte gegen Juden begangen worden sein sollen. Im Licht der von Wiesenthal 1945 und 1948 gemachten Aussagen, die nicht nur kein Wort über seine dramatische Rettung während eines von Ukrainern verübten Blutbads verlieren, sondern sogar in direktem Gegensatz zu dieser Version stehen, kann man nur folgern, daß diese Episode in seinen Memoiren eine bewußte Verleumdung der Ukrainer darstellt sowie wohl auch ihrer Kirche.

Lebenslauf

von

Ing. WIESENTHAL, Szymon

Ich bin am 31. Dezember 1908 in Buczacz, Polen, geboren. Meine Ausbildung umfaßte öffentliche und Hochschulen in jener Stadt, das Institut für Technologie in Prag, wo ich den Grad eines Bauingenieurs erwarb (1932), ein Staatsdiplom in Bauingenieurswesen in Polen (1939) mit gleichzeitigem Grad eines Freien Künstlers an der Polnischen Kunstakademie in Lemberg (1937).

Nach Kriegsausbruch blieb ich in Lemberg, und nach dem Einzug der Roten Armee setzte ich meine Arbeit als Bauingenieur und Konstrukteur von Kühlungseinrichtungen sowie anderen Installationen und Privatwohnungen fort. Während dieser Zeit erfand ich ein künstliches Isolierungsmaterial, für das mich die sowjetische Regierung mit einer Prämie von 25.000 Rubeln auszeichnete.

Als diese Stadt nach Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges von den deutschen Truppen eingenommen worden war, wurde ich am 13. Juli 1941 sofort als Vertreter der jüdischen Intelligenz verhaftet. Da ich wirtschaftlich unabhängig war, gelang es mir durch Bestechung, aus dem Kerker freizukommen. Aufgrund der antijüdischen Einschränkungen konnte ich meinen Beruf als Architekt nicht weiter ausüben und arbeitete eine Zeitlang als Maler in den Eisenbahnwerken von Lemberg. Am 20. Oktober 1941 wurde ich wiederum festgenommen; der Grund dafür war, daß ich meinen Ingenieursgrad nicht angegeben hatte, den ich in der Tat nicht hatte enthüllen wollen, da ich nicht bereit war, für die Deutschen zu arbeiten. Nach vier Wochen wurde ich als Konstruktionszeichner in dasselbe Eisenbahnwerk zurückgeschickt, wo ich fast zwei Jahre lang als einer von 1500 Juden verbleiben mußte, die man wie mich selbst zur Arbeit zwang. Während dieser Zeit geriet mein Leben mehrmals in höchste Gefahr, und ich verlor beide Eltern, die von den Nazis umgebracht wurden. Zur gleichen Zeit erlebte ich auch die Massenvernichtung von Juden in jener Stadt, auch wenn es meiner Gattin glückte, nach Warschau zu entkommen. Von ihr habe ich seither nicht mehr gehört, und ich kann nur vermuten, daß sie während des Aufstandes in jener Stadt im August 1944, bei dem 200.000 Juden ihr Leben verloren, umgekommen ist. Nur weil ich in der Eisenbahnwerkstatt arbeitete, gelang es mir, mit dem Leben davonzukommen.

Als mir klar wurde, daß die Nazis ihre Politik der vollkommenen Vernichtung der Juden begannen, flüchtete ich am 18. Oktober 1943 aus dem Lemberger Zwangsarbeitslager, wo ich während meiner zweijährigen Arbeit in den Eisenbahnwerken gefangen gehalten worden war (als Häftling wurde ich mit den anderen täglich unter Bewachung ins Werk geleitet), und tauchte unter, bis ich mich am 21. November 1943 jüdischen Partisanen anschloß, die dort tätig waren. Während ich in den Reihen der Partisanen gegen die Nazis focht, gelang es uns, eine erhebliche Menge von Beweisen und anderem Material zu sammeln und zwecks Sicherstellung zu vergraben, welches die von den Nazis verübten Untaten belegte. Als die Partisanen von den Deutschen zerstreut wurden, floh ich am 10. Februar 1944 nach Lemberg und versteckte mich wiederum. Am 13. Juni 1944 wurde ich bei einer Hausdurchsuchung erwischt und kam sofort in das bekannte Lager Lacki nahe der Stadt. Da es für gefangengenommene Partisanen keinen Ausweg gab, versuchte ich durch Aufschneiden meiner Pulsadern Selbstmord zu begehen, wurde jedoch gerettet.

Mit dem Beginn der russischen Offensive schickte man mich von einem Konzentrationslager ins andere; dies war das Ergebnis des stetigen deutschen Rückzugs. Zu diesen Lagern gehörten Premysl, Dobromil, Chyrow, Sanok, Dukla, Grybow, Neu-Sandez, Krakow-Plashow, Großrosen und Buchenwald. Nach Mauthausen kam ich am 15. Februar 1945.

Ing. Wiesenthal Szymon
Ing. Szymon WIESENTHAL"

Simon Wiesenthal unterbreitete diesen kurzen Lebensbericht, der den Schwerpunkt auf seine Erfahrungen während der Kriegsjahre legte, am 25. Mai 1945 den US-Armeebehörden in Mauthausen, drei Wochen nachdem US-Truppen das KL übernommen hatten.[7]

Ein Leben voller Wunder?

Obwohl seine Erklärungen von 1945 und 1948 darauf hinweisen, daß Wiesenthal mit den Sowjets zusammengearbeitet hat, ist ihm häufiger vorgeworfen worden, mit den Deutschen kollaboriert zu haben.[8] Schriftliche Beweise dafür sind zwar nicht vorhanden, doch ergeben sich interessante Fragen aus seinen verschiedenen Erzählungen über gewisse Kriegserlebnisse, beispielsweise den eigentümlichen und widersprüchlichen Darstellungen seines Schicksals nach seiner abermaligen Verhaftung durch die Deutschen im Jahre 1944.

Wiesenthal hat stets behauptet, 1943 in Lemberg aus deutscher Gefangenschaft geflohen zu sein.[9] Doch was er über die mehreren in Freiheit verbrachten Monate berichtet hat, ist höchst widerspruchsvoll. In seinen Memoiren heißt es lediglich, er habe sich vor den Deutschen versteckt. In seinem Lebenslauf von 1945 gab er an, sich "jüdischen Partisanen" angeschlossen und in deren Reihen gekämpft zu haben. Bei seiner Befragung von 1948 gab er zu Protokoll, bei den Partisanen Major gewesen zu sein, der sich auf den Bau von Bunkern und Befestigungen spezialisiert habe, und deutete an, seine Gruppe sei von den Sowjets unterstützt worden. Im Juni 1944 sei er wieder in Gefangenschaft geraten. In seinem Lebenslauf von 1945 serviert er freilich eine andere Version:

Kommerzialisierung der Lüge:
Video und DVD-Fassungen von Wiesenthals Helden- und Schauermärchen.

»Während ich in den Reihen der Partisanen gegen die Nazis focht, gelang es uns, eine erhebliche Menge von Beweisen und anderem Material zu sammeln und zwecks Sicherstellung zu vergraben, welches die von den Nazis verübten Untaten belegte. Als die Partisanen von den Deutschen zerstreut wurden, floh ich am 10. Februar 1944 nach Lemberg und versteckte mich wiederum. Am 13. Juni 1944 wurde ich bei einer Hausdurchsuchung erwischt und kam sofort in das bekannte Lager Lacki nahe der Stadt. Da es für gefangen genommene Partisanen keinen Ausweg gab, versuchte ich durch Aufschneiden meiner Pulsadern Selbstmord zu begehen, wurde jedoch gerettet.«

Wie er als Jude und Partisan aus dem Gewahrsam der deutschen Sicherheitskräfte gerettet wurde, geht aus der Erklärung nicht hervor, doch bei seiner Befragung von 1948 war Wiesenthal gesprächiger:

»Am 13. Juni 1944 waren wir in diesem Bunker [in Lemberg]. Man suchte dort nach Waffen und erwischte uns. Es gelang uns nicht mehr, unsere eigenen Waffen einzusetzen. [...] Ich schnitt mir sofort die Arterie auf. Man brachte uns ins Lonsky-Gefängnis, und sie fanden einen Teil meiner Unterlagen. Wir hatten Tag für Tag auf eine sowjetische Offensive gewartet und erstellten darum zu jener Zeit gewisse Unterlagen über das gesamte Partisanengebiet, in dem wir uns befanden. Die Notizen waren in unserem Besitz, und diesem Umstand verdanke ich es, daß ich nicht sofort getötet wurde wie so viele andere Juden, denn diese Unterlagen schienen sehr wertvoll zu sein, und darum lieferte man mich nach meinem Selbstmordversuch in ein Gefängniskrankenhaus ein.« (Rückübersetzung aus dem Englischen.)

Somit war Wiesenthal dieser Version zufolge nicht nur Jude und Partisan, sondern ein bewaffneter jüdischer Partisan. Da die Rote Armee zu jenem Zeitpunkt rasch auf Lemberg vorrückte (die Deutschen räumten die Stadt einen Monat später), kann man nicht so recht begreifen, weshalb ein Partisanenoffizier und mit Partisanendokumenten ertappter Spezialist nicht unverzüglich verhört, sondern in ein Krankenhaus verbracht wurde, wo er sich, wie Wiesenthal anderswo in seiner Aussage von 1948 angibt, mehr als einen Monat lang erholen durfte.

Wie bereits vermerkt, steht in Wiesenthals Memoiren nichts darüber, daß er Partisan gewesen sein soll. Doch heißt es dort, er sei bei seiner Festnahme im Besitz einer Pistole gewesen (was sicherlich zu seiner Einstufung als Partisan geführt hätte); auch soll er »ein von ihm geführtes Tagebuch und eine Liste mit den Namen von SS-Wachmännern und ihren Verbrechen« bei sich getragen haben, die er erstellt hatte, »weil er glaubte, sie könne eines Tages von Nutzen sein«.[10] In den Memoiren heißt es, die Pistole sei gleich von einem der Offiziere, die Wiesenthal verhaftet hatten, zwecks Verkauf auf dem Schwarzmarkt gestohlen worden (wunderbarerweise hatte Wiesenthal also die Pläne des Offiziers erahnt), doch habe man ein Papier mit gepfefferten Anklagen gegen einzelne deutsche Offiziere bei ihm gefunden, das er irgendwann den Alliierten übergeben wollte.

Abermals wurde Wiesenthal nicht nur verschont, sondern man verzichtete - immer seiner eigenen Darstellung nach - sogar darauf, ihn zu verhören. Der Folter will er entkommen sein, indem er zweimal versuchte, Selbstmord zu begehen, das erste Mal durch Aufschneiden seiner Pulsadern, das zweite Mal durch Erhängen. Nachdem man ihn ins Krankenhaus gebracht und mittels nahrhafter Nahrung wieder aufgepäppelt hatte, war sein Verhör für den 15. Juli 1944 vorgesehen, doch anscheinend hatten die Deutschen sein Tagebuch und seine schwarze Liste inzwischen vergessen, denn die Rote Armee war im Anmarsch, und Wiesenthal wurde mit einem Kontingent jüdischer Gefangener nach Westen evakuiert.[11]

Was immer man über diese Diskrepanzen und Unwahrscheinlichkeiten denken mag: Es ist jedenfalls bemerkenswert, daß einer der prominentesten Überlebenden der angeblichen Hitlerschen Judenausrottungspolitik selbst einräumt, unter Umständen überlebt zu haben, die ihm bei Vorliegen einer solchen Politik einen alsbaldigen Tod garantiert hätten.[12] Angesichts der verschiedenen Ungereimtheiten in seinen diversen Berichten drängt sich der Verdacht förmlich auf, daß Wiesenthal sehr wohl verhört wurde - doch warum hat er dies dann geleugnet?

Falsus in uno...?

Ein ehrwürdiges juristisches Prinzip besagt: "Falsus in uno, falsus in omnibus" ("In einem Punkt falsch, in allen Punkten falsch", oder, volkstümlich übersetzt, "Einmal ein Lügner, immer ein Lügner"). Natürlich kann man hier einwenden, daß viele Menschen manchmal lügen, aber durchaus nicht immer, und daß eine Wahrheit auch dann eine Wahrheit bleibt, wenn sie aus dem Munde eines solchen Menschen stammt. Selbstverständlich ist bei der Bewertung von Zeugenaussagen dieser weniger strikte Maßstab anzulegen, auch bei Wiesenthal, doch strapaziert dieser unsere Nachsicht allzu oft.

1945 hatte er in seinem Lebenslauf geschrieben:

»Während dieser Zeit geriet mein Leben mehrmals in höchste Gefahr, und ich verlor beide Eltern, die von den Nazis umgebracht wurden.«

In dem beigelegten Begleitbrief hieß es:

»Da alle Angehörigen meiner Familie und meine nächsten Verwandten von den Nazis getötet worden sind, bitte ich Sie, mich den US-Behörden zur Verfügung zu stellen, welche die Kriegsverbrechen untersuchen.«

Doch in seinen Memoiren wird über Wiesenthals Vater berichtet, dieser habe während des Ersten Weltkriegs in der österreichischen Armee gedient. Weiter steht dort klipp und klar: »Er fiel 1915 im Kampf[13] Könnte sich der Hinweis in seinem Lebenslauf vielleicht auf seinen Stiefvater bezogen haben? Den Memoiren zufolge lautet die Antwort nein:[14]

»Wiesenthals Stiefvater wurde in ein sowjetisches Gefängnis verbracht, wo er bald starb.«

In seiner vereidigten Erklärung von 1948 sagt Wiesenthal nichts über seine Eltern.

In Anbetracht der 1945 aufgetischten Lügen Wiesenthals über die Ermordung seines Vaters durch die Deutschen (zweifellos wollte er sich so das Mitleid der Amerikaner sichern) und der vielen anderen Widersprüchlichkeiten in seiner Zeugenaussage ist man versucht, den vorher zitierten lateinischen Spruch ein wenig abzuändern: "Falsus in pluribus" ("Falsch in allen möglichen Punkten.")

Wiesenthals Liste

Die den Amerikanern von Wiesenthal angebotene Liste angeblicher Kriegsverbrecher umfaßt vier Seiten und stellt den ersten eindeutigen Beweis für seine Aktivitäten als "Nazijäger" dar. Da ihm die angeblich im Wald vergrabenen (oder ihm von der Gestapo abgenommenen) Unterlagen fehlten, mußte er sich auf sein fabulöses Gedächtnis verlassen; dies hatte Folgen, auf die wir bald zu sprechen kommen. Es gibt keine Beweise dafür, daß Wiesenthal je als Belastungszeuge gegen einen der Genannten aufgetreten ist, ebenso wie klare Belege dafür fehlen, daß die Genannten wirklich Verbrechen begangen haben; auch liefert er wenige Hinweise auf Ortschaften. Doch Wiesenthals Liste vermittelt einen Vorgeschmack seiner künftigen Karriere als begabter Erfinder von Greuelmärchen und mag auch das eine oder andere Indiz für sein Treiben während des Krieges liefern.

In der kurzen Einleitung zu der 91 Namen umfassenden Liste schreibt Wiesenthal:

»Folgendes ist eine kurze Liste von SS-Männern und Gestapo-Agenten sowie von Mitgliedern der Nazipartei, die ich selbst bei Morden und anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit beobachtet habe.«

Die Liste ist in zwei Gruppen unterteilt. Die erste hatte Wiesenthal im »Distrikt Galizien (Lemberg)« getroffen (oder von ihnen gehört), die zweite im »Lager Krakau-Plashow« (sic). Er legt den Genannten unzählige Massenmorde zur Last (insgesamt sollen seine 91 Nazis rund 1.150.000 Menschen über den Jordan befördert haben), nennt aber in den wenigsten Fällen irgendwelche Einzelheiten und gibt nur dreimal das Datum und den Ort eines spezifischen Verbrechens an. Er behauptet, ein von ihm einfach als »Krieger, Gen.maj. SS« bezeichneter Mann (vermutlich Obergruppenführer Friedrich-Wilhelm Krüger) habe »am 18. August 1941 persönlich 13.000 Menschen durch Erschießen umgebracht«, und vier Offiziere hätten »am 18. November 1943 in Lemberg 7.000 getötet«, verzichtet jedoch meist auf Daten: »Tötete in seinem Werk in Lemberg 1.200 Juden« (über Georg Gross, den »Chef der Lemberger Eisenbahnwerke«); »tötete allein in Tarnopol 8.000 Juden« (über den angeblichen Untersturmführer »Rokita«); »größter Mörder von allen. Die Zahl seiner Opfer beläuft sich auf Tausende« (über »Amond [sic] Goeth«, den Kommandanten des Lagers Plaszow bei Krakau); »verantwortlich für mehrere tausend Tote« (über einen einfach als »Hasse« bezeichneten Mann).

Trotz des Fehlens präziser Informationen über spezifische Missetaten wimmelt Wiesenthals Liste nur so von konkreten Beschreibungen der Angeklagten. Während wir über »Scherner« (vielleicht Julius Scherner, der als SS- und Polizeiführer im Distrikt Krakau Dienst tat) lediglich erfahren, daß er »Kranke im Hospital tötete«, wird »Hujar Untersturmführer« als »Gewinner zahlreicher Wetten« geschildert, bei denen es darum ging, »mit einer Kugel zwei Köpfe zugleich zu durchbohren«, und ein angeblicher Unterscharführer »Lied« wird als »Degenrat [sic] und Sammler der Schädel seiner Opfer« vorgestellt. In einigen Fällen ergeht sich Wiesenthal in Schilderungen von Mordmethoden, die an oscarträchtige Holocaust-Grusicals aus Hollywood gemahnen:

»Schlimmster Sadist und Killer, bediente sich ausschließlich einer Axt«,

oder noch lächerlicher:

»Die beiden letzteren spezialisierten sich darauf, Menschen zu hängen und bei lebendigem Leibe in Stücke zu hacken.«

Eine größere Zahl von Anklagen ist weniger dramatisch und vager formuliert:

»Listenführer des Lagers. Viele Grausamkeiten,«

»Legte eifrigsten Sadismus an den Tag.«

»"Arbeitete" in Böhmen.«

Rund 20 der auf der Liste Aufgeführten werden überhaupt keiner Verbrechen bezichtigt. Dies verrät hie und da den Hang des Verfassers zum Erfinden griffiger Spitznamen für seine Bösewichte, doch alles in allem fehlte es Wiesenthal noch an jener Phantasie, die er später an den Tag legen sollte: Der »Planer und Organisator von Massenmorden in ganz Galizien« war schlicht ein »Engels, Gestapokommissar«.

Obgleich in der Einleitung geltend gemacht wird, Wiesenthal habe vielen der aufgelisteten Schreckenstaten persönlich beigewohnt (»[...] die ich selbst bei Morden und anderen Verbrechen gegen die Menschlichkeit beobachtet habe«), behauptet er anschließend nur in einem einzigen Fall, selbst dabei gewesen zu sein, nämlich bei der angeblichen Erschießung von 13 Männern mit amerikanischen Pässen »am [sic] August 1944«.

Wiesenthals Liste liefert augenscheinlich keine greifbaren Beweise für kriminelle Taten und dürfte auch bei der Auffindung seiner 91 Übeltäter wenig hilfreich gewesen sein. Obgleich er in 70 Fällen den Rang oder (manchmal in sehr allgemeinen Worten) die Funktion des Betreffenden nennt, kennt er bloß bei 18 von ihnen den Vornamen (in einem Fall lediglich den ersten Buchstaben davon). Bei 42 der angeblichen Kriegsverbrecher wird der Heimat- oder Herkunftsort angegeben, doch kaum je die genaue Adresse (zwei der Genannten sollen aus Holland, weitere drei aus der damals von Ungarn annektierten Batschka-Region gestammt haben). Nur in fünf Fällen wird eine Straße genannt und in zwei eine vollständige Anschrift. Bei 12 der 91 erfahren wir den Zivilberuf, bei drei davon auch jenen von Verwandten.

Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, einen Versuch zur korrekten Identifizierung der 91 Personen auf Wiesenthals Liste zu unternehmen oder herauszufinden, was mit jenen geschah, die tatsächlich existiert haben. Doch liefert eine Analyse der von Wiesenthal gelieferten Informationen möglicherweise wichtige Hinweise auf die Verbindungen, die er zur Kriegszeit pflegte. 13 der Aufgelisteten sollen »Gestapo-Agenten« gewesen sein, davon acht in Lemberg/Galizien und fünf in Krakau/Plaszow. Bei den restlichen 78 kann er nur in 10 Fällen mit dem Vornamen und in einem Fall mit dem Anfangsbuchstaben des Vornamens aufwarten (14,1 %), bei 34 (43,6%) mit dem Herkunftsort, bei 10 (12,8%) mit dem Zivilberuf, dazu bei zweien von ihnen noch mit dem von Verwandten. Doch bei seinen 13 angeblichen Gestapo-Agenten kennt Wiesenthal in sieben Fällen (53,8%) den Vornamen, bei neun (69,2%) den Herkunftsort und bei fünf (38,5%) den Zivilberuf, dazu bei einem jenen eines angeheirateten Verwandten. Daß er nur bei einem seiner 13 Gestapo-Agenten mit dem Rang in Armee oder Polizei dienen kann (während er bei 54 der 78 anderen den Rang nennt, darunter bei Gestapo-Offizieren), verstärkt den Eindruck, daß es sich bei ersteren um militärische oder zivile Untergrundagenten gehandelt haben dürfte. Wenn Wiesenthal über dermaßen nebulöse Figuren weitaus mehr konkrete Angaben machen kann als über die leichter identifizierbaren Offiziere und sonstigen Personen, verleiht dies dem Verdacht Auftrieb, daß Wiesenthal selbst im Solde der Gestapo stand.

Wiesenthal hinter der weißgetünchten Fassade

Bekanntlich ist Wiesenthal seit den sechziger Jahren Gegenstand eines regelrechten Kults. Seine geschickte Maskierung von Rache als Gerechtigkeit sowie seine (oft von A bis Z erfundenen) Abenteuer bei der Treibjagd auf mit phantasievollen Spitznamen bedachte Nazi-Superkriminelle haben ihn in der westlichen Welt zum Helden gemacht. Sicherlich hatte und hat er seine Widersacher, beispielsweise gewisse israelische Diplomaten und Geheimdienstoffiziere, den verstorbenen jüdischstämmigen österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky und die Revisionisten, doch ihre Stimmen wurden durch den ohrenbetäubenden Beifall seitens der Medien übertönt.[15] Innerhalb der Holocaust-Industrie treibt eine recht ansehnliche Wiesenthal-Industrie ihre Sumpfblüten: Es gibt Dutzende von Büchern von und über Wiesenthal; er wird in einer ganzen Reihe von Dokumentar- und Spielfilmen dargestellt; die in Los Angeles ansässige Stiftung, die ihn für die Benutzung seines Namens entlohnt, hat Dutzende von Millionen Dollar in Form von Spenden und Regierungssubventionen eingeheimst.

Doch gibt es überzeugende Beweise dafür, daß zumindest einer seiner jüngsten Biographen Zugang zu seinen 1945 niedergeschriebenen Dokumenten hatte. In ihrem Buch Simon Wiesenthal: A Life in Search of Justice schreibt Hella Pick, Wiesenthal habe den US-Armeebehörden in Mauthausen eine auf den 25. Mai 1945 datierte Liste mit 91 Namen überreicht. Frau Pick zitiert fast den gesamten Text des aus Wiesenthals Feder stammenden Begleitbriefs, läßt aber bezeichnenderweise den letzten Satz weg:

»Um Ihnen meine persönlichen Daten zu vermitteln, lege ich einen kurzen Lebenslauf bei.«

Die Verfasserin führt den größten Teil der Einleitung zur Wiesenthal-Liste an und gibt viele seiner Anschuldigungen richtig wieder, unterläßt jedoch jeglichen Hinweis auf den Lebenslauf, der dem Begleitbrief folgt und vor der Liste von "Kriegsverbrechern" im Dossier des Krakauer Prozesses steht, in dem sich die Dokumente von 1945 befinden.[16] Auch bei ihrer Darstellung von Wiesenthals Leben unter den Sowjets sowie während der restlichen Kriegszeit läßt die Autorin kein Sterbenswörtchen über diese Urkunde fallen.[17]

Hella Pick und andere Biographen mögen das in den Dokumenten aus dem Jahre 1945 (Brief, Liste und Lebenslauf) vorhandene Beweismaterial für Wiesenthals Kollaboration und allgemeine Unehrlichkeit unterdrückt haben, doch ist dies sicherlich weniger bedeutsam als die unfaßbare Leichtgläubigkeit der Heerscharen von Wiesenthal-Bewunderern während seiner langen Karriere. Wenn Frau Pick die Dreistigkeit hat, Wiesenthals Behauptung »Mein Gedächtnis war zu jener Zeit hervorragend« beifällig zu zitieren, und zwar unmittelbar nach ihrer Schilderung seiner Darstellungen aus dem Jahre 1945,[18] so bildet diese Chutzpah das Gegenstück zur Naivität, geistigen Trägheit und Schlampigkeit der breiten Masse seiner Anhänger. Seit nunmehr fast vierzig Jahren haben seine endlose Hatz auf eine bestimmte Kategorie angeblicher Verbrecher sowie seine Mißachtung rechtsstaatlicher Normen und historischer Genauigkeit Wiesenthal die höchsten Auszeichnungen eingebracht, die Regierungen verleihen können, und ihn in den Augen einer breiten Öffentlichkeit zum umschwärmten Helden werden lassen.

Wiesenthals langes Leben neigt sich anscheinend seinem Ende zu, und es besteht kaum Hoffnung, daß seine wirkliche Vergangenheit noch vor seinem Hinschied gründlich untersucht und öffentlich bloßgestellt wird. Doch schließt dies keinesfalls aus, daß ein kompetentes Forscherteam sich dieser Aufgabe in den kommenden Jahren zuwenden wird. Hinter die lackierte Fassade des Wiesenthal-Mythos zu blicken und die Fäulnis zu enthüllen, die sich da angesammelt hat, würde einen zumindest teilweisen Einblick in den Verfallsprozeß vermitteln, dem die westliche Gesellschaft seit geraumer Zeit ausgesetzt ist. Und auch wenn Simon Wiesenthal dann nicht mehr unter den Lebenden weilen sollte, würde der Ruf des "Nazijägers" durch eine Beleuchtung seiner tatsächlichen Aktivitäten während des Krieges zweifellos gehörig zurechtgestutzt, denn Tatsachen sind die Todfeinde des "Erinnerns".


Anmerkungen

Zuerst veröffentlicht unter »The War Years of Simon Wiesenthal: New Light on a Dark Past« im Journal of Historical Review 21(1) (2002), S. 15-22. Übersetzt von Jürgen Graf.<a href="#ftn" name="ftnref">

[1]Memorandum des Hauptquartiers der Alliierten Expeditionsstreitkräfte. Thema: Kriegsverbrechen, 6. Juli 1945. Dossier 000-50-59, Unterlagen des Hauptquartiers der US-Armee in Europa (USAEUR), Abteilung für Kriegsverbrechen, Dokumentengruppe 338, National Archives at College Park, College Park, Maryland. In einer 1996 erschienenen Biographie wird Wiesenthal dahingehend zitiert, er habe die Originaldokumente auf Polnisch verfaßt. Doch die englische Version in den National Archives trägt seinen Namen, und er hat nie bestritten, daß sie seine Aussagen korrekt wiedergibt. Siehe Hella Pick, Simon Wiesenthal: A Life in Search of Justice, Northeastern University Press, Boston 1996, S. 84f.
[2]Verhör Nr. 2820. Unterlagen der Verhörsabteilung der Beweisermittlungsabteilung des Amtes des Hauptrats für Kriegsverbrechen, Dokumentengruppe 238, National Archives Microfilm Publication M1019, Filmrolle 79, National Archives at College Park, College Park, Maryland. Die Befragung Wiesenthals fand am 27. und 28. Mai 1948 statt, dem Anschein nach im Rahmen der Untersuchung angeblicher Verbrechen der Wehrmacht. Das Verhör wurde auf deutsch geführt; die in diesem Artikel angeführten Auszüge wurden vom Verfasser übersetzt und weichen in einigen Punkten von den Übersetzungen im Artikel »New Documents Raise Doubts as to Simon Wiesenthal's War Years« ab (Journal of Historical Review 8(4) (1988), S. 489-503).
[3]Simon Wiesenthal, The Murderers among Us: The Simon Wiesenthal Memoirs, ed. Joseph Wechsberg, Bantam, New York 1968. (Die Originalausgabe erschien 1967 bei McGraw-Hill in New York.) In diesem Buch stehen seltsamerweise Wiesenthals eigene Erzählungen über seine Nazijagden neben vier Kapiteln, in denen sein Leben erzählt wird, »so wie er es [dem Herausgeber] Joseph Wechsberg berichtet hat.« (S. vi). Man wird natürlich annehmen dürfen, daß der biographische Teil von Wiesenthal genehmigt worden ist.
[4]Ebenda, S. 25
[5]Es lohnt sich der Hinweis darauf, daß in den beiden letzten (von Bewunderern stammenden) Biographien Wiesenthals zwar dessen Behauptung übernommen wird, er sei ein von den Kommunisten schlecht behandelter Bettfedernhersteller gewesen, daß jedoch auch festgehalten wird, er habe eine Zeitlang als Bauingenieur in Odessa gearbeitet. Siehe H. Pick, Simon Wiesenthal..., aaO. (Anm. 1), sowie Alan Levy, The Wiesenthal File, W.B. Erdmans Co, Grand Rapids, MI, 1994, S. 33f. Beide Bücher beruhen dem Vernehmen nach auf ausführlichen Interviews mit Wiesenthal. In keinem steht bei der Schilderung seiner Aktivitäten im sowjetisch beherrschten Lemberg ein Hinweis auf Dokumente oder Transkripts der Interviews.
[6]Murderers..., aaO. (Anm. 3), S. 26f.
[7]Eine Abbildung des englischsprachigen Dokuments befindet sich auf S. 16 der anfangs zitierten Ausgabe des Journal of Historical Review. Da das Dokument mit »/s/« für »signed« endet, ist davon auszugehen, daß es sich bei diesem Dokumente entweder um eine Abschrift oder um eine Übersetzung des Originals handelt.
[8]Beispielsweise behauptete Bruno Kreisky, Jude und ehemaliger KL-Häftling, Wiesenthal habe während des Krieges mit der Gestapo zusammengearbeitet. Siehe seine Aussage in: Mark Weber, »Simon Wiesenthal: Fraudulent Nazi Hunter«, Journal of Historical Review 15(4) (1995), S. 9f.
[9]Murderers..., aaO. (Anm. 3), S. 33-34; Verhör von 1948; Lebenslauf.
[10]Murderers..., aaO. (Anm. 3), S. 34.
[11]Ebenda, S. 35-37.
[12]In einer weiteren eidesstattlichen Erklärung, die diesmal 1954 im Rahmen eines Wiedergutmachungsantrags in Düsseldorf abgegeben wurde ("Eidesstattliche Erklärung über die Zeit meiner Verfolgung", in: Robert Drechsler, Simon Wiesenthal: Dokumentation, Dokumente zur Zeitgeschichte 1/1982) behauptet Wiesenthal, unmittelbar nach seiner Verhaftung (vermutlich zur Erlangung von Informationen) gefoltert worden zu sein, doch habe er sich die Pulsadern aufgeschnitten und sei ins Krankenhaus eingeliefert worden. Daß Wiesenthal hier seinen sonstigen Darstellungen zu diesem Punkt widersprach, mag sich durch seinen Wunsch nach Wiedergutmachungsgeldern erklären lassen. In dieser Aussage steht nichts über seine Aktivitäten während der Sowjetherrschaft.
[13]Murderers..., aaO. (Anm. 3), S. 23.
[14]Ebenda, S. 25.
[15]Mark Weber, Simon Wiesenthal..., aaO. (Anm. 8), passim.
[16]Pick, Simon Wiesenthal..., aaO. (Anm. 1), S. 85-86.
[17]Pick, Simon Wiesenthal..., aaO. (Anm. 1), S. 48-73, passim. Laut Pick (S. 85) hat der wohlbekannte Filmregisseur Abby Mann (Judgement at Nuremberg) die Wiesenthal-Dokumente aus dem Jahre 1945 in den National Archives konsultiert, während er Material für seine - später mit dem Emmy-Award ausgezeichnete - Fernsehserie Murderers among Us: The Simon Wiesenthal Story sammelte. Wir haben diese Serie zwar nicht gesehen, doch geht aus Berichten hervor, daß Mann, der als Leutnant der US-Armee 1945 in Mauthausen mit Wiesenthal Freundschaft schloß, alles vermieden hat, was der Wiesenthal-Legende ernstlichen Schaden hätte zufügen können.
[18]Pick, Simon Wiesenthal..., aaO. (Anm. 1), S. 85.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(3&4) (2003), S. 344-350.


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