Der glückliche Drachen Nummer 5

Ein Denkmal der Opfer eines souveränen Staates

Von Minoru Reich-Sato

Am frühen Morgen des ersten März 1954 befand sich ein hölzernes japanisches Fischerboot ungefähr 160 km östlich des Bikini-Atolls. Es war der Glückliche Drachen Nummer 5 mit ihrer 23-köpfigen Besatzung.

Als um ca. 3:50 auf dem Bikini-Atoll eine amerikanische Wasserstoffbombe gezündet wurde, soll einer der Fischer mit Erstaunen ausgerufen haben, daß die Sonne bereits aufgehe, obwohl der Ursprung des überaus hellen Lichtscheines sich im Westen des Bootes befand.

 Weinende Japaner
im Museum zum Glücklichen Drachen

Oben: Glücklicher Drachen Nr. 5

Etwas später, um ca. 7:30, begann weiße Asche vom Himmel herabzuregnen. Am Nachmittag des selben Tages bekamen einige Mitglieder der Besatzung Kopfschmerzen und Augenreizungen. Einige Tage später wurden ihre Gesichter merkwürdig dunkel. Als Folge der ungewöhnlichen und unglücklichen Zustände brach der Kapitän den Fischfang ab und ließ das Schiff zum Heimathafen in Yaizu in der Shizuoka Präfektur zurückfahren, den es 2 Wochen nach dem Zwischenfall im Pazifik erreichte.

Die meisten Fischer beklagten zusätzlich zu den schon beschriebenen Symptomen Verbrennungen im Gesicht und Haarverlust. Alle Mitglieder der Besatzung wurden daraufhin in großen Krankenhäusern Tokios behandelt.

Nachdem die Zeitung Yomiuri Shinbun am 16. März 1954 über den Zwischenfall berichtet hatte, bestand die Taktik der US-Regierung zunächst darin, das Auftreten radioaktiver Asche zu leugnen. Später wurde das Vorhandensein der "Todesasche" zugegeben, aber die Besatzung des Glücklichen Drachen wurde der Spionage innerhalb der Sperrzone beschuldigt. Es konnte allerdings nachgewiesen werden, daß das Schiff sich ungefähr 60 km außerhalb der Sperrzone befunden hatte.

Am 23. September 1954 starb der Funker des kleinen Schiffes. In den darauffolgenden 35 Jahren sind noch 5 weitere Besatzungsmitglieder an Krebs oder anderen Krankheiten gestorben.

Was geschah nun mit dem Schiff? Nachdem die Radioaktivität auf ein ungefährliches Niveau gesunken war, wurde der Glückliche Drache Nr. 5 von der Tokioter Universität für Fischerei 10 Jahre lang als Schulschiff genutzt. Das Schiff wurde dann außer Dienst gestellt und landete auf einem Schiffsfriedhof in der Bucht von Tokio.

Aus der Vergessenheit gerissen wurde das Schiff dann mit einem Zeitungsartikel in der Asahi Shinbun vom 10. März 1968. Es hieß darin:

»Der Glückliche Drache ist ein Schiff, das niemals von irgendeinem Japaner vergessen werden sollte. Das Schiff sollte uns daran erinnern, was auf dem Bikini-Atoll vor vierzehn Jahren passierte. Laßt uns gemeinsam überlegen, wie wir dieses Monument erhalten können.«

Im Juli 1969 wurde dann das »Komitee zur Erhaltung des Glücklichen Drachen« gegründet. Im Februar 1970 kaufte das Komitee das Schiff. Es wurde von Freiwilligen leergepumpt und gereinigt.

Im Jahr 1972 beschloß die Stadtverwaltung von Tokio den Bau eines Parks im Koto-Bezirk, wobei ein Ausstellungshaus mit dem Glücklichen Drachen einer der Hauptanziehungspunkte sein sollte. 1973 wurde eine Nachfolgegesellschaft des Komitees gegründet. Die »Friedensgesellschaft für den Glücklichen Drachen Nr. 5« erhielt von Tokios Stadtverwaltung den Auftrag, ein Ausstellungshaus zu bauen. Das Museum wurde am 10. Juni 1976 eröffnet. Es enthält neben dem Fischerboot auch Fotografien, Bücher und Tonaufzeichnungen. In den ersten 10 Jahren nach der Eröffnung haben 650.000 Menschen die Gedenkstätte besucht. Ebenfalls nach 10 Jahren Ausstellungszeit wurde das Schiff mit einem Aufwand von 800.000 US$ komplett restauriert.[1]

Schulklassen haben mit Schriftbändern ihrem Wunsch nach Frieden Ausdruck verliehen. Fotos zeigen weinende Men-

schen. Es sind Japaner, die ob des Leides weinen, das einer Handvoll Japanern angetan worden ist.

23 Menschen einer Nation werden verstrahlt, und um das Schiff herum, auf dem sie verstrahlt wurden, wird mit Steuergeldern derselben Nation ein Museum gebaut. Das Schiff wird mit großem Aufwand an Steuergeldern restauriert und mehrere Hunderttausend Menschen derselben Nation schauen sich die Ausstellung an.

Japan ist selektiv mit seinen Erinnerungen. Ein souveräner Staat nimmt sich das Recht heraus, an das Leid der eigenen Bevölkerung zu erinnern. Ein Vorbild für Deutschland?


Anmerkung

[1]Katalog des Ausstellungshauses des »Glücklichen Drachen«, 3-2 Yumenoshima, Koto-ku, Tokio.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(3&4) (2003), S. 391f.


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