Intelligenz: vererbt oder erlernt?

Von Andrea Schneider

Nachfolgend drucken wir eine Pressemeldung ab, die neulich von Dr. Paul M. Thompson über jüngst gemachte Entdeckungen seiner Forschungsgruppe an der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) veröffentlicht wurden über den Einfluß der Gene auf die menschliche Intelligenz. Die darin enthaltene Information ist ein weiteres Argument, das die Debatte zwischen der sogenannten behavioristischen (egalitaristischen) Schule und der genetischen Schule innerhalb der Soziologie anfachen wird, ob Intelligenz und Charaktereigenschaften primär vererbt oder durch Umwelteinflüsse geformt werden. Die hier dargestellten Forschungsergebnisse geben den Argumenten der genetischen Schule mehr Gewicht. Diese Denkrichtung sieht sich seit Ende des Zweiten Weltkrieges heftigen Angriffen und Verdächtigungen ausgesetzt, weil ihr vorgeworfen wird, rassistischen Argumenten Vorschub zu leisten und somit rassistische Ideologie zu unterstützen, von der wir ja alle wissen, wo diese schon einmal endete, nämlich direkt in den Gaskammern von "Auschwitz."

Die Beweise legen freilich nicht nur nahe, daß die Ansichten des durchschnittlichen Historikers über "Auschwitz" grundlegend falsch sind, sondern auch die Auffassungen des durchschnittlichen Soziologen über die Natur von Homo sapiens. Wir müssen uns daher mit der Tatsache vertraut machen, daß die gesamte egalitaristische Ideologie der heutigen westlichen Gesellschaften auf Sand gebaut ist – sowohl geschichtlich als auch bio-soziologisch.

Gehirnforscher an der UCLA haben die ersten Bilder aufgenommen, die zeigen, wie Gene einer Person deren Gehirnstruktur und Intelligenz beeinflussen.

Diese Ergebnisse (veröffentlicht in der Ausgabe vom 5. November 2001 der Zeitschrift Nature Neuroscience) bieten aufregend neue Einsichten darüber, wie Eltern persönliche Charakterzüge und kognitive Fähigkeiten vererben sowie wie sich Gehirnkrankheiten in Familien fortpflanzen.

Die Forschergruppe stellte fest, daß die Menge an grauer Hirnmasse im vorderen Hirnbereich von genetischen Eigenschaften der jeweiligen Eltern abhängt, was wiederum stark mit den kognitiven Fähigkeiten der untersuchten Person korreliert, wie sie in Intelligenztests bestimmt werden (IQ-Test).

Noch wichtiger ist, daß diese Bilder aufdecken, wie normale genetische Unterschiede die Gehirnstruktur und die Intelligenz beeinflussen. Gehirnregionen, die Sprach- und Lesefähigkeiten kontrollieren, waren bei eineiigen Zwillingen, die exakt die gleichen Gene besitzen, praktisch identisch, während gewöhnliche Geschwistern etwa 60% der üblichen statistischen Gehirnunterschiede aufweisen [d.h.: 40% identisch sind, Red.]. Diese starke strukturelle Ähnlichkeit der Gehirne von Familienmitgliedern hilft auch zu verstehen, warum Gehirnkrankheiten wie Schizophrenie und bestimmte Arten von Schwachsinn in bestimmten Familien gehäuft auftreten.

Dr. Paul Thompson, Leiter dieser Forschungsgruppe und außerordentlicher Professor für Neurologie im Labor für Neuro-Imaging an der UCLA führte dazu aus:

»Wir waren erstaunt zu sehen, daß die Menge der grauen Masse in den vorderen Hirnregionen so stark von Erbfaktoren abhängt, und wir konnten sogar den Intelligenzquotienten einer Person voraussagen. Die Sprachregion des Gehirns sind bei Familienmitgliedern extrem ähnlich. Hirnregionen, die bei Familienmitgliedern sehr ähnlich sind, sind besonders anfällig für familienspezifische Krankheiten, einschließlich bestimmter Formen von Psychosen und Schwachsinn.«

Unter Verwendung von Kernspin-Tomographie untersuchten Wissenschaftler eine Gruppe von 20 eineiigen Zwillingen, deren Gene identisch sind, sowie 20 gleichgeschlechtliche Geschwister, deren Erbgut nur zur Hälfte übereinstimmt). Mit Hilfe eines Hochleistungsrechners fertigten sie farbkodierte Bilder an, die zeigen, welche Teile durch genetische Informationen vorbestimmt werden und welche mehr von Umweltfaktoren beeinflußbar sind, wie etwa Lernverhalten und Streßverhalten.

Um diese Gehirn-Karten des genetischen Einflusses herzustellen, schlossen sich die UCLA-Wissenschaftler mit dem Nationalen Gesundheitsinstitut Finnlands und den finnischen Universitäten von Helsinki und Oulu zusammen. In einer landesweiten Initiative spürte die finnische Gruppe alle eineiigen Zwillinge auf, die zwischen 1940 und 1957 in Finnland geboren worden waren – 9.500 Paare. Viele von ihnen absolvierten kognitive Tests und unterzogen sich einer Gehirnanalyse. Ihre genetische Ähnlichkeit wurde mit 78 verschiedenen genetischen Markern bestimmt. Diese individuellen DNS-Abschnitte stimmten bei allen eineiigen Zwillingen exakt überein, und bei den normalen Geschwistern zur Hälfte.

Jüngste Forschungen haben gezeigt, daß viele kognitive Fähigkeiten überraschend stark vererblich sind, mit starken genetischen Einflüssen auf sprachliche und räumliche Fähigkeiten, Reaktionszeiten und sogar bezüglich mancher Charaktereigenschaften, einschließlich emotionaler Reaktionen auf Streß. Diese genetischen Beziehungen sind auch dann gegeben, wenn man für ähnliche Umwelteinflüsse statistische Korrekturen vornimmt, denen sich Familienmitglieder oft ausgesetzt sehen und die sie ähnlich beeinflussen. Vor Abfassung dieser Studie war wenig darüber bekannt, welchen Einfluß die individuellen Gene auf die breite Variation menschlicher Gehirne und auf die kognitiven Fähigkeiten des Individuums ausüben.

Die UCLA-Forscher wenden diese neue Methode zur Gehirn-Kartographierung auch auf Verwandte schizophrener Patienten an sowie auf Personen mit einem genetischen Risiko für die Alzheimersche Krankheit, um sie auf frühe Gehirnveränderungen hin zu untersuchen und um familiäre Risiken vererbter Hirnkrankheiten besser zu verstehen, deren spezifische auslösende Gene bisher unbekannt sind.

Weiterführende Literatur

Paul M. Thompson u.a., »Genetic Influences on Brain Structure«, Nature Neuroscience, 4(12) (November 2001). (www.loni.ucla.edu/~thompson/MEDIA/NN/Nature_Neuro2001_genetics.pdf).

Kontakt-Information:

Prof. Dr. Paul Thompson, Laboratory of Neuro Imaging, UCLA Medical Center, 710 Westwood Plaza, Westwood, Los Angeles, CA 90095, USA.; [email protected]; Tel: 001-310-206-2101; Fax: 001-310-206-5518


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(3&4) (2003), S. 464.


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