George Bush wider den Revisionismus

Von Richard Widman

Am Montag, den 16. Juni 2003, gaben die Schlagzeilen in ganz Amerika das neueste Ziel des Unmutes von Präsident Bush bekannt: Geschichts-Revisionisten. Während Bush seine Aufmerksamkeit von Al-Qaida und Iraq gen Iran verlagerte, entschloß er sich, die Revisionisten zu kritisieren. Eine Schlagzeile meldete: »Bush greift "Historische Revisionisten" über Irak an«.[1] Harry Barnes, ein früher Pionier des Revisionismus, sagte einmal, daß den Antirevisionisten »der Ausdruck [Revisionismus] nach Böswilligkeit und Rachsucht schmeckt, und einem teuflischen Verlangen, den Retter der Menschheit zu verleumden[2] Sicherlich hat sich Bush nicht nur als "Antirevisionist" plaziert, sondern auch als "Retter der Menschheit" für seinen jüngsten Feldzug im Irak.

Ich bin hier weder an Bushs Motivation noch an einer Kritik seiner Pläne interessiert, sondern nur an dem Angriff auf den Revisionismus selbst. Bushs Kritik behauptet irrtümlich, daß der Revisionismus verfälsche. Es ist wichtig zu verstehen, daß der Revisionismus weder rachsüchtig ist und auch nicht die Geschichte verfälscht. Es ist bekannt, daß alle gute Geschichtsschreibung notwendigerweise revisionistische Geschichtsschreibung ist. Revisionisten haben nie versucht, die Geschichte zu verfälschen, sondern sie versuchen, die Wahrheit festzustellen und die Ursachen von Kriegen zu entdecken.

Bush Kritik an den Revisionisten war eine Antwort an die Zweifler an der offiziellen Begründung für den Irak-Krieg. In einer Rede vor Geschäftsführern aus New Jersey kritisierte Bush:

»Es gibt Leute, die die Geschichte ändern wollen: Ich nenne sie Geschichts-Revisionisten.«

Um zu zeigen, daß er nicht mit Revisionisten übereinstimme, machte er eine ähnliche Bemerkung einen Tag später in einer Rede in einer Volkshochschule in einem Vorort Washingtons: [3]

»Ich weiß, daß jetzt viel Geschichte revidiert wird. Er [Saddam Hussein] ist jedoch keine Bedrohung der freien Welt mehr.«

Reporter suchten Klarheit und fragten Bushs Pressesprecher Ari Fleischer, was Bush mit "Geschichtsrevision" meinte. Fleischer antwortete:3

Ari Fleischer

»Die Vorstellung, daß Saddam Hussein vor dem Krieg keine Massenvernichtungswaffen hatte.«

Fleischers Antwort ist jedoch nicht sehr befriedigend. Um zu verstehen, was der Grund für die jüngste Aufregung war, wendet man sich am besten an Harry Elmer Barnes. Barnes definierte "Revisionismus" wie folgt:[4]

»Revisionismus ist nichts anderes als der Versuch, geschichtliche Aufzeichnungen zu korrigieren angesichts besserer historischer Beweise, einer ruhigeren politischen Atmosphäre und einer objektiveren Einstellung.«

Revisionisten wissen, daß Geschichtsschreibung oft darauf beruht, was während der Kriegszeit gelesen wurde, und wenig Ähnlichkeit mit der Realität hat. Während der Kriegszeit verhindern Emotionen und Propaganda oft ein klares Bild der tatsächlichen Ereignisse - und schon gar über Ursachen und Beweggründe für derartige Geschehnisse.

Bushs Kommentar: »Ich weiß, daß jetzt sehr viel Geschichte revidiert wird. Aber er [Saddam Hussein] ist nicht länger eine Bedrohung der freien Welt« ist unaufrichtig. Obgleich Bush über den letzteren Punkt bezüglich Hussein recht hat, beweist dies auf keinem Fall Bushs Implikation. Bush verlangte, daß Hussein aus der Machtposition entfernt werden müsse, weil er angeblich ein Programm mit Massenvernichtungswaffen entwickelte. Falls dies der Grund war und es sich zeigt, daß tatsächlich gar keine Massenvernichtungswaffen existierten, dann war der Krieg selbst ungerechtfertigt.

In den Tagen kurz vor dem Krieg war die Propaganda des Weißen Hauses ungenau und anscheinend auf der Suche nach dem richtigen Ton, der am besten bei den Amerikanern ankam. Wir hörten von Husseins Brutalität gegen seine eigenen Landsleute; wir hörten von den Massenvernichtungswaffen; wir hörten von Verbindungen zur Al-Qaida und zum internationalem Terrorismus. Am Ende war es jedoch das unklar definierte Programm der Massenvernichtungswaffen, welches die Vergasung der Kurden von 1988 ausstach.[5] Daraus leiteten die Amerikaner der Zeit nach dem 11. September Schreckensszenarien ab, in denen sie selbst vergast werden, und natürlich erwachte ihre kollektive Erinnerung an die phantastischen Legenden über NS-Vergasungen während des Zweiten Weltkrieges. Hussein kam die Rolle eines modernen "Hitlers" zu. Dieser "Hitler" war nicht der Hitler der Geschichte, sondern der Hitler der populären Legende und des Mythos. Es war der Hitler mit der Teufelsgabel in der Hand.[6]

Die Welt mag sehr wohl ein sichererer Platz sein, nachdem Saddam Hussein ausgeschaltet wurde. Die ungeschickte Propaganda der US-Regierung und der Mangel eines Beweises, daß der Irak Massenvernichtungswaffen besaß, ist jedoch wert, von Historikern analysiert zu werden. Vielleicht besaß der Irak solche Waffen und hat sie einfach in der Wüste gut versteckt. Vielleicht hatte der Irak keine solche Waffen, aber Bush hatte es ehrlich geglaubt - eine Vorstellung mit schrecklichen Schlußfolgerungen. Oder vielleicht war die ganze Geschichte ein Machwerk, fabriziert für die öffentlichen Verbreitung.[7]

Die Wahrheit über diese Ereignisse und die Beweggründe, die amerikanische Militärmacht auf den Irak loszulassen, werden eines Tages herauskommen. Vielleicht dauert es Jahre, bis die Dokumente der Öffentlichkeit zugänglich werden, aber es wird dann bekannt werden, was diese jüngste Vernichtung menschlichen Lebens verursachte. Und eines ist sicher: wenn dieser Tag kommt, dann werden die Bücher, die dann geschrieben werden, von Geschichts-Revisionisten verfaßt sein.

Die Geschichtsschreibung wird ein weiteres Mal mit den Tatsachen in Übereinstimmung gebracht werden. Das kann nur geschehen, wenn die offizielle Geschichtsschreibung, die von Politikern und ihren Sprechern fabriziert wurde, überarbeitet wird. Das war immer die Rolle des Revisionismus gewesen. Nur durch Kenntnisse der Tatsachen über die internationalen Beziehungen und die Ursachen von Kriegen können wir wirklich unsere Hoffnung auf Wohlstand, Sicherheit und Frieden in den kommenden Jahren verstärken. Bush ist im Unrecht, wenn er meint, daß Revisionisten ihn verunglimpfen wollen; sie tun nur das, was sie immer schon getan haben: Lügen und Mythen zu entlarven, die den Frieden und den guten Willen zwischen den Nationen beeinträchtigen.

 


Anmerkungen

Zuerst veröffentlicht in The Revisionist 1(3) (2003), Übesetzt von Fabian Eschen

[1]Randall Mikkelsen, »Bush Blasts "Revisionist historians" on Iraq«, Yahoo! News, 16. Juni 2003; http://story.news.yahoo.com/news?tmpl=story&u=/nm/20030616/ts_nm/iraq_usa_bush_dc_7
[2]Harry Elmer Barnes, »Revisionism and the Promotion of Peace«, in: Barnes Against the Blackout: Essays Against Interventionism, Institute for historical review, Costa Mesa, California, 1991, S. 273.
[3]Scott Lindlaw, »Bush Again Defends Rationale for Iraq War«, Yahoo! News, June 17, 2003; http://story.news.yahoo.com/news?tmpl=story&u=/ap/20030617/ap_on_go_pr_wh/bush_59
[4]Barnes, aaO. (Anm. 2), S. 273.
[5]Die Beschuldigung, daß Hussein die Kurden vergast habe, ist nicht bewiesen. Tatsächlich ist diese Anklage sehr umstritten. Es wurde sogar vorgeschlagen, daß tatsächlich der Iran und nicht der Irak die Kurden vergast habe. Für zusätzliche Information siehe www.informationclearinghouse.info/article1779.htm
[6]Es gibt mehrere Artikel und Briefe, die Saddam Hussein mit Adolf Hitler vergleichen. Dies wurde eine populäre Ansicht. Einige von diesen sind »Hitler and Hussein and the Lesson of History«, www.mikehersh.com/Hitler_Hussein_and_History.shtml und »Of Hitler and Hussein«, http://stacks.msnbc.com/news/919790.asp und »Saddam Hussein - could he be another Adolf Hitler?« www.stp.uh.edu/vol63/89/OpEd2/8921198/8921198.html
[7]Bezüglich der Massenvernichtungswaffen wird jetzt bestätigt, daß sogar Colin Powell ernstliche Zweifel über Iraks Waffenbesitz hatte. Siehe »Straw, Powell had serious doubts over their Iraqi weapons claims: Secret Transcript revealed« www.guardian.co.uk/Iraq/Story/0,2763,967548,00.html

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 7(3&4) (2003), S. 243f.


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