Palmen lügen nie

Von Mohammed A. Hegazi

Die Dattelpalme, bei Botanikern unter dem lateinischen Namen Phoenix dactylifera bekannt, ist ein urzeitlicher Baum, der seit Jahrtausenden angebaut wurde. Es gibt etwa 450 verschiedene Varianten (Kulturen) davon im Irak. Sie unterscheiden sich in bezug auf Größe, Form und Farbe.

Szene einer Filmreportage der US-Armee, wie sie über die Weltmedien verbreitet wurde und wo angeblich US-Soldaten nach der Gefangennahme Saddam Husseins im Dezember 2003 gezeigt werden, wie sie auf das "Rattenloch" hinweisen, in dem sich der irakische Diktator angeblich verborgen hielt. Im Hintergrund, links der rechten Schulter des linken Soldaten, kann man eine Traube orangefarbener Datteln von einer Palme herabhängen sehen. In der nördlichen Hemisphäre haben Datteln diese Farbe lediglich zwischen Juli und Anfang September. (Für ein Farbversion diese Bildes vgl. online www.vho.org/VffG/2004/1)

Der Lebenszyklus der Datteln beginnt mit der Befruchtung. Die wachsartigen cremefarbigen Pollen der männlichen Bäume werden manuell auf die duftenden weißen Blüten der weiblichen Bäume übertragen. Diese befinden sich auf einem verzweigten Blütenkolben von 30 bis 75 cm Länge mit 25 bis 150 Blütenzweigen. Im Irak und den anderen Ländern der nördlichen Hemisphäre findet die Befruchtung im Frühling statt. Die Fruchtkörper der weiblichen Blüten wachsen danach zu der wohlschmeckenden Frucht heran.

Die Frucht ist anfangs grün und hart. Sie ist erst eßbar, wenn sie ihre volle Größe erreicht und eine je nach Sorte gelblich bis rötliche Farbe bekommen hat. Die Frucht ist dann fleischig und fest. Einige Arten reifen früher als andere. Aus Anlaß des hiesigen Themas nehmen wir an, daß die in dem gezeigten Bild sichtbaren Datteln der am spätesten reifenden Sorte angehören. Dann wäre anzunehmen, daß dieses Foto spätestens gegen Ende September aufgenommen wurde, wenn die spätreifenden Sorten im Irak anfangen, ihre Farbe von gelb nach braun zu ändern.

Wenn die Frucht nicht geerntet wird, wird sie überreif und fällt im Oktober vom Baum. Es wäre ein Wunder, wenn es gegen Ende Oktober irgendwo im Irak noch gelbe Datteln an irgendeiner Dattelpalme gäbe.

Die Propagandamaschinerie des Pentagons will uns allerdings weismachen, daß dieses Foto im Dezember 2003 aufgenommen wurde. Es zeigt zwei US-Soldaten, wie sie den Deckel von einem ausgeklügelten "Rattenloch" anheben, in dem sie Saddam Hussein gefunden haben wollen. Hinter den beiden Soldaten steht eine stolze irakische Dattelpalme mit einer Traube der leckeren gelben Früchte. Wenn die US-Propagandisten es schaffen, ihre Lügen sogar gegen das standhafte Zeugnis dieser unschuldigen Dattelpalme durchzusetzen, dann können sie wahrlich jede Lüge erfolgreich verbreiten.

Sie erzählten uns zudem eine Geschichte über das, was an jenem Tag angeblich geschehen sein soll und wie Saddam Hussein feige um sein Leben bettelte. Aber sie erklärten uns nie, warum sie jenen historischen Augenblick nicht auf Video aufgenommen haben. Es wäre recht überzeugend, wenn wir den Mann hören oder sehen könnten, wie er die Hände hebt, genauso wie wir die stolze Dattelpalme sehen können, die ihre gelben Datteln zur Schau trägt. Statt dessen konnten wir lediglich das Kläffen jüdischer Reporter auf CNN und Fox News vernehmen, wie sie sich an dieser erfolgreichen Aktion ergötzten. Wir vernahmen auch, wie Ariel Sharon eine Nacht in Bagdad verbrachte, wo er mit seinen amerikanischen Untergebenen feierte.

Wenn sie bezüglich der Zeit logen, zu der sie Saddam Hussein gefangen nahmen, dann ist es nur angebracht anzunehmen, daß auch ihre Geschichte von Saddams angeblicher Feigheit nichts anderes als reine Erfindung ist. Der Mann hätte sich nie ergeben, es sei denn, man hätte ihn vor der Gefangennahme betäubt. Angesichts der seltenen aus Guantanamo herausgekommenen Bilder wäre er sich der amerikanischen Brutalitäten bewußt gewesen, die ihn erwarteten. Er muß sich während seines Aufenthalts in seinem Versteck wiederholt überlegt haben, wie er im entscheidenden Augenblick reagieren würde. Seine Reaktion würde die seiner mutigen Söhne übertreffen, die sich Respekt verschafften, als sie mehrere hundert amerikanische Invasoren für geraume Zeit auf Distanz hielten, bevor ihre Körper bis zur Unkenntlichkeit mit Kugeln durchlöchert wurden. Dergestalt ist der Mut eines Mannes vom Kaliber eines Saddam Hussein.

Nur ein kleines Detail entging den Pentagon-Propagandisten: Palmen lügen nie.

 

"Kultivierung der Dattelpalme

herausgegeben und zusammengestellt von Abdelouahhab Zaid

Technischer Chefberater/Direktor UNOPS – Dattelpalmen Forschungs- und Entwicklungsprogramm der Vereinigten Arabischen Emirate […]

2. Überlegungen zur Ernte

[…] Ganze Datteln werden in drei verschiedenen Entwicklungsstufen geerntet und vermarktet. Die Wahl der Erntezeit hängt von den Eigenschaften der Sorte, klimatischen Bedingungen und der Marktnachfrage ab.

Die drei Entwicklungsstufen sind:

– Khalal: Physiologisch reif, hart und knackig, Feuchtigkeitsgehalt: 50 – 85 %, von leuchtend gelber oder roter Farbe, verderblich;

– Rutab: teilweise gebräunt, reduzierter Feuchtigkeitsgehalt (30 – 45 %), aufgeweichte Fasern, verderblich;

– Tamar: Farbe von orange bis braun, Feuchtigkeitsgehalt weiter reduziert (unter 25 % bis zu 10% und weniger), Beschaffenheit von weich nachgiebig bis fest und hart; vor Insekten geschützt kann diese Stufe ohne besondere Maßnahmen über lange Zeiträume gelagert werden. […]

In der nördlichen Hemisphäre findet die Ernte vom Ende des Sommers bis in den Herbst statt, angefangen von Ende Juli (abhängig von der geographischen Region) mit der Khalal-Variante (insbesondere Barhee) bis Mitte November [mit der Tamar-Variante]."

Quelle: www.fao.org/DOCREP/006/Y4360E/y4360e0d.html


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 8(1) (2004), S. 113f.


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