Leros - Der letzte Sieg

Von Johannes Heyne

Die Burg von Leros

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wird Griechenland mit Hilfe ausländischer Mächte von den Türken befreit. Um das wieder erstandene Griechenland nicht zu groß, die gestutzte Türkei nicht zu klein werden zu lassen, bleiben Teile Griechenlands von der Befreiung ausgespart, darunter eine Gruppe von zwölf Inseln im Südosten der Ägäis, der Dodekanes. Die wichtigsten Inseln des Dodekanes sind: Patmos, Leros, Kos und Rhodos,

Im Jahre 1912 erscheinen die Italiener im Dodekanes, um auch hier die Türken zu vertreiben. Sie bauen sich auf den befreiten Inseln Straßen und Paläste und ziehen, soweit vorhanden, in die Inselburgen ein.

Zwei Jahre später beginnt der erste Weltkrieg. Die Italiener schlagen sich nach anfänglichem Irren auf die Seite der Stärkeren und bekommen auf dem Dodekanes deren Unterstützung. Im Jahre 1916 errichten die Briten auf der Insel Leros einen militärischen Stützpunkt und verhelfen so den Italienern zu einem weiteren Verbleib auf den Inseln.

Im Laufe der Zeit verschwinden griechische Aufschriften zugunsten des Italienischen aus dem Straßenbild, Schulunterricht in griechischer Sprache sowie griechisch-orthodoxe Gottesdienste werden verboten.

Der Beginn des Zweiten Weltkrieges sieht die Italiener wieder bei den Stärkeren, diesmal auf der Seite der Deutschen. Mit deren Rückendeckung machen sie nun Anstalten, sich wie einst ihre antiken Vorfahren ganz Hellas einzuverleiben. Es fehlt jedoch an Kraft, die Deutschen müssen helfen, was wiederum die Briten veranlaßt, den Griechen beizustehen. Die Briten landen auf dem griechischen Festland und setzen sich auf Kreta fest, werden aber bald wieder von den Deutschen vertrieben, aus Kreta, im kühnsten Luftlandeunternehmen der Kriegsgeschichte. Die Italiener harren unter deutschem Schutz weiter aus auf den Burgmauern der südostägäischen Inseln.

Im Jahre 1943 beginnt die Kraft der Deutschen zu wanken. Im September des Jahres vollziehen die italienischen Verbündeten der Deutschen unter der Leitung des neuen Ministerpräsidenten Marschall Badoglio den Frontwechsel zu den Alliierten. Die Briten ziehen mit Duldung ihrer neuen italienischen Verbündeten erneut auf Leros ein, dazu auf Kos und auf der nicht zum Dodekanes gehörenden Insel Samos.

Deutschland ist jedoch noch nicht am Ende.

Ein Zeitzeuge schreibt:[1]

"Überall in Griechenland, wo deutsche Truppen neben Italienern lagen, war es gelungen, die Oberhand zu behalten. Auf den kleineren Inseln des italienischen Dodekanes hatte sich jedoch die italienischen Besatzung auf die Seite Badoglios geschlagen und britischen Truppenkontingenten Zutritt gewährt. Mit der Rückeroberung dieser Inseln, die mit dem Luftstützpunkt Kos und mit dem Kriegshafen Leros eine ernste Bedrohung des deutschbesetzten ägäischen Raumes darstellen, wurde General Müller beauftragt."

General Friedrich Wilhelm Müller, am 29. August 1897 in Barmen als Sohn eines Handwerkers geboren, ist seit 1. August 1942 Divisionskommandeur der auf Kreta stationierten 22. Infantriedivision.

General Müller wird folgendermaßen beschrieben:[2]

"Gen. Müller [zeigte sich] mit einfachen, klaren, nicht überfordernden Befehlen und mit einer guten Nase für das Wesentliche als besonders guter Truppenführer.... Mit seiner großen Vitalität, die selbst durch Kettenrauchen nicht beeinträchtigt wurde, ebenso trinkfest wie sangesfreudig, wurde er zum populärsten Kommandeur der Division."

General Müller wartet nicht lange:[3]

"Am Morgen des 4. 10. [1943] nahm das II./65 die Stadt Kos, Heimat des Asklepios und einstiger römischer Badeort, später Türkenfestung, wie der ganze Dodekanes seit dem [Ersten] Weltkrieg italienisch, mit sauberen kleinen Häuschen, blühenden Gärten und großen Regierungsgebäuden. Am Abend war die ganze Insel in unserer Hand. Etwa 1000 Engländer und 5000 Italiener wurden gefangen genommen."

Am 12. November 1943 startet dann in Richtung Leros das Unternehmen Leopard. Der Deutsche Wehrmachtsbericht meldet:[4]

"Nachdem [...] durch laufende Luftangriffe auf Stützpunkte der Insel Leros die Voraussetzungen für ein Unternehmen gegen Leros geschaffen waren, landeten in den frühen Morgenstunden des 12. November im Zusammenwirken mit Kampf- und Transportverbänden der Kriegsmarine und Luftwaffe mehrere Kampftruppen, darunter auch Fallschirmjäger, auf der Insel. Die Kämpfe mit der britischen Badoglio-hörigen Inselbesatzung sind noch im Gange."

Nachdem vier Tage und vier Nächte gekämpft worden ist, heißt es im deutschen Wehrmachtsbericht:[5]

"wie durch Sondermeldung bekannt gegeben, haben deutsche Truppen des Heeres und der Luftwaffe unter Führung von Generalleutnant Müller nach viertägigem zähen und wechselvollen Ringen gegen einen an Zahl und Bewaffnung überlegenen Feind am 16. November den englischen Seestützpunkt Leros eingenommen. Die beteiligten Streitkräfte der Kriegsmarine und Luftwaffe schufen durch ihren entschlossenen und wirkungsvollen Einsatz die Voraussetzungen für die Landung, indem sie den feindlichen See- und Luftstreitkräften schwere Verluste beibrachten. Sie erzwangen trotz des starken Abwehrfeuers der Küstenbatterien die Landung auf der Felseninsel, während Kampf - und Sturzkampfflugzeuge die Widerstandskraft des Feindes endgültig zermürbten."

Auf beiden Seiten gibt es mehrere hundert Tote. 3.200 Briten und 5.350 Italiener geraten in deutsche Kriegsgefangenschaft.

Das Deutsche Nachrichtenbüro in Berlin meldet am gleichen Tage: Mit der Kapitulation von Leros ist praktisch das gesamte Inselgebiet des Dodekanes in deutscher Hand.[6]

Damit haben die Briten nicht gerechnet. Churchill schreibt drei Tage später an den britischen Außenminister Eden:

"Leros trifft mich bitter. [...] Haben wir die Lehren von Kreta nicht beachtet und den Stukas zu einer vorübergehenden Neubelebung ihrer alten Triumphe verholfen? [...] Man soll nicht versuchen, den schweren Rückschlag im Dodekanes zu bagatellisieren, den leicht und mit geringen Kosten zu gewinnen wir die Chance hatten und den wir jetzt unter so großen Kosten verloren."

Vom 22. bis 25. November wird auch die nicht zum Dodekanes gehörende Insel Samos eingenommen.

Die Deutschen begraben auf dem Dodekanes die eigenen und die gegnerischen Toten, richten sich in den Häfen ein, bauen Fliegerhorste, verwalten die griechische Bevölkerung und stehen nun ihrerseits feindabwehrend auf den Inselburgen.

Es ist ihnen jedoch nur wenig Zeit gegeben. Schon ein knappes Jahr später, im August 1944, kommt der Befehl, Griechenland und die Ägäis zu räumen.

Am 2. September 1944 verlassen 60.000 Deutsche das so heiß erkämpfte Kreta. Am 2. November des Jahres ist der Abzug der Deutschen aus Griechenland abgeschlossen. Nur auf Westkreta und auf einigen Inseln, darunter Rhodos, Leros, Kos und Simi, bleibt eine deutsche Besatzung zurück, insgesamt um die 20.000 Mann.

Am 8. Mai 1945 wird die bedingungslose Kapitulation der Deutschen Wehrmacht unterschrieben. Am 9. Mai 1945 kehren die Briten abermals auf die griechischen Inseln zurück und nehmen die verbliebenen Reste ihrer einstigen Bezwinger gefangen.

Auch General Müller, welcher ab 1. Juli 1944 Festungskommandant in Kreta, ab 29. Januar 1945 Führer der 4. Armee an der Ostfront gewesen ist, wird gefangen genommen und von den siegreichen Briten an die nun ebenfalls siegreichen Griechen ausgeliefert. Zusammen mit General Bräuer, welcher als General der Fallschirmtruppen an der Eroberung Kretas beteiligt war, wird General Müller am 20. Mai 1947 in einem Sondergerichtsverfahren in Athen wegen Partisanenerschießungen auf Kreta als Kriegsverbrecher hingerichtet. Der 20. Mai ist der 6. Jahrestag der erfolgreichen deutschen Fallschirminvasion auf Kreta.

Im Bericht des Zeitzeugen heißt es:[7]

"Je ernster sich die Lage für Deutschland auf den anderen Kriegsschauplätzen gestaltete, um so größere Anstrengungen machten feindliche [britische] Agenten, die [griechische] Bevölkerung zum aktiven Widerstand gegen die deutsche Besatzung aufzustacheln. Mit der Sicherheit auf der Insel [Kreta], vor allem in einsamen Gegenden, war es vorbei. Überfälle auf einzelne Soldaten und auf deutschfreundliche Zivilisten häuften sich. Zum Teil waren sie mit unmenschlichen Grausamkeiten verbunden. Diese veranlaßten den Kommandanten [General Müller] der Festung, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, z.B. im August 1944 nach Evakuierung der Bevölkerung die Niederreißung von Anoja, das sich als Hauptschlupfwinkel britischer Agenten erwiesen hatte. Für diese Maßnahmen, die für die Sicherheit der eigenen Truppen erforderlich waren, wurden General Müller und General Bräuer an Griechenland ausgeliefert und dort 1947 zum Tode durch Erschießen verurteilt. Bei der Milde, mit der die kretische Bevölkerung behandelt worden war, wurde dieses Urteil von allen Divisionsangehörigen als ungerecht empfunden."

45 Jahre danach, im Herbst des Jahres 1988, laden englische Leros-Veteranen ihre Gegner von damals auf die Insel zur Versöhnungsfeier ein. Grau geworden, mit Ehepartnern versehen, erscheinen die noch verbliebenen einstigen Widersacher im bestellten Quartier.

General Friedrich Wilhelm Müller, 1897-1947

Am ersten Abend trifft man sich auf der Hotelterrasse, tauscht, soweit es die englischen Sprachkenntnisse der deutschen Teilnehmer zulassen - die Engländer sprechen kein Deutsch - Standorte, Gefechtsverläufe und persönliche Erlebnisse von damals aus. Dann nehmen die Gruppen voneinander getrennt im Speisesaal Platz: heiter - aufgeräumt die Briten, die Deutschen still und bedrückt.

Nach Beendigung des Mahles hält einer der Briten eine Rede, in welcher vor allem durch das Zitieren eines deutschen Naturgedichtes die Achtung vor dem einstigen Gegner zum Ausdruck gebracht werden soll. Durch sein souveränes Umgehen mit den reichen Möglichkeiten der englischen Sprache gelingt es dem Redner, bezüglich der militärischen Bewegungen auf der Insel Leros eine klare Definition von Siegern und Besiegten zu vermeiden.

Ein des Englischen mächtiger Deutscher hält eine höfliche Gegenansprache ohne englisches Gedicht. Vor weiteren völkerverbindenden Aktionen steht die Sprachbarriere. Den Rest des Abends verbringen die Veteranen damit, im jeweils eigenen Kameradenkreise ihren Erinnerungen nachzuhängen.

Am folgenden Tage ist eine Totenehrung vorgesehen. Da die auf Leros begrabenen deutschen Gefallenen schon vor Jahren auf den deutschen Soldatenfriedhof in Athen umgebettet worden sind, bleibt für die Feier nur der Leros War Cemetry, die Ruhestätte der hier gefallenen britischen Soldaten. Damit verbunden ist die Einweihung einer von den Briten zum 45. Jahrestag der englischen Invasion auf den ägäischen Inseln am hinteren Ende des Friedhofes aufgestellten Marmorbank.

Zu dieser Feier werden die deutschen Leros-Veteranen nicht gebeten. Sie mochten derweil baden gehen oder schon reisen.

Im Herbst 1993, als sich die englische Invasion in der Ägäis zum 50. Male jährt, bleibt es auf Leros still.


Anmerkungen

[1]Friedrich August v. Metzsch, Geschichte der 22. Infantriedivision 1939 - 1945, Kiel 1952, S. 56
[2]Ebenda, S. 47
[3]Ebenda. S. 57
[4]Deutscher Wehrmachtsbericht vom 13. 11. 1943
[5]Deutscher Wehrmachtsbericht vom 18.11.1943
[6]Deutsches Nachrichtenbüro, Berlin, 16. 11. 1943
[7]v. Metzsch, S. 61

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 8(1) (2004), S. 105-107.


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