Über die Kontroverse Piper-Meyer:
Sowjetpropaganda gegen Halbrevisionismus

Von Carlo Mattogno

1. Bedeutung der Kontroverse

In meinem Artikel "Die Viermillionenzahl von Auschwitz: Entstehung, Revisionen und Konsequenzen"[1] habe ich im Anschluß an eine Analyse der Gründe und historiographischen Konsequenzen der von Franciszek Piper vorgenommenen Revision der sowjetischen Propagandaziffer von vier Millionen Auschwitz-Opfern folgende Schlußfolgerungen gezogen:

"Somit dichtet dieser ‚kritische Geist' des Auschwitz-Museums, der die Opferzahl des Lagers auf annähernd ein Viertel herabgesetzt hat, den Krematorien auch weiterhin opportunistisch eine Kapazität an, die um das Achtfache über der realen liegt! F. Piper weiß natürlich sehr genau, daß die Glaubwürdigkeit seiner ‚Augenzeugen' flöten ginge, gäbe er die Kapazität der Öfen richtig an, und dann würden auch die Behauptungen derselben Zeugen über Menschenvergasungen mit einem Schlag unglaubwürdig. Dies ist der Grund dafür, daß das Auschwitz-Museum eine Hochburg des Aberglaubens ist und bleibt und den Ammenmärchen der ‚Augenzeugen' den Vorzug gegenüber der Wissenschaft gibt."

Kraft seines Amtes als Leiter der historischen Abteilung des Auschwitz-Museums ist Franciszek Piper der Großinquisitor, der Hüter der Auschwitz-Orthodoxie, dem die Aufgabe zukommt, jede abweichende Interpretation der Geschehnisse mit einem Bannfluch zu belegen. Ich spreche hier wohlverstanden nicht von den Revisionisten, sondern von Forschern, welche die behauptete Judenvernichtung in Gaskammern zwar für eine historische Realität halten, jedoch in Detailfragen eine von der offiziellen Linie abweichende Position vertreten. Piper stand hinter der feierlichen Exkommunikation Jean-Claude Pressacs,[2] die dermaßen erbarmungslos war, daß der Tod des französischen Auschwitz-Spezialisten am 23. Juli 2003 von keinem einzigen Vertreter der offiziellen Geschichtsschreibung vermerkt wurde und auch die großen Zeitungen sich in beschämendes Schweigen hüllten; die einzigen Nachrufe stammten bezeichnenderweise von zwei "Gegnern", nämlich Jürgen Graf und mir![3] Nicht einmal nach seinem Tod fand Jean-Claude Pressac Verzeihung.

Pipers hauptsächliche Befürchtung ist, daß die Debatte über Auschwitz innerhalb der offiziellen Geschichtsschreibung ins Technische abgleiten könnte, was, wie ich dargelegt habe, das Ende der These von einer Massenvernichtung in diesem Lager bedeuten würde. Im November 2003 lancierte F. Piper einen neuen Bannfluch, diesmal gegen Fritjof Meyer, worauf der deutsche Journalist mit einer Replik reagierte.[4]

Der Schlagabtausch zwischen diesen beiden Männern, gewissermaßen ein Kampf zwischen einem Blinden und einem Einäugigen, interessiert uns weniger wegen der von ihnen vorgebrachten Argumente - diese entstammen zwar verschiedenen Quellen, sind aber durchwegs wohlbekannt -, als wegen der hüben und drüben angewandten Methoden. F. Piper wirkt hier wie ein Parteihistoriker aus vergangenen Zeiten, dessen Argumentation immer noch von der Mentalität der Sowjetpropaganda geprägt ist; F. Meyer erscheint als Halbrevisionist, der zwar ausgiebig aus revisionistischen Quellen schöpft, dem es jedoch an Mut gebricht, die sich daraus ergebenden logischen Konsequenzen zu ziehen.

2. Pipers Selbstverteidigung

F. Piper, der sich seiner Rolle sehr wohl bewußt ist, versucht vor allem, sich von der Anklage des historiographischen Opportunismus wegen seiner (von mir im oben zitierten Artikel hieb- und stichfest dokumentierten) Rolle bei der Aufrechterhaltung der Propagandaziffer von vier Millionen reinzuwaschen. Er verteidigt diese Propaganda, indem er behauptet:

"daß die Zahl von 4 Millionen Opfer des KZ Auschwitz eine Zahl war, die nach bestem Wissen der Mitglieder der beiden Kommissionen, der sowjetischen und der polnischen, und dann der Staatsanwaltschaftsorgane und der Autoren verschiedenartiger Publikationen die tatsächlichen Menschenverluste im KZ Auschwitz widerspiegelte."

Piper fügt hinzu:

"Damals kannte niemand die tatsächliche Zahl der Opfer des KZ Auschwitz, und niemand konnte sie kennen."

Kein Historiker, beharrt er, sei imstande gewesen, diesbezügliche Forschungen anzustellen:

"Das Fehlen der wichtigsten deutschen, im KZ Auschwitz entstandenen statistischen Quelle machte es praktisch unmöglich, daß von Historikern Untersuchungen zur Frage der Zahl der Opfer des KZ Auschwitz in Angriff genommen werden konnten."

Piper macht also geltend, bis 1983, als die bekannte statistische Untersuchung von Georges Wellers über die Zahl der Toten von Auschwitz erschien,[5] habe es kein objektives Kriterium zum Ermitteln der Wahrheit gegeben; darum, so argumentiert er, gab es

"keinen Grund, die Frage der NS-Verbrechen als Instrument der Kriegspropaganda zu betrachten, die zum Kampf gegen den Feind mobilisieren sollte. Eines steht außer Zweifel: Damals kannte niemand die tatsächliche Zahl der Opfer des KZ Auschwitz, und niemand konnte sie kennen [...]."

Wie ich in meinem Artikel bewiesen habe, ist dies schlicht und einfach eine Lüge Pipers, um seine Vergangenheit als treuer Diener der Sowjetpropaganda zu rechtfertigen! Die Instrumente zur Ermittlung der Anzahl der nach Auschwitz Deportierten, und somit auch der wirklichen und nicht erfundenen Opferzahl, befanden sich bereits am 16. Dezember 1945, noch vor dem Höß-Prozeß, im Besitz des Richters Jan Sehn. Ich meine damit die Transport- und Registrierungslisten, die von in der Politischen Abteilung arbeitenden Häftlingen heimlich abgeschrieben worden waren. Diese Listen wurden von Danuta Czech bei der Erstellung der ersten Ausgabe des Kalendariums von Auschwitz ausgewertet. Gestützt auf diese Quelle kam Wellers (der freilich selbst zu allerlei Mogeleien griff) durch eine simple Addition auf 1.613.455 Deportierte und 1.471.595 Tote,[6] was bereits eine einschneidende Revision der Viermillionenziffer darstellte. Richter Jan Sehn, der über die gleichen Dokumente verfügte wie Wellers, korrigierte die Propagandazahl freilich nicht etwa nach unten, sondern erhöhte sie im Gegenteil auf 5 Millionen![7]

Warum aber hat das Auschwitz-Museum in den zwei Jahrzehnten, die zwischen dem Erscheinen der ersten Ausgabe von D. Czechs Kalendarium und der Publizierung des Wellers-Artikels verstrichen, nicht den geringsten Versuch einer eigenen Nachforschung unternommen? F. Piper erteilt darauf folgende, wahrhaft unglaubliche Antwort:

"In Übereinstimmung mit zuvor bestätigten Forschungsplänen hatte sich das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau in Oswiecim in den siebziger Jahren mit diesbezüglichen Untersuchungen befaßt, die aber zu keinerlei Ergebnissen geführt hatten."

Somit konnte G. Wellers, der sich ausschließlich auf die erste Kalendarium-Ausgabe stützte, die Propagandalüge von den vier Millionen demolieren, doch das Auschwitz-Museum, welches das Kalendarium publiziert hatte und dem sämtliche von diesem benutzten Quellen zur Verfügung standen, war dazu nicht in der Lage gewesen! In diesem Zusammenhang schreibt Piper in seiner Replik an Meyer selbst:

"Angesichts des Fehlens von Lagerdokumenten zur Gesamtzahl der ins Lager Eingelieferten und dort Ermordeten besteht die einzige Grundlage für die Ermittlung der Zahl der Opfer des Lagers lediglich in Quellen über die Deportationen von den einzelnen Sammelstellen, Gegenden und Ländern nach Auschwitz und in den Änderungen bei den Stärkemeldungen, den Zugängen und Abgängen der Häftlinge."

Diese "Grundlage" lag aber bereits in der ersten Kalendarium-Ausgabe vor. Piper führt dann eine weitere Rechtfertigung ins Feld, die ihn noch nachhaltiger belastet:

"Die Ergebnisse der von mir durchgeführten Untersuchungen erwiesen sich als ganz ähnlich wie die von G. Wellers. Das brachte ich in einem Referat zum Ausdruck, das am 16.-18. Februar 1987 auf einer wissenschaftlichen Konferenz in Krakow-Mogilany gehalten wurde. Damals erklärte ich folgendes:

‚Das Berechnungsverfahren und die Ermittlungen von Wellers erwecken im Prinzip keinerlei Vorbehalte, ausgenommen die problematischen Voraussetzungen für die schätzungsweisen Berechnungen der polnischen Juden.'"

Nach vier Jahren (!) war Piper also glücklich zur Schlußfolgerung gelangt, Wellers' "Berechnungsverfahren" sei grundsätzlich richtig. Warum aber hatte er es dann in den sechziger und siebziger Jahren nicht selbst angewendet? Ich erinnere daran, daß Piper bereits 1965 als Forscher in der historischen Abteilung des Auschwitz-Museums zu arbeiten begann. Warum hat er bis 1987, vier Jahre nach dem Erscheinen des Wellers-Artikels, gewartet? Die Antwort auf diese Frage ist leicht: Die Zeiten hatten sich geändert, und im Sowjetsystem knirschte es bereits an allen Fugen und Enden bedenklich!

In einem 1991 erschienenen Artikel[8] "ermittelte" Piper für Auschwitz-Birkenau die Zahl von 1.100.000 Opfern.[9] Seinen Worten nach handelte es sich bei diesem Artikel um

"die abgekürzte Version einer umfassender konzipierten Studie des Verfassers über die Anzahl der nach Auschwitz Deportierten und die der dort Umgekommenen."

Seine Studie, fuhr er fort, sei

"Bestandteil der vom Autor im staatlichen Auschwitz-Museum betriebenen Forschungen."[10]

Dies heißt, daß Piper bereits vorher auf seine Zahl von 1,1 Millionen Opfern gelangt war. Doch als - nach Oktober 1991 - auf den Gedenksteinen von Birkenau die neuen Inschriften erschienen, prangte dort nicht etwa die bereits von Piper "ermittelte" Ziffer, sondern die alte, von Wellers postulierte Zahl von 1,5 Millionen. Das Auschwitz-Museum hatte versucht, von der Sowjetpropaganda zu retten, was noch zu retten war!

Die Fortschreibung sowjet-kommunistischer Kriegs-Greuelpropaganda
durch polnische Lakaien (www.auschwitz.org.pl/html/de/aktualnosci/news_big.php?id=569)

3. Der Zweck von F. Pipers Kritik an F. Meyer

Nach seinem erfolglosen Versuch, sich gegen die Anklage des politischen Opportunismus zu verteidigen, kommt F. Piper zum Hauptzweck seines Artikels: Der bedingungslosen Verurteilung nicht so sehr der Thesen F. Meyers an sich, sondern vielmehr der von diesem angewandten technischen Methode. Gleich zu Beginn seiner diesbezüglichen Ausführung beklagt er jegliche Forschung, die

"sich auf eine Analyse der Leistungsfähigkeit der Massenvernichtungsanlagen, ihres Tätigkeitszeitraumes und des Nutzungsgrades stützt."

Anders gesagt beklagt er jedes wissenschaftliches Herangehen an die Frage, wobei er die Massenvergasungen zum technischen Kinderspiel erklärt:

"[...] die Gaskammern waren in technischer Hinsicht ganz einfache Anlagen, denn sie funktionierten auf der Basis eines geschlossenen Raumes, der die Möglichkeit bot, dort Giftgas einzuleiten."

Zweifellos wäre eine Massentötung mittels Zyanwasserstoffgas theoretisch "ganz einfach", doch mit der Öffnung der Gaskammer begännen dann die Probleme! Hier geht es freilich nicht um die theoretische Möglichkeit einer Massenvergasung, sondern um von "Augenzeugen" konkret beschriebene angebliche Vergasungen; die Probleme ergeben sich aus dem, was diese Zeugen sagen, aber auch aus dem, was sie nicht sagen.[11]

Da Piper offenbar fürchtet, manche Leser vermöchten den Zweck seines Artikels nicht zu kapieren, wiederholt er sein Verdammungsurteil gegen die Wissenschaft mehrfach. Für ihn besteht eine andere Methode der "Leugnung" im Versuch,

"aus den verschiedensten technischen Gründen (Lüftungsprobleme, Sicherheitsaspekte) die Möglichkeiten des Tötens von Menschen in diesen Kammern auf ein Minimum zu reduzieren und ihr Leistungsvermögen einzuschränken."

Selbstverständlich ist die Hauptzielscheibe dieses neuen Piperschen Bannfluchs die wissenschaftliche Untersuchung des Kremierungsproblems:

"Dasselbe betrifft die Techniken des Einäscherns der Leichen der Ermordeten. Nach bekannten deutschen Unterlagen konnten im KZ Auschwitz innerhalb von anderthalb Jahren allein in den Krematorien, Scheiterhaufen und Verbrennungsgruben nicht eingerechnet, über 2,4 Millionen und nach Aussagen von Häftlingen des Sonderkommandos über 4 Millionen Leichen verbrannt werden."

Für einen Augenblick taucht hier also das Gespenst der vier Millionen wieder am Horizont auf! Die Verwendung des Plurals im Satzteil "nach bekannten deutschen Unterlagen" ist unkorrekt, da sich Piper tatsächlich auf ein einziges Dokument beruft, den Brief der Zentralbauleitung vom 28. Juni 1943, auf den ich später noch zurückkomme. In einer Fußnote erläutert er nämlich:

"4.756 Leichen x 547 Tage = 2.601. 532."

Die Zahl von 4.756 bezieht sich auf die angebliche Gesamtkapazität der Krematorien von Auschwitz-Birkenau und erscheint in eben jenem Dokument. Doch selbst wenn dessen Inhalt theoretisch den Fakten entspräche, wäre Pipers Berechnung in der Praxis unsinnig. Piper hat nicht die geringste Ahnung von den technischen Problemen (wie z.B. der Bildung und Entfernung von Schlacke, der Abnutzung des feuerfesten Schamottmauerwerks sowie sämtlicher den Flammen ausgesetzten Teile, angefangen bei den Rosten der Gasgeneratoren), welche einen ununterbrochenen Tag- und Nachtbetrieb der Krematorien während 18 Monaten unmöglich gemacht hätten. Um es mit einem einfachen Beispiel zu verdeutlichen: Ein Auto mit einer Maximalgeschwindigkeit von 150 Stundenkilometern ist entsprechend Pipers Argumentation in der Lage, an einem Tag (150 × 24 =) 3.600 km und an 547 Tagen (547 × 3.600=) 1.969.200 km zurücklegen!

Als Gralshüter eines dogmatischen Geschichtsbilds zwangsläufig ein Feind der Wissenschaft, nimmt Piper noch weitere zwei Male zu einer solch trügerischen Berechnungsmethode Zuflucht. Bezüglich der in Kurt Prüfers Aktenvermerk vom 8. September 1942 (auf den ich ebenfalls noch zurückkommen werde) angegebenen Kremierungskapazität - 2.650 Leichen pro Tag - kommentiert er:

"Anmerken sollte man, daß das pro Jahr 967.250 (allein in den Krematorien von Birkenau 876.000) verbrannte Leichen, und in den anderthalb Jahres des Bestehens dieser Anlagen 1.450.875 (allein in den Krematorien von Birkenau 876.000) verbrannte Leichen ergibt."

Er nimmt also folgende Berechnung vor: 2.650 × 365 = 967.250, und dasselbe Berechnungssystem gilt auch für die andere von ihm erwähnte Ziffer (2.650×547,5 = 1.450.875).[12]

Zu dieser Methode greift Piper nochmals, indem er, immer noch unter Hinweis auf Prüfers bereits erwähnten Aktenvermerk, schreibt:

"[...] dann konnten während des Bestehens aller vier Krematorien in Birkenau 1.387.200 Leichen verbrannt werden."

Auf diese Zahl kommt er nun, indem er die angebliche Tagesverbrennungskapazität der einzelnen Krematorien mit den Tagen ihres Bestehens (2.348) multipliziert. Dies entspricht im Schnitt 587 Tagen für jedes Krematorium, einer Zahl, die in unerklärlichem Gegensatz zu der von ihm in der vorhergehenden Berechnung angesetzten von 547 steht.

Piper versucht anschließend, jegliche wissenschaftliche Inangriffnahme des Kremierungsproblems mit folgender Behauptung für überflüssig zu erklären:

"Die Tatsache, daß im KZ Auschwitz außer den Krematorien auch Scheiterhaufen und Verbrennungsgruben unter freiem Himmel Verwendung fanden, läßt alle Diskussionen über begrenzte Möglichkeiten der Leichenverbrennung und damit auch der auf Angaben über die Leistungsfähigkeit der Krematorien basierenden Zahl der Opfer völlig gegenstandslos werden."

Auch in diesem Fall ist Pipers Einwand rein theoretischer Natur und bar jeder Verankerung in der Realität. "Scheiterhaufen und Verbrennungsgruben" dürfen nämlich nicht als abstraktes Problem an sich, sondern müssen vor dem Hintergrund der einschlägigen Zeugenaussagen betrachtet werden. Piper selbst hat geschrieben, daß "im Frühling 1943, mit der Inbetriebnahme der neuen Gaskammern und Krematorien", die angeblichen Verbrennungsgruben der sogenannten "Bunker" nicht mehr benutzt worden seien;[13] wieder verwendet worden seien solche Gruben beim "Bunker 2" sowie im Hof des Krematoriums V "im Mai 1944 während der Ausrottung ungarischer Juden."[14]

Folglich waren Pipers eigenen Angaben zufolge ab Mitte März 1943 (damals wurden die Krematorien IV und II in Betrieb genommen) bis Mitte Mai 1944 (beim Eintreffen des ersten Judentransports aus Ungarn), d.h. während eines Zeitraums von vierzehneinhalb Monaten, keinerlei "Verbrennungsgruben" im Einsatz, und zumindest für diese Periode ist eine wissenschaftliche Untersuchung der Krematorien vollkommen legitim. Übrigens müssen auch die Verbrennungsgruben mit wissenschaftlichen Methoden erforscht werden, wobei man sich hier in allererster Linie auf die Luftaufnahmen von Birkenau aus dem Jahre 1944 stützen wird; eine solche Untersuchung führt zwangsläufig zu einer drastischen Zurechtstutzung jener Zeugenaussagen, auf die sich Piper beruft.

Hinsichtlich der Krematorien gibt Piper vor, es sei nicht möglich, ihre genaue Auslastung und Betriebsdauer zu kennen,

"weil es keine glaubwürdigen Quellen gibt, die es ermöglichen würden, den tatsächlichen Tätigkeitszeitraum der Krematorien wie auch den Nutzungsgrad ihrer potentiellen Leistungsfähigkeit zu bestimmen."

Dieses Argument führt er dann nochmals ins Feld und fügt hinzu:

"Die vom Verfasser [F. Meyer] angegebenen Betriebsunterbrechungen der Krematorien basieren auf so geheimnisvollen Informationen, daß die auch nur annähernde Ermittlung der Betriebsunterbrechungen unmöglich ist, gar nicht zu reden von ihrer Angabe bis auf den Tag genau."

Mit dieser Aussage beweist Piper, daß er die Dokumentation der Zentralbauleitung von Auschwitz im Moskauer Archiv an der Wiborg-Straße nicht kennt. Für einen Leiter der historischen Abteilung des Auschwitz-Museums ist dies nicht gerade schmeichelhaft.

Anschließend geht Piper zur Analyse der seiner Ansicht nach wesentlichsten Punkte des Meyer-Artikels über.

4. Prüfers Aktenvermerk vom 8. September 1942

Piper beginnt mit einem Aktenvermerk Kurt Prüfers, eines Oberingenieurs der Firma Topf & Söhne, vom 8. September 1942. Ebenso wie F. Meyer unterläßt er jeden Hinweis darauf, daß das Verdienst der Entdeckung dieses Dokuments Jean-Claude Pressac zukommt. Offenbar ist die feierliche Exkommunikation des französischen Forschers immer noch in Kraft!

In meinem Artikel zu F. Meyer habe ich bereits erklärt, in welchem Sinne dieses neue Dokument zu deuten ist;[15] hier begnüge ich mich damit, die Interpretation Pipers unter die Lupe zu nehmen. Dieser erhebt einen Einwand gegen Meyers Interpretation der in diesem Aktenvermerk genannten Verbrennungskapazität:

"Weitere Vorbehalte erweckt die Interpretation der in der Notiz Prüfers enthaltenen Bezeichnung Tagesleistung. F. Meyer vertrat die Ansicht, daß es um die Leistung von 24 Stunden gehe."

Piper versucht mit weitschweifigen, heillos verquasten Auslassungen zu "beweisen", daß die "Tagesleistung" sich auf eine Periode von 12 Stunden beziehe. Dabei stellt sich heraus, daß er noch nicht einmal den Artikel kennt, in dem Pressac seine Entdeckung dargelegt hat. Ich führe den relevanten Abschnitt, den ich bereits in meinem Artikel zu Meyer zitiert habe,[16] hier nochmals an:

"Die Frage der Kapazität der Krematorien von Auschwitz-Birkenau wird durch eine interne Notiz Prüfers vom 8. September 1942 beantwortet, welche die Überschrift ‚Reichsführer SS, Berlin-Lichterfelde-West, Krematorium-Auschwitz. Vertraulich! Geheim!' trägt. Dort heißt es, die drei Zwei-Muffel-Öfen des Krematorium I könnten täglich 250, die vier Drei-Muffel-Öfen des Krematorium II täglich 800, jene des Krematorium III täglich gleichfalls 800, die beiden Vier-Muffel-Öfen des Krematorium IV täglich 400 und jene des Krematorium V täglich ebenfalls 400 Leichen verbrennen (was einer Gesamtkapazität von 2.650 Leichen entspricht, die allerdings nie erreicht wurde). Diese Note des damals besten deutschen Kremierungsfachmanns zeigt, daß die am 28. Juni 1943 von der Bauleitung [richtig: Zentralbauleitung] von Auschwitz gegenüber Berlin genannte Gesamteinäscherungskapazität von 4.756 Leichen pro Tag stark übertrieben ist."

Es besteht kein Zweifel daran, daß die im Vermerk erwähnte Verbrennungskapazität sich auf eine Zeitspanne von 24 Stunden bezieht. Bezöge sie sich auf eine von 12 Stunden, so läge die Verbrennungskapazität für 24 Stunden nämlich bei 5300 Leichen, und Pressacs letzter Satz wäre schlechthin absurd: schließlich hält Pressac ja fest, die von Prüfer für einen 24-Stunden-Zeitraum genannte Kapazität von 2.650 beweise, daß die im Brief der Zentralbauleitung vom 28. Juni 1942 postulierte Kapazität von 4.756 Leichen in 24 Stunden "stark übertrieben" sei. Anstatt einfach die Quelle zu überprüfen, serviert uns Piper lieber ein seitenlanges, unsäglich wirres Geschwafel!

Pipers Deutung des betreffenden Dokuments ist überdies recht phantastisch. Er weist vor allem darauf hin, daß im "Erläuterungsbericht zum Vorentwurf für den Neubau des Kriegsgefangenenlagers der Waffen-SS, Auschwitz O/S" vom 30. Oktober 1941 steht, das für das Lager Birkenau vorgesehene neue Krematorium (das künftige Krematorium II) weise 5 Öfen mit je drei Muffeln auf, und in jeder Muffel könne man in einer halben Stunde zwei Leichen verbrennen, was einer (theoretischen) Kapazität von 1.440 Leichen binnen 24 Stunden entspricht. Daraus folgert Piper:

"Die Notiz Prüfers würde demnach den Versuch bedeuten, einen schon geschlossenen und in Ausführung befindlichen Vertrag zu ändern."

Er fügt darauf hinzu,

"daß der Vorschlag Prüfers von den Behörden der SS nicht angenommen wurde";

und schließt:

"Die Zentralbauleitung vertrat den Standpunkt, daß die früheren Festlegungen gültig waren, und führte 24 Stunden währende Betriebsversuche durch, deren Ergebnisse sie im genannten Schreiben vom 28. Juni 1943 zusammenfaßte."

In Wirklichkeit betraf der "Vertrag" zwischen der Zentralbauleitung und der Firma Topf einfach die Maschinerie des Krematoriums, wie sich dem Brief der Firma Topf an die (damalige) Bauleitung von Auschwitz vom 4. November 1941 unzweideutig entnehmen läßt:[17]

"Wir danken Ihnen bestens für den uns erteilten Auftrag auf Lieferung von

5 Topf-Dreimuffel-Einäscherungs-Öfen mit Druckluft-Anlage

2 Sarg-Einführungs-Vorrichtung mit Schienen-Anlage für Öfen

3 Topf-Saugzug-Anlagen

Rauchkanal-Anlage.

Den Auftrag nehmen wir an aufgrund unseres beiliegenden Kostenanschlages und dessen Bedingungen zum Gesamtpreis von RM 51237."

Folglich gab es erstens keinen "Vertrag" über die Dauer und Verbrennungskapazität einer Muffel, und zweitens konnte Prüfers Vermerk keinesfalls als Versuch zum Bruch dieses Phantom-"Vertrags" gedeutet werden, weil sie die Adresse "Reichsführer SS, Berlin-Lichterfelde-West" trägt und somit an das Hauptamt Haushalt und Bauten gerichtet war, welches dem Reichsführer-SS unterstand und seinen Sitz in Berlin-Lichterfeld-West, Unter den Eichen 129 hatte. Die Briefe der Firma Topf an die SS-Bauleitung von Auschwitz trugen hingegen die Adresse "an die Bauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz O/S", mit dem Zusatz "zu Händen des Herrn Bauleiter Bischoff", wenn es sich um in dessen Kompetenzbereich fallende Detailfragen wie beispielsweise die Kündigung eines eventuellen Vertrags handelte. Hätte Prüfer tatsächlich mit Bischoff einen solchen "Vertrag" abgeschlossen und ihn kündigen wollen, so hätte er sich an Bischoff selbst und nicht an Berlin gewandt!

Andererseits erscheint im Text des Prüfer-Vermerks nicht einmal ein vager Hinweis auf eine Vertragskündigung. Wie man sieht, sind der Einbildungskraft Pipers keine Grenzen gesetzt. Wild ins Kraut schießen läßt er seine Phantasie auch mit der Behauptung, der Brief der Zentralbauleitung vom 28. Juni 1943 bedeute, daß Prüfer mit seinem "Vorschlag" abgeblitzt sei und die "früheren Festlegungen", d.h. der angebliche "Vertrag", bekräftigt worden seien.

Zwischen dem zuvor erwähnten Erläuterungsbericht und dem hier zur Debatte stehenden Brief besteht zweifellos ein Zusammenhang, aber ein ganz anderer, als Piper meint.

5. Bischoffs Brief vom 28. Juni 1943

Piper befaßt sich anschließend mit dem von SS-Sturmbannführer Karl Bischoff, Leiter der Zentralbauleitung von Auschwitz, am 28. Juni 1943 verfaßten Schreiben über die Kapazität der Krematorien von Auschwitz-Birkenau. Er verweist auf die erste, anno 1957 (im Buch SS im Einsatz. Eine Dokumentation über die Verbrechen der SS, Berlin 1957) erfolgte Veröffentlichung dieses Dokuments, verschlimmert jedoch den in dieser Veröffentlichung enthaltenen Irrtum noch. Es handelt sich nämlich um eine Kopie, angefertigt von einem Archivar namens Cossens, der den Zivilangestellten Jährling für den Unterzeichner des Briefs hielt und ihm den Grad eines SS-Sturmbannführers zuschrieb. Doch Piper spricht von einem Brief von "H. (?) Bischoff stellvertretend unterzeichnet von SS-Sturmbannführer Jährling". Eine solche historische Ignoranz ist wahrhaft unglaublich. Ich rate Piper, meine Studie La "Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei Auschwitz"[18] zu lesen (von der ich dem Auschwitz-Museum seinerzeit ein Exemplar zugestellt habe), damit er künftig keine solch kolossalen Böcke mehr schießt. Schließlich weise ich darauf hin, daß das Archiv, in dem die Kopie hergestellt wurde, in Dornburg liegt und nicht in "Domburg".

Was den Inhalt des Briefs anbelangt, darf ich auf meinen Artikel "‚Schlüsseldokument' - eine alternative Interpretation. Zum Fälschungsverdacht des Briefes der Zentralbauleitung Auschwitz vom 28.6.1943 betreffs der Kapazität der Krematorien"[19] verweisen. Hier gilt es vor allem, den Grund hervorzuheben, warum Piper die in diesem Dokument genannte Kremationskapazität für völlig real, wenn nicht gar für niedriger als die in der Praxis erreichte hält:

"Bestätigt wird die Glaubwürdigkeit der im Schreiben vom 28. Juni 1943 enthaltenen Angaben durch Aussagen von Häftlingen des Sonderkommandos und des ehemaligen Lagerkommandanten R. Höß, in denen sogar noch höhere Kennziffern der Leistungsfähigkeit genannt werden."

Diese Denkweise ist wahrhaft befremdlich. Würde Piper beispielsweise einen Brief von Jean Todt entdecken, dem Ferrari-Teamchef, in dem es hieße, Michael Schumachers Ferrari F 2003 erreiche eine Geschwindigkeit von 1.600 km pro Stunde, und gäben irgendwelche "Augenzeugen" zu Protokoll, die wirkliche Geschwindigkeit sei noch höher gewesen, wären diese Angaben für Piper unbestreitbar wahr! Es fiele ihm nie ein, Ursprung und Bedeutung des Schreibens zu untersuchen, die Glaubhaftigkeit der Zeugenaussagen zu überprüfen, die Geschichte des Automobilsports zu studieren, die Struktur und Funktion der Motoren, die im Training und bei Rennen erzielten praktischen Ergebnisse. All dies wäre für ihn nichts im Vergleich zum "Dokument" und zu den "Zeugenaussagen" - zur Hölle mit der Technik!

Muß Piper jedoch zwischen "Dokument" und "Zeugenaussagen" wählen, so schenkt er letzteren blindes Vertrauen. Solche liegen denn auch seiner offiziellen Position zur Kremierungsfrage zugrunde:[20]

"Als Ergebnis verdoppelte sich die Kapazität der Krematorium beinahe und erreichte ca. 8000 Leichen innerhalb von 24 Stunden, wie sich der Aussage eines Häftlings vom Sonderkommando, Feinsilber, entnehmen läßt."

Piper zitiert des langen und breiten "Zeugenaussagen", welche die im Brief vom 28. Juni 1943 genannte wundersam hohe Verbrennungskapazität belegen sollen, doch tut er dabei nichts weiter, als Absurdität an Absurdität zu reihen. In seiner Propagandisten-Blindheit begreift er nicht, daß diese "Zeugen" nicht etwa einen "Beweis" für die inhaltliche Richtigkeit des Schreibens liefern, sondern sich ebenso hoffnungslos blamieren, wie es "Augenzeugen" täten, die behaupteten, der Ferrari 2003 habe eine Geschwindigkeit von 1.600 Stundenkilometern oder noch mehr erreicht.

6. Zwei "technische" Argumente

An zwei Stellen läßt sich Piper auf pseudotechnische Argumentationen ein, welche lediglich einen weiteren Beweis für seine klägliche Unfähigkeit liefern, die von ihm angeführten Dokumente auch nur historisch korrekt zu deuten. Im ersten Fall bezieht er sich auf den wohlbekannten Vrba-Wetzler-Bericht, zu dem er schreibt:

"A. Wetzler, ein Flüchtling aus dem KZ Auschwitz, auf den sich auch F. Meyer beruft, schreibt zwar, daß die Leichen ‚im Laufe von anderthalb Stunden restlos (d.h. einschließlich der Knochen - F.P.) verbrannten', aber das war reine Theorie. Praktisch wurden die Leichen nicht restlos verbrannt. Der Kremierungsprozeß wurde abgebrochen, d.h. man entfernte die größeren Knochen aus den Kammern, und später mußten Häftlinge des Sonderkommandos sie mit Stampfern zu Pulver zerstoßen."

Der Text des Berichts, der sich im Auschwitz-Museum befindet, beschreibt die Krematorien II und III wie folgt:[21]

"Aus der Mitte des Ofenraumes ragt ein riesiger Kamin in die Höhe. Ringsum sind 9 Öfen mit je 4 Öffnungen. Eine jede Öffnung faßt 3 normale Leichen auf einmal, welche innerhalb 1 1/2 Stunden vollkommen verbrennen. Dies entspricht einer täglichen Kapazität von etwa 2000 Leichen. [...].

Die Gesamtkapazität der 4 Krematorien in Birkenau ist somit 6000 Vergasungen und Kremationen täglich."

Rudolf Vrba und Alfred Wetzler, die beiden Verfasser des Berichts, wollten die reale Kapazität der Krematorien angeben, wobei sie sich auf von Angehörigen des sogenannten "Sonderkommandos" gelieferte Informationen stützten, so daß Pipers Einwand keinen Sinn ergibt. Aus welchem Grund hätten die Häftlinge vom "Sonderkommando", von denen Vrba und Wetzler ihre Informationen wohl erhalten hatten, eine rein "theoretische" Kremierungskapazität nennen sollen? Und wenn dem so gewesen wäre, hätte die "reale" Kapazität (bei der von Piper akzeptierten durchschnittlichen Verbrennungsdauer von nur einer halben Stunde) nicht weniger als 18.000 Einäscherungen täglich betragen! Selbst für einen grobschlächtigen Propagandatrommler vom Schlage Pipers ist dies doch ein wenig zuviel.

Pipers Behauptung wirft ein grelles Licht auf seine erbärmliche Unkenntnis der Struktur und Funktionsweise der Verbrennungsöfen von Auschwitz sowie der Technik der Kremierung. Seine Vorstellung, wonach der Kremierungsprozeß unterbrochen wurde, damit man die größten Knochen aus den Muffeln herausholen und zerkleinern konnte, kann nur Hohngelächter hervorrufen. Wie ich an anderer Stelle dargelegt habe, erfolgte der Höhepunkt der Hauptverbrennung in der Muffel nach ungefähr 55 Minuten.[22] Hätte man zu diesem Zeitpunkt die lodernden Überreste der Leichen aus der Muffel herausgezogen, so hätte diese Operation soviel Zeit beansprucht, daß sich das Schamottmauerwerk stark abgekühlt und die folgende Kremierung erheblich längere Zeit in Anspruch genommen hätte.

Es ist in der Tat kaum zu fassen, daß Franciszek Piper, Leiter der historischen Forschungsabteilung des Auschwitz-Museums, der unzählige Seiten über die Krematorien von Auschwitz-Birkenau verfaßt hat, nicht die leiseste Ahnung von der in diesen Anlagen verwendeten Kremierungstechnik hat. Er weiß nicht, daß jede Kremierung "restlos" verlief: nach der Hauptverbrennung in der Muffel fielen die Überreste des Leichnams durch ihre eigene Schwerkraft in den darunter liegenden Aschenraum, wo sie vollständig verbrannt wurden. In der Zwischenzeit schob man in die dadurch frei gewordene Muffel eine neue Leiche ein. Die Firma Topf hatte also ein Vorgehen ersonnen, das ein wenig praktischer war als die Phantasiemethode F. Pipers!

Einen zweiten verunglückten Abstecher auf das Feld der Technik unternimmt Piper, indem er schreibt:

"Die unterirdischen Räume der Krematorien, die seit ihrer Inbetriebnahme als Gaskammern verwendet wurden, sollten diese Rolle schon in Übereinstimmung mit den ältesten Entwürfen dieser Objekte spielen, d.h. spätestens ab Januar 1942, als in den Plänen im Falle der Krematorien II und III anstatt nur eines Raumes dann zwei von unterschiedlicher Größe (einer doppelt so groß wie der andere) und mit unterschiedlichen Ventilationsanlagen auftauchten, in einem nur mit Belüftung (Auskleideraum), im zweiten Raum doppelt so starke Be- und Entlüftungsanlagen, obwohl dieser Raum (die Gaskammer) nur halb so groß war wie der erste (der Umkleideraum)."

Laut Piper besaß der Leichenkeller 1 (die angebliche Gaskammer) also eine doppelt so hohe Ventilationskapazität wie der Leichenkeller 2 (der angebliche Auskleideraum). Auch dies stellt einen Beweis für seine jeder Beschreibung spottende Ignoranz auf historisch-dokumentarischem Gebiet dar. In Wahrheit waren, wie ich anderswo dargelegt habe,[23] für den Leichenkeller 1 (der angeblichen Gaskammer) pro Stunde 9,49 Luftumwälzungen vorgesehen und für den Leichenkeller 2 (dem angeblichen Auskleideraum) deren 11,08, so daß der "Auskleideraum" besser ventiliert war als die "Gaskammer"!

Die bisherigen Ausführungen dürften wohl ausreichen, um die Essenz der von Piper angewandten Methode zu beleuchten. Sie läßt sich lapidar wie folgt zusammenfassen: Sowjetpropaganda, abergläubisches Vertrauen zu den Zeugenaussagen, Abscheu vor der Technik.

7. Die Replik Fritjof Meyers

Die Replik F. Meyers ist inhaltlich auch nicht viel besser als die Kritik F. Pipers. Mit Meyers erstem, im Mai 2002 erschienenen Artikel zu Auschwitz habe ich mich bereits früher auseinandergesetzt,[24] und ich habe meinen damaligen Bemerkungen nichts hinzuzufügen. Deshalb verzichte ich hier auf ein nochmaliges Eingehen auf seine Argumente und weise statt dessen auf seine Praxis hin, sich immer stärker auf revisionistische Quellen und Argumentationsstrukturen zu stützen, ohne freilich die revisionistischen Autoren, von denen er "seine" Argumente hat, zu zitieren; statt dessen legt er ihnen gegenüber kaum verhohlene Verachtung an den Tag.

Was mich persönlich betrifft, so bin ich der Urheber "seiner" zentralen Argumentationsgrundlage, die Kapazität und Anzahl der Betriebstage der Birkenauer Krematorien in den Mittelpunkt stellt; auch etliche Argumente gegen Piper verdankt Meyer mir, was ihn aber nicht daran hindert, mich mit herablassender Arroganz zu behandeln. Pipers Kritik an seinem Aufsatz ist für ihn "die erste ernsthafte Auseinandersetzung" mit diesem, womit er unterstellt, mein oben zitierter Artikel sei nicht "ernsthaft". Doch nicht genug damit: Er spricht von mir, ohne mich mit Namen zu nennen (vor dem Großinquisitor Piper wäre dies ja ein grauenhaftes Sakrileg!), tut mich statt dessen verächtlich als "Auschwitz-Leugner" ab und verdreht sogar eines meiner Argumente! Er schreibt nämlich:

"Ein italienischer Auschwitz-Leugner hat immerhin das von mir zitierte, von ihm angezweifelte Dokument über den Umbau der beiden Bauernhäuser ‚für Sondermaßnahmen', nämlich zum Massenmord, soeben publiziert (wenn auch mit der lapidaren Erklärung: ‚Es besteht kein Zweifel daran, daß diese Gebäude als Magazine dienten.')."

Meyer bezieht sich hier auf mein Buch "Sonderbehandlung" ad Auschwitz. Genesi e significato,[25] das unlängst in deutscher Übersetzung erschienen ist[26] und das er ungeniert plündert, doch selbstverständlich ohne seinen Titel und Autor je zu nennen. Im vorliegenden spezifischen Fall hat Meyer "vergessen", folgenden Teil meiner Argumentation hinzuzufügen:[27]

"Es besteht kein Zweifel daran, daß diese Gebäude als Magazine dienten. In beiden zitierten Dokumenten werden sie gleich anschließend an das BW 33 erwähnt, das aus 30 Effektenbaracken bestand (im Lagerjargon nannte man diesen Magazinkomplex ‚Kanada'). Überdies tragen die drei Baracken des Bauabschnitts III im Erläuterungsbericht die Bezeichnung BW 33a. Auch bei der Aufteilung der zum Lager Birkenau gehörenden Bauwerke wird das BW 33a als aus ‚3 Baracken für Sondermaßnahmen' bestehend beschrieben, so daß diese jedenfalls einen Nebenbauplatz der Effektenbaracken darstellten."

Die Beweisführung erstreckt sich weiter über eine ganze Seite - die zu zitieren mir hier nicht notwendig scheint - und erhärtet, daß sich diese Baracken im Bauabschnitt III von Birkenau befunden haben.

Rekapitulieren wir: Diese Baracken "für Sondermaßnahmen" bildeten das Bauwerk 33a und waren somit ein Unterabschnitt der BW 33-Effektenbaracken, so wie das "BW 11a-Neuerstellung Schornstein Krem. K.L." ein Unterabschnitt des "BW 11-Krematorium" war, und gehörten zum Bauabschnitt III (während die außerhalb des Lagergeländes befindlichen Bauwerke der Rubrik "Außenanlagen" zugeordnet wurden).

F. Meyer tut meine Beweisführung nicht nur ab, als hätte ich eine apodiktische, unbewiesene Behauptung (eine "lapidare Erklärung") aufgestellt, sondern postuliert entgegen aller Evidenz weiterhin fälschlich, die betreffenden Baracken seien mit den sogenannten "Bunkern" von Birkenau identisch.

Zum Bischoff-Brief vom 28. Juni 1943 schreibt Meyer:

"Das Original ist nicht unterschrieben, weil es sich nur um einen Entwurf handelte, der offenkundig gerade nicht abgesandt wurde. Denn er stützt sich auf den Bau-Erläuterungsbericht vom 30. Oktober 1941, welcher überholt war, und läuft den ersten praktischen Erfahrungen zuwider. Das belegt nun mein ‚crucial document', der Brief des Ingenieurs Kurt Prüfer vom 8. September 1942."

Es ist klar, daß Meyer hier verstohlen auf einen bereits zitierten Artikel aus meiner Feder anspielt,[28] doch habe ich auch erklärt, in welcher Beziehung dieses Dokument mit dem Erläuterungsbericht vom 30. Oktober 1941 steht und warum in diesem eine derart überhöhte, technisch unmögliche Kremierungskapazität angegeben wird. Meyer hingegen führt hier noch nicht einmal eine "lapidare Erklärung" ins Feld, sondern postuliert einfach, die im Brief angegebenen Daten seien "irrig", jedoch ohne dies zu begründen.

Fassen wir zusammen: F. Piper behauptet dogmatisch, die im Brief genannte Kremierungskapazität sei real (wenn nicht sogar niedriger als die wirkliche); F. Meyer behauptet nicht minder dogmatisch, sie sei nicht real; keiner der beiden liefert den geringsten Beweis für seine Behauptung.

In Wirklichkeit kommt dem Aktenvermerk Prüfers vom 8. September 1942, auf den sich Meyer beruft, keine größere Beweiskraft zu als dem Bischoff-Brief vom 28. Juni 1943.[29]

F. Meyer führt eine neue "Bekräftigung" seiner These an:

"Das Resultat auf Grund der praktischen Ergebnisse findet sich denn auch noch einmal in einem zweiten Brief Prüfers vom 15. November 1942, Staatsarchiv Weimar 2/555a, Dossier Prüfer, nach Pressac/van Pelt in: Gutman/Berenbaum, S.212: täglich 800 Körper je großem Krematorium."

Tatsache ist, daß im betreffenden Brief jeglicher Hinweis auf die Kremierungskapazität fehlt; Prüfer begnügt sich dort mit folgenden Angaben zu den beiden Dreimuffelöfen des Krematoriums von Buchenwald:[30]

"Der erste Ofen hat bereits eine große Anzahl Einäscherungen hinter sich, die Arbeitsweise des Ofens und demzufolge die Neukonstruktion hat sich bewährt u. ist einwandfrei. Die Öfen leisten 1/3 mehr, als von mir überhaupt vorgesehen war."

Die Verbrennungskapazität von 800 Leichen täglich ist also eine reine Mutmaßung Pressacs, und zwar eine falsche, weil Prüfer hier vom Brennstoffverbrauch der Öfen und nicht von der Kremierungsdauer spricht.[31] F. Meyer erhebt anschließend folgenden Einwand gegen F. Piper:

"Auf Jährlings Angabe eines täglichen Koksverbrauchs von 7840 kg hatte ich verzichtet, obwohl sie bei 1440 Verbrennungen mit unrealistischen 5,5 kg je Leichnam meine Zahlen bestätigen würde."

Auf welcher Grundlage beruht Meyers Aussage, daß ein Koksverbrauch von 5,5 kg pro Leiche "unrealistisch" sei? Einzig und allein auf meinem Artikel "Die Krematoriumsöfen von Auschwitz-Birkenau",[32] den er in seinem ersten Artikel immerhin in einer Fußnote zitiert hat, in seiner Antwort an Piper jedoch nur stillschweigend voraussetzt. Wir haben zuvor gesehen, daß Piper in seiner schier unfaßbaren Ignoranz der Dokumentation der Zentralbauleitung von Auschwitz behauptet, es lägen keine Dokumente vor, die eine Berechnung der Betriebstage der Krematorien ermöglichten. Meyer kontert dieses Argument wie folgt:

"Zur Betriebszeit der Krematorien (971 Tage in Krematorien I und II, 359 Tage in III und IV) bezichtigt Piper mich der Spekulation. In meinem Artikel, Fn.19, habe ich die Quelle angegeben. Sie stützt sich auf folgende im APMO aufbewahrten Unterlagen: Aktenvermerk v. 17.3.1943 über Beschädigung Kr.I, Dokument BW 30/7/34, S.54; Zentralbauleitung an Topf v. 17.7.1943 über Reparaturen vor der Vollendung, BW 30/34, S.17; Risse am Ofen des Kr.III, BW 30/34, S.42; Schornstein Kr. I und III beschädigt laut Telegramm an Topf v. 14.5.1943, BW 30/34, S.41f.; 20 Ofentüren von Kr.I und II vom 21.10.1943 bis 27.1.1944 sowie vom 3.4. bis 17.10.1944 reparaturbedürftig, Dpr.-Hd/11a, S.95f.; 7 Ofentüren vom 20.6. bis 20.7.1944 reparaturbedürftig, Czech S.789."

Hier übernimmt er einfach meine Quellen, meine Argumente und meine Berechnungen![33]

Ich benutze diese Gelegenheit, um Herrn Meyer darüber zu informieren, daß ich in der letzten (anhand neuer Dokumentenfunde auf den neusten Stand modifizierten) Version meines von ihm ungeniert geplünderten Artikels für die Krematorien II und III auf 888 Betriebstage (oder, genauer gesagt, mögliche Betriebstage) und für die Krematorien IV und V auf 276 Betriebstage komme.[34] Er wird dort auch die Archivreferenznummern finden, damit er sich auch in seinem nächsten Artikel mit fremden Federn schmücken kann.

Gehen wir zum nächsten Punkt über. F. Meyer gibt an, 110.000 ungarische Juden seien in andere Konzentrationslager überstellt worden - was ist seine Quelle? Piper meint, Meyer habe diese Information einem Buch von A. Strzelecki entnommen,[35] doch Meyer verneint dies:

"Für die Überstellung von 110000 Juden aus Ungarn in andere Konzentrationslager nenne ich in erster Linie Gerlach/Aly als Quelle, was Piper ignoriert, wobei er mich aber der Manipulation bezichtigt. Er zitiert nur Strzeleckis Zahlen, aber nicht genau: Strzelecki nennt in seinen Listen (S. 349ff.) für Mai bis Oktober 1944 exakt 104550 Häftlinge, ‚die registriert [und] nach anderen Konzentrationslagern verlegt wurden'."

Es trifft durchaus zu, daß Strzelecki von rund 104.000 Überstellten spricht (genauer gesagt, von 104.820),[36] doch wie aus den anschließenden Tabellen hervorgeht,[37] umfaßt diese Ziffer alle Häftlinge, Juden und Nichtjuden, und keinesfalls bloß die ungarischen Juden. F. Meyer zitiert auch folgende Fußnote Strzeleckis:[38]

"Im Zeitraum Mai-Oktober 1944 gingen ohne Registrierung mehrere Zehntausend, höchstwahrscheinlich bis zu 100-tausend jüdische Häftlinge durch das Lager Birkenau."

Aber in dieser Zahl sind auch andere Kategorien unregistrierter Juden enthalten, z.B. jene aus Lodz. Andererseits: Wie kann man die Zahl von 110.000 von diesen niedrigeren, von 100.000 bis 104.550 (104.920) ableiten?

Die Lösung des Rätsels ist ganz einfach: Meyer hat nichts anderes getan, als die von mir angeführte Zahl von 106.700 arbeitsfähigen registrierten oder nichtregistrierten und ins Birkenauer Durchgangslager eingewiesenen ungarischen Juden zu zitieren.[39]

Meyer kritisiert die von Piper behaupteten Zahlen aus Polen nach Auschwitz deportierter Juden und zählt anschließend rund dreißig erfundene Transporte polnischer Juden nach Auschwitz auf, die er ganz einfach meinem bereits erwähnten Artikel gegen Piper entnommen hat![40] Des weiteren schreibt er:

"Inzwischen haben sich im Moskauer Archiv die Bestellzettel für 22 ‚gasdichte' Türen der Entwesungsbaracken, davon zwei für die zugehörigen Saunen, finden lassen."

Diese Entdeckung hat er meinem Buch Sonderbehandlung in Auschwitz[41] entnommen, ebenso wie folgendes Zitat auf einem in Moskau von Jürgen Graf und mir vorgefundenen Aktenvermerk vom 22. Mai 1943:

"Dazu kam in letzter Zeit die Lösung der Judenfrage, wofür die Voraussetzung für die Unterbringung von zunächst 60000 Häftlingen, die innerhalb kurzer Zeit auf 100000 anwächst, geschafft werden mußte. Die Insassen der Lager sind überwiegend vorgesehen für die in der Nachbarschaft erwachsende Großindustrie. Das Lager birgt in seinem Interessengebiet verschiedene Rüstungsbetriebe, wofür regelmäßig die Arbeitskräfte zu stellen sind."

Dieses zuvor unbekannte und unpublizierte Dokument ist erstmals von mir veröffentlicht worden,[42] wie übrigens auch jenes über die 22 gasdichten Türen. Meyer hat sich auch mein - zuvor dargelegtes - Argument bezüglich der Ventilation der Leichenkeller 1 und 2 zu eigen gemacht; er schreibt nämlich:

"Laut Rechnung der Fa. Topf vom 22.2.1943 (Moskauer Archiv 502-1-327) hatte der Entkleidungskeller einen Drehstrommotor von 5,5 PS für die Entlüftung, der B-Keller zwei Drehstrommotoren von je 3,5 PS für die Be- und für die Entlüftung. Demnach war die (technisch ohnehin kontraproduktive) Entlüftung des zum Gasmord vorgesehenen B-Kellers schwächer als jene in dem zur Entkleidung der Opfer vorgesehenen, doppelt so großen Kellerraum."

Hier hat er nichts weiter getan, als die Leistung der Motoren, welche er auf der Fotokopie der von mir publizierten erwähnten Rechnung fand,[43] an die Stelle der von mir berechneten Anzahl Luftumwälzungen zu setzen; dies ist zwar eine nicht ganz zulässige Vereinfachung, ändert aber nichts daran, daß Meyer mein Argument und meine Schlußfolgerung[44] übernimmt:

"Dementsprechend wurde die Gaskammer weniger ventiliert als der Entkleidungsraum!"

Eine der willkürlichsten Thesen Fritjof Meyers besteht darin, daß die angeblichen Gaskammern der Krematorien zu experimentellen Menschenvergasungen (also nicht zu Massenvergasungen!) benutzt worden seien. Den diesbezüglichen Einwänden Pipers wußte er nichts weiter entgegenzusetzen, als daß

"echte Brausen und Entwesungsöfen [...] in den Krematorien installiert worden [waren]."

Dabei gibt er lediglich verzerrt wieder, was ich in meinem Beitrag "Leichenkeller von Birkenau: Luftschutzräume oder Entwesungskammern?"[45] geschrieben habe, in dem sich in der Tat ein Absatz mit der Überschrift "Dokumente mit Hinweisen auf hygienisch-sanitäre Einrichtungen in den Krematorien von Birkenau" befindet.[46]

Leider erschien mein Artikel "Die Leichenkeller der Krematorien von Birkenau im Lichte der Dokumente"[47] zu spät, als daß ihn F. Meyer bei seiner Replik auf Piper bereits hätte auswerten können. Doch keine Sorge: Ohne Zweifel wird er in seinem nächsten Aufsatz die darin genannten Dokumente ausgiebig und mit präzisen Archivreferenznummern zitieren, jedoch kein Wort über meinen Artikel verlieren, dem er seine Informationen entnommen hat...

Der Streit zwischen F. Piper und F. Meyer birgt freilich auch positive Aspekte: Sie beide - der eine mit seiner plumpen Sowjetpropaganda, der andere mit seinem konfusen Halbrevisionismus - werten die revisionistischen Methoden und Argumente auf, weil der niveaumäßige Unterschied zwischen diesen zwei auf der einen und den Revisionisten auf der anderen Seite nur allzu offensichtlich ist.

Nachtrag

Ein bedeutender Fund, den ich nach Abfassung des vorliegenden Artikels machte, ermöglicht es mir, ihn um diesen Nachtrag zu ergänzen.

Aussage Rudolf Höß' im Krakauer Prozeß gegen ihn.

Zunächst einige Worte zur Vorgeschichte. In einem anno 2002 erschienenen Buch weist Robert Jan van Pelt auf die englische Übersetzung eines langen Auszugs aus den Akten des Höß-Prozesses (11.-29. März 1947) hin, laut dem der ehemalige Auschwitz-Kommandant u.a. folgendes ausgesagt haben soll:[48]

"Es konnten keine Verbesserungen an den Krematorien vorgenommen werden. Nach acht bis zehn Stunden Betrieb waren die Krematorien nicht imstande, weiter zu funktionieren. Es war unmöglich, sie ununterbrochen in Betrieb zu halten." (Rückübersetzung aus dem Englischen.)

Fritjof Meyer hat diese Information "von nicht weniger als sensationellem Charakter" aufgegriffen und (zusammen mit dem von Jean-Claude Pressac entdeckten Brief Kurt Prüfers vom 8. September 1942) als Grundlage seiner Revision der Anzahl der Auschwitz-Opfer benutzt. Er schrieb:[49]

"Eine zweite überraschende Information liefert van Pelt nun mit der Veröffentlichung einer Aussage von Höß im Kreuzverhör vor dem Krakauer Gericht 1947: 'Nach acht oder zehn Stunden Betrieb waren die Krematorien für eine weitere Benutzung unbrauchbar. Es war unmöglich, sie fortlaufend in Betrieb zu halten.'"

F. Meyer geht dementsprechend von einer durchschnittlichen neunstündigen Tagesbetriebszeit der Krematorien aus und legt dieser seinen Berechnungen zugrunde, mit den Konsequenzen, die ich in meinem Artikel "Die neuen Revisionen Fritjof Meyers" dargelegt habe. Bezüglich dieser außergewöhnlichen Information schrieb ich:[50]

"Diese angebliche Erklärung von Rudolf Höß könnte die Frucht eines Mißverständnisses oder Übersetzungsfehlers sein."

Erst unlängst habe ich in meinen Unterlagen den polnischen Text der betreffenden Aussage von Rudolf Höß gefunden, die wie folgt lautet:[51]

"W kremariacł[[52]] nie można było zaprowadzić żadnych ulepszeń. Krematoria po zużytkowaniu dla spalenia w ciągu 8 do 10 tygodni same przez się były niezdatne do dalszego użytku, tak że było rzeczą niemożliwą przeprowadzać w tym poszczególnych krematoriach pracę ciągłą."

Zu Deutsch:

"Bei den Kremierungen konnte man keinerlei Verbesserungen vornehmen. Nach acht- bis zehnwöchigem Einsatz zur Verbrennung waren dieselben unbrauchbar zur weiteren Verwendung, so daß es ein Ding der Unmöglichkeit war, in diesen einzelnen Krematorien eine fortdauernde Arbeit durchzuführen."

Somit enthält die Übersetzung R.J. van Pelts einen Irrtum ("Stunden" statt "Wochen"), der den Sinn der Aussage vollkommen entstellt und F. Meyers Annahme und Berechnungen gänzlich wertlos macht.

Das Unglaublichste an dieser Sache ist das Verhalten F. Pipers, der auf F. Meyers Argument wie folgt antwortete:[53]

"Die Behauptung, daß der Betrieb der Krematorien auf 9 Stunden pro 24 Stunden begrenzt gewesen sei, steht im Widerspruch zu erhaltenen Unterlagen des Lagers und zu Berichten von Zeugen, darunter von Rudolf Höß, aus denen hervorgeht, daß die Krematorien, wenn nötig, auch 24 Stunden lang in Betrieb waren."

Somit hat F. Piper die Richtigkeit der angeblichen Erklärung von R. Höß, so wie sie von R.J. van Pelt zitiert und von F. Meyer übernommen wurde, anerkannt, was bedeutet, daß er sich noch nicht einmal die Mühe gemacht hat, die Quelle zu überprüfen, obgleich er dazu berufen gewesen wäre wie kein zweiter. Ein weiteres bezeichnendes Beispiel für Franciszek Pipers "Professionalität"!


Anmerkungen

[1]VffG, 7(1) (2003), S. 20.
[2]Siehe Pipers Rezension des Pressac-Buchs Les crématoires d'Auschwitz in: Zeszyty Oświęcimskie, Nr. 21, 1995, S. 309-329.
[3]VffG 7(3&4) (2003), S. 406-414.
[4]Die beiden Artikel wurden auf der Website des Informationsdienstes gegen Rechtsextremismus publiziert: http://www.idgr.de/texte/geschichte/ns-verbrechen/fritjof-meyer/index.php
[5]G. Wellers, Essai de détermination du nombre de morts au camp d'Auschwitz, in: "Le Monde Juif", n. 112, Oktober-Dezember 1983
[6]Die von mir genannte Ziffer von 1.334.700, die ich im Artikel "Die Viermillionenzahl von Auschwitz: Entstehung, Revisionen und Konsequenzen" angebe, aaO. (Anm. [1]), S. 19, umfaßt nur die angeblich Vergasten.
[7]Ebd., S. 18.
[8]F. Piper, Estimating the Number of Deportees to and Victims of the Auschwitz-Birkenau Camp, in: Yad Vashem Studies, XXI. Jerusalem 1991, S. 49-103.
[9]Ebenda, S. 98.
[10]Ebenda, S. 49.
[11]Siehe hierzu z. B. meinen Artikel "Auschwitz: Gasprüfer und Gasrestprobe", in: VffG 7(3&4) (2003), S. 380-385.
[12]Unklar ist, weshalb Piper 547,5 Betriebstage der Krematorien ansetzt statt 547 wie in der vorhergehenden Berechnung.
[13]F. Piper, "Gas Chambers and Crematoria", in: Yisrael Gutman and Michael Berenbaum Editors, Anatomy of the Auschwitz Death Camp. Indiana University Press, Bloomington and Indianapolis 1994, S. 164.
[14]Ebenda, S. 164 und 173.
[15]"Die neuen Revisionen Fritjof Meyers", VffG, 6(4) (2002), S. 379-381.
[16]Ebenda, S. 380.
[17]RGVA (Rossiiskii Gosudarstvennii Vojennii Archiv, Moskau), 502-313, S. 81.
[18]Edizioni di Ar, 1998.
[19]VffG, 4(1) (2000), S. 50-56.
[20]F. Piper, "Gas Chambers and Crematoria", aaO. (Anm. [13]), S. 166.
[21]APMO (Archiwum Państwowego Muzeum w Oświęcimiu), RO, t XXa, S. 26-27. (Sygn. D-RO/129).
[22]"The Crematoria Ovens of Auschwitz and Birkenau", in: G. Rudolf (Hg.), Dissecting the Holocaust. The Growing Critique of "Truth" and "Memory", 2. Aufl., Theses & Dissertations Press, Chicago 2003, S. 395.
[23]"Auschwitz: Das Ende einer Legende", in: H. Verbeke (Hg.), Auschwitz: Nackte Fakten. Eine Erwiderung an Jean-Claude Pressac, Stiftung Vrij Historisch Onderzoek, Berchem, 1995, S. 133-135.
[24]"Die neuen Revisionen Fritjof Meyers", aaO. (Anm. [15]), S. 378-385.
[25]Edizioni di Ar, Padova 2000.
[26]Sonderbehandlung in Auschwitz. Entstehung und Bedeutung eines Begriffs, Castle Hill Publishers, Hastings, 2003.
[27]Ebenda, S. 68-69.
[28]"‚Schlüsseldokument' - eine alternative Interpretation. Zum Fälschungsverdacht des Briefes der Zentralbauleitung Auschwitz vom 28.6.1943 betreffs der Kapazität der Krematorien", VffG 4(1) (2000), S. 51-56.
[29]"Die neuen Revisionen Fritjof Meyers", aaO. (Anm. [15]), S. 379-380.
[30]Originaltext und Transkription in: J.-C. Pressac, Auschwitz: Technique and operation of the gas chambers, B. Klarsfeld Foundation, New York 1989, S. 98f.
[31]Siehe "Auschwitz: Das Ende einer Legende", aaO. (Anm. [23]), S. 104-114.
[32]In E. Gauss (Hg.), Grundlagen zur Zeitgeschichte. Ein Handbuch über strittige Fragen des 20. Jahrhunderts. Grabert Verlag, Tübingen 1994, S. 281-320; insbesondere S. 297.
[33]Ebenda, S. 308-310, "Der Betrieb der Krematorien von Birkenau".
[34]"The Crematoria Ovens of Auschwitz and Birkenau", aaO. (Anm. [22]), S. 403-405.
[35]A. Strzelecki, Endphase des KL Auschwitz. Evakuierung, Liquidierung und Befreiung des Lagers.Verlag Staatliches Museum in Oświęcim-Brzezinka, 1995.
[36]Mai: 6.520, Juni: 15.300, Juli: 17.500, August: 18.500, September: 20.500, Oktober: 26.500.
[37]A. Strzelecki, aaO. (Anm. [35]), S. 353-359.
[38]Ebenda, S. 352.
[39]"Die Deportation der ungarischer Juden von Mai bis Juli 1944. Eine provisorische Bilanz", in. VffG, 5(4) (2001), S. 385.
[40]"Die Viermillionenzahl von Auschwitz: Entstehung, Revisionen und Konsequenzen", aaO. (Anm. [1]), S. 21-22.
[41]Sonderbehandlung in Auschwitz. Entstehung und Bedeutung eines Begriffs, aaO. (Anm. [26]), S. 53-55.
[42]Ebenda, S. 58f. sowie S. 142.
[43]"Auschwitz: Das Ende einer Legende", aaO. (Anm. [23]), S. 138f.
[44]Ebenda, S. 135.
[45]VffG, 4(2) (2000), S. 152-158.
[46]Ebenda, S. 156-158.
[47]VffG 7(3&4) (2003), S. 357-380.
[48]R.J. van Pelt, The Case for Auschwitz. Evidence from the Irving Trial, Indiana University Press, Bloomington and Indianapolis 2002, S. 262.
[49]F. Meyer, "Die Zahl der Opfer von Auschwitz. Neue Erkenntnisse durch neue Archivfunde", in: Osteuropa. Zeitschrift für Gegenwartsfragen des Ostens, Nr. 5, 2002, S. 635f.; vgl. online www.vho.org/D/Beitraege/FritjofMeyerOsteuropa.html
[50]VffG, 6(4) (2002), S. 381.
[51]Siehe beiliegendes Dokument. Quelle: Höß-Prozeß, Band 26b, S. 169f.
[52]Schreibfehler für "kremacjach".
[53]F. Piper, "Fritjof Meyer, 'Die Zahl der Opfer von Auschwitz. Neue Erkenntnisse durch neue Archivfunde', Osteuropa, 5/2002 (Jg. 52), S. 631-641 (Rezensionsbeitrag - 2.XII.2003)," in: Informationsdienst gegen Rechtsextremismus, http://www.idgr.de/texte/geschichte/ns-verbrechen/fritjof-meyer/index.php.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 8(1) (2004), S. 68-76.


Zurück zum Inhaltsverzeichnis