Wissenschaftler gegen Wissenschaft

Von Carl O. Nordling

Mein Leitbild: Robert Faurissons "Genauigkeit"

Ich bin Schwede und wurde 1919 in Finnland geboren. Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich in mehreren Kleinstädten im schwedischsprachigen Gürtel entlang dem Finnischen Meerbusen. Als Angehöriger einer etwas zur Seite gedrängten Minderheit erkannte ich schnell die Bedeutung gesetzlich verbürgter Rechte für das Individuum innerhalb einer Gemeinschaft. Ich wurde ein leidenschaftlicher Gegner von Totalitarismus und Diktatur. Ich war besonders entrüstet über die nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland, die, so gut sie auch für die große Mehrheit der Wähler war, manchen deutschen Bürgern elementare Grundrechte verweigerte. Hitlers Besetzung von Böhmen und Mähren und sein Angriff auf Polen, der den Zweiten Weltkrieg auslöste, steigerte meine Aversion bis zum Äußersten. Mir wurde klar, daß ein großer Teil Europas schnell in die Hände eines völlig unverantwortlichen Diktators fallen könnte.

Bald darauf wurde aber mein eigenes Land in gleicher Weise durch einen anderen Diktator getroffen, der genauso schlimm erschien. Wir alle, Finnen und Finnland-Schweden gleichermaßen, versuchten unser Bestes, unser Land nicht an den Feind zu verlieren. Ich selbst diente in der finnischen Zivilverteidigung im Winterkrieg 1939-40 und später im Folgekrieg 1941 und 1944 in der finnischen Küstenverteidigung. Ich war nicht eingezogen worden, aber ich hielt es für wichtig, daß Finnland die Gebiete zurückerhielt, die meinem Land gesetzwidrig abgenommen worden waren.

Vor dem Krieg und zwischen meinen Dienstzeiten studierte ich Architektur und Stadtplanung in Helsinki und Stockholm. Als der Krieg zu Ende war, erfuhr ich, daß die Deutschen sechs Millionen Juden, zusammen mit einer Menge Nichtjuden, ausgerottet hatten. Ich meinte, daß der völlig verantwortungslose Hitler die völlige Kontrolle über jeden Mann und jede Frau in dem von Deutschen kontrollierten Gebiet hatte, daher akzeptierte ich natürlich die Darstellung, daß er die Ausrottung aller Juden in diesem Gebiet befohlen habe, und daß dieser Befehl von seinen gehorsamen Untertanen ausgeführt worden sei.

Nach dem Krieg arbeitete ich als Stadtplaner, hauptsächlich mit Untersuchungen in Zusammenhang mit Bauleitplänen, Enteignungen großer Anwesen usw. Ich hielt es für notwendig, bei dieser Art von Arbeit eine Art wissenschaftliche Methode anzuwenden. Ich bekam bald Interesse für die Naturwissenschaften im allgemeinen, und ich habe mehrere Artikel über wissenschaftliche Probleme veröffentlicht, insbesondere nach meiner Pensionierung. Mir wurde klar, daß die naturwissenschaftliche Methodik auch auf die Geschichtsforschung angewendet werden kann und tatsächlich notwendig ist, wenn man herausfinden will, was in der Vergangenheit geschehen ist. Viel zu viele Historiker ergehen sich im Sinnieren über Ursachen und Folgen irgendwelcher als "Tatsachen" aufgefaßter Geschehnisse, ohne sicherzustellen, ob sich diese überhaupt ereignet haben. Irgendwann in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts hörte ich Gerüchte über Historiker, die den deutschen Mord an sechs Millionen Juden infragegestellt hatten. Mir wurde klar, daß ich nie einen detaillierten Bericht gesehen hatte, in dem Einzelheiten über Zeit, Ort und Methode dieses monströsen Verbrechens angegeben waren. Ich begann also, nach einer derartigen Darlegung Ausschau zu halten und fand das große Werk, das Paul Hilberg[1] geschrieben hat, und das meine Bedürfnisse zu befriedigen schien. Ein sorgfältiger Durchgang von Hilberg zeigte jedoch, daß seine Zahlen nur Vermutungen waren, und ich mußte nach weiteren Büchern suchen. Bald stieß ich auf ein Buch, durch das ich mit einem gewissen Professor Robert Faurisson bekannt wurde. Obwohl er nicht alle Fragen beantworten konnte, wurde mir klar, daß seine Methode zur Lösung komplizierter historischer Fragen gewiß die richtige war. Je mehr ich seine Schriften gelesen habe, um so mehr bewundere ich die strenge Genauigkeit, die sein Kennzeichen ist. Ich habe diese Genauigkeit auch zu meinem Ideal gemacht.

Wenngleich ich meist in anderen Bereichen als der nationalsozialistischen Judenverfolgung Forschung betrieb, wurde mir klar, daß auch ich auf diesem Gebiet etwas beitragen könne. Ich machte es mir einfach zur Aufgabe, in der Encyclopedia Judaica alle biographischen Daten über jüdische Personen zu sammeln, die im Zweiten Weltkrieg unter deutscher Herrschaft lebten. So konnte ich sicherstellen, was zumindest mit einer abgegrenzten Gruppe geplanter Opfer tatsächlich passiert war.[2] Im nachfolgenden versuche ich aufzuzeigen, wie manche Historiker und Naturwissenschaftler selbst die elementarsten Regeln ihres eigenen Berufsstandes mißachtet haben - in deutlichem Unterschied zur Vorgehensweise von Robert Faurisson.

Einleitung

Die Menschheit verfügt schon seit etwa 2000 Jahren über die Voraussetzungen um zu erkennen, daß die Erde eine Kugel ist, die sich um ihre Achse dreht. Man weiß, daß der griechische Philosoph Ekphantos im 4. Jahrh. v. Chr. zu dieser Auffassung gelangt ist. Natürlich mögen auch viele andere im Lauf dieser 2000 Jahre zu dieser Schlußfolgerung gelangt sein. In diesem Falle war keiner von ihnen kühn genug, seine Meinung und die Gründe dafür öffentlich kundzutun. Statt dessen hielten sowohl Laien wie auch Astronomen an einer Theorie fest, die nicht so gut mit den Beobachtungen übereinstimmte, die aber von Autoritäten wie Aristoteles und der Katholischen Kirche aufrechterhalten wurde. Es wird gemeinhin angenommen, daß ein derartiger Autoritätsglaube und Glaube an "notorische Tatsachen" nur vergangenen Zeiten angehörte. Das ist jedoch durchaus nicht der Fall.

Es stimmt, daß sowohl Kopernikus (1473-1543) wie auch Galileo Galilei (1564-1642) es nach einigem Zögern wagten, zugunsten von Ekphantos' Theorie zu argumentieren. Aber selbst nach ihrer Zeit haben viele Wissenschaftler und Gelehrte Trugschlüsse und Fälschungen akzeptiert, obwohl sie eigentlich über die Kenntnisse verfügten, um sie zu entlarven. Hexenprozesse wurden weiterhin über Jahrhunderte hinweg abgehalten. Noch 1757-1763 fand einer in Schweden statt - das war 80 Jahre, nachdem der schwedische Doktor Urban Hiärne (1641-1724) aufgezeigt hatte, daß die Geständnisse nicht auf tatsächlichen Ereignissen beruhten. Andere Wissenschaftler und Gelehrte mögen erkannt haben, daß Hiärne recht hatte, aber sie hüllten sich in Schweigen.

In den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts erlangten Mikroskope ein so hohes Auflösungsvermögen, daß man die Anzahl der Chromosomen in den Zellen verschiedener Tiere zählen konnte. Es zeigte sich, daß die meisten Säugetiere in jeder Zelle 48 Chromosomen hatten. Die Bestimmung der genauen Zahl war immer noch ein bißchen schwierig, und jemand berichtete, auch in menschlichen Zellen 48 Chromosomen gesehen zu haben. Und, da der Mensch letztendlich ein Säugetier ist, sollte er wohl die gleichen Grundeigenschaften wie seine Verwandten haben. Also wurde die Zahl 48 eine 'Tatsache' und diese Zahl wurde in allen Nachschlagewerken und biologischen Arbeiten bis weit in die 50er Jahre hinein aufgeführt. Zu dieser Zeit gab es bereits massenhaft Mikroskope mit einem viel besseren Auflösungsvermögen. Viele Forscher müssen die Chromosomen in menschlichen Zellen betrachtet und gezählt haben. Sie müssen zur Zahl 46 gelangt sein - und strengstes Stillschweigen über ihre Entdeckung bewahrt haben.

Ausgeklügelte Erklärungen für eine Einbildung?[3]

Das biologische Establishment muß hinterher diese Nachlässigkeit als so peinlich empfunden haben, daß sie mit einem Schleier des Schweigens übergangen wurde. Man sucht vergeblich nach dem Namen des wackeren Mannes, dem es in den 50er Jahren gelang, das öffentlich zu machen, was viele andere bereits wußten.

Der Urknall

Auch heute noch gibt es eine Reihe Theorien über die Wirklichkeit, deren Tragfähigkeit und Billigung auf tiefverwurzelten menschlichen Auffassungen und Wünschen beruhen. Andererseits genügen diese Theorien nicht den Ansprüchen, die ansonsten an wissenschaftliche Theorien gestellt werden.

Eine dieser Theorien betrifft die angenommene Urexplosion, gemeinhin als "Urknall" bekannt. Und genau wie die Astronomen über Jahrtausende von der Erde als dem Zentrum des Universums ausgegangen waren, sind sie heute gezwungen, sich einem ähnlichen Vorbehalt zu beugen.

Statt dem Geozentrismus haben wir jetzt die 'Urknall-Theorie', einen modernen Entstehungsmythos (ursprünglich von dem belgischen Kosmologen Georges Lemaître begründet, 1894-1966). Solange die geozentrische Theorie zwingend war, mußte man enorm komplizierte Bahnen für die verschiedenen Planeten konstruieren, um die Beobachtungen mit der Theorie in Übereinklang zu bringen.

Die Urknall-Theorie erfordert nun, daß wir alternative Theorien über die Elementarteilchen verwenden, teils um mit den gemachten Beobachtungen übereinzustimmen, teils um den hypothetischen Zustand unmittelbar nach dem Knall zu bekräftigen. Es wird eine große Menge Arbeit darauf verwendet, um diesen angenommenen Zustand zu beschreiben, der aber niemals einer Beobachtung und Verifikation zugänglich ist.

Die Urknall-Theorie impliziert auch, daß die Zeit ein absoluter Begriff ist, was der Relativitätstheorie in gewisser Hinsicht widerspricht.

Genau wie die Theorie von der Erde als einer Scheibe mit einer Kante, sollen wir jetzt eine Theorie akzeptieren, bei der Raum und Zeit wie ein Kegel mit einer Spitze geformt sind. Eine Riesenmenge Arbeit wird darauf verwendet, die Eigenschaften dieser angeblichen Spitze zu berechnen und zu beschreiben - in der Tat weit mehr als für die Beschreibung der Erdkante im Lauf der Jahrhunderte aufgewendet wurde.

Alle anderen kosmologischen Erscheinungen mit großen Dimensionen werden heutzutage mit Hilfe der Relativitätstheorie interpretiert. Dies hat sich als richtungsweisend für das Verständnis physikalischer Geschehnisse erwiesen, deren Größenordnung von der menschlichen Skala weit abweichen. Die Theorie besagt, daß, obwohl Raum und Zeit auf unserer menschlichen Skala als zwei unvereinbare Erscheinungen sind, sie in der Welt der Kosmologie ihren selbständigen Charakter sozusagen verlieren. Dort werden sei zu Aspekten, die auf den Beobachter bezogen sind, vergleichbar den Richtungsbezeichnungen "oben" und "unten". Nur Raum-Zeit als Ganzes kann als Invariante für alle Beobachter behandelt werden.

In völligem Widerspruch hierzu erfordert die Urknall-Theorie, daß die Dimension, die Zeit genannt wird, eine endliche und lineare Erscheinung ist und die Dimensionen des Raumes unbegrenzt und gekrümmt, in diesem Falle wären also Zeit und Raum deutlich voneinander unterscheidbar.

Die Urknall-Theorie behauptet, daß die Ausdehnung von Raum-Zeit in der Zeitdimension nach rückwärts begrenzt ist, und daß die Dichte der Materie zu einem bestimmten Zeitpunkt unendlich groß war. Diese Behauptungen ergeben sich nicht aus Beobachtungen oder Messungen, sie leiten sich auch nicht aus den Naturgesetzen ab, die unsere bisherigen Erfahrungen diesbezüglich zusammenfassen. Im Gegenteil! Die akzeptierten Naturgesetze schließen entschieden einen Zustand aus, den die Urknall-Theorie postuliert. Es ist sicherlich möglich, alternative kosmologische Theorien zu bilden, die mit den bekannten Naturgesetzen übereinstimmen. Der schwedische Nobelpreisträger Hannes Alfvén hat dies zumindest gezeigt.

Die Beobachtungsgrundlage für die Urknall-Theorie ist in der Tat schwach. Wenn man alle Wege kosmischer Objekte in der Zeit zurück extrapoliert, fallen sie nicht in einem Punkt zusammen. Statt daß die Beziehung zwischen Geschwindigkeit und Abstand für alle Galaxien die gleiche ist, gibt es Unterschiede bis zu 20 Prozent.[4] Sogar kollidierende Galaxien wurden beobachtet. Schaut man auf Teile des Universums, die in Zeit und Raum weit entfernt sind, so findet man, daß dort der mittlere Abstand zwischen kosmischen Objekten kleiner war als in nahen Regionen, und daß Interaktion zwischen Galaxien (vielleicht sogar Vereinigungen) häufiger waren.2[5] (Das heißt. daß sich die Galaxien wie Gasmoleküle in einem sich ausdehnenden Gefäß verhalten, und nicht wie Partikel, die nach einer Explosion auseinanderstieben).

Die Zeit ist bei der Urknall-Theorie mit den geraden Linien vergleichbar, die auf der Oberfläche eines Kegels von der Spitze gezogen werden können, während der Raum den Ellipsen usw. gleicht, die durch die Kegelabschnitte gebildet werden. Die Raum-Zeit der Relativitätstheorie kann dagegen mit der Oberfläche eines Torus (der Form eines Donut) verglichen werden. Auf einer solchen Oberfläche konvergieren einige der geschlossenen Linien, ohne jedoch irgendwo unendlich dicht zusammengepackt zu sein. Diese Oberfläche hilft uns, ein Konzept der Zeit zu bilden, die ebenso gekrümmt ist wie der Raum, nur sozusagen in der anderen Richtung.

Die Urknall-Theorie erfordert ganz klar, Theorien aufzugeben, die auf Beobachtungen beruhen. Dennoch wird die Urknall-Theorie allgemein akzeptiert und wird unter Physikern kaum ernsthaft erörtert. Sogar die so nützliche Relativitätstheorie wurde kritischeren Büchern und Artikeln ausgesetzt als die Urknall-Theorie.

Als Professor Hannes Alfvén die Urknall-Theorie kritisierte, half ihm auch sein Ansehen als Nobelpreisträger nicht. Das übrige Establishment wollte ihm einfach nicht zuhören, als er versuchte, die Möglichkeit einer Kosmologie aufzuzeigen, die mit den derzeitigen deduktiven Theorien in Einklang steht.

Das erinnert an Galilei, der unbestritten ein angesehener Astronom mit einem guten Namen und hohem Ansehen war, der aber dennoch zum Schweigen gebracht wurde.

Alfvén zeigte auch, daß die Urknall-Theorie nicht das erklärt, was sie erklären soll, d.h. die Entstehung und Struktur des Universums. Nehmen wir an, daß alles mit einer begrenzten Menge von fast unendlich dichter Materie anfing, dann bleiben die Fragen: Wie entstand diese dichte Materie? Wie entstand die Zeit (oder gab es eine Zeit vor dem Urknall)?

Außerdem erfordert die Urknall-Theorie weitere Hilfsannahmen, um die sehr ungleiche Verteilung der Materie im Raum mit Gruppen von Galaxien und Gruppen von Galaxiengruppen zu erklären.

Die einzige Beobachtung, die genau mit der Urknall-Theorie übereinstimmt, ist eine gewisse Mikrowellenstrahlung mit niederer Temperatur, die von allen Seiten auf uns einstrahlt. Alfvén vertrat die Auffassung, daß die Temperatur niederer war als es sich aus der Theorie ergäbe. Immerhin haben wir kaum Bemühungen gesehen, um alternative Erklärungen für den Ursprung dieser Strahlung zu finden.

Der Grund, warum die etablierten Physiker der Urknall-Theorie anhängen, liegt natürlich nicht darin, daß sie diese Theorie völlig durchdacht und geprüft haben und sie für überzeugend halten. Höchst wahrscheinlich haben sie alle bemerkt, daß die Theorie "etabliert" ist, und daß die ungeschriebenen Gesetze des Establishments an die, die dazugehören, die Anforderung stellen, eine akzeptierte Theorie nicht in Frage zu stellen.

Die gleiche Lage haben wir in bezug auf die Datierung der Entstehung der menschlichen Art. Die meisten Fachleute auf diesem Gebiet halten sich an die Fünf-Millionen-Jahre-Theorie, trotz der Anhaltspunkte, die sich aus der Berechnung der Anzahl Mutationen ergeben, und die auf das doppelte deuten. Man erinnere sich auch, wie lange Zeit die Zahl von 48 Chromosomen außer Diskussion stand.

In den Tagen von Galilei und Bruno war die Katholische Kirche für den Konservativismus in der Wissenschaft verantwortlich. Heute scheinen die Wissenschaftler selbst die Aufgabe übernommen zu haben, den Fortschritt der Wissenschaft zu hemmen.

Die Urknall-Theorie hat also mehr oder weniger das Axiom von der Erdscheibe abgelöst, als schwerer Bremsklotz, der wirksam das heutige kosmologische Denken bremst. Wäre das nicht Grund genug, die Urknall-Theorie zumindest zeitweilig aufzugeben und Versuche mit einer Theorie zu machen, die mehr mit der Relativitätstheorie übereinstimmt?

Natürlich ist das eine utopische Vorstellung. Der Grund, warum das nicht passieren wird, liegt in der Tatsache, daß sich eine Riesenmenge wissenschaftlicher Literatur angesammelt hat, die auf dem Urknall-Postulat aufbaut. Das meiste dieser Werke würde über Nacht zu Altpapier, wenn die Urknall-Theorie aufgegeben würde. Das ist etwas, was die meisten Astronomen als eine Katastrophe empfinden würden, die um fast jeden Preis vermieden werden muß.

Shakespeare

Wir machen jetzt einen Sprung von der Kosmologie und der Physik zu den Geisteswissenschaften, und zwar zur Literaturgeschichte. Wie im Fall der Kosmologie werden wir uns nicht mit nebensächlichen Details abgeben, Nein, es geht um die Urheberschaft einiger der höchstgeschätzten Dramen der Geschichte, einschließlich Hamlet. Mit anderen Worten: wer schrieb die Werke von William Shakespeare?

Schon seit der Franzosen Hippolyte Taine (1828-93) in seinen Essais de critique et d'histoire (1858) betonte, daß bei der Entstehung literarischer Werke gewisse beobachtbare Elemente unabdingbar seien, wurde die Umgebung als ein solches Element angesehen. Immer, wenn der Verfasser eines bestimmten Werkes unbekannt oder seine Identität ungewiß ist, kann man trotzdem durch Durchforschung seines Werkes seine Umgebung enthüllen. Das heißt, daß man gewöhnlich recht deutliche Beziehungen zwischen der Arbeit und den Lebenserfahrungen, der Sozialschicht sowie den Beschäftigungen usw. ihres Verfassers finden wird.

Nehmen wir etwa einige Dramatiker unserer Zeit, so finden wir in ihren Schauspielen Umgebungen und Erfahrungen, mit denen der Autor vertraut war. Zum Beispiel hat Eugene O'Neill, der herausragende amerikanische Dramatiker, in seinen Stücken offenbar viel aus seinem eigenen Leben wiederaufleben lassen. Wir können die Szenerie in Desire under the Elms und Ah, Wilderness! betrachten und mit den Orten vergleichen, wo er seine Jugend verbrachte. Das gleiche gilt für Charles Dickens, Walter Scott, Ernest Hemingway, Sinclair Lewis (Main Street/Brainerd, Minn.), William Faulkner (Yoknapatawpha County/Der Süden) und viele andere. In Shakespeares Stücken finden wir nichts dergleichen. Dagegen sind in mehr als der Hälfte seiner Stücke fremde Gegenden zu finden, und der Rest hat meist ein historisch vorgegebenes Milieu. Es gibt keine Szenerie einer ländlichen Stadt, nichts über das Leben hinter den Kulissen eines Londoner Theaters. Wie konnte Shakespeare es versäumen, die Requisiten zu benutzen, die in dem ganzen ihm vertrauten Umfeld bestanden? Andere Verfasser haben dies als regelrechte Goldgrube angesehen.

Diese Verfasser und ihre Werke sind von einer Reihe Literaturgeschichtler porträtiert und analysiert worden, und ein wichtiger Teil der Analyse bestand genau darin, den Einfluß ihres Umfelds aufzuzeigen. Wenn wir zu Shakespeare kommen, ist das anders. Dem literaturgeschichtlichen Establishment zufolge wuchs dieser Verfasser in einer Kleinstadt auf und verdiente sich als Erwachsener seinen Lebensunterhalt als Schauspieler in London. Aber in seinen Werken finden wir kein englisches Kleinstadtmilieu und nichts über ein Leben hinter den Theaterkulissen. Das Umfeld, das sich recht deutlich in mehreren Dramen Shakespeares abzeichnet, ist ganz anders. Zum ersten enthüllt die Sprache eine gewisse Neigung zu einem Dialekt, wie er in einem Gürtel nördlich der Linie von Chester im Westen nach Hull im Osten gesprochen wird. Sie wird gewöhnlich der nördliche Dialekt genannt. Von den mehr als 150 Dialektwörtern, die man in Shakespeares Werken findet, werden zwei Drittel nicht außerhalb von Lancashire, Cheshire und Yorkshire gesprochen, den Grafschaften, aus denen dieser Gürtel besteht. Das verbleibende Drittel setzt sich zusammen aus Wörtern mit einer größeren Verbreitung und Wörtern, die für Schottland und/ oder die nördlichsten Teile Englands typisch sind. Es gibt keine Berichte, daß Shakespeare jemals im Norden Englands gelebt hat, und es wird als sicher angesehen, daß er nicht während seiner Kindheit und Jugend dort lebte, als seine Sprachgewohnheiten geformt wurden.

Auch das soziale Umfeld, das in seinen Dramen zum Vorschein kommt, ist recht klar umgrenzt. Man stellt z.B. 26 verschiedene Worte für Pferd fest, die insgesamt 430 mal auftreten, 43 Bezeichnungen für Hund, die 430 mal verwendet werden. Schafe und Lämmer werden 126 mal genannt, Wild, das vom Landadel gejagt wurde, 223 mal. Schweine und Hühner, die normalerweise von Bürgern und Städtern gehalten wurden, finden seltener Erwähnung, die Henne neun mal, Hühner zehn mal, während der Hahn 23 mal auftritt. Worte für Enten, Gänse, Truthähne zeigen die gleiche Häufigkeit.

Wenn wir uns nun Essen und Trinken zuwenden, bemerken wir, daß der Barde in verschiedenen Teilen seines Werkes nicht weniger als acht Sorten Wein anführen konnte, wie auch einige hundert Gerichte, exquisite Süßigkeiten und Gewürze.

Auch den Freizeitvergnügungen des hohen und niederen Adels, wie z.B. Tennis, Bowling und Falknerei wird bei Shakespeare gebührende Aufmerksamkeit geschenkt.

Es gibt auch keinen Zweifel, daß der Barde mit der Medizin gründlich vertraut ist. Seine Medizinkenntnisse werden nur von seiner Vertrautheit mit dem Gesetz und der Jurisprudenz übertroffen. Viele seiner medizinischen und juristischen Ausdrücke werden praktisch nur von Angehörigen dieser Berufe benutzt.

Es fällt auf, daß Shakespeare in den meisten Fällen fremde Schauplätze als Szenerie für seine nicht-historischen Stücke wählte. Nur die Lustigen Weiber von Windsor spielt in einem englischen Milieu der damaligen Zeit, aber hier sind alle Szenen in das Umfeld eines königlichen Schlosses verlegt. In fast allen Stücken außer diesem ist mindestens ein Part ein Fürst, ein Prinz oder König.

Unzählige Stücke spielen am Hofe, und der Verfasser scheint in jeder Beziehung mit dem höfischen Zeremoniell vertraut. So weit ich weiß, hat niemand eine wesentliche Abweichung von der Beschreibung der höfischen Bräuche durch anderen Quellen entdeckt.

Normalerweise wäre all dies bis ins letzte Detail von den Literaturhistorikern untersucht worden, die in diesem Fall zu dem Schluß gekommen wären, daß der Verfasser von Shakespeares Werken nicht der Sohn eines Städters ohne Universitätsbildung gewesen sein könne, der nie einen Fuß außerhalb Englands gesetzt hat. Aber diese Untersuchung ist nie erfolgt. Die Fachleute haben nicht die selbstverständlichen Schlußfolgerungen gezogen. Statt dessen wurden ausgefeilte Hypothesen vorgebracht, wie ein gewöhnlicher Bürger von Stratford alle die Kenntnisse erworben haben könnte, die der Dramatiker nachweislich besaß.

Der Grund, warum die etablierten Forscher die 'Stratford-Theorie' vertreten, ist natürlich der gleiche wie im Falle des Urknalls. Kein qualifizierter Literaturhistoriker, der Shakespeares Werke sorgfältig gelesen hat, würde die akzeptierte Theorie für plausibel halten. Sie haben aber alle festgestellt, daß diese Theorie 'etabliert' ist, und daß die ungeschriebenen Gesetze des Establishments verlangen, daß dessen Angehörige nicht etablierte Theorien in Frage stellen. In der Literaturgeschichte ist dies noch wichtiger als in der Physik. Ein Angehöriger des Establishments kann sich sogar gezwungen fühlen, die Publizierung von Theorien, die Alternativen zur etablierten Theorie bieten, wirksam zu unterbinden (und damit auch die Information hierüber). Vor ein paar Jahre wurde eine gewisse Professorin an der Universität Lund im Hinblick auf die Befürwortung von Druckzuschüsse für Bücher über Kunstfragen als Expertin zu Rate gezogen. Damit hatte sie die Handhabe, einen Zuschuß für ein Buch zu befürworten, das eine Reihe von Tatsachen anführte, die Abel Lefrancs fast jahrhundertealte Theorie über die Verfasserschaft Shakespeares unterstützten. Aber selbstverständlich empfahl sie, den Zuschuß für eine so schwer widerlegbare Abweichler-Theorie abzulehnen. Ihr einziges Problem bestand darin, plausible formale Gründe für ihre Ablehnung zu finden. Üblicherweise sind Professoren diesbezüglich erfinderisch, und die Betreffende löste ihre Aufgabe erfolgreich. Es gelang ihr sogar, als Vorsichtsmaßnahme eine Sicherheitsklausel einzufügen. Sie schrieb:

"Die Kritik richtet sich nicht gegen die These als solche, sondern gegen die Qualität des Berichts."

Ohne Zweifel ist es den Leistungen einer Professorin würdig, ohne einen Standpunkt einzunehmen, die Argumentation für das abzuweisen, was sie als "das Problem bezüglich der Verfasserschaft des wichtigsten Werkes der englischen Sprache" bezeichnete.

Die Herausgabe des Buches wurde um mehrere Jahre verzögert, und als es schließlich erschien, wurden die öffentlichen Büchereien in Schweden vom Kauf abgeschreckt, nachdem die zentrale Einkaufsabteilung der Büchereien in einer Rezension das Buch verrissen hatte.

Es gibt derzeit eine englische Version des Buches im Internet, siehe

http://home.swipnet.se/nordling.

Mythenmacher Mead

1928 veröffentlichte die amerikanische Kulturanthropologin Margaret Mead (1901-1978) ihre Doktorarbeit mit dem Titel Coming of Age in Samoa.[6] Diese hatte den Beifall ihres Lehrers Franz Uri Boas (1858-1942) gefunden, der auch das Vorwort geschrieben hatte. Das Buch sollte die allergrößte Bedeutung für die 'Soziologie' und 'Anthropologie' genannten Fachrichtungen erlangen. Es sollte etwa 60 Jahre dauern, bevor Derek Freeman schließlich in der Lage war, Mead zu entlarven, indem er die Wahrheit über die Bräuche auf Samoa berichtete.[7]

Margaret Mead mit Empfehlung der US-Regierung.[8]

1925 hatte die frischverheiratete Frau Mead ein Stipendium für ein Forschungsprojekt im amerikanischen Samoa erhalten, wobei das Verhalten und die Entwicklung der eingeborenen Mädchen auf Samoa von der Pubertät bis zur Heirat untersucht werden sollte. Mead erwartete, eine Gemeinschaft zu finden, in der die Sexualmoral freie Bindungen zwischen pubertären Jugendlichen erlaubte, im Gegensatz zu den durch die amerikanischen Moral auferlegten Restriktionen.

Professor Boas hatte Mead angewiesen, zuerst die Existenz der freien Moral auf Samoa zu beweisen, und dann festzustellen, wie das Verhalten und die Entwicklung der Jugend auf Samoa von dieser Moral berührt wurden. In bezug auf ihre Aufgabe hätte die junge Doktorandin kaum einen Ort finden können, der für die erforderliche Feldarbeit weniger geeignet war. Die im amerikanischen Samoa um 1920 vorherrschenden Sexualmoral war beträchtlich strenger als die in den USA. Bei einer Hochzeit mußte die Braut ihre Jungfräulichkeit öffentlich unter Beweis stellen. Mädchen, die vorehelichen Geschlechtsverkehr gehabt hatten, wurden bestraft und gedemütigt. Obwohl Mead von den örtlichen Behörden über diese Bräuche informiert worden war, blieb sie fest entschlossen, ihre ursprüngliche Zielsetzung weiter zu verfolgen. Das setzte tiefschürfende Interviews mit einer Probandengruppe von 66 pubertären samoanischen Mädchen voraus.

Die geplanten Interviews kamen aber nicht zustande, dennoch war Mead der Ansicht, daß sie brauchbare Daten über 25 Mädchen gesammelt hatte. Sie erwähnt, daß 13 von ihnen keinerlei heterosexuelle Erfahrung hatten. Keines der anderen 12 (die zusammen 350 Menstruationszyklen erlebt hatten) war je schwanger gewesen - eine Tatsache, die sogar Mead bemerkenswert fand. Sie brachte vor, daß Promiskuität eine empfängnisverhütende Wirkung haben könnte! Von den 12 angeblich 'promiskuitiven' Mädchen erwähnt Mead eines, das Geschlechtsverkehr mit seinem Onkel hatte. Die Samoaner hielten das für ein Verbrechen. Es bleibt im Ungewissen, was genau über die "heterosexuellen Erfahrungen" der anderen elf bekannt war.

Diese spärlichen Daten hätten einen wissenschaftlich ausgebildeten Forscher zu der Einsicht bringen sollen, daß Samoa kein geeigneter Ort für das geplante Projekt war. Eine Analyse früherer Berichte über samoanische Bräuche hätte auch gezeigt, daß die erwartete allgemeine Promiskuität schlichtweg nicht existent war. Im Gegenteil, die Mädchen waren sehr darauf bedacht, ihre Jungfräulichkeit bis zur Heirat zu bewahren., um nicht als minderwertig gebrandmarkt zu werden. In Samoa war es der ganze Stolz eines Bräutigams, eine Jungfrau zu heiraten, und die Braut fühlte sich glücklich, ihm das kostbare Geschenk ihrer Jungfernschaft zu geben - es war die Vollendung ihrer üppig entfalteten Sinnlichkeit.

Mead blieb trotzdem noch einige Monate in der Kolonie, um ethnographisches Material für ein amerikanisches Museum zu sammeln. Während sie eine Reihe kleinerer Inseln besuchte, machte sie eines Tages eine Wanderung, zusammen mit zwei gleichaltrigen samoanischen Freundinnen. Diese fünfundzwanzigjährigen Frauen waren immer noch unverheiratet - im Gegensatz zu Mead, die jedoch ihren Ehestand während ihres Aufenthalts in Samoa verheimlichte. Die Freundinnen waren voller Spaß und scherzten fröhlich mit Mead über ihre erotischen Vorlieben. Mead fragte ihrerseits ihre Freundinnen über deren Sexualleben aus. Da es nichts zu erzählen gab und da es für samoanische Mädchen Brauch war, ihr Sexualleben nicht zu erörtern, erfanden sie statt dessen hanebüchene Geschichten, daß sie sich in Ausschweifungen ergangen hätten - genau wie 'alle anderen'. Eine der Freundinnen besaß zufällig den Rang einer 'Zeremonienjungfrau', was beinhaltete, daß sie (bei bewahrter Jungfräulichkeit) würdig war, einen hochgeborenen Mann zu heiraten. Diese samoanischen Frauen waren nicht gewahr, daß sie in Wirklichkeit zu einer soziologischen Studie beitrugen. Sie fanden es einfach unterhaltsam, sich einer Art munterer Streiche hinzugeben, was auf Samoa ein beliebtes Freizeitvergnügen ist.

Obwohl Mead ein bißchen samoanisch verstand und sprach, wußte sie nicht, wie die Samoaner ihren Humor zum Ausdruck bringen. Und vor allem war sie auf eine Bestätigung ihrer Auffassung vom promiskuitiven Leben der samoanischen Jugend erpicht. Sie schluckte daher unkritisch alle Späße ihrer Freundinnen und nahm sie für die reine Wahrheit. Sie akzeptierte, daß Jugendliche (und sogar eine Zeremonienjungfrau) regelmäßig die Nacht mit Jugendlichen des anderen Geschlechts verbrachten - ohne daß dies Anlaß für irgendwelche Interventionen oder Sanktionen gegeben hätte. Sie muß gedacht haben, daß der zeremonielle Beweis der Jungfräulichkeit eine Farce war, bei der die meisten Hauptdarsteller schwindelten.

Nachdem sie diese "Informationen" erlangt hatte, schrieb Mead endgültig den Plan ab, tiefschürfende Interviews mit einer Reihe Mädchen durchzuführen. In ihrem Buch reitet sie trotzdem auf angeblichen "promiskuitiven Bräuchen" herum, ohne je die diesbezügliche Quelle anzugeben (die natürlich ihre zwei scherzenden Freundinnen war). Übrigens ist das Fehlen von Quellenangabe ein durchgehendes Kennzeichen ihrer Doktorarbeit.

Mead gibt vor, drei Typen vorehelicher "Affären" zu belegen:

1) heimliche Treffen 'unter den Palmen', 2) öffentliche Flucht (die zur Heirat führt) und 3) zeremonielles Freien. Natürlich nimmt sie noch eine weitere Art in Betracht: die hinterlistige Vergewaltigung eines schlafenden Mädchens (dem dadurch jede Möglichkeit genommen werden soll, jemanden anderen als den Täter zu heiraten). Mead gibt keine Informationen über die relative Häufigkeit der einzelnen Arten, aber sie gibt ständig zu verstehen, daß der erste Fall das normale und allgemein akzeptierte Verhaltensmuster sei.

Gleichzeitig bemerkt sie ganz richtig, daß eine Braut, um die gefreit wurde, die aber des Verlusts ihrer Jungfräulichkeit überführt wurde, mit Steinigen bestraft wurde, durch das das Opfer ernsthaft verletzt oder gar getötet werden konnte. Zumindest war dies der Brauch, bevor das Christentum und die amerikanischen Gesetze die Strafmethoden milderten.

Die einzigen Grunddaten, über die Meads Disputat Rechenschaft ablegt, sind in der Tabelle der oben erwähnten 25 Mädchen zu finden. Bei den dürftigen Daten der Tabelle befindet sich die dubiose Erklärung, daß 17 Mädchen "homosexuelle Erfahrung" hätten, ohne daß genauer angegeben wird, was damit gemeint ist. Im Text fehlt jegliche Beschreibung homosexuellen Verhaltens. Was dem am nächsten kommt, ist die Beobachtung, daß Mädchen, wenn sie in einer Gruppe zusammenkommen, oftmals im Spiel einander an die Genitalien fassen. Neben Angaben über homo- oder heterosexuelle Erfahrungen enthält die Tabelle nur Daten über die Menstruation und den Wohnsitz.

Mead bringt die ungezwungene Haltung und freie Moral, die sie fälschlicherweise den Samoanern zuschreibt, mit dem Fehlen von Streß und neurotischen Reaktionen in Zusammenhang, die sie angeblich bemerkt haben will. Diese nichtverifizierten Behauptungen stehen in krassem Widerspruch zu ihrer sehr ausführlichen Beschreibung einer Reihe fehlangepaßter Personen, konstatierter Selbstmorde, Ausreißer usw.

Abgesehen vom fast vollständigen Fehlen von Quellenangaben ermangelt es der Doktorarbeit auch an einer Erörterung der vorausgegangenen Forschung, die normalerweise ein unverzichtbarer Teil jeder geisteswissenschaftlichen Doktorarbeit ist. Sie erwähnt z.B. nicht Charles Wilkes Beobachtung von 1839, derzufolge "es keinen wahllosen Geschlechtsverkehr auf Samoa"[9] gab. Der Leser verbleibt in völliger Ungewißheit darüber, welche Beobachtungen von Mead, und welche aus früherer Literatur stammen. Eine Doktorarbeit mit derart schwerwiegenden Mängeln wird normalerweise gar nicht angenommen, und die 26jährige Kandidatin Mead erwartete kaum irgend etwas anderes. Aber das Wunder geschah tatsächlich. Professor Boas nahm dieses mangelhafte Werk an, ohne irgendeine Überarbeitung zu verlangen, nein, er forderte nicht einmal die geringste Ergänzung. Die Mängel können seiner Aufmerksamkeit nicht entgangen sein, und hätte er den Text einigermaßen kritisch gelesen, so hätten ihm die vielen Widersprüche und unfundierten Schlußfolgerungen auffallen müssen. Wir müssen annehmen, daß Boas nicht von wissenschaftlichem Denken motiviert war, sondern vielmehr von politischer Beflissenheit.

"Der hervorragendste Anthropologe Amerikas", verbürgte sich für Kindheit und Jugend in Samoa als einer "gründlichen Untersuchung". Er versicherte, daß das Buch auf einer Studie über Teenager-Mädchen in Samoa beruhte, mit der festgestellt werden sollte, in welchem Umfang soziale Einstellungen auf physiologischen Verhältnissen beruhen oder durch Kultur bedingt sind. Und er beteuerte, Mead habe herausgefunden: "die Pubertätskrise verschwindet mit der Freiheit des Sexuallebens, dem Fehlen einer Großzahl widersprüchlicher Ideale und der Betonung von Formen, die für uns ohne Bedeutung sind." Solche Erklärungen brachten die meisten Anthropologen dazu, Kindheit und Jugend in Samoa als sorgfältige wissenschaftliche Arbeit zu akzeptieren. Sogar Bronislaw Malinowski (1884-1942) sah das Buch als erstklassiges Beispiel der beschreibenden Anthropologie an, als ausgezeichnete Lektüre, die außerhalb jeder Kritik stünde, den Fachmann überzeuge und den Laien fasziniere. (Coming of Age in Samoa wird an der Universität Stockholm immer noch als Lehrbuch verwendet.) Die Laien-Leserschaft verhielt sich natürlich ebenso kurzsichtig und unkritisch wie der große Malinowski. Ein Verleger sah dies voraus und veröffentlichte den billigen Mist in einer attraktiven Aufmachung. Margaret Mead wurde berühmt. Die Kritik beschränkte sich auf Artikel in vereinzelten Zeitschriften mit geringer Verbreitung.

Mead erhielt ihren Doktorgrad und lernte eine nützliche Lektion: Wenn man vorgibt, Wissenschaft zu betreiben, kann man politischen Einfluß erlangen. Echte Wissenschaftlichkeit ist gar nicht notwendig. Es ist wichtiger, Meinungen zu bekunden, die zur rechten Zeit kommen und von den Autoritäten vertreten werden. Sich auf Quellen zu berufen, die von anderen nicht geprüft werden können, macht es noch einfacher, zu den gewünschten Schlußfolgerungen zu gelangen. Mead brauchte nicht lange, um dieses neue Wissen zur Anwendung zu bringen. Ein paar Jahre nach ihrem Aufenthalt in Samoa finden wir sie im Inneren von Neu-Guinea, wiederum mit Feldarbeit beschäftigt. Diese führte zu einem Buch mit dem Titel Sex and Temperament in Three Primitive Societies.[10] Diese Arbeit wurde in weiten Kreisen als endgültige Bestätigung der antidarwinistischen Theorien angesehen, die von John Broadus Watson (1878-1958), von Boas und zu einem gewissen Grad von ihr selbst in Kindheit und Jugend in Samoa in die Welt gesetzt worden sind. Es war durchaus bekannt, daß es Darwin gelungen war, den Ursprung der Arten durch erhöhte Vermehrung der einer bestimmten Umwelt am besten angepaßten Individuen zu erklären. Darwin hatte auch gezeigt, daß der erste Schritt in diesem Prozeß die Hervorbringung verschiedener Rassen beinhaltete, von denen jede in bestimmter Weise an die eigene Umwelt angepaßt war. Boas hatte öffentlich behauptet, daß dieser Mechanismus beim Homo sapiens nicht wirke, außer bei einigen oberflächlichen Merkmalen wie Hautpigmentierung. Und J. B. Watson versicherte, daß praktisch jedes Kind ungeachtet seiner angeborenen Fähigkeiten so aufgezogen werden könnte, daß es als Erwachsener Arzt, Rechtsanwalt, Künstler, Manager und, warum auch nicht, Bettler oder Dieb werden könnte.

Betrachten wir also den Inhalt von Geschlecht und Temperament in drei primitiven Gesellschaften, ein Buch, das die Fachleute durchgehen lassen, ohne es irgendeiner echten Kritik zu unterziehen. Das Buch beschreibt das Verhalten von Männern und Frauen bei drei primitiven Stämmen, die im Innern von Neuguinea leben. In bezug auf einen Stamm, der Tschambuli genannt wird, macht Mead folgende Angaben: "Bis die Jungen und Mädchen der Tschambuli das Alter von sechs oder sieben erreichen, werden beide genau gleich behandelt." Während danach "das Mädchen schnell im Handwerk geschult und in der nüchternen verantwortungsvollen Welt der Frauen aufgenommen wird, gibt man dem Jungen keine solche zweckmäßige Vorbereitung für seine späteres Rolle."

Das war natürlich eine ausgezeichnete Gelegenheit, um die Wirkung etwaiger genetischer Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu erforschen, da während der wichtigen Kindheit der Umweltfaktor für Jungen und Mädchen gleich war. Mead selbst betont die Bedeutung dieser Zeitspanne, wenn sie feststellt:

"Die Unterschiede zwischen den Individuen innerhalb einer Kultur müssen fast vollständig unterschiedlicher Konditionierung zugeschrieben werden, vor allem in der frühen Kindheit."

Mead zufolge gab es bei der Konditionierung keinen Unterschied, und die Kultur war natürlich für alle Kinder die gleiche. Dennoch stellen wir fest, daß, obwohl die Männer wie bei den meisten Rassen physisch stärker waren, die Arapesh vom Fischen der Frauen lebten. Die Männer durften den "Einkauf", nämlich den Handel zwischen den Stämmen durchführen.

"Auf fünfzig Streitereien unter Männern kommt kaum eine einzige unter Frauen. [...] stabil, beschäftigt, mächtig, mit rasierten ungeschmückten Köpfen, sitzen sie in Gruppen und lachen miteinander."

Beschäftigt zu sein und zugleich mit der Gruppe zusammen zu lachen, dieses Kunststück zu erleben hatte - außer Mead - kaum jemand Gelegenheit. Leider wird dem Leser eine eingehende Beschreibung dieses seltenen Phänomens vorenthalten.

Die Männer waren theoretisch und rechtlich die Herrscher, aber emotional waren sie untergeordnet. Sie waren sichtlich fehlangepaßt, von Neurasthenien und Hysterie geplagt usw. - immer wenn es nach Mead geht. Ein besseres Beispiel für geschlechtsgebundene Vererbung von Merkmalen läßt sich kaum finden. Trotz der gleichen Erziehung bis zum Alter von sieben Jahren gingen die Mädchen einfach in das ruhige Leben eines typischen Menschen mit stabiler Gemütsverfassung über.

Die Jungen waren dagegen offensichtlich der Schulung weniger zugänglich; sie lernten erst später die fehlerfreie Handhabung der großen Flöten und waren oftmals gegenüber den Ranghöheren ungehorsam. Mit anderen Worten, es gibt nichts, was gegen die Möglichkeit spricht, daß ein gewisser hysteroider Zug bereits im siebenjährigen Jungen angelegt war. Dennoch akzeptierten die Jungen offenbar ihr Leben des müßigem Herumhängens ebenso selbstverständlich wie die Mädchen den Fleiß, nachdem sie in der Zeit zuvor ganz gleich erzogen worden waren. Alle Anzeichen scheinen auf einen Fall einer geschlechtsgebundenen Vererbung zu deuten. Da es gut belegt ist, daß der Erbgang von Farbenblindheit und Hämophilie das männliche Geschlecht für diese Krankheiten anfälliger macht, könnte ein hysteroides Merkmal natürlich dem gleichen Muster folgen - vor allem innerhalb eines kleinen Stammes mit viel Inzucht.

Meads Schlußfolgerung war jedoch, daß sie Belege gefunden habe, die beweisen, daß der Temperamentsunterschied zwischen Männern und Frauen in der westlichen Gesellschaft nichts anderes sei als "künstliche Standardisierung" und "soziale Fiktionen, für die wir keinen Bedarf mehr haben".

Weiter bemerkte Mead, daß "die Gesellschaft" (d.h. die überlieferte Norm) verordne, daß die Männer die Frauen beherrschten, daß es aber in der Praxis genau umgekehrt war. Mit anderen Worten: die Leute kümmerten sich keinen Deut darum, was ihnen die 'Gesellschaft' befohlen hat zu tun.

Obwohl sie selbst diese starke Normabweichung beobachtet hat, behauptete Mead, daß es "die Gesellschaft" oder "die Kultur" des fraglichen Stammes sei, die das Temperament "aussuche", das dadurch für das jeweilige Geschlecht typisch werde.

Die zwei anderen Stämme, die Mead in Neu-Guinea studierte, waren die Arapesh und die Mundugumor, zwischen denen sie einen bemerkenswerten Temperamentsunterschied feststellte. Sie bemerkte auch, daß die Arapesh "zierlich, schmalköpfig und nur spärlich behaart" waren, im Gegensatz zu ihren nächsten Nachbarn (und "Sprachverwandten"), die "untersetzt, schwerer, mit riesigen Köpfen und deutlichen Bärten" waren.

Die Mundugumor wohnten hundert Meilen davon entfernt und sprachen eine andere Sprache. Von ihnen wird berichtet, daß der Prozentsatz an Zwillingsgeburten höher war als bei sämtlichen anderen Stämmen Neuguineas, und daß sogar kinderlose Frauen in ein paar Wochen fast genug Milch produzieren konnten, um ein Kind aufzuziehen. Nun sind, soweit wir wissen, Kopfgröße, Haarwuchs und Bart, die Häufigkeit von Zwillingsgeburten und die Fähigkeit, vor einer Schwangerschaft Milch zu produzieren, typische Rasseneigenschaften, die durch die Gene von Generation zu Generation weitervererbt werden. Es besteht daher kaum ein Zweifel, daß die Arapesh und die Mundugumor von unterschiedlicher Abstammung waren. Mit anderen Worten: sie stellten zwei gesonderte Unterrassen dar.

Ein sorgfältige Prüfung der Beobachtungen, die Mead mitteilt, enthüllt einen Teil des Mechanismus, der für die Temperamentsunterschiede verantwortlich war. Erstens war das Gebiet der Arapesh keinen Überfällen von Kopfjägern ausgesetzt, da es ein ödes und unfruchtbares Bergland war, wo es kaum Fisch oder Wild gab. Kein Wunder also, daß die zierlichen vegetarischen Einwohner ein Leben führten, das (durch Mead) charakterisiert wird als "überwiegend mutterrechtlich, beschützend, und vom Selbst weg auf die Bedürfnisse der nächsten Generation hin orientiert". Das wiederum hätte auch schwächeren Kindern das Überleben ermöglicht, wodurch der nichtaggressive unselbstsüchtige Charakter aufrechterhalten und gestärkt worden wäre.

Die Mundugumor hatten offensichtlich eine höhere Geburtenrate, denn bei ihnen "überleben nur die stärksten Kinder". Darüber hinaus ließ man nicht alle Neugeborenen am Leben. Es gab bei den Stammesmitgliedern eine kleine Anzahl "wirklich schlimme Männer, die aggressiv sind und nach Macht und Prestige dürsten. Männer, die sich in bezug auf Frauen einen weit größeren Anteil verschafft hatten als ihnen zustand" usw. All das würde natürlich die Genhäufigkeit für Härte und Aggressivität erhöhen. Es war ganz natürlich, daß das Überleben und die überdurchschnittliche Reproduktion der Stärksten und gewalttätigsten in Mundugumor schließlich ein Volk bewirkt hatte, das solchen Schrecken verbreitete, "daß kein anderes Volk es wagen würde, [ihr Territorium] zu besetzen, obwohl es "ein gutes Kokosnuß- und Tabak-Land" war. Wahrhaftig, sie waren auch reich, "sie haben einen Überfluß an Land, ihre Fischgewässer sind voller Fische", wie uns Mead versichert. Das Mundugumor-Temperament war nicht immer so aggressiv gewesen, Mead fand gute Belege für einen früheren Zustand, der weniger von Gewalt geprägt war.

Der reine Zufall in Verbindung mit bestimmten Unterschieden in bezug auf den Boden und die Topographie haben offensichtlich genetische Unterschiede zwischen Stämmen im Inneren Neuguineas geschaffen, die denen ähneln, die Darwin bei anderen Arten auf den Galapagos-Inseln bemerkte.

Mead zog jedoch eine völlig andere Schlußfolgerung als Darwin. Sie konstatierte:

"Das gleiche Kind kann so erzogen werden, daß es ein Mitglied von jeder dieser drei Gesellschaften [werden] kann."

Sie schenkte den offensichtlichen Unterschieden in bezug auf Rassemerkmalen und Ernährungsweise keine Beachtung und erscheint freudig überrascht, daß "zwei Völker, die so viele wirtschaftliche und soziale Merkmale teilen, die Teil eines Kulturgebiets sind [...] einen solchen Kontrast in bezug auf Ethos und ihr soziales Erscheinungsbild aufweisen können." Sie folgert, daß es für die These keine Grundlage mehr gäbe, Eigenschaften wie Passivität, Einfühlungsvermögen und die Bereitschaft, Kinder zu hegen, seien geschlechtsgebunden. Diese Züge seien nur "als maskulines Muster in dem einem Stamm angenommen" worden, während ein anderer Stamm sie für alle verbiete. "Keine andere Begründung wie etwa Rasse oder Ernährung oder Selektion, kann zur Erklärung" der Unterschiede zwischen Arapesh und Mundugumor herangezogen werden. "Nur der Einwirkung der Gesamtkultur auf das heranwachsende Kind können wir die Herausbildung der gegensätzlichen Typen zuschreiben."

Mead glaubte, daß es erbliche Unterschiede zwischen den Individuen gäbe, so daß die rätselhafte "Kultur" eines bestimmten Stammes eine bestimmte Eigenschaft herauspicken und alle Angehörigen nach diesem Modell neuformen könne. Bei einem anderen Stamm würde die "Kultur" ein anderes Merkmal als Modell aussuchen, daher kämen die Temperamentsunterschiede zwischen den Stämmen. Wir müssen annehmen, daß die "Kultur" eine Art deus ex machina war, die aus dem Nichts auftauchte und ohne jegliche Ursache einmal das eine, ein anderes Mal ein anderes Modell wählte.

Es sollten erst einige Jahre nach dem Tod von Dr. Mead vergehen, bevor der Neuseeländer Derek Freeman die Ergebnisse seiner vieljährigen Arbeit veröffentlichen konnte, in der er die in Kindheit und Jugend in Neuguinea angegebenen Tatsachen und Schlußfolgerungen überprüfte. Erst dann enthüllte sich, in welch gewaltigem Ausmaß Mead die Sitten des amerikanischen Samoa falsch dargestellt hatte. Aber selbst wenn alle ihre Angaben über die Tatsachen richtig gewesen wären, hätte ihre Unzulänglichkeit in der wissenschaftlichen Methodik ausreichen sollen, um zumindest ausgebildete Fachleute erkennen zu lassen, daß ihre Studie nichts von dem bewies, was sie vorgab.

Das gleiche gilt für ihre Studie über die drei Stämme in Neuguinea, deren Tatsachenangaben noch nicht einmal heute überprüft worden sind.

Aber selbst ein mit Fachwissen ungeschulter Laie kann erkennen, daß sich Geschlecht und Temperament mit drei genetisch verschiedenen Stämmen mit verschiedenen Eßgewohnheiten befaßt, die in gewissem Umfang genetische Selektion betreiben. Daher sind die typischen Temperamente dieser drei Stämme absolut ungeeignet, um Schlußfolgerungen über irgendeine "Kultur" als Kausalfaktor zu ziehen. Es ist die reine Scheinheiligkeit, wenn man aus diesem Material Schlußfolgerungen über den Ursprung von typisch männlichem und weiblichem Temperament in der westlichen Welt ziehen will.

Das soziologische Establishment hat sich sicherlich selbst an den Pranger gestellt, als es Kindheit und Jugend und Geschlecht und Temperament mehr als ein halbes Jahrhundert lang hochgejubelt hat.

Stalin, der 'Friedensvorkämpfer'

Viele Bücher über den 2. Weltkrieg beschreiben, wie Stalin 1939 manövrierte, um die Sowjetunion aus dem Krieg herauszuhalten, dessen Ausbruch er bald erwartete. Die Westmächte billigten ihm nicht die Pufferzone zu, die er für unverzichtbar hielt. Das heißt, sie waren nicht damit einverstanden, daß russische Truppen in die Baltischen Staaten und Polen gegen deren Willen einmarschierten, etwas, das Stalin bei den Verhandlungen mit den Westmächten im Frühsommer 1939 für einen gegen Deutschland gerichteten Vertrag gefordert hatte.

Die meisten etablierten Historiker argumentieren, daß Stalin keine Alternative hatte, als statt dessen einen Pakt mit Hitler abzuschließen, nachdem sich die Westmächte geweigert hatten, Stalins Invasionsplänen zur Annexion Polens und der Baltischen Länder zuzustimmen. Zum Beispiel schrieb A.J.P. Taylor (1906-90), der bekannte englische Geschichtsprofessor:[11]

"Es ist schwer ersichtlich, welchen anderen Kurs Sowjetrußland hätte einschlagen können."

Er denkt, daß der Ribbentrop-Pakt letztendlich antideutsch war:

"Er begrenzte im Kriegsfalle den deutschen Vormarsch nach Osten."

Offenbar denkt Taylor, daß die Deutschen Moskau eingenommen hätten, wenn nicht der Pakt ihren Vormarsch begrenzt hätte.

Das tatsächliche Ergebnis des Paktes war jedoch, daß Polens Pufferfunktion im Falle eines deutschen Angriffs aufhörte. Ein Lehrstuhl in Oxford scheint einer Lizenz gleichzukommen, reinen Unsinn zu schreiben. Der Historiker Edward Hallett Carr (1892-1982) schrieb bereits 1952:[12]

"Als Gegenleistung für eine Nichtintervention sicherte sich Stalin eine Verschnaufpause, in der er vor einem deutschen Angriff sicher war."

Carr versichert uns, daß die "Bastion", die mittels des Paktes geschaffen war, "einzig und allein eine Verteidigungslinie gegen einen möglichen deutschen Angriff war, und nichts anderes sein konnte."

Dennoch gab der Pakt, Carr zufolge, Stalin einen weiteren und wichtigeren Vorteil. Er garantierte, daß "wenn Sowjetrußland schließlich gegen Hitler kämpfen müßte, die Westmächte bereits [in den Krieg] verwickelt wären." Hier übersieht Carr bequemerweise die Tatsache, daß beide Vertragspartner notorische Vertragsbrecher waren. Keiner von ihnen maß der Unterschrift unter einem Stück Papier irgendeine Bedeutung bei. Carr wußte natürlich, daß der Pakt Hitler nicht daran gehindert hatte, die Sowjetunion im Juni 1941 anzugreifen. Wie konnte also der gleiche Pakt Hitler daran hindern, etwa im Oktober 1939 anzugreifen, als direkte Fortsetzung des Polenfeldzuges? Die Tatsache, daß er nicht so handelte, beruht natürlich auf ganz anderen Motiven als der Hochschätzung eines gegebenen Wortes.

Es gab auch keine Garantie (durch den Pakt), daß sich die Westmächte bereits vor einem möglichen Angriff auf die Sowjetunion im Krieg befanden. Eine solche Garantie hätte statt dessen einen sowjetischen Vertrag mit den Westmächten erfordert, was Stalin aber abgelehnt hatte. Mit einem solchen Vertrag hätten deutsche Truppen sowjetisches Gebiet nicht vor Ausbruch eines deutschen Krieges gegen Polen und dessen zwei Verbündete erreichen können.

Hitler hatte auf einen Pakt mit Stalin gesetzt in der Hoffnung, dadurch die Westmächte von der Erfüllung ihrer Verpflichtung abzuschrecken, in einen Krieg auf der Seite Polens einzutreten. Es sah so aus, als ob diese Hoffnung einigermaßen berechtigt war, denn letztendlich waren die Westmächte nicht in den Krieg gezogen, als Hitler 1936 den Locarno-Vertrag brach (als er ins Rheinland einmarschierte), auch die französische Garantie der Tschechoslowakei wurde 1938 nicht erfüllt, und nicht einmal die gemeinsame Garantie der Rumpf-Tschechoslowakei im März 1939 wurde eingehalten. Im August 1939 waren die Verhältnisse für die Westmächte weit weniger günstig, nachdem die Sowjetunion sowohl ihre Nichtintervention erklärt und auch Deutschland durch ein großzügiges Handelsabkommen den Rücken gestärkt hatte. Andererseits war es nicht sicher, daß Hitler gegen die Westmächte in den Krieg ziehen würde, bevor er sich gegen die Sowjetunion gewandt hatte. In seinem Buch Mein Kampf hatte er erklärt, daß ein Zweifrontenkrieg der sichere Weg ins Unglück sei.

Taylor und Carr scheinen von dem Wunsch besessen zu sein, Stalin (1879-1953) im vorteilhaftesten Licht erscheinen zu lassen, ungeachtet aller logischen Konsequenzen. Trotz ihrer mangelhaften Beweislage haben sie "Schule gemacht". Selbst jetzt noch, nach der Jahrhundertwende, findet man Stalin als friedliebenden Führer beschrieben, der schließlich einem Kriegstreiber zum Opfer fiel, der außerhalb seiner Einflußnahme war, nämlich Hitler. Die meisten Nachschlagwerke sind sich darüber einig, daß der Pakt auf die eine oder andere Weise eine Defensivmaßnahme war. Das war sicherlich genau die Auffassung, zu der Stalin seine "nützlichen Idioten" bringen wollte.

Zur gleichen Zeit, als Stalin die Massen mit Propagandaphrasen abspeiste, wollte er seine intelligenten Henker über die wirklichen Ziele des Paktes informieren. Er fand auch verschieden Wege hierfür, ohne den Glauben der Idioten ins Wanken zu bringen. Die Mitglieder des Politbüros konnten natürlich ohne ein Blatt vor dem Munde bei einem Geheimtreffen informiert werden. Dieses fand am 19. August 1939 statt, nur vier Tage vor Unterzeichnung des Paktes. Die Protokolle dieses Treffens wurden bis Anfang der 1990er Jahre geheimgehalten. Es sei also den Historikern verziehen, wenn sie Stalins berühmte Rede vom 19. August in den vergangenen 50 Jahren nicht gelesen haben.

Stalin und Molotow in Jalta bei der Sicherung der Beute des grausamsten Krieges der Menschheitsgeschichte.

Ausländische Kommunistenführer mußten über indirekte Wege informiert werden. Einer dieser Wege lief über die Times, in der eine Notiz mit einer Zusammenfassung von Stalins Rede am 26. August 1939 erschien. Einleitend besagte die Notiz:[13]

"Britische und französischen Kommunisten haben von M. Dimitroff eine Mitteilung im Namen der Komintern erhalten. Das Dokument soll folgende Gründe für den russisch-deutschen Pakt angeben:

1) Angesichts der Erfahrungen der letzten fünf Jahre, die zu unerwünschten Wahl- und sonstigen Bündnissen mit demokratischen und bürgerlichen Parteien geführt haben, hält man eine neue Taktik für notwendig.

2) Obwohl der Beitritt Rußlands zu der demokratischen Friedensfront die Achse [Berlin-Rom] gebremst hätte, hätte es eine Verletzung kommunistischer Prinzipien bedeutet, die kapitalistischen Länder zu unterstützen.

3) Die Sowjetregierung und die Komintern haben daher entschieden, daß es das beste sei, sich aus jeglichem Konflikt herauszuhalten, sich zugleich aber zum Eingreifen bereitzuhalten, wenn die darin verwickelten Mächte durch den Krieg geschwächt sind, in der Hoffnung, eine soziale Revolution sicherzustellen.

4) Der Pakt ist ein großer diplomatischer und ideologischer Sieg für Rußland auf Kosten der Achse.

5) Das Haupthindernis für den Abschluß einer Vereinbarung zwischen Frankreich, Großbritannien und Rußland und der Hauptanstoß für den Abschluß des jetzigen Paktes waren die feindliche Haltung von Polen, Rumänien und der Balkan-Entente."

Die wirklich wichtigen Abschnitte dieser "Mitteilung" sind die Feststellung, daß die Sowjetunion die Achse gebremst habe, und daß der Pakt einen Krieg erhoffen lasse, der die Achse und die demokratischen Mächte schwächen und die Revolution sicherstellen würde. Der fünfte Abschnitt war möglicherweise hinzugefügt worden, um den "nützlichen Idioten" etwas zum Kauen zu geben, damit ihnen die wirkliche Botschaft nicht aufging.

Ein paar Tage später brach der europäische Krieg planmäßig aus. Die intelligenten Leser, die im Marxismus-Leninismus geschult waren, mußten dann Stalins Politik verstehen und sich für die kommende "Sozialrevolution", d.h. die Sowjetisierung Europas, vorbereiten.

Viele Historiker schreiben offensichtlich über den Pakt - sogar in den angesehensten Zeitungen - ohne die Dinge aus heutiger Sicht zu prüfen. Kein Wunder also, daß ihnen die vollständigere Zusammenfassung von Stalins Rede entging, die am 8. September 1939

veröffentlicht wurde. Das geschah in der schwedischen Abendzeitung Svenska Pressen in Helsinki, einer Zeitung mit recht beschränkter Verbreitung. Am Anfang stand eine Erklärung, daß alle hohen Kommunistenführer in Rußland und im Ausland am Tag vor Abschluß des Paktes ein Rundschreiben in Dialogform erhielten. Es folgten die meisten Dialoge, mit einigen angezeigten Auslassungen. Die Hauptpunkte waren folgendes:

Das Endziel der Komintern ist nach wie vor das gleiche: Die Weltrevolution. Alle Versuche, die Revolution in Gang zu setzen, sind jedoch fehlgeschlagen. Laut bestimmten Argumenten von Marx, Engels und Lenin (die in der Zeitungsnotiz ausgelassen waren) könne ein langwieriger Krieg den Ausbruch einer Revolution beschleunigen. Ein Pakt zwischen der Sowjetunion und den Westmächten würde aber den Ausbruch eines solchen Krieges nicht beschleunigen, denn er würde Deutschland davon abhalten, sich in ein militärisches Abenteuer zu stürzen. Andererseits würde ein russisch-deutscher Pakt (bei russischer Neutralität) es Deutschland ermöglichen, seine Angriffspläne zu verwirklichen.

Um also die Weltrevolution zu beschleunigen, mußte die Sowjetunion Deutschland unterstützen, damit dieses den Krieg beginnen könne, und dann darauf einwirken, daß der Krieg in die Länge gezogen würde. Als Schluß stellte die Nachricht fest, daß das Rundschreiben im Kreml von Stalin und allen Mitgliedern des Politbüros von 1939 außer Chruschtschow entworfen worden sei. Sein Zweck sollte angeblich einer Unzufriedenheit bei den kommunistischen Führern vorgreifen.[14]

Es wäre eine der wichtigsten Aufgaben der ausländischen Presseattachés gewesen, den vollen Text dieser Nachricht ihrer jeweiligen Regierung zu berichten. Es scheint aber, daß dies keiner von ihnen tat.

Offensichtlich fühlte Stalin, daß das alles nicht genug war. Daher gewährte er drei Monate später der Prawda ein Interview. Der Herausgeber "fragte Genossen Stalin nach seiner Meinung über den Havas-Bericht über ‛die Rede', die "Stalin vor dem Politbüro am 19. August" angeblich gemacht habe, "in der er den Gedanken ausgedrückt habet, daß der Krieg so lange wie möglich anhalten sollte, damit die Kriegführenden erschöpft würden." (Siehe Stalins Rede!) Die Prawda zitiert dann Stalin wie folgt:

1) Es könne nicht geleugnet werden, daß es Frankreich und England waren, die Deutschland angegriffen hätten, und folglich seien diese für den gegenwärtigen Krieg verantwortlich;

2) daß Deutschland an Frankreich und England Friedensvorschläge gemacht habe, die von der Sowjetunion unterstützt worden seien, weil ein schnelles Kriegsende die Lage aller Länder und Völker erleichtern würde;

3) daß die herrschenden Kreise in England und Frankreich Deutschlands Friedensangebote brüsk zurückgewiesen hätten.[15]

In der enormen Literatur über den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gibt es keine Erwähnung irgend eines Havas-Berichts über Stalins Rede vom 19. August. Möglicherweise hat der Bericht überhaupt nie existiert.

Das Prawda-Interview wurde am 30. November 1939 veröffentlicht, genau an dem Tag, als die Sowjetunion einen direkten Eroberungskrieg gegen Finnland begann.

Wer den Marxismus-Leninismus studiert hatte, wußte sicherlich, daß eine "Erleichterung der Lage für alle Länder" nicht im geringsten eine Weltrevolution fördern würde. Und jedem Leser der Prawda würde auch klar sein, daß Stalin, wenn er am 19. August 1939 über "den Krieg" gesprochen hatte, einen erwarteten oder geplanten Krieg gemeint hätte, nicht aber einen "gegenwärtigen Krieg". Der Weg zum Krieg war erst am 23. August geebnet (durch den Pakt), und Hitler beschritt ihn am 1. September.

Stalins wirkliche Haltung zum Krieg sollte sich aus der Art ergeben, in der er Worte in Taten umsetzte an genau dem Tag, als das Interview veröffentlicht wurde. Die "Eingeweihten" waren also hinreichend informiert, daß Stalin den Pakt geschlossen hatte, um einen Krieg mit Aussicht auf eine Erschöpfung der Kriegführenden zu ermöglichen. Das Datum der Veröffentlichung sollte bestätigen, daß die Friedensphrasen nur der Tarnung dienen sollten.

Daß Historiker und Kreml-Fachleute einen Artikel aus der Svenska Pressen nicht kennen, mag entschuldbar sein. Er wurde erneut (in englischer Übersetzung) erst 1984 veröffentlicht.[16]

Es ist jedoch, gelinde gesagt, bemerkenswert, ein Prawda-Interview zu übersehen.

Jeder gewissenhafte Historiker weiß bestimmt, daß sich weder Stalin noch Hitler an Verträge oder andere Verpflichtungen gebunden fühlten. Alle akzeptieren, daß zumindest Hitler an den Pakt in der Absicht heranging, ihn bei der ersten besten Gelegenheit zu brechen. Dennoch hängen sie sich an die Idee, daß Hitler vom Ribbentrop-Pakt davon abgehalten wurde, diesen genau 22 Monate lang nicht zu brechen. Was, wenn sich schon nach 22 Tagen eine passende Gelegenheit für Hitler geboten hätte? Sicherlich hätte Hitler die Sowjetunion jederzeit zwischen Oktober 1939 und Juni 1941 angreifen können, wenn er es für zweckdienlich angesehen hätte - Pakt hin oder her. Es ist offensichtlich, daß sich die strategische Möglichkeit für einen Angriff nicht vor Mai 1941 bot. Der Pakt beschützte die Sowjetunion nicht im geringsten.

In seinem Buch Mein Kampf machte Hitler es klar, daß er einen Zweifrontenkrieg als Unglück für Deutschland ansah. Ein Angriff auf Polen im August 1939 beinhaltete das Risiko eines Zweifrontenkrieges. Die Westmächte hatten versprochen, wegen Polen im Falle eines deutschen Angriffs in den Krieg zu ziehen. In einem Gespräch am 14. August 1939 mit General von Brauchitsch erwartet Hitler, daß Großbritannien nicht für Polen kämpfen würde, aber er war sich nicht ganz sicher. Wenn Chamberlain aber die Überzeugung gewänne, keine Unterstützung durch die Sowjetunion erlangen zu können, hielt Hitler eine britische Untätigkeit für so gut wie garantiert. Da Hitler wußte, daß Stalin den Pakt jederzeit brechen konnte, wurde auch Deutschland nicht durch ihn geschützt.

Daher mußte Hitlers Grund für den Pakt der gewesen sein, sicherzustellen, daß die Westmächte nicht eingriffen, wenn er Polen angriff. Hitler basierte seine Meinung auf eine Information über einen britischen Offizier des Generalstabs, der die Stärke der polnischen Armee beurteilt hatte. Der Offizier war zu der Schlußfolgerung gelangt, daß Polens Widerstand schnell zusammenbrechen würden. Mit diesem Wissen dachte Hitler, der britische Generalstab würde der Regierung empfehlen, sich nicht in einen Krieg ohne jegliche Erfolgsaussicht einzulassen.[17] Selbst als die Westmächte den Krieg erklärten, tröstete Hitler sich und seine Umgebung damit, daß "England und Frankreich offensichtlich nur zum Anschein Krieg erklärt hätten, um nicht vor der Welt das Gesicht zu verlieren."

Stalin wußte andererseits, daß der deutsche Angriff auf Polen der Auslöser für den Krieg würde, den er brauchte, und er sagte sogar zu Ribbentrop:[18]

"England würde stark und hartnäckig Krieg führen."

Sein Wissen entsprang natürlich der Tatsache, daß er Agenten in den höchsten Kreisen der britischen Regierung hatte, z.B. Blunt, Burgess, McLean und Philby, um die zu nennen, die entlarvt wurden.

Hitler macht in diesen Augusttagen kein Geheimnis daraus, daß er es eilig hatte, zu einer Übereinkunft mit der Sowjetunion zu kommen. Es war ersichtlich, daß er es nicht wagte, seinen polnischen Feldzug ohne einen Beweis für Stalins Neutralität zu beginnen. In wenigen Wochen würde der Herbstregen beginnen und den Feldzug unmöglich machen.

Fassen wir also zusammen: Stalin erkannte, daß es ohne einen Pakt mit Deutschland keinerlei Angriff auf Polen und damit keinen Krieg zwischen Deutschland und den Westmächten geben würde. Durch eine Übereinkunft mit Hitler konnte er den europäischen Krieg bekommen, von dem er seit 1925 ständig gesprochen hatte als von etwas, das "die revolutionären Kämpfe des Proletariats beschleunigen und erleichtern" würde.[19] Hier lag Stalins Motiv für einen Pakt mit seinem Erzfeind Hitler - dem er nicht im mindesten trauen konnte.

Die oben aufgezeigte Argumentation wird in dem Buch The Incompatible Allies (New York, 1953) von dem deutschen Diplomaten Gustav Hilger und einem gewissen Alfred G. Meyer dargelegt. Sie schlußfolgern jedoch, daß Stalin den Krieg nur deshalb provozierte, um wertvolle Zeit für eine Wiederaufrüstung[20] zu gewinnen (womit gemeint ist: um seine Rüstung vor einem deutschen Angriff fertigzustellen.) Hilger und Meyer berücksichtigen nicht die Tatsache, daß Hitler nicht die Sowjetunion angreifen konnte, ohne vorher Polen zu erobern. Und der Pakt war eine Voraussetzung für die Eroberung Polens!

Neuere Autoren wie Geoffrey Roberts und Gabriel Gorodetsky, lassen in ihren Büchern über Stalin noch viel mehr unberücksichtigt. In The Soviet Union and the Origins of the Second World War (1995) und Grand Delusion: Stalin and the German Invasion of Russia (1999) wird Stalins Rede vom 19. August 1939 nicht erwähnt und es gibt keine Erörterung über den Wert des Paktes zwischen zwei notorisch nicht vertrauenswürdigen Personen.

Tatsächlich haben es die meisten Historiker versäumt, die logische Schlußfolgerung zu ziehen: daß Stalin den Pakt als Mittel zum Beginn eines Weltkrieges benutzt hat. Roberts und Gorodetsky hatten Gelegenheit, Stalins eigene unverhüllte Worte zu lesen. Andere Historiker hatten Zugang zu seinen verschleierten Äußerungen in der Prawda und der Times. Und jedermann konnte nachschlagen, was eingeweihte Personen über Stalins Absichten damals dachten. Außenminister von Ribbentrop, Botschafter Sir Neville Henderson und Stalins Biograph Boris Souvarine äußerten ihre Meinung in gleicher Richtung wie Stalin in seiner Rede. Bereits im September 1936 sagte der französische General Schweisguth voraus, daß Stalin darauf abziele, einen brutalen Krieg zu entfachen, in den die Sowjetunion erst dann eintreten würde, wenn die anfänglichen Kriegsparteien erschöpft wären.

Eine gewichtige Bestätigung ergab sich 1951, als der abgesprungene Sowjetoberst Grigori Tokajew sein Buch Stalin Means War (Stalin bedeutet Krieg) veröffentlichte. In diesem Buch bezeugte Tokajew, was ihm an der Militärakademie 1939 und später beigebracht worden ist. Eine dieser Vorlesungen beschäftigte sich mit nur einem Thema - die UdSSR sollte England und Frankreich dazu bringen, Deutschland auf Leben und Tod zu bekriegen, und, zugleich Deutschland dazu bringen, England und Frankreich auf Leben und Tod zu bekriegen.[21] In bezug auf den Pakt erwähnt Tokajew, was er von einer authentischen Quelle zwei Tage nach seiner Ratifizierung erfuhr:

"Im Kreml war man sich zur Zeit, als die Übereinkunft unterzeichnet wurde, voll und ganz klar, daß Deutschland binnen weniger Tage in Polen einmarschieren würde."

Tokajews Meinung zufolge verstand Stalin ganz genau, daß er der Menschheit unvermeidlich einen Zweiten Weltkrieg auferlegte, als er Hitler seine Angst vor einem Zweifrontenkrieg nahm.[22]

Es ist offensichtlich, daß es für jedermann, der die Motive von Stalin und die Ursachen des Zweiten Weltkrieges erforschen wollte, entscheidende Hinweise gab. Seit den letzten paar Jahren ist sogar Stalins Rede vom 19. August 1939 erhältlich. Jeder seriöse Historiker, der über Stalin schreibt, sollte natürlich mit ihr vertraut sein. Statt dessen scheint es bei den Berufshistorikern einen ideologischen Widerstand zu geben, Stalin als Anstifter des Zweiten Weltkrieges zu erkennen. Die allgemeine Öffentlichkeit befindet sich in glückseliger Unwissenheit über die Tatsache, daß der einzige Nutznießer des Krieges auch genau die Person war, die ihn angeheizt hat, der ehemalige Bankräuber Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili alias Stalin. Statt dessen sehen viele Leute Stalin immer noch als den friedliebenden Verteidiger des russischen Volkes.

Churchill und Roosevelt kommt ein Großteil der Verantwortung für diesen Stand der Dinge zu. Sie traten schon als tonangebende Autoritäten auf, als sie Polen dazu ermunterten, seine deutsche Minderheit zu verfolgen und Deutschland jegliche Verhandlungen hierüber zu verweigern. Sobald sich die Sowjetunion der Kriegführung gegen die Achsenmächte anschloß, gaben sich die beiden westlichen Staatsführer viel Mühe, um Stalin im besten Licht erscheinen zu lassen. Das ging sogar soweit, daß sie - wider besseres Wissen - Stalins Version des Katyn-Massakers als einem Massenmord der Deutschen übernahmen. Als der Krieg vorüber war, hatte sich diese einseitige Haltung auf die meisten Historiker übertragen.

Die Einschätzung, die Churchill 1948 veröffentlichte, rief keine Kritik hervor. Er hatte geschrieben:[23]

"[Das] vitale Bedürfnis [der Sowjets] war, den Aufmarsch der deutschen Armeen so weit westlich wie möglich zu halten, um den Russen mehr Zeit zur Sammlung ihrer Kräfte aus allen Teilen ihres immensen Reiches zu geben. [...] Sie mußten mit Macht oder List die Baltischen Staaten und einen Großteil Polens einnehmen, bevor sie angegriffen wurden. Sie betrieben eine kaltblütige Politik, die zugleich in hohem Maß realistisch war."

Selbst wenn das von Churchill stammt, so ist das doch ein bißchen zu naiv. "Die Russen" betrieben, wie man wohl weiß, keinerlei Politik, weder eine realistische noch eine andere. Die Politik wurde allein von dem Autokraten Stalin ausgeführt, und er konnte sich bereits auf eine starke Verteidigungsfront stützen. Jeder Historiker sollte in der Lage sein zu erkennen, wie unzweckmäßig unter diesen Umständen die Besetzung von Estland und Lettland war. Eine Zwangsbesetzung erfordert militärische Ressourcen, die damit aufgesplittert werden. Stalins Politik führte auch zum Verlust einer Reihe möglicher Verbündeter in einem möglichen Defensivkrieg gegen Deutschland: Finnland, die Baltischen Staaten, Polen und Rumänien.

Dennoch sind unbesonnene Erklärungen dieser Art in einem Buch um das andere zu sehen. Dazu mag auch der Nürnberger

Carl O. Nordling, schwedischer Bürger, 1919 als Finnlandschwede in Helsinki geboren. Ausbildung als Architekt und Stadtplaner in Helsinki und Stockholm; in letzterer Stadt lebt er seit dem Winterkrieg von 1940. Kämpfte im Fortsetzungskrieg als Soldat der finnischen Streitkräfte von 1941 bis 1944, wobei sein Fronteinsatz mit Studienperioden abwechselte. Seine berufliche Tätigkeit lag hauptsächlich auf dem Gebiet der Demographie und anderer statistischer Untersuchungen im Zusammenhang mit Stadtplanung. Nach seiner Pensionierung widmete er sich historischen Forschungen; er hat auf verschiedenen Feldern der Wissenschaft eine große Anzahl von Artikeln in schwedischer und englischer Sprache verfaßt.

Weitere Informationen bei http://home.swipnet.se/nordling/

 

 Prozeß beigetragen haben, der bestimmte Auffassungen über den Krieg als "politisch korrekt" kanonisiert hat. Darunter war das Dogma, daß nur die Deutschen und die Japaner Kriegsverbrechen begangen hatten. Als Folge wird es Hitler als Verbrechen angerechnet, daß er 1943 nicht kapituliert hat, womit er ein paar Millionen Deutschen das Leben hätte retten können. Zugleich wird es Stalin positiv angerechnet, daß er 1941 nicht kapituliert hat, als er Millionen Leben seiner Untertanen hätte bewahren können. Statt dessen kämpfte er weiter, bis er Osteuropa erobert hatte, was den Verlust von noch mehr Menschenleben bedeutete. Diese Verluste waren besonders in den letzten Monaten hoch. (Das Endergebnis waren etwa 27 Millionen Tote, wie sich aus den Zählungen vor und nach dem Krieg ergibt, wobei allerdings Millionen Tote in Konzentrationslagern eingerechnet sind.)

Autoritätsglaube und Gruppendruck scheinen in der Lage zu sein, die meisten akademischen Historiker die Regeln vergessen zu lassen, die ihnen bei ihrer Universitätsausbildung beigebracht wurden, ja, daß sie sogar den gesunden Menschenverstand ignorieren.

In scharfem Gegensatz hierzu glänzt der mit dieser Festschrift Geehrte, Dr. Robert Faurisson.


Anmerkungen

Aus dem Englischen übersetzt von Patricia Willms.

[1]Raul Hilberg, The Destruction of the European Jews, 3 Bde., Holmes & Meier, New York 1985.
[2]C.O. Nordling, Revue d'Histoire révisionniste (RHR) 2 (1990), S. 50-64; Engl.: Journal of Historical Review 10(2) (1990), S. 195-209; auch: VffG 1(4) (1997), S. 248-251; ders., VffG 1(4) (1997), S. 251-254.
[3]www.crystalinks.com/ bigbang.html
[4]Hannes Alfvén, "Has the universe an origin?," Trita-EPP, 1988, 07, S. 6
[5]F. Duccio Macchetto und Mark Dickinson, "Galaxies in the Young Universe," Scientific American, Bd. 276, S. 66.
[6]Margaret Mead, Coming of Age in Samoa, 1928.dt.: Kindheit und Jugend in Samoa, = Bd. 1 von Leben in der Südsee, München 1965
[7]Derek Freeman, Liebe ohne Aggressionen, München 1983 (Kindler).
[8]www.usps.com/images/stamps/98/mmead.jpg
[9]Derek Freeman, aaO. (Anm. [7]), S. 227.
[10]Margaret Mead, Sex and Temperament in Three Primitive Societies, London 1935. - dt.: Leben in der Südsee, Bd. 3: Geschlecht und Temperament in drei primitiven Gesellschaften, München 1965 = Jugend und Sexualität in primitiven Gesellschaften, München 1970
[11]A.J.P. Taylor, The Origins of the Second World War, London 1961, S. 262f.
[12]Edward H. Carr, German-Soviet Relations between the Two World Wars, 1919-1939, Oxford 1952, S. 136.
[13]The Times, Aug. 26, 1939, S. 9.
[14]Svenska Pressen, Helsinki, Sept. 8, 1939, S. 4.
[15]Pravda, Nov. 30, 1939.
[16]Contributions to Soviet and East European Research, Bd. 11, Nr.. 1, S. 103-5.
[17]Albert Speer, Erinnerungen, Frankfurt 1969, S. 179.
[18]Adam B. Ulam, Expansion and Coexistence, New York, S. 277.
[19]Iosif Stalin, The Essential Stalin: Major Theoretical Writings 1905-52, London 1973, S. 93.
[20]Gustav Hilger, Alfred Meyer, The Incompatible Allies, New York 1953, S. 307.
[21]Grigory Tokaev, Stalin Means War, London 1951, S. 72.
[22]Ebd., S. 30.
[23]Winston Churchill, The Second World War, Teil I, London 1948, S. 306f.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 8(1) (2004), S. 27-39.


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