Geheimnis um Raoul Wallenberg gelüftet

Wie ein prominenter Jude Opfer des Geistes von Nürnberg wurde

Von József K. Szegedi

Am 14. November 2003 wurde Raoul Wallenberg Ehrenbürger von Budapest. Diesen Titel teilt er unter anderem mit Josif Wisarionowitsch Dschugaschwili, alias Stalin, dessen Ehrenbürgertitel abzuerkennen der vom Liberalen Demszky geführte Stadtrat von Budapest nicht bereit war.

Raoul Wallenberg

Raoul Wallenberg gilt als eine legendäre, edle Gestalt aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges in Budapest. Er rettete Tausende von Juden vor der Deportation und somit nach herkömmlicher Ansicht vor dem sicheren Tod. Mit wachsendem zeitlichen Abstand wächst allerdings auch die Zahl der von ihm geretteten Juden. Während frühere Quellen es bei Tausenden belassen, die er mit schwedischen Pässen versorgte, sprechen andere Quellen von Zehntausenden von Geretteten, wobei die Spitze bei über Hunderttausend liegt.[1]

Unserem Aufsatz liegt das Buch von Oberleutnant Bondor Vilmos zugrunde.[2] Den sich auf Professor Orsós beziehenden Teil entnahmen wir einem Zeitungsartikel der Tageszeitung Új Magyarország.[3]

1. Der historische Hintergrund von Wallenbergs Wirken in Budapest

Am 15. Oktober 1944 verkündete Reichsverweser Horthy eine Waffenruhe mit der Sowjetunion und den Austritt Ungarns aus dem Krieg. Das Militär war gespalten. Der Teil, der weiterhin an der Seite Deutschlands kämpfen wollte, erzwang mit deutscher Hilfe den Rücktritt Horthys und brachte eine rechtsgerichtete Koalitionsregierung unter der Führung von Ferenc Szálasi an die Macht. Am 4. November erreichten die ersten sowjetischen Truppen den äußeren Ring von Budapest. Am 24. November verlegte die Regierung ihren Sitz an die westungarische Grenze nach Sopron.

Dies ist der Hintergrund, vor welchem Wallenberg tätig war. Wir halten es für wichtig anzumerken, daß das Ghetto von Budapest und damit praktisch das ganze Budapester Judentum nicht deportiert worden war. Diese Tatsache interpretieren verschiedene Quellen je nach Interessenlage unterschiedlich. Dem Verfasser sind Artikel bekannt, denen zufolge die Deutschen das Ghetto vor den ungarischen Pfeilkreuzlern gerettet haben. Andere Quellen behaupten das Umgekehrte. Wiederum andere lassen Raoul Wallenberg das Ghetto von Budapest vor den Nazis und den ungarischen Pfeilkreuzlern retten. Den Tatsachen dürfte vielleicht am ehesten entsprechen, daß in den letzten Monaten des Jahres 1944, als Ungarn bereits zur Hälfte von den Sowjets erobert worden war, niemand mehr allzu große Lust hatte, das Ghetto irgendwohin umzusiedeln, geschweige denn die Insassen umzubringen.

Aber selbst jüdische Quellen, wie z.B. der in Ungarn bekannte Historiker Lévai Jenö, geben zu, daß die Szálasi-Regierung, die nach dem mißglückten Kriegsaustrittsversuch Horthys am 15. Oktober 1944 an die Macht kam, bestrebt war, den jüdischen Wünschen entgegenzukommen, um im Gegenzug eine internationale Anerkennung zu erhalten. Jenö behauptete 1955 bei einem Kongreß in Jerusalem:[4]

"Szálasi war kein blutrünstiger Antisemit. Er wollte keine Deportationen, diese wurden nur auf Druck der Deutschen durchgeführt."

Nach dieser Aussage kam es zum Skandal. Er wurde als Verräter der Juden beschimpft, mit dem Tode bedroht und mußte Jerusalem verlassen. Wortwörtlich heißt es auch bei Karsai, dem anderen bekannten Historiker der Judenverfolgung in Ungarn:[5]

"Die Rettungsaktionen wurden von der felsenfesten Absicht von Szálasi unterstützt, seine Regierung international anerkennen zu lassen. In der Hoffnung darauf ließ er die Errichtung des großen Ghettos der Dohány-utca zu sowie des internationalen Ghettos, er stoppte die Deportationen (Fußmärsche) Richtung Westen und duldete, daß ausländische Vertretungen und internationale Organisationen Schutzbriefe für Juden ausstellten."

2. Wallenbergs Wirken und Verschwinden

Wallenberg kam als schwedischer Diplomat im Juli 1944 nach Budapest. Seine Aufgabe bestand darin, die Juden nach Möglichkeit zu schützen und zu retten. Er hat Tausende von Schutzbriefen ausgestellt, mit der Szálasi-Regierung verhandelt, er ließ das internationale Ghetto errichten und aufrechterhalten. Mitte Januar 1945 wurde der östliche Stadtteil von Budapest, wo sich auch die Ghettos befanden, von den Sowjets besetzt (nach anderer Betrachtungsweise: befreit).

Am 17. Januar wurde Wallenberg vom Sowjetmarschall Malinowski nach Debrecen bestellt. Seither fehlt jede konkrete Spur von ihm. Im GULag inhaftierte Personen behaupteten jedoch bis in die siebziger Jahre, Wallenberg dort gesehen oder getroffen zu haben.

3. Gängige Erklärungsversuche seines Verschwindens bzw. Todes

Seither sind weltweit zahlreiche Publikationen über ihn erschienen. Auffallend ist, daß sich diese Publikationen zwar lang und breit über sein Leben und seine Tätigkeit in Budapest auslassen, über sein Verschwinden bzw. seinen Tod jedoch kaum berichten. Als Beispiel sei hier das als erstes erschienene Werk genannt, das sich mit ihm beschäftigt: Lévai Jenö hat 1948 sein Buch mit folgendem Titel verlegt: Raoul Wallenberg; regényes élete, hősi küzdelmei, rejtélyes eltűnésének titka (Raoul Wallenberg; sein romanhaftes Leben, seine heroischen Kämpfe, und das Geheimnis seines Verschwindens). Lévai füllt 300 Seiten über Wallenberg, seinem Verschwinden widmet er aber nur einige Zeilen, ohne natürlich die Sowjets zu beschuldigen.

Heute bestreitet niemand in der Welt, daß er von den Sowjets gefangengenommen wurde und dann vermutlich irgendwann im GULag gestorben ist. Wir möchten nun einige Versionen über das Verschwinden von Wallenberg und dessen Ursache kurz darstellen.

3.1. Pfeilkreuzler (ungarische Faschisten) haben ihn ermordet. Dies berichteten einige ungarische Zeitungen des Jahres 1945, hier zitiert von Ferenc F. Fiala. Diese Meldung verbreiteten auch sowjetische Quellen im Laufe des Jahres 1945.[4]

3.2. Opfer von Straßenräubern. Lévai vermutet am Ende seines oben erwähnten Werkes, daß Wallenberg von gewöhnlichen Straßenräubern zwischen Budapest und Debrecen ausgeraubt und ermordet wurde, ignoriert aber, daß er diese Reise nicht allein, sondern in Begleitung des sowjetischen Militärs angetreten hat.[6]

3.3. Wallenberg hätte große Mengen Wertgegenstände von reichen Juden bei sich zu Hause aufbewahrt, weswegen ihn die Sowjets entführt hätten. Diese These vertritt der ungarische Politiker Schamschula in der Ausgabe 2002/2 der Zeitschrift für Literatur und Kunst Napút.

3.4. Er war ein amerikanischer Agent. In einem Rechtsgutachten zur Klage des Wallenberg-Halbbruders Guy von Dardel 1984 beim Washingtoner District Court gegen die UdSSR steht in der Tat:[7]

"In Ungarn sammelte Wallenberg auf Wunsch der US-Regierung wesentliche Informationen über die Kriegsanstrengungen der Nazis und das Maß des Rückgangs gegen Kriegsende."

3.5. Er war amerikanisch-sowjetischer Doppelagent. Zu dieser Vermutung kommt eine deutsch-ungarisch-russisch-schwedische Historikerkonferenz im Jahre 2001 in Berlin. Die Konferenz ist aber wenigstens so ehrlich, zuzugeben, es gebe über Wallenberg in den USA und Schweden Papiere, die immer noch unter Verschluß gehalten werden. Wir werden später sehen, warum das von Bedeutung ist.[8]

3.6. Er hat sich an den Verhandlungen über ein Tauschgeschäft zwischen Juden und Deutschen (LKWs gegen die Freilassung von Juden) beteiligt. Als Jakowlew 1988 noch Politbüromitglied war, erzählte er dem Atomphysiker Andrej Sacharow, Grund der Verhaftung Wallenbergs sei ein Tauschhandel von Militärfahrzeugen gegen Juden gewesen.[7]

3.7. Er war amerikanisch-britisch-deutscher Dreifachagent, wollte aber für die Russen nicht arbeiten, vermutet der ehemalige Vizechef der sowjetischen Auslandsspionage Pawel Sudoplatow.[7]

3.8. Er war deutscher Agent - sollen die Russen vermutet haben. Ein Vertreter des US-Geheimdienstes OSS gab eine Meldung nach Washington, die jetzt der Spiegel im CIA-Archiv gefunden hat:[7]

"Höre im Außenministerium [...] daß Legationssekretär Wallenberg von schwedischer Gesandtschaft sich unter deutschen Schutz (Waffen-SS) gestellt habe."

3.9. Der Leiter des Budapester Ghettos, Stöckler Lajos, wurde von den kommunistischen Behörden in Ungarn 1950 der Ermordung von Wallenberg beschuldigt und zu einer Haftstrafe verurteilt.[9]

3.10. Er wurde von den Sowjets festgehalten, um gegen nach Schweden geflüchtete Dissidenten ausgetauscht zu werden, wozu aber die Schweden nicht bereit waren, findet eine schwedisch-russische Regierungskommission 2001.[10]

3.11. Er war amerikanisch-britischer Doppelagent, der aber auch für die Russen gearbeitet hat, und der ungarisch-jüdische Böhm Vilmos, der während des Zweiten Weltkrieges in Stockholm gelebt hat, hat ihn an die Russen verpfiffen - so vermutet der schwedische Historiker Wilhelm Agrell in der Tageszeitung Dagens Nyheter.[11]

3.12. Er wurden von den Russen in Geiselhaft genommen, um von Schweden einen Milliardenkredit zu sehr günstigen Konditionen zu erhalten, vermutete das russische Blatt Kommersant im Dezember 1999.[12]

4. Die wahren Gründe der Verhaftung Wallenbergs

Die Geschichte fängt im Jahre 1944 an. Ein großer Teil des ungarischen Heeres (Honvédség) hielt den Kampf an der Seite Hitlers für aussichtslos. Als die Sowjets nur noch 50 km von Budapest entfernt waren, planten sie einen Aufstand in Budapest, der die Pfeilkreuzler entmachten und Budapest und das Land vor den Kampfhandlungen der letzten Kriegsmonaten bewahren sollte. Die Organisation nannte sich Magyar Front. Sie wurde aber verraten, und der politische Flügel wurde am 19. Oktober verhaftet. Die Verhafteten haben den militärischen Flügel unter der Leitung von Hauptmann Mikó Zoltán nicht preisgegeben, so daß dieser weiter tätig bleiben konnte. Diese Tätigkeit bestand aus kleineren Sabotageaktionen, um bei der Belagerung von Budapest dann den Russen entgegenzukommen. Zu dieser Zeit lernten Hauptmann Mikó und Wallenberg einander kennen. Mikó ließ die von Wallenberg für die Juden reservierten Häuser vor den Übergriffen der Pfeilkreuzler schützen, er ließ ihnen Lebensmittel zukommen und versorgte sie mit Papieren. In diesen Häusern fanden nicht nur Juden Unterschlupf, sondern auch polnische Patrioten. Die polnischen Widerständler lebten bis zur Machtübernahme von Szálasi unbehelligt in Budapest, danach wurde es auch für sie schwierig.

Hauptmann Mikó

Nach Weihnachten 1944, während der Belagerung von Budapest, wandte sich Wallenberg mit der Bitte an Mikó, er sollte das Archiv und einige Wertgegenstände der schwedischen Botschaft in Sicherheit bringen. Wallenberg meinte, der sicherste Platz dafür wäre der Keller der Ungarischen Nationalbank, wo auch andere Botschaften Panzerschränke mieteten, die auch von den Pfeilkreuzlern unbehelligt blieben.

Im Januar 1945 fiel die Nationalbank in sowjetische Hände, wo sie nicht nur die Wertgegenstände, sondern auch das Archiv fanden. In diesem Archiv befanden sie auch Dokumente über das Verbrechen von Katyn, die Wallenberg von den mit ihm in Verbindung stehenden polnischen Patrioten erhalten hatte. Die Sowjets verhafteten führende Bankangestellte, die guten Gewissens und nichtsahnend von den Katyn-Dokumenten über die Verbindung Mikó-Wallenberg berichteten. Mikó, der Anfang Januar den Kontakt mit den Russen aufgenommen hatte, wurde von diesen nach einer Woche sehr freundlicher Behandlung plötzlich verhaftet.

Vergeblich suchte die provisorische antifaschistische ungarische Regierung nach ihm als einem der führenden Köpfe des antifaschistischen Widerstandes. Die Russen leugneten einfach, daß er sich in ihrem Gewahrsam befand.

Er wurde mit den bekannten NKWD-Methoden weichgeschlagen. Nein, er wurde nicht beschuldigt, Kenntnisse über Katyn zu haben, da waren die Sowjets gerissener. Die Sowjets unterstellten ihm ein antisowjetisches Komplott, und warfen Mikó und seinen unmittelbaren Untergebenen vor, Partisanenaktionen im sowjetisch besetzten Teil Ungarns sowie Spionage gegen die Sowjetunion betrieben zu haben. Mikó und seine Gruppe wurden im Juli 1945 nach Constanza (Rumänien) verbracht. Dort kam es zu einem Schauprozeß durch ein Militärgericht der 3. Ukrainischen Armee. Bei diesem kamen Mikó und sein Stellvertreter, Oberleutnant Bondor Vilmos nach monatelanger (getrennter) Haft und Folter wieder zusammen:

Oberleutnant Bondor Vilmos

"Was wird mit uns, fragte Bondor. Mikó hat mit dem Daumen nach unten gezeigt und nur geantwortet: Kaputt. Wir wurden mit Wallenberg in Verbindung gebracht."

Beim Prozeß wurden Mikó, Bondor und zwei weitere Personen zum Tod durch Erschießen verurteilt. Zwei weitere Angeklagte bekamen 15 Jahre, zwei andere 10 Jahre. Die Schuld Bondors und die der sechs anderen Angeklagten bestand einzig darin, daß sie Mikó gekannt hatten, dessen Schuld war, daß er Wallenberg gekannt hatte. Wallenbergs Schuld wiederum war, daß er die polnischen Widerständler gekannt hatte und von diesen Dokumente übernommen hatte. Die polnischen Widerständler in Budapest sind übrigens auch von den Russen gefangengenommen und hingerichtet worden, nachdem sie sich schon gefreut hatten, Gestapo und Pfeilkreuzlern entkommen zu sein.

In der Todeskammer hat Bondor, der später begnadigt wurde, Mikó darauf angesprochen, ob er gewußt habe, welche Brisanz die polnischen Dokumente hatten. Mikó hat die Frage bejaht und gesagt, er habe auch den Schweden gewarnt. Wallenberg habe aber die Warnung in den Wind geschlagen. Offenbar vertraute er darauf, daß die Amerikaner ihm beistünden.

Bondor, der im Jahre 1956 freikam und noch im gleichen Jahr in die USA emigrierte, schreibt, die Amerikaner hätten bis Ende der 70er Jahre eine schändliche Rolle in dieser Angelegenheit gespielt. Das Außenministerium habe versucht, jene Amerikaner mundtot zu machen, die bereit waren zu bezeugen, daß die Katyn-Morde durch die Sowjets verübt worden waren.

Die Verurteilten sind im August 1945 ins berüchtigte Zentralgefängnis von Odessa verfrachtet worden. Die Hinrichtungen gingen jede Nacht vonstatten. Einmal ist auch Bondor aufgerufen worden. Er hat sich von Mikó verabschiedet. Bei dieser Gelegenheit sah er ihn das letzte Mal. Bondors Gnadengesuch war angenommen worden, was bedeutete, daß sein Todesurteil in 25 Jahre Zwangsarbeit umgeändert wurde. Später hörte er, daß Mikó noch im gleichen Monat erschossen worden war. Mikós Bekleidung habe er an einem Wachmann erkannt. Im Jahre 1993 bestätigten auch die russischen Behörden die Hinrichtung offiziell.

Nun könnte unsere Geschichte hier zu Ende sein. Wir halten es aber noch für wichtig, über das Schicksal eines anderen Nebenakteurs zu berichten.

Professor Ferenc Orsós war eine international anerkannte Autorität auf dem Gebiet der Gerichtsmedizin. 1943 baten ihn die Deutschen, die internationale Expertenkommission zu leiten, die die Toten von Katyn untersuchen und aufgrund dessen feststellen sollte, wer den Massenmord verübt hatte. Waren es die Sowjets, die bis 1941 die Herrschaft im Gebiet hatten, oder die Deutschen, die es danach erobert hatten? Die Expertenkommission unter der Leitung von Orsós kam zu dem eindeutigen Ergebnis, daß die Morde (4.450 Tote) im April-Mai 1940, also während sowjetischer Herrschaft verübt worden sein mußten. Im "befreiten" Ungarn zahlte Orsós einen großen Preis für diese Meinung. Er wurde vom Volksgericht zum Hauptkriegsverbrecher erklärt. Sein Glück war, daß die Medizinische Universität Ende 1944 nach Halle evakuiert worden war. Die Amerikaner, in deren Obhut er sich befand, weigerten sich, dem Antrag des Volksgerichts auf Auslieferung zu entsprechen. Sie haben ihm aber auferlegt, er müsse über Katyn schweigen und seine Feststellungen vergessen. Die weiteren Mitglieder der Expertenkommission, deren die Russen habhaft wurden (ein bulgarisches und ein tschechisches Mitglied), "gaben ihre Fälschungen zu", andere Kommissionsmitglieder (ein rumänisches und ein polnisches) wurden vom KGB ermordet. Die wissenschaftliche Karriere von Orsós war damals beendet; er unterrichtete seither Kunstanatomie an der Akademie von Mainz. Bis an sein Lebensende im Jahre 1962 fürchtete er, vom KGB ermordet zu werden.

5. Die Lehren der Geschichte

Aus unserer Geschichte ist ersichtlich, daß es den Amerikanern unangenehm war, mit der Wahrheit über Katyn konfrontiert zu werden. Die Sowjets brachten zwar während des Nürnberger Prozesses auch die Geschichte von Katyn als Anklagepunkt gegen die Wehrmacht auf, jedoch ließ das IMT die Sache später stillschweigend fallen. Dafür inszenierte Stalin im Dezember 1945, also noch während der Nürnberger Prozesse, einen Schauprozeß in Leningrad. Bei diesem Prozeß wurden die deutschen Offiziere Ernst Böhm, Ernst Gehrer, Gerhard Janicke, Heinrich Remlinger, Erwin Skotki, Eduard Sonnenfeld und Karl Hermann Strüffling zum Tode verurteilt. Ihre Hinrichtung erfolgte am 5. Januar 1946. Zu den Hauptanklagepunkten hatte Katyn gehört. Janicke war "geständig" gewesen, einen erbarmungslosen Ausrottungsbefehl von Generalmajor Remlinger ausgeführt zu haben. Stabschef Franz Wiese erhielt 20 Jahre GULag. Er "gestand" im Leningrader Schautribunal schaurige Plünderungsverbrechen der Wehrmacht. Offizier Arno Düre, ein weiterer Angeklagter, der nach seinem "Geständnis" mit GULag statt Galgen bedacht wurde, beschrieb vor dem Leningrader Gericht die Ermordung russischer Frauen, Kinder und Greise durch die Wehrmacht und erklärte, daß dabei im Wald von Katyn "15000 bis 20000" Menschen, darunter Tausende polnische Offiziere, von den deutschen Truppen erschossen und verscharrt worden seien.[13] Und die Amerikaner blieben bezüglich des Leningrader Schauprozeß wortlos und kommentarlos. Wohin hätte das schließlich geführt, wenn offizielle amerikanische Stellen auf einmal gesagt hätten, die Geständnisse von Leningrad seien durch Folter zustande gekommen? Das ganze Gefüge der Nürnberger Tribunale wäre noch vor der Urteilsverkündung ins Wanken geraten. So schwiegen die Amerikaner und besiegelten damit auch Wallenbergs Schicksal. Hätten sie nämlich damals gegen den Schauprozeß protestiert und vor der ganzen Welt verkündet, daß sie der russischen Version in Sachen Katyn keinen Glauben mehr schenkten, hätte das weitere Gefangengehalten Wallenbergs auch keinen Sinn mehr gehabt. Jedenfalls haben sich die Sowjets diese Option offengehalten, zumal er ja im Gegensatz zu Mikó und den polnischen Widerständlern nicht hingerichtet wurde.

Für die Amerikaner aber sprach eine viel wichtigere Tatsache gegen einen lauten Protest in Sachen Katyn, nämlich daß im Falle Katyn die gleichen sowjetischen Ermittler ermittelt und die Schuld der Deutschen festgestellt hatten, die auch in Sachen Auschwitz ermittelt und die Gaskammern der Welt präsentiert hatten.[14]

Viele Beobachter wären womöglich auf den Gedanken gekommen, wenn einer in dem einen Fall so offensichtlich lügt, dann könne er das auch in dem anderen, Auschwitz betreffenden Fall tun.

Verbrecher werden manchmal vom schlechtem Gewissen geplagt. Dies gilt auch für Schreibtischtäter. Nachdem Gorbatschow im Jahre 1990 Katyn als eines der schlimmsten Verbrechen des Stalinismus genannt hat, macht es keinen Sinn mehr, im Falle Wallenberg die Wahrheit zu leugnen. Aber nein, die etablierten Historiker erfinden auch heute noch die abenteuerlichsten Geschichten über Wallenberg, nur um nicht die unangenehme Wahrheit aussprechen zu müssen. Diese Historiker werden zum Teil von der Soros-Stiftung bei ihren Recherchen gesponsert. Verständlich, daß sie dabei zu einem Ergebnis kommen, welches auch den Sponsor befriedigt.[15]

Nicht zufällig fällt dem Verfasser dieser Zeilen die Geschichte Germar Rudolfs ein, der dem Gericht, das ihn angeklagt hatte, anbot, seine Messungen durch unabhängige Fachleute überprüfen zu lassen, deren Ergebnis er sich dann unterwerfen wollte. Nun, das Gerichte war daran nicht interessiert, was nur bedeuten kann, daß die Richter sich im Innersten davor fürchteten, daß Rudolf recht haben könnte, weshalb sie es nicht wagten, der Sache auf den Grund zu gehen. Auch bei Wallenberg haben wir es mit einem ähnlichen Fall zu tun: Heute könnte man ohne weiteres die Verbindung Wallenberg-Katyn offenlegen, zumal diese den etablierten Forschern bekannt sein muß. Das Buch, welches unserem Aufsatz zugrunde liegt, ist seit 1995 auf dem ungarischen Buchmarkt erhältlich und trägt auf dem Titelblatt den Satz: "Die Verbindung von Mikó Zoltán und Raoul Wallenberg im ungarischen Widerstand 1944-1945." (vgl. Abbildung)

Aber nein, statt dessen faselt man lieber über Milliardenkredite der Schweden, Doppel-, Dreifach- und Vierfachagenten, um bloß die Wahrheit nicht aussprechen zu müssen: Wallenberg wurde von den Amerikanern geopfert, um die Glaubwürdigkeit Nürnbergs nicht zu erschüttern.


Anmerkungen

[1]www.judentum-projekt.de/geschichte/nsverfolgung/rettung/wallenberg.html und ~ retten.html.
[2]Bondor Vilmos A Mikó rejtély; Mikó Zoltán és Raoul Wallenberg kapcsolata a magyar ellenállásban 1944-1945 (Das Mikó-Rätsel; Die Verbindung von Mikó Zoltán und Raoul Wallenberg im ungarischen Widerstand), Püski Verlag, Budapest 1995.
[3]20. September 1997, zitiert im Buch Magyar holocaust II - Dokumentumok a magyarok megsemmisítéséről (Ungarischer Holocaust II. - Dokumente über die Vernichtung von Ungarn), Ungarische Nationale Gesellschaft für Geschichte, Kaposvár 1999.
[4]Fiala Ferenc, Zavaros évek (Trübe Jahre), München 1959.
[5]Karsai László, "Carl Lutz és a magyar holokauszt" (Carl Lutz und der ungarische Holocaust) in: Becsület és bátorság, Well Press, Miskolc 2002, S. 329-335.
[6]Lévai Jenő, Raoul Wallenberg; regényes élete, hősi küzdelmei, rejtélyes eltűnésének titka (Raoul Wallenberg; sein romanhaftes Leben, seine heroischen Kämpfe, und das Geheimnis seines Verschwindens), Budapest, 1948, wiederverlegt 1988.
[7]Spiegel-Online, "Der Engel von Budapest", http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,druck-146442,00.html
[8]www.bedoe.de/politika/nemetmagyar/raoul_wallenberg.htm.
[9]www.szochalo.hu/ajanlo/szemezget/lapszemle/cikkajanlo027.htm.
[10]www.hhrf.org/ujszo/2001/10/kulpolitika.htm, mit Bezug auf eine Meldung der Nachrichtenagentur MTI.
[11]www.or-zse.hu/kraus/naft32.htm.
[12]www.hetek.hu/index.php?cikk=6684.
[13]www.politikforum.de/forum/archive/28/2003/07/4/34034.
[14]www.idgr.de/texte/geschichte/ns-verbrechen/fritjof-meyer/meyer-replik-auf-piper.php
[15]Z. B. Ember Mária, "Wallenberg elrablása" (Die Verschleppung von Wallenberg). www.bparchiv.hu/magyar/kiadvany/bpn/08/ember.htm

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 8(1) (2004), S. 77-81.


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