Ein Lehrstück christlichen Nächstenhasses

Von Ingrid Weckert

Nachfolgend dargelegte Ereignisse während der Trauerfeierlichkeiten zur Beerdigung des jüngst verstorbenen Historikers Hans-Jürgen Witzsch sind ein Lehrstück in christlicher Nächstenliebe, dessen Zeuge ich sein durfte.

Zur Erklärung muß ich vorausschicken, daß Herr Witzsch zwei Brüder und eine Schwester hatte. Er hat zwar nie viel von seinen privaten Verhältnissen erzählt, aber soviel wußten wir doch, daß er mit seinen Brüdern keinerlei Kontakt mehr hatte, da sie sich von ihm wegen seiner revisionistischen Arbeit losgesagt hatten. (Aus dem selben Grund hatte sich ja auch seine Frau von ihm scheiden lassen.) Einer der Brüder ist übrigens Professor. Er wohnt auch in Fürth. Bei der Beerdigung waren die beiden Brüder ebenso wie seine geschiedene Frau anwesend. Wir nehmen an, daß auf ihren Einfluß das zurückgeht, was sich dann ereignete.

Die Beerdigung bzw. die Trauerfeier geriet zu einer Skandalveranstaltung. Herr Witzsch war aktiver evangelischer Christ. Die Trauerfeier wurde von einem pensionierten evangelischen Pfarrer geleitet, der uns erklärte, daß er Herrn Witzsch seit vielen Jahrzehnten kenne und viele persönliche Gespräche mit ihm geführt habe. Allerdings sei er, der Pfarrer, immer dann gegensätzlicher Meinung gewesen, wenn Herr Witzsch seine zeitgeschichtlichen Erkenntnisse erörterte. Und plötzlich erwähnte er irgend etwas von der "Judenverfolgung". Ich muß gestehen, daß ich nicht alles, was gesagt wurde, verstehen konnte, da ich in der vorletzten Reihe saß, ca. 200 Trauergäste anwesend waren und der Pfarrer sehr leise sprach. Als das Stichwort "Judenverfolgung" fiel, murmelte hinter mir jemand: "Das gehört doch gar nicht hierher!" Aber das war nur der Anfang.

Im Laufe seiner Ausführungen erwähnte der Pfarrer, daß die Arbeiten von Herrn Witzsch – die er mit einem süffisanten Lächeln als "Suche in Stadt- und Staatsarchiven" umschrieb – längst widerlegt seien. Herr Witzsch, der jetzt vielleicht vor der göttlichen Wahrheit stünde, würde nun seine vielen Irrtümer erkennen und bitterlich bereuen. Das Geraune und Murmeln im Saal wurde daraufhin stärker. Aber schließlich – in einem nicht ganz klaren Zusammenhang – erwähnte der Pfarrer zunächst Herrn Witzsch und dann anschließend Saddam Hussein, den "Verbrecher und Terroristen", der jetzt seiner verdienten Strafe entgegensehe. Man mußte das so auffassen, als würde diese "verdiente Strafe" nun auch auf Herrn Witzsch im Jenseits warten. Im selben Moment sprangen mehrere der Trauergäste auf und schrieen und protestierten lautstark. Die Rufe wurden immer lärmender und schließlich rief einer laut: "Das müssen wir uns doch nicht länger mit anhören!" Unter lauten Rufen, Stühlerücken und Klopfen mit Stöcken verließ einer nach dem andern die Einsegnungshalle.

Der Pfarrer hatte die ganze Zeit seine Ansprache fortgesetzt, von der natürlich niemand mehr etwas verstand. Da erhob sich der Professor-Bruder von Herrn Witzsch, drehte sich zu uns um und rief laut, daß alle den Saal verlassen sollen, die etwas auszusetzen haben. Wer bleiben wolle, solle sich hinsetzen und ruhig verhalten. Inzwischen waren fast zwei Drittel der Trauergäste hinausgegangen.

Der Pfarrer stand vorne am Pult, hielt die Augen gesenkt und verlas mit leiser Stimme, ohne jede Betonung und sehr schnell, seinen weiteren aufgesetzten Text. Die Szene erinnerte mich stark an eine ähnliche, die ich vor einigen Jahren in München erlebt hatte. Damals stand ein anderer revisionistischer Forscher vor Gericht, und der Staatsanwalt verlas ebenfalls seine Anklagerede leise, schnell und mit gesenktem Blick. So fuhr der Pfarrer jetzt in seiner "Anklagepredigt" fort. Allerdings verstand kaum noch jemand etwas, weil die hinausgegangenen Gäste vor der Einsegnungshalle so laut protestierten.

Nachdem der Pfarrer geendet hatte, ging der älteste Sohn von Herrn Witzsch, Karl Witzsch, zu ihm nach vorn, sprach leise mit ihm, klopfte ihm mehrmals auf die Schulter und es war klar, daß er irgend etwas wollte, was der Pfarrer aber nicht wollte. Aber Karl Witzsch setzte sich durch, der Pfarrer trat vom Mikrofon zurück und ließ ihn an das Pult. Karl Witzsch sprach nur ein paar Sätze, aber die waren ein Meisterwerk an Diplomatie. Man muß sich vergegenwärtigen: vor ihm saß seine Familie (Bruder, Schwester, Mutter, zwei Onkel), deren Meinung der Pfarrer offensichtlich vorgetragen hatte und mit denen er es ja nicht verderben wollte, aber außerdem waren im Saal, und mehr noch draußen, fast zweihundert Anhänger und Freunde seines Vaters. Karl Witzsch sagte, er bedauere außerordentlich, daß ein Teil der Trauergäste den Saal verlassen hätten. Unter ihnen seien viele Personen, die nicht nur seinem Vater nahestanden, sondern die auch er sehr verehre. Er möchte sich ausdrücklich sowohl bei ihnen wie auch bei den im Saal Verbliebenen bedanken, daß sie am Abschiedsgottesdienst für seinen Vater teilnahmen. Zu den Ereignissen selbst könne er jetzt keine Stellung nehmen, hoffe aber, mit allen Teilnehmern später sprechen zu können.

Anschließend verlief dann die Beerdigung im vorgesehenen Rahmen. Am offenen Grab stand auf einer Seite die Familie für sich, auf der anderen Karl Witzsch, umgeben von vielen Freunden und Bekannten seines Vaters.

Aus dem anschließend vorgesehenen Zusammensein wurde natürlich nichts.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 8(1) (2004), S. 108.


Zurück zum Inhaltsverzeichnis