Der wahre Brand

Von Johannes Heyne

Das Schweigen

Städte sind Bilder ihrer Geschichte. In den meisten Städten der Deutschen sind die Bilder zerstückelt. Zwischen der schmucklosen Architektur der Moderne geben nur wenige Bauwerke noch Zeugnis von vergangener Zeit. Dieser Umstand wird in der Regel so erklärt:

Die Stadt ist während des Zweiten Weltkrieges durch alliierte Bomben zerstört worden. Die Zerstörung mußte sein wegen Hitler und Auschwitz. Die Bombentoten waren Nazis. Die Deutschen haben mit Bombenwerfen angefangen.

Der Schmerz von damals war zu groß, um voll empfunden werden zu können. So ließ man sich die Schuldzuweisungen der Bomber gefallen, um sich dem Ausmaß des Elends nicht stellen zu müssen. Die alten Stadtbilder und die Toten der Bombennächte sind als zu Recht Vernichtete aus dem Gedenken getilgt.

Buch und Autor

Im November des Jahres 2002 erschien im Propyläen-Verlag ein neues Buch über den Bombenkrieg: Jörg Friedrichs Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945.

Jörg Friedrich, geboren 1944, fristete bisher mit Veröffentlichungen über NS-Verbrechen und Kriegsrecht[1] eine unauffällige Existenz. Der Brand wurde zu einem weder vom Autor noch vom Verlag erwarteten Erfolg. Das Werk wurde zum meistbeachteten Buch des Jahres und ist es zwei Jahre nach seinem Erscheinen noch immer, z. Zt. in der 13. Auflage.

Der Autor präsentiert das Thema als eine Mischung aus geschichtswissenschaftlicher Darstellung und schauendem Erleiden, als ein Geschehen in Zeit und Raum und zugleich als Mitteilung des "Ichs", der Quelle raum- und zeitlos irrlichternder Bilder und Gedanken. Der Bombenkrieg ist nicht chronologisch, sondern nach Themen angeordnet.

Jörg Friedrich

Ohne Vorbereitung wird der Leser hineingenommen in das Sterben. Mai 1943, Zerstörung Wuppertals. Ein sechzehn-jähriger Praktikant ist zur Leichenbergung eingeteilt:[2]

"Es hieß: da sechs Tote, da zwanzig Tote usw. Teilweise lagen die Leute ganz friedlich da, wie Schlafende. Sie waren an Sauerstoffmangel erstickt. Andere waren völlig verbrannt. Die verkohlten Körper maßen nur noch fünfzig Zentimeter. Wir bargen sie in Zinkbadewannen und Waschkesseln. In einen Kessel paßten drei, in eine Wanne sieben oder acht Körper. [...] Die normalen Brandleichen hatten nicht mehr viel mit Menschen zu tun, sie waren wie schwarze Päckchen. Hing aber ein unversehrter Körperteil daran, wurde einem plötzlich wieder bewußt, worum es sich handelte." (S. 19)

Der Leser schaudert. Bei manchen mag schon jetzt der Schmerz die Erstarrung sprengen. Die ersten Flammen des "Brandes" züngeln in den Rissen.

Die Waffe

Es folgt die Darstellung der Waffe, welche dieses Leiden verursachte:

"Seit der Jahreswende 1942/43 drängten Forschungsstäbe im britischen Luftwaffenministerium darauf, die Vernichtungseigenschaften des Feuers fortzuentwickeln. [...] Nur bedurfte der Angriffsgegenstand näherer Analyse [...] Als Brandingenieure aus Feuerwehrdiensten hinzustießen, war eine neue Wissenschaft geboren. Der Beruf, das Feuer zu bekämpfen, und der, es anzuzünden, befaßt sich mit derselben Sache, der Brennbarkeit der Stoffe. Aus der physischen Beschaffenheit der deutschen Siedlung resultieren Art und Weise der Brandlegung. Die Bombe soll zwischen acht und dreißig Minuten am Fleck des Auftreffens brennen. Sie ist nur ein Keim. Wie er sich dehnt, der Brand springt, Hindernisse passiert, Straßenfreiflächen überquert, kilometerweit die Fläche erfaßt, ist eine Aufgabe für Mathematiker, Statistiker und Operationsauswerter.

Die Feueringenieure ermitteln die Eigenschaften deutschen Mobiliars, denn zunächst ist es der Haushalt, der sich entzündet. Krempel auf Dachböden, Nahrungsvorräte, Kleider, Polster. Das Inventar wiederum steckt das Gebäude an. Feuerversicherungskarten wurden organisiert und Luftbilder stereometrisch aufbereitet, um rückzuschließen auf Brandabschnitte, Brandmauern." (S. 21)

"[...] eine Division von Ökonomen, Nachrichtendienstlern und Luftbild-Auswertern [setzt] eine Anatomie Deutschlands zusammen, The Bomber's Baedeker.

Im Januar 1943, kurz vor der Ruhrschlacht, hatte das Ministerium für wirtschaftliche Kriegführung einen so bezeichneten Katalog herausgegeben. Er umfaßte die deutschen Städte von über fünfzehntausend Einwohnern mit allem Inventar. Das Stadtziel umgab ein Kreis im Dreimeilenradius, zu der Zeit die kleinste Maßeinheit im Bomber Command, 4,8 Kilometer. Was produziert, gelagert und befördert, was besiedelt, versammelt, verteidigt und verschanzt war im Reich, was Rohstoffe, Kenntnisse, Kunstschätze und Heiligtümer barg, kam auf die Liste." (S. 35)

Ein über Tage gestrecktes Bombardement mit den verschiedenen Brandgemischen aus Benzin, Gummi, Kunstharz, Öl, flüssigem Asphalt, Gelees und kleinen Mengen von Metallseifen, Fettsäuren sowie etwas Phosphor entfaltete ein Zerstörungsmaß, das nur Nuklearwaffen übertreffen (S. 28). Diese Waffe ist industriell hergestellt worden. Der Brand zündelt an der "Singularität deutscher Schuld".

Als Kritik sei angemerkt, daß dem Buch eine Vorstellung des Luftkriegsrechtes fehlt, d.h., die einzelnen Bombardements werden nicht auf ihre Rechtmäßigkeit im Sinne des Kriegsrechtes untersucht. Zur Information für unsere Leser werden daher hier "Luftkriegsrecht" und eine "Chronologie des Bombenkrieges" zwischengeschoben. Zugrunde gelegt sind die von Jörg Friedrich nicht verwendeten Standardwerke über den Bombenkrieg: Maximilian Czesanys Europa im Bombenkrieg 1939-1945[3] und Franz Kurowskis Der Luftkrieg über Deutschland.[4]

Luftkriegsrecht

Grundlage des Kriegsrechtes ist die 1907 von der II. Haager Friedenskonferenz verabschiedete und von den Teilnehmerstaaten als Vertragsrecht anerkannte Haager Landkriegsordnung. Es wird zwischen Kombattanten und Zivilisten unterschieden. Letztere sind während der Kriegshandlungen zu schützen.

Nach dem Ersten Weltkrieg glaubte man, das Kriegsrecht durch ein eigenes Luftkriegsrecht ergänzen zu müssen. Im Jahre 1923 entstanden die Haager Luftkriegsregeln, die jedoch von keiner Regierung als geltendes Recht angenommen wurden. Auch weitere Bemühungen um ein positives Luftkriegsrecht scheiterten am Widerstand der einzelnen Regierungen, trugen aber dennoch zur Ausbildung eines von allen Staaten anerkannten Kriegsgewohnheitsrechtes bei. Überdies wurden folgende Artikel der Haager Landkriegsordnung auf den Luftkrieg bezogen:

Art. 22

Die Kriegführenden haben kein unbeschränktes Recht in der Wahl der Mittel zur Schädigung des Feindes.

Art.23 e:

(Es ist untersagt) der Gebrauch von Waffen, Geschossen oder Stoffen, die geeignet sind, unnötige Leiden zu verursachen.

Art. 25

Es ist untersagt, unverteidigte Städte, Dörfer, Wohnstätten oder Gebäude, mit welchen Mitteln es auch immer sei, anzugreifen oder zu beschießen.

Art. 27

Bei Belagerungen und Beschießungen sollen alle erforderlichen Vorkehrungen getroffen werden, um die dem Gottesdienst, der Kunst, der Wissenschaft und der Wohltätigkeit gewidmeten Gebäude, die geschichtlichen Denkmäler, die Hospitäler und Sammelplätze für Kranke und Verwundete so viel wie möglich zu schonen, vorausgesetzt, daß sie nicht gleichzeitig zu einem militärischen Zwecke Verwendung finden.[5]

Als Luftkriegsrecht gilt somit:

Bombardierung ist erlaubt

- bei der Einnahme verteidigter Städte zur Unterstützung des Bodenkrieges. Dabei sollten, wenn möglich, nur militärische Ziele mit Bomben belegt werden. Die Möglichkeit ist nicht immer gegeben.

- zur Vernichtung gegnerischer kriegsrelevanter Einrichtungen.

Verboten sind

- Nachtangriffe wegen der Schwierigkeit, in der Dunkelheit militärische von nichtmilitärischen Zielen zu unterscheiden.

- Bombardierung reiner Wohngebiete.

Falls eine Kriegspartei luftkriegsrechtverletzende Bombardierungen unternimmt, sind den Angegriffenen Repressalien erlaubt, d.h., Angriffe auf nichtmilitärische Ziele gleichen Ausmaßes, um den Gegner zur Einstellung seiner kriegsrechtswidrigen Handlung zu zwingen.

Verlauf des Bombenkrieges

Erster Weltkrieg

Winston Churchill

Im Januar 1915 flogen zwei 190 Meter lange Zeppeline über die Ostküste Englands und warfen über Yarmouth und King's Lynn Bomben ab. Der erste Zeppelin-Angriff auf London erfolgte am 31. Mai 1915. Dabei kamen 28 Menschen um, 60 weitere wurden verletzt. Viele Gegenden in Großbritannien wurden nachfolgend angegriffen, wie etwa Gravesend, Sunderland, Edinburgh, die Midlands und die Home Counties. Bis Ende Mai 1916 fielen mindestens 550 britische Zivilisten den deutschen Zeppelinen zum Opfer. Die Kaiserliche Armee verwendete 115 Zeppeline für ihre Angriffe, von denen 77 entweder völlig zerstört oder unbrauchbar beschädigt wurden. Aufgrund der großen Verluste stellte Deutschland die Zeppelinangriffe im Juni 1917 ein.

1919

Der damalige britische Rüstungsminister Churchill legt einen Plan vor, Berlin mit tausend Bombern anzugreifen.

1920

Der italienische General Douet vertritt in Luftherrschaft die These, Luftkrieg müsse nicht nur taktisch zur Unterstützung von Bodentruppen, sondern strategisch als selbständige Kriegshandlung geführt werden, und zwar gegen das Hinterland des Gegners, ohne Unterscheidung von Kombattanten und Zivilisten. Die Kolonialmächte bombardieren nachfolgend in diesem Sinne Aufstände in ihren Kolonien nieder.

1928

Die These Douets wird vom Oberbefehlshaber der R.A.F., Lord Trenchard, zustimmend aufgegriffen.

1929

Frederick Alexander Lindemann

Arthur Harris

Bildung eines britischen Nachrichtennetzes, um Informationen über bombardierungswerte Ziele in Deutschland zu sammeln.

1932

England beginnt, viermotorige Langstreckenbomber für einen zukünftigen strategischen Luftkrieg zu bauen.

1933

In den USA wird der erste Langstreckenbomber in Auftrag gegeben.

14. 7. 1936

Aufstellung des Bomber Commands innerhalb der R.A.F. Die wiedererstehende deutsche Luftwaffe besitzt keine Langstreckenbomber. Sie versteht sich nur als taktische Waffe zur Unterstützung des Bodenkrieges.

1.9.1939

Beginn des Zweiten Weltkrieges. Britische Bomben fallen auf militärische Objekte in Wilhelmshaven und Cuxhaven.

25/26. 9. 1939

Bombardierung der verteidigten Stadt Warschau durch die Deutsche Luftwaffe, nachdem die Stadt mehrfach vergeblich zur Übergabe aufgefordert worden war. Die Bombardierung war kriegsrechtlich gedeckt.

Anfang 1940

Briten bombardieren militärische Objekte auf Sylt.

10. 5. 1940

Churchill wird britischer Premierminister und kündigt am nächsten Tage die Eröffnung des strategischen Bombenkrieges gegen das deutsche Hinterland an.

11. 5. 1940

Britische Nacht-Bombardierung auf Wohngebiete der unverteidigten Stadt Mönchen-Gladbach. Diese und alle weiteren britischen Bombardierungen fallen unter Kriegsverbrechen.

14. 5. 1940

Deutsche Bombardierung der verteidigten Stadt Rotterdam. Die Kapitulation erfolgte erst, als die Bomber bereits unterwegs waren und nicht mehr alle rechtzeitig zurückgerufen werden konnten. Dieser Angriff war, obwohl es wegen ungünstigen Umständen auch zur Vernichtung von Wohngebieten kam, durch das Kriegsrecht gedeckt.

August 1940

Früher -- Hamburg, Fleet:

"Stadt und Rauch voll Trangeruch, Walfischfänger und Schaluppen, Nebel weht um Pfahl und Schuppen Wie ein rissig Segeltuch. Peter Huchel, Der Hafen" (S. 20f.)

Angriff -- Royal Air Force Stabschef Sir Charles Portal (Mitte)

"Es ist klar, daß die Zielpunkte die Siedlungsgebiete sein werden." (S. 40)

Bergung -- Hamburg 1943:

"Wir bargen sie in Zinkbadewannen und Waschkesseln. In einen Kessel passen drei, in eine Wanne sieben oder acht Körper." (S. 125)

Hamburg, Juli 1943[7]

Abwehr -- Berlin 1943:

"Wir hatten Jungvolkuniform an und wollten schlafen." (S. 75)

Zuflucht -- Diakonissenbunker Bremen 1945:

"Der Hochbunker war bewehrt, einer 1000 kg Bombe standzuhalten. Es sind insgesamt 45 Durchschläge gezählt, der verhängnisvollste am 15.3.1945 in Hagen mit 400 Toten." (S. 95)

Trümmer -- Köln, Internat St. Ursula, 5.6.1942:

"[...] das Geschirr kaputt, die Türen alle raus aus Wänden und Schränken, die Kleider im Dreck." (S. 182)

Trümmerleben -- Dresden, Februar 1945:

"Ich sagte, mein Mann liegt unter den Trümmern, und ich habe vierzig Jahre hier gewirkt, ich bleibe hier. Ich hatte mir ein Notbett in den Räumen der Hitlerjugend gemacht." (S. 210)

Versorgung -- NS-Frauenschaft im Hotel Excelsior, Berlin, Februar 1945:

"Am Tage wurden gegen sechs Zentner Brote verschmiert. Das Essen war überhaupt prima." (S. 158)

Partei -- Kassel, Oktober 1943:

"Karl Weinrich, NSDAP-Gauleiter Kurhessen, besucht die zerstörte Gauhauptstadt." (S. 221)

Ralph Giordano: "Es gibt keine optische Imprematur der ungeheuren Zahl deutscher Opfer."
Nicht nur optisch, sondern auch dokumentarisch, demographisch, materiell, forensisch...

Unternehmen 'Seelöwe'. Die deutsche Luftwaffe wollte die R.A.F. in einer Luftschlacht vernichten, um dadurch eine Invasion zu ermöglichen. Die R.A.F. aber stellte sich auf Weisung Churchills nicht zur Schlacht, sondern wich nach Norden aus. Die deutsche Luftwaffe mußte sich damit begnügen, militärische Ziele in England zu bombardieren. Diese Bombardierungen waren zugleich Repressalien für die fortgesetzten britischen Bombardierungen deutscher Wohngebiete.

14/15. 11. 1940

Deutscher Bombenangriff auf das Zentrum der britischen Rüstungsindustrie in Coventry. Der Angriff war zugleich Repressalie für die Bombardierung Münchens. Durch Entschlüsselung des deutschen Codes war den Briten der Zeitpunkt des Angriffs bekannt. Churchill verhinderte, daß die Einwohner Coventrys vor dem Angriff die Stadt verließen. Obwohl nur die Rüstungsindustrie bombardiert werden sollte, kam es auch zur Zerstörung von Wohngebieten und der Kathedrale. Der Angriff auf Coventry verstieß nicht gegen das Luftkriegsrecht.

Die Deutsche Luftwaffe konnte trotz der schwachen britischen Abwehr auf Dauer den Luftkrieg gegen England nicht durchhalten, weil sie keine Langstreckenbomber besaß.

Januar 1941

Die Invasion Englands wird abgesagt.

10. 5. 1941

Letzter deutscher Luftangriff auf London.

14. 2. 1942

Obwohl England nun nicht mehr von Deutschland angegriffen wird, wird eine Verschärfung des Luftkrieges gegen Deutschland beschlossen: Es sollen in Flächenbombardements vornehmlich Wohngebiete angegriffen werden, um die Zivilbevölkerung zu demoralisieren und sie womöglich zu einem Aufstand gegen ihre Führung zu bewegen.

Initiator dieser Bestimmung war der wissenschaftliche Berater Churchills, der aus Deutschland stammende Jude Frederick Alexander Lindemann.

Lindemann wurde 1886 in Baden-Baden geboren, studierte in Deutschland Naturwissenschaften, wanderte im Ersten Weltkrieg nach England aus, wurde in Oxford Professor, lernte 1932 Churchill kennen, mit dem er am 10. Mai 1940 als Berater des Premierministers in die Downing Street einzog. Bald darauf wurde er zum Lord Cherwell ernannt.

Anfang 1942 hatte Lindemann eine Kabinettsvorlage über die zukünftige Bombenstrategie gegen Deutschland eingebracht. Es sollten von März 1942 bis September 1943 in allen größeren deutschen Städten mindestens fünfzig Prozent aller Wohnhäuser zerstört werden. Die Arbeitersiedlungen seien zu bevorzugen. Genaue technische Anweisungen über die Großbrände auslösenden Bombenmischungen und über die zeitliche Abfolge der Abwürfe waren beigefügt.

Die als "Lindemann-Plan" bekannt gewordene Kabinettsvorlage gehört wie der Morgenthau-Plan, der Kaufman-Plan, der Hooton-Plan sowie die Aufrufe Ilja Ehrenburgs an die Rote Armee, alles Deutsche wegzumorden, in die Reihe jüdischer Vernichtungspläne gegen Deutschland. Von all diesen Plänen wurde der Lindemann-Plan am effektivsten in die Tat umgesetzt.

22. 2. 1942

Arthur Harris wird als Chef des Bomber Commands mit der Ausführung des Lindemann-Planes beauftragt.

12. 5. 1942

Die 8. Luftflotte der USA landet mit ihren Langstreckenbombern auf englischem Boden, um sich fortan an der Bombardierung deutscher Städte zu beteiligen.

Herbst 1944

Nachdem die deutsche Flugzeugindustrie zerstört ist, gibt es in Deutschland keine Abwehr mehr. Das Land ist bis kurz vor Kriegsende den sich steigernden Angriffen aus der Luft ausgesetzt. Kaum eine deutsche Stadt bleibt unversehrt, ca. 600 000 Zivilisten sterben.

Es wird die Ansicht vertreten, die Bombardierungen Deutschlands durch die Alliierten hätten zur Kriegsentscheidung nichts beigetragen.

Strategie

Jörg Friedrich beginnt sein Kapitel über Strategie mit folgenden Worten:

"Metropolen, Warschau am 25. September 1939 und Rotterdam am 14. Mai 1940, mobilisierten auf Anhieb jene Kraft, die sich so bitter an der deutschen Seite rächen sollte, das Feuer." (S. 64)

Am Seitenende erfährt der Leser, daß dieses kein strategisches Luftbombardement gewesen ist, sondern nur eine Unterstützung von Bodenoperationen. Und der Leser erfährt weiter:

"Eine vorsätzliche Bombardierung ziviler Ziele ist den [deutschen] Luftwaffenakten nicht zu entnehmen, es wurden Flugplätze, Flugzeugwerke, Docks, Hafenanlagen, Werften zerstört." (S. 73)

Zur Bombardierung Lübecks heißt es:

"Harris hatte Art und Menge der Bomben aus der Analyse des deutschen Coventry-Angriffs gewonnen." (S. 86)

Und bald darauf:

"Arthur Harris sammelte [...] Trophäen. Er klebte die Luftphotographien der Ruinenskelette in ein blaues Album, das der Regierung, dem Buckinghampalast und Josef Stalin zuging." (S. 97)

Lord Cherwell - der Name Lindemann wird im Text nicht genannt, wohl aber im Index - erscheint zum einen als bedeutungsloser und belächelter Berater des Premierministers, zum anderen als Befürworter des Abwurfs von Milzbrandbakterien auf Feindesland, wozu es aber nicht kam.

Der Leser befindet sich bei der Zuordnung von Böse und Gut auf schwankendem Boden.

Im Dichterwerden der Bombenabwürfe auf das immer wehrloser werdende Reich verlieren sich jedoch die janusköpfigen Schuldzuweisungen an die Deutschen. Im Rückblick erscheinen sie nur noch wie Leerformeln, über welche das wirkliche Geschehen hinweggegangen ist. Sie wirken wie zusammenhanglose Bruchstücke eines geborstenen Gefäßes, geborsten in den Flammen vom Brand.

Die Angriffswellen der Lancaster (britischer Langstreckenbomber) und Boing 17 (US-Langstreckenbomber) ohne Zahl und ohne Schranken sollten so lange die Städte in den Grund versenken, bis keine mehr übrig war. Darum verendeten auf den letzten Metern zum Waffenstillstand Freiburg, Heilbronn, Nürnberg, Hildesheim, Würzburg, Mainz, Paderborn, Magdeburg, Halberstadt, Worms, Pforzheim, Trier, Chemnitz, Potsdam, Dresden, Danzig und andere.

Eine von militärischen Zwecken fast entbundene, von jedem Gefechtsrisiko befreite Vernichtungswalze bearbeitete von Januar bis Mai 1945 noch einmal das Land (S. 108).

28. Juli 1943, Hamburg: Die engen Hinterhöfe werden zu glühenden Verliesen, die dort Gefangenen finden keinen Ausgang mehr und erwarten den Tod.

"Im Zenit des Feuersturms läßt die pure Hitzestrahlung Häuser sich auf einen Schlag vom Dach bis zum Erdgeschoß wie eine Stichflamme entzünden. Die Sturmböen ziehen aus den Häuserkellern Sauerstoff heraus wie eine gigantische Pumpe. [...] Dadurch rasten durch die Horizontale Windgeschwindigkeiten von 75 Metern pro Sekunde. Darin verlieren Menschen den Stand. [...] Die ihm begegneten, wurden in den Schmelzofen gerissen wie die armen Seelen in die Verdammnis." (S. 113f.)

Was immer im Fortgang noch aufblitzt an irrlichternder Hähme gegen Volk, Führer und Reich, es gewinnt keine Konturen mehr in den verzehrenden Flammen.

Land

In diesem Kapitel von Friedrichs Buch wird das Vernichtungswerk im einzelnen abgeschritten: Die zerstörten Städte im Norden: Lübeck, Rostock, Wismar, Stralsund, Stettin, Danzig, Hamburg, Bremen, Braunschweig, Hannover...; im Westen: Duisburg, Essen, Köln, Bonn, Wiesbaden, Mannheim, Aachen, Trier...; im Süden: Freiburg, Würzburg, Nürnberg Augsburg, Stuttgart, München...; und im Osten: Leipzig, Magdeburg, Halberstadt, Dresden, Darmstadt, Berlin...

Wie um Abschied zu nehmen, wirft der Autor noch einmal einen Blick in die Schatzkammern unserer Städte, ehe das Zerstörungswerk ihn ergreift.

Stettin, Jacobikirche, Bau der neuen Orgel:

"Ein Werk, das in Gestalt und Klang die Himmel nachahmte, war Arp Schnitgers neue Orgel. [...] Meister Schurich aus Radeberg bei Dresden nebst fünf Gesellen [hatte] den Neubau begonnen und war darüber verschieden, auf Dietrich Buxtehudes Empfehlung feilte Schnitger weiter an Pfeifen und Windlade, nahm Balthasar Held hinzu, seinen Kompagnon; am 11. Januar 1700 war Orgelweihe." (S. 188)

Nach dem 17. August 1944 war Stettin Vergangenheit.

"Die edelste Backsteinkirche Pommerns, St. Jacobi, auf Pfählen ruhend, die Pfeiler schon aus dem Lot gewichen, doch von eisernen Querstreben gehalten, nahm den letzten Stoß. [...] Und des Feindes Macht machte mit der Zertrümmerung des Jacobikirchenschiffs auch Arp Schnitgers Orgel für immer stumm." (S. 189)

Der Autor berichtet nicht, was andere sahen. Er selbst ist es, der sieht, wie die steinernen Dichtungen unseres Volkes Stück für Stück dahinsinken, meist, um nie mehr wieder aufzuerstehen. Es ist, als spräche nicht er selbst. Es ist, als habe der starr gewordene Schmerz des Volkes um sein zerstückeltes Gesicht von ihm Besitz ergriffen, um durch ihn zu reden.

"Die [...] geschichtlichen Schreine wie Hildesheim, Magdeburg, Dresden, Würzburg, Nürnberg werden im letzten Kriegsvierteljahr seriell zerstört. Allem Anschein nach ist dabei Verstand am Werk. Sind nicht diese Städte die großen Darsteller? Sie stellen dem Volk der Deutschen seine Herkunft dar. Aus Kaiserburg und Kontor, Werkstatt und Residenz, Dom und Markt, Kloster und Gasse, Universität und Spital, Brücke und Damm. Dies war lange vorhanden, bevor ein Staat bestand." (S. 321)

Augsburg, 25. Februar 1944:

"Der Brand ließ sich von der klirrenden Kälte nicht aufhalten. Er entzündete den Stolz der Bürger, das Renaissance-Rathaus Elias Holls, des Baumeisters der Stadt, Zeugnis und hohe Stirn ihrer einst weltumspannenden Finanzmacht." (S. 329)

München, Juli 1944:

"Auf den Straßen steht geretteter Hausrat umher, gebündelte Oberbetten, Kommoden aus früherer Zeit, über Generationen vererbte Gemälde, vor sich hin weinende Greisinnen bewachen Krempel. Am Siegestor, notiert Hausenstein [Kunsthistoriker, der die Bombardierungen Münchens in einem Tagebuch festhielt], stehe ein Bronzelöwe seit einem Monat auf dem Kopf, der Untergang der Stadt sei so radikal, daß man es nicht realisieren könne, obwohl man es vor Augen habe. 'Man meint, durch einen absurden Traum zu wandeln...'" (S. 332)

Immer dichter drängen die Bilder der einstürzenden Städte auf ihn ein, begleitet von den Schreien der Verbrennenden, dem Stöhnen der Sterbenden unter der Last des schweren Gesteins. Die Schilderungen bekommen etwas Atemloses, so, als könne der Berichterstatter das fortgesetzte Zusammenstürzen von "Ewigem" kaum mehr ertragen.

Er sucht im Zynismus Halt. Köln:

"Köln war eine Stadt mit wenigen Menschen und vielen Ratten geworden, die auf den Schuttbergen umherhuschten und sich an den Kellervorräten mästeten. Das Rattengift war ausgegangen. In Stille schwelten Trümmer und Balken, die Feuer knisterten in verödeten Straßen. Am 2. März griffen 858 Lancaster und Halifaxe die letzten zwei Male Köln an, töteten Hunderte von Leuten, die ungeborgen auf den Straßen liegen blieben, Zigtausende flohen den Ort, bevor ihn das VII. US-Corps am 6. März 15.30 Uhr betrat. Von den 768 000 Einwohnern erwarteten Zehntausend die Befreier. Fünf Prozent der Altstadt waren erhalten." (S. 260)

Er wehrt sich gegen die Übermächtigen mit den Schärfen des Hohns. Düsseldorf:

"Die Stadt erlitt 243 Luftangriffe, davon neun schwere. In der Nacht zum Pfingstsamstag 1943 wurden vierzig Quadratkilometer zwischen Hauptbahnhof und Derendorf abgebrannt, 140 000 Personen obdachlos gemacht, 30 000 verwundet und 1300 Personen getötet, sechzehn Kirchen, dreizehn Krankenhäuser und achtundzwanzig Schulen verwüstet, kurz, ein Ausdruck der Überlegenheit der britischen über die deutsche Luftwaffe, wie Churchill sagte." (S. 255)

Schließlich versucht er sich dorthin zu retten, wo die Menschen damals Überleben suchten. Berlin:

"Durch Berlin geht man wie auf dem Meeresboden. Überall Wracks und leblos treibende Körper. Auf dies Zwischenreich ist in der Nachkriegszeit der Begriff der 'Emotionslähmung' zugeschnitten worden. Der Strom der Empfindungen stockt, weil die Seele ihn nicht mehr behaushalten kann. Sie verkrustet, und diese Partie wird taub." (S. 370)

Dennoch: Die Gefühlsverkrustung ist aufgebrochen, um nie wieder in Erstarrung zu verfallen.

Schutz - wir - Stein

Die Waffe des Gegners war darauf angelegt, "millionenfach zu töten" (S. 406), es starben ca. 600 000 Menschen in den Flammen.

Staat und Partei und Wehrmacht schmolzen zusammen in der Abwehr des allnächtlichen Untergangs und vollbrachten "das Mirakel der unverzagten Ingangsetzung lebenswichtiger Anlagen und Dienste." (S. 418)

Evakuierung und Kinderlandverschickung, Verdunkelung, Türmerwache und Sirenensignale, Bunkerbauten, Ausbau von Stollen und Kellerfluchten, und schließlich die Sicherung von Bibliotheken und Kunstgegenständen:

"Der US Bombing Survey nennt das Unterfangen, die deutsche Stadtbevölkerung in einem gestuften Sicherheitskonzept in Kellern, Stollen, Bunkern, Gräben unterzubringen, Krankenhauspatienten, Kunstwerke, Akten, Bibliotheken, Archive zu bunkern, innerhalb von zehn Minuten jeden einen mehr oder minder geschützten, häufig gasdichten Unterstand erreichen zu lassen, 'the most tremendous constructional program in civilian or passive defense for all time." (S. 396f.)

"Daß im Feuersturmareal die Verlustquote beispielsweise 0,28 Prozent ausmacht, verdankte sich dem Ineinandergreifen der zwei Schutzschilde, des Bunkers und der Wassergasse der Feuerwehr." (S. 424)

Löschen, Zeitzünder entschärfen, Verschüttete bergen, Verwundete betreuen, Tote bestatten, Lebende speisen, die Arbeit wird von älteren Männern, Frauen und Jugendlichen bewältigt. Fremdarbeiter und Häftlinge müssen mit zugreifen.

Für die Demontage eines Blindgängers riskierte der Feuerwerker sein Leben:

"Oft mußten wir [schreibt ein Sprengmeister] an den Füßen aufgehängt, mit dem Kopf nach unten, Bomben entschärfen. Dann gab es Lehmgebiete, da ging die Bombe vier Meter hinunter, da mußten wir im Finstern die Bombe entschärfen. Man war schon im Grab drin. Bei jeder Bombe macht man die Erkennungsmarke und den Ehering ab und ließ alles im Auto. Dann ging es an die Bombe, es war ein bewußtes Sterben." (S. 427)

Ein HJ-Meldeführer aus Saarbrücken nach dem Angriff vom 30. Juli 1942:

"Wir versuchten, teils mit bloßen Händen, Steinbrocken, Träger, Deckenbalken wegzuschaffen, um nur schnell an die Verschütteten heranzukommen. Viele von ihnen waren schon tot und teilweise ganz schrecklich zugerichtet. Es war jedesmal ein Schock, wenn jemand dabei war, den ich gekannt hatte. Wir wohnten ja gleich nebenan um die Ecke." (S. 428)

Der Autor kann die zunftbedingte Abneigung gegen den Führerstaat nicht durchhalten. Fremdarbeiter sind die "Sklaven", doch "Als die loyalsten Helfer gelten Polen und Ukrainer" (S. 485). Sklaven sind nicht loyal. Juden dürfen nicht in die schützenden Bunker, aber das jüdische Ehepaar Singer darf doch (S. 404). Wehrkraftzersetzung und Plünderung wird mit dem Tode bestraft. Die Wehrkraft zersetzende Jüdin Amelie Paasch aber wird nicht hingerichtet, sondern nur nach Auschwitz verschickt. Die Volksgemeinschaft hat im Bombenkrieg die Feuerprobe bestanden.

Ich

Das Ich, der vielgestaltige Träger allen Geschehens, leidet bis zum Äußersten:

"Schlimmer als die Detonation selbst ist die Angst davor, die sich in das Ich eingräbt und Leib und Seele begleitet, Tag und Nacht. Und die Angst wird an folgende Generationen weitergegeben.

Krieg ist in die Sensorik eingeschliffen und zieht nicht wieder ab, für Kind und Kindeskind nicht." (S. 496)

"Der Augenblick der Detonation hebt Raum und Zeit auf, der Einschlag ist angstfrei, dann aber kommt das Entsetzen. Dennoch muß ohne Rücksicht auf die Gefühlslage dem Entsetzen, was immer möglich, entrissen werden.

Der Bombenkrieg erzeugt eine eigene Vernunft und hat die Emotionsstürme nicht gezeitigt, die seinem Grauen entsprechen. Sie sind weggefiltert worden durch einen seelischen Immunschirm." (S. 501)

"Im Nachhinein protokollierte Berichte zeichnen das Ich des Bombenkriegs gelegentlich als zweites Ich. Es unterscheidet sich vom ersten Ich durch die Panzerung des Empfindens." (S. 503)

"Die Gefühlswelt hat Vollzüge wie das Auflesen der Körperreste von Angehörigen in Zinkeimern nicht mehr reflektiert. [...]

Die Zivilperson hielt einem für unmöglich erachteten Leidensdruck stand. Es hat nicht den Anschein, daß die Betäubung späterhin gewichen ist. [...] Eine Betäubung beseitigt nicht den Schmerz, sie blockiert nur seine Wahrnehmung. Er ist nichtsdestoweniger vorhanden. Die erinnerten Szenen überliefern eine Folter, die nicht auf immer unaussprechlich sein wird." (S. 504f.)

Jörg Friedrich, Nachkomme der Kriegsgeneration, hat sich der Folter gestellt und dem Schmerz Worte gegeben. Nun strömt dieser über Kinder und Kindeskinder dahin, um, wo immer er berührt, die schützende Panzerung auf immer zu zerschmelzen.

Das Mittel des Schmerzes ist das geschriebene Wort, das Papier.

Der Brand schließt so:

"[...] das Papier [wird] sich seiner [des Brandes] bemächtigen, es hat längeren Atem als das Feuer." (S. 539)

Brandopfer

Die Arbeitsergebnisse der Revisionisten sind bei Zeithistorikern bekannt, wenn auch die Starrsinnigen und Phlegmatiker unter ihnen - und das sind die meisten - trotz der erwiesenen Nichtexistenz der Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten noch immer in den Rauchschwaden des jüdischen Brandopfers nisten.

Jörg Friedrich ist Zeithistoriker. Auch er weiß! Und er ist weder ein Starrkopf noch ein Phlegmatiker. Angesichts des wirklichen Brandopfers des letzten Jahrhunderts weiß er dem Leser sein Wissen mitzuteilen.

Auschwitz, der imaginäre Brandopferaltar der geopferten Judenheit, vor dessen Hoheit die Welt kniet und durch dessen Weihe jede von den Geopferten ausgeheckte Malice zur gerechten Abstrafung mutiert, Auschwitz ist nur vier mal erwähnt:

"Nachdem die Zünderfabrik in Essen einen Treffer erhalten hatte, wurde deren Fertigung nach Auschwitz verlagert." (S. 94)

Also wurde in Auschwitz nicht nur vernichtet, sondern auch etwas geschaffen.

Ein Stuttgarter Rechtsanwalt endete in der "Gaskammer von Auschwitz." (S. 339) Nur einer.

Die schon erwähnte Jüdin Amalie Paasch wurde nicht wegen ihres Judentums, sondern wegen systemfeindlicher Äußerungen "nach Auschwitz verbracht." (S. 452) Wieso hielten sich um diese Zeit noch Juden unbeanstandet im Reich auf?

Seite 130 heißt es:

"Ein Ort indes blieb verschont, obwohl nicht wenige seiner Bewohner als einzige den Angriff ersehnten: Im Frühsommer 1944 war vier jüdischen Insassen des Vernichtungslagers Auschwitz die Flucht gelungen. Sie unterrichteten ihre Gemeinde in der Slowakei von den Funktionen der Gaskammer. Die Nachricht erreichte die Schweiz und am 24. Juni die Regierungen in Washington und London, verbunden mit der Bitte um Bombardierung eines Verkehrsziels, der Gleisanlagen nach Auschwitz. [...] Es kam nicht zu diesem Verkehrsangriff und auch zu keinem Plan für diesen Verkehrsangriff."

Keine einzige Bombe also wurde zur Rettung der Judenmassen aus den "Gaskammern" abgezweigt. Jörg Friedrich enthält sich des Kommentars.

Die derzeit nur im Zusammenhang mit der "Judenvernichtung" gebräuchlichen Vokabeln wie "Massenvernichtung", "Brandopfer", "Krematorium" und "Vergasung" werden in Brand mit neuem Inhalt versehen:

"Massenvernichtung ist Millimeterarbeit, sie käme nicht zustande, würden wahllos Bombentonnen auf einen Ort geladen, denn damit würde er gut fertig." (S. 361)

"In Kassel und Hamburg wurden siebzig bis achtzig Prozent der Brandopfer im Keller vergast." (S. 378)

"Der Keller nahm nach einer Zeit die äußere Hitze auf und arbeitete wie ein Krematorium, oder er füllte sich unmerklich mit tödlichen Brenngasen. Gasvergiftungen gaben die Hamburger Behörden als die mit siebzig bis achtzig Prozent häufigste Todesursache an." (S. 194)

Der wahre Brand des letzten Jahrhunderts hat das Auschwitzer Opfertum der Juden zu Bagatellen zerfetzt.

Brandstätten

Der Erfolg von Der Brand veranlaßte Jörg Friedrich, das Gesehene auch als Bild vorzustellen. Er suchte die Stadtarchive nach Bildern ab, "die erzählen, was Worterzählungen übersteigt."[6] Im Oktober letzten Jahres erschien im Propyläen-Verlag der Bildband Brandstätten. Der Anblick des Bombenkriegs.

Brandstätten ist ebenfalls ein noch immer anhaltender Verkaufserfolg. Der Band ist in themenbezogene Kapitel eingeteilt, denen jeweils eine Einleitung beigegeben ist. Die Bilder sind mit Worten versehen, welche sich in das, was das Bild vermittelt, einfügen. Es werden nachfolgend aus dem 238 Seiten starken Bildband zu jedem Kapitel je ein Beispiel vorgestellt.

Über die Darstellbarkeit der Toten des Bombenkrieges war es zwischen Autor und Verlag zur Meinungsverschiedenheit gekommen. Auf der letzten Seite des Bandes zwischen Bildnachweisen und Impressum heißt es in einer kleinen Notiz:

"Die Würde der Opfer, die einen schrankenlosen Abdruck der fotografischen Überlieferung verbietet, und das historische Zeugnis des Grauens von Krieg sind schwer gegeneinander abzuwägen. Dem einen Gut ist nicht zu entsprechen, ohne das andere zu verletzen. Autor und Verlag haben dazu unterschiedliche Auffassung, übergeben jedoch den Band der Öffentlichkeit im gegenseitigen Respekt vor der Haltung des anderen; der Leser möge sich sein eigenes Urteil bilden."

Heute

Bilder von heute sind auch aus der Anschauung bekannt. Die Bilder des Bomben-Brandes waren bisher so gut wie unsichtbar. Nun sind sie da, winzige Ausschnitte des Grauens von damals, Ausschnitte aber, welche heller noch als durch Worte die Erinnerungen auch bei Kindern und Kindeskindern auflodern lassen und die erstorbene Seelen mit den abgedrängten Schmerzen füllen.

In den Brandstätten verglüht auch die Begründung des Brandes, die "Deutsche Schuld":

"Massentötung durch Fliegerbomben kennen allein zwei Gesellschaften als nachhaltige Erfahrungstatsache, die Japaner sechs Monate, die Deutschen fünf Jahre lang. Sie ist im geschichtlichen Gedächtnis verzeichnet als Vollstreckung der gerechten Sache.

Schon aus technischen Gründen ist das flächenwirksame Luftbombardement niemand anderem als Rechtsfeinden zuzumuten. Es benötigt Schurkenvölker, weil eine Personifizierung eines Strafvollzuges ihm ganz unmöglich ist. Die Waffe antwortet scheinbar auf die Sündhaftigkeit der Stadt. In Wirklichkeit ist es umgekehrt. Die Kollektivität der Schuld entspricht genau dem Streubezirk der Waffe. Nach neuzeitlichen Rechtsbegriffen ist Schuld Tatschuld und Täter ein Zurechnungsfähiger. Doch erkannte die Bombe nicht, wem Missetaten zuzurechnen waren, unterschied nicht Blockwart und Blockwartkind. Das einzige, was sie finden konnte, war eine Ortschaft, anders war sie nicht anwendbar. Darum bestrafte sie keine Schuld, sondern erklärte die Bestraften für schuldig. Abgesehen davon fällt ein Kriegsmittel gar keine Rechtsurteile. Es setzt sich ein Kampfziel, nichts weiter." (S. 6)

Am Ende des Bandes heißt es:

"Wer bombt, und sei es, er befreie, hat unrecht." (S. 225)

Die Folgen

Die Bomber

In England sind Der Brand und Brandstätten auf Verärgerung gestoßen. Britannien ist aus dem Krieg nur als Mitsieger hervorgegangen. Gekämpft und gesiegt haben andere. In der zweiten Kriegshälfte war den Briten nur noch eine Kampfhandlung geblieben: den gegen eine Welt kämpfenden Feind dort zu verletzen, wo er wehrlos war.

Andere Mitsieger wie Polen, Tschechen, Jugoslawen haben nach der Kapitulation das Kämpfen erneut begonnen und an allem Deutschen, das ihnen in die Hände fiel, gefahrlos ihren Blutdurst gestillt. Zwischen diesen und den britischen Mitsiegern gibt es keinen Unterschied. Die Bombardierung Dresdens und die polnischen Quälereien und Morde an den Oberschlesiern im Lager Lamsdorf sind von der gleichen Qualität.

Britannien hatte eine Ehre. Die Ehre ist verloren. Im Phantom vom vernichteten Nazi-Ungeist führte die Ehre noch eine Schattenexistenz. Der Brand hat auch die Schatten aufgelöst.

In den USA haben Der Brand und Brandstätten keine Reaktionen hervorgerufen. Die Staaten sind weiter Herr über Gut und Böse, Leben und Tod und fahren fort, Schurkenstaaten per Bomben zu befreien. Sie haben keine Ehre verloren, weil sie nie eine hatten.

Die Zerbombten

In Deutschland haben die Brände von Brand und Brandstätten mächtig um sich gegriffen. Keine größere Tageszeitung, keine Wochenzeitschrift, die nicht mit Rezensionen aufwartete. Internet-Dienste bieten Buchbesprechungen an. In Presse, Rundfunk, Fernsehen und bei Autorenlesungen wird Jörg Friedrich über seine Werke befragt. Bild, Spiegel und GEO brachten eigene Darstellungen des Bombenkriegs. Die beharrende Zeitgeschichtsbranche ist irritiert und glaubt ihr Fundament ins Wanken gebracht.

Einer verlor gänzlich die Fassung: Ralph Giordano:[8]

"Es gibt kein Werk über den Zweiten Weltkrieg, jedenfalls kenne ich keines, das die Deutschen von damals derart in die Opferrolle drängt, wie dieses - wobei auf ein geradezu inflationistisches Fotomaterial zurückgegriffen werden kann. Eine vergleichbare optische Imprimatur über die ungeheure Zahl deutschverursachter Opfer gibt es nicht - weder was den Holocaust, die mobilen Todesschwadronen der Einsatzgruppen, die stationären Todesfabriken noch den Kosmos des Vernichtungsapparates überhaupt anbetrifft. Der Zyklon-B-Mord an 2000 Menschen auf einmal in der großen Gaskammer von Auschwitz ist nie gefilmt oder fotografiert worden. Es hätte nicht seinesgleichen gehabt."

Sehr schade! Andere stellen dem Verfasser Fangfragen, um ihn zurückzupfeifen. Die Welt:[9]

"Behaupten Sie, daß Churchill ein Kriegsverbrecher war?

Jörg Friedrich: Nein, mit keiner Zeile. Churchill war der Verantwortliche für die Vernichtung einer halben Million Zivilisten, um ihre Moral zu knicken. Die Bombardierung von Coventry 1940 kostete 568 Ziviltote. Als der Krieg bereits gewonnen war, als die alliierten Heere schon in der Eifel standen, im Januar 1945, erreichte der Bombenkrieg seinen Höhepunkt: nicht zur Eroberung, sondern zur Bestrafung von Deutschland. Pro Tag fielen im letzten halben Jahr des Krieges durchschnittlich 1023 Zivilisten den Bombardements zum Opfer. Zerstört worden sind Städte wie Pforzheim mit knapp 63 000 Einwohnern - jeder dritte starb. Ist das ein Kriegsverbrechen? Das muß jeder für sich selbst entscheiden. Ich beziehe dazu keine Stellung."

Spiegel online:[10]

"Es gibt Leser, die sich bei einigen Ihrer Formulierungen an die Sprache des Holocausts erinnert fühlen. War Ihnen eine solche semantische Nähe zur Sprache des Völkermords beim Schreiben bewußt?

Friedrich: Nein, weil es diese Nähe nicht gibt. Das wird von Leuten behauptet, die meinen, daß alles, was in Auschwitz existierte - sei es ein Lazarett, eine Kapelle oder eine Menschenverbrennungsanlage - sprachlich kontaminiert ist. Das Hauptwerkzeug des Holocaust war die Eisenbahn - ist deshalb das Wort Eisenbahn vorbelastet?"

Manche verstehen ihn. Michael Stürmer beendet sein Rundfunkinterview mit Jörg Friedrich so:[11]

"Die großen, drängenden, furchtbaren Fragen bleiben. Einen Dialog der Lebenden mit den Toten hat der französische Historiker Marc Bloch, der im Zweiten Weltkrieg erschossen wurde, die Geschichte genannt. Die Lebenden können sich, wenn sie diese Bilder anschauen, den Fragen an die Toten nicht entziehen."

Einige wagen es, sich den Strömen des Schmerzes zu übergeben. Schon vor Erscheinen von Brandstätten veröffentlichte GEO im Februar 2003 zwei bebilderte Reportagen über den Bombenkrieg.[12] Nach dem Standard-Bekenntnis zu deutschen Verbrechen und Weltkriegsentfesselung schildert der Autor Christoph Kucklick die Stationen des Bombenkrieges mit einer Anteilnahme, die dem Leser immer wieder die Tränen in die Augen treibt, Tränen des Mitleidens und Tränen des ohnmächtigen Zorns. Christoph Kucklick ist kein Zyniker.

Im gleichen Jahr noch faßt er die Berichte in einem Buch zusammen: Feuersturm. Der Bombenkrieg gegen Deutschland.[13] Lange hat der Schuld-Kult die Deutschen vor den Brandschmerzen geschützt. Schmerz war ins Polnische ausgelagert worden, in Gaskabinette, in denen nur Juden saßen. Dort tat der Schmerz nicht weh. Um die eigenen Feuer- und Gastoten nicht beweinen zu müssen, wurde ihnen der lächelnd bejammerte Gashorror aufgehalst. Tote können sich nicht wehren.

Die Deutschen haben sich mit dem Schuld-Kult auf die Seite der Sieger geschlagen, sind zu Mitsiegern geworden gegen ihre Väter, gegen sich selbst. Der Preis, den die Deutschen zahlten, heißt: Leere.

Die Bilder des wahren Brandes haben die gefälschten Bilder von Auschwitz und Co. zum Erblassen gebracht. Die Bilder der Bombentoten berühren das gelähmte Gefühl der Deutschen, dieses beginnt, die Leere zu füllen. Die besiegten Väter, die Toten reden. Sie reden von ihrem Kampf, von ihren Leiden. Sie reden von dem, wofür sie lebten, von der Volksgemeinschaft.

Wenn die Deutschen sich dem Schmerz des Brandes stellen, der ihnen das Gestern vernichtete, dann können sie gesunden. Jörg Friedrich hat den Weg frei gemacht.

Seher schreiben nicht nur Geschichte, sie greifen auch in die Geschichte ein.


Anmerkungen

[1]Jörg Friedrich, Freispruch für die Nazi-Justiz, 1982; Kalte Amnestie, 1984. In diesen Büchern klagt der Autor über die unzureichende juristische Verfolgung der NS-Verbrechen. Das Gesetz des Krieges, 1993. Hier befaßt sich der Autor mit den Wehrmachtsverbrechen im Rußlandkrieg 1941-1945 und ihrer juristischen Aufarbeitung im Nürnberger Prozeß. Für dieses Werk erhielt er im Jahre 1995 den Ehrendoktor der Juristischen Fakultät der Universität Amsterdam sowie den Pioom Award der der UNO zugehörigen Gesellschaft zur Erforschung des Völkermords an der Universität Leyden. In dem soeben in Deutschland und Japan erschienenen Buch Kriegsverbrechen in Europa und im Nahen Osten im 20. Jahrhundert (herausgegeben von Franz W. Seidler und Alfred M. de Zayas) bearbeitete Friedrich die Stichworte "Babi Jar" (ein Judenmassaker in Kiew im September 1941) und "SS-Einsatzgruppen". Daneben ist er Mitarbeiter in diversen Fernsehsendungen über NS-Verbrechen und Kriegsrecht.
[2]Alle Seitenangaben aus Der Brand. Zitat aus: Herbert Pogt (Hg.) Vor fünfzig Jahren. Bomben auf Wuppertal, Wuppertal, 1993, S. 137.
[3]Maximilian Czesany, Europa im Bombenkrieg 1939 - 1945, 3. Aufl. Graz 1998.
[4]Franz Kurowski, Der Luftkrieg über Deutschland, Düsseldorf 1977.
[5]Czesany, S. 691-693.
[6]Jörg Friedrich, Brandstätten. Der Anblick des Bombenkriegs, München 2003, S. 239. Die nachfolgenden Seitenangaben im Text beziehen sich darauf.
[7]Ebenda, S. 127.
[8]Ralph Giordano, "Das mag begreifen, wer will. Jörg Friedrich zeigt in seinem Band 'Brandstätten' die Deutschen als Opfer", WELT, 29.12.2003.
[9]Welt, 3.1.2004.
[10]Interview mit dem Berliner Historiker Jörg Friedrich, "Von guten Massakern und bösen Massakern", Spiegel Online.
[11]Buchbesprechung von Michael Stürmer in: "Politisches Buch", Deutschland Radio Berlin, 28.11.2003.
[12]Christoph Kucklick, "Terror gegen den Terror?" und "Feuersturm", GEO, Februar 2003, S. 120-164.
[13]Christoh Kucklick, Feuersturm. Der Bombenkrieg gegen Deutschland, Hamburg 2003.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 8(2) (2004), S. 178-188.


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