Der Gaskammer-Teufel im Detail

Historisch-technische Phantasien eines "Technologen"

Von Carlo Mattogno

In der Zeitschrift Holocaust and Genocide Studies[1] erschien im Herbst 2002 aus der Feder eines Michael Thad Allen ein Artikel mit dem Titel "The Devil in the Details: The Gas Chambers of Birkenau, October 1941" ("Der Teufel in den Details: Die Gaskammern von Birkenau, Oktober 1941").

Ich übergehe die zu Beginn des Artikels geäußerten Behauptungen über die angeblich willkürliche Methode der "Leugner", die angeblich "vernichtende Kritik" Pressacs und van Pelts an den Revisionisten (wie "vernichtend" diese Kritik war, läßt sich daraus ersehen, daß sich beide wohlweislich stets gehütet haben, meine Argumentation in bezug auf Auschwitz zu "kritisieren") sowie die übliche Fehldeutung von Begriffen und Ausdrücken wie "Sonderbehandlung", "Sondermaßnahmen" oder "Badeanstalten für Sonderaktionen", da ich mich hierzu in einer eigenen Studie geäußert habe.[2] Desgleichen schenke ich es mir, auf die "kriminellen Indizien" einzugehen, die sich laut Allen "einzig und allein als Hinweise auf Massenmord mittels Zyklon-B" deuten lassen, denn diese Interpretation habe ich bereits in mehreren in den Vierteljahresheften für freie Geschichtsforschung erschienenen Beiträgen widerlegt.[3] Auch auf Allens Auslassungen zu den vorgeblichen Verdiensten und Schwächen Pressacs und van Pelts (S. 191f.) gehe ich nicht ein, sondern komme direkt zum zentralen Thema des Artikels, das der Verfasser wie folgt kennzeichnet:

"Die Untersuchung einer ansonsten unbedeutenden Komponente, der Drucklüftung, belegt, daß die ZBL[[4]] von Auschwitz den jeweiligen Leichenkeller 1 der (spiegelbildlich errichteten) Krematorien II und III ab Anfang Oktober 1941 als gigantische Zyklon-B-Anlage plante. Die SS-Ingenieure stützten sich bei ihrem Entwurf auf ähnlich konstruierte Entwesungskammern, auf die sie von Subunternehmern hingewiesen worden waren. Die SS übernahm diese Technologie (die ursprünglich nichts anderes als die Ausrottung von Ungeziefer in Kleidern bezweckt hatte) bei ihren Bestrebungen zur Ausmerzung von 'rassischem Ungeziefer.'" (S. 193)

Als "Beweis" dafür, daß der Leichenkeller 1 des neuen Krematoriums (des künftigen Krematorium II) von Beginn an als Zyklon-B-Menschentötungsgaskammer geplant gewesen sei, führt Allen die Tatsache ins Feld, daß für diesen Raum ein anderes Ventilationssystem vorgesehen war als für Leichenkeller 2:

"Insbesondere besaß Leichenkeller 1 Ventilationssysteme, die sich nicht nur von denen des Leichenkellers 2 unterschieden, sondern auch von jenen sämtlicher anderen bestehenden SS-Krematorien." (S. 199)

Diese These ist nicht nur nicht neu, sondern stellt einen sichtlichen Rückschritt gegenüber den - von van Pelt dreist plagiierten - Darlegungen Pressacs dar. Schon vor einem knappen Vierteljahrhundert, anno 1981, wurde sie von Georges Wellers aufgestellt. In einem Buch zur Frage der Gaskammern lichtete er (meines Wissens als erster) die Sektionen der Leichenkeller 1 und 2 des künftigen Krematorium II ab[5] und wies darauf hin, daß Leichenkeller 1 mit Entlüftungs- und Belüftungsanlagen ausgestattet war, während die letztere im Leichenkeller 2 fehlte.[6] Neu hingegen ist der historische Kontext, in den Allen seine These einbettet, sowie vor allem das zentrale Argument, das er zu ihrer Stützung anführt.

Er hebt hervor, daß man im Sommer 1941 in Auschwitz die Errichtung von Zyklon-B-Entwesungskammern zu diskutieren begann. So bestätigte die SS-Neubauleitung am 3. Juli jenes Jahres den Erhalt des von G. Peters und E. Wünstiger verfaßten Artikels "Entlausung mit Zyklon-Blausäure in Kreislauf-Begasungskammern", der ihr drei Tage zuvor auf Bitte der Firma Friedrich Boos von der Firma Heerdt-Lingler zugestellt worden war.[7] Angesichts der Dokumentation über diese Anlagen, die für das Aufnahmegebäude (BW 160) vorgesehen waren,[8] mutmaßt Allen:

"Der unmittelbare Zusammenhang weist darauf hin, daß die SS und diese Spezialisten die Entwesungsmaschinerie und die Vergasung von Menschen, die im Herbst 1941 vermutlich an verschiedenen Orten durchgeführt werden sollten, zugleich erörterten." (S. 194)

Es bedarf kaum der Erwähnung, daß der Verfasser nicht das geringste dokumentarische Indiz für diese angeblichen Erörterungen anzuführen vermag, doch nun hat er eine falsche Prämisse aufgestellt, von der er im folgenden seine falschen Schlußfolgerungen herleitet. Zunächst einmal wiederholt er freilich seine Behauptung mehrmals. Zuerst schreibt er:

"Die Annahme ist vernünftig, daß beide Vertreter dieser chemischen Firmen [Degesch und Tesch] sich mit der SS über einen systematischen Mord berieten." (S. 194)

Anschließend fährt er fort:

"Obgleich diese Kammern (noch) nicht zum Töten konzipiert waren, betrachteten alle Beteiligten - die SS, die Firma Degesch sowie die Firma Tesch & Stabenow - sie als System zur Verwendung von 'Menschenmaterial' im Stil einer modernen Fabrik." (S. 194)

Danach weist er zwar darauf hin, daß in Auschwitz nie Degesch-Kreislauf-Entwesungskammern eingerichtet worden sind, fügt jedoch hinzu:

"Nichtsdestoweniger stimulierten sie die technologische Innovation und lieferten eine konzeptionelle Blaupause für die Gaskammern von Birkenau. Erstens betrachteten die ZBL-Ingenieure den Vergasungsvorgang bewußt als Prozeß, bei dem die Leichen der Häftlinge wie Rohmaterial in einer modernen Fabrik behandelt wurden. [...] Zweitens - und dieser Sachverhalt ist trivialerer Natur - lieferten die Degesch-Kammern ein Vorbild für die Konstruktion des Ventilationssystems für Zyklon-B-Hinrichtungsgaskammern." (S. 195)

Somit ist aus der anfänglichen Vermutung glücklich eine nachgewiesene Tatsache geworden! Der Verfasser versucht allerdings, diese mit einem frei erfundenen Hinweis auf angebliche Menschenvergasungen in Degesch-Kreislauf-Entwesungsgaskammern zu stützen (S. 196), wobei er als "Beweis" nichts weiter als zwei Zeugenaussagen anführt, von denen die erste vom 23. Oktober 1959 stammt und die zweite "undatiert" ist; die eine wurde von Irmgard Berger, die andere von Kaufmann-Grasowska abgegeben, zwei Zeuginnen, von denen man bisher noch nie etwas gehört hat (Anmerkung 29 auf S. 212). Ein wahrhaft unwiderlegbarer "Beweis"!

Nach dem Hinweis auf diesen imaginären historischen Kontext kommt Allen schließlich zu seinem Hauptargument, das er in einem Absatz mit der Überschrift "Other Precedents for the Gas Chambers" präsentiert. Dort heißt es:

"Die Degesch-Kammern sind verhältnismäßig gut bekannt, zumindest unter Spezialisten der Holocaust-Geschichte. Weniger bekannt ist, daß die SS über andere Prototypen verfügte. Die zehn Kubikmeter großen Degesch-Kammern waren nicht die einzigen Gaskammern, welche der ZBL Auschwitz oder dem SS-Hauptamt Haushalt und Bauten vorgelegt wurden. Beispielsweise legte Kori GmbH, eine Firma, welche als Subunternehmer in Majdanek dieselbe Rolle spielte wie Topf & Söhne in Auschwitz, der ZBL Lublin die Zeichnungen eines Gebäudes vor, das sie in Alt-Drewitz errichtet hatte. Es handelte sich nicht etwa um eine Maschine wie bei den Degesch-Kammern, sondern um ein halbmechanisiertes Gebäude. Ein zentraler mechanischer Kern enthielt Gebläse und ein System von Leitungen zur Einführung von Zyklon-B. Räume auf beiden Seiten konnten mit Kleidung gefüllt und entwest werden. Auch hier wurde, wie die Diagramme zeigen, Luft von oben in die Kammer gepumpt. Gebläse saugten die Luft durch Luken im Boden ab. In diesem Fall installierte Kori anstelle konventioneller Metalleitungen die Leitungen in unterirdischen Kanälen unterhalb der Gebäude." (S. 196)

Auf S. 197 präsentiert Allen einen "Schnitt A-B", den er wie folgt kommentiert (siehe Dokument 1):

Dokument 1: Luftheizungsanlage Alt-Drewitz als Vorschlag für eine Heißluftentwesung für das KL Majdanek. laut M.T. Allen (Zum Vergrößern Bild anklicken)

"Diagramm einer Kori-Zyklon-B-Gaskammer, 'Anordnung einer Luftheizungs-Anlage für die Entlausungsanstalt in Alt-Drewitz', datiert auf den 5. Juli 1940."

Aus dieser Zeichnung zieht er folgenden Schluß:

"Obwohl kein Dokument solche Pläne direkt mit Auschwitz in Verbindung bringt (was nicht überrascht, da Entwürfe selten zu Papier gebracht werden), kann man das Entwesungsgebäude in Alt-Drewitz dennoch als Modell für Leichenkeller 1 betrachten, der ebenfalls unterirdische Ventilationskanäle aufwies." (S. 195)

Einige Seiten später doppelt er nach:

"Unterirdische Leitungen waren Teil bestehender Zyklon-B-Entwesungskammern, wie man as den Diagrammen der ZBL Lublin der Installation in Alt-Drewitz ersehen kann." (S. 201)

Der Autor will also das fehlende Glied bei einem Prozeß gefunden haben, der von der Entwesungskammer zu der Menschentötungsgaskammer des Leichenkeller 1 geführt haben soll. Eine wahrhaft bahnbrechende Entdeckung!

Zu Allens Pech scheitert diese Schlußfolgerung aber schon daran, daß das Archiv der Zentralbauleitung von Auschwitz zwar Dokumente über Entwesungsapparate aller möglichen Typen enthält, doch kein einziges über den von ihm erwähnten; Unterlagen über diesen befinden sich hingegen im Archiv des ehemaligen KL Majdanek. Somit existiert keinerlei Dokument, das, wenn schon keine direkte, auch nur eine "indirekte" Verbindung zwischen dem betreffenden Apparat und Auschwitz herstellt. Dies heißt, daß absolut kein Zusammenhang zwischen dieser Zeichnung und der SS-Neubauleitung (später SS-Bauleitung und schließlich Zentralbauleitung) von Auschwitz vorliegt - wie kann man sich da bloß aus den Fingern saugen, die Techniker dieses Amtes in Auschwitz hätten sich beim Entwurf des Leichenkellers 1 vom Plan der Anlage in Alt-Drewitz beflügeln lassen? Weit eher als die vermeintliche Tatsache, daß "Entwürfe selten zu Papier gebracht werden", wäre dann Telepathie zwischen Lublin und Auschwitz im Spiel gewesen!

Die beiden Anlagen haben in Wirklichkeit bloß ein vollkommen nebensächliches architektonisches Detail gemeinsam, nämlich eine unterirdische Leitung; durch die Aufblähung dieses Details verleiht Allen dem Umstand, daß Leichenkeller 1 mit einer doppelten unterirdischen Lüftungsleitung versehen war, eine Bedeutung, die ihm nicht zukommt.

Doch nicht genug damit. Die Schlußfolgerung Allens wird durch die Zeichnung selbst, auf die er sich beruft, radikal demoliert.

Unglaublicherweise ist Michael Thad Allen ungeachtet seiner Position als "Assistant Professor of modern German history and the history of technology at the Georgia Institute of Technology in Atlanta" nicht imstande zu begreifen, daß das betreffende Dokument - die Zeichnung der Firma Kori J.-Nr. 9081, "Anordnung einer Luftheizungs-Anlage Kori für die Entlausungsanstalt in Alt-Drewitz" mit der Datierung "Bln [Berlin], den 5. Juli 1940"[9] - keineswegs eine Zyklon-B-Entwesungsanlage darstellt, sondern eine Entwesungsanlage, die mit durch die Verbrennung von Kohle produzierter Heißluft betrieben wurde!

Hätte unser "Technologe", statt den üblichen Schwachsinn über die "Leugner" zu verzapfen, einen Blick in das von mir in Zusammenarbeit mit Jürgen Graf verfaßte Buch KL Majdanek. Eine historische und technische Studie[10] geworfen, hätte er diesen kapitalen Schnitzer vermeiden können. Auf S. 130 zitiere ich dort einen Brief der Firma Kori, in dem auf die betreffende Anlage Bezug genommen wird; u.a. liest man dort:

"Hier sind auch die Zugänge zu den 4 Koksbunkern vorgesehen, die aber schon, um einen größeren Koksvorrat unterzubringen, zweckmäßigerweise in Längsrichtung des Entlausungsraumes zu einem gemeinschaftlichen Bunker vereinigt werden, wie dies im Grundriß der Zeichnung J.-Nr. 9081 angedeutet wurde."

Anschließend erkläre ich Struktur und Funktion der Anlage:

"Entsprechend diesem Projekt waren die acht Entlausungskammern also jeweils 2 m breit, 2,10 m hoch und 3,5 m lang und wurden mit einem koksbetriebenen Kalorifer oder Lufterhitzer erwärmt, der sich zwischen jedem Kammerpaar hinter den beiden Außenwänden befand. Auf jeder Innenseite war oben eine Öffnung zum Warmluftaustritt angebracht, die mit dem Lufterhitzer verbunden war; auf der entgegengesetzten Seite befand sich auf dem Fußboden jedes Kammernpaars eine über einen unterirdischen Luftkanal gleichfalls mit dem Lufterhitzer in Verbindung stehende Umluftöffnung. Die Einrichtung wies strukturell starke Ähnlichkeit mit dem am 5. Juli 1940 von der von Kori für die Entlausungsanstalt in Alt-Drewitz entworfenen Modell auf. Zur Entlausung wurde nicht etwa Zyklon B, sondern Heißluft verwendet."

Auf S. 288 des erwähnten Buches werden außerdem die drei wichtigsten Sektionen der Zeichnung 9081 abgebildet.

Doch selbst wenn man dieses Buch nicht kennt, kann man mittels einer summarischen Analyse der Zeichnung rasch erkennen, daß diese eine Gruppe von Heißluft-Entlausungskammern darstellt. Im Schnitt a-b links kann man klar die Aufschrift "Kohleneinwurf" lesen. (siehe Dokument 2): meint Michael Thad Allen vielleicht gar, Zyklon-B-Entwesungskammern hätten mit Kohle geheizt werden müssen? Zuzutrauen wäre es ihm!

Dokument 2: Querschnitt durch geplante Heißluftentwesungsanlage im KL Majdanek - vgl. "Kohleneinwurf" zur Linken. (Zum Vergrößern Bild anklicken)

Somit bricht Allens These vollständig in sich zusammen. Hätte er sich der Mühe unterzogen, wenigstens Pressacs erstes Buch über Auschwitz mit einem Mindestmaß an Aufmerksamkeit zu lesen, hätte er sich all seine absurden Mutmaßungen über die Bedeutung der Ventilationseinrichtung im Leichenkeller 1 sparen können.

Nach einer Analyse des Plans 932 vom 23. Januar 1942 zum künftigen Krematorium II schrieb Pressac:[11]

"Leichenkeller 2 sollte als zeitweiliger Aufbahrungsraum für neu eingetroffene und registrierte Leichen dienen, die (nach drei oder vier Tagen) kremiert wurden. Leichenkeller 1 war zur Aufbewahrung mehrerer Tage alter, in Verwesung übergehender und zur raschestmöglichen Kremierung bestimmter Leichen gedacht, was eine gute Ventilierung des Raums erforderte. Nichts an dieser Zeichnung weist auf die spätere 'Sonderverwendung' dieses Krematoriums hin. Ganz im Gegenteil, sie wirkt wie eine vollkommen 'normale' Einäscherungseinrichtung, wenn auch eine mit einer sehr hohen Kapazität."

Allen, der seine Aufmerksamkeit ausschließlich der Ventilationseinrichtung des Leichenkellers 1 widmet, läßt das ganze Bündel von "Indizien" außer acht, die laut Pressac einen Beweis für eine Umgestaltung dieses Raums zu kriminellen Zwecken darstellen sollen und deren Fehlen den Plan vom 23. Januar 1942 vollkommen "normal" wirken läßt. Beispielsweise sollen die Techniker der Zentralbauleitung volle 13 Monate gebraucht haben, um zu kapieren, daß die Tür des Leichenkellers 1, also der angeblichen Menschentötungsgaskammer, sich nach außen und nicht nach innen öffnen mußte,[12] und gar 17 Monate, um zu begreifen, daß die Eisenbetondecke des Leichenkellers 1 Öffnungen zum Einschütten des Zyklon B erforderte; sie sollen die Decke tatsächlich ohne die angeblichen Öffnungen erstellt und letztere erst nachträglich in aller Eile mit Vorschlaghammer und Meißel durchgebrochen haben![13]

Gegen Michael Thad Allens These spricht schließlich ein anderer, noch offenkundigerer Sachverhalt, der mit der Position des Leichenkellers zusammenhängt. Krampfhaft bemüht, den unterirdischen Lüftungsleitungen um jeden Preis einen sinistren Charakter anzudichten, schreibt er:

"Die Aushebung unterirdischer Leitungen erforderte beträchtliche Arbeit, denn der Wasserpegel in Birkenau kann bis einen Meter über dem Boden der Keller in den Krematorien I und II steigen. Daß die SS überhaupt halbunterirdische Keller wollte, erfordert eine Erklärung. (Die Krematorien IV und V lagen vollständig über der Erdoberfläche.) Die SS mußte die Wände mit Teerpappe abdichten, die zu Kriegszeiten nur sehr schwer erhältlich war. Alle diese Faktoren trugen dazu bei, daß für einen 'gewöhnlichen' Leichenkeller ein außergewöhnlicher Aufwand betrieben wurde." (S. 201)

Doch wenn die Bauleitung bereits im Oktober 1941 beschlossen hatte, eine Zyklon-B-Menschentötungsgaskammer im Leichenkeller 1 einzurichten, warum wurde letzterer dann unterirdisch geplant?

Die ersten Pläne des neuen Krematoriums, die vom November 1941 stammen und von J.-C. Pressac publiziert worden sind,[14] lassen in der Tat ganz unmißverständlich zwei vollkommen unterirdische Leichenkeller erkennen. Die Errichtung des Krematoriums war damals noch im Stammlager Auschwitz I vorgesehen. Doch als das Projekt nach Birkenau verlagert wurde, wo der Grundwasserpegel höher war, wurden die Leichenkeller halbunterirdisch geplant (d.h. der obere Teil ragte über den Erdboden heraus); dies erforderte Arbeiten, die weitaus komplizierter waren als die Installierung zweier unterirdischer Lüftungsleitungen. Wenn nun Leichenkeller 1 als Zyklon-B-Gaskammer dienen sollte, warum haben ihn die Bauleitung und später die Zentralbauleitung nicht oberhalb der Erdoberfläche geplant? Die einzige vernünftige Erklärung besteht darin, daß die beiden Leichenkeller als gewöhnliche Räume zur Aufbahrung von Leichnamen gedacht waren, die man, wie Pressac richtig hervorgehoben hat, unterirdisch bzw. halbunterirdisch konzipierte, um die Temperatur in ihnen niedriger zu halten.

Gehen wir nun zu den an den Haaren herbeigezogenen Thesen des Autors bezüglich der Lüftungsleitungen über.

Gemäß der Zeichnung 109/13A der Firma Huta vom 21. September 1943 verliefen die beiden Entlüftungskanäle im Leichenkeller 1 auf der Höhe des Fußbodens, doch jenseits der Seitenmauern.[15] Aus irgendwelchen Gründen hat diese Anordnung auf Allen einen gewaltigen Eindruck hinterlassen, und er betrachtet sie als neues "kriminelles Indiz", getreu dem Grundsatz der Holocaust-Historiker, daß jeder Sachverhalt, den sie aufgrund ihrer historisch-dokumentarischen oder technischen Ignoranz nicht begreifen, "sich einzig und allein als Hinweise auf einen Massenmord mittels Zyklon-B deuten läßt". Im vorliegenden Fall ist die naheliegendste Erklärung die, daß eine doppelte Abluftrohrleitung von 50 cm Durchmesser,[16] wenn sie auf dem Fußboden längs der beiden Seitenmauern angebracht worden wäre, die Breite des Raums um einen Meter verringert und dadurch den Verlust von 30 m2 Nutzfläche verursacht hätte; dadurch wären die Reinigungs- und Wascharbeiten erschwert worden, und die Gefahr einer Beschädigung wäre gewachsen.

Das Problem der Ventilation der beiden Leichenkeller des Krematoriums II (und III) zieht außerdem eine technische Frage von fundamentaler Bedeutung nach sich, welche die Behauptungen der offiziellen Geschichtsschreibung nicht nur widerlegen, sondern regelrecht der Lächerlichkeit preisgeben. Ich meine die Frage nach dem Luftaustausch. In meiner Studie Auschwitz: Das Ende einer Legende[17] habe ich im Absatz "Die Lüftungssysteme der Krematorien" nicht nur nachgewiesen, daß die Zahl der für die beiden Leichenkeller vorgesehenen Luftumwälzungen praktisch mit derjenigen normaler ziviler Leichenhallen identisch war, sondern daß die für Leichenkeller 1 geplante Zahl - 9,49 Luftumwälzungen pro Stunde - niedriger war als die für Leichenkeller 2 (11,08 Umwälzungen pro Stunde). Somit war die vermeintliche Gaskammer schlechter ventiliert als der angebliche Auskleidungsraum! Die genialen Techniker der Zentralbauleitung wären also nach mehr als einjährigem intensiven Studium der Zyklon-B-Entwesungskammern zu einem wahrlich brillanten Resultat gelangt...

Allen schert sich keinen Pfifferling darum, daß auch der von der offiziellen Geschichtsschreibung postulierte historische Hintergrund, d.h. die angebliche Entwicklung von Ausrottungseinrichtungen in Auschwitz, hinten und vorne nicht zu seiner These paßt. Er behauptet, die Bauleitung von Auschwitz habe schon im Oktober 1941 die Errichtung einer Menschentötungsgaskammer im Leichenkeller 1 des geplanten neuen Krematoriums vorgesehen, wobei sie sich von den Zyklon-B-Entwesungskammern habe inspirieren lassen, doch als dieselben Leute fünf Monate später den angeblichen "Bunker 1" von Birkenau planten, sahen sie für ihn noch nicht einmal einen Ventilator vor!

Dasselbe gilt auch für den angeblichen "Bunker 2", der im Mai oder Juni 1942 "geplant" worden sein soll. Warum haben dann die Zyklon-B-Entwesungskammern in diesen Fällen keine "technologische Innovation stimuliert" und keine "konzeptuelle Blaupause" für die "Gaskammern" der "Bunker" geliefert?

Laut van Pelt wurden in den "Bunkern" mehr als 200.000 Juden ermordet.[18] Entspräche diese Behauptung der Wirklichkeit, so hätte es sich um umfangreiche Vernichtungsanlagen gehandelt, was die These Allens noch irrsinniger erscheinen läßt.

Der Artikel Michael Thad Allens wimmelt förmlich von anderen phantasievollen und unsinnigen Thesen, und es lohnt sich schon gar nicht, sie alle zu widerlegen. Ich beschränke mich auf ein einziges Beispiel. Auf S. 200-203 zitiert er (in englischer Übersetzung) den letzten Abschnitt des "Berichts des Amtes II-Bauten des Hauptamtes Haushalt und Bauten über die Arbeiten im Jahre 1941", den ich hier im deutschen Originaltext anführe:[19]

"An zusätzlichen Baumaßnahmen wurden vom Reichsführer-SS befohlen:

Der Bau von Kriegsgefangenenlagern im Reichsgebiet und im Generalgouvernement.

Es wurden errichtet:

Im Reich im Rahmen der KL Dachau, Buchenwald, Flossenbürg, Mauthausen Kleinlager, an Großlagern Auschwitz für 150.000 Kriegsgefangene.

Im Generalgouvernement in Lublin für 150.000 Kriegsgefangene und in Debica für 5.000 Kriegsgefangene.

Um ästhetisch, bautechnisch und hygienisch einwandfreie Bauanlagen schaffen zu können, wurden Typenpläne für die Bebauung der Lager einschl. Quarantäne-, Truppen-, Unterkunfts- und Arbeitslager sowie für die einzelnen Befehlsbauten entwickelt, die der Ausführung zu Grunde gelegt wurden.

Für Entlausungsanstalten der Waffen-SS, Polizei und KL in fester und behelfsmäßiger Bauweise wurden Richtzeichnungen bearbeitet, desgleichen für die behelfsmäßigen und festen Krematorien, Verbrennungsstätten und Exekutionsanlagen verschiedener Art."

Allen kommentiert diesen Text wie folgt:

"Dieser Bericht, der die Zyklon-B-Entlausungsmaschinerie abermals mit 'Exekutionsanlagen' in einem Atemzug nennt, wurde in allen Abteilungen der SS-Bauinspektionen, Zentralbauleitungen und kleineren Bauleitungen verteilt. Die Tatsache, daß in Auschwitz-Birkenau systematische Tötungsaktionen geplant waren, war also unter den SS-Ingenieuren allgemein bekannt."

Erstens waren unter "Entlausungsanstalten" keineswegs nur Zyklon-B-Entwesungskammern zu verstehen, sondern auch Heißluftanlagen und Dampfapparate. Zweitens waren die "Exekutionsanlagen" Galgen und Erschießungsstätten für von SS-Sondertribunalen zum Tode verurteilte Häftlinge; solche gab es, genau wie Entlausungsanstalten, Krematorien und Verbrennungsstätten, auch in sämtlichen anderen erwähnten Konzentrationslagern. Wie kann man da aus diesem Bericht herleiten, in Auschwitz-Birkenau seien "systematische Tötungsaktionen" geplant gewesen? Nun ja, was kann man von einem "Assistant Professor of modern German history and the history of technology" auch schon erwarten, der noch nicht einmal eine Zyklon-B-Entlausungskammer von einer Heißluft-Entlausungskammer zu unterscheiden vermag?

Das Paradoxe ist, daß es sehr wohl eine Verbindung - genauer gesagt sogar eine doppelte Verbindung - zwischen den Zyklon-B-Entwesungsanlagen und den angeblichen Menschentötungsgaskammern von Auschwitz gibt, aber nicht die von Allen an den Haaren herbeigezerrte. Wie ich in einem zuvor erwähnten Artikel darlegte, trug sich die Zentralbauleitung im Januar 1943 mit dem Gedanken, den Leichenkeller 1 des Krematorium II (den "Vergasungskeller") zumindest für einige Zeit als "behelfsmäßige Entwesungskammer" zu benutzen.[20] Allen selbst bestätigt die Richtigkeit dieser These, indem er folgende Aussage Walter Dejacos (eines ehemaligen SS-Untersturmführers und früheren Leiters des Sachgebiets Planung der Zentralbauleitung) vom 4. März 1962 zitiert:

"Die Räume, die später als Gaskammern gebraucht wurden, wurden von uns als Leichenhallen und Entlausungskammern bezeichnet und wurden als solche von uns geplant" (S. 196; Hervorhebung von mir; Rückübersetzung aus dem Englischen).

Die zweite Verbindung wurde von den Propagandisten der geheimen Widerstandsbewegung von Auschwitz hergestellt. Diese erfanden die Geschichte mit den "Bunkern", wobei sie sich so eindeutig von den Blausäureentwesungskammern inspirieren ließen, daß sie die vermeintlichen Menschentötungsgaskammern "Degasungskammer" nannten! Bei diesem Ausdruck handelte es sich um eine Verballhornung des Begriffs "Begasungskammer", der üblicherweise für die Zyklon-B betriebenen Degesch-Kreislauf-Entlausungskammern benutzt wurde. Doch dies ist eine andere Geschichte, die ich in einem demnächst erscheinenden Buch über die sogenannten "Bunker" von Birkenau beschreiben werde.


Anmerkungen

Aus dem Italienischen übertragen von Jürgen Graf.

[1]V 16, N.2, Herbst 2002, S 189-216. Beim Zitieren führe ich jeweils direkt die jeweilige Seite des Textes an.
[2]Sonderbehandlung in Auschwitz. Entstehung und Bedeutung eines Begriffs. Castle Hill Publishers, Hastings, Großbritannien, 2003.
[3]Siehe insbesondere meine Studie "Die Leichenkeller der Krematorien von Birkenau in Lichte der Dokumente," in: VffG, 7(3&4), (2003), S. 357-380.
[4]Zentralbauleitung.
[5]Zeichnungen 1173-1174(p) sowie 933[-934](p), später von J.-C. Pressac in: Auschwitz: Technique and Operation of the gas chambers. The Beate Klarsfeld Foundation, New York 1989, S. 273 und 279 reproduziert.
[6]G. Wellers, Les chambres à gaz ont existé. Des documents, des témoignages, des chiffres. Gallimard, Paris 1981, Illustrationen auf unnumerierten Seiten zwischen S. 134 und 135.
[7]RGVA (Rossiiskii Gosudarstvennii Vojennii Archiv, Staatliches russisches Kriegsarchiv, Moskau, 502-1-332, S. 86-90.
[8]Für diese Anlage waren 19 Blausäure-Entwesungskammern mit Degesch-Kreislaufsystem vorgesehen.
[9]APMM (Archiwum Państwowego Muzeum na Majdanku, Archivio del Museo di Stato di Majdanek), sygn. VI 9a, Band 1.
[10]Castle Hill Publishers, Hastings, Großritannien, 1998.
[11]J.-C. Pressac, Auschwitz..., aaO. (Anm. 5), S. 284.
[12]Ebenda, S. 302, Plan 2003 vom 19. Dezember 1942, sowie diesbezüglicher Kommentar Pressacs.
[13]Siehe hierzu meinen Artikel "'Keine Löcher, keine Gaskammer(n)'. Historisch-technische Studie zur Frage der Zyklon B-Einwurflöcher in der Decke des Leichenkellers 1 im Krematorium II von Birkenau", VffG, 6(3) (2002), S. 284-304, insbesondere S. 290f.
[14]J.-C. Pressac, Die Krematorien von Auschwitz. Die Technik des Massenmordes. Piper, München 1994, Pläne auf unnumerierten Seiten, Dokumente 10-11.
[15]Siehe J.-C. Pressac, Auschwitz..., aaO. (Anm. 5), S. 322f.
[16]J.-C. Pressac, Die Krematorien ..., aaO. (Anm. 14), Dokument 15, Schnitt b-b, "Abluftkanal für 'B'-Raum."
[17]In: H. Verbeke (Hg.), Auschwitz: Nackte Fakten. Eine Erwiderung an Jean-Claude Pressac, Stiftung Vrij Historisch Onderzoek, Berchem, 1995, S. 133-135.
[18]R.J. van Pelt, The Case for Auschwitz. Evidence from the Irving Trial. Indiana University Press, Bloomington and Indianapolis 2002, S. 455.
[19]RGVA, 502-1-13, S. 4.
[20]"Die Leichenkeller ...", aaO. (Anm. 3), vgl. bes. S. 357-365 und 373-375.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 8(2) (2004), S. 130-134.


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