Aus der Forschung

Juden im NKWD von Stalins Sowjetunion

Von Germar Rudolf

Da nun der Begriff "Tätervolk" in Deutschland zum Unwort des Jahres 2003 gewählt wurde,[1] weil der deutsche Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann es gewagt hatte, das von ihm repräsentierte Volk gegen Tätervolk-Anwürfe zu verteidigen,[2] soll dies hier zum Anlaß genommen werden, einmal etwas näher die Frage zu untersuchen, die von Herrn Hohmann aufgeworfen wurde und für soviel Anfeindungen sorgte: Waren Juden in der frühen Sowjetunion überproportional am Terrorapparat der Sowjetunion beteiligt?

Nikita Petrov veröffentlichte im Jahr 2001 einen Artikel, der auf diese Frage etwas Licht wirft. Petrov untersuchte die "Veränderungstendenzen im Kaderbestand der Organe der sowjetischen Staatssicherheit in der Stalin-Zeit".[3] Zwar deckt seine Untersuchung in der uns interessierenden Frage nur den Zeitraum von 1934 bis 1941 ab, jedoch kann man mit den sowjetischen Archivunterlagen entnommenen Daten zu recht sicheren Schlußfolgerungen kommen.

Tabelle 1 aus Petrovs Artikel gibt die Anzahl der leitenden Mitarbeiter des sowjetischen Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten (NKWD, Vorrläufer des KGB) je nach Nationalität wieder. Man erkennt, daß Juden in den Führungskadern der sowjetischen Terrormaschinerie bis ans Ende der großen Säuberung von 1937/38 hinein einen ungeheuer großen Anteil haben. Hierzu erklärt Petrov:

Tabelle 1: Anzahl der leitenden NKWD-Mitarbeiter je nach Nationalität
(absolute Zahlen und Anteil am Gesamtbestand in %, nach Datum aufgeschlüsselt)

Nationalität

10.07.34

1.10.36

1.03.37

1.07.37

1.01.38

1.09.38

1.07.39

1.01.40

26.02.41

Russen

30 (31,25%)

33 (30,00%)

35 (31,53%)

38 (33,63%)

58 (45,31%)

85 (56,67%)

102 (56,67%)

111(64,53%)

118 (64,84%)

Juden

37 (38,54%)

43 (39,09%)

42 (37,84%)

36 (31,86%)

35 (27,34%)

32 (21,33%)

6 (3,92%)

6 (3,49%)

10 (5,49%)

Ukrainer

5 (5,21%)

6 (5,45%)

6 (5,41%)

5 (4,42%)

4 (3,13%)

10 (6,67%)

19 (12,42%)

29 (16,86%)

28 (15,38%)

Polen

4 (4,17%)

5 (4,55%)

5 (4,50%)

4 (3,54%)

1 (0,78%)

1 (0,67%)

-

-

-

Letten

7 (7,29%)

9 (8,18%)

8 (7,21%)

7 (6,19%)

5 (3,91%)

-

-

-

1 (0,55%)

Deutsche

2 (2,08%)

2 (1,82%)

2 (1,80%)

2 (1,77%)

2 (1,56%)

1 (0,67%)

-

-

-

Georgier

3 (3,13%)

4 (3,64%)

5 (4,50%)

4 (3,54%)

4 (3,13%)

5 (3,33%)

12 (7,84%)

12 (6,98%)

12 (6,59%)

Armenier

1 (1,04%)

1 (0,91%)

1 (0,90%)

1 (0,88%)

1 (0,78%)

1 (0,67%)

2 (1,31%)

2 (1,16%)

2 (1,10%)

Aserbaidschaner

1 (1,04%)

1 (0,91%)

1 (0,90%)

1 (0,88%)

-

-

-

-

-

Weißrussen

3 (3,13%)

2 (1,82%)

3 (2,70%)

3 (2,65%)

2 (1,56%)

3 (2,00%)

1 (0,65%)

3 (1,74%)

4 (2,20%)

Sonstige

1 (1,04%)

1 (0,91%)

-

1 (0,88%)

1 (0,78%)

3 (2,00%)

1 (0,65%)

1 (0,58%)

3 (1,65%)

Keine Angaben

2 (2,08%)

2 (1,82%)

3 (2,70%)

11 (9,73%)

15 (11,72%)

9 (6,00%)

10 (6,54%)

8 (4,65%)

4 (2,20%)

"Selbstverständlich erklärt sich die Präsenz von so zahlreichen Letten, Polen und besonders Juden in der NKWD-Leitung mit dem Charakter der vor 1917 geltenden Beschränkungen, die sie unmittelbar betroffen hatten. Das bolschewistische Regime mit seiner Romantik der Verwischung nationaler Grenzen eröffnete zahlreichen Vertretern dieser Nationalitäten alle Wege. Sie betrachteten die neue Staatsordnung zu Recht als die 'ihrige', als eine, zu der sie unbedingt gehörten. Viele Vertreter der genannten Nationalitäten schalteten sich aktiv ins politische und soziale Leben ein und machten nach dem Oktober 1917 erfolgreich Karriere. Der leitende NKWD-Kader spiegelte diese Tendenz in konzentrierter Form wider."

Obwohl die Juden in der Sowjetunion zahlenmäßig keine größere Minderheit darstellten als etwa Deutsche, Polen oder die Baltenvölker, ist ihre Dominanz im Führungsapparat des NKWD ungeheuer: Sie stellen noch vor den etwa 30-fach volksstärkeren Russen die stärkste Gruppe dar. Es kann wohl angenommen werden, daß die Überrepräsentanz der Juden in Führungspositionen der UdSSR im allgemeinen und des NKWD bzw. dessen Vorläufern in der Zeit vor Stalin noch größer war; jedenfalls ist anzunehmen, daß der von Petrov beschriebene anfängliche Enthusiasmus der Minderheiten für

Tabelle 2: Nationalität der Mitarbeiter
der Staatssicherheitsorgane der UdSSR
[4]

Nationalität

1.03.1937

1.01.1941

30.11.1950

Russen

65%

66%

77,1%

Ukrainer

11%

16%

11%

Weißrussen

4%

2,7%

1,9%

Georgier

1,2%

1,3%

1,0%

Armenier

1,8%

1,8%

1,3%

Aserbaidschaner

   

0,4%

Kasachen

   

0,8%

Usbeken

   

0,3%

Letten

1%

 

0,3%

Litauer

   

0,3%

Esten

   

0,2%

Turkmenen

   

0,1%

Tadschiken

   

0,1%

Kirgisen

   

0,1%

Karelier u. Finnen

   

0,1%

Moldauer

   

0,1%

Juden

7%

4%

1,5%

Sonstige Nationalitäten

   

3,3%

"Ausländische" Nationalitäten

1,2%

 

0,1%

das neue Sowjetregime mit der Zeit nachließ und bis zum Jahr 1934, also nach 17 Jahren roten Terrors, schon aus rein statistischen Gründen zu einer Verringerung ihres Anteils geführt haben dürfte. Es war wegen ihrer schieren Zahl schlicht wahrscheinlicher, daß ein Russe eine freigewordene Stellung bezog, als daß ein Jude sie bekam.

Man sollte aber im Auge behalten, daß sich diese Zahlen lediglich auf die Führungspositionen des NKWD beziehen. Petrov führt dazu aus:[5]

"In der Gesamtzahl der Mitarbeiter der Staatssicherheit waren die Juden nicht so stark vertreten. Zum 1. März 1937 machten die Juden 7% der Gesamtzahl der Mitarbeiter des Staatssicherheitssystems aus, und zum 1. Januar 1941 ging diese Kennziffer auf 4% zurück (siehe: GARF, Bestand 9401, IL. 8, Akte 43, Bl. 33 - 34; ebenda: Akte 64, Bl. 24). In den Vorkriegsjahren führte das Prinzip, dem gemäß die Nomenklaturkader für dieses System ausgewählt wurden, zu einer erheblichen Veränderung der nationalen Zusammensetzung des NKWD-Apparates. Zu diesem Zeitpunkt herrschte aber noch keine zielgerichtete Politik der Verdrängung gerade der Juden aus der Staatssicherheit. Anders war es 1950-1953, als sich die Verfolgungen im MGB-System ausschließlich gegen die Juden richteten. Schon Ende 1950 machten die Juden nur noch 1,5% der Gesamtstärke der operativen Kader aus (Central'nyj Archiv Federal'noj Služby Bezopasnosti Rossijskoj Federacii - CA FSB, Bestand 4-os., IL. 8, Akte 11, Bl. 310 - 341)."

Erläuternd dazu ist in Tabelle 2 die Nationalität aller Mitarbeiter der Staatssicherheitsorgane angegeben, in der Juden zwar in den dreißiger Jahren immer noch überrepräsentiert waren, jedoch bei weitem nicht so extrem wie in den Führungskadern.

Wenn also zu Zeiten des Roten Terrors 80% der Bevölkerung (Russen) für 30% des Terrors verantwortlich waren, 1,8% der Bevölkerung (Juden) aber für annähernd 40%, dann ergibt das ein Verhältnis von:

0.3

÷

0.4

= 0.375 ÷ 22.2 = 59.26,

0.8

0.018

also statistisch gesehen eine etwa 60-mal so hohe relative Schuld pro Kopf für die jüdische Bevölkerung in der Sowjetunion im Vergleich zur russischen Bevölkerung. Das rechtfertigt zwar immer noch keine Kollektivschuld-, -haftungs oder -schamforderungen oder "Tätervolk"-Vorwürfe, macht aber deutlich, warum Hohmann das Thema aufgriff.

Wer angesichts dieser Zahlen weiterhin behauptet, Martin Hohmann sei sachlich im Unrecht gewesen, als er feststellte, Menschen jüdischer Herkunft seien hauptverantwortlich für den Roten Terror der frühen Sowjetunion gewesen, der kann sich höchstens noch auf Unwissenheit berufen, nicht aber auf Fakten.


Anmerkungen

[1]Süddeutsche Zeitung, 20.1.2004.
[2]Vgl. dessen Rede, wiedergegeben in VffG, 7(3&4) (2003), S. 417-421.
[3]Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte, 5(2) (2001), www1.ku-eichstaett.de/ZIMOS/forum/docs/petrow.htm
[4]Petrov führt dazu als Quelle an: "Die Tabelle wurde aufgrund von Archivangaben zusammengestellt: GARF, Bestand 9401, IL. 8, Akte 43, Bl. 33-34; ebenda, Akte 64, Bl. 24; CA FSB, Bestand 4-os., IL. 8, Akte 11, Bl. 310-341."
[5]Ebenda, Fußnote 16.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 8(2) (2004), S. 233-235.


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