Stalingrad an der Wolga, Stalingrad an der Spree

Von Wolfgang Strauss

Haß statt Versöhnung

In den ersten Septembertagen 1942 bricht die Verteidigung von Stalingrad zusammen. Deutsche Panzerdivisionen haben den inneren Sperrgürtel aufgerissen und jagen auf den Stadtrand zu. In der Südstadt und in Stalingrad Mitte fällt ein Widerstandsnest nach dem anderen. Panzergrenadiere der 6. Armee kämpfen sich zur Wolga vor und graben sich hier ein. Nur im nördlichen Industrievorort Spartakowka halten sich die Verteidiger. Mehr als 20.000 Russen und Ukrainer kämpfen als Freiwillige ("Hiwis") auf deutscher Seite. In der Stadt herrscht Chaos. In dem wilden Durcheinander ist der sowjetischen Führung die Übersicht völlig verlorengegangen. Angesichts der verzweifelten Lage erklärt General Lopatin, daß Stalingrad nicht länger gehalten werden könne. Er schlägt Stalin vor, die Stadt räumen zu lassen, die Reste der zerschlagenen 62. Armee über die Wolga zurückzunehmen und sie dadurch vor der völligen Vernichtung zu bewahren. Stalin schickt Lopatin in die Wüste, ersetzt ihn am 8. September durch Wassili Tschuikow. Anfang November dringen Bataillone der westfälischen 16. Panzerdivision in Spartakowka ein. Damit ist die letzte starke Riegelstellung der Stalingrader Verteidigung aufgerissen. Neun Zehntel der Stadt sind in deutscher Hand. In einer Rundfunkrede erklärt Hitler so nebenbei:

"[…] und was Stalingrad betrifft, kann ich dem deutschen Volke und der übrigen Welt versichern: Das werden meine Stoßtrupps machen."

Wie die Stalingrader Schlacht weiterging, weiß man. Fünf Sowjetarmeen, ausgerüstet mit amerikanischen Stiefeln, Lastwagen, Panzern, Konserven, stießen am 19. November in den großen Donbogen hinein, überrollten die rumänischen Frontabschnitte an der Nord- und Südflanke der 6. Armee und setzten zu einer Zangenbewegung an. Am 23. November schlossen sich die Zangen bei Kalatsch. Eingeschlossen 20 deutsche Divisionen. Anfang Februar 1943 taumelten 90.000 von Hunger, Kälte und übermenschlichen Anstrengungen ausgemergelte deutsche Soldaten in die Gefangenschaft. 90.000 von ursprünglich 230.000. Es war ein Marsch in den Tod, denn von den 90.000 überlebte nur jeder Fünfzehnte die Stalinschen Zwangsarbeitslager.

Gewaltig grausam das vergossene Blut auf sowjetischer Seite. Gefallen eine Million (Zivilisten nicht mitgezählt). Verwundete und an ihren Verletzungen gestorbene Sowjetarmisten, niemand hat sie gezählt. Gezählt wurde damals an Stalins Heimatfront der Ausstoß von Granatwerfern, Panzern, Katjuschas. Der Mensch, das berichten russische Historiker, war nicht einmal eine Kalaschnikowpatrone wert.

Stalingrad sei heute ein "Symbol der Versöhnung", sprach Karl-Wilhelm Lange, Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Versöhnung zwischen deutschen und russischen Frontkämpfern von einst, das soll vorkommen, dafür gibt es Zeugen. Was indes dem Sozialdemokraten Lange bei seiner Vorbereitung für die zentrale Veranstaltung am Volkstrauertag – 17. November, Berliner Reichstag, widerfuhr, war das Gegenteil von Versöhnung. Blanker Haß schlug von den Medienlinken dem Volksbund-Präsidenten entgegen. Die Veranstaltung drohte zu platzen, höhnte DER SPIEGEL. Das begann mit der Fest-Sinfonie des Franzosen Aubert Lemeland. Aus einer Résistance-Familie, ein Normanne, ein Gaullist, germanophil, gewiß, doch vor allem dies: ein Bewunderer der 6. Armee. Und kein heimlicher Bewunderer, titelte er doch seine Sinfonie Letzte Briefe aus Stalingrad. In der Urfassung des Musikwerkes werden Auszüge aus zehn deutschen Landserbriefen verlesen, von Offizieren und Obergefreiten, Briefe des Leids, des Heimwehs, der Tapferkeit, auch des Patriotismus. Eben Worte eingeschlossener Frontkämpfer. Der Spiegel denunzierte:

"Musiker Lemeland stützt sich auf eine erstmals veröffentlichte Briefsammlung, die aus Material entstanden ist, das die Propagandaabteilung der Wehrmacht im Auftrag des Propagandaministeriums der Nazis zusammengestellt und manipuliert hatte – für ein Heldenbuch über die Schlacht von Stalingrad. Festredner Thierse will jedoch nur dann an der Veranstaltung teilnehmen, ‘wenn keine Nazi-Texte verlesen werden’." (46/2002)

Der brave Sozialdemokrat Karl-Wilhelm Lange mußte vor dem Sozi Wolfgang Thierse kapitulieren. Zensur statt Trauer. Die vom französischen Komponisten ausgewählten Landserbriefe – unterdrückt. An ihrer Stelle hörte man Kriegsbriefe aus Kempowskis Echolot.

Die Reaktion des düpierten Komponisten? Lemeland sprach von Schamlosigkeit, Verhöhnung, Geschichtsklitterung, und er erschien nicht im Reichstag. Dafür saßen als Ehrengäste ukrainische, russische, weißrussische Veteranen, einige von ihnen konnten sich an die Gefallenenehrung 1999 in Wolgograd erinnern. Eine Ehrung mit der Aufführung der Lemeland-Sinfonie und der Verlesung deutscher Landserbriefe, aus denen Heimatliebe, Hoffnung, Schmerz, Opfersinn sprachen, und die Russen in Wolgograd waren ergriffen. Ein Herzens-Ja zur Versöhnung mit den Deutschen, auch wenn Sjuganows Altkommunisten und ordensbehängte Stalintreue seit dem ersten Spatenstich für den kombinierten deutsch-russischen Soldatenfriedhof Rokoschka Sturm laufen.

Auch das Intonieren des Liedes Ich hatt’ einen Kameraden in der Feierstunde erregte das Mißfallen des Spiegels, der Thiersepartei, der Nie-wieder-Deutschland-Grünen, hätte doch Goebbels das Lied am 3. Februar 1943 im Großdeutschen Rundfunk ertönen lassen, vor der Sondermeldung über den Endkampf der 6. Armee.

1944 besuchte de Gaulle das Schlachtfeld von Stalingrad. Beim Anblick der Ruinen rief der General aus: "Welch ein großes Volk!" Nachdem sein Dolmetscher, der spätere Diplomat Jean Laloy, diesen Satz übersetzt hatte, applaudierte die sowjetische Begleitung. De Gaulle bemerkte das Mißverständnis und korrigierte:

"Ich meine nicht die Russen, ich meine die Deutschen."

Jean Laloy unterließ es wohlweislich, die Worte des Generals ins Russische zu übersetzen. Heute würde eine russische Begleitung dem belegten Ausspruch des großen Franzosen zustimmen. Im russischen Deutschlandbild von heute hat die militärische wie menschliche Leistung des deutschen Soldaten ihren festen Platz. Das gilt nicht nur für die Geschichtsrevisionisten; sie vor allem aber erinnern an die Standfestigkeit und Opferbereitschaft, die Härte und den Todesmut der einstigen Eroberer und der später Geschlagenen. Die Tragödie der deutschen Stalingradkämpfer steht stellvertretend für ein ganzes Volk: Spricht man heute von "den" Deutschen, meint man das "Volk von Stalingrad". Das Volk der 6. Armee. Eine Legende, ein Mythos – und Mythen sterben nicht im Geschichtsbewußtsein der Russen. Die Tatsache, daß sich die soldatischen Tugenden der Wehrmacht mit dem Nationalsozialismus verbanden, schmälert nicht den Respekt der Russen für den früheren Gegner. Hitlers Kolonialpolitik und die Moral der Wehrmacht, diesen Gegensatz erlebten Millionen Russen als Augenzeugen im sowjetisch-deutschen Krieg.

Am 2. Februar 1943 hatten die ersten Sowjetsoldaten den Divisionsgefechtsstand der ostpreußischen 24. Panzerdivision im Nordkessel von Stalingrad erreicht. General von Lenski ließ seine überlebenden Panzergrenadiere zusammenkommen, Offiziere wie Mannschaften. Nach einem Abschiedswort erklang ein dreifaches Hurra auf Deutschland. Die Russen, schon in der Bunkertür stehend, ließen es schweigend geschehen. 53 Jahre später, am 8. Juni 1996, wurde im Wolgograder Steppenvorort Pestschanka ein Denkmal für "alle Opfer der Schlacht um Stalingrad" enthüllt, aufgestellt mit Unterstützung russischer Behörden und der Bevölkerung selbst. Das Denkmal erinnere an die Leiden der hier gefallenen Soldaten und gestorbenen Zivilisten, heißt es auf einer Inschrift in deutscher und russischer Sprache:

"Für die hier Gefallenen und in Gefangenschaft Verstorbenen erbitten wir den ewigen Frieden in russischer Erde."

Der Ausspruch des Franzosen bedarf der Berichtigung: Ein großes Volk... auch das russische Volk! Es hat sich mit seiner Tapferkeit und Standfestigkeit in die Geschichte der Wolga-Thermopylen eingemeißelt. Da wird in die Schlacht auf dem Höhepunkt der Septemberkämpfe (Tschuikow funkt an die Stawka: "Die Front ist nur noch 800 Meter von uns entfernt") die 13. Gardeschützendivision über den Strom gebracht. 14. September. Zehntausend Mann stark, unter dem Kommando von Generalmajor Rodimzew, schon an diesem Tag eine Legende, nach seinem Soldatentod aufgestiegen am Roten Himmel zum "Helden der Sowjetunion". Der russische Leonidas geht mit seinen Spartanern über den Fluß, nachts, mit Fischerbooten und primitiven Fähren. Ohne schwere Waffen. Rodimzews Garde verteidigt Stalingrad Mitte, den Mamai Kurgan. Ihr Opfergang kann Stalingrad in diesem September nicht retten. Achtundvierzig Stunden später ist die 13. Gardeschützendivision zusammengeschlagen. Tschuikow morst nach Moskau:

"Noch ein paar Tage solcher Kämpfe, und die 62. [sowjetische] Armee ist aufgerieben."

Für die 13. Gardeschützendivision steht kein Denkmal in Putins Metropole. Die letzten noch lebenden deutschen Stalingradkämpfer haben den Namen Rodimzew nicht vergessen.

© 20.11.2002

Die Wahrheit über die 6. Armee

"Die Wehrmacht war die beste Armee, im besonderen auf einem Gebiet: der Wertschätzung des Lebens des einfachen Soldaten."

So lautet das Urteil des russischen Zeitgeschichtlers Alexander Iwanow-Sucharewskij, Sohn eines Frontoffiziers und Helden der Sowjetunion. Die Wehrmacht sei eine "ehrbare Armee" gewesen, stellte Rudolf Augstein 1981 fest. Sein Urteil hat der Ostfront-Artillerist niemals revidiert. Kurz nach seinem Tode erscheint im Spiegel eine Titel-Story über die Schlacht von Stalingrad, verfaßt von Redaktionsmitglied Klaus Wiegrefe (51/2002). Aus Augsteins "ehrbarer Armee" ist eine Terroristenbande geworden. Die Menschen in Stalins Bauern- und Arbeiterparadies hätten den Vormarsch der Wehrmacht als "Hölle" erlebt, behauptet Wiegrefe, ein 68er. Beim Eindringen in Stalingrad sei es die Aufgabe der 6. Armee gewesen, die gesamte männliche Bevölkerung zu beseitigen, Frauen und Kinder zu deportieren. Der Spiegel-Redakteur beruft sich auf Heer & Reemtsma, wenn er von den "Verbrechen" der 6. Armee spricht. Die Stalingrader Juden hätten "einen Stern tragen müssen". Gefangene Rotarmisten seien "erschossen", im Kessel befindliche Zivilisten "massakriert" worden.

Stalingrad wurde im Herbst 1942 von der 6. Armee angegriffen und, bis auf einen Uferbezirk, von deutschen Truppen erobert. Bestand die Besatzungspolitik der 6. Armee tatsächlich nur aus "Verbrechen", wie Wiegrefe suggeriert? Zwei russische Historiker, renommierte Geschichtsprofessoren aus Wolgograd, unternahmen den Versuch einer wissenschaftlichen Beantwortung dieser Frage. Viktor Lomow ist dort Professor am Lehrstuhl für Theorie und Geschichte des Staates und des Rechts, der Zeithistoriker Alexander Epifanow war dort in der Glasnost-Ära Geschichtspädagoge für Untersuchungsrichter des damaligen sowjetischen Innenministeriums (MWD).

Anhand dokumentarischer Unterlagen aus ehemals geheimen NKWD-Archiven untersuchten die Professoren Epifanow und Lomow die Besatzungspolitik der Wehrmacht und das Verhalten der Zivilbevölkerung im Stalingrader Gebiet einschließlich Stalingrad, das von der 6. Armee im Sommer/Herbst 1942 erobert wurde. Ende August 1942 hatte die 6. Armee 16 Landbezirke des Stalingrader Gebietes und folgende Stadtviertel von Stalingrad besetzt: Traktorenwerk, Ermanwerk, Woroschilowsk, Roter Oktober, Rote Barrikade, Dserschinski.

In der Riesenregion zwischen Donez, Don und Wolga lebten damals 785.000 Menschen – Russen, Ukrainer, Kosaken. Die meisten waren nicht evakuiert worden. Was spielte sich in der Wehrmachts-Etappe ab? Repressalien ohne Ende? Brutale Unterdrückung? Geiselerschießungen? Brandschatzung? Zwangsverschickung? Militärischer Terror?

Keineswegs, meinen Epifanow und Lomow. Sie listen auf: Bürgermeister wurden in freier, direkter Wahl von den Dorfbewohnern bestimmt – ohne Einmischung der Wehrmacht. Komsomolzen, das heißt Jungkommunisten aus der Arbeiterjugend, verbrannten öffentlich ihre Mitgliedsbücher und meldeten sich freiwillig zum Dienst in der Wehrmacht oder der Hilfspolizei. Bauern und Kosaken nahmen die Auflösung der Kolchosen in die eigene Hand, indem sie den Boden unter sich aufteilten. Parteimitglieder arbeiteten mit den Deutschen zusammen und rückten in Selbstverwaltungsorgane auf. Junge Kosakenfrauen heirateten deutsche Offiziere. Gläubige der russisch-orthodoxen Kirche erhielten von der Wehrmacht ihre Gotteshäuser, Klöster, religiösen Schätze, sogar ihr Gemeindeeigentum zurück.

Und ihre Motive? Aus den Untersuchungsunterlagen der sowjetischen Geheimpolizei beziehungsweise des Volkskommissariats für Inneres (NKWD) kristallisieren sich folgende Hauptbeweggründe heraus: Der militante Haß auf den bauern- und arbeiterfeindlichen Kurs Stalins, der Wille zur Selbstbefreiung – mit Hilfe der Wehrmacht – und die Überzeugung von der Unbesiegbarkeit der deutschen Armee. Laut Epifanow und Lomow erkannte die Bevölkerungsmehrheit im Kommunismus einen permanenten Vernichtungskrieg gegen die eigene nationale und soziale Identität.

Insgesamt sechs Monate lang befanden sich 6. Armee und andere Wehrmachtseinheiten auf Stalingrader Gebiet. In dieser relativ kurzen Zeit gelang es den Deutschen, ein dichtes Netz von einheimischen Selbstverwaltungsorganen aufzubauen, besonders in den am Don gelegenen Kosakenbezirken. Zu den ersten Maßnahmen der deutschen Eroberer zählten die Abhaltung von Dorfversammlungen, auf denen die Dorfältesten gewählt wurden, die Aufstellung einer russischen Hilfspolizei, die Öffnung von Kirchen, die Wiederbelebung des religiösen Lebens mit Gottesdiensten, Taufen, Eheschließungen, Schulunterricht – und arbeitsfreien Sonntagen. In einigen ländlichen Bezirken duldete die Wehrmacht die Liquidierung der kommunistischen Staatsgüter und die Gründung privater Bauernbetriebe.

Welche Schichten waren vom ersten Tag der Besetzung an entschlossen, mit den Deutschen freiwillig zusammenzuarbeiten? Epifanow und Lomow nennen folgende Gruppen: Die von der Sowjetmacht enteigneten, diskriminierten Klein- und Mittelbauern; ehemalige Weißgardisten und ihre Nachkommen; die Kosakenschaft, den versuchten Genozid durch die Bolschewiki im Bürgerkrieg im Kollektivgedächtnis; bekennende gläubige Christen, vor allem Frauen und Priester; von der Stalinschen Verfolgung Betroffene, Terroropfer der dreißiger Jahre wie ehemalige GULag-Häftlinge; antistalinistisch ausgerichtete, aber keineswegs antisozialistische Jugendliche aus der Arbeiterklasse, auf einen wahren russischen Sozialismus hoffend.

Die russischen Historiker verschweigen nicht Partisanenerschießungen, Razzien sowie Verhaftungen von Juden und andere Strafaktionen. Für Diebstahl und Brandstiftung wurden Geldstrafen verhängt oder es erfolgte eine "zeitweilige Inhaftnahme". Trotz dieser Maßnahmen erfaßte die "Kollaborationsbereitschaft" auch die einstigen Träger des sowjetischen Regimes – Komsomolzen und Kommunisten, darunter altgediente Parteimitglieder. Epifanow stellt fest:

"Die deutschen Besatzer führten gegen die verbliebenen Kommunisten und Komsomolzen keine offenen Repressalien durch. […] Das NKWD mußte feststellen, daß die meisten von ihnen den Deutschen aktiv halfen."

Lomow zitiert aus einem geheimen Sonderbericht der NKWD-Leitung des wiedereroberten Stalingrader Gebietes vom 15. April 1943:

"Es ist beachtenswert, daß anstatt von Massenrepressalien die Deutschen gerade die Komsomolzen zu antisowjetischer Propaganda heranziehen."

Hervorgehoben wird das "große Ausmaß" der Zusammenarbeit zwischen proletarischer Komsomoljugend und Wehrmacht. Ausdrücklich heißt es, deutschfreundliches Benehmen und prodeutsche Haltung, im Privaten wie im Politischen, seien typisch gewesen bei den "meisten" Jugendlichen in den besetzten Bezirken Stalingrads und des Stalingrader Gebietes. Wörtlich heißt es im Geheimdossier des NKWD:

"Es wurde ein Sonderaufruf an die Jugendlichen gerichtet, freiwillig der deutschen Armee beizutreten. Als Ergebnis dieser Kampagne traten über 50 Jugendliche im Bezirk Kotelnikow in die deutsche Armee ein. […] In der Stadt Stalingrad befanden sich für Wach- und Konvoidienste Einheiten mit 800 ukrainischen Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 19 Jahren. […] Allein 30 Prozent der Komsomolzen, die auf dem besetzten Gebiet verblieben waren, arbeiteten in den Verwaltungsorganen, vorwiegend in den deutschen Kommandanturen, in Bezirks- und Dorfverwaltungen. […] und mehr als 50 Prozent aller Komsomolzen haben demonstrativ ihre Mitgliedsbücher verbrannt."

War die Wehrmacht im allgemeinen, die 6. Armee im speziellen eine "Vernichtungsmaschinerie"? Nein, sagen die beiden russischen Historiker. In der Einleitung zu Kapitel 8 schreiben Epifanow und Lomow:

"Die von der sowjetischen Propaganda verbreiteten Darstellungen des Besatzungsregimes der deutschen Wehrmacht, die nach ihrem tatsächlichen Charakter nichts mit Greueltaten und Verbrechen zu tun hatte, war eines der verlogensten Themen der traditionellen sowjetischen Geschichtsschreibung über den Zweiten Weltkrieg. […] Die Aufklärung hat nicht nur der historischen Wahrheit und der Objektivität zu dienen, sondern auch der moralischen Befreiung von den negativen Erscheinungen, die unter den Bedingungen des Stalinschen Totalitarismus hervortraten."

Bleibt festzuhalten: Im Fall Stalingrad und 6. Armee ist Der Spiegel der Geschichtsfälschung überführt. Enthalten sind die Aussagen von Epifanow und Lomow in dem Werk Die Tragödie der deutschen Kriegsgefangenen in Stalingrad von 1942 bis 1956 nach russischen Dokumenten, herausgegeben 1996 vom Biblio-Verlag, Osnabrück. Augsteins Magazin hat das Buch boykottiert, weder erwähnt noch besprochen.

© 20./23.12.2002

Stalingrader Schlacht – ein Riß durch das russische Volk

Zehn der zwölf riesigen Rüstungsbetriebe stehen still, darunter das mit Hilfe von Ford in den zwanziger Jahren errichtete Traktorenwerk. Gerade noch vor dem Verfall gerettet die 8.000 Tonnen schwere Rodina Matj, die Mutter Heimat, das Schwert in der Rechten erhoben, die Linke nach Westen zeigend, mit 85 Metern höher als die amerikanische Freiheitsstatue, mit Rissen und Klüften nicht nur im Fundament. Die Rede ist vom bröckelnden Giganten auf dem Mamajew-Hügel vor Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad.

In dieser von Fabriksterben, Arbeitslosigkeit, Bettlertum, Jugendabwanderung heimgesuchten Stadt – bis 1925 Zaryzin – regieren die harten Reststalinisten, die letzten Treuen aus der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation (KPRF). Sie stellen auch drei Viertel im Gebietsparlament. Der nichtkommunistische Gouverneur ist von ihnen abhängig; kein Wunder, daß dieser Satellit die Rückbenennung der Stadt in Stalingrad fordert.

Nur wenige Meter neben dem Stalingrad-Museum steht am Wolgaufer ein Stein, der 1993 aufgestellt wurde. "Hier wird ein Denkmal für die Opfer der politischen Verfolgungen errichtet", ist darauf geschrieben. Gemeint sind die 66 oder 67 Millionen, die der Bolschewismus zu Staub zermahlen hat. Seitdem ist nichts passiert. Der Stein – mit Staub bedeckt, aus dem Stadtbild verbannt, vergessen.

Als in der Chruschtschow-Ära die Zwangsarbeitslager ihre Tore öffneten, machte das Wort der Dichterin Anna Achmatowa die Runde, daß sich nun zwei Rußlands in die Augen schauen würden: das Rußland, das im Archipel GULag gesessen habe, und jenes, das die Gefangenen in die Hölle eskortiert habe. Aber dazu ist es seit dem Umsturz von 1991 nicht gekommen. Man hat sich nicht in die Augen geschaut. Die einen sagen: Es war noch schlimmer. Die anderen sagen: Es gab den Schrecken nicht.

Vor kurzem hat man riesige Massengräber in der Umgebung von Sankt Petersburg entdeckt. Gebeine von Menschen, die zum Zeitpunkt ihres Todes zwischen fünfzehn und siebzig Jahre alt gewesen sind. Alle Schädel hatten auf der Rückseite ein Loch, entstanden durch einen Schuß aus Revolvern mit dem Kaliber von neun und 11,43 Millimetern. Diese Waffen hatten GPU beziehungsweise NKWD in den zwanziger und dreißiger Jahren benutzt. In der Großen Tschistka erschoß die Geheimpolizei ca. zwei Millionen Menschen. Auf dem Petersburger Dreifaltigkeitsplatz wurde 1990 eine Tafel angebracht, daß an dieser Stelle ein Denkmal für die Opfer des Terrors entstehen solle. Mehr als zehn Jahre lang tat die Stadt nichts, um diese Ankündigung wahr zu machen; in dieser Zeit war ein gewisser Putin die rechte Hand von Oberbürgermeister Sobtschak. Ehemalige politische Häftlinge brachten daraufhin 2002 mit einem Schiff einen zehn Tonnen schweren Stein von der Insel Solowki, dem Geburtsort des GULag, nach Petersburg. Sie stellten ihn auf dem Platz auf als Geschenk der GULag-Überlebenden an die Stadt Puschkins, Dostojewskijs, Achmatowas.

Die allermeisten Wolgograder lehnen die Rückbenennung ihrer Stadt kategorisch ab. Vor allem die junge russische Generation will mit einer Re-Stalingradisierung nichts zu tun haben. Sowjetveteranen würde man seitens der Jugend "höhnisch" die Frage stellen: "Sa tschto borolis?", klagt der "Held der Sowjetunion" und Literaturfunktionär Wladimir Karpow. "Wofür habt ihr eigentlich gekämpft?" (Literaturnaja Gaseta vom 18. Dezember 2002)

"Eine Wiederkehr des Namens Stalingrad würde Befürchtungen wecken", sagte Putin im Fernsehen. Am 2. Februar in Wolgograd relativierte der Präsident seine Aussage; er selbst habe nichts gegen den Namen "Stalingrad", doch könnte eine Rückbenennung im Ausland als ein Signal der Rückkehr zum Stalinismus mißverstanden werden.

Ob Wolgograd oder Stalingrad, die Bühne Stalinscher Gigantomanie, der Riß bleibt. Ein Riß mitten durch die Kriegserinnerung, das Geschichtsgedächtnis, die Nationalidentität der Russen.

Seit Monaten rollt eine Stalingradwelle über Fernseh-, Funk- und Pressehäuser hierzulande. In Knopps Stalingradserie, ausgestrahlt vom ZDF, kamen sowjetische Augenzeugen en masse zu Wort. Stalingrader Veteranen mit Ordensteppichen vor Brust und Bauch. Unschwer zu erraten war ihre Zugehörigkeit zur Kommunistischen Partei der Russischen Föderation, ihre Stalinliebe. Kommentarlos ließ Guido Knopp unfaßbare Haßergüsse dieser angeblichen Frontkämpfer auf das deutsche Publikum niederrieseln. Die Soldaten der 6. Armee – Tötungsmaschinen, ohne Gefühl, Bestien, "der Deutsche war kein Mensch".

Zur gleichen Zeit flimmerten auch russische Filme über Moskauer TV-Kanäle, doch war kein Streifen durchtränkt von so viel Deutschfeindlichkeit wie das Produkt eines Knopp.

Vom "Mythos Stalingrad" spricht der Historiker und Kriegsschriftsteller Wladimir Beschanow, berühmt geworden durch mehrere Bestseller, darunter Panzerpogrom 1941. Beschanow zerpflückt die Tabus und Legenden der sowjetischen Stalingrad-Historiographie. Ihn konnten die russischen Massenmedien in den "Siegesfeiern"-Wochen heuer nicht übergehen. Das spektakulärste Interview gab Beschanow der Zeitschrift Argumenti i Fakti, 4/2003. "Sensation! Wahrheit und Lüge über die Stalingradschlacht", schlagzeilte Rußlands auflagenstärkstes Wochenblatt. Ein Zwischentitel lautet: "Sieg an der Wolga mit anderthalb Millionen Rotarmistenleichen erkauft".

Im von politischer Korrektheit ungezähmten Rußland erklärt Beschanow:

"Wir Russen sind nicht mit der Geschichte des Krieges erzogen worden, sondern mit Mythen über den Krieg. Wir sind Gefangene der Mythen. Wie konnte es eigentlich geschehen, daß die Deutschen uns im zweiten Kriegsjahr bis zur Wolga trieben? Nach der Moskauer Winterschlacht befand sich Stalin wie im Rausch, voller Euphorie wollte er jetzt angreifen, er sah sich schon als Sieger auf dem europäischen Schlachtfeld. Am 28. Juni 1942 setzten die Deutschen ihren Vormarsch fort, und nach nur zwei Wochen war Stalins Südwestfront vernichtet. Dabei waren die siegreichen Deutschen zahlenmäßig weit unterlegen. Im Juni kämpften 270.000 Deutsche mit 400 Panzern gegen 540.000 Rotarmisten, die 1.000 Panzer besaßen."

Dem Mythenbollwerk sowjetischer Historiker versetzt Beschanow einen Schlag, wenn er feststellt, daß die Sowjetarmee mit fünffacher Übermacht die Stadt verteidigte. Gestürmt wurde Stalingrad von drei deutschen Divisionen mit 200 Panzern, während den Verteidigern 20 Divisionen zur Verfügung standen, deren Panzerzahl dreimal höher war. Beschanow sardonisch:

"Womit abermals jene makabre sowjetische Gesetzmäßigkeit in Sachen Strategie zur Geltung kam: je höher unsere materielle Überlegenheit, desto höher unsere personellen Verluste!"

Schreckliche Verluste auch bei der Zivilbevölkerung. Männer, Frauen, Kinder durften Stalingrad nicht verlassen. Als am 22. September der deutsche Vorstoß zum Wolgaufer das sowjetische Verteidigungsgebiet spaltete, befanden sich in der zerbombten Stadt noch 200 000 Zivilisten. Suppe aus Gulaschkanonen der eigenen Armee bekamen die Eingeschlossenen nicht. Zum Tode verurteilt durch Hunger, Seuchen. Stalins "Vernichtungskrieg gegen das eigene Volk", um ein Wort Solschenizyns zu gebrauchen. Statt Brot bekamen die Hungernden einen Malenkow (aber er blieb auf dem Ostufer!). Dieser Massenmörder, an dessen Händen das Blut der Großen Tschistka klebte, drohte den Stalingrader Parteifunktionären mit dem Erschießen, weil sie den Druck der Stalingrader Prawda eingestellt hatten. "Zu diesem Zeitpunkt", sagt Beschanow, "befand sich die Mehrheit der Bolschewiki aus Partei, Polizei, Militär auf der anderen Seite der Wolga. Geflohen."

Stalins Stalingrad-Generälen bescheinigt der Experte Beschanow mangelnde Professionalität, fehlendes strategisches Denken und eine bodenlose Menschenverachtung bezüglich der eigenen Soldaten. Anstatt wochenlange blutige Straßenkämpfe bei der Wiedereroberung einer Trümmerwüste zu führen, hätte man die Zange um die millionenstarken Wehrmachtskräfte im Kaukasus schließen müssen. "Dafür wären auf unserer Seite Strategie-Denken und elementare Generalstabskultur nötig gewesen. Davon war bei unseren "Napoleons" nichts zu entdecken", urteilt Beschanow.

Vernichtend sein Urteil über Schukow. Nach dem Kriege behauptete dieser, er und Marschall Wassilewskij seien die Erfinder des Siegesplanes "Stalingrad" gewesen. In Wirklichkeit sei Schukows Rolle in der Stalingrader Schlacht nichts Herausragendes gewesen, behauptet Beschanow. Erst Anfang 1943 habe Schukow den Oberbefehl über die Südfront übernommen. Schukows Auftrag sei es gewesen, 1942 den Eckpfeiler Rschew, nordwestlich von Moskau, den Deutschen zu entreißen, die deutsche Heeresgruppe Mitte zu zerschmettern, ins Baltikum vorzustoßen. Für diese kriegsentscheidende Großoffensive habe Schukow 1,9 Millionen Rotarmisten ins deutsche Feuer gejagt, dennoch die Schlacht verloren.

"Die Stoßarmeen der Westfront und der Kalinin-Front wurden eingekesselt, aufgerieben, zurück blieben an der Wolga bei Rschew eine halbe Million Soldatenleichen und 1850 Panzerwracks. Rschew aber befand sich immer noch in deutscher Hand."

So Beschanow. Ironisch, ja fast zynisch seine Schlußbemerkung:

"Nach dem Kriege gaben die deutschen Feldherren als Gründe für die Niederlage im Osten an: Hitlers Wahnsinn, materielles Übergewicht des Gegners, der russische Winter. Doch keiner von ihnen schrieb in seinen Memoiren, deutsche Generäle hätten nichts von Truppenführung, Kriegskunst, Strategie verstanden."

Daß die Verteidigung von Stalingrad im September und Oktober 1942 trotz Stalin, Stawka, Generalität nicht mit einer Niederlage endete, bezeichnet Beschanow als "tschudo" – ein Wunder, und dieses Wort schließt all die Eigenschaften ein, die man dem russischen Menschen nach 25 Jahren seelischer und physischer Vergewaltigung nicht mehr zugetraut hatte: Härte, Stehvermögen, Tapferkeit, Hingabebereitschaft, Todesverachtung.

Erst seit dem Untergang der UdSSR und der Entmachtung der KPdSU wagen russische Kriegsforscher die Frage zu stellen, um welchen Preis die Kapitulation der dreiviertelverhungerten Paulus-Soldaten errungen wurde. Die Verluste der Stalinschen Wehrmacht waren größer als die der Wehrmacht Hitlers. Tag für Tag verlor die Rote Armee 2500 Mann. "Die gigantischen Opfer auf unserer Seite haben dazu geführt, daß wir aufgehört haben, das Leben jedes einzelnen Menschen zu achten", klagt Boris Usik, Direktor des Kriegsmuseums in Wolgograd, ein prominenter Militärhistoriker und, was schwerer wiegt, ein unkonventioneller Geschichtsrevisionist.

Nein, der Bestsellerautor und Mythenzertrümmerer Beschanow ist kein Einzelfall.

Tote, Verwundete, Vermißte, Exekutierte auf sowjetischer Seite kamen in sowjetischen Lexika nicht vor. Aufgelistet wird heute, daß 707.000 Sowjetarmisten die Medaille "Für die Verteidigung Stalingrads" erhielten, mehr als 100 den Titel "Held der Sowjetunion".

Erbarmungslos trieben Politkommissare und NKWD-Offiziere Welle auf Welle zum Angriff. Wer zurückwich, wurde erschossen. Etwa 12.000 Rotarmisten, eine ganze Division, fielen in Stalingrad den Pistolen der hinteren Frontlinie zum Opfer. Putin am 2. Februar in Wolgograd:

"Die Russen werden immer stolz sein auf die Landsleute, die diesen Sieg errungen haben."

Die Gebrechlichen, Kranken, an die Matratze gefesselten Stalingradveteranen erhielten am "Siegestag" (Djen Pobjedi) eine Flasche Wodka, eine Schachtel Zigaretten und eine Tabakdose.

Über die Zahl der Gefallenen auf sowjetischer Seite gibt es widersprüchliche Angaben. Die Rede ist von einer halben Million Soldaten. In der ersten Phase der Schlacht, bei der Verteidigung Stalingrads, sollen laut Sokolow 320.000 Rotarmisten gefallen sein. Der Historiker Boris Sokolow, ein promovierter Philosoph, ist Professor an der Akademie für Slawische Kultur, Autor einer Schukow-Biographie. Sokolow zählt zu den Co-Autoren des 1995 in Moskau erschienenen Sammelbandes Plante Stalin einen Angriffskrieg gegen Hitler? Der schon erwähnte Kriegshistoriker Boris Usik rechnet alle gefallenen Soldaten und Zivilisten, sowie die Vermißten zusammen zu der Zahl von 2,6 Millionen Toten auf sowjetischer Seite. Heute fehle das Geld, klagt Usik, um auf den Schlachtfeldern nach den Knochen von 200.000 vermißten Sowjetsoldaten zu suchen.

Eine andere Frage ist von russischen Revisionisten wie Antirevisionisten bis heute ohne Antwort geblieben. Die Verteidiger von Stalingrad im Schicksalsmonat September, haben sie nur diese Stadt verteidigt, nicht auch Kolyma, Norylsk, Karaganda, Workuta, das Moskau der Lubjanka und Butyrka? Aus historischem Rückblick fällt die Antwort eindeutig aus: Ja. Die Mutigen und die Harten von Stalingrad verteidigten den GULag (womit sie die eigenen Ketten härteten, wie Solschenizyn 1994 feststellte.) Der russische Jude Lew Kopelew, ehemaliger Lagerhäftling und ein Mitkämpfer Solschenizyns, der GULag-Zeuge Kopelew äußerte einmal in einem Vergleich Stalin und Hitler, was sich von 1935 bis 1941 in der Sowjetunion abgespielt habe, sei "selbst mit den gräßlichsten Ereignissen der Weltgeschichte einmalig, grausam und sinnlos."

Und die Zahl der deutschen Kriegsgefangenen nach dem 2. Februar 1943? In Knopps ZDF-Film am 14. Januar 2003 ist von Hunderttausend die Rede, doch ist das eine sowjetische Legende, denn in Wirklichkeit sind etwa 200.000 Deutsche in Gefangenschaft geraten. Da hingegen nur 5.000 Stalingradkämpfer zurückkehrten, müssen 195.000 im Soldatengulag gestorben sein. Die Richtigstellung der Zahlen stammt vom Historiker Generalleutnant a. D. Franz Uhle-Wettler (Höhe- und Wendepunkte deutscher Militärgeschichte). Bis 1945 waren Hunger, Kälte, Folter, Erschießung, Seuchen die üblichen Tötungsmethoden.

Stundenlang nackt in eisiger Kälte stehen, dann unter das Wasser, dann wieder stundenlang nackt in der Kälte zum Trocknen. Gefangenenausmerzung.

In einem Spiegel-Interview erwähnte der Historiker Wehler "russische Publizisten", die, angesprochen auf den angloamerikanischen Bombenterror, "mit Recht" erwidern, im Vergleich "mit dem, was ihr bei uns angerichtet habt, ist euer Blutzoll ja trotz allem nicht so extrem gewesen" (2/2003). Wehler verheimlicht nicht, daß er den Standpunkt dieser "russischen Publizisten" teilt. Kurz zuvor war in der FAZ (28.12.2002) ein Essay von Iring Fetscher erschienen, "Erinnerungen eines Wehrmachtsinfanteristen von 1941". Iring Fetscher marschierte durch ukrainische Dörfer:

"Jedenfalls wurde ich – zusammen mit meinen Begleitern – in allen Dörfern freudig als ‘Befreier vom Bolschewismus’ begrüßt. Die Bevölkerung […] glaubte fest an die befreiende Absicht der deutschen Wehrmacht. Oft wurden mir nicht nur gute Pferde zum Kauf angeboten, sondern auch Geschenke – meist Weißbrot, Honig und Allasch, ein süßes alkoholisches Getränk – für meine Einheit mitgegeben. In einigen Dörfern zogen wir unter Girlanden mit Begrüßungslosungen für die Deutschen ein."

Nach dem Krieg machte Prof. Dr. Iring Fetscher (SPD) eine internationale Karriere als Marxismusforscher.

© 10./12.2.2003


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 8(2) (2004), S. 188-193.


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