Nachrufe

James J. Martin: Das Scheiden eines großen Historikers

Von Mark Weber

Einer der prominentesten und einflußreichsten amerikanischen revisionistischen Historiker, James Joseph Martin, ist verstorben. Er war 87 Jahre alt, als er am 4. April 2004 in seinem Haus in Colorado Springs verstarb.

James Martin war ein außergewöhnlich scharfsichtiger und produktiver Historiker mit einem eindrucksvollen Gedächtnis und einem skeptischen Blick. Während der intellektuell kargen 1950er, 60er und 70er Jahre war er einer der wenigen amerikanischen Wissenschaftler, die die Flamme der authentischen, unabhängigen Geschichtsschreibung aufrecht erhielten. Er hatte die hervorragenden revisionistischen Wissenschaftler jener Epoche persönlich gekannt, einschließlich Harry Elmer Barnes, Charles Tansill und Francis Nielson.

Martin wurde am 18. September 1916 geboren. Nach Abschluß eines Studienganges an der Universität von New Hampshire im Jahre 1942 studierte er an der Universität von Michigan, wo er 1945 sein Staatsexamen und 1949 seine Dissertation abschloß.

Seine 25 Jahre währende Lehrtätigkeit umfassen Lehrstühle an der Universität von Northern Illinois (DeKalb), am San Francisco State College, Deep Springs College und am Rampart College.

Womöglich das großartigste von Dr. Martins wissenschaftlichen Werken ist American Liberalism and World Politics, 1931-1941, ein 1964 von Devin Adair verlegter zweibändiger Klassiker, der die Wandlung der linken Auffassung von Frieden und Neutralität hin zu Intervention und Krieg in den 1930er Jahren dokumentiert. Harry Elmer Barnes nannte dieses Werk "das vorzüglichste Ergebnis des Revisionismus des Zweiten Weltkrieges." Der Journalist und Lehrer Clyde R. Miller lobte es als "womöglich der umfangreichste Beitrag zur Untersuchung von Journalismus und politischer Propaganda des zwanzigsten Jahrhunderts" sowie "ein Meisterstück an Forschung, Organisation und eindrucksvoller Darlegung."

Martin verfaßte zudem das Buch Men Against the State: The Expositors of Individualist Anarchism in America (Männer gegen den Staat: Die Deuter des individualistischen Anarchismus in Amerika), das erstmals 1953 erschien und 1957 sowie 1970 wiederaufgelegt wurde. Sein 360 Seiten umfassendes Buch The Man Who Invented Genocide: The Public Career and Consequences of Raphael Lemkin (Der Mann, der den Völkermord erfand. Öffentliche Karriere und Auswirkungen von Raphael Lemkin) wurde 1984 vom Institute for Historical Review verlegt. Sein letztes Werk, An American Adventure in Bookburning in the Style of 1918 (Ein amerikanisches Bücherverbrennungs-Erlebnis im Stile des Jahres 1918), erschien 1989.

Martin war zudem der Autor verschiedener Beiträge, die in einem Sammelwerk zusammengefaßt wurden: Revisionist Viewpoints: Essays in a Dissident Historical Tradition, 1971 und erneut 1977 verlegt; The Saga of Hog Island and Other Essays in Inconvenient History erschien 1977; Beyond Pearl Harbor: Essays on Some Consequences of the Crisis in the Pacific in 1941 wurde 1983 verlegt. Martin verfaßte etwa 200 Artikel, Rezensionen und Beiträge, die in Dutzenden von Periodika erschienen. Er trug auch zur Encyclopaedia Britannica bei sowie dreimal zum Dictionary of American Biography.

Über viele Jahre lektorierte er Bücher und Broschüren für den kleinen Verlag "Ralph Myles", der sich auf die Werke revisionistischer Historiker und libertärer Denker spezialisiert hatte. Sein Bücherbestand wurde vor einiger Zeit von Noontide Press erworben, einer Tochtergesellschaft des Institute for Historical Review (IHR), das die im Myles-Verlag erschienenen Bücher nun vertreibt.

James Martin war ein Freund und Unterstützer des IHR. Er hielt bei der ersten Konferenz des IHR im Jahre 1979 Vorträge sowie auch bei der 2. bis 5. und 11. Konferenz.

Bis zu seinem Tode war er als Berater der Zeitschrift des IHR, Journal of Historical Review, aufgeführt, in dessen Ausgaben mehrere seiner Beiträge und Rezensionen erschienen.

Er war verheiratet, hinterließ aber keine Kinder.

Ich werde mich noch lange mit Dankbarkeit an James Martin erinnern, nicht nur weil er einen wichtigen Einfluß auf mein Leben und meine Ansichten hatte, sondern auch als Freund und als Kollege über 20 Jahre hinweg. Er hieß mich wiederholt in seinem bescheidenen Haus willkommen, und ich bin froh, bis zum Ende seines Lebens mit ihm per Brief und Telefon in Kontakt geblieben zu sein.

James hatte wenig Geduld für Ignoranz oder Dummheit und war manchmal brüsk und rauh. Aber hinter dieser brüsken Fassade befand sich ein großartiger Intellekt, ein mutiger Geist und ein großzügige Herz.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 8(2) (2004), S. 232f.


Zurück zum Inhaltsverzeichnis