Major Reder, Gefangener antideutschen Hasses

Von Zoltán Bruckner

Walter Reder nach seiner Freilassung

Vor 20 Jahren, am 24. Januar 1985 wurde in Italien der letzte deutsche Kriegsgefangene des Zweiten Weltkrieges entlassen. Er war seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, also fast 40 Jahre lang, in Gefangenschaft gehalten worden – verurteilt wegen eines Massakers, das nie stattgefunden hat. Hier sind die wichtigsten Stationen seines Lebens, die zu seinem Schicksal wurden.

Walter Reder wurde am 4. Februar 1915 in Freiwaldau in Schlesien geboren das damals österreichisch war. Am Kriegsende, als dieser Teil Schlesiens dem neugeschaffenen Vielvölkerstaat Tschechoslowakei zugeschlagen wurde, (der dann 70 Jahre später wieder von selbst zerfiel) übersiedelte die Familie nach Rest-Österreich. Walter Reder besuchte die Grundschule und das Realgymnasium in Wien und Steyr (Niederösterreich) und absolvierte danach die Handelshochschule in Linz. In seiner Einstellung deutschnational, entschied er sich mit 19 Jahren zum Soldatenberuf. 1934 ließ er sich als Offiziersanwärter beim Waffen-SS-Regiment „Deutschland“ in München anwerben. Er war Nationalsozialist und bekannte sich immer zu dieser Ideologie. 1936 wurde er Untersturmführer (entsprechend dem Dienstgrad Leutnant) der Waffen-SS.

Frontoffizier seit dem ersten Tag des Krieges

Am 1. September brach der Krieg aus, der später zum Zweiten Weltkrieg wurde. Reder war vom ersten Tag als Frontoffizier dabei. Er kämpfte in Polen, in Frankreich und in Rußland, überall in der ersten Linie. Er zeichnete sich durch persönliche Tapferkeit und durch Führungseigenschaften aus, bekam immer höhere Aufgaben: Kompanie- und Bataillonskommandant; wurde zum Obersturmführer und dann Hauptsturmführer der Waffen-SS befördert (Oberleutnant, bzw. Hauptmann), und mit dem EK II. und EK I. sowie dem Deutschen Kreuz in Gold ausgezeichnet. Diese Orden bekam er nicht umsonst. Er wurde mehrere Male verwundet: ein Gewehrschuß durchbohrte ihm den Hals, sein Knie wurde beschädigt. Im Februar 1943 nahm er als Kommandant eines Panzerbataillons in der Schlacht um Charkow teil. Die Schlacht führte zur (zeitweiligen) Zurückeroberung von Charkow, vielleicht der größte Sieg der sich zurückziehenden deutschen Armee in Rußland. Über diesen Sieg erfuhr er jedoch erst, als er im Lazarettbett erwachte. Sein linker

Unterarm wurde amputiert, seine rechte Hand war radial gelähmt. Er wurde bis zum Ende des Jahres im Krankenhaus gepflegt. Mit seinen Verdiensten und Kriegsschäden hätte er leicht einen Dienst in einem Stab bekommen, aber er meldete sich wieder zum Frontdienst zurück. Sein nächster Einsatz war als Kommandant der 16. Panzer-Aufklärungsabteilung der 16. SS-Panzer-Grenadier-Division in Jugoslawien. Am 1. Januar 1944 wurde er zum Sturmbannführer der Waffen-SS (Major) befördert. Im März des gleichen Jahres wurde die Einheit nach Wiener Neustadt verlegt, und am 19. März folgte der Einmarsch in Ungarn, der den Abfall dieses Landes, des letzten Verbündeten Deutschlands im Schlußkampf gegen die Sowjetunion, verhinderte. (Als Kuriosum kann genannt werden, daß die Okkupation Ungarns – Dank des mutigen und diplomatischen Auftritts von Otto Skorzeny bei der Besetzung des Regierungsviertels in Budapest – nur ein einziges Menschenleben kostete: ein hitzköpfiger Leutnant, der trotz ausdrücklichem Befehl des Reichsverwesers Horthy Widerstand leistete, wurde von deutschen Soldaten erschossen.) In Mai, nach zwei oder drei Wochen Ausbildungskurs kam Major Reder zu seiner Einheit, der Pz.Aufkl.Abt. 16 zurück, die damals schon nach Italien verlegt war.

Die Rückkehr der Mafia

Die Alliierten landeten am 10. Juli 1943 auf Sizilien. Schon bei der aller ersten Landungswelle hatten sie italienische Mafiabosse mit dabei, die in den dreißiger Jahren, als Mussolini das Land vom organisierten Verbrechertum gesäubert hatte, aus Italien geflüchtet waren und sich in den USA niederlassen hatten. Sie sollten jetzt den Alliierten mit der Organisierung der Unterwelt gegen die Faschisten und ihren deutschen Verbündeten helfen. (Wie gut sie sich organisieren konnten, das können wir noch in unseren Tagen bezeugen.)

Erbärmlicher König

Am 25. Juli tritt Mussolini nach einem Mißtrauensvotum in der eigenen faschistischen Partei zurück. Er bat König Victor Emanuel um eine Abschiedsaudienz. Der König empfing ihn, dankte ihm mit überschwänglicher Freundlichkeit, für seinen Einsatz, umarmte ihn zum Abschied – und ließ ihn beim Verlassen des Audienzsaales verhaften.

Verräter Badoglio

Der Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Marschall Badoglio folgte ihm als Ministerpräsident. Badoglio versicherte dem Oberkommandierenden der deutschen Streitkräfte in Italien, daß sein Land seine Verpflichtungen gegenüber den Verbündeten einhalte. Das war dessen Bedingung, um die Ernennung, die übrigens für ihn „ganz überraschend“ kam(!), zu akzeptieren! (Aber der deutsche Abhördienst – Görings „Forschungsamt“ – hat schon am 29 Juli ein Telefongespräch zwischen Churchill und Roosevelt abgehört, aus welchem offenbar hervorging, daß Badoglio seit längerer Zeit mit dem alliierten Oberkommando in Kontakt war.) Die erste alliierte Landung auf dem italienischen Festland erfolgte am 3. September bei Reggio del Calabria. Die nächste folgte am 8. September im Golf von Santa Eufemia. Am 9. September wurde die Kapitulation Italiens bekanntgegeben. (In Wirklichkeit haben Badoglio und Eisenhower zwischen dem 31. August und dem 3. September in dessen Hauptquartier auf Sizilien verhandelt.) Am gleichen Tag, dem 9. September geschah eine neue Landung bei Salerno, weit hinter dem Rücken der deutschen Streitkräfte. Es hat sich gezeigt, daß Badoglios Stab bei den Verhandlungen auf Sizilien den Amerikanern den Plan über die Minensperren und die minenfreien Seefahrtswege im Golf von Salerno überreicht hatte. (Man kann an Hitlers Worte denken: „Hast du die Italiener als Verbündete, brauchst du keine anderen Feinde!“) Badoglios erste Handlung nach Bekanntgabe der Kapitulation war, daß er aus seiner sicheren Stellung im Schutz der Alliierten die Italiener durch Sendungen im Radio Brindisi aufforderte, „alle Deutschen, die sie erreichen können, wo und wann immer sich dazu Gelegenheit bietet, schonungslos zu ermorden!“

Skorzenys Coup

Mussolini wurde nach seiner Verhaftung „an unbekanntem Ort“ verwahrt, und die Verstecke wurden mehrmals gewechselt. Schließlich wurde er doch, bewacht von ungefähr 200 Carabinieris, in einem Berghotel in 2000 Meter Höhe unter dem 2914 Meter hohen Gipfel des Gran Sasso (bei L’Aquila, etwa 100 Kilometer nordöstlich von Rom) aufgespürt. Er wurde dann am 12. September von dem schon erwähnten Otto Skorzeny befreit, der dieses Husarenstück geplant und mit Hilfe seiner Fallschirmsoldaten auf 12 Lastenseglern der Typs DSF 230 durchgeführt – letztere wurden von dreimotorigen Ju 52 herangeschleppt und in großer Entfernung ausgeklinkt, um den Berg in lautlosem Gleitflug zu erreichen. Der Duce wurde mit Skorzeny zusammen vom Plateau vor dem Hotel aus mit einem Fieseler Storch 156 nach Rom geflogen, die Fallschirmsoldaten verließen den Berg mit der Seilbahn. Mussolini wurde dann im April 1945 bei Menaggio am Como-See, nahe der schweizerischen Grenze, von kommunistischen Partisanen unter Führung eines britischen Majors ermordet. Seine Leiche wurde bei einer Tankstelle an den Füßen aufgehängt, durch ein paar hundert MP-Schüsse durchlöchert, und tagelang der allgemeinen Betrachtung überlassen.

Heimtücke

Badoglios Mordaufrufe trugen Früchte. Während die Alliierten unter vollständiger Luft- und Seeüberlegenheit gegen harten deutschen Widerstand sich langsam den italienischen „Stiefel“ hinaufkämpften, formten sich überall in den Bergen hinter den deutschen Linien anfangs kleine, später immer größere Partisanengruppen, die – von den Alliierten großzügig mit Waffen und Kommunikationsmitteln versorgt – Brücken und Fahrzeuge sprengten (sie schonten nicht einmal Sanitätsfahrzeuge) und einsame oder in kleineren Gruppen patrouillierende Soldaten aus dem Hinterhalt ermordeten, über Polizeistationen herfielen usw. Nicht einmal vor ihren eigenen Landsleuten machten sie Halt. „Carabinieris“ (italienische Polizisten) waren für sie genauso „legitime“ Ziele, wie Zivilisten, die sich weigerten, mit ihnen zusammenzuarbeiten und sie mit Informationen und Lebensmitteln zu versorgen, oder die einfach zur falschen Zeit am falschen Ort waren, so daß sie sich gefährdet fühlten. Den offenen Kampf vermieden sie konsequent. Uniform trugen sie nicht – außer bei Gelegenheit Uniformen der Deutschen Wehrmacht oder der faschistischen Miliz, die sie den ermordeten Opfern abnahmen. Wurden sie von überlegenen Truppen bedrängt, versteckten sie ihre Waffen und verwandelten sich in friedliche Schafhirten oder Dorfbewohner. Die Führungskader und ein Teil der Mannschaft waren Kommunisten, der Rest gewöhnlicher Abschaum und Kriminelle.

Die Frontlage

So war die Lage, als Major Reder in Italien eintraf. Dort hatten die Deutschen von Küste zu Küste eine stark befestigte Linie – die sogenannte Gotenlinie – ausgebaut. Es galt zu verhindern, daß die Alliierten die Po-Ebene vor dem Winter 1944–45 erreichen könnten. Major Reders Pz.A.A. 16 befand sich von September bis Dezember im mittleren Sektor der Gotenlinie. Dort verliefen zwei parallele Eisenbahnlinien sowie zwei kurvenreiche Bergstraßen von Bologna im Norden bis Pistoia bzw. Prato und weiter nach Florenz im Süden; die lebenswichtig für die Versorgung des ganzen mittleren Sektors waren. Die westliche Linie folgt dem Tal des Reno, die östliche dem Tal der Setta. Die beiden Flüsse vereinigen sich etwa 20 Kilometer südlich von Bologna.

Die Partisanen und ihr selbsternannter Major

Und genau an diesem Bergrücken operierte eine kommunistische Guerillagruppe unter der Leitung eines ehemaligen Feldwebels der italienischen Armee: Mario Musolesi. Er beförderte sich selbst zum Major, nannte sich „Il lupo“ – der Wolf. Unter diesem Namen „Major Lupo“ ist er auch berühmt und berüchtigt geworden. Bis September 1944 sammelte er etwa 2000 „Widerstandskämpfer“ um sich: Kommunisten, Brigantis, Ausgestoßene der Gesellschaft, und sonstigen Abschaum. Die nahegelegene Großstadt Bologna war fruchtbarer Boden für solche Elemente, außerdem – oder gerade darum – eine Hauptfeste des Kommunismus in Italien. – Um ehrlich zu sein, muß man sagen: Es gab auch gewöhnliche arme Bauern unter Musolesis Partisanen, er war nämlich nicht sehr wählerisch mit seinen Rekrutierungsmethoden! Er zwang die Bauern zur Zusammenarbeit, wenigstens zu Aufklärungs- und Versorgungsdiensten. Und wenn jemand diese Dienste verweigerte, dann hatte der Betreffende gewöhnlich nicht sehr lange Zeit, um seine Weigerung zu bedauern. Aus dem selben Grund ist auch die Zahl der Untergebenen von Major Lupos sehr unsicher. Die genannte Zahl 2000 bildet die obere Grenze. Wie dem auch sei, Musolesis Brigade „Stella rossa“ [Roter Stern] war eine der größten Partisanenbanden Italiens.

Im September wuchsen die Aktivitäten der Terrorbrigade zu solchen Dimensionen an, daß sie eine ernste Gefährdung für die deutsche Kriegsanstrengungen und die Sicherheit der Truppen ausmachten. Generalfeldmarschall Keßelring, der deutsche Oberbefehlshaber in Italien, stand vor einer schweren Entscheidung. Die amerikanische 5. Armee bedrängte hart die Gotenlinie nur 20 Kilometer weiter südlich. Von dort Truppen abzuziehen, hätte eine unmittelbare Gefahr des Durchbruchs bedeutet. Aber mit einer so starken Partisanenbrigade im Rücken konnte eine erfolgreiche Abwehr der Angriffe auch nicht garantiert werden. Er beorderte General Max Simon, mit seiner 16. SS-Pz.Gren.Div., zu der Major Reders Pz.A.A. 16 gehörte, die Brigade Stella rossa niederzukämpfen. Er bekam einige kleinere Armee- und Fallschirmtruppeneinheiten zur Unterstützung. Major Reder arbeitete die Pläne aus.

Lagepläne vor (oben) und während der Operation (unten)

Die Lage wird auf Major Reders beiden Kartenskizzen dargestellt. Die erste zeigt die Position des Feindes (der Stella rossa Brigade), die zweite den Angriffsplan selbst. Der Abstand der beiden Flüsse Reno (links und oben) und Setta (rechts und unten) beträgt an dieser Stelle etwa 8 Kilometer. Das Gebiet dazwischen ist wild zerklüftetes Bergsterrain, mit niederem Gebüsch bewachsen und fast unbewohnt. Nur zwei kleine Dörfer, San Martino und Cadotto, liegen auf dem Bergrücken, der 600–650 Meter hoch ist. Der höchste Punkt ist Monte Sola in der Nähe von San Martino. Dort hatte Musolesi sein Hauptquartier eingerichtet. Er war gut versorgt mit allerlei Schnellfeuerwaffen, Granatwerfern und Funkausrüstung. Die Flugaufklärung zeigte auch, daß er eine regelrechte Festung mit Schützengraben und befestigten Punkten ausbaute.

Der Kampf gegen die Partisanen

Die Truppenzusammenziehung gegen seine Brigade kam für ihn nicht überraschend. Der Priester in Marzabotto war ein getreuer Seelsorger für seine Lämmer – und Wölfe. Er kam in die Dörfer und berichtete alles von Bedeutung. (Nach dem Kriege wurde er für die kommunistische Partei Parlamentsabgeordneter seiner Heimatstadt.) Il Lupo hätte seiner früheren Taktik folgen und sich mit seinen Männern (und Frauen) als friedliche Zivilisten „verflüchtigen“ können. Aber dann wäre sein Hauptquartier mit allen angesammelten Waffen verlorengegangen. Möglicherweise hat er auch damit gerechnet, daß die Amerikaner die Gelegenheit zum Durchstoß durch die Gotenlinie ausnützen und ihn dadurch entlasten würden – gleichzeitig wäre ihm eine große Ehre zuteil geworden! Wie auch immer, er blieb und bereitete sich auf eine Verteidigung vor. Der konzentrische Angriff der Deutschen startete im Morgengrauen des 29. September. Er wurde von General Max Simon geleitet. Major Reders Pz.A.A. 16 lag im Settatal (s. Skizze). Der Major selbst konnte seine Marschformation aufgrund eines Knieschadens nicht persönlich führen, er folgte den Kämpfen mit dem Feldstecher von der anderen Seite des Flusses aus, und gab seine Instruktionen per Funk. Die Truppen mußten sich ihren Weg den Berg hoch überall hart erkämpfen und wurden mit mörderischem Feuer aus Schnellfeuerwaffen empfangen, am stärksten auf der Ostseite, wo Reders Einheit war. Auf dem Bergrücken kämpften sie sich von Befestigung zu Befestigung vor, die oft mit Flammenwerfern niederkämpft werden mußten. Sie bekamen Hilfe von dem Artillerie- und Flakregiment der Division. Nach dem Fall des Hauptquartiers wurde der Kampf in den Dörfern fortgesetzt. Il Lupo hielt die Dorfbewohner mit Gewalt fest, dadurch starben viele von ihnen zusammen mit den Mitgliedern der Brigade. Am Abend war alles vorbei. Schon am folgenden Tag wurde die Division zur Front zurückverbracht, wo die Amerikaner inzwischen einen tiefen Einbruch in die Gotenlinie gemacht hatten. Zurückgeblieben auf dem Berg waren 270 tote Zivilisten – mit oder ohne Waffen. Musolesi war unter den Toten. Sicherlich sind viele von seinen Banditen entwischt oder konnten sich in Grotten und unübersichtlichen Schluchten verstecken, aber die Brigade Stella rossa war vernichtet. Reders eigene Verluste betrugen 24 Tote, 6 Vermißte und 40 Verwundete. Die Verluste der übrigen Truppen sind unbekannt. Der Einbruch in die Gotenlinie wurde zurückerobert, und die Linie konnte bis zum Frühjahr 1945 gehalten werden. In März wurde Reder zum Kommandanten des 26. SS-Pz.Gren.Reg. ernannt (innerhalb der 16. SS-Pz.Gren.Div.), die nach Ungarn verlegt wurde. Er wurde jedoch mit Verletzungen an beiden Knien im Lazarett gepflegt und konnte erst am 4. Mai wieder an die Front in Österreich reisen. Am 10. Mai wurde er in Salzburg von den Amerikanern gefangen genommen.

Ein Überläufer

Inzwischen ereignete sich etwas ohne sein Wissen, was verhängnisvolle Folgen für sein Leben haben sollte. Einige Tage nach der Schlacht gegen die Brigade Stella rossa desertierte ein junger Soldat seiner Einheit, ein Elsässer namens Julien Legoli. Er lief zu den Amerikanern über und erzählte eine vollkommen aus der Luft gegriffene Geschichte über ein Massaker in Marzabotto, auf direkten Befehl und unter persönlicher Kontrolle von Major Reder. Was für Motive er dazu hatte, kann man heute nur noch raten. Wahrscheinlich hatte er die Nase voll vom Krieg, und mit seiner Erzählung wollte er sich bei den Feinden eine günstige Ausgangslage schaffen. Bekanntlich lieben die Feinde zwar jederzeit den Verrat, nicht aber den Verräter! Und Legolis Lage war heikel: Als Elsässer wurde er von den Alliierten als doppelter Verräter betrachtet. Erstens, weil er – als französischer Staatsbürger – sich freiwillig zur deutschen Waffen-SS gemeldet hatte, und zweitens, weil er von dort desertierte. Um sein Leben zu retten, brauchte er gewichtige Gründe! Die Amerikaner waren nicht besonders imponiert von seiner Geschichte, doch war sie interessant genug, um sie an ihre französischen Kollegen weiterzuleiten; und so wurde Legoli zum römischen Büro des französischen Nachrichtendienstes Deuxième Bureau überstellt. Das hat seine Aussichten verschlechtert, darum spann er die Geschichte noch weiter. Der Kern der Geschichte war, daß Reder in Marzabotto ohne jeden Grund die Erschießung von 1830 Zivilisten, darunter 5 Priester und eine größere Anzahl Frauen und Kinder befohlen habe, und dann die ganze Stadt niederbrennen ließ. Das Deuxième Bureau leitete diese Angaben an die Badoglio-Regierung weiter. Die Kommunisten und der britische Militärsender in Bari verbreiteten die Geschichte, und allmählich wurde sie ein „etabliertes Faktum“, eine allgemein bekannte „historische Tatsache“ – und Reder wurde ein „Kriegsverbrecher“. Der Marzabotto-Mythos war geboren.

Hausarrest oder Angebot zur Flucht

Die Amerikaner setzten am 15. Mai den einarmigen, mehrfach kriegsversehrten und teilweise gelähmten Offizier unter Hausarrest. Das bedeutete nur, daß er Salzburg mit Umgebung nicht verlassen durfte. Aber als italienische Behörden seine Auslieferung verlangten, verhafteten sie ihn erneut und sperrten ihn ins Lager Glasenbach, nahe Salzburg ein. In zwei Jahren forschte man in Reders militärischem Tun und Lassen, zweimal verweigerte man das Begehren der Italiener – nichts hat man in seiner Vergangenheit gefunden, was eine Auslieferung hätte rechtfertigen können. Während dieser Zeit (1947) wurde Generalfeldmarschall Keßelring, Reders höchster Chef in England vor Gericht gestellt, und in einem zwei Jahre lang dauernden Prozeß zu Tode verurteilt. Danach folgte der Prozeß gegen General Max Simon, Reders unmittelbaren Vorgesetzten. Auch dieser Prozeß endete mit Todesurteil. In beiden Fällen spielte Julien Legolis schriftliche „Zeugenaussage“ [s.g. affidavit] eine Rolle, aber Legoli selbst erschien bei keinem der beiden Prozessen persönlich. (Dem britischen Historiker A.J.P. Veale zufolge war er zu diesem Zeitpunkt schon tot, beseitigt durch das Deuxième Bureau.) Die beiden Todesurteile gegen die beiden untadeligen Offiziere lösten doch bei britischen Militärs so starke Proteste aus, daß die Urteile zu lebenslänglicher Gefängnisstrafe umgewandelt und beide Gefangenen einige Jahre später still und leise entlassen wurden. Italien änderte dann seine Taktik und machte seine Forderungen England gegenüber geltend. So waren es jetzt die englischen Militärbehörden, die Reders Auslieferung begehrten. Am 29. September 1947, auf den Tag 3 Jahre nach der Schlacht gegen die Brigade Stella rossa, wurde Reder an die Briten ausgeliefert. Auch sie untersuchten, was der Major getan hatte, aber auch sie fanden nichts Belastendes. Im Gegenteil: Sie waren so von seiner Unschuld überzeugt, daß sie ihm eine Fluchtmöglichkeit boten: eine Woche „Urlaub“ zu Weihnachten. Aber Reder kam zurück – er hatte ein reines Gewissen – und sträfliche Naivität. Aber die Briten stellten ihn weder vor Gericht, noch entließen sie ihn. Sie lieferten ihn statt dessen am 13. Mai 1948 an Italien aus.

Schauprozeß

Der Prozeß wurde in Bologna eröffnet, das nicht nur Hauptfeste der Kommunisten war, sondern auch Sitz der Partisanen. Die Kommunisten waren enttäuscht, daß sie weder Keßelring noch Max Simon „bekamen“ und setzten eine Medienkampagne in Gang. In dieser Atmosphäre begann die Militär-Staatanwaltschaft mit der Zusammenstellung der Anklageschrift. Die Ankläger brauchten dafür drei Jahre. Ein General bei der Staatsanwaltschaft starb plötzlich. Sein Ersatzmann wurde ein gewisser Stellacci, ein 28-jähriger Dozent an der Universität, der nicht einen einzigen Tag seines Lebens Soldat gewesen war. Er wurde zum Leutnant ernannt, beim Beginn des Prozesses zum Hauptmann befördert. Aber das reichte nicht aus! Laut allgemein anerkannten Regeln des militärischen Rechtswesens soll ein Ankläger mindestens den gleichen Rang haben wie der Angeklagte. Als die Verteidigung auf diese Tatsache hinwies, wurde besagter Leutnant zum Major ernannt. Er konnte jedoch keine haltbaren Tatsachen gegen Major Reder vorbringen, und nahm dafür zu einer Sprache Zuflucht, die eher in eine Kneipe als in einen Gerichtssaal gepaßt hätte und beschimpfte Walter Reder als Mörder, Untier, Hyäne, Räuber und Landesverräter. (Das letztgenannte, weil Reder 1934 Österreich verlassen hatte und sich in Deutschland zum Dienst gemeldet hatte.) Er verstieg sich sogar zu der Behauptung, daß „Reder sein Ritterkreuz für die Ermordung kleiner Kinder in Rußland erhalten habe.“ In den haßerfüllten Ergüssen des Anklägers spukte auch Legolis „Zeugenaussage“ herum, aber – wie gesagt – Legoli war für ein Kreuzverhör nicht erreichbar.

Typischer Kriegsverbrecher-Prozeß

Im übrigen lief der Prozeß nach dem Schema der übrigen Kriegsverbrecherprozesse: Die Ankläger hatten dreieinhalb Jahre zur Vorbereitung des Prozesses, die Verteidigung bekam dafür zwei Monate. Reder konnte aufgrund seiner mäßigen Kenntnisse des Italienischen dem Gerichtsverfahren nur in groben Zügen folgen. Eine Übersetzung der Anklageschrift hat Reder nie bekommen. „Präparierte“ Zeugen traten auf, und wenn sie sich nicht an die im Voraus einstudierten Aussagen hielten, bekamen sie Prügel. Die Zeugen der Verteidigung wurden bedroht und handgreiflich angegriffen, Richter eingeschüchtert. Der Anwalt der Verteidigung mußte um Polizeischutz ersuchen. Während des ganzen Gerichtserfahrens tobte der Mob auf der Straße. Der Abschaum der Gesellschaft, mit festen Tageslohnsätzen von der KPI (Italiens kommunistische Partei) bezahlt, demonstrierte vor dem Gerichtsgebäude und forderte den Tod des deutschen Offiziers.

Reders Anklage enthielt acht Punkte. Fünf davon wurden während des Verfahrens hinzugefügt, zumeist als „Ballast“ gedacht, um die Objektivität des Gerichtes hervorzuheben – er wurde in diesen Punkten aufgrund mangelnder Beweise auch freigesprochen –, schuldig befunden wurde er in drei Anklagepunkten:

1. Die Hinrichtung von Geiseln bei Bardine. Diesbezüglich hat er sowohl seine eigene Anwesenheit wie auch die seiner Einheit verneinte, und die Anklage konnte auch keine Beweise erbringen.

2. Eine Strafaktion gegen eine andere Brigade nördlich von Massa-Carrara im August 1944.

3. Die Aktion gegen die Brigade Stella Rossa. Das Verbrechen, das man ihm vorwarf: er sei verantwortlich für den Tod italienischer Zivilisten (die Zahl 270 wurde erwähnt).

Marzabottos Niederbrennung und die Tötung der Einwohner war im Urteil nicht genannt. Das Urteil lautete auf lebenslange Gefängnisstrafe und Degradierung. Letzteres war reiner Unsinn, denn kein Gericht hatte das Recht, Reder den Majorsrang abzuerkennen (außer vielleicht ein deutsches Militärgericht – aber ein deutsches Militär gab es damals gar nicht mehr.)

Das Urteil mag dem Richter einigen Mut abverlangt haben, denn die italienische „Öffentlichkeit“ forderte, aufgeputscht durch die Massenmedien, ein Todesurteil. Reders Leben war zwar gerettet, und das Urteil zeigte auch, daß die Richter Reder für unschuldig hielten – aber kein Gericht konnte das offen sagen. Das hätte nicht nur unmittelbare Lebensgefahr für die Richter, sondern auch den Sturz der Regierung bedeutet. Das politische Gleichgewicht war nicht belastbar. Die Macht der Kommunisten war groß, und man wollte nicht ihre vollständige Machtübernahme heraufbeschwören, denn sie konnten jederzeit den Pöbel auf den Straßen mobilisieren.

Die Revision

Reder meldete sofort „Rekurs“ an, das heißt: er begehrte Revision. Das Oberste Militärgericht in Rom prüfte den Richterspruch von Bologna und machte einige Korrekturen: in den fünf Anklagepunkten, wo Reder aufgrund mangelnder Beweise freigesprochen worden war, wurde die Begründung jetzt auf erwiesene Unschuld geändert, „weil er die Tat[en] nicht begangen hat“. (Das galt für die Tötung von 560+70+200 Personen auf verschiedenen Schauplätzen.) Aus den übrigen Anklagepunkten wurde der erschwerende Umstand der vorsätzlichen Tötung gestrichen, und die Degradierung aufgehoben. Reder sollte als bestrafter Kriegsgefangener gelten. Mehr konnten auch die Richter des Obersten Militärgerichts nicht machen: auch sie standen unter politischem Druck. Der neue Richterspruch wurde am 16. März 1954 verkündet. Reder mußte seine lebenslange Gefängnisstrafe antreten.

31 Jahre Festungshaft

Gaeta ist eine schöne, obwohl etwas verfallene Stadt, ungefähr auf halben Weg zwischen Rom und Neapel, auf einem sonnenüberfluteten Südhang am nördlichen Ende des Golfs von Gaeta gelegen. Die Stadt wird von einer massiven Landzunge mit senkrechten Felsenwänden dominiert, die eben den nördlichen Abschluß der Bucht bildet. Am hohen Plateau der Klippe stehen zwei starke Festungen: das Castello Aragonese und das Castello Angioino. Das Letztere wird für die nächsten 31 Jahre Major Reders Domizil. Das Schloß war lange Militärgefängnis der italienischen Armee, aber am Kriegsende wurde es seiner Insassen entleert, um für verurteilten Soldaten des besiegten Deutschland Platz zu machen. [Ist Deutschland von Italien besiegt worden??] Bei Reders Ankunft hatte die Burg einen einzigen Gefangenen: Herbert Kappler, Roms Polizeichef während der deutschen Besatzung. Jeder Gefangene hatte sein Zimmer im höchsten Stockwerk der Festung. Es gab einen gemeinsamen Leseraum mit Bibliothek und eine etwa 10 x 30 Meter große Dachterrasse, umzäunt von Stacheldraht. Die Bewachung war rigoros, die Behandlung über die Jahre wechselnd. Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges saßen zwei ehemalige Soldaten in einem fremden Land (drei andere waren in Breda in Holland im Gefängnis eingesperrt). Alle Gnadenappelle wurden abgewiesen. Drei Päpste (Pius XII., Johannes XXIII. und Paul VI.), zahlreiche Kardinäle, Prälaten, Bischöfe, Staatspräsidenten und Regierungschefs aber auch militärische Kameradschaftsvereine (sowohl aus Österreich, wie auch auf Seiten der Alliierten), Juristen und – natürlich – Angehörige baten um Gnade für diese beiden Deutschen. Die Antwort war jedesmal Nein! Briefe durften sie, wenigstens in den späteren Jahren, unbegrenzt schreiben und empfangen. Auch Pakete waren, sorgfältig kontrolliert, zugelassen. Besuche durften sie auch empfangen. Kappler hat sogar in der Gefangenschaft geheiratet, eine Homöopathin aus Lüneburg. Aber er war schon unheilbar an Magen- und Darmkrebs erkrankt. Im Sommer 1977 wurde er in ein Militärlazarett verlegt. Seine Frau besuchte ihn dort – und befreite ihn. Sie, eine passionierte Bergsteigerin, seilte ihren zum Skelett abgemagerten, nur 40 Kilogramm schweren, vom Tode gezeichneten Mann aus einem Fenster ab und entführte ihn im Kofferraum ihres Autos. An der Tür seines Krankenzimmers war ein Schild zurückgeblieben: „BITTE NICHT STÖREN!“

Er starb drei Wochen nach seiner Heimkunft in Lüneburg, noch während die Abgeordneten im Bonner Parlament eifrig debattierten, ob sie Kappler wieder an den NATO-Partner Italien ausliefern sollten. Reder ist einsam auf „seiner Burg“ geblieben.

Ringen der Anwälte

Unterdessen waren doch die Juristen, die sich um Reders Freiheit bemühten, nicht untätig geblieben. 1980 drückten sie eine Wiederaufnahme des Falles durch. Diesmal gingen sie sehr durchdacht vor. Als erste Maßnahme ließen sie die Zuständigkeit für den Fall von Bologna nach Bari überleiten. Der formelle Grund war, daß Gaeta zu Bari gehörte.

Durch diesen Schritt entzogen sie den Gefangenen vom direkten Einfluß des haßerfüllten Pöbels, dessen Haß jedesmal erneut aufgepeitscht wurde, wenn Reders Fall im Parlament oder im Justizministerium verhandelt wurde, wodurch es jedesmal gelang, eine Milderung oder Aufhebung des Urteils zu verhindern. Die neue Strategie war erfolgreich: Reders Status als Kriegsgefangener wurde bekräftigt, und seine Freilassung – zwischen null und fünf Jahren nach dem Beschluß – beschlossen.

Erster Kontakt

Ich habe 1980 von Major Reders Schicksal gelesen und schrieb ihm einen Brief. Er antwortete sehr freundlich, und eine herzliche Kameradschaft entwickelte sich. Im September 1981 besuchte ich ihn das erste Mal in Gaeta. Früher im gleichen Jahr machte ich eine Reise nach Mexiko, und ich beschrieb ihm die unvergeßlichen Eindrücke dieser Reise: den majestätischen Anblick des schneebedeckten Vulkankegels des Popocatepetl, die bewundernswerten Ruinenstädte der Azteken und Mayas usw. (Er liebte Reisebeschreibungen, sie waren für ihn die einzige Art, etwas von der großen Welt zu erfahren, von der er 31 Jahre lang nur die Berge um Gaeta und den ungebrochenen Horizont des Meeres sehen konnte.) Vor meinem Besuch habe ich ihn brieflich gefragt, ob ich ihm einen Wunsch erfüllen könnte. „Ein Tequila“ (mexikanischer Agave-Branntwein) – war seine Antwort. So landete meine Flasche Tequila, die ich aus Mexiko mitgebracht habe, in einem italienischen Militärgefängnis.

Besuchserlaubnis

Einen Besuch in Gaeta zu machen, war kein einfaches Unternehmen. Mindestens 3–4 Monate vorher mußte man sich entschließen. Zuerst mußte man mit dem Major brieflich das Datum des Besuchstages vereinbaren. Besuch von höchstens zwei Personen war im Prinzip an jedem Werktag erlaubt, samstags und sonntags nur mit Einschränkungen. Danach mußte man ein Gesuch bei der österreichischen Botschaft in Rom einreichen, die dasselbe nach sorgfältiger Prüfung der Per-son(en) mit einer Empfehlung an das italienische Kriegsministerium weiterleitete, das dann nach nochmaliger gründlicher Prüfung die Besuchserlaubnis erteilte – oder auch verweigerte. Der Beschluß wurde beiden Parteien (dem Major und dem Besucher) mitgeteilt. Hotelzimmer für seine Besucher bestellte der Major selbst. In seinem letzten Brief vor dem geplanten Besuch schrieb er mir auf meine Frage, wie ich zum Schloß kommen kann: „Sagen Sie dem Taxifahrer nur: ‚Maggiore Reder‘ – ich bin in der Stadt bekannt wie ein bunter Hund!“

Bei unserer Ankunft auf der Burg wurden meine Begleiterin und ich einer Leibesvisitation und einer Untersuchung mit Metalldetektor unterzogen. Einige Sachen mußten wir beim Eingang zurücklassen, diese bekamen wir beim Verlassen der Burg wieder zurück. Ich hatte ein Buch über Major Reder von Robert H. Drechsler, einem ehemaligen Kameraden von Reder, dabei, das ich mir vom Major signieren lassen wollte. Der diensthabende Wachoffizier blätterte in dem Buch und sagte: „Ich kenne es, ein sehr gutes Buch“ – und gab es mir zurück. Ich hatte auch eine Kamera dabei um ein gemeinsames Bild vom Major und mir zu machen. Das war eigentlich nicht erlaubt, nur der Wachoffizier durfte (mit „gefängniseigener“ Kamera) fotografieren, und den exponierten Film an den Besucher aushändigen. Aber er sagte, daß er vom Fotografieren nicht viel verstünde und ließ mich meine eigene Kamera mitnehmen.

Geachteter Offizier

Als wir ins Besuchszimmer geleitet wurden, und der Major, begleitet von zwei Soldaten, ebenfalls das Zimmer betrat, war mein erster Eindruck: mit welchem Respekt ihn alle behandeln. Fast als wäre er ihr Vorgesetzter. Ein Unteroffizier überwachte die Begegnung – diskret und nicht sehr gewissenhaft – und ein junger Wehrpflichtiger stand dem Major für persönlichen Dienst zu Verfügung. Wir wurden mit belegten Brötchen und Wein bewirtet, und konnten uns unbeschwert unterhalten. Der junge Soldat sah den Major mit unverhüllter Bewunderung an, es reichte ein Blick oder ein Wink mit dem Finger, und der Soldat sprang und brachte neue Brötchen oder schenkte mehr Wein ein. Reder berichtete uns – nicht ohne Ironie – was für ein wertvoller Gefangener er war: als er der Gefängnisleitung andeutete, daß er auf der Dachterrasse von einem Scharfschützen von der gegenüberliegenden Bergseite aus getötet werden könnte, wurde die Terrasse in ihrer ganzen Länge (30 Meter!) durch kugelsicheres Panzerglas abgeschirmt. Ein Stab von 14 Mann, einschließlich einem Sanitäter, bewachte ihn pausenlos (zusammen mit Ablösungen, Verwaltungs- und Unterhaltspersonal der Burg waren es 70 Leute).

Ein Zimmer im städtischen Krankenhaus war für ihn reserviert, und ein Rettungswagen mit Fahrer stand bereit. Der „Burgherr“ – wie er sich mit einer Portion Galgenhumor selbst nannte – hatte viel zu berichten, die zwei Stunden Besuchszeit vergingen schnell.

Befreiung abgelehnt

Im nächsten Jahr fuhr ich noch einmal nach Gaeta. Auf meinem Weg nach Süden machte ich auch einen Besuch in Kufstein bei Oberst Rudel, den ich lange kannte. Als er mein nächstes Reiseziel erfuhr, sagte er zu mir:

„Falls Sie Gelegenheit haben, mit dem Major ohne Zeugen zu sprechen, sagen Sie ihm: wenn er will, haue ich ihn raus.“

Ich hatte Gelegenheit, und übermittelte ihm Rudels Worte. Reder antwortete jedoch:

„Richten Sie dem Obersten meinen Dank aus! Ich glaube auch, daß er das fertigbringen könnte. Aber ich verlasse diesen Platz entweder erhobenen Hauptes, oder man trägt mich mit den Füßen voraus hinaus.“

(Die gleiche Antwort hatte auch der legendäre Otto Skorzeny schon 1954 erhalten.)

Unwissenheit des Volkes

Reders Kriegsgefangenen-Status hat mir ein bemerkenswertes Erlebnis beschert. Als Kriegsgefangener war er berechtigt, kostenlos Post zu schicken und zu empfangen. Der Tequila aus Mexiko hat ihm anscheinend wohl geschmeckt, denn als ich ihn vor dem nächstem Weihnachtsfest fragte, was ich ihm schicken könnte, um ihm eine Freude zu bereiten, antwortete er wieder: „einen Tequila“. Er schickte mir gleich ein vorgedrucktes Formular für die Post. Also kaufte ich eine Flasche Tequila, packte sie sorgfältig ein, und ging damit auf das nahegelegene kleine Postamt. Die Beamtin dort wollte mir nicht glauben, als ich ihr den Aufkleber „Kriegsgefangenenpost – gebührenfrei“ zeigte.

„Das gibt es nicht! Kriegsgefangene 36 Jahre nach Kriegsende?!“

Vergeblich versuchte ich sie zu überzeugen, sie sagte: Damit solle ich an das Hauptpostamt gehen! Gesagt, getan. Dort traf ich auf die gleiche Reaktion, aber auf meine Beteuerung hin rief man den Bürochef, der es zwar auch nicht glauben wollte, aber schließlich brachte er ein großes, dickes Buch (irgendeine Dienstanweisung) hervor, und fand darin meinen Aufkleber als gültig. (Der Tequila reiste kostenlos!) Inzwischen versammelte sich ein kleiner Kreis von Postbeamte um den Schalter herum – die alle, mitten in der Mittagszeit mit vielen Kunden, ihre Schalter schlossen – und ich konnte ihnen einen kleinen Vortrag über die Realitäten der Nachkriegszeit halten. Manche gingen schweigend und betroffen an ihre Plätze zurück.

Freilassung und Medienbeschimpfung

Reder mußte nicht „mit den Füßen voraus“ hinausgetragen werden. Der Entlassungsbeschluß von 1980 wurde am 24. Januar 1985 in Kraft gesetzt, ein halbes Jahr vor Ablauf der Fünfjahresfrist. Allerdings kam Reder auch nicht „erhobenen Hauptes“ aus seiner Burg heraus. Aber das lag an den Umständen: sobald die Kommunisten von den Plänen seiner bevorstehenden Entlassung erfuhren, blockierten sie den Zufahrtsweg zur Festung. Sie wurden jedoch überrumpelt. Aber nicht nur sie! Die Entlassung kam auch für Major Reder unerwartet, so daß er ungefähr 500 unbeantwortete Briefe – Weihnachtsgrüße des Vorjahres – zurücklassen mußte. Er wurde mit einem italienischen Militärflugzeug nach Graz geflogen, wo ihn, den alten Kämpfer, der österreichische Verteidigungsminister Frischenschläger mit Handschlag und Umarmung begrüßte und in einem Hubschrauber ins Militärkrankenhaus nach Baden bei Wien folgte. Das kostete ihn dann seinen Ministerposten. Die österreichische und bundesdeutsche Presse wollte (mit wenigen ehrenswerten Ausnahmen) in Gemeinheit und Niedertracht nicht hinter den kommunistisch-italienischen Medien zurückstehen. Trotz den seit Jahrzehnten bekannten Tatsachen wurde Reder weiterhin Kriegsverbrecher, Massenmörder und „Schlächter von Marzabotto“ genannt. Die Hetzkampagne umfaßte auch den Verteidigungsminister. Nach einigen Wochen vermochte er nicht länger dem Druck standzuhalten und reichte sein Abschiedsgesuch ein.

Erpressung

Im Kielwasser der Pressekampagne erfuhr ich über noch einen Schurkenstreich der Kommunisten in Italien. Eine Zeit nach Reders Entlassung erhielt ich von einer Verwandten einen Zeitungsausschnitt aus einer österreichischen Zeitung, mit einer angeblichen Äußerung des Majors, gefolgt von einem empörten Kommentar und einer Distanzierung seitens seiner ehemaligen Kameraden. Den Text will ich hier nicht wiedergeben, aber er war so kriecherisch und ekelerregend, daß ich sofort wußte: der kann nicht von Major Reder stammen! Die Verwandte, die wußte, daß ich mit dem Major in Verbindung stehe, bat mich um einen Kommentar. Ich schrieb ihr, daß der Text entweder gefälscht oder von Reder erpreßt wurde, aber ich wollte der Sache nachgehen! Meinem nächsten Brief an Reder legte ich eine Kopie des Artikels bei, und bat ihn um Stellungsnahme. Seine Antwort, in der Nachschrift seines Weihnachtsbriefes 1988 ist es wert, hier wörtlich wiedergegeben zu werden:

„Zu dem beigelegten Zeitungsausschnitt: Mein ital. Anwalt und andere damals anwesende Persönlichkeiten [– welche Persönlichkeiten? Etwa der Bürgermeister von Marzabotto? –] beknieten mich s.Zt. stundenlang, diesen vorgeschriebenen Text zu unterschreiben, meine Freilassung würde dann sofort erfolgen. Es kostete mich [sic!] grosse Überwindung, meinen Namen unter diesen Wisch zu setzen, ich wollte aber nach diesen vielen Jahren endlich heim. Wer mich kennt, wie z.B. Sie, der weiss, dass dieser Text nicht von mir stammen kann, ich ändere meine Haltung niemals. Nochmals alles Gute und herzlichste Grüsse, d. O.“

Sanatorium und Krankenhaus

Reder war frei, aber seine Gesundheit war angegriffen. 70 Jahre alt, einarmig, die verbliebene Hand radial gelähmt, zwei Drittel des Magens und auch die Galle entfernt, war er ein körperlich – aber nicht in der Seele – angeschlagener Mann. Er genoß das freie Leben soweit er konnte, während er immer wieder in Krankenhäuser und Sanatorien mußte. Schon ein Jahr nach seiner Freilassung schrieb er einen Abschiedsbrief, der nach seinem Tod an alle verschickt werden sollte, die sich während seiner Gefangenschaft um ihn gekümmert hatten. Ein erschütterndes Dokument dessen, welch menschliche Gesinnung der als „Schlächter von Marzabotto“ verunglimpfte Offizier besaß. Die Kopie des Briefes füge ich bei.

Walter Reders Abschiedsworte vom 25.2.1986

Ich traf ihn, als freien Mann, noch einmal in Wien. Er lud uns zum Mittagessen in den Donauturm ein, ein Aussichtsturm auf dem Messegelände mit Drehrestaurant und herrlicher Aussicht über die ganze Stadt. Aus seiner respektvollen Behandlung durch das Personal war er hier als hochgeschätzter Stammgast zu erkennen. Reder berichtete uns eine rührende Geschichte: Einige Wochen nach seiner Freilassung tauchte der junge italienische Soldat (der ihn schon in Gaeta so offen bewunderte) bei ihm in dem Kärntner Sanatorium auf, in das er zur Rekonvaleszenz eingewiesen worden war. Er quittierte seinen Dienst in der Armee, weil er nur dem Major dienen wollte! Nach dem Mittagessen fuhren wir auf den Kahlenberg, ein beliebter Ausflugplatz der Wiener, wo wir einen Spaziergang machten, und schlossen unsere Begegnung mit einem Seidel Bier im Restaurant am Kahlenberg ab. Der Abschied danach war für immer. Am 26. April 1991 wurde Major Walter Reder zur Großen Armee seiner im Kriege gefallenen Kameraden einberufen.

Der Marzabotto-Mythos

Reder war nun tot, aber der Marzabotto-Mythos lebt noch. Er lebt nicht nur, er ist auch verewigt in Stein. Schon kurz nach Kriegsende entdeckte der Bürgermeister von Marzabotto, welch ungeahnten Möglichkeiten die Vernichtung der Brigade Stella rossa seiner Stadt bot. In der unterirdischen Galerie der Kirche wurden auf großen Steintafeln 1830 Namen eingemeißelt. Hinter einer dicken Glasscheibe liegen Skeletteile der „Opfer des Massakers“. Eine große, gewinnbringende Touristenindustrie wurde aufgebaut, Postkarten und Touristenbroschüren verkünden jedem Besucher das bestialische Vorgehen der Deutschen. Marzabotto ist eine Art Wallfahrtsort geworden. 1957 unternahm ein österreichischer Journalist von Echo der Heimat eine Untersuchung: befragte Einwohner der Stadt, auch Priester und Lehrer. Er fand nicht eine einzige Person, die das angebliche, von Major Reder befohlene und geleitete Massaker, oder Major Reder selbst gesehen hätte. Er sah jedoch viele unbeschädigte Häuser, die älter als 30 Jahre und somit vor dem Krieg gebaut worden waren. 1961 schrieb ein italienischer Journalist von der Wochenzeitung Gente über Marzabotto als einer „kolossalen Mystifikation“, und verglich die kirchlichen Matrikeln mit den in Stein gehauenen Namen. Er fand heraus, daß die 1830 Namen nicht nur sämtliche Tote der Kriegsjahre in Marzabotto und Umgebung beinhalten (einschließlich der Opfer des Partisanankrieges und der amerikanischen Luftangriffen), er fand darunter auch zahlreiche Personen, die noch – 1961 – am Leben waren! Und hinter der Glasscheibe gab es nicht die Überreste von 1830, sondern nur 808 Personen, darunter 195 österreichische Kriegsgefangenen aus dem Ersten Weltkrieg, die bei der Minenräumung für ihre Gewahrsamsmacht starben.

Die Pflege der Lüge

Ich schrieb als Titel für diese Abhandlung: „Major Reder, Gefangener antideutschen Hasses“. Ich hätte genauso gut schreiben können: Gefangener eines Mythos. Hatte das vergangene 20. Jahrhundert, ein (angeblich) erleuchtetes und rational denkendes Jahrhundert, so großen Bedarf an Mythen? Und wie steht es mit unserem gegenwärtigen, 21. Jahrhundert? Wie viele Mythen haben noch immer überlebt, trotz besserem Wissen?! Rotterdam, Lidice, Oradour, Babi-Yar, Auschwitz, „Holocaust“? Solange aber diese Mythen leben, fordern sie auch Opfer! Vielleicht nicht direkte Todesopfer (obwohl manche in den Selbstmord getrieben wurden), jedoch verzweifelte Menschen, zerstörte Ehen, zerrissene Familien, entzweite Nationen. Die Tatsachen sind in den meisten Fällen längst bekannt, dokumentiert – und unterdrückt! Forscher und Historiker trauen sich nicht an diese gefährliche Themen heran, und diejenigen die es trotzdem tun, werden schonungslos verfolgt. Gefängnis, Landesverweis, Entlassung aus dem Dienst, Aberkennung des Doktortitels, Totschweigen, Zerstörung der Existenz, aber auch Brandstiftung, Prügel und Mordanschlag sind die Mittel, mit denen die Wahrheit unterdrückt wird. Und in der Zwischenzeit baut man Hunderte von „Gedenkstätten“ – wie in Marzabotto – für „Opfer“, die nie existierten, während andere Gedenkstätten, (meist für deutsche Soldaten und Kriegsgefangenen, aber auch für Dichter und Künstler) geschändet, zerstört und eingeebnet werden. Wie lange noch? – Es hängt von uns ab!

Quellenverzeichnis