Bücherschau

Der Mann, der zu viel wußte

Von Thomas Dunskus

In jüngster Zeit befassen sich immer wieder Bücher mit Rudolf Heß, mit seinem Flug, mit seiner Mission und mit seinem Ende. Die meisten Autoren sind Engländer – Peter Padfield, Hugh Thomas, Peter Allen, Lynn Picknett et al. oder Martin Allen – gleichsam, als ob sein Geist seinen ehemaligen Gegnern keine Ruhe ließe – ganz so wie der Geist des gemordeten Banquo den schottischen König Macbeth heimsuchte.

Der einsame Flieger

Vor mehr als einem halben Jahrhundert, im Mai 1941, als die meisten heute Lebenden noch gar nicht geboren waren, flog in einem Krieg, der sich bald darauf zum Zweiten Weltkrieg ausweitete, ein einzelner Mann ohne Eskorte von Augsburg ins schottischen Hochland. Er steuerte selbst seine unbewaffnete zweimotorige Messerschmitt 110. Das Flugzeug war eigens für diese Mission umgerüstet worden, u.a. indem unter den Flügeln zwei abwerfbare Zusatztanks angebracht waren. Der Mann glaubte, an seinem Zielort von einer Anzahl hochrangiger britischer Politiker empfangen zu werden, die mit ihm Gespräche über eine Beendigung der Feindseligkeiten zwischen dem Deutschen Reich und Großbritannien führen würden. Als er feststellen mußte, daß keine Vorkehrungen für seine Landung getroffen worden waren, beschloß er, mit dem Fallschirm abzuspringen, obwohl er vermutlich noch über genug Treibstoff verfügte, um wieder deutsches Gebiet zu erreichen, etwa im besetzten Norwegen. Er verletzte sich beim Absprung geringfügig und wurde am Boden gefangen genommen.

Der Mann hieß Rudolf Heß, er war in der NSDAP Stellvertreter des Parteiführers Adolf Hitler, und auf Regierungsebene, nach Göring, designierter Nachfolger des Reichskanzlers. Vom Zeitpunkt seiner Gefangennahme auf schottischem Boden im Mai 1941 bis zu seinem Tode durch Erhängen oder Strangulierung im Spandauer Gefängnis 46 Jahre später sollte er nie wieder ein freier Mann sein.

Als seine Mission fehlschlug, erklärte man ihn von deutscher Seite aus für wahnsinnig, während sich die Regierung in London nie darüber klar werden konnte, ob er ein einfacher Kriegsgefangener war oder ein geistig verwirrter Mensch, den man entsprechend der Genfer Konvention hätte nach Hause schicken müssen.

Vor seinem wagemutigen Flug hatte die NS-Regierung eine Reihe von antijüdischen Gesetzen erlassen, sie hatte ein Pogrom inszeniert oder jedenfalls toleriert und sie verfolgte eine expansionistische und aggressive Politik in Mitteleuropa, jedoch fragt sich der heutige Betrachter, warum das alliierte Militär-Tribunal in Nürnberg diesen Mann für den Rest seines Lebens praktisch ohne Kontakt zur Außenwelt hinter Gitter sperren mußte, während andere Personen aus Hitlers näherer Umgebung, die in den späteren Kriegsjahren eine weitaus aktivere Rolle gespielt hatten, nach einer Reihe von Jahren aus der Haft entlassen wurden. In den letzten fünfundzwanzig Jahren seines Lebens war Heß der einzige Häftling im Spandauer Gefängnis; er wurde von einem monatlich wechselnden Wachkommando von jeweils einer der vier alliierten Mächte bewacht. Seine Familie hatte Erlaubnis, ihn einmal im Monat zu besuchen, jedoch wurden die Gespräche streng überwacht und waren strikt auf persönliche Angelegenheiten beschränkt. Des öfteren gab es Eingaben mit dem Ziel einer Haftentlassung, die aber kein Gehör fanden. Sein Tod ist nicht völlig geklärt. Die offizielle Version besagt, daß er sich mit einem Elektrokabel erhängte, jedoch sprechen die Umstände dagegen und die Befunde einer Obduktion lassen auch die Möglichkeit einer Strangulation zu. Es bestand zu jenem Zeitpunkt zumindest die Möglichkeit, daß die Sowjetunion Heß aus eigenem Entschluß freilassen könnte – dazu war sie, wie auch die anderen ehemaligen Bundesgenossen, jeweils dann berechtigt und in der Lage, wenn sie den Wachdienst stellte und sie hätte damit gewisse politische Resultate erzielen können.

In den Jahren nach dem 2. Weltkrieg wurden gelegentlich Bücher über Heß geschrieben; die Literatur wuchs nach seinem Tode erheblich an, und man befaßte sich immer intensiver mit dem Menschen Heß, mit seinem Flug, mit seiner Mission und mit seinem Tod. Von einigen allzu weit hergeholten Theorien einmal abgesehen, scheinen sich die jüngsten Werke in einer Reihe von Punkten ziemlich einig zu sein:

Natürlich konzentrieren sich die verschiedenen Autoren auf unterschiedliche Aspekte dieses Themas und haben unterschiedliche Ansichten in Bezug auf die diversen Fragen, die zur Debatte stehen. Martin Allens jüngstes Buch „The Hitler-Heß Deception“, erhellt vor allem die Ereignisse, die dem Flug vorausgingen; es ist gewissermaßen eine Fortsetzung zu seinem Buch „Hidden Agenda“, das die deutschen Bemühungen um den abgedankten englischen König Eduard VIII., den späteren Herzog von Windsor, beleuchtet, sowie das Übereinkommen, das der Herzog und Hitler 1940 möglicherweise trafen.

Martin Allens Bücher sind in Großbritannien bei berühmten Verlagen erschienen, so bei Macmillan und Harper-Collins, in Deutschland hatten sie es schwerer: „Hidden Agenda“ sollte Ende 2001 unter dem Titel „Geheime Dienste“ als 320-seitiges Buch beim Diana-Verlag in München herauskommen, wurde möglicherweise auch gedruckt, hatte sogar schon einen ISBN-Eintrag und steht immer noch bei Amazon.de im Internet, es ist dann jedoch nie auf den Markt gekommen. Schließlich erschien es unter dem leider etwas reißerischen Titel „Lieber Herr Hitler“ im Druffel-Verlag, offenbar in einer neuen Übersetzung. Auch „The Hitler-Hess Deception“ ist mittlerweile auf deutsch erhältlich, als „Churchills Friedensfalle“, ebenfalls bei Druffel.

Für Martin Allen, aber auch für andere Autoren, ist der Flug nach Schottland in keiner Weise die von heute auf morgen durchgeführte Tat eines Irrsinnigen, sondern vielmehr der Höhepunkt einer ganzen Reihe von Kontakten zwischen Heß und britischen Partnern, bei denen der britische Sonderbotschafter und Bevollmächtigte mit Sonderauftrag in Spanien, Sir Samuel Hoare (der spätere Lord Templewood), eine Hauptrolle spielte. Es ist wichtig, sich in diesem Zusammenhang vor Augen zu halten, daß Hoare, der schon 1918 in Moskau Erfahrungen in geheimdienstlichen Angelegenheiten sammeln konnte, von Churchill sofort nach dessen Amtsantritt im Mai 1940 nach Madrid delegiert wurde. Seine offizielle Aufgabe war, Spanien mit allen Mitteln von einem Kriegseintritt an der Seite Hitlers abzuhalten. Der bis dahin in Madrid tätige britische Botschafter wurde gleichzeitig Hals über Kopf abberufen.

Gute Kontaktmöglichkeiten

Hoare schreibt in seinen Memoiren („Ambassador on Special Mission“, Collins 1946, antiquarisch erhältlich, 1949 auch ins Deutsche übersetzt), die Wohnungssituation in Madrid in jenem Jahr nach Beendigung des Bürgerkriegs sei so angespannt gewesen, daß er große Schwierigkeiten gehabt habe, eine angemessene Residenz zu finden und schließlich in den sauren Apfel beißen mußte, Nachbar des deutschen Botschafters, Baron von Stohrer zu werden – „nur eine Mauer trennte unsere beiden Häuser“ – denn ein Aufenthalt im Ritz wurde ihm durch die Anwesenheit von Scharen deutscher Spione unerträglich.

Diese Wohnungswahl hat mehr als einen ungewöhnlichen Aspekt. Erstens wäre es im Prinzip für Hoare möglich gewesen, wenigstens für den Anfang die Residenz seines Vorgängers zu übernehmen. Zweitens wurde das erwähnte Gebäude schon innerhalb der ersten Tage nach Hoares Ankunft ausgewählt, ohne daß eine größere Suche stattgefunden hätte, wie aus den Daten in den Hoare-Memoiren klar hervorgeht. Drittens lag Hoares zukünftige Residenz nicht nur neben Stohrers Haus, sondern – an einem Hang – etwa sechs Meter unterhalb von diesem, so daß sich für die deutsche Seite exzellente Beobachtungsmöglichkeiten ergaben. Viertens verstarb der für die Wohnungssuche verantwortliche Mitarbeiter der britischen Botschaft, Brigadier Torr, ein Jahr später bei einem Flugzeugunfall in Spanien. Schließlich ist es merkwürdig, daß die Stohrersche Residenz nach dem Kriege durch das Foreign Office erworben wurde; sie wurde seitdem wieder verkauft, ist aber als Gebäude immer noch erhalten, während Hoares Wohnhaus einem Wolkenkratzer weichen mußte.

Man kann aus diesen Umständen nur schließen, daß die örtlichen Gegebenheiten für diskrete Gespräche zwischen Deutschen und Briten von Londoner Seite aus sehr günstig gestaltet wurden. Des weiteren ist interessant, daß Stohrer in früherer Zeit lange in Ägypten tätig war, wo er Umgang mit der in Alexandria ansässigen Familie Heß pflegte und auch Rudolf Heß gut kannte.

All diese Aspekte fügen sich in das Puzzle von Flügen, die Heß in den zwölf Monaten nach Mai 1940 unternahm, ganz glatt ein; Einzelheiten dazu sind in Martin Allens Buch zu finden, aber auch in den Erinnerungen des Messerschmitt-Einfliegers Kaden (www.meinungsfreiheit.de), der dort genaue Angaben zum Flieger Heß und seinen Übungsflügen gemacht hat. Ein Buch von Nesbit und Van Acker („The Flight of Rudolf Hess“, Sutton 1999), das sich speziell mit technischen Fragen des Fluges befaßt, ist in seiner Darstellung nicht sehr überzeugend und enthält diverse technische Ungereimtheiten.

Es ist in hohem Maße wahrscheinlich, daß sowohl in Madrid als auch in der Schweiz deutsch-britische Gespräche stattgefunden haben, bei denen Heß eine Schlüsselrolle zukam. Schon im ersten Kriegsjahr, 1939/40 hatte es, folgt man den Ausführungen Martin Allens in „Hidden Agenda“, deutsche Kontakte mit dem Herzog von Windsor in Spanien und Portugal gegeben, an denen sogar Heydrich beteiligt war. Einen weiteren und äußerst wichtigen Part spielte in diesem Zusammenhang die Familie Haushofer, und zwar sowohl der junge Albrecht Haushofer, der Ende April 1945 in Berlin ermordet wurde, vermutlich von der Gestapo, als auch sein Vater, Professor Karl Haushofer, über den erste Fäden zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich gesponnen wurden. Als Professor für Geopolitik in München war er Anfang der zwanziger Jahre der Lehrer von Rudolf Heß gewesen, dem dieser auch in der Folgezeit sehr verbunden blieb.

Für Martin Allen handelte es sich bei den Gesprächen in den Jahren 1940/41 – ob sie nun von deutscher Seite oder, wahrscheinlicher, von London aus eingefädelt wurden – um eine Falle, die Churchills Strategic Operations Executive, SOE, den Deutschen stellte, um sie in einen Krieg mit der Sowjetunion zu treiben und auf diese Weise den deutschen Druck auf Großbritannien zu vermindern. Allen befaßt sich weniger mit der Frage, ob es wirklich eine Friedenspartei auf britischer Seite gab, möglicherweise unter der Führung des Herzogs von Hamilton, dem Ersten Schottischen Peer; für ihn ist am wichtigsten, daß die Deutschen dazu gebracht wurden, daran zu glauben und so einen Krieg gegen die Sowjetunion zu wagen.

Der mysteriöse Tod von Albrecht Haushofer

In dem Moment, als Hitler losmarschierte, wurde Heß überflüssig, er konnte jedoch nicht freigelassen werden, weil er ja über die Vorgeschichte Bescheid wußte und es mußten auch alle entsprechenden Spuren beseitigt werden. Diese Vertuschungsaktion fand sofort nach Kriegsende statt; alle in Deutschland greifbaren Papiere wurden beschlagnahmt. Im Frühjahr 1946 begegneten sich Professor Haushofer und Heß ein letztes Mal in Nürnberg; wenige Tage später starben Haushofer und seine (halbjüdische) Frau unter mysteriösen Umständen. Ihr Tod wurde als Selbstmord angesehen. Martin Allen berichtet jedoch in seinem Buch, daß insbesondere Kim Philby, ein Mitglied des von Moskau rekrutierten und in London aktiven „Cambridge Five“ bei dieser Aktion an entscheidender Stelle tätig war. Als sowjetische Spione hatten Philby und sein Kreis schon während des Krieges Kenntnis von den deutschbritischen Gesprächen, so daß Moskau frühzeitig über alle Entwicklungen Bescheid wissen konnte. Nach seiner Enttarnung um 1960 floh Philby in die Sowjetunion.

Ein weiteres Ereignis, das man auf den ersten Blick nicht mit der nachträglichen Beseitigung von Spuren in Verbindung bringt, das jedoch schon früh eine Rolle gespielt haben mag, ist die Ermordung Heydrichs in Prag im Mai 1942. Sie wurde zwar von tschechischen Widerstandskämpfern ausgeführt – Heydrich war ja Statthalter des Deutschen Reiches in der Prager Burg – die Täter kamen jedoch aus England. Eine Beseitigung Heydrichs wäre wegen seiner Kenntnisse über die deutsch-britischen Gespräche nützlich gewesen, er kam auch als zukünftiger Gesprächspartner nicht in Frage, im Gegensatz vielleicht zu den Haushofers.

Das Buch „Double Standards“ von Lynn Picknett et al. (Little, Brown and Co. 2001) gibt uns eine detailliertere Analyse der politischen Situation in Großbritannien während der ersten Kriegsjahre. Die Autoren bejahen entschieden die Frage nach der Existenz einer Friedenspartei; die Gruppe stand für sie unter der Führung des Herzogs von Hamilton, der, wie ja auch Heß, ein erfahrener Flieger war. Die Frage bleibt hier offen, ob diese Fraktion bewußt Churchill in die Hände spielte, ob sie zu einer Zusammenarbeit mit Churchills Kriegskabinett gezwungen wurde – politische Gegner der Regierung waren bereits interniert worden – oder ob der Premierminister ihre Bemühungen um einen Frieden lediglich als Köder für Hitler einsetzte. Demgegenüber wird in diesem Buch die pro-deutsche Haltung des britischen Adels, bis hinauf zur Königsfamilie entschieden hervorgehoben, wie auch die Bemühungen dieser Kreise, den Krieg mit Deutschland zu beenden.

„Double Standards“ behandelt in großer Ausführlichkeit die verschiedenen Orte, an denen Heß gefangen gehalten wurde, die Einzelheiten seiner Verlegungen und die Bedingungen seiner Haft.

Ungeklärter Flugzeugabsturz

In der zweiten Hälfte des Werkes werden Bemühungen seitens des Herzogs von Kent, des jüngsten Bruders des britischen Königs, beschrieben, Rudolf Heß außer Landes zu bringen, möglicherweise nach Schweden. Der Tod des Herzogs von Kent beim Absturz seines Sunderland-Flugbootes 1942 in Schottland ist eine Tatsache, und die Autoren führen eine Reihe von Indizien an, die belegen könnten, daß Heß an Bord war und somit ebenfalls im schottischen Hochland seinen Tod fand. Wie bereits erwähnt, ist eine solche Theorie jedoch nicht völlig überzeugend, wenn auch die Umstände des Absturzes der Sunderland nie vollständig geklärt worden sind.

Es wäre in einem solchen Fall auch nötig gewesen, einen „Doppelgänger“ für Heß in Szene zu setzen, ein Unterfangen, das zwar nicht unmöglich, aber ohne Zweifel recht schwierig gewesen wäre. Heß’ Verhalten im Nürnberger Prozeß, bei dem er täglich mit engen Bekannten aus dem Dritten Reich zusammentraf, ist zwar als ungewöhnlich und sprunghaft beschrieben worden, doch kann man sich nur schwer vorstellen, daß Leuten wie Göring ein Doppelgänger nicht aufgefallen wäre.

Die Doppelgänger-Theorie

In einem Buch über Heß („The Murder of Rudolf Hess“, Hodder and Stoughton 1979) unterstützt Hugh Thomas, seinerzeit Arzt im Spandauer Gefängnis, die Doppelgänger-These unter Hinweis auf fehlende Narben einer Verwundung von Heß im 1. Weltkrieg. Seine Untersuchungen waren jedoch recht oberflächlich; außerdem berichtet ein aus Nordafrika stammender späterer Krankenpfleger, der Heß in dessen letzten Jahren im Spandauer Gefängnis versorgte, dieser habe sich mit ihm in arabischer Sprache mit ägyptischem Akzent unterhalten – für den echten Heß durchaus plausibel, er war ja in Ägypten aufgewachsen, für einen Doppelgänger äußerst unwahrscheinlich. Man weiß natürlich nicht genau, ob der Krankenpfleger die Wahrheit gesagt hat.

Die meisten heutigen britischen Autoren sind sich darüber einig, daß Churchill in dieser oder jener Weise die Deutschen in einen Krieg gegen die Sowjetunion lotste, dann die Entwicklung abwartete und schließlich an die Seite Stalins trat, als es der Wehrmacht nicht gelungen war, den Feind in einem ersten Ansturm zu vernichten.

Die sowjetischen Vorbereitungen für einen Krieg gegen Deutschland (und vielleicht auch gegen den Rest Europas) sind in letzter Zeit in einer Reihe von Veröffentlichungen diskutiert worden, die sich darin einig sind, daß der Aufmarsch der Roten Armee im Westen des Landes eine Offensive im Sommer oder Herbst 1941 zugelassen hätte, der die Deutschen nur zuvorgekommen sind. Stalin hatte, wie mehrere Autoren nachweisen, im Westen eine Streitmacht zusammengezogen, die auf einen Angriff aus zwei nach Westen hineinragenden Gebieten ausgerichtet war, jedoch aus verständlichen Gründen hinter sich keine Verteidigungslinien aufgebaut hatte und somit durch den deutschen Angriff schnell und völlig zerrüttet wurde.

Churchills Rolle

Im Hintergrund der zahlreichen Bücher, die der britischen Politik in den ersten Jahren des 2. Weltkriegs gewidmet sind, steht die Frage nach den Gründen für Churchills antideutsche Haltung, die Frage, ob er sich über die möglicherweise entsetzlichen Konsequenzen seiner Politik im Klaren war und die Frage, inwieweit er die sich abzeichnende Entwicklung guthieß. „Double Standards“ spekuliert, daß Heß London gegenüber eventuell so weit gegangen sei, eine Veränderung an der Spitze des Deutschen Reiches vorzuschlagen – mit Hitler auf den mehr zeremoniellen (und vakanten) Posten eines Reichspräsidenten und Heß mit dem Posten des Reichskanzlers. Eine solche deutsche Konzessionsbereitschaft, verglichen mit der früheren starren Haltung, etwa in München, könnte einleuchten, denn die britische Haltung hatte sich seither ja durch den Kriegeintritt Londons und durch die massive britische Aufrüstung erheblich verändert.

Was an der britischen Geheimaktion – wenn sie denn in der beschriebenen Weise erfolgt ist – erschreckt, ist die Skrupellosigkeit, mit der die Regierung Churchills daranging, zwei Diktaturen gegen einander auszuspielen. Der Ausgang eines solchen Duells war durchaus unklar; sicher war lediglich, daß die Freiheit und Unabhängigkeit ganz Osteuropas preisgegeben wurde, egal wie der Krieg im Osten ausging. Diese Tatsache entwertet den möglichen Einwurf, daß London keinesfalls einen Frieden mit dem Reich hätte abschließen können, weil Großbritannien ja gerade in den Krieg eingetreten war, um die Integrität Polens zu garantieren. Es sind vielleicht diese Überlegungen moralischer Natur, in denen sich das Unbehagen britischer Autoren widerspiegelt in Bezug auf Entscheidungen, die damals von einer Handvoll Leuten in Whitehall in ihrem Namen und über ihre Köpfe hinweg getroffen wurden.

Antideutsche Verbohrtheit

Ein Hinweis auf die Motive Churchills findet sich vielleicht in den Dokumenten, die in der deutschen Ausgabe von Martin Allens Buch „Churchills Friedensfalle“ abgebildet sind; im englischen Original werden sie nur im Text zitiert. So schreibt etwa Robert Vansittart, Ständiger Berater des Foreign Office, im September 1940 seinem Außenminister Halifax eine Notiz, in der er sich zu einem Friedensfühler äußert, der von deutscher Seite via Stockholm ausgestreckt wurde; Hitlers persönlicher Rechtsanwalt, Dr. Weißauer, hatte den britischen Botschafter, Mr. Mallet, angesprochen:

„Ich hoffe, Sie werden Mr. Mallet anweisen, unter keinen Umständen Dr. Weißauer zu treffen. Die Zukunft der Zivilisation steht auf dem Spiel. Es heißt jetzt du oder ich, und entweder muß das Deutsche Reich untergehen oder unser Land, und nicht nur untergehen, sondern wirklich untergehen. Ich glaube, es wird das Deutsche Reich sein. Das ist durchaus nicht dasselbe, als wenn man sagen würde, Deutschland muß untergehen, aber das Deutsche Reich und die Reichsidee sind seit 75 Jahren der Fluch der Welt, und wenn wir es diesmal nicht anhalten, schaffen wir es nie, und sie werden uns anhalten. Der Feind ist das Deutsche Reich und nicht bloß der Nazismus, und wer das noch nicht begriffen hat, hat überhaupt nichts begriffen und würde uns in einen sechsten Krieg führen, selbst wenn wir den fünften überstehen würden. Jedwede Möglichkeit für einen Kompromiß ist jetzt entfallen, und es muß ein Kampf bis zum Ende sein, und zwar bis zu einem wirklichen Ende.“ (Unterstreichungen im Original)

Dieser Brief zeichnet ein sehr lehrreiches Bild in Bezug auf die geistige Haltung der kleinen Gruppe von Männern, die 1940 in London an der Regierung waren. Der Kampf gegen Hitler war sekundär, es ging nur darum, im Rahmen eines größeren Kampfes Deutschland als politische Kraft zu eliminieren, um das Empire zu erhalten. Wenn Vansittart von einem „fünften Krieg“ spricht und Halifax ihn offensichtlich versteht, fragt man sich automatisch nach den vier anderen. Der 1.Weltkrieg war natürlich die Nummer vier, aber die restlichen drei Kriege, in denen England nach 1860 gegen das Reich stand, sind etwas geheimnisvoll, denn es hatte ja keine offenen Feindseligkeiten zwischen den beiden Ländern gegeben. Man kann nur vermuten, daß die Kriege, die Preußen 1864, 1866 und 1870/71 gegen dritte Länder geführt hatte, für Vansittart echte britische Kriege gegen ein sich bildendes Deutsches Reich waren. Solche Überlegungen führen zu interessanten Schlußfolgerungen hinsichtlich geheimer britischer Aktivitäten hinter den Szenen der europäischen Politik im 19. Jahrhundert.

Der Hass Vansittarts auf das Deutsche Reich war zweifellos krankhaft; dies kommt in einem Pamphlet („Black Record, Germans Past and Present“, Hamish Hamilton 1941) zum Ausdruck, das er Dorothy Thompson widmete und das auf einen raschen Kriegseintritt der USA abzielte. Er sieht keinerlei Unterschied zwischen dem Kaiserreich und Hitlers Politik und fordert die Welt auf, das Deutsche Reich, in welcher Form es auch immer auftritt, zu Boden zu schlagen. Er schildert ein Erlebnis auf einem deutschen Segelschiff, auf dem er als junger Mann gereist war: ein Neuntöter, den er mit dem Deutschen Reich gleichsetzt, spießte seine Beute an irgendwelchen Dornen auf, Vansittart war davon so erbost, daß er eine Pistole zog und den Vogel vom Deck aus mit Schüssen zu erledigen suchte. Ob so etwas sich wirklich zugetragen hat oder nur der Phantasie entsprang – der Schluß drängt sich auf, daß es sich um einen kranken Geist handelte, der vielleicht auf diese Weise seine deutsche Abstammung vergessen machen wollte.

Der naive Widerstand

Im Zusammenhang mit dem 60. Jahrestag des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 ist auch die Frage wieder diskutiert worden, welche Haltung die westlichen Alliierten, und hier vor allem London, in Bezug auf den deutschen Widerstand hatten. Auch hier ist es interessant und lehrreich, daß eine sehr kritische Einschätzung der britischen Politik in dieser Sache von einem englischen Autor stammt. Richard Lamb hat in zwei Büchern „The Ghosts of Peace“ (urspr. Titel „Whitehall Madness“, Michael Russell 1987) und „The Drift to War“, (W.H. Allen & Co. 1989) die Zeit zwischen dem Ende des 1. und des 2. Weltkriegs beleuchtet; in dem ersterwähnten Buch (in Deutschland unter dem Titel „Der verfehlte Frieden“ erschienen) befaßt er sich in der Hauptsache mit den von britischer Seite unausgenutzten Möglichkeiten, den 2. Weltkrieg frühzeitig zu beenden, mit unsinnigen alliierten Projekten zur Entmannung Deutschlands, wie etwa dem Morgenthau-Plan, die den Krieg um ein Jahr verlängerten und katastrophale Konsequenzen hatten, vor allem aber auch mit der unvernünftigen Haltung Londons gegenüber dem deutschen konservativen Widerstand. In den Tagen nach dem 20. Juli 1944 überschritt die britische Politik durch BBC-Sendungen die Grenze zum Verrat an Männern wie Adam von Trott und vielleicht sogar auch an Albrecht Haushofer, die unter Übernahme extremer persönlicher Risiken eine Verbindung zu London aufgebaut und aufrechterhalten hatten, um das Schlachten der europäischen Völker untereinander zu verhindern oder wenigstens zu verkürzen. Lambs Analyse läuft in die gleiche Richtung wie die von Martin Allen: es ging nicht um die Niederwerfung Hitlers, Ziel war die Zerstörung Deutschlands als Macht im Zentrum Europas.

Churchills Fiasko

In ihrem Bemühen das Empire zu retten brachten es Churchill und seine Männern nicht nur fertig, am Ende alles zu verlieren, was sie zu erhalten versucht hatten; es erreichten gleichzeitig, halb Europa in den Ruin zu treiben und den Rest, einschließlich ihres eigenen Landes, extrem zu schwächen. Die Autoren von „Double Standards“ diskutieren des längeren, welche Tragödien allen Beteiligten erspart geblieben wären, wenn Heß’ Mission zu einem Erfolg geführt hätte. In einer fast schon hämisch zu nennenden Analyse betrachten sie die Art Europa, die sich aus einem halbwegs vernünftigen Frieden mit Deutschland hätte ergeben können und vergleichen sie mit der jetzigen Situation Europas – die Unterschiede sind für sie minimal, von der Verschiebung der deutsch-polnischen Grenze einmal abgesehen.

Martin Allen stellt uns Heß als sympathischen, mutigen und ehrenwerten Menschen vor, die vier Autoren von „Double Standards“ gehen jedoch einen großen Schritt weiter. Vier Hauptleuten gleich, tragen sie Rudolf Heß wie den toten Hamlet auf die Bühne und rufen ihm nach „er hätte, wär’ er hinaufgelangt, unfehlbar sich höchst königlich bewährt“. Insofern ist es unwichtig, ob er seine letzte Ruhestätte in Wunsiedel neben seinen Eltern gefunden hat oder aber irgendwo in Schottland, neben den armen Kerls, die auf Eagles Rock mit dem Herzog von Kent ihr Leben verloren haben.

Weiterhin Geheimhaltung

Das letzte Buch zu diesem Thema kann noch nicht geschrieben werden, weil gewisse und möglicherweise entscheidende Dokumente noch bis 2017 einer Sperrfrist unterliegen und andere Akten aus den offiziellen Archiven in die Archive der britischen Krone verlagert und dadurch normalen Offenlegungspraktiken entzogen worden sind. Allein dieser Umstand zeigt, daß die Königsfamilie mit dem Fall Heß etwas zu tun hatte – sonst könnte sie diese Akten nicht beanspruchen. Jedoch enthält auch die heutige Literatur schon so viele Hinweise, die darauf warten, untersucht zu werden, und wir können hoffen, daß bald noch mehr Licht auf jene Ereignisse fallen wird, die unsere heutige Welt in so starkem Maße geformt haben – und auch weiterhin gestalten.

Zuerst veröffentlich in The Revisionist 2(1) (2004), S. 105–107 mit Überarbeitungen durch den Verfasser.