Bücherschau

Kriegsverbrechen

Von Jeremias Goldzahn

Franz W. Seidler/Alfred de Zayas (Hg.), Kriegsverbrechen in Europa und im Nahen Osten im 20. Jahrhundert, Mittler & Sohn, Hamburg 2002, 380 S., €19,90.

Kriegsverbrechen als Einschlaflektüre – oder: Wie kann man die Brutalitäten eines ganzen Jahrhunderts behandeln, ohne Emotionen aufkommen zu lassen? Trotz großer Sachkunde und vieler guter Ansätze muß dem Werk auch dieses zweifelhafte Verdienst zugesprochen werde.

Um das ganze Jahrhundert zu umfassen, sind die Beiträge oftmals zu allgemein und pauschal, und es bleibt zu wenig Raum für die konkrete Abhandlung von Streitfragen, vor allem in Bezug auf den 2. Weltkrieg, wo auch notwendige Wertungen und Schlußfolgerungen fehlen.

50 Experten behandeln das Thema Kriegsverbrechen in 140 chronologisch geordneten Beiträgen. Beginnend bei den Burenkriegen und dem 1. Weltkrieg (50 Seiten) bilden Kriegsverbrechen im 2. Weltkrieg den Hauptteil des Werkes (185 S.). Weitere 40 Seiten sind den Verbrechen der Besatzungsmächte nach 1945 und jeweils 10 Seiten dem israelisch-arabischen Konflikt, dem Irakkrieg 1990/91 und den Balkankriegen nach 1990 gewidmet.

Mit solcherart trockenen Daten sind auch viele Beiträge gefüllt, so erfährt man, daß im 1. Weltkrieg in Frankreich 18 Firmen Chlor und Phosgen produzierten, und die deutsche Gesamtproduktion 18.000 Tonnen Phosgen und 11.600 Tonnen Bi-Phosgen betrug, daß 45 verschiedene Stoffe zum Einsatz kamen, von denen 18 mehr tödlich, 27 mehr reizend waren. Diese Angaben mögen die sachlich-nüchterne, ja geradezu entemotionalisierte Behandlung des Themas veranschaulichen, wobei die Einsicht durchaus nicht proportional mit der Menge der Einzeldaten wächst.

Die Definition der Kriegsverbrechen erfolgt gemäß der zum Zeitpunkt des Geschehens geltenden Konventionen – mit einer gewichtigen Ausnahme: auch das „Londoner Abkommen über die Verfolgung und Bestrafung der Hauptkriegsverbrecher der europäischen Achse“ vom 8.8.45 mit dem Nürnberger Statut für den IMT wird hierzu gerechnet, obwohl eine Vereinbarungen der Sieger zwecks Verurteilung der unterlegenen Kriegspartei, noch dazu rückwirkend, alles andere als völkerrechtlich annehmbar ist. Eine solche Vorgehensweise, zudem noch getarnt mit dem Mäntelchen der Gerechtigkeit, hätte selbst als Kriegsverbrechens aufgeführt werden müssen – wie das im Falle der „NKWD-Verfahren gegen Wehrwolf-Verdächtige“ in der östlichen Besatzungszone gemacht wird.

Um die Stoffmenge zu bewältigen, werden in einem allgemeinen Teil die für Kriegsverbrechen relevanten Kriegsstrategien behandelt (beim Ersten Weltkrieg z.B. die Blockadepolitik und der Gaskrieg, beim Zweiten Weltkrieg die amerikanische, britische und deutsche Luftkriegsdoktrin u.a.), wie auch häufig vorkommende Verbrechen (Erschießung von Kriegsgefangenen, Angriffe auf Lazarettschiffe usw.). Dem folgt jeweils eine Rubrik „Einzelfälle“, (beim Zweiten Weltkrieg 60 Beiträge). Der Teil „Nachkriegsverbrechen durch Besatzungsstreitkräfte“ enthält leider nur ganz komprimierte Zusammenfassungen. Daher sucht man vergeblich eine Überschrift „Rheinwiesen“ oder „Sinzig“, nur das Ortsregister gibt diese Stichworte an und verweist auf Seiten unter der schlichten Überschrift „Internierungslager in der amerikanischen Besatzungszone“.

Man vermißt eine Auflistung der Städte, die durch Terrorbombardement in Schutt und Asche gelegt wurden und kann nur schlußfolgern: hier geschahen Verbrechen derartig „en gros“, daß sie einzeln gar nicht mehr aufgeführt werden können. Ein Stichwort „Plünderungen“ im Sachregister gibt ein paar Verweise, aber der Diebstahl von Armbanduhren, Füllfederhaltern usw., der bei der Gefangennahme durch Amerikaner wie Sowjets die Regel war, bleibt ebenso unerwähnt, wie das mutwillige Zerstören von Porzellan bei NS-Frauenschaftsleiterinnen. Allerdings versinkt derlei in Bedeutungslosigkeit, wenn in einzelnen Städten nach Massen-Vergewaltigungen durch die Rote Armee 2000 Selbstmorde zu beklagen sind – (bei nur 18.000 bis 20.000 Einwohnern – z.B. Neubrandenburg und Demmin – S. 253).

Dies führt vor Augen, welche Brisanz das Thema Kriegsverbrechen hat, sobald es sachlich und ohne Propagandaklischees in seiner ganzen Bandbreite abgehandelt würde. Es ist klar, daß ein solcher Versuch heutzutage angesichts des Druckes auf politische Korrektheit in der BRD gar nicht gelingen kann. Dieses Buch veranschaulicht die ganze Zwangslage der heutigen Geschichtsforschung: Wollte man schonungslos alle gegen Deutschland gerichteten Propagandalügen aufdecken, dann würde man keinen Verleger finden und wäre auf „Samisdat“ (sprich Bedeutungslosigkeit) angewiesen. Also bleibt nur, dem Thema so viel wie möglich an Brisanz zu nehmen oder gar durch unsachliche, aber politisch korrekte Autoren „auszugleichen“. Bezeichnenderweise finden sich deren Anschuldigungen – nur gegen Deutsche – vor allem in den allgemeinen Kapiteln, wo Behauptungen nicht durch konkrete Angaben untermauert werden – oder die angegebenen Tatsachen sind nicht geeignet, das Behauptete zu untermauern (s.u.).

Im Vorwort wird darauf hingewiesen, daß die einzelnen Fälle „weder qualitativ noch quantitativ gewichtet“ werden. „Größere und kleinere Verstöße gegen das Kriegsvölkerrecht, Massenhinrichtungen und Einzelverbrechen, wirkliche und vorgebliche Verbrechen stehen nebeneinander“, (allerdings ohne die gröbsten Kriegslügen, wie z.B. die abgehackten Kinderhände in Belgien). Doch wozu soll man sich mit Kriegsverbrechen befassen, wenn man daraus keine Bewertung und Schlußfolgerung ziehen will? Hier befinden wir uns wieder mitten im zeitgeschichtlichen Dilemma der politischen Korrektheit, das bei diesem Buch überall zutage tritt.

Es drängt sich leider der Eindruck auf, daß auch dem Leser eine abschließende Bewertung unmöglich gemacht werden soll – außer dem gerade noch erlaubten Allgemeinplatz, daß Kriegsverbrechen eben von allen Seiten und zu allen Zeiten verübt werden. Daher werden wohl auch die Kriege nach dem 2. Weltkrieg einbezogen. Das bewahrt den Band zudem davor, mit den Kriegsverbrechen der Besatzungsmächte zu enden – dem vielleicht interessantesten Kapitel des Buches, auch wenn die Greuel und Verbrechen nur summarisch behandelt werden (Nur in einem einzigen Fall – nämlich den NKWD-Speziallagern – erfolgt das mit einer Liste, die Übersicht über 8 Lager mit „Durchgängen“ und Zahl der Todesopfer gibt). Man sucht vergeblich die Millionenzahl, die James Bacque als Todesopfer der völkerrechtswidrigen Maßnahme Eisenhowers angibt, der deutsche Kriegsgefangene als Disarmed Enemy Forces „ohne Rücksicht auf das Kriegsvölkerrecht als eine entwaffnete Masse bar aller völkerrechtlich garantierten Rechte“ behandeln ließ. Irritierend ist der diesbezüglich oftmals apologetische Ton, etwa: „Bis Juli 1945 wurden 2.000.000 Menschen Opfer von Maßnahmen, die sicherstellen sollen, daß die Besiegten zu keinem Risiko für die Sieger werden konnten.“ Bei völkerrechtskonformen Vorgehen hätte sich dieses Problem gar nicht gestellt: hätten die Sieger mit der Regierung des besiegten Landes einen Friedensvertrag geschlossen, hätte diese für die Sicherheit der alliierten Truppen bis zu deren (alsbaldigem) Abzug gehaftet. Erst die völkerrechtswidrige Zielsetzung, das Land mit „Demokratie“ zu beglücken hat weitere massive Völkerrechtsverstöße zur Folge, wie sie sich heute vor unseren Augen im Irak wiederholen: Verhaftung der Regierung, womit den Kriegsgefangenen wie auch den Zivilisten ihre Schutzmacht genommen wird. Trotz der 50 Seiten Anhang „Kommentar zum Kriegsvölkerrecht“ wird weder Art. 20 der Haager Landkriegsordnung erwähnt – „Nach dem Friedensschlusse sollen die Kriegsgefangenen binnen kürzester Frist in ihre Heimat entlassen werden“ – noch die Genfer Konvention, die verlangt, daß nach Beendigung der Kampfhandlungen alle Kriegsgefangenen unverzüglich freizulassen sind. Statt bei der Entwicklung des Kriegsvölkerrechts ins Altertum und Mittelalter auszuweichen, hätten besser brandaktuellen Themen erörtert werden sollen, wie eben die Problematik, Kriegsgefangene lange nach Kriegsende inhaftiert zu halten oder die Willkür, sie als Strafgefangene zu behandeln (um so politische Gegner auszuschalten) wie es uns in Afghanistan und im Irak vorgeführt wird.

Ferner hätte auch die widerrechtliche Usurpation der Staatsgewalt durch die Alliierten nach dem 2. Weltkrieg als Kriegsverbrechen bezeichnet und aufgeführt werden müssen. Wenn die Sieger das   besiegte   Land   seiner   legalen Machtstruktur berauben, um ihm eine ihnen genehme Regierung oder gar Regierungsform aufzuzwingen, so verstößt dies gegen die Haager Landkriegsordnung. Eine so erzwungene Staatsform kann niemals „Demokratie“ im Sinne einer Volksherrschaft sein, weil ja das gesamte besiegte Volk nichts zu sagen hat. Dieser  Sachverhalt  wird  auch  nicht durch „Wahlen“ geändert, wenn die Sieger schon über die Rahmenbedingungen (1945: „automatic arrest“ usw.) das neue Machtgefüge steuern. Leider kommt diese Problematik nicht einmal im Abriß über das „Kriegsvölkerrecht“ zur Sprache, obwohl sie ja von entscheidender Bedeutung für die Beurteilung heutiger wie damaliger Vorgänge ist und die Legitimität der BRD umfaßt.

Die fehlende Wertung ist zweifellos eine durchgehende Schwäche des Buches. Obwohl es vom Ansatz her richtig ist, die Vorgeschichte eines Ereignisses mit einzubeziehen und dem Leser mit möglichst vielen Details eine fundierte eigene Beurteilung zu erlauben, hätte vieles knapper formuliert werden können, wenn die Autoren klarer Stellung bezogen hätten. So hält sich der Verfasser z.B. beim Fall Marzabotto bedeckt, weil italienische Militärgerichte die beiden Deutschen Reder und Kappler zu lebenslänglicher Haft verurteilten und rund 40 Jahre inhaftiert hielten (mit Status als Kriegsgefangene). Zwar werden im Fall Reder ausführlich die Gesichtspunkte genannt, die gegen einen fairen Prozeß sprechen, aber der Leser muß selbst die Schlußfolgerung treffen, daß das Urteil Unrecht war (wie auch 1996 bei der Verurteilung von Hauptsturmführer Priebke zu lebenslänglicher Haft). Andererseits fühlt man sich verkohlt, wenn bei der völkerrechtswidrigen jahrelangen Zwangsarbeit deutscher Kriegsgefangenen in der UdSSR irgendein Beschluß eines sowjetischen Gremiums als „rechtliche Grundlage“ angeführt wird.

Trotz der Bemühungen, keine Emotionen aufkommen zu lassen, hat allein schon die Unterscheidung zwischen wirklichen und vorgeblichen Kriegsverbrechen zu Rezensionen mit Schlagworten wie „rechtslastig“ oder „Aufrechnungsmentalität“ geführt. Sogar seitens des Verlags fühlt man sich bemüßigt zu beteuern, daß das Buch „nicht neonazistisch“ sei! So ergeht es heutzutage Geschichtsforschern, wenn sie auch Kriegsgreuel nennen, die an Deutschen verübt wurden oder – ‚noch schlimmer‘ – einen Teil der Deutschland zur Last gelegten Verbrechen (etwa die Bombardierung von Warschau, Rotterdam, und Coventry) als mit dem Völkerrecht in Einklang nachweisen. Es werden aber durchaus nicht alle Propagandalügen über deutsche Kriegsverbrechen als solche erkannt und widerlegt. Wichtige Forschungsarbeiten (Walendy, Taege) bleiben ungenannt.

Der Großteil der Beiträge zeichnet sich durch Sachkunde und Sachlichkeit aus. Daneben gibt es aber auch einzelne Artikel, die schon vom eifrigen Gebrauch von Propaganda-Floskeln und der emotionalen Diktion her auffallen – und allesamt antideutsche Greuelpropaganda betreiben. Dies betrifft meist die allgemeinen Übersichten (Einsatzgruppen usw.).

So heißt es etwa unter der Überschrift „deutsche Kriegsverbrechen in Polen 1939“ (Horst Rohde)

„Als Hitler erkennen mußte, dass die von ihm praktizierte Friedensdiplomatie gegen Polen nicht zum Erfolg führen würde, machte er das Auswärtige Amt und die SS zu Gesellen seines Vernichtungswillens.“

Was sagt dieser Satz eigentlich aus? Da wird Bezug genommen auf die – allen Historikern bekannte – Friedensdiplomatie Hitlers, und im nächsten Atemzug wird – natürlich ohne Dokumentation – (die sich ja in der BRD wegen Offenkundigkeit erübrigt) ein Vernichtungswille postuliert. Zwar wird zugegeben, daß sich die Wehrmacht weitgehend korrekt benahm,

„allerdings war es [...] versäumt worden, die Soldaten mit den Besonderheiten des auf sie zukommenden Krieges vertraut zu machen. Das betraf insbesondere die Wirkung der verbundenen Waffen und die Einbeziehung der Zivilbevölkerung in Kriegshandlungen. Wo sich die Bevölkerung nicht rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte, wurde sie häufig von den Kampfhandlungen betroffen und erlitt enorme Verluste [...] Große Opfer kostete die polnische Bevölkerung auch die grenznahe Verteidigung ihres Landes durch die Streitkräfte, die im Vertrauen auf ihre Offensivstärke eine Evakuierung nicht für erforderlich gehalten hatten.“

Da fragt man sich doch, worin nun eigentlich die Kriegsverbrechen der Deutschen bestanden – etwa darin, daß die Polen ihre eigenen Leute nicht rechtzeitig evakuierten? Aber es kommt noch schlimmer. Während Heinz Magenheimer in Nr. 54: „Morde an Volksdeutschen in Polen 1939“ darauf hinweist, daß polnische Behörden bereits vor Kriegsausbruch Listen über 10.000 bis 15.000 zu verhaftende Deutsche angelegt hatten, bemüht Horst Rohde „deutsche Agenten und Sonderkommandos“; diese seien

„bereits vor Beginn des Angriffs nach Polen eingeschleust worden und lieferten den Anlaß, die vorhandenen polnischen Pläne für Repressionen gegen Volksdeutsche zu aktivieren, wie sie sich im ‚Bromberger Blutsonntag‘ zeigten.“

Also: wenn man nur eifrig genug sucht, (er)findet man auch für brutalste Mißhandlungen und Ermordungen an Deutschen noch einen Vorwand, um letztlich wieder den Deutschen selbst die Schuld zuweisen zu können.

Aber eigentlich sollte in dem Beitrag doch etwas über deutsche Kriegsverbrechen stehen. Da wird dann auf Wehrmachtsproteste gegen „Massenerschießungen“ des SS-Oberführers Moyrsch verwiesen, auf einen Bericht des Nuntius, es würden

„Frauen, Kinder und alte Leute nachts aus den Betten gerissen, ohne dass [sic] ihnen eine neue Wohnung zugewiesen würde, vertrieben [...]“.

Also – wenn der Nuntius sonst nichts zu beklagen hatte! Dann wird auf den Brief einer Parteigenossin bezug genommen, die von systematischer Ausrottung spricht,

„In Bromberg sind Tausende und Abertausende unschuldige Menschen  [...] erschossen worden; sämtliche Lehrer und Lehrerinnen, Arzte und Arztinnen, Rechtsanwälte [offenbar nicht die Rechtsanwältinnen???...] soweit sie noch lebten [!] sind zu Tausenden aus den Schulen vor den Augen der Kinder [...] von der Gestapo verhaftet und in Zuchthäuser und Gefängnisse gesperrt (worden) [...]

Bei diesem Zitat macht nicht nur die neue Rechtschreibung stutzig. Angesichts der Nennung der weiblichen Berufszusätze, die damals ja nicht üblich waren, wirkt das Zitat weder authentisch noch glaubwürdig. Nachdem man auf blutrünstige Greuel eingestimmt wurde, („vor den Augen der Kinder“) platzt der dramatisch-propagandistische Luftballon: er geht nicht etwa um Erschießungen, sondern um Verhaftungen. Daß man Lehrer, wenn man sie als Gruppe verhaftet will, von der Schule wegholt, ist wohl schwerlich ein Zeichen von Bosheit, sondern von Zielgerichtetheit. Wer solch wirre Äußerungen als Beweis für Verbrechen anführt, muß sich fragen lassen, ob er nichts Stichhaltigeres anführen kann.

Ähnlich verhält es sich mit einem Beitrag über die SS-Einsatzgruppen in der UdSSR von Jörg Friedrich. Interessant ist seine Bewertung, Himmlers Polizeiorgane seien Irreguläre gewesen, weil ihnen „das Kombattantenmerkmal der Anerkennung der Kriegsrechtsregeln“ gefehlt habe. Nach diesem Maßstab sind auch die Amerikaner im Irak Irreguläre. Und weiter: nach der Logik können Sie, wenn Sie im Verkehr die Höchstgeschwindigkeit überschreiten, gegenüber der Polizei einen Status als Kriegsgefangener geltend machen, und bei einem Bankraub brauchen Sie sich auch nicht von Polizisten der BRD verhaften lassen. Oder hat die eine Besatzungsmacht mehr Rechte als die andere?

Diese wenigen, aber um so dümmlicheren Artikel scheinen dem Band beigefügt worden zu sein, weil sonst offenbar würde: den Deutschen wurden landläufig viel mehr Verbrechen angelastet, als sie tatsächlich verübt haben, und andererseits haben die Alliierten an den Deutschen solch umfangreiche Verbrechen begangen, daß diese im einzelnen kaum mehr aufgeführt werden können.

Zu der großen Zahl alliierter Greuel durch einzelne Soldaten kommt der tiefgreifende Umfang an Völkerrechtsverletzung auf Regierungsebene, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen (u.a. Einsetzung von Vasallenregierungen in Ost und West), die im Buch aber gar nicht genannt werden.

Eine weitere Endbewertung fehlt: den Deutschen liegen Greuelexzesse nicht. Wenn als Beleg für deutsche Greuel angeführt wird, daß die Deutschen deswegen Fronttruppen auswechseln mußten, so beweist das genau das Gegenteil: die (über-?)hohe Moral und Sensibilität der Deutschen – wie schon Joachim Fernau feststellte, darf der deutsche Siegfried keinen Fleck auf der Weste haben. Dagegen hat man nie gehört, daß die Sowjets die vergewaltigenden und mordenden Soldaten der Roten Armee auswechseln mußten, weil sie an Gewissensbissen litten – egal wie tief sie im Blut wateten.

Die Frage, wer zur Erreichung welcher Kriegsziele zu wie verwerflichen Mittel gegriffen hat; und welche Bestialitäten für die hehre Demokratisierung in Kauf genommen wurden, bleibt somit auch 60 Jahre nach Kriegsende unbeantwortet, weil tabuisiert. Ebenso wartet die ursprüngliche Konzeption eines „Lexikon Kriegsverbrechen“ weiterhin auf einen Verleger. Selbst mit einer Themenbeschränkung auf das Jahrzehnt von 1939–1949 würde es kaum an Stoff für ein 2-bändiges Werk fehlen (z.B. Bd. 1 Kriegsverbrechen, Bd. 2: Nachkriegsverbrechen, einschließlich einer völkerrechtlichen Bewertung der BRD).