So manipulieren sie täglich

Von Walter Lüftl

Am 27.11.1993 berichtete die Frankfurter Allgemeine unter dem Titel „London wußte 1942 von den KZ-Morden“ über deutsche Untaten im Zweiten Weltkrieg. Die Meldung bezog sich auf einen Bericht des britischen Geheimdienstes, der am 26.11.1993 über Associated Press verbreitet worden war.

Nicht Morde, sondern Todesfälle

Der zeitgeschichtlich Interessierte las daraufhin besonders aufmerksam die darunter stehende Meldung, doch im Text war nicht von Morden, sondern nur von Todesfällen die Rede.

Demnach sei der damalige britische Premierminister Churchill spätestens 1942 über massenhafte Todesfälle in deutschen Konzentrationslagern informiert worden. Das gehe aus bisher geheimen Dokumenten hervor, die die Regierung in London jetzt freigegeben habe. Weiter heißt es darin, obwohl in Auschwitz offenbar Typhus (richtig: Fleckfieber! Die Übersetzer taten sich offenbar damit schwer, daß „typhus“ nicht Typhus, sondern Fleckfieber ist!) herrsche, kämen weiterhin Transporte in dieses Lager.

Wie unmenschlich!

Daraufhin ging der Leser, ein radikaler (von radix = die Wurzel) Wahrheitssuchender, an die Wurzel. Ein gemeinsamer Bekannter machte es möglich, Kontakt mit der Redaktion der britischen Zeitung „Sun“ aufzunehmen. Die um „Recherche an der Wurzel“ gebetenen Reporter von „Sun“ konnten dem Leser binnen Tagen eine Kopie des britischen Geheimdienstberichtes vom 26.9 1942 beschaffen.

In der Tat ist darin nicht von Morden, sondern von 8354 Todesfällen im August 1942 im Lager Auschwitz die Rede, wobei ausdrücklich darauf hingewiesen wird, daß wegen der ausgebrochenen Seuche eine „Lagersperre“ bestehe.

Das Dokument ist „Most secret“ und läßt erkennen, daß der britische Geheimdienst den Funkverkehr der „German police“ problemlos abhören konnte. Darunter sind Mitteilungen zu lesen wie: „die norwegische Polizei ist angewiesen worden, daß Treffen zwischen Norwegern und Schweden an der Grenze absolut verboten sind und zu verhindern seien“, „die norwegische Polizei muß täglich einen Funkbericht über die Widerstandsbewegung, Sabotage etc. senden“, „im Lager Mosjöen in Nordnorwegen ist Fleckfieber ausgebrochen und ein SS-Oberscharführer ist der Krankheit am 15.9.1942 erlegen“, usw.

Genauere Informationen über die Vorkommnisse im deutschen Einflußbereich konnte man augenscheinlich in Großbritannien nicht erlangen, wie man daraus ersieht, daß auch der an Fleckfieber verstorbene SS-Oberscharführer von Mosjöen Eingang in den „Most secret-Bericht“ vom 26.9.1942 gefunden hatte.

Für den unbefangenen Leser bleibt aber die Frage, was einen deutschen Redakteur einer angesehene deutschen Tageszeitung dazu bewegen konnte, wahrheitswidrig einen Titel „KZ-Morde“ zu erfinden, noch dazu, wenn die zitierte AP-Meldung vom 26.11.1942 dafür wirklich gar nichts hergab.

Bericht aus erster Hand? Nein! Oder doch? Ja! Aus den Fingern gesogen!

Wie tief muß man als Journalist moralisch sinken um solche, dem eigene Volk schadende Desinformation zu verbreiten?