Bücherschau

Die Weltkriege, Signatur der Humanitas

Von Rolf Wiesenberg

Gerd Schultze-Rhonhof, 1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte. Der lange Anlauf zum Zweiten Weltkrieg, Olzog, München 2003, 565 S., 34 €

Gerd Schultze-Rhonhof, pensionierter Generalmajor der Bundeswehr, hat ein Buch über die Entstehung des Zweiten Weltkrieges geschrieben, das ausführlich auf die internationalen Strömungen der damaligen Zeit eingeht und damit die „Tunnelperspektive“ vermeidet, die sich einstellt, wo Autoren sich allzusehr auf die Rolle der deutschen Politiker konzentrieren. Er gibt dem Geschehen im Vorfeld des Kriegsausbruchs in den politischen Lagern der dann kriegführenden Nationen breiten Raum.

Zu Beginn schildert der Verfasser die britisch-deutsche Rivalität und die wirtschaftlichen Beweggründe der Deutschfeindlichkeit der Engländer. Sie liegen in Deutschlands Wirtschaftsaufstieg ab 1871. Insoweit gibt es Kriegsursachen, die für beide Weltkriege gemeinsam gelten. So heißt es über die Kriegsschuld am Ersten Weltkrieg, daß Deutschland damals zwei verhängnisvolle Fehler, machte:

„Sie [die Deutschen] unterlassen es, den Deutsch-Russischen Rückversicherungsvertrag zu verlängern“

und sie versehen „den eigenen Aufschwung mit einer maritimen Komponente“, indem sie die Deutsche Flotte verstärken. Weiterhin zitiert der Autor den englischen Ministerpräsidenten Lloyd George zu den Ereignissen vom Juli 1914 mit den Worten:

„Die Völker sind in den Siedekessel des Krieges hineingerutscht.“

Zur Bewertung des Ersten Weltkrieges in der deutschen Öffentlichkeit während der Zwischenkriegszeit schreibt er:

„Die Gemengelage von Motiven, Fehlhandlungen und Schuld, die zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs führt, wird im Nachkriegsdeutschland in den 20er und 30er Jahren durchaus durchschaut. So ist es unausweichlich, daß im Reichstag 1920 keine der Parteien von links bis rechts das Diktum der ‚Alleinschuld‘ akzeptiert, das die Sieger dem deutschen Volke auferlegen. Zudem greift die Last der Reparationen, die die Siegerstaaten ab 1919 mit dieser ‚Alleinschuld‘ begründen, so tief in das Leben und den Alltag aller Deutschen ein, daß die Revision von ‚Alleinschuld‘ und Versailler Vertrag zum erklärten Ziel und zum Konsens aller politischen Gruppierungen im Nachkriegsdeutschland werden. So ergibt sich aus der Unhaltbarkeit der Alleinschuldthese, daß die auf ihr gebaute europäische Nachkriegsordnung bald zusammenbricht und innerhalb von nur zwei Jahrzehnten zu einem neuen Weltkrieg führt.“

Die dann folgenden Kapitel sind überschrieben: „Die Jahre der Anschlüsse“, „Die Wiederaufrüstung zwischen 1918 und 1939“, „Hitlers Kriegsankündigungen bis 1939“, „Der Weg in den deutsch-polnisch-sowjetischen Krieg“, „Schlußbetrachtung“ und „Bilanz“.

Die Bedeutung des Vertrages von Versailles, der Deutschland knebelte und als Unrecht empfunden wurde, wird darin ausführlich gewürdigt. Die unterschiedlichen Interessen der beteiligten Nationen, ihre innenpolitischen Probleme und die Bedeutung des Allzumenschlichen bei den Äußerungen und Taten der beteiligten Politiker finden ihren Ausdruck.

Schlußbetrachtung und Bilanz haben es dann in sich. Schultze-Rhonhof zieht aus den gründlichen Recherchen der vorangegangenen Kapitel ein detailliertes Resumé. Der Beitrag der politischen Klasse Englands, Deutschlands, Frankreichs, Polens, der Sowjetunion, und der USA zum Kriegsausbruch wird dargelegt.

Zum englischen Beitrag

„Englands Anspruch, das Selbstbestimmungsrecht der Völker zu vertreten. findet in Irland, Kenia, Ägypten, Indien, Burma und andernorts auf dieser Erde seine offenbare Widerlegung. Und Englands Erklärung, für die Demokratie zu kämpfen und seine Forderung, den deutschen Kaiser und die Fürsten abzusetzen, wirkt für ein Land, das das ‚gleiche‘ Wahlrecht knapp 50 Jahre nach dem Deutschen Reich einführt und das sich selbst von Fürsten, Herzögen und Königen regieren läßt, absurd. So werden ‚die Engländer‘ nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland nicht als fair, gerecht und friedensliebend angesehen, so wie sie selber gern gesehen werden möchten.

Gleich mit dem ‚Friedensschluß‘ von 1919 leistet England seinen ersten verhängnisvollen Beitrag dazu, daß dem Frieden bald der nächste Krieg folgt. Die britische Regierung im Verein mit den anderen alliierten Siegermächten konstruiert eine neue Variante ihrer balance of power für Europa, die auf einem auf Dauer angelegten Konflikt zwischen Deutschland, der Tschechoslowakei und Polen aufbaut. Die in Versailles vorgenommene Eingliederung des Siedlungsraumes von fast fünf Millionen Deutschen in die neu geschaffenen Staaten der Polen und der Tschechen und Slowaken und die Danzig-Pomerellen-Konstruktion sind dazu angelegt, die Deutschen, die Tschechen und die Polen ‚miteinander zu beschäftigen‘ und sie im Streit zu halten. Besonders Danzig als Kind von drei geschiedenen Elternteilen, Deutschland, Polen und dem Völkerbund mußte irgendwann zu Konflikten und Veränderungen führen. Neue Kriege sind damit seit Versailles abzusehen. Man hat das in England auch erkannt. Die britischen Regierungen seit 1920 haben diese Kriegsgefahr als Begleiterscheinung ihrer balance of power billigend in Kauf genommen, wenn nicht sogar bewußt erhalten.“

und weiter:

„In der Sudetenkrise bemüht sich England erstmals ernsthaft, ein Stück von den Versailler Schäden selber abzutragen. Hitler, der offensichtlich mehr will, als nur die Sudetendeutschen heimzuholen, dankt England diese Hilfe auf der Konferenz von München nicht. Der Diktator hegt, wie sich später zeigt, die Absicht, die ganze Tschechei dem Deutschen Reiche anzugliedern. Doch schon ehe Hitler 1939 sein Verbrechen an der Rest-Tschechei begeht, beginnt England, sich mit voller Kraft auf einen Krieg mit Deutschland einzustellen. Es verdoppelt seinen Wehretat für Rüstung, führt die ‚Sofortreserve‘ für die Flotte und einen ‚Freiwilligen Nationalen Dienst für die Verteidigung Englands‘ ein und drängt der Sowjetunion Kredite für deren Waffenkäufe auf.“

und:

„Die Briten wissen, daß Hitler 1939 vor der Wahl zwischen Verzicht, Verhandlungslösung oder Krieg steht. Sie wissen auch, daß er angesichts seiner Verantwortung für die ‚abgetrennten‘ Deutschen, angesichts der immer prekärer werdenden Lage der deutschen Minderheit in Polen und in Anbetracht der drängenden Forderung der Danziger nach Anschluß an ihr Heimatland so gut wie nicht verzichten kann. Das Deutsche Reich steht in dieser Hinsicht unter dem gleichen moralischen Druck wie die Nato-Staaten 1999 angesichts der Lage der bedrängten Kosovaren in Jugoslawien. Die Briten können sicher sein, daß Hitler unter diesen Verhältnissen nicht zum Rückzug bläst, und daß er nicht verzichten wird. So verstellen sie den Verhandlungsweg, den sie noch bei den Polen hätten öffnen können. Dabei spielen sie um fünf vor zwölf so lang auf Zeit, bis Hitler handelt und den Krieg eröffnet. England hat – zusammen mit Frankreich – das deutsch-polnische Problem geschaffen und 1939 verhindert, daß es ohne Krieg bereinigt wird. Die britische Regierung hat es dabei mit Geschick verstanden, die Rolle des Vermittlers vorzutäuschen und allseits Frieden anzumahnen.“

Zum deutschen Beitrag

„Ohne Vorgeschichte hätten England und Frankreich sich alleine wegen der Danzig- und Transitwege-Frage kaum zugunsten Polens in einen neuen Krieg verwickeln lassen. Der eigentliche deutsche Beitrag liegt in zwei früheren Ereignissen. Es sind dies die Angliederung der Sudetenlande an das Reich im Oktober 1938 und die Besetzung der Tschechei als Rest der im März 1939 zerfallenen Tschechoslowakei. Beide Vorgänge bringen das Ausland in unterschiedlicher Heftigkeit und Schärfe gegen Deutschland auf. Der Anschluß der Sudetenlande, so sehr er auch in Deutschland als legitim betrachtet wird, kommt letztlich nur zustande, weil Hitler den Anschluß mit der Drohung durchsetzt, anderenfalls Krieg gegen die Tschechoslowakei zu führen. Der Anschluß erfolgt zwar der Form nach im Münchener Abkommen mit der Billigung der Engländer, Italiener und Franzosen, doch das nur, weil sich weder die Tschechen noch die genannten Mächte zu der Zeit in der Lage fühlen, eine Eroberung der Sudetenlande militärisch zu verhindern.“

und weiter:

„Der Anschluß der Sudetengebiete löst in England und Frankreich eine Welle der Kriegsvorbereitungen und der anti-deutschen Stimmung aus. Seit der Angliederung – und das ist Monate bevor Hitler die Rest-Tschechei bedroht, und ehe er damit beginnt, die Polen wegen Danzig zu bedrängen – beginnen in London und Paris die Parlamente und die Presse, von Kriegsgefahr in Europa zu reden und zu schreiben. Hitler vermag es nicht, die ehemaligen Siegermächte auf diplomatischem Wege und ohne solche ‚Erpressungen‘ dazu zu bewegen, die letzten Hypotheken von Versailles selbst zu löschen. Stattdessen entfacht er mit der Angliederung der Sudeten eine allgemeine Kriegsbereitschaft gegen Deutschland.

Den zweiten und durchschlagenden Anlaß für den Kriegsausbruch liefert Hitler mit der Besetzung der Tschechei. Er verletzt damit Völkerrecht. Er bricht das gegebene Wort und er verläßt die bislang legitime Linie seiner Außenpolitik, nur deutsche Menschen ‚heim ins Deutsche Reich‘ zu holen. Mit diesen drei Rechts-, Wort- und Politikbrüchen überschreitet Hitler die Grenze dessen, was die Versailler Mächte bereit sind hinzunehmen. Doch in London und Paris fühlt man sich auch diesmal außerstande, militärisch gegen Deutschland vorzugehen. Aber mit der Besetzung Prags reift bei Briten und Franzosen der Entschluß, Hitler und dem Deutschen Reich so schnell wie möglich die Rechnung für die Missetat an der Tschechei zu präsentieren. Die offenen Posten auf der Rechnung heißen:

Ohne die Tschechei-Besetzung hätten die Regierungen in Paris und London den Bürgern Frankreichs und Englands kaum erklären können, warum sie der deutschen Stadt Danzig wegen für Polen in den Krieg ziehen sollen.“

Zum Beitrag Polens

„Die alte Hansestadt [Danzig] mit 97 % deutscher Bevölkerung ist für die Polen mit eigenen Wünschen und historischen Erinnerungen befrachtet. Marschall Rydz-Smigly bringt das am 20. Juli 1939 in einem offiziellen Kommuniqué so auf den Punkt:

‚Eine Besetzung Danzigs durch Deutschland würde ein Akt sein, der uns an die Teilung Polens erinnert.‘

So kommt es dann an jenem 26. März 1939, als Botschafter Lipski die Ablehnung der deutschen Vorschläge und Wünsche aus Warschau überbringt, zu der für Polen so verhängnisvollen Erklärung, bei der Lipski droht: ‚Ich habe die unangenehme Pflicht, darauf hinzuweisen, daß jegliche weitere Verfolgung dieser deutschen Pläne, insbesondere insoweit sie die Rückkehr Danzigs zum Reich beträfen, den Krieg mit Polen bedeutet.‘

Die polnische Regierung erklärt hier und mehrmals später, daß Polen bei einem Anschluß Danzigs Krieg mit Deutschland führen werde. Sie schafft den Anlaß für den Krieg, indem sie ein lokales, nicht kriegswürdiges Problem, bei dem nicht einmal polnisches Territorium betroffen ist, zum Kriegsanlaß erklärt. Ohne diese vorgezogene Kriegserklärung hätte die Danzig-Frage zu weit geringeren Kosten geregelt werden können.“

Zum Beitrag der Sowjetunion

„Die sowjetische Führung versucht kein einziges Mal, bei den Differenzen zwischen den Deutschen und den Polen zu vermitteln und damit dem Frieden eine Chance zu geben. Stalin setzt von Anfang an auf einen Krieg, von dem er annimmt, daß er die territoriale Ordnung Osteuropas zum Vorteil der Sowjetunion verändert.“

Zum Beitrag der USA

„Roosevelts Haßgefühle gegenüber Hitler haben auch gewiß nicht dadurch abgenommen, daß der deutsche Diktator auf einem Feld der Politik Erfolg verbucht, wo er ihn selber gerne hätte. Deutschlands 6,3 Millionen Arbeitslose sind 1936 zum größten Teil zurück in Lohn und Brot, und Roosevelt mit 12,8 Millionen Menschen ohne Job im Jahre 1933 sitzt trotz seines New-Deal-Programms 1938 immer noch auf 10,4 Millionen Arbeitslosen. So wird Hitlers deutscher Weg mit seinem ‚Wirtschaftswunder‘ auch zu einem Popularitätsproblem für Roosevelt im eigenen Land.“

Es folgt eine Bewertung aus amerikanischer Sicht:

„Sein [des amerikanischen Präsidenten] Botschafter in England Josef Kennedy hat im Dezember 1945 rückblickend auf seine Zeit in London gesagt: ‚Weder die Franzosen noch die Briten hätten aus der deutsch-polnischen Frage einen Kriegsgrund gemacht, wenn nicht Washington dauernd gebohrt hätte.‘“

Die Bilanz faßt dann die Botschaft des Buches knapp zusammen, wo der Verfasser schreibt:

„Roosevelt verspricht Chamberlain und Daladier Hilfe gegen Deutschland und bestärkt sie, nicht vor einem weiteren Krieg zu scheuen. Chamberlain nimmt den Polen mit seinem Beistandsangebot den letzten Anreiz, auf die deutschen Wünsche einzugehen. Zum Schluß verspielt er mit seiner vorgetäuschten Vermittlungstätigkeit die letzten Zeitreserven Hitlers. Daladier und Gamelin locken die Polen mit dem Versprechen eines französischen Großangriffs gegen Deutschlands Westfront auf einen ‚Siegespfad‘, der im Desaster für die Polen endet. Stalin schürt die Kriegsbereitschaft aller Seiten. Und Roosevelt, als er von den sowjetischen ‚Interessen‘ an Ostpolen hört, läßt die Polen ungewarnt, damit sie nicht am Ende doch noch Danzig opfern und dadurch einen Krieg verhindern. Polen ist für alle nicht ein Schützling, sondern nur das Mittel, das mit Sicherheit den nächsten Krieg ermöglicht. Aber Polen ist dabei nicht nur das Opfer. Die Qualen, die die Polen ‚ihren‘ Deutschen, Weißrussen und Ukrainern antun, wiegen im Sommer 1939 schwerer als das Danzig-Korridor-Problem. Resümierend kann man sagen, daß die hier genannten Akteure – jeder auf seine ganz eigene Weise – den Zweiten Weltkrieg mit angezettelt haben. Mitschuldig an diesem neuen Krieg sind die Regierungen und Staaten, die in Versailles und Saint-Germain die Gründe für den nächsten Krieg geschaffen und später bei Gefahr bewußt verhindert haben, daß die Gründe beseitigt werden konnten.

Soweit zu dem, was Asher ben Nathan gemeint hat, als er sagte: ‚Entscheidend ist, was den ersten Schüssen vorausgegangen ist.‘

Hitler löst am frühen Morgen des 1. Septembers 1939 die Schüsse der deutschen Wehrmacht gegen die polnische Armee aus und reißt die Welt damit in einen Strudel, der bis heute nachwirkt.“

So zeigt sich: es war nicht Hitler allein.

Gerd Schultze-Rhonhof hat damit ein Buch geliefert, das wegführt von der dogmatisierten Geschichtsschreibung der Siegermächte und hin zu einer sachlichen und – soweit es das überhaupt geben kann – objektiven und unvoreingenommenen Sicht der Dinge. Er hat die Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges in ihrer Vielfalt politischer und menschlicher Verstrickungen geschildert.

Das Buch steht im Gegensatz zur veröffentlichten Meinung und zur Dogmenlage der Gegenwart. Noch gilt in der Öffentlichkeit die Alleinschuld der Deutschen als erwiesen. Sie wurde sogar in der Rechtsprechung mit dem § 130 StGB festgeschrieben. Aber Schultze-Rhonhofs Buch ist im Einklang mit den Aussagen der Dokumente und mit den Fakten, die in den Archiven über das damalige Geschehen nachzulesen sind.

Es gibt keine einfache Erklärung für den Kriegsausbruch. Die Aufgabe des Politischen ist für den Menschen zu schwer. Sein Versagen vor der Aufgabe, Frieden zu halten, gehört zur ‚Signatur der Humanitas‘ (Peter Sloterdijk). Die Politiker des 20. Jahrhunderts machen da keine Ausnahme.

Daß die Weltkriege besonders viel Elend mit sich gebracht haben, liegt sicher auch an der technisch so viel „effektiveren“ Bewaffnung. Es waren Physiker und Techniker die dieses Instrumentarium ermöglichten. Die Politiker haben es nur eingesetzt.

Wir leben gefährlich, die Gefahr geht vom Menschen aus.