Kritik an Fritjof Meyer durch einen Universitätslehrer

Von Dr. Gottfried Zarnow

Die Artikel von Fritjof Meyer „Die Zahl der Opfer von Auschwitz“ aus Osteuropa 5/2002 und „Replik auf Piper“ aus IDGR habe ich mit großem Interesse gelesen. Allerdings hinterließ die Lektüre bei mir einen eher unbefriedigenden Eindruck, was nicht nur an der mangelnden Gliederung liegt. Das Problem liegt tiefer und hängt u.a. damit zusammen, daß Meyer kein gelernter Historiker ist.

Geschichtsschreibung lebt von Quellen, und die Geschichtswissenschaft versucht jedem Studienanfänger beizubringen, daß nicht alle Quellen gleichwertig sind, sondern daß in Bezug auf ihren Aussagewert eine klare Hierarchie existiert.

Als Quellen erster Kategorie gelten allgemein die authentischen, zeitgenössischen Staatsdokumente für den internen Gebrauch der höheren Verwaltung oder der politischen Führung. Diese Dokumente enthalten in der Regel nur ein geringes Maß an propagandistischen Verzerrungen und zeichnen ein mehr oder weniger zuverlässiges Bild der Lagebeurteilung und Ziele der politischen Führung.

Diesen Quellen mindestens gleichwertig sind naturwissenschaftliche Befunde wie z.B. archäologische Ausgrabungen, zeitgenössische Luftaufnahmen oder kriminaltechnische Gutachten wie z.B. DNS-Analysen.

Dieser ersten Kategorie von Quellen deutlich nachgeordnet sind Regierungserklärungen, Reden von hohen Politikern, Pressekommuniques, Leitartikel in regierungsnahen Zeitungen usw., also alles Material, das der Selbstdarstellung eines Staates und seiner Führung dient.

Weit hinter diesen beiden Arten von Quellen rangieren die Memoirenliteratur und Berichte von Zeitzeugen aller Art. Diese geringere Bewertung hängt mit der menschlichen Neigung zu Schönfärberei und Selbstrechtfertigung sowie der notorischen Unzuverlässigkeit des menschlichen Gedächtnisses zusammen. Es ist auch bekannt, daß verschiedene Zeitzeugen aus den unterschiedlichsten Motiven heraus bewußt die Unwahrheit sagen.

Die Geschichtswissenschaft sieht die Aussagen von Zeitzeugen in der Regel nur dann als zuverlässig an, wenn deren Richtigkeit durch Dokumente erster Kategorie überprüft werden kann. Wenn kein anderes Beweismaterial vorhanden ist, gilt die Übereinstimmung mehrerer Zeugenaussagen. Allerdings müssen diese Zeugenaussagen glaubhaft und widerspruchsfrei sein. Alles andere unterliegt immer dem Vorbehalt, daß es stimmen kann, aber nicht muß. Die Berichte von Zeitzeugen, die in einzelnen Punkten der Unwahrheit überführt wurden, stehen grundsätzlich im Verdacht der allgemeinen Unzuverlässigkeit.

Den Staatsdokumenten und den Augenzeugenberichten nochmals nachgeordnet ist die Sekundärliteratur, die immer nur eine Auswahl an dem historischen Material und die subjektive Meinung eines Autors bieten kann.

Mit größter Vorsicht zu behandeln ist Sekundärliteratur, die aus dem Herrschaftsbereich totalitärer Regime stammt. Die Zuverlässigkeit dieser Art von Literatur ist in vielen Fällen, vor allem dann, wenn es um heikle politische Themen geht, als gering anzusehen.

Zu den Vorgängen im KL Auschwitz-Birkenau gab es bis 1990 nur sehr wenige Dokumente erster Kategorie. Das Wissen über die dortigen Vorgänge beruhte bis dahin fast ausschließlich – wie 1965 das Frankfurter Gericht in seinem Urteil zugeben mußte – auf den Aussagen von Augenzeugen.

Nach der Auflösung des Warschauer Paktes wurden erstmals größere Bestände von authentischen Dokumenten der Lagerverwaltung von Auschwitz zugänglich -zunächst die Sterbebücher des Standesamtes Auschwitz, dann die Akten der Zentralen Bauleitung, und schließlich die Standort- und Kommandanturbefehle (letztere wurden sogar vom IfZ in Buchform publiziert).

In diesen Dokumenten finden sich nun keinerlei Hinweise auf eine planmäßige Massenvernichtung von Häftlingen. Im Gegenteil, die SS legte Wert darauf, die Arbeitskraft der Häftlinge für ihre diversen Rüstungsvorhaben zu erhalten, und sie unternahm erhebliche Anstrengungen, um die periodisch auftretenden Fleckfieberepidemien zu bekämpfen. Geradezu kurios mutet es an, wenn der Lagerkommandant die SS-Leute regelmäßig ermahnt, keinen vertraulichen Umgang mit den Häftlingen zu pflegen, sondern diese ebenso streng wie korrekt zu behandeln.

Für nüchterne und unvoreingenommene Betrachter ist der Gegensatz zwischen dem Inhalt der Dokumente und den Aussagen wichtiger Zeitzeugen, zwischen Quellen der ersten und Quellen der dritten Kategorie, geradezu grotesk.

Das IfZ hat zu diesem Sachverhalt nur die Vermutung beisteuern können, daß die SS in ihren internen Dokumenten eine „Tarnsprache“ verwendet hätte; auf irgendwelche Belege für diese These wartet man bisher vergebens.

Was die Sache noch schwieriger macht, ist die Tatsache, daß die Berichte der Zeitzeugen (dazu zählen auch die Geständnisse von Höß u.a. SS-Leuten) vielfach widersprüchlich, ungenau und in etlichen Punkten unglaubhaft sind, was nicht dazu beiträgt, ihre Glaubwürdigkeit zu erhöhen.

Das methodisch korrekte Verfahren zur Auflösung dieser Widersprüche wäre, nach weiteren Dokumentenbeständen zu forschen und diese zu erschließen. Dabei stellt sich zunächst die Frage, ob solche Bestände überhaupt existieren. Fritjof Meyer schreibt, daß möglicherweise noch das ganze Lagerarchiv mit 127.000 Akten in Rußland existiere und dem Vernehmen nach an Polen zurückgegeben werden solle. Sollte dies zutreffen, dann wäre es in höchstem Grade wünschenswert, wenn diese Dokumente der Öffentlichkeit zugänglich gemacht würden.

Bis es soweit ist, besteht eine andere Möglichkeit darin, den Dokumenten erster Kategorie gleichwertiges Material zu sichten, so z.B. die vorhandenen Luftaufnahmen auszuwerten oder die Kapazität der Krematorien von Auschwitz von Grund auf durchzurechnen.

Die Kapazität der Krematorien spielt bei Meyer eine große Rolle. Es ist allerdings methodisch falsch, die Kapazität aufgrund widersprüchlicher und ungenauer Zeugenaussagen oder mit Hilfe von Dokumenten zweifelhafter Herkunft bestimmen zu wollen. Der richtige Ansatz wäre der, die Verbrennungskapazität auf Grundlage der vorhandenen Fachliteratur über den Bau von Krematorien und der einschlägigen physikalischen Gesetze zu errechnen.

Carlo Mattogno hat dies bereits vor Jahren getan,1 und wenn Meyer mit den Ergebnissen nicht einverstanden ist, dann steht es ihm völlig frei, diese Berechnungen selbst vorzunehmen oder einen Fachmann damit zu beauftragen und zu ermitteln, ob Mattogno sich geirrt, ob er vorsätzlich gefälscht oder ob er recht hat.

Fritjof Meyer wählt jedoch einen anderen Weg. Er ist der Überzeugung, daß die Augenzeugenberichte trotz Widersprüchen und Ungenauigkeiten die Wahrheit enthalten und versucht, diese herauszuarbeiten. Dabei geht er jedoch nicht den Weg, die Zeugenaussagen an den einwandfrei echten Dokumenten der Lagerverwaltung oder an naturwissenschaftlichen Befunden zu messen.

Ein Beispiel: Meyer vertritt die These, die Massentötungen mittels Gas hätten in der Hauptsache nicht – wie bisher allgemein angenommen – in den Leichenkellern der Krematorien, sondern in zwei umgebauten Bauernhäusern außerhalb des eigentlichen Lagerbereichs, bekannt als „Bunker 1“ und „Bunker 2“, stattgefunden. Hätte Meyer sich einmal die zahlreichen Luftaufnahmen von Auschwitz-Birkenau aus dem Jahr 1944 angesehen, so hätte er festgestellt, daß diese Gebäude dort nicht mehr aufzufinden sind. Sie haben zu diesem Zeitpunkt – 1944 – also nicht mehr existiert, und alle Zeugenaussagen, die etwas anderes behaupten, sind – zumindest in diesem Punkt – objektiv unwahr.2

Statt dessen wählt Meyer das Verfahren, die verschiedenen Zeugenaussagen miteinander zu vergleichen und dabei Wahres von Falschem zu trennen. Richtlinien sind dabei seine vorab formulierte These und seine Intuition. Das heißt, die Entscheidung, was wahr und was falsch ist, trifft Meyer willkürlich aufgrund seiner subjektiven Meinung. Meyer sucht sich aus den Aussagen und den Dokumenten immer nur das heraus, was seine Auffassung zu bestätigen scheint, anderes läßt er unberücksichtigt. Diese Methode wird zwar von vielen Historikern angewandt, sie ist aber trotzdem schlecht.

Eine große Rolle spielen bei Meyer die Zahlen der nach Auschwitz Deportierten, und zwar sowohl der registrierten wie der nicht registrierten Häftlinge. Aufgrund dieser Zahlen glaubt Meyer errechnen zu können, wie viele Menschen in Auschwitz insgesamt umgekommen sind. Dieser Ansatz ist durchaus sinnvoll, aber mangels anderen Zahlenmaterials verläßt sich Meyer auf Sekundärliteratur aus dem kommunistischen Polen, wie z.B. das Kalendarium von Danuta Czech.3 Diese Literatur ist nicht viel besser als der Untersuchungsbericht der sowjetischen „Außerordentlichen Staatlichen Kommission“ zu Auschwitz (Nürnberger Dokument USSR-008) und mit größter Vorsicht zu genießen.

Eine Berechnung der Zahl der Deportierten auf Grundlage des Kalendariums und ähnlicher Bücher kann allenfalls hypothetischen Charakter haben. So gewonnene Zahlen können nur überzeugen, wenn sie dem Vergleich mit anderem statistischen Material standhalten. Meyer vergleicht die Zahlen aus dem Kalendarium mit der von ihm bestimmten Kapazität der Krematorien und übersieht, daß er auch hier auf sehr unsicheren Grundlagen aufbaut.

Die unbefriedigende Methodik Meyers führt zwangsläufig zu einem unbefriedigenden Ergebnis. Seine Beweisführung ist nicht schlüssig, sondern beruht auf Glauben und Vermutungen. Mit Belesenheit und gutem Willen allein ist dem Problem Auschwitz nicht beizukommen.

Anmerkungen

Dr. Gottfried Zarnow ist das Pseudonym eines Historikers, der an einer deutschen Universität moderne Geschichte lehrt. Aufgrund der Verfolgung von Geschichtsdissidenten in Deutschland können und werden wir seinen Namen nicht preisgeben. Historiker, die dem Beispiel von Dr. Zarnow folgen wollen, sind herzlich eingeladen, ihre Beiträge – auch anonym – unter Angabe des gewünschten Pseudonyms an die Redaktion der Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung zu senden. Wir werden Ihre Identität nicht preisgeben und auch dafür sorgen, daß sämtliche Beweise für Ihre Identität umgehend vernichtet werden!

1
Carlo Mattogno, Franco Deana, „Die Krematoriumsöfen von Auschwitz-Birkenau“, in: Ernst Gauss (Hg.), Grundlagen zur Zeitgeschichte, Grabert, Tübingen 1994, S. 281–320. Aktualisiert in Engl.: C. Mattogno, „The Crematoria Ovens of Auschwitz and Birkenau“, in : Germar Rudolf (Hg.), Dissecting the Holocaust, 2. Aufl., Theses & Dissertations Press, Chicago 2003, S. 373–412.
2
Anm. des Herausgebers: Diese Aussage ist nicht ganz korrekt, vgl. C. Mattogno, The Bunkers of Auschwitz, Theses & Dissertations Press, Chicago 2004 (www.vho.org/GB/Books/tboa)
3
Danuta Czech, Kalendarium der Ereignisse des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau 1939–1945, Rowohlt, Reinbek 1989.