Als »Deutschenkind« in Norwegen – im Krieg und danach

von Anna Duus

Wie mein Vater nach Norwegen kam

Linienschiff Kaiser Wilhelm II

Mein Vater Andreas Duus kam im Jahre 1880 zur Welt, in einem kleinen Ort bei Flensburg. Seine Eltern hatten sehr viele Kinder, und da sein Vater, also mein Großvater, nur als Tagelöhner arbeitete, mußten mein Vater und viele seiner Brüder schon früh ihr Nest verlassen. Mein Vater kam dann zu Bauern in dem Dorf Hütten bei Kiel. Hier blieb er, bis er konfirmiert wurde. Danach ging er nach Kiel, wo er Arbeit in den Howaldtswerken fand, bis er zur Marine eingezogen wurde.

1902 kam er als Matrose auf dem Linienschiff »Kaiser Wilhelm II« anläßlich eines Flottenbesuches zum ersten Mal nach Norwegen. Dort verliebte sich mein Vater in eine Norwegerin. Der Flottenbesuch ging zuende, nur die Liebe zwischen meinem Vater und der Norwegerin ging nicht zuende. 1904 kam er wieder zurück nach Norwegen und zu seiner Liebe, die leider aber nach kurzer Zeit in die Brüche ging.

Später fand mein Vater dann eine andere Norwegerin. Hier wurde es die große Liebe. 1906 heirateten sie. Aus dieser Ehe gab es acht Kinder.

In der Zwischenzeit wütete der erste Weltkrieg, und mein Vater verlor mehrere seiner Brüder in der Schlacht von Verdun. Vielleicht wäre das auch das Schicksal meines Vaters geworden, wenn die Liebe ihn nicht weg von der deutschen Marine und nach Norwegen gezogen hätte. Aber – wie gesagt – von 1906 bis 1922 bekam mein Vater mit seiner Frau 8 Kinder. Doch dann, im Jahre 1922, verstarb seine Frau. Da war das letzte Kind gerade 1 1/2 Jahre alt. Alle Kinder blieben bei meinem Vater, der aber auch zur Arbeit gehen mußte. Zum Teil hatte er gleichzeitig mehrere Arbeitsstellen, denn die vielen Kinder mußten ja versorgt werden.

So kam es auch, daß viele Haushälterinnen im Laufe der Zeit in das Haus meines Vaters kamen. Sie kamen und gingen wieder, bis er dann meine Mutter traf. Er heiratete sie 1928. Da waren die meisten Kinder schon ausgezogen. Dann aber kam ich zur Welt, im Juli 1930. Man sagte, ich sah aus wie eine Puppe.

Zu dieser Zeit war mein Vater 50 Jahre alt und meine Mutter 46. In dieser Ehe war ich fast ein Einzelkind, denn mein jüngster Halbbruder war ja 10 Jahre älter als ich. Er machte sich nichts aus Puppen. Ich kann mich nicht erinnern, daß er jemals mit mir spielte. Nur – als ich ca. 2 Jahre alt war, gab er mir eine ganze Karamelle, die mich fast das Leben kostete, denn ich verschluckte mich daran, und alle Bewohner des Hauses kamen mir zur Hilfe. Ich weiß nicht mehr, was sie genau taten, aber die Karamelle flog endlich raus, und ich konnte wieder weiterleben. Im Jahr 1937 kam ich dann in die Schule, was mir sehr viel Freude bereitete.

Die Autorin als Kind

Die Autorin heute

Aber ab dem April 1940 änderte sich so vieles in der Weltgeschichte und auch also in Norwegen. Meine Schule wurde zur Hälfte belegt mit Angehörigen der Deutschen Kriegsmarine.

Mein Vater hatte all die Jahre vor der »Besetzung« schon sehr viel Umgang mit deutschen Freunden, die hier in meiner Heimatstadt Bergen schon lange arbeiteten und auch mit norwegischen Frauen Familien hier gegründet hatten. Ab dem 9. April 1940 erweiterte sich sein Umgangskreis noch sehr durch deutsche Landsleute. Denn, fast vom ersten Tag der »Besetzung« an, kamen deutsche Soldaten in mein Elternhaus, als unsere Gäste.

Die deutsche Sprache kannte ich ja von Kindesbeinen an, durch meinen Vater. Er hat mich auch sehr viele alte schöne deutsche Lieder gelehrt. Mein Vater war ja immer sehr stolz darauf, ein Deutscher zu sein. Er hatte immer starkes Heimweh nach Deutschland. Aber leider war es ihm nie mehr vergönnt, seine Heimat wiederzusehen. Das Geld reichte niemals aus für eine Reise in das Land seiner Geburt.

Um so größer war dann seine Freude, deutsche Landsleute um sich zu haben. Ich glaube, vom April 1940 bis Mai 1945 waren es mindestens eintausend deutsche Soldaten, die Gäste in unserem Hause waren. Die meisten waren sehr gute und freundliche Menschen. Einige kamen nur hierher in diese alte Hansestadt Bergen, um einige Tage Fronturlaub oder Rekonvaleszenz zu erleben – kurze Zeit fern von den schrecklichen Kämpfen in Rußland. Sie freuten sich, für einige Stunden ein ziviles Heim besuchen zu dürfen. Ich bin mir sicher, viele dieser armen Soldaten haben mit Dankbarkeit an Familie Duus gedacht – in ihren Schützengräben. Die meisten dieser guten Menschen wollten keinen Krieg, nein wirklich nicht. Ich weiß auch – durch Recherchen nach dem Krieg – daß vieler dieser einstigen Hausgäste vermißt sind – in Sibirien.

Einige Schicksale unserer Freunde von damals hat mein Vater herausgefunden, und mit einigen von ihnen hatte mein Vater Briefkontakte bis zu seinem Tode. Jahre danach habe auch ich angefangen, zu recherchieren, und im Jahre 1997 hatte ich den Verbleib jener unserer Freunde, die ich mit Namen kannte, geklärt, – sie waren schon längst gestorben.

Während dieser Kriegsjahre habe ich – damals ein junges Mädchen – die Stadt Bergen vielen deutschen Freunden meines Vaters gezeigt. Darüber haben sich diese Soldaten dann sehr gefreut. Nur die Norweger hatten keine Freude daran. Für die waren ja unsere Freunde deren Feinde. Oh ja – ich bekam mehr als einmal Morddrohungen von Norwegern, aber ich ließ mich nicht einschüchtern und lebe also auch immer noch. Aber die Rache der Norweger kam dann prompt im Mai 1945. Am 8. dieses Monats wurde mein Vater von der norwegischen »Heimfront« verhaftet. In einem Viehwagen, auf den Knien hockend, wurden er und einige andere »Sünder« unter strengster Bewachung in ein Internierungslager gebracht. Dort mußte er – als 65 Jahre alter Mann – unter sehr schlechten Umständen für viele Wochen inhaftiert bleiben. Auch Arthur, einen seiner Söhne, traf er dort. Arthur hatte sich beizeiten freiwillig gemeldet, um an deutscher Seite gegen die Sowjets zu kämpfen. Arthur hatte die deutsche Staatsbürgerschaft und hatte die norwegische Staatsbürgerschaft nie haben wollen. Trotzdem wurde er zu 4 Jahren Gefängnis verurteilt.

Als mein Vater aus der Internierung kam, waren wir obdachlos. Alle unsere Möbel, und alles, was wir in unserer Wohnung hatten, hatten die netten norwegischen Nachbarn gestohlen. Sie haben sogar einen kleinen Hund, an dem wir sehr hingen, zum Schlachter gebracht, wo er erschossen wurde. Was hatte dieses arme Geschöpf Gottes ihnen getan? Oh ja, natürlich – der Hund war ja so viel von deutschen Soldaten gestreichelt worden. Es war Wahnsinn, alles Hass, Hass und nochmals Hass. Meinen Vater hatten die Nachbarn angeschwärzt, bei der Gestapo gewesen zu sein. Alles, alles lauter Lügen. Mein Vater wurde total rehabilitiert und freigesprochen, bekam aber keine müde Krone Schadenersatz für die Zeit, in der man einen total Unschuldigen eingekerkert hatte. Mein Vater verstarb 1959 – als ein sehr verbitterter Mann.

In Norwegen hatte man eine Zufallsjustiz, das kann man hier getrost behaupten, denn die sogenannten norwegischen Barackenbarone wurden nicht inhaftiert, ja noch nicht einmal mit Bußgeld belegt. Diese Kriegsgewinnler hatten alles für die Wehrmacht gebaut, jede Menge Baracken, Bunker, Geschützstellungen etc. Sie hatten daran Millionen verdient, hatten sich am Krieg bereichert.

Was aber geschah mit Leuten wie etwa meinem Vater oder den norwegischen Frauen, die ehrlich ihre deutschen Freunde geliebt hatten. Solche Menschen waren die Leidtragenden der norwegischen Willkürjustiz im Jahre 1945. Die letzten solcherart zu Unrecht inhaftierten Frauen wurden nach Hovedøya am Oslofjord verschleppt, wo sie Sklavenarbeit verrichten, schwere Holzstämme schleppen mußten. Alle diese Frauen sind schon längst tot, ihr Schicksal ist meist vergessen. Ihr einziges Verbrechen war gewesen, daß sie den Feind geliebt hatten.

Die norwegischen Behörden haben später nie auch nur eine Krone geopfert, um diesen armen Frauen Schadenersatz für ihre Sklavenarbeit zu leisten. In diesem, ihrem eigenen Land, hatten sie keine Lobby. Es gab keinen Fond, der ihnen einen Ausgleich für die geraubte Freiheit und die Sklavenarbeit geboten hätte.

Deutsche Truppen marschieren in Norwegen ein

In der Zeit der Inhaftierung meines Vaters mußten ich und meine Mutter aus Bergen fliehen. Zu Fuß gingen wir 60 Kilometer hinaus aufs Land zu einer Tante. Aber auch in dieser einsamen Gegend gab es Norweger, die unseren deutschen Hintergrund kannten. Wir bekamen viele Drohungen, sogar Morddrohungen. Geradezu ängstlich war ich nie, aber dann wurde es ein bißchen zuviel, und meine Tante meinte, wir sollten über das Gebirge gehen. Denn auch dort gab es Verwandte meiner Mutter. Nur leider – den Weg über das Gebirge kannten wir nicht. Meine Tante hatte aber einen lieben, großen Hund, der den Weg sehr gut kannte und ihn uns zeigen sollte. Dieses liebe Geschöpf hieß »Lettfot«, was übersetzt »Leichtfuß« heißt.

Wir kamen mit Lettfot also heil über das Gebirge zu der Verwandten, wo wir dann für Wochen blieben. Lettfot war alleine wieder zurück zu der Tante gewandert. Als mein Vater dann entlassen wurde, durften wir für ein paar Tage bei Bekannten in Bergen unterkriechen. Da aber kam ich dann an die Reihe. Ich hatte mich zuvor kurz mit einem deutschen Kriegsgefangenen auf der Strasse unterhalten. Das war der Fahrer des deutschen Marine-Admirals Otto von Schrader. Der Fahrer meinte, es wäre zu gefährlich für mich, hier in Bergen als Deutschstämmige, die im Krieg viele deutsche Soldaten begleitet hatte. Er meinte, der Admiral von Schrader würde mir helfen können, nach Deutschland zu kommen. Da ich die deutsche Sprache konnte, hätte ich zwischen den gefangenen Marinehelferinnen das Land verlassen können. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag. Da sollte ich dann vor Admiral von Schrader erscheinen.

Das Schicksal aber wollte es anders. Ein Norweger verriet mich bei der Polizei und sagte, er hätte beobachtet, wie ich mit einem Deutschen auf der Strasse gesprochen hätte. Ein paar Stunden danach wurde ich von der norwegischen Polizei verhaftet. Ich war noch nicht einmal 15 Jahre alt, als ich inhaftiert wurde. In dem ehemaligen Russenlager Tennebek durfte ich dann meinen 15. Geburtstag »feiern«. Der Admiral von Schrader aber ging in den Freitod – am 19. Juli 1945. Er ahnte wohl, daß die Norweger ihn vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt hätten – wie viele andere Deutsche damals auch.

Denn im Juli 1943 wurde er als Kommandierender Admiral der norwegischen Westküste vor das Problem gestellt, daß ein feindliches (sprich norwegisches) MTB (MotorTorpedoBoot) 345 aus Shetland kommend in einen der Fjorde eingedrungen war. Deutsche Arado-Flugzeuge wurden da schnell fündig und Admiral Schrader fuhr – auf einem Schnellboot – selbst hinaus, mit Kurs auf Dypsund, in dem das MTB entdeckt worden war.

Es kam bald zu einem Schußwechsel zwischen deutschen Truppen und der Mannschaft des MTB, wobei einige von diesen verwundet wurden. Ihr Anführer befahl nun, das MTB in Brand zu setzen, und sich an Land zu retten.

Alle wurden sogleich verhaftet und nach Bergen auf die Festung Bergenhus gebracht, wo sie in Einzelzellen auf ihre Verurteilung warten mußten. Es folgte ein Verhör in der Marinekommandantur Bergen. Als dessen Ergebnis teilte der deutsche Korvettenkapitän Drascher mit, daß es sich um ordinäre, ordentlich uniformierte und mit Soldbüchern versehene, Matrosen handelte. Alle waren Norweger im englischen Dienst, die aus Shetland über das Meer gekommen waren. Trotzdem gab der SD -(Sicherheitsdienst) Chef in Bergen, Obersturmbannführer Hans Wilhelm Blomberg, folgenden Rapport: »Sieben Kommandosoldaten von einem feindlichen MTB sind gefangen genommen worden.«

Diese Meldung ging vom Reichskommissar für Norwegen Terboven direkt an das Führerhauptquartier. Terboven schlug darin vor, daß diese Kommandosoldaten nicht wie ordentliche Kriegsgefangene behandelt, sondern sogleich hingerichtet werden sollten. Am 30. Juli 1943 um 5.30 Uhr wurden die Gefangenen abgeholt und sogleich im Festungshof erschossen. Terboven bezog sich dabei auf einen Führererlaß vom Oktober 1942, der besagte, daß Mitglieder von feindlichen Kommandoeinheiten – sprich: Saboteure – nicht wie ordentliche Kriegsgefangene behandelt, sondern gleich hingerichtet werden sollten.

Deutscher Bunker in Norwegen heute

Der Hintergrund war folgender: Das Verhalten dieser Sabotagetrupps war ähnlich dem von Partisanen. Sehr oft wurden sie aus den Reihen von Kriminellen rekrutiert. Diese Leute waren sehr brutal gegen die deutschen Soldaten, die sie bei ihren Unternehmungen antrafen. Sie hatten ja auch den Befehl, ihre deutschen Feinde sofort zu ermorden und also keine Gefangenen zu machen, weil diese sie ja bei der Ausführung ihrer Sabotageaufträge behindert hätten. Aus diesem Grunde wurde also der obige Führerlaß herausgegeben. Er galt nicht für ordentliche, gegnerische Truppen, die in deutsche Hände fielen. Sie sollten als Kriegsgefangene behandelt und in die dafür bestimmten Lager gebracht werden. Selbst die abgeschossenen alliierten Terrorflieger, die – nach Fallschirmlandung – in deutsche Hände fielen, wurden wie Kriegsgefangene behandelt.

Admiral von Schrader aber traf keine Schuld an dieser Hinrichtung. Allerdings, so wie die Zustände im Juli 1945 in Norwegen waren, hätte der Admiral vor einem norwegischen Gericht bestimmt keine faire Chance bekommen.

Der Chef der Gestapo in Bergen, Obersturmbannführer Blomberg, der mit einer norwegischen Schauspielerin verlobt war, wurde im August 1946 auf der Festung Bergenhus erschossen. Die Urne mit seiner Asche wurde der Mutter in Deutschland übersandt. Auch die meisten seiner Untergebenen wurden in Bergen verurteilt und 1946 hingerichtet. Einen Norweger im Dienste der Gestapo verurteilte man zu 25 Jahren Gefängnis, obwohl er in meinen Augen ein Verräter gewesen war, hatte er doch in den Straßen von Bergen Kinder befragt, über was ihre Eltern daheim sprachen. Auch mich hatte er so gefragt, von mir aber nicht die Antwort bekommen, die er gerne gehabt hätte. Mit langer Miene war er wieder gegangen, nachdem ich ihm erklärt hatte, daß mein Vater Deutscher sei.

Nein, ich behaupte, das ganze »Landsvikoppgjør« (Abrechnung mit Landesverrätern) wie die Norweger es nannten, war eine Willkürjustiz. Es konnte den Norwegern mit den Hinrichtungen nicht schnell genug gehen, der Hass auf alles Deutsche war riesengroß.

Ich denke dabei auch an das Schicksal des Sohnes eines der Freunde meines Vaters, der schon lange vor dem Krieg in Norwegen lebte. Er wurde im Krieg als Dolmetscher bei der Gestapo verpflichtet. Nach der »Befreiung« haben die Norweger den armen jungen Mann vors Gericht gezerrt und zum Tode verurteilt.

1946 wurde er auf der Festung Bergenhus hingerichtet. Ein paar Jahre danach traf ich seine Mutter auf dem Friedhof. Sie durfte nicht einmal ein eigenes Grab für ihren ermordeten Sohn haben. In aller »Gnade« hatten die norwegischen Behörden ihr erlaubt, die Urne mit der Asche ihres Sohnes in das Grab seiner Großmutter zu stellen. Haß auf die Deutschen, Haß auf alles Deutsche, nichts anderes, als Haß, Haß, Haß.

Ja, dann zurück zum Juli 1945, zurück zu meiner Inhaftierung. In das Lager Tennebek kamen auch viele andere Mädchen. Oh ja – ihr Verbrechen war gewesen, daß sie deutsche Soldaten geliebt hatten. Was für ein Verbrechen!

Eingang zu einem der vielen Konzentrationslager im Nachkriegs-Norwegen, in denen deutsche Zivilisten interniert wurden.

Fast täglich mußten wir das Lager verlassen, um Sklavenarbeit für das norwegische Militär abzuleisten. Da das Lager außerhalb der Stadt Bergen lag, kamen große Lastwagen, um uns abzuholen. Da wir auf der Ladefläche eng gedrängt stehen mußten, war das gar kein Vergnügen. Beim Militär (wo kam das plötzlich wieder her?) mußten wir saubermachen. Oh ja, oft mit Maschinenpistolen im Rücken. Am schlimmsten war dabei die sogenannte »Schwedenpolizei«. Das waren Norweger, die im April 1940 feige nach Schweden geflohen waren, wo sie dazu ausgebildet wurden, dem Feind in den Rücken zu fallen. Hier im Lager konnten diese großen Helden nun ihren Mut beweisen – gegen Kinder von 15 oder 16 Jahren. Mit gerade 15 war ich übrigens die jüngste Inhaftierte damals.

Die einzigen norwegischen Soldaten, die sich menschlich verhielten, waren die Angehörigen der Norwegischen Marine (auch diese war plötzlich wieder auferstanden). Diese Matrosen und Offiziere aber hatten – auf kleinen Booten von England aus – den Krieg oft selbst miterlebt, auch im Geleit der Engländer im Kampf gegen die deutschen U-Boote. Diese Norweger konnten einfach nicht verstehen, warum ihre Behörden ein Kind von 15 Jahren inhaftiert hatten. Es tat ihnen so leid. Sie gaben mir viel zu essen, oft kleine Eimer mit Erbsensuppe, viele Brote und Schokolade. Ich konnte bei weitem nicht alles selbst aufessen, daher nahm ich die Brote und die Schokolade mit ins Lager, wo ich sie mit denen, die nicht arbeiten konnten, teilte.

Manchmal schlich ich mich auch zu den gefangenen norwegischen Frontkämpfern an deutscher Seite, die in einem Extralager Holz hacken mußten und dabei sehr schlechtes Essen bekamen. Denen habe ich dann von meinen Broten und der Schokolade und der Suppe etwas abgegeben. Wehe, wenn die norwegischen Wachen das entdeckt hätten. Aber es ging immer gut, sie haben mich nie ertappt.

Später wurden wir Mädchen auch vom norwegischen Militär in das Lager Melkeplassen kommandiert, um dort sauberzumachen. Da gab es auch deutsche Kriegsgefangene. Hier herrschten die Engländer, sogenannte »Rote Teufel«. Ich habe selbst gesehen, wie diese Teufel deutsche Kriegsgefangene mit Peitschen schlugen. Ich fand das fürchterlich, aber was sollte ich 15 jähriges Kind dagegen tun. Ich habe mich dann also geweigert, weiter zu arbeiten, setzte mich statt dessen auf eine Treppe und begann so laut ich konnte, deutsche Soldatenlieder zu singen. Das norwegische Militär verlangte, daß ich weiter arbeiten sollte, aber ich weigerte mich standhaft, sang immer weiter. Was sollten diese tollen Helden tun – erschießen konnten sie mich ja nicht. So weit wie die Tschechen und Russen gegangen wären, so weit ging das norwegische Militär dann doch nicht. Aber am Abend, nach dem Rückmarsch in das Internierungslager, bekam ich den Befehl, zum Lagerkommandanten zu kommen. Der Kommandant war aber ein sehr aufrichtiger, ehrlicher Polizeimann. Er fragte mich, was geschehen wäre. Ich habe ihm alles berichtet, was ich beobachtet hatte – die Verbrechen der Roten Teufel gegen die deutschen Kriegsgefangenen im Lager Melkeplassen. Der Kommandant wurde sehr ernst und ich durfte sein Büro verlassen. In das Lager Melkeplassen kam ich dann nicht mehr.

Das Lager Melkeplassen war auch Internierungslager für norwegische Frauen, die mit deutschen Soldaten verheiratet waren, und aus diesen Ehen Kinder hatten. Viele Deutsch-Norwegische Kinder wurden auch hier im Lager geboren. Alle diese kleinen Wesen kamen angeblich mit der Nabelschnur um den Hals – also »tot« – zur Welt. Außer einem Baby, das 24 Stunden lang leben durfte, wurden sie alle anonym beigesetzt, – in einer abgelegenen Ecke am Rande des deutschen Soldatenfriedhofs Solheim-Bergen. Eine Hebamme gab es bei all diesen Geburten nicht, nur einen Militärarzt. Die letzten gefangenen Frauen wurden im August 1946 mit dem DRK-Schiff »Glückauf« nach Deutschland geschickt.

Einige Zeit nach meinem Verhör beim Kommandanten hatte ein alter, guter Gefängnispastor zu hören bekommen, daß im Lager Tennebek ein Kind von 15 Jahren inhaftiert sei, und er besuchte mich, versprach, sich für mich einzusetzen. Kurze Zeit danach kam ich auch frei. Der norwegische Admiral wollte seinen Fahrer schicken, um mich im Lager abzuholen und zu meinen Eltern zu bringen, – diese hatten ein Zimmer in einer Herberge bekommen, – aber die norwegische Polizei hatten mich schon zuvor heimgebracht.

Der Aufenthalt in der Herberge dauerte nicht allzu lange. Dann wurden wir abtransportiert in eine der früheren deutschen Baracken, die etwas umgebaut worden war. Nur die langen Korridore waren aufgeteilt worden. Sanitäre Anlagen gab es keine, auch kein fließendes Wasser. Hier wohnten wir lange 7 Jahre, von 1946 bis 1953. Draußen auf der Wiese war ein Plumpsklo eingerichtet worden, Wasser mußten wir an einem Brunnen oder einem kleinen Bach holen. Der Bach floß etwa einen Kilometer entfernt, und sein Wasser konnte man nur zum Waschen verwenden.

Das Gute war, daß es in der Nähe eine Müllhalde gab, und daß von dem Müllmännern jeden Tag Koks über die Abfälle geschüttet wurde, damit sie nicht stänken. Mit diesem Koks konnten wir die ganzen Jahre unser Herdfeuer unterhalten, ohne Brennmaterial kaufen zu müssen. Wir hatten ja nach der großen Explosion vom April 1944 von unserer Versicherung einen kleinen Schadenersatz bekommen, für das, was bei uns zu Schaden gekommen war, aber, als mein Vater am 8. Mai 1945 von den Norwegern verhaftet wurde, beschlagnahmten die Behörden dieses Geld und gaben uns nur einen Bruchteil davon, – eine kleine Summe jeden Monat. Dadurch sind wir nicht vollkommen verhungert, hatten aber ja bestimmt nichts für den Herd und den Ofen übrig. Also war die Müllhalde mit dem Koks darauf die Rettung durch die kalten Winter. Heute erhebt sich da, wo diese legendäre Müllhalde war, eine Sporthalle – »Bergens Hallen«.

Aber zurück in die Zeit nach meinem Zwangsaufenthalt im Lager Melkeplassen. Knapp in die Freiheit entlassen, wollte ich ja nun gerne einen Job haben, aber überall bekam ich zu hören: Wir stellen doch keine deutschen Huren ein. Hatte ich dann wirklich einmal doch einen Job bekommen, mußte ich fast überall dann wieder gehen. Nur ein alter Geschäftsmann schalt diese Leute, sich an einen heißen Ort zu scheren, wenn sie etwas über »deutschen Dreck« sagten. Bei ihm durfte ich bleiben.

Deutsche Soldatengräber in Norwegen

Unsere damalige Staatsministerin Gro Harlem Brundtland versprach dann in ihrer Glanzzeit, daß alle Mädchen, die – ohne jemals vor ein ordentliches Gericht gestellt worden zu sein – inhaftiert wurden, Schadenersatz vom Norwegischen Staat bekommen sollten. Bis zum heutigen Tage – in der Mitte des Jahres 2002 – hat keine von uns auch nur eine versprochene Krone gesehen.

Die meisten meiner Mitgefangenen von damals sind inzwischen – durch biologischen Abgang – ja auch von der Erde Norwegens verschwunden. Einige der Mädchen haben später norwegische Kriegssegler geheiratet. Wenn eine dieser Frauen ihren Mann durch den Tod verlor, bekam sie keine Witwenrente. Der Mann hatte ja seinen Dienst gegen die Deutschen gemacht. Im großen »Ricksarchiv« Norwegens findet sich alles, – alles über jedes Mädchen in den Internierungslagern nach dem Mai 1945. Norwegen will doch ein christliches und demokratisches Land sein. Das Ganze ist eine große Schande für die Norweger.

Ich selbst habe dann 1949 geheiratet. Meine Kinder haben auch sehr viel leiden müssen, weil sie einen deutschen Großvater hatten. Überall gab es Prügel, bis sie dann groß genug waren, sich zu verteidigen. Oft mußten sie hören, daß sie nur Deutscher Mist waren – nichts wert, und ihre Mutter nur eine deutsche Hure.

Ich habe meinen Söhnen die deutsche Sprache beigebracht. Der jüngste ist jetzt 29 und spricht sehr gut Deutsch. Seinem wunderbaren Sohn, meinem Enkel Jonas – jetzt 1 1/2 Jahre alt – hoffe ich, auch Deutsch beibringen zu können. Wenn Gott es so will.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 9(1) (2005), S. 20-25.


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