Die britischen Folterungen in Bad Nenndorf

Von Johannes Heyne

Bad Nenndorf ist ein Badeort am Rande des Weserberglandes, wo Gelenkleidende mit Schlammbädern und Schwefelsole behandelt werden. Im schwefeldampfdurchzogenen Kurpark steht ein stattliches Schlammbadehaus aus dem 19. Jahrhundert. Am Eingang werden die Genesung Suchenden von der Göttin Hygiaia begrüßt. Ende der zwanziger Jahre wurde das Badehaus zu einem gewaltigen Komplex mit unzähligen Badekabinen erweitert.

Kriegsverbrecher-Hauptquartier

Nach Kriegsende gehörte Bad Nenndorf zum britischen Besatzungsgebiet. Unter Verstoß gegen die Haager Landkriegsordnung griffen die Besatzer in die staatliche Ordnung ein und machten Jagd auf Zivilisten, insbesondere die politische Führung des besiegten Landes. Im Potsdamer Protokoll vom 2.8.1945 wird dies folgendermaßen beschönigt:1

»Kriegsverbrecher und alle diejenigen, die an der Planung oder Verwirklichung nazistischer Maßnahmen, die Greuel oder Kriegsverbrechen nach sich zogen oder als Ergebnis hatten, teilgenommen haben, sind zu verhaften und dem Gericht zu übergeben. Nazistische Parteiführer, einflußreiche Nazianhänger und die Leiter der nazistischen Ämter und Organisationen und alle anderen Personen, die für die Besetzung und ihre Ziele gefährlich sind, sind zu verhaften und zu internieren.«

Dem folgend wurde Anfang August 1945 der um das Schlammbadehaus liegende Kurbezirk zum Internierungslager für Zivilisten 2 (»Civil Internment Camp«) erklärt. 1200 Bewohner dieses Gebietes mußten ihre Häuser räumen. Das Gelände wurde mit Stacheldraht eingezäunt. Das Schlammbadehaus erhielt eine neue Bestimmung: Vernehmungszentrale und Gefängnis für Deutsche, die als Kriegsverbrecher angeklagt werden sollten. In den Badekabinen wurden die Armaturen entfernt und die in den Boden eingelassenen Wannen zuzementiert. Es entstanden funktionelle Häftlingszellen mit gekachelten Wänden.

NSDAP-Funktionäre, SS-Angehörige, Offiziere aus allen Teilen der Wehrmacht, Diplomaten und Großindustrielle wurden als Häftlinge in die Zellen einquartiert, um hier für die kommenden Kriegsverbrecherprozesse »vorbereitet« zu werden. Aber hier waren auch geflüchtete sowjetische Offiziere und harmlose Grenzgänger eingesperrt, die man verdächtigte, für die Sowjetunion spioniert zu haben, für die gleiche Sowjetunion, die 1945 und 1946 noch freundschaftlich mit Großbritannien verbunden war.

Die Wachmannschaft bestand aus Angehörigen einer britischen Strafkompanie, die hofften, durch engagierten Einsatz ihren aberkannten Dienstgrad zurückzuerhalten.

Opfer Oswald Pohl berichtet

Über die Zustände im Nenndorfer Schlammbadehaus gibt es lediglich zwei Berichte. Ein Bericht stammt von dem Chef des Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes der SS, dem SS-General Oswald Pohl, der Ende Mai 1945 einige Zeit im Camp Bad Nenndorf inhaftiert war. Er schreibt in den letzten Aufzeichnungen vor seiner Hinrichtung:3

»Die Behandlung durch die Engländer in Nenndorf war unmenschlich. Ich wurde allein in eine Zelle eingesperrt, in welcher 4 Holzpritschen standen. Die Handfesseln wurden mir in der abgeschlossenen und bewachten Zelle weder bei tag noch bei nacht, auch nicht zum Essen und zur Notdurft, abgenommen. Ja, ich wurde abends, mit gefesselten Händen auf der Pritsche liegend, durch eine zweite Fessel an den Pfosten der Pritsche gefesselt, so daß ich mich nicht bewegen konnte und infolgedessen keinen Schlaf fand. Zu den Verhören wurde ich durch einen langen Korridor zum Vernehmungszimmer gehetzt, indem einige der Wachmannschaften hinter mir herjagten, andere, die seitwärts postiert waren, mich durch Tritte und Beinstellen einige Male heftig zu Fall brachten. Vor der Tür des Vernehmungszimmers mußte ich bis zum Beginn des Verhörs Laufschritt auf der Stelle machen, was die Wachposten durch Tritte ins Gesäß und mit Geschimpfe und Gefluche zu immer höherem Tempo zu steigern versuchten. Das alles geschah unter den Augen des in der Nähe zuschauenden Feldwebels. Der Rückweg zur Zelle gestaltete sich zu dem gleichen Spießrutenlaufen, wobei ich einige Male durch Beinstellen der Posten zu Fall kam und heftig gegen die Wand schlug. Am Nachmittag des zweiten Tages wurde ein Stuhl in die Zelle gebracht. Ich mußte mich setzen, um ›rasiert‹ zu werden. Obwohl ich gefesselt war, hielten mich zwei Posten auf dem Stuhl fest, während ein dritter meinen Kopf an den Haaren unbarmherzig nach hinten riß, so daß ich einige Male nach hinten umkippte.

Ein vierter Posten beschmierte mir nun das Gesicht mit einer wie Säure brennenden Masse, wobei er mich fortgesetzt mit der flachen Hand ohrfeigte. Nachdem er mich gründlich ›eingeseift‹ hatte, kratzte er mit einem stumpfen Rasierapparat das Gesicht so rücksichtslos ab, daß das Blut auf die Jacke tropfte. Während dieser Prozedur spuckten seine Gehilfen mir unter wilden Flüchen und Beschimpfungen fortgesetzt ins Gesicht.

Schließlich stürzten sich wie auf Kommando alle anwesenden Posten – es befanden sich etwa 8–10 Personen in der Zelle – auf mich, rissen mich hoch und schlugen blindlings auf mich ein, der ich wehrlos gefesselt war. Es hagelte Faustschläge gegen den Kopf und Fußtritte gegen alle Körperteile. Ich taumelte, mich mühsam auf den Beinen haltend, von einer Ecke in die andere, bis ich unter einem gewaltigen Schlag oder Fußtritt in die Magengegend besinnungslos zusammensackte.

Als ich erwachte, war es still und leer in der Zelle. Ich lag auf einer Pritsche und bemerkte, daß zwei Ärzte sich um mich bemühten, von denen einer meinen Puls beobachtete. Die Handfessel war abgenommen. Ich fiel bald wieder in Ohnmacht.

Wie lange dieser ganze Vorgang gedauert hat, konnte ich nur nach dem Tageslicht schätzen. Da es bei meinem Erwachen schon fast dunkel war, mochte es 20 Uhr gewesen sein, bei Beginn der Mißhandlungen etwa 17 Uhr. Es wurde mir ein starker Kaffee gereicht, und dann wurde ich zum letzten Verhör gebracht, diesmal ohne Spießrutenlaufen. Dieses Verhör dauerte bis tief nach Mitternacht. Der Vernehmungsoffizier, dem mein Zustand auffiel, erkundigte sich nach der Ursache. Ich berichtete ihm kurz das Vorgefallene. Er stand empört auf und entschuldigte sich ›im Namen der britischen Armee‹. Dann verließ er für geraume Zeit das Zimmer, um – wie er mir versprach – den Kommandanten wegen Bestrafung der Schuldigen aufzusuchen. Bei der brutalen Mißhandlung ist mir ein Backen- und ein Schneidezahn ausgeschlagen worden.

Am nächsten Morgen gegen 7 Uhr wurde ich gefesselt in einem Kraftwagen nach Nürnberg gebracht.«

Das Schlammbadehaus in Bad Nenndorf

Noch ein Bericht

Der zweite Bericht stammt von dem Nenndorfer Heinrich Steinmeyer und seiner Ehefrau Marie. Der Bericht ist im Jahre 1952 in der Zeitschrift Quick veröffentlicht worden 4 und kursiert ansonsten in Bad Nenndorf in verschiedenen Abschriften. Heinrich Steinmeyer war Häftling des Gefängnisses und starb 1948 an den Haftfolgen.

»Britisches Vernehmungslager Camp Bad-Nenndorf, 1945–1947

[...] das Badehaus [war] hermetisch von aller Welt abgeschlossen. Außer den britischen Offizieren, die dort die Gerechtigkeit handhabten, und den britischen Wachmannschaften, die dieser Art Gerechtigkeit dienten, wußte niemand von der Existenz eines solchen Gefängnisses. Die Deutschen schon gar nicht, denn wer in dieses Inferno geriet, war verstummt, verschwunden, verschollen.

Aus Nenndorf kamen niemals Nachrichten an die Angehörigen der Gefangenen. Die britischen Behörden, die in Herford residierten, gaben weder einem Angehörigen noch dem Roten Kreuz, das aufmerksam geworden war, noch den Quäkern, die barmherzig zu Hilfe eilen wollten, Auskunft. Sie leugneten sogar, wenn ihnen genaue Personalien über einen Gefangenen angegeben wurden, daß dieser Mann sich überhaupt in Nenndorf befand...

[Die gekachelten Wände der Zellen] wurden [...] ein Riesenspaß für die britischen Wachhabenden und eine Quelle des Schreckens für die Häftlinge, denn die Soldaten beschmierten systematisch die Wände mit Dreck, und die Gefangenen mußten sie dann mit den Fingern oder einer Zahnbürste blitz-blank säubern. Die Einzelzellen waren niemals geheizt, und im Gemeinschaftsraum fror im bitteren Winter 1946/47 die Wasserleitung ein. Boden und Wände waren eisig. Eine Pritsche. Kein Strohsack. Zwei Decken. Und während der ganzen Nacht brannte das elektrische Licht, und in jeder Stunde schloß ein Posten rasselnd die Tür auf und sah herein, und zweimal in der Nacht kam eine Offiziersstreife. Die Gefangenen hatten aufzustehen, stillzustehen und ihre Nummer zu nennen. Bis zu 20 Minuten lang hörte man das Krachen der Türen, das Trampeln der Posten, das Brüllen der begleitenden Soldaten.

So verbrachten sie ihre Tage ...

Die Wachmannschaften waren eine auserlesene rüde Horde rauher Gesellen, die wahrscheinlich nicht einmal auch nur hauchartig von einem Gefühl und schon gar nicht von einem Mitgefühl angeführt wurden. Sie waren durchweg Angehörige einer Strafkompanie, die ein kriminelles Delikt zu verbüßen hatten und den Rest ihrer Dienstzeit hier abdienten. Und sie machten sich diesen Rest so spaßhaft und so vergnüglich wie nur möglich. Bisweilen hatten sie untereinander wüste Auseinandersetzungen, und dann hörten die Internierten so einiges, was die Burschen sich an den Kopf warfen an Beschimpfungen, und sie wußten, in welchen Händen sie sich befanden. Notzucht, Diebstahl, Schiebung, Raub, Mordversuche, Fahnenflucht. Jedoch lag das Furchtbare für die Gefangenen darin, daß diese Burschen einer wie der andere, von einen glühenden Ehrgeiz besessen waren. Ein erbitterter Konkurrenzkampf putschte sie wieder und wieder auf.

Denn jeder hatte von ihnen früher einmal einen Dienstgrad bekleidet. Und jeder von ihnen hatte die Chance, sich wieder hochdienen zu können. Das aber setzte zum Unglück der Internierten voraus, daß diese Chance in der schroffsten und brutalsten Behandlung der Internierten bestand. Aus diesem Grunde erfanden diese Burschen mit aller sadistischen Phantasie, die sie aufbringen konnten, jeweils ihre besonderen, privaten Methoden, die Eingesperrten zu quälen.

Jeder der Nenndorfer Gefangenen berichtet, daß er mit Verzweiflung eingeschlafen und mit Entsetzen aufgewacht sei. Dazwischen lagen Tage einer wie der andere.

4.30 wurde geweckt. War der Sergeant schlecht gelaunt, weckte er 3.30 oder 4.00. Die Gefangenen stoben aus den Betten, das heißt von der Bretterpritsche. 5 Minuten später mußten die beiden Decken nach schärfstem Kommißstandpunkt gelegt sein. Während des Tages durfte sich niemand setzen oder legen. Klappte ein Unglücklicher erschöpft zusammen und legte sich für einige Sekunden hin: ›Essensentzug‹.

Der Tag bestand darin, daß die Häftlinge von 4.00 Uhr morgens bis 21.30 Uhr abends in ihren Zellen auf und abgingen oder an der Wand standen. Sie standen an der Wand, bis sie wahnsinnig zu werden glaubten.

Schon in den ersten Minuten seiner Einlieferung in Nenndorf wußte jeder Häftling, daß er hier verloren war, denn 5 Minuten nach seiner Einlieferung stand er in dem Empfangsraum, wo ihm ein Sergeant die Kleider vom Leibe riß. Von der Nenndorfer Uniform ist zu sagen, daß jeder Eingelieferte wie eine Art Exzentrik – Clown aussah, Jacken zu klein, Hosen zu weit oder zu eng, und alles starrte vor Dreck. Niemals wurde die Wäsche gewechselt. Bei der Schuhausgabe sorgten die vergnügten Sergeanten stets dafür, daß die derben Lederschuhe um mindestens vier Nummern zu groß waren. Das hört sich harmlos an, aber es wurde zur unvorstellbaren Qual. Schuhbänder gab es keine, die Schuhe hingen lediglich am Fuß, und da jede Bewegung außerhalb der Zellen immer im Laufschritt gemacht werden mußte, stolperten und stürzten die Gefangenen unentwegt dahin und wurden unter Geschrei und mit Hieben von Gewehrkolben weitergetrieben. Nach 3–4 Stunden: Dünner Tee und vielleicht etwas Haferbrei. Hiernach standen oder liefen sie wieder in ihren Zellen herum, bis sie wieder glaubten, wahnsinnig zu werden.

Der Mann mit dem Kinnhaken

Bevor abends die Offiziersstreife kam, mußten die Gefangenen Jacke, Hose und Schuhe vor ihre Zellentür legen und in Hemd und Unterhose stillstehen. Der Kommandant von Nenndorf, seinen Namen wird keiner jemals vergessen, Oberst Stevens, nahm die Abendansprache gern selber ab und hatte seine Originalspäßchen dabei. Groß gewachsen und breitschultrig, mit einem immer dunkelroten Gesicht, mit vielen Ordensstreifen auf der Brust, spazierte er von Zelle zu Zelle und musterte die armseligen, halbverfrorenen Gestalten in ihren Unterhosen aus seinen kleinen kalten Augen. Dann und wann brüllte er plötzlich nach Laune den einen oder anderen an. Dieses unartikulierte Anschreien enthielt eine Frage, die der Gefangene meistens niemals verstand. Oberst Stevens pflegte auch eine Antwort gar nicht zu erwarten, sondern schmetterte sofort hinterher eine Faust unter das Kinn des Mannes.

Dann begann unter Aufsicht des wachhabenden Offiziers eine niederträchtige Zeremonie. Kaum war die Parade zu Ende, wurden zwei oder drei Häftlinge aus den Zellen geholt. Sie mußten Wasser, das nur für diesen teuflischen Plan bereitgestellt war, über die langen Korridore ausschütten, und zwar so, daß die vor den Zellen liegenden, armseligen Lumpen der Gefangenen von dem Dreckwasser erfaßt wurden. So lagen dann diese Kleider, wenn man von Kleider sprechen kann, bis morgens in der Schmutzbrühe, und der Häftling mußte beim Wecken völlig erstarrtes und gefrorenes, schmutziges Zeug auf seinen Leib ziehen.

Selbstverständlich gab es Verhöre und Vernehmungen. Aus einer Unzahl von Aussagen geht hervor, daß britische Offiziere deutsche Offiziere des Heeres und der Waffen-SS und Funktionäre der Partei unbarmherzig geschlagen und getreten haben, um die gewünschten Aussagen zu bekommen. Jeder Häftling in seiner Zelle hielt sich die Ohren zu oder zitterte an allen Gliedern oder rannte verzweifelt in seinem engen Raum auf und ab, wenn aus den Vernehmungsräumen unmittelbar am Eingang zum Bad das laute Schmerzensgebrüll, Schreien, Schluchzen, Weinen und Jammern der mißhandelten Gefangenen zu hören war, nur übertönt von dem fluchenden Toben der britischen Vernehmungsoffiziere.

Erlebnisse in der Hölle

Der SS-Obersturmbannführer Dr. Oebsger-Roeder wurde am Karfreitag des Jahres 1946 von mehreren britischen Offizieren bewußtlos geschlagen, so daß er in seine Zelle getragen werden mußte. Er brauchte lange Monate, um seine schweren Verletzungen auszuheilen.

Der SS-Sturmbannführer Dr. Hahnke, Legations-rat in der kulturpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, wurde so zusammengeschlagen, daß er für sein Leben lang ein Beinleiden behielt.

Der letzte Leiter der Filmabteilung im Propagandaministerium, Parbel, erhielt nicht nur schon bei seiner Einlieferung vom Wachpersonal Prügel, sondern wurde von einem britischen Major, einem früheren Deutschen, in die gefürchtete und berüchtigte Zelle 12 gejagt. In diesem Raum wurden mehrere Eimer Wasser gekippt, so daß der Häftling die ganze Nacht mit bloßen Füßen, nur mit Hemd und Hose bekleidet, ohne Sitzmöglichkeit, in der Nässe stehen oder auf und abgehen mußte. Der Unglückliche brachte volle acht Tage und Nächte in dieser Hölle zu, und sein Anblick bewegte sogar dann und wann das unempfindliche Gemüt eines der Posten, der ihn dann heimlich herausholte, ihn Schuhe anziehen und ihn eine Stunde auf den Abortsitz ausruhen ließ.

Die meisten Prügelszenen leitete Captain Lengham. Sein Name ist bei den Nenndorfern unvergessen. Er sorgte dafür, daß die Bewußtlosen bisweilen unter die Dusche geschleppt wurden, bis sie wieder zu sich kamen, und sie weiter geschlagen werden konnten.

Der Stamm der Peiniger bestand durchweg aus Sergeanten. Es spricht für den Galgenhumor der mißhandelten Männer, daß sie inmitten dieser Hölle für diesen und jenen dieser. Henker noch Spitznamen fanden. Einer dieser Sergeanten hieß ›Heinrich der VIII‹, weil er aus alten Nähten platze und ununterbrochen mit purpurroten Kopf um sich brüllte. Ein anderer hieß ›Blutauge‹, und das bedarf keines Kommentars. Ein anderer hieß ›Land des Lächelns‹, und dieser war die schlimmste aller Bestien, weil er mitten in der Nacht mit seinen eiskalten Lächeln in der Zelle erschien, die Häftlinge von der Pritsche fegte und sie merkwürdige Turnübungen machen ließ, aus denen sie halb zerbrochen hervorgingen.

Fluchtversuche waren aussichtslos, und trotzdem wagten es einmal zwei Gefangene, die im Gemeinschaftsraum wohnten: Der eine von ihnen entkam, der andere wurde in der Nähe des Lagers bei der Suchaktion, an der die gesamte Bewachung teilnahm, aufgespürt. Der Unglückliche wurde während seiner Vernehmung so lange geschlagen, bis er ein Wrack war und schließlich angab, wer ihm draußen nach der Flucht einen Zivilanzug gegeben hatte. Das war ein Bergmann, der in Barsinghausen unter Tag arbeitete und bei dem der Flüchtling nachts angeklopft hatte. Als der Bergmann zögerte, sagte seine Frau; Hilf ihn, um Christi willen. Der Bergmann wurde einige Wochen eingesperrt, und was dieser Mann, ein alter Sozialdemokrat, erleiden mußte, war grauenhaft. Bei jedem Essen mußte er sich erbrechen, auch er war ein Wrack, als er entlassen wurde. Der Flüchtling selber wurde zunächst zusammengeschlagen und dann sein Handgelenk mit seinem Fußgelenk durch eine Kette gefesselt, so daß er nur tiefgebückt stehen oder humpeln konnte. Viele haben ihn so gesehen.

Kein Nenndorfer wird auch jemals den britischen Arzt vergessen, der sie zu betreuen hatte, den britischen ›Militärarzt‹ Capitain Smith. Eine hagere, gealterte, ausgemergelte Erscheinung, die verkörperte Gleichgültigkeit. Er sah lediglich in die Zelle, hörte abwesend zu, wenn jemand über dies und jenes klagte und knurrte; ›No personal remark‹ – nichts zu bemerken.

Wer Zahnschmerzen hatte, war völlig verzweifelt, und wie viele hatten Zahnschmerzen, weil ihnen die Zähne eingeschlagen worden waren. Einen Zahnarzt gab es nicht. Dem Dr. h. c. Winkler, jenem sagenhaften Bürgermeister Winkler, der die Filmwirtschaft und andere Riesenunternehmungen.im Dritten Reich finanziell betreute und der, als er nach Nenndorf kam, 72 Jahre alt war, brach die Zahnprothese. Er konnte nicht mehr kauen. Captain Smith hörte sich den alten Mann an, der schließlich hilflos sagte; er müsse lebendig verhungern. Smith bemerkte trocken: Nun also, dann verhungern Sie.

›Oh, du selige Weihnachtszeit‹

Wer das Weihnachtsfest 1945 in Nenndorf verbracht hat, wird es in seinem ganzen Leben nicht vergessen.

Die in der Lagerküche beschäftigten Häftlinge hatten zusammengespart und sich die erdenklichste Mühe gegeben, ihren geschundenen, gequälten und mißhandelten Kameraden wenigstens an diesem Abend eine winzige Freude zu machen. Sie hatten aus den dürftigen Vorräten Lebkuchen gebacken. Und der 24. Dezember schien tatsächlich so etwas wie ein winziger Lichtblick in der Trostlosigkeit zu werden. Ein Vernehmungsoffizier polnischer Herkunft ging in der Abenddämmerung von Zelle zu Zeile und wünschte arglos mit freundlichen Blicken jeden einzelnen in gebrochenen Englisch: ›Merry Christmas‹, also – gute Weihnachten...

Auch das Volk dieses Mannes war geschunden worden, vielleicht sogar er selber, vielleicht sogar von einigen, die hier eingesperrt waren, aber an diesem Abend sprach sein Herz.

Er ahnte nicht, welche Hölle in einigen Stunden über die Häftlinge hereinbrechen würde. Die gesamte britische Wachmannschaft, sinnlos betrunken, wälzte sich von Zelle zu Zelle während der ganzen Nacht und prügelte, schlug, trat, was ihnen zwischen die Fäuste und Stiefel kam. Eine Nacht von vielen. [...]

Ein Typus soll ausgerottet werden

[...] Wörtlicher Satz aus einer Vernehmung: ›Natürlich wissen wir, daß Sie und Ihre Kameraden keine Nazis waren. Aber Sie haben Pech. Sie verkörpern einen Typus, den wir noch mehr als die Nazis ausrotten wollen.‹

Es war die Mühle der Kollektivschuld.


Endlich haben die Alliierten einer Überprüfung der Urteile gegen wirkliche und angebliche Kriegsverbrecher zugestimmt. Wenn Quick sich zu diesem Zeitpunkt zur Veröffentlichung dieses Berichtes über Nenndorf entschließt, geschieht es, um den Richtern die ungeheure Verantwortung vor Augen zu halten, die in ihren Händen liegt, um ihnen ins Gedächtnis zu rufen, daß es nicht nur deutsche Kriegsverbrecher gab und daß hüben und drüben nicht mit dem gleichen Maß gemessen wurde.

Einleitung zum Quick-Artikel aus dem Jahre 1952,
Jg. 5, Nr. 10, 9. 3. 1952, S. 28–31

Aber daneben gab es noch Gottes Mühlen, die langsam aber sicher mahlen, Was hier zum Himmel schrie, wurde ganz allmählich durch Gerüchte in die Außenwelt getragen. Gefangene, die entlassen wurden, sprachen. Und es wurde klar, daß in Nenndorf durch Engländer Dinge geschahen, die genau so zu bewerten waren, noch schwerer zu bewerten waren, weil sie im Namen der Befreiung und im Namen der Demokratie vor sich gingen, wie jene Anklagepunkte, um derentwillen in Nürnberg Deutsche gehängt wurden oder ins Zuchthaus oder ins Gefängnis kamen. Viele der Gefangenen hatten sich vorgenommen zu schweigen. Aber viele schwiegen nicht.

Der Stein geriet ins Rollen. Der katholische Lagergeistliche des Nr. III Civilian Internment in Fallingbostel, Vikar Magar, hörte von den Gerüchten und bat einen anderen Nenndorfer, Herrn Parbel, um Angabe von Einzelheiten, die er dem Bischof von Hildesheim sofort weitergeben wollte. Und schon einige Wochen später erschien der geistliche Würdenträger in Nenndorf, las eine Messe und predigte in vollem Ornat und ließ sich zum peinlichsten Mißbehagen der Briten von mehreren Gefangenen diese Schinderhütte schildern. Er versprach, das Material unverzüglich an den Kardinal Griffy nach England weiterzuleiten.

Am ersten Pfingsttag 1947 stand das Mitglied des britischen Unterhauses, der Abgeordnete Stokes, vor den Toren Nenndorfs und forderte Einlaß. Mit leeren Gesichtern mußten ihn die britischen Offiziere einlassen. Der Abgeordnete ging von Zelle zu Zelle und ließ sich berichten. Schon was er sah, genügte: armselige, zerschlagene, halbverhungerte, kranke, scheue, zerlumpte Gestalten.

Am gleichen Abend rannten die britischen Wachmannschaften, die weit über ein Jahr Wehrlose geschunden und gequält hatten, mit freundlich verzerrten Gesichtern nervös ebenfalls von Zelle zu Zelle und verteilten ihre eigenen Rationen an Zigaretten, Schokolade und Bonbons. Doch der Stein war schon ins Rollen gebracht ...

Es erschienen hohe Beamte der Londoner Polizeizentrale Scotland Yard und ließen sich die Vorgänge schildern. Sie machten kein Hehl daraus, daß dies die Vorbereitungen für einen Prozeß gegen die Kommandanten und Wachsoldaten des englischen Vernehmungslagers seien. [...]

Freispruch für die Folterer: ›Nichts gewußt‹ und ›auf Befehl‹

›Der Prozeß in London rollte an. Angeklagt war der Kommandant des Lagers Nenndorf, Colonel Stevens, einer der brutalsten Vernehmungsoffiziere Oberleutnant Langham, der Lagerarzt Captain Smith und einige andere Schinder. Für den Oberleutnant Langham war es peinlich, daß frühere deutsche Staatsangehörigkeit festgestellt wurde. Aber viel mehr ereignete sich nicht. Der Kommandant des Lagers, Colonel Stevens, wurde freigesprochen mit der Begründung, das er von Mißhandlungen nichts gewußt habe. [...] Selbst die Sergeanten ›Blutauge‹ und ›Heinrich der VIII‹ und ›Land des Lächelns‹ wurden freigesprochen. Und zwar mit der Begründung, daß sie nur auf Befehl gehandelt hätten, [...] die einzige Verurteilung im Londoner Prozeß erfolgte gegen dem Militärarzt Captain Smith. Seine Strafe bestand in der Entlassung aus der britischen Armee. Es war keine Strafe, denn Captain Smith war ein alter Mann, längst abschiedsreif, längst kein aktiver Militärarzt mehr, und er faßte diese Entscheidung als eine sichtliche Erleichterung auf...«

Nach dem Prozeß in London wurde im August 1947 das Nenndorfer Lager aufgelöst.

Sieger und Besiegte

Die britischen Mitsieger haben auf ihre Art Rache genommen an dem Gegner, den sie nur mit fremder Hilfe und unter Preisgabe ihres Imperiums imstande waren zu besiegen. Es war die Rache der Ohnmacht. Die Besiegten haben sich der Rache unterworfen und tragen noch immer das Narrengewand der Häftlinge. Seit die »Geständnisse« der nicht nur in Bad Nenndorf, sondern vielerorts Gefolterten Grundlage unseres Gemeinwesens geworden sind, gilt es als Kumpanei mit dem Bösen, von diesen zu sprechen.

Im Nenndorfer Schlammbadehaus ist die Hygiaia gesäubert, die Badezellen sind ihrer eigentlichen Bestimmung zugeführt. Die Schmerzensschreie der Vernommenen sind verhallt.

Verhallt wohin?

In Bad Nenndorf bleiben die Kurgäste aus. In den langen Gängen des Schlammbadehauses ist es meist still. In den Kurkliniken wohnen Senioren, die auf den Kurpromenaden ihre letzten Schritte mit Gehwagen üben. Zwischen den Blumenrabatten rangeln türkische Knaben. Geschäfte schließen.

Der Grund, auf dem seit Kriegsende das Vaterland ruht, modert. Er überzieht auch Bad Nenndorf mit einem fauligen Dunst, der nicht vom heilenden Schwefel stammt. Heimlich nur, als täte man etwas Verbotenes, geht der Bericht der Eheleute Steinmeyer von Hand zu Hand.


Anmerkungen

1 Potsdamer Protokoll vom 2. August 1945, III A Abs. 5
2 Die Akten des Civil Internment Camp Bad Nenndorf befinden sich wie alle Akten der britischen Militärregierung in London. In deutschen Archiven befindet sich lediglich ein Verzeichnis der vorhandenen Akten mit den zugehörigen Aktenzeichen: Akten der britischen Militärregierung in Deutschland, Hrg. Adolf M. Birke, Hans Booms, Otto Merker, dem Deutschen Historischen Institut London, dem Niedersächsischen Hauptstaatsarchiv Hannover, München 1993. Zu Bad Nenndorf werden folgende Akten genannt: 1. Bd. 7, S. 158, Eintrag 19784, Civil Internment Camps, August 1946 – August 1947, AZ: FO 1067 Nr. 79. Hier wird Bad Nenndorf neben anderen Lagern genannt. 2. Bd. 2, S. 67 f., Einträge 3691–3702, Assistant Inspector General, Public Safety, Report on Bad Nenndorf, Detailed Interrogation Centre, Contents of Mr. T. Hayward’s (Assistant Inspector General, Public Safety) report on Bad Nenndorf, Detailed Interrogation Centre. Es folgen zehn einzelne Berichte, alle bezeichnet als Report on Bad Nenndorf Detailed Interrogation Centre, File retained by department of origin, AZ: FO 1030 Nr. 271–282. Die deutschen Verwaltungsakten der Zeit enthalten nichts über das Lager Bad Nenndorf.
3 Aus: »Das Nachkriegsschicksal des SS-Generals Oswald Pohl, Letzte Aufzeichnungen«, Historische Tatsachen Nr. 47, Vlotho 1991, S. 35 f.
4 Hinter den Kulissen der Nachkriegszeit: Der dritte Grad, Quick, Jg. 5, Nr. 10, 9. 3. 1952, S. 28–31.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 9(1) (2005), S. 14-19.


Zurück zum Inhaltsverzeichnis