Erinnerungen

Von H. Mayer

Vieles haben deutsche Soldaten nach der Gefangennahme erduldet: Hunger, Demütigung, Folter, Mord und Ausbeutung. Die wenigsten sprechen davon. Ihnen ist diese Zeit und das Erlebte eine Höllenvision, die sie vergessen wollen. Ganz im Gegensatz zu anderen Opfern, die unablässig bis ins Kleinste berichten und mit einem unglaublichen Gedächtnis ausgestattet sind, dessen Herkunft einer wissenschaftlichen Untersuchung wert wäre. Manchmal gelingt es, einen Wissenden zu Reden zu bringen, wohl weil er in der Ferne schon Hel sieht, die ihn in eine bessere Welt bringen wird. So im Falle des Richtkanoniers der Dicken Berta, der mithalf, die Bunker und Festungen von Sewastopol zu knacken. Dieser bescheidene, lebenstüchtige Mann geriet am Mai 1945 in der Atlantikfestung St. Nazaire mit 70.000 weiteren Soldaten in amerikanische Gefangenschaft. Die Amerikaner überstellten die Deutschen an die Franzosen. Über diese Leidenszeit schreibt der Verfasser.


Nun begann die große Leidenszeit für uns mit Krankheiten, Ruhr und noch mehr Hunger. Von St. Nazaire wurden wir ins Gefangenenlager Dreux verlegt. Es war Juni 1945. Während des Transportes in offenen Güterwagen mußten wir im Mist von Schlachtrindern sitzen. Jeder Wagen hatte ein Bremserhäuschen, in dem ein Marokkaner mit Karabiner saß. Stundenlang stand der Zug in den Bahnhöfen. Von den Brücken der Bahnhöfe warfen Zivilisten, wobei sich besonders Weiber hervortaten, Wellbleche, große Steine und anderes in die Waggons. Es gab viele Tote. Die Vertreterinnen der »Grande Nation« machten sich auch noch den Spaß, auf uns zu urinieren. Beim langsamen Passieren der großen Wasserbehälter für die Lokomotiven-Tender wurden diese von den Eisenbahnern geöffnet und die Waggons geflutet. Wir schwammen direkt im Dreck!

Dann feierten die Franzosen »Ihren Sieg« mit einer Flugzeugparade. Wir mußten bei großer Hitze antreten und stundenlang stillstehen. Viele von uns haben das nicht überlebt, sie fielen einfach um.

Die Verpflegung bestand aus drei bis vier Würfel Runkelrüben, gekocht in Wasser. Zur Entlausung wurde uns Pulver in die Klamotten gespritzt.

Der nächste Transport erfolgte wieder mit der Bahn nach Orleans. Wir wurden mit SA-Braunhemden eingekleidet und mit Holzschuhen ausgerüstet. Rücken und Hosenbeine trugen den Aufdruck PG (»prisonnier de guerre« – Kriegsgefangener). Es gab für uns kein Rotes Kreuz, wir waren Freiwild für die Franzosen. Sie haben uns alles abgenommen, sogar das Eßbesteck, mit Ausnahme des Löffels. Auch die Rasierapparate wurden uns genommen. Die Bärte wuchsen uns, so daß wir bald wie Verbrecher aussahen. Dann wurden wir für die Kartei fotografiert.

Mit dem nächsten Transport ging es nach Chartres. Dort waren wir in Zelten mit je 35 Mann untergebracht. Es kam der kalte Winter 1945/46. Keine Heizung und jeden Morgen waren im Lager 10–15 Gefangenen tot, verhungert oder erfroren. Die Gefangenen wollten arbeiten, da sie auf bessere Verpflegung hofften. Arbeit gab es schließlich in den Steinbrüchen.

Eine besondere Rohheit der französischen Wachmannschaften war es, Gefangene abzuknallen, die nachts austreten mußten und zum Schutz vor Kälte eine Jacke anzogen,. Am Wochenende (Sonntag) kam die Wachablösung meistens besoffen an, dann war Krieg im Lager.

Weihnachten 1945 waren im Lager Chartres von 70.000 Gefangenen bereits 25.000 verhungert und gestorben oder ermordet. Von diesem Lager aus durften wir zum ersten Male nach Hause schreiben. Dabei mußte der Wortlaut heißen »Mir geht es gut!«

Nach drei Jahren Gefangenschaft ging es ins Entlassungslager Fontainebleau und nach Wochen wurde ich am 31.3.1948 in Stuttgart-Malsheim entlassen. Daheim mußte ich bei Null anfangen.

Rückblickend behaupte ich noch heute, das Leben, das ich gelebt habe, war es nicht wert, daß ich es gelebt habe.


Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 9(1) (2005), S. 7.


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