Die Aufklärung der Dialektik

oder: Luft von anderem Planeten

Von Ernst Manon

Aus der Antike ist die Dialektik seit Zenon, Sokrates und Platon geläufig. Platon bekannte: "Wer die Zusammenhänge erfaßt, ist ein Dialektiker", doch er warnte: "Siehst du nicht, welch großes Unheil nunmehr aus der Dialektik, wie sie jetzt betrieben wird, erwächst?" Die Schüler derselben werden "voll von Ungesetzlichkeit".

Platon gab die Vorsichtsmaßregel,

"sie nicht in zu großer Jugend daran kosten zu lassen. Es ist dir ja nicht entgangen, wenn die jungen Burschen erstmals an der Dialektik kosten, dann gehen sie mit ihr um wie mit einem Spielzeug, benützen sie zur Widerlegung, ahmen die Widerlegenden nach und machen es andern ebenso, dann freuen sie sich wie junge Hunde, alle Leute der Umgebung mit ihrem Disput hin und herzuziehen...Wenn sie nun viele Leute widerlegen und auch selber oft widerlegt werden, dann verfallen sie rasch und heftig in völligen Unglauben über früher Geglaubtes. Und daraus erhebt sich dann der üble Ruf über sie und die Philosophie überhaupt bei den übrigen Menschen."

Er unterschied aber dann zwischen der Dialektik als Disputierkunst und der Dialektik als Mittel der Wahrheitssuche:1

"Wer schon älter ist, wird an solchem Wahnsinn nicht teilhaben wollen, sondern eher den Menschen nachahmen, der durch die Dialektik die Wahrheit sucht, als jenen andern, der des Vergnügens halber scherzt und widerspricht."

In der "Frankfurter Schule" waren es allerdings gerade die älteren Herren, die die jungen Burschen verdarben.

Auch Goethe hatte die Problematik mit der Dialektik erkannt. Im Gespräch mit Hegel am 18. Oktober 1827 notierte Eckermann:2

"Sodann wendete sich das Gespräch auf das Wesen der Dialektik." ...'Wenn nur', fiel Goethe ein, 'solche geistigen Künste und Gewandtheiten nicht häufig gemißbraucht und dazu verwendet würden, um das Falsche wahr und das Wahre falsch erscheinen zu machen!' — 'Dergleichen geschieht wohl', erwiderte Hegel, 'aber nur von Leuten, die geistig krank sind.'

Hegels Geisteskrankheit hingegen ist der Titel einer Studie des inzwischen verstorbenen Nervenarztes Dr. Wolfgang Treher.3

"Nicht jedem schizophrenen Denker widerfährt wie Hegel das seltene Glück, daß man seine logisch unmöglichen Selbstwidersprüche gleichwohl für 'Logik' oder jedenfalls für eine Spielart von Logik, wie sich versteht, einer einzigartigen und 'genialen', erklärt."

"Die Zuhörer Hegels glaubten, sich seiner Rationalität, seiner berühmten 'Logik' beugen zu müssen. Statt dessen hatte er sie bei ihren Emotionen gepackt, und durch den gleichen Kunstgriff eroberte sich die Lehre seines Schülers Karl Marx die halbe Welt." 4

Auch Schopenhauer meinte, Hegel tische baren Unsinn auf, schmiere "sinnleere, rasende Wortgeflechte" zusammen, "wie man sie bis dahin nur in Tollhäusern vernommen hatte", und bewirke die

"plumpeste allgemeine Mystifikation, die je gewesen, mit einem Erfolg, welcher der Nachwelt fabelhaft erscheinen und ein Denkmal deutscher Niaiserie bleiben wird". 5

An anderer Stelle sei es Schopenhauer klar geworden, daß die "Wahrheit als 'Bewegung ihrer an sich selbst'" ein Münchhausenphänomen sei, schreibt Treher.6 Denn:

"Meint man bis heute vielfach, Hegel richtig zu interpretieren, wenn man in seiner Selbstoffenbarung des Geistes die Proklamation einer neuen Philosophie versteht, so ist dem entgegenzuhalten, daß diese Selbstoffenbarung oder 'das Erkennen des Anschauens' vielmehr am Anfang der pathologischen Entwicklung Hegels steht." 7

Der (jüdische) Staatsrechtler Hans Kelsen stellte klar:8

"Nichts kann die wissenschaftliche Belanglosigkeit der dialektischen Methode klarer beweisen als der Umstand, daß sie es Hegel gestattet, den Staat als einen Gott zu verherrlichen, und es Marx erlaubt, ihn als einen Teufel zu verfluchen. Unter Anwendung dieser Methode behauptet der eine, daß die fortschreitende Verwirklichung der Vernunft — mit Hilfe von Kriegen — notwendig zur Weltherrschaft der deutschen Nation führt, während der andere als unvermeidbares Ergebnis der geschichtlichen Entwicklung die revolutionäre Errichtung der freien Gesellschaft des Weltkommunismus vorhersagt...

Jede geschichtliche Situation kann — je nach ihrer politischen Bewertung durch den Betrachter — als Thesis, Antithesis oder Synthesis gedeutet werden. So kann die dialektische Methode jede beliebige politische Überzeugung befriedigen. Die Tatsache, daß die dialektische Methode für jeden politischen Zweck benützt werden kann, erklärt ihre außerordentliche Anziehungskraft und ihre weltweite Verbreitung, die allein mit dem Erfolg der Naturrechtsdoktrin im achtzehnten Jahrhundert vergleichbar ist."

Auch Ladislaus Gumplowicz wußte:9

"Hegels pfiffige Formel, wonach sich der absolute Geist 'im 3/4-Takt' von Thesis, Antithesis und Synthesis entwickelt und fortbewegt, läßt sich auf all und jedes anwenden — speziell aber auf all und jede physische, geistige und soziale Bewegung und man braucht immer nur jeden dieser '3/4-Takte' als ein beliebiges Entwicklungsstadium der bezüglichen Bewegung (die doch überall in Natur und Leben herrscht) zu bezeichnen, und die entsprechende Philosophie ist fertig."

Arnold Ruge, der 1844 in Paris zusammen mit Marx die Deutsch-Französischen Jahrbücher herausgab, sich aber dann von ihn trennte, fand:10

"Marx hat das Talent, alles zu behaupten und alles zu beweisen, ein wahrer Eulenspiegel in der Dialektik. Kein Mensch vermutet sein Kunststück, denn er hat bis auf den letzten Augenblick noch immer die Freiheit, so gut schwarz als weiß zu sagen."

Und über dessen Anhänger meinte er:11

"Diejenigen Jünglinge, welche kopflos sind, um den Sieg des Kommunismus ...zu wünschen — mögen sich beizeiten anstrengen, sowohl die Verrücktheit der Theorie, als auch den Schmutz der Gesinnung aus den Schriften, Reden und Taten seiner Propheten zu entfernen. Denn es hoffe nur keiner, das Produkt werde besser ausfallen als seine Produzenten."

Karl Barth, der Begründer der dialektischen Theologie bestätigte:12

"Der echte Dialektiker weiß, daß diese Mitte unfaßlich und unanschaulich ist ...Auf diesem schmalen Felsengrat kann man nur gehen, nicht stehen, sonst fällt man herunter, entweder zur Rechten oder zur Linken, aber sicher herunter. So bleibt nur übrig, ein grauenerregendes Schauspiel für alle nicht Schwindelfreien, beides, Positives und Negatives, gegenseitig aufeinander zu beziehen, Ja am Nein zu verdeutlichen und Nein am Ja, ohne länger als einen Moment in einem starren Ja oder Nein zu verharren."

Seine theologischen Erben haben erfahren, was ihr Meister vorhergesagt hatte, folgerte Ernst Lerle dazu, jedenfalls 1984:13

"Nicht zur Rechten, sondern zur Linken sind sie heruntergefallen. Nach diesem Absturz liegen sie im Einflußbereich einer anderen Dialektik, nämlich der des dialektischen Materialismus von Marx und Engels."

Damals, nämlich 1985, meinte Boris Groys, zwischenzeitlich Rektor der Akademie der Bildenden Künste in Wien und heute Lehrbeauftragter in Karlsruhe:14

"Es genügt die Feststellung, daß die heutige sowjetische Lesart des Diamat [Dialektischer Materialismus] sich im Westen nicht gar zu sehr vom dem unterscheidet, was im Westen unter dem Namen Poststrukturalismus auftritt. Der sowjetische Diamat (ja schon bei Engels und Lenin) ...setzt nämlich die verschiedenen Formen des Bewußtseins nicht in der Geschichte, d.h. nicht in der Zeit, an, sondern in einem quasi gnostischen Kosmos, d.h. im Raume. Die dialektischen Widersprüche werden zu 'objektiven' Widersprüchen erklärt, d.h. zu Widersprüchen zwischen verschiedenen Sphären des kosmischen Lebens; — gerade deshalb können sie nicht durch das individuelle Bewußtsein in der Zeit aufgehoben werden, und daher auch der 'materialistische' Charakter der sowjetischen Dialektik. Die sowjetische ideologische Diskussion läuft also stets darauf hinaus, das denkende Subjekt auf die Einseitigkeit seines Denkens und auf seine Determiniertheit durch die unendlich vielfältigen Formen des kosmischen Lebens festzulegen. Auf diese Weise wird es möglich, die Wahrheit jedes beliebigen Denkens in Zweifel zu ziehen, ohne daß man seine Unwahrheit nachzuweisen hätte — genau dies aber ist auch eine der grundlegenden intellektuellen Errungenschaften der poststrukturalistischen Analyse. Die sowjetischen Ideologien haben eine Vorliebe für die Figur der sokratischen Skepsis. Diese wiederum ist bekanntlich die Grundlage für Platons Staatskonzeption, welche weitgehend auf die gegenwärtigen totalitären Staaten vorgreift."

Der aus Wilna stammende und im August 2004 verstorbene Literatur-Nobelpreisträger Czeslaw Miłosz war in seiner Jugend selbst der Hegelei verfallen.

"Die Scham über meine Abstammung von einer Familie, die seit Generationen von der Arbeit anderer gelebt hatte — und auch an der Polonisierung dieser Menschen beteiligt gewesen war —, hatte 1945 meine Links-Orientierung zur Folge." 15

Von Hegel, nicht eigentlich von Marx sei er als junger Mann vergiftet worden. Von der Obsession der dynamischen, zielgerichteten Bewegung der Geschichte habe er sich befreien müssen, sagte er im Jahre 2000, fast neunzigjährig in Berlin.16

"So arbeitet die Dialektik: man sagt voraus, daß dies oder jenes Haus in Flammen aufgehen werde, dann gießt man Benzin in das Herdfeuer, das Haus brennt, und die Prophezeiung hat sich erfüllt. Und entsprechend:man sagt voraus, daß ein mit dem sozialistischen Realismus unvereinbares Kunstwerk keinen Wert habe. Dann stellt man den betreffenden Künstler unter Bedingungen, unter denen ein solches Kunstwerk tatsächlich wertlos sein wird, und die Prophezeiung ist erfüllt." 17

Wir sehen schon, im Grunde genommen sind viele der hier versammelten Gedanken trotz aller Zeitumbrüche noch höchst aktuell. So kann man etwa Menschen aus aller Herren Länder zusammenwürfeln und dazu sagen, wer dagegen ist, sei ein Ausländerfeind und Neonazi und man wisse ja wohin das führt, und dann klappt es schon einigermaßen.

Natürlich sang auch Bertolt Brecht ein Lob der Dialektik, wenngleich er mit den "Besiegten" auch nicht jene von 1945 gemeint hat:18

"...Wer niedergeschlagen wird, der erhebe sich! / Wer verloren ist, kämpfe! / Wer seine Lage erkannt hat, wie soll der aufzuhalten sein? / Denn die Besiegten von heute sind die Sieger von morgen / Und aus Niemals wird: Heute noch!"

Ähnliches hatte auch Hitler in Mein Kampf geschrieben, was aber heute selbstverständlich keinesfalls apologetisch verstanden werden darf, was ja übrigens auch verboten ist:19

"Jede Niederlage kann zum Vater eines späteren Sieges werden. Jeder verlorene Krieg zur Ursache einer späteren Erhebung, jede Not zur Befruchtung menschlicher Energie, und aus jeder Unterdrückung vermögen die Kräfte zu einer neuen seelischen Wiedergeburt zu kommen."

Während Marx einerseits behauptete:20 "Jedes Urteil wissenschaftlicher Kritik ist mir willkommen" hatte er sich ein dialektisches Hintertürchen offen gehalten. In einem Brief an Engels schrieb er:21

"Es ist möglich, daß ich mich blamiere. Indes ist dann immer mit einiger Dialektik wieder zu helfen. Ich habe natürlich meine Aufstellung so gehalten, daß ich im umgekehrten Falle auch Recht habe."

Diese Methode als typisch jüdisch zu bezeichnen ist wohl nicht abwegig, denn in dem Buch Grundgesetze des Judentums von Roland Gradwohl lesen wir:22

"Denn das jüdische Gesetz hat für jedes Gelübde eine Sicherung eingebaut, die dann in Funktion tritt, wenn sein Resultat der anfänglichen Intention entgegensteht."

Andererseits sind es auch wieder Juden, die schonungslos für Aufklärung sorgen:

"Verträgliche Leute, die vor Fremdwörtern wie 'Dialektik' Angst kriegen, neigen dazu, solchen Schafsköpfen zu glauben, daß sie sich dabei irgendetwas denken."

wetterte bereits 1937 Willi(am) Schlamm in seiner Abrechnung Diktatur der Lüge.

"Sie denken sich dabei aber nichts, überhaupt nichts. Sie schwätzen. Sie möchten die paar elementaren, grundeinfachen Tatbestände, aus denen sich alles Leben und alle Sittlichkeit zusammensetzt, zerreden, damit die Trümmer dann doch noch irgendwie in ihr total verbauten Weltbild hineinpassen." 23

"An der Entwicklungsgeschichte des Wortes 'Dialektik' ließe sich ja überhaupt mit größtmöglicher Präzision der Absturz dieser grauenhaften Sorte von 'Sozialismus' und 'Sozialisten' darstellen...; wie sich da ein etwas abgenützter Philosophenjargon auf solche Art zu einem Rotwelsch entwickelt, mit welchem die Kommis der jeweils 'richtigen Linie' intellektuelle und sonstig Gewissensregungen erschlagen; wie der Dumme mit diesem magischen Wort den Stein der Weisen zu besitzen glaubt; wie sich so auf der 'Linken' eine Denkhaltung ergibt, an deren Dogmenhaftigkeit und Wahrheitswidrigkeit gemessen die Denkhaltung eines orthodoxen Katholiken, dem die unbefleckte Empfängnis unerschütterbares Dogma ist, wie die eines kritisch zerfressenen Freidenkers wirkt." 24

Mathilde Niel spricht einen Grundfehler der Marxisten an:25

"Karl Marx und der Marxismus hätten die Entfremdung der Menschen erst dann beseitigen können, wenn sie damit bei sich selber angefangen hätten. Leider bastelte sich die marxistische Ideologie eine angebliche Methode zusammen, um Konflikt und Leidenschaft — das heißt Entfremdung — in erstaunlicher Weise Selbstbestätigung widerfahren zu lassen."

Engels wiederum schrieb einmal an Marx:26

"Die Schwächen, die Dir auffallen, finden die Esel doch nicht heraus."

Haß, Dialektik und Verschlagenheit gingen bei Marx eine virtuose Verbindung ein in einem unter anderem Namen veröffentlichten Selbstporträt in der Mannheimer Abendzeitung vom 28. Dezember 1843: Marx, den Verfasser eines bestimmten Artikels, zeichne aus ein scharfer Verstand und eine

"wahrhaft bewunderungswürdige Dialektik, womit der Verfasser sich in die hohlen Äußerungen der Abgeordneten gleichsam hineinfraß und sie dann von innen heraus vernichtete; nicht oft ward der kritische Verstand in solcher zerstörungslustigen Virtuosität gesehn, nie hat er glänzender seinen Haß gegen das sogenannte Positive gezeigt, dasselbe so in seine eignen Netze gefangen und erdrückt." 27

Karl Kautsky dagegen beteuerte 1896:28

"Wenn je ein Mensch von Autoreneitelkeit frei blieb, so war es Marx, der, ebenso wie Engels, einige der wichtigsten seiner Arbeiten nicht unter seinem Namen herausgab, ..."

Karl Marx verfaßte bekanntlich auch eine Schrift Zur Judenfrage. William S. Schlamm dazu:29

"Es gibt wohl kaum eine bestialischere Art, von den Juden und dem Jüdischen zu reden, als die Eloquenz des getauften Juden Karl Marx."

Stefan Großmann dagegen, der Herausgeber einer Neuausgabe von 1919, meinte:30

"Derjenige aber, der die Höhen Marxscher Dialektik erklommen hat, wird von dieser Warte über die Niederungen der landläufigen Judendebatte mit voller Überlegenheit hinwegsehen können."

Auch Karl Liebknecht war ein Meister der Dialektik. August Bebel schrieb über ihn an Kautzky:31

"Macht man ihn [Liebknecht] dann auf die Widersprüche aufmerksam, dann leugnet er den Widerspruch und beweist mit großer dialektischer Gewandtheit, daß der größte Widerspruch eigentlich die größte Einheit sei."

Es darf natürlich wiederum unter keinen Umständen als Hitler-Apologie mißverstanden werden, wenn wir der Vollständigkeit halber sehen wollen, welche Erfahrungen der Autor von Mein Kampf mit der Dialektik machte:32

"Ich war damals noch kindlich genug, ihnen den Wahnsinn ihrer Lehre klarmachen zu wollen, redete mir in meinem kleinen Kreise die Zunge wund und die Kehle heiser und vermeinte, es müßte mir gelingen, sie von der Verderblichkeit ihres marxistischen Irrsinns zu überzeugen; allein, dann erreichte ich erst recht nur das Gegenteil. Es schien, als ob die steigende Einsicht von der vernichtenden Wirkung sozialdemokratischer Theorien und ihrer Erfüllung nur zur Verstärkung ihrer Entschlossenheit dienen würde.

Je mehr ich dann so mit ihnen stritt, um so mehr lernte ich ihre Dialektik kennen. Erst rechneten sie mit der Dummheit ihres Gegners, um dann, wenn sich ein Ausweg nicht mehr fand, sich selber einfach dumm zu stellen. Nützte alles nicht, so verstanden sie nicht recht oder sprangen, gestellt, augenblicklich auf ein anderes Gebiet über, brachten nun Selbstverständlichkeiten, deren Annahme sie aber sofort wieder auf wesentlich andere Stoffe bezogen, um nun, wieder angefaßt, auszuweichen und nichts Genaues zu wissen. Wo immer man so einen Apostel angriff, umschloß die Hand qualligen Schleim; das quoll einem geteilt durch die Finger, um sich im nächsten Moment schon wieder zusammenzuschließen. Schlug man aber einen wirklich so vernichtend, daß er, von der Umgebung beobachtet, nicht mehr anders als zustimmen konnte, und glaubte man, so wenigstens einen Schritt vorwärtsgekommen zu sein, so war das Erstaunen am nächsten Tag groß. Der Jude wußte nun von gestern nicht mehr das geringste, erzählte seinen alten Unfug wieder weiter, als ob überhaupt nichts vorgefallen wäre, und tat, empört zur Rede gestellt, erstaunt, konnte sich an rein gar nichts erinnern, außer an die doch schon am Vortage bewiesene Richtigkeit seiner Behauptungen.

Ich stand manches Mal starr da. Man wußte nicht, was man mehr bestaunen sollte: ihre Zungenfertigkeit oder ihre Kunst der Lüge. Ich begann sie allmählich zu hassen."

Auch Theodor Wiesengrund Adorno war ein großer Dialektiker. Er gehörte zu den älteren Herren, die nach dem Zweiten Weltkrieg die damals jungen Herren verdarben, die heute Deutschland regieren.

"Bei allem Respekt vor Adornos Bereitschaft zur unerbittlichen Selbstreflexion", analysiert der Schweizer Marxismusforscher Arnold Künzli,

"muß man sich doch fragen, ob die Philosophie hier nicht gelegentlich zur Zirkusakrobatik entartet. Adornos negative Dialektik wird durch ihren ihr selbst widersprechenden Absolutheitscharakter zur Münchhausiade, denn die verabsolutierte Negation kann sich nur noch am eigenen Schopf aus dem Höllenpfuhl des Bestehenden herausziehen." 33

Horkheimer äußerte sich 1965 über Adornos Dialektik:34

"Adorno sagt zu jeder seiner Analysen auch das Gegenteil. Aber trotz dieser auf die Spitze getriebenen Dialektik bleibt das, was er sagt, unwahr. Denn die Wahrheit läßt sich nicht sagen. Und persönlich bleibt er unbeteiligt. Es kommt aber darauf an, das, was man an Wahrheit hat, irgendwie zu realisieren." 35 1958 schrieb Siegfried Kracauer an Leo Löwenthal, Adornos Dinge seien oft "auf einer hohen Ebene falsch, ausgeleierter Tiefsinn und eine Radikalität, die es sich gutgehen läßt". Der Begriff der Utopie, fügte er zwei Jahre später hinzu, werde "als reiner Grenzbegriff benutzt, der nicht den geringsten Inhalt hat." Er "kenne kein anderes Beispiel von scheinbar eingreifender Kritik, die so wenig Greifkraft hat".

Horkheimers Frau sagte über Adorno, "er sei der ungeheuerlichste Narziß, den die Alte und Neue Welt aufzuweisen hat". Schönberg mochte ihn ebensowenig wie Hannah Arendt, die befand:36

"Der Mann kommt mir nicht ins Haus, einer der widerlichsten Menschen, die ich kenne".

Adorno hatte zusammen mit Horkheimer 1969 Die Dialektik der Aufklärung 37 veröffentlicht. "Verstehen kann dieses Buch eigentlich kein Sterblicher." meint dazu Friedrich W. Schmidt, Akademischer Rat am Philosophischen Seminar der Universität Frankfurt a.M.38

Eindeutig ist aber immerhin diese Aussage:39

"Die Menschen erwarten, daß die Welt, die ohne Ausgang ist, von einer Allheit in Brand gesetzt wird, die sie selber sind und über die sie nichts vermögen..."

"Die Dialektik der Aufklärung hat die Mentalität von mehreren Studentengenerationen mitgeprägt. Bis in die sechziger Jahre hinein bildete sie den unproblematischen Hintergrund für eine Kritische Theorie, wie sie durch Adornos verbreitete Publikationen nach und nach auch in die Universitäten Eingang gefunden hatte. Dann kamen Marcuses Bücher hinzu, dienten seit Mitte der sechziger Jahre als Katalysator für die Bewegung der Studenten."

schrieb Jürgen Habermas 1985 im Nachwort zu Horkheimer / Adorno: Dialektik der Aufklärung.40

"Mein Seminar gleicht einer Talmud-Schule — ich schrieb nach Los Angeles, es wäre, wie wenn die Geister der ermordeten jüdischen Intellektuellen in die deutschen Studenten gefahren wärn."

berichtete Adorno an Leo Löwenthal nach seiner Rückkehr aus Amerika 1949, also 20 Jahre zuvor.41 Das verwundert nicht: "In der 'Dialektik der Aufklärung' finden sich moderne, kabbalistisch inspirierte, messianische Theologien" erläutert Reinhard Matern.42

Der Terminus "Kritische Theorie" ist übrigens nichts anderes als ein Tarnbegriff für Kommunismus.

Angesichts der Gewaltbereitschaft der 68er, insbesondere Rudi Dutschkes, hatte der Frankfurter Soziologe und spätere Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Jürgen Habermas vom "linken Faschismus" gesprochen, was innerhalb der Linken einen enormen Proteststurm auslöste. Am 5. Mai 1969 schrieb Adorno an Herbert Marcuse, nachdem dieser den Begriff des "linken Faschismus" kritisiert hatte:

"Du beanstandest Jürgens Ausdruck 'linker Faschismus' als contradictio in adiecto. Aber Du bist doch Dialektiker. Als ob es solche Contradictiones nicht gäbe." 43

Nun — wer recht hat, hat recht.

In der Geschichte vom Baron von Münchhausen, der sich am eigenen Zopf samt seinem Pferde aus dem Morast gezogen hat, sieht Bernhard Wiebel eine Metapher für Horkheimer und Adornos Dialektik der Aufklärung. Er ist die dieser Art Aufklärung innewohnende Zirkularität, also Selbstbezüglichkeit.44 Kern dieser Selbstbezüglichkeit ist die "Sehnsucht nach Realisierbarkeit des Unmöglichen" 45

Einen Schlüsseltext in den Kreisen der jüdischen Emigration um Adorno, Horkheimer und Marcuse stellte die Anfangszeile von Stefan Georges Gedicht "Entrueckung" dar: "Ich fühle Luft von anderem Planeten", vertont in Arnold Schönbergs Streichquartett op. 11 in fis-Moll. Adorno zitierte diese Zeile in seinem Buch Der Eindimensionale Mensch. 46

1938 richtete Ben Chaim einen Aufruf an "sein Volk"; hier zwei Sätze daraus:47

"Dieser ewige Bund mit Jehova, dem wir bis zur Selbstverleugnung die Treue zu halten haben, ist die furchtbarste und grauenhafteste Geißel, die je ein Volk in seinem Leben und seiner Entwicklung gehemmt hat. [...] Und es ist nur schade, daß Jehova unserem Volke zugleich mit dem ewigen Bündnis nicht auch noch einen besonderen Planeten angewiesen hat, wo es ungestört seiner Lobpreisung und Verhimmelung leben könnte."

Erwin Chargaff, der im Juni 2002 verstorbene Biochemiker und Genforscher aus Czernowitz, wäre da skeptisch gewesen. Er meinte:48

"Selbst wenn die Juden im Paradies lebten, würden sich viele um ein Auswanderungsvisum bewerben. Was den Ahasver trieb, war nicht ein Fluch, es war ein Gen."

Otto Friedrich formulierte es so:49

"Seine Tragödie ist es, daß er in dem Sack auf dem Rücken das hat, was er sucht, ein Stück Heimat, aus dessen Denken und Trachten die Ruhe kommt. Auf seinem Rücken trägt er 'das Gesetz'."

Bei allem Unfug, der mit der Dialektik getrieben wurde und getrieben wird, sollte man doch nicht vergessen, daß sie — richtig verstanden — ein wertvolles Mittel in einem, was das Endergebnis anbetrifft, offenen Prozeß der Erkenntnisfindung durch Rede und Gegenrede, Aktion und Reaktion, ist, wie eingangs durch Platon angedeutet.

"Die Dialektik betrachtet die Dinge von allen Seiten, sie dreht sie und wendet sie und zeigt sie in neuem Licht. Auf diese Weise kann sie der Wahrheit dienen." schrieb 1924 der Düsseldorfer Rabbiner Dr. M. Eschelbacher.

"Es gibt Richter, die in schwierigen Fällen zwei entgegengesetzte Urteile machen und begründen, eines, das die Klage abweist und eines, das ihr stattgibt, eines, das den Angeklagten freispricht und eines, das ihn verurteilt. Und sie rühmen die klärende Kraft einer solchen allseitigen Betrachtung, die ihnen einen Einblick in die Tiefe der verwickelten Verhältnisse gibt, so daß sie ein richtiges Urteil fällen können. Die Dialektik kann aber auch die Kunst des Sachwalters sein, der unbekümmert um die Wahrheit mit ihr spielt und die Dinge so lange dreht, bis sie aussagen, was er will." 50

Recht hat der französische Philosoph Paul Ricœur:

"Die Dialektik ist eine Methode und eine Arbeitshypothese; sie ist solange ein ausgezeichnetes Instrument, wie sie von anderen möglichen Interpretationssystemen in Grenzen gehalten wird und solange sie ... nicht an der Macht ist." 51

© November 2005


Anmerkungen

1 Der Staat, Siebentes Buch
2 aufgezeichnet von Eckermann; nach Ernst Topitsch: Erkenntnis und Illusion — Grundstrukturen unserer Weltauffassung; 2. Aufl., Mohr/Siebeck, Tübingen 1988, S. 293
3 Hegels Geisteskrankheit oder das verborgene Gesicht der Geschichte; Dr. W. Treher, Emmendingen 1969, S. 161
4 Ebenda, S. 175
5 Die Welt als Wille und Vorstellung, Reclam, Leipzig 1892, S. 549, hier nach Treher, w.o., S. 187
6 a.a.O, S. 188
7 Ebenda, S. 201
8 The Political Theory of Bolshevism, Berkeley 1948, S. 19; nach Ernst Topitsch: Erkenntnis und Illusion — Grundstrukturen unserer Weltauffassung; 2. Aufl., Mohr/Siebeck, Tübingen 1988, S. 294
9 Der Rassenkampf, Innsbruck 1883, S. 10 f.; nach Ernst Topitsch: Leerformeln - Zur Pragmatik des Sprachgebrauchs in Philosophie und politischer Theorie; in: Ders. (Hrsg.): Probleme der Wissenschaftstheorie; Springer, Wien 1960, S. 251
10 Ruge an Max Duncker in: Tägliche Rundschau, Unterhaltungsbeilage, Berlin 22. Juli 1921, S. 559; nach Konrad Löw: Das Rotbuch der kommunistischen Ideologie - Marx & Engels - Die Väter des Terrors; Langen Müller, München 1999, S. 302
11 in: Die Opposition vom 12. Februar 1846, Mannhein 1846, S. 342; nach: Die Lügen unserer Sozialdemokratie; Mut, Asendorf 1977, Motto S. IV
12 Das Wort Gottes und die Theologie, 1924, S. 171 f., zitiert nach Ernst Lerle: Wahrheit! - Gegen Halbwahrheiten, Meinungsmanipulationen, Tabus; Hänssler, Neuhausen-Stuttgart 1984, S. 17
13 aaO.
14 "Politik als Kunst" in: Jean Baudrillard: Die göttliche Linke — Chronik der Jahre 1977–1984; Matthes & Seitz, München 1986, S. 181
15 "Mein Abc" in: FAZ vom 23. Juni 2001, S. III
16 FAZ vom 3. Juni 2000, S. 43
17 Verführtes Denken; Suhrkamp, 1. Aufl. 1974, S. 27
18 Gedichte 1, Bd. 11, S. 237/238
19 S. 359
20 MEW Bd.23, S. 17; nach Konrad Löw: Warum fasziniert der Kommunismus? Eine systematische Untersuchung; Deutscher Instituts-Verlag, 3. Aufl., Köln 1981, S. 233
21 MEW Bd. 29, S. 161; nach Konrad Löw: Der Mythos Marx und seine Macher - Wie aus Geschichten Geschichte wird; Langen Müller, München 1996, S. 275. Es ging dabei um einen Artikel, den Marx für die New Daily Tribune über einen Aufstand in Indien geschrieben hatte.
22 Calwer Verlag, Stuttgart 1984, S. 73; dazu ausführlich auch Anm. 49
23 Diktatur der Lüge — Eine Abrechnung; Der Aufbruch, Zürich 1937, S. 114
24 Ebenda, S. 115/116
25 Psychoanalyse des Marxismus; List, München 1972, S. 83
26 nach Konrad Löw, Leserbrief in: FAZ vom 24. Oktober 1998, S.11
27 nach Konrad Löw: Marxismus Quellenlexikon; Kölner Universitätsverlag, Köln 1985, S. 327
28 Vorrede zu Karl Marx: Revolution und Konter-Revolution in Deutschland; J. H. W. Dietz, Stuttgart 1896, S. VII
29 Wer ist Jude?; Seewald, Stuttgart-Degerloch 1964, S. 33
30 Karl Marx: Zur Judenfrage, Rowohlt, Berlin 1919; Nachdruck: Faksimile, Bremen 1990, S. 6
31 Karl Kautzky Jr. (Hrsg.): August Bebels Briefwechsel mit Karl Kautzky; Assen 1971, nach Konrad Löw: Der Mythos Marx und seine Macher - Wie aus Geschichten Geschichte wird; Langen Müller, München 1996, S. 275/276
32 Mein Kampf, VI. Aufl. 1930, S. 66/67
33 Aufklärung und Dialektik - Politische Philosophie von Hobbes bis Adorno; Rombach, Freiburg 1971, S. 138/139
34 Ebenda
35 Nach Christian Geyer: "Wer das Leben hat, hat den Schaden" in: FAZ vom 18. August 2003, S. 35
36 Ebenda
37 S. Fischer, Frankfurt am Main 1969
38 Willem van Reijen und Gunzelin Schmid Noerr {Hrsg.}: Vierzig Jahre Flaschenpost: "Dialektik der Aufklärung" 1947–1987; Fischer, Frankfurt a. M. 1987, S. 129
39 Max Horkheimer & Th. W. Adorno: Dialektik der Aufklärung; S. Fischer, Frankfurt am Main 1969, S. 29
40 S. 293; In einer Rede zum 80. Geburtstag von Gershom Scholem mit dem Titel Die verkleidete Tora (Merkur vom Januar 1978, S. 96–104) bekannte sich übrigens Jürgen Habermas zur kabbalistischen Version der Thora.
41 Nach Ulrich Raulff, FAZ vom 28. Januar 1999, S. 47; s.a. Christian Schneider: "Atempausen und Schlupflöcher - Theodor Adornos Briefe an die Eltern" in: Mittelweg 36, Nr. 6, Dezember 2003/2004, S. 41–56
42 Über Sprachgeschichte und die Kabbala bei Horkheimer und Adorno; Matern, Gelsenkirchen 1995, S. 91
43 Gerd Langguth: Mythos '68; Olzog, München 2001, S. 84
44 Bernhard Wiebel: Münchhausens Zopf und die Dialektik der Aufklärung; in: Europa in der Frühen Neuzeit - Festschrift für Günter Mühlpfordt, hrsg. von Erich Donnert, Bd. 3; Böhlau, Köln/Weimar 1997, S. 798/799
45 Ebenda, S. 785
46 Vgl. A. und J. Assmann: "Air from other Planets Blowing. Walter Benjamin as Prophet of the Aura" in: Stanford Literature Review; nach Jacob Taubes: Vom Kult zur Kultur - Bausteine zu einer Kritik der historischen Vernunft; gesammelte Aufsätze zur Religions- und Geistesgeschichte; Wilhelm Fink, München 1996, Einleitung, S. 10, Fn. 1
47 Juda erwache! Proklamation an das jüdische Volk; Zürich 1938; Nachdruck: Faksimile, Bremen 1983, S. 27
48 Nach Ingeborg Harms: "In den Wörtern liegen unsere Gene" in: FAZ vom 11. Dezember 1999, S. III
49 Weise von Zion; Eugen Prager, Preßburg 1936, S. 216
50 M. Eschelbacher: "Probleme der talmudischen Dialektik"; in: MGWJ, 68. Jg., 1924, S. 143
51 Geschichte und Wahrheit, List, München 1974, S. 183; Paul Ricœur verstarb zweiundneunzigjährig im Mai 2005.

Quelle: Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung 9(2) (2005), S. 205-210.


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