RÜCKKEHR NACH DACHAU

Einige Tage nach meinem Besuch bei Heinz Detmers besuchte ich Dachau, etwa vierzig Jahre nachdem ich im Januar 1948 Dachau verlassen hatte. Meine Gefühle waren gemischt, und ich wußte nicht, welcher Art von Emotionen ich ausgesetzt sein würde. Schließlich siegte die Neugierde, besonders nach den Studien der Dachauer Unterlagen in den US-Archiven, die noch frisch in meinem Gedächtnis waren. Trotzdem begann meine Unruhe zu wachsen, je näher meine Reise nach Dachau heranrückte.

Ich hatte zwar erwartet, die Stadt und das Lager verändert vorzufinden, dennoch war ich überrascht über die Veränderungen, die in den vergangenen vier Jahrzehnten vorgenommen worden waren. Die Hermann-Stockmann-Straße, in der ich bei Bauers gewohnt hatte, lag nicht mehr am Rande der Stadt. Der Landweg, über den ich mit dem geliehenen Fahrrad oft unterwegs war, ist nun eine ausgebaute Straße, von Häusern und gut gepflegten Gärten umgeben, bis weit hinter die Stadtgrenze von 1948 hinaus. Diese sich ausdehnenden Vororte haben das Hinterland mit seinen Feldern und Bauerngehöften aufgenommen, ebenso wie den Teich in dem ehemaligen Steinbruch, in dem meine Freunde und ich während des langen Sommers damals zu schwimmen pflegten.

Der Versuch, meine ehemaligen deutschen Freunde aus der Nachbarschaft zu besuchen, verlief enttäuschend. Frau Bauers Sohn Helmut, der noch in der Hermann-Stockmann-Straße weiter gewohnt hatte, war Anfang des Jahres verstorben. Dies erfuhr ich leider von seiner Witwe. Frau Bauer selbst, die mich »Benjamin« genannt und vorausgesagt hatte, daß ich eines Tages mit einer »amerikanischen Missy« am Arm, nach Dachau zurückkehren würde, war nun wohl weit über die achtzig und sie erinnerte sich nicht mehr an mich. Ihr anderer Sohn Hermann war krank und fühlte sich nicht wohl genug, um

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Besuche zu empfangen. Auch Willy Zander, wir waren gemeinsam zum Schwimmen gegangen, erinnerte sich nicht mehr an mich, als ich bei ihm vorsprach.

Diese Enttäuschungen und die Veränderungen des Stadtbildes und deren Umgebung gaben mir ein Gefühl der Einsamkeit, so als hätte ich die Orientierung verloren, so als ob ich die Stadt zum erstenmal besuchte. Obwohl Dachau immer noch eine hübsche Kleinstadt war, fühlte ich mich darin nicht mehr zu Hause.

Nachdem ich auf das Gelände des Konzentrationslagers zurückgekehrt war, fand ich die Gerichtsräume und Büros, in denen ich gearbeitet hatte, für Besucher gesperrt. Dieser Teil des Lagers wurde als Ausbildungszentrum genutzt, offensichtlich für eine Polizei- oder Geheimdiensteinheit.

Alles was ich besichtigen konnte, war das Museum, das in einem großen, langen Gebäude untergebracht ist (nach meiner Erinnerung an das Lagergelände, muß sich das Museum außerhalb des Originallagers befinden). Das Museum (es wird durch eine internationale Organisation ehemaliger Insassen des Konzentrationslagers geführt) besteht fast ausschließlich aus Photographien, wovon Hunderte mit Szenen aus dem Lager Dachau aus der Zeit von 1933-1945 gezeigt werden. Was immer die Absicht der Museumsleitung sein mag, es fiel mir auf, daß neben einigen wenigen Lichtbildern mit beleibten Gefangenen des Krankenreviers, beinahe niemand der vielen Tausenden von Gefangenen hungrig erschien, und keineswegs ausgemergelt. Die Aufnahmen zeigen Gefangene, wie sie den verschiedensten Beschäftigungen innerhalb des Lagers nachgehen. Alles gibt den Eindruck eines geregelten Lagerlebens wieder.

Beim Studium der Aufnahmen stellten sich die Gedanken zu den Nachkriegsprozessen in Dachau ein. Ich dachte darüber nach wie es gewesen wäre, wenn solche Aufnahmen wie diese den grausamen Bildern aus der Zeit des Kriegsendes, sowie den gespenstischen Anklagen der Berufszeugen entgegengestellt worden wären.

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Wieder mußte ich an die Männer denken, die wir hingerichtet oder in die Gefängnisse gesteckt haben. Vor allen Dingen an jene, die wir zu Unrecht verurteilt und bestraft haben. Ich sah sie wieder vor mir, den gepeinigten Gesichtsausdruck des jungen Bauernjungen Rudolf Merkel, als er den Urteilsspruch hörte: »Lebenslänglich«; ich dachte dabei natürlich auch an meinen Freund Heinz Detmers, aber ich fragte mich auch, was wohl aus den anderen Angeklagten geworden ist: Zwiener, Brinkmann, Bühring, Jacobi - und Josef Kilian, der die Fliege fangen wollte. War noch einer der spanischen Kapos am Leben? Und wie ist es ihnen nach der Gefängnishaft ergangen? Zürnen sie noch ihren amerikanischen Richtern, oder haben sie ihr Leben - wie Detmers - ohne Bitterkeit und Groll fortgeführt?

Wieder überraschte es mich, daß ich mich immer noch mit den Dachauer Angeklagten verbunden fühlte, Männer die damals in den Augen der meisten meiner Landsleute mit dem Brandmal von »NS-Kriegsverbrechern« gezeichnet waren. Und, auf die Ereignisse zurückblickend, mußte ich auch an andere wegen Kriegsverbrechen Angeklagte denken, denen ich nicht begegnet war.

Würde man mich beschuldigen, daß ich durch mein Mitgefühl die Abscheulichkeiten, die in Dachau den Angeklagten zur Last gelegt wurden, zu verzeihen oder zu entschuldigen suchte, so würde ich antworten, daß ich ebenso wie die Amerikaner in Dachau bei meiner dortigen Ankunft alles, was ich über die Angeklagten gehört und gelesen hatte, glaubte. Diese Männer wurden vor Gericht gebracht, weil man ihnen die schlimmsten Greueltaten der Weltgeschichte vorgeworfen hat. Obwohl ich das vor vierzig Jahren in Dachau nicht so deutlich sehen konnte, glaube ich, daß mein menschliches Mitgefühl für die Angeklagten einer inneren Eingebung entsprach.

Dieses ursprüngliche Mitgefühl führte mich zur Erkenntnis der menschlichen Notlage der Angeklagten. So begann ich auch die Selbstgerechtigkeit und Heuchelei der alliierten Kriegsverbrecherprozesse zu erfassen. Dagegen hat es nie-

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mals Prozesse oder Bestrafungen hinsichtlich der Grausamkeiten der Sieger gegeben. Weder für die Bombardierung Dresdens durch die Angloamerikaner noch für das Sowjet-Massaker an den Tausenden polnischer Offiziere in Katyn -tatsächlich hat man in Nürnberg sogar noch dieses Verbrechen den Deutschen angelastet.

Während des vergangenen halben Jahrhunderts nach dem Krieg hat es auch nicht die geringste Andeutung dafür gegeben, das neu konstruierte Nürnberger Recht (»ex post facto«) von den »Angriffskriegen« und von den »Verbrechen gegen die Menschlichkeit«, die wie eh und je rund um den Globus florieren, entsprechend den »Nürnberger Prinzipien« auf die Verursacher dieser Kriege anzuwenden. Die Regierenden der Völker geben weiter ihre kriegerischen Befehle, und ihre Soldaten gehorchen ihnen, ohne sich vor eventuellen Kriegsverbrecherprozessen fürchten zu müssen.

Wenn sich irgend etwas aus den Nachkriegsprozessen von Dachau besonders heraushebt, so ist es die Propagandaversion des Krieges und besonders die von den Konzentrationslagern, was immer noch von den Massenmedien der Welt und von den »Bildungsstätten« ausgeschlachtet wird. So war es auch im kommunistischen Block, und so ist es noch innerhalb der deutschen Nation selbst.

Nun ist es, viele Jahre nach der Hysterie des Zweiten Weltkriegs, leichter geworden, die an den Besiegten begangenen Ungerechtigkeiten festzustellen. Die Welt ist müde geworden, nur immer von Greueltaten zu hören, die man den Deutschen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs angelastet hat, egal ob erlogen oder den Tatsachen entsprechend. Es ist an der Zeit, über jene Grausamkeiten zu sprechen, die man von anderer Seite den Deutschen zugefügt hat.

Ich beabsichtige andere »Ehemalige«, die in Dachau angeklagt waren, aufzusuchen. Viele der Älteren werden inzwischen verstorben sein, doch die Jüngeren wird es noch geben. Ob sie selbst wohl heute noch an Dachau zurückdenken? Ob sie das Verlangen haben oder hatten, es wiederzusehen?

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Ich könnte es mir vorstellen. Ihr Interesse daran könnte allerdings ein ganz anderes sein, als das mein ige. Sie haben dort, mindestens vorübergehend, ihre Freiheit verloren. Was mich anbetrifft, so wage ich zu sagen, daß mir Dachau die Freiheit schenkte, frei zu entscheiden und frei zu handeln.

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