Guernica - und kein Ende

Siegfried Kappe-Hardenberg

(Schluß)

In allen Einzelheiten hat Klaus A. Maier in seiner Untersuchung »Guernica 26. 4. 1937 - Die deutsche Intervention in Spanien und der ›Fall Guernica‹ « (Freiburg 1975) die militärischen und weitgehend auch die politischen Zusammenhänge dargestellt. Maier, Major der Luftwaffe und seit 1972 im Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Freiburg tätig, hat auch das Spanien-Tagebuch Richthofens und Berichte von deutschen Offizieren der Legion Condor ausgewertet. Es ist erstaunlich, daß diese wissenschaftliche Darstellung von den Autoren anderer Bücher über Guernica nicht zur Kenntnis genommen worden ist. Hier finden sie die Antwort auf viele Fragen, die sie als ungeklärt bezeichnen. Auf der anderen Seite ist erklärlich, weshalb Malers kleines Buch keine Publizität erhalten hat: Es räumt mit den falschen Darstellungen aller Seiten gründlich auf! Es gibt keinen geplanten Angriff auf die Zivilbevölkerung Guernicas, es gibt keinen geplanten Terrorangriff und kein geplantes Genozid. Die Verantwortung der Deutschen für den Luftangriff wird jedoch ebenso herausgestellt wie die der Spanier.

»Die Straßen und die Brücke von Renteria waren also wichtige militärische Ziele«, schreibt Maier (S. 56) und zitiert Richthofens Tagebuch vom 26. 4. 1937: »Setzen sofort ein: A/88 und J/88 auf Straßenjagd im Raum Marquina-Guernica-Guericaiz. K/88 (nach Rückkehr von Guericaiz), V/88 und Italiener auf Straßen und Brücke (einschließlich Vorstadt) hart ost(wärts) Guernica. Dort muß zugemacht werden, soll endlich ein Erfolg gegen Personal und Material des Gegners herausspringen. Vigón sagt zu, seine Truppen so vorzudrücken, daß alle Straßen südl. Guernica gesperrt sind. Gelingt das, haben wir den Gegner um Marquina im Sack.«

Über die Wirkung des Angriffs gibt Richthofen nach eigenen Beobachtungen an Ort und Stelle folgenden Bericht (S. 109): »Guernica, Stadt von 5000 Einwohnern, buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht. Angriff erfolgte mit 250-kg- und Brandbomben, letztere etwa 1/3. Als die 1. Jus kamen, war überall schon Qualm (von VB, die mit drei Flugzeugen angriffen), keiner konnte mehr Straßen-, Brücken- und Vorstadtziel sehen und warf nun mitten hinein. Die 250er warfen eine Anzahl Häuser um und zerstörten die Wasserleitung. Die Brandbomben hatten nun Zeit, sich zu entfalten und zu wirken. Die Bauart der Häuser: Ziegeldächer, Holzgalerie und Holzfachwerkhäuser führte zur völligen Vernichtung. Einwohner waren größtenteils eines Festes wegen außerhalb, Masse des Restes verließ die Stadt gleich zu Beginn. Ein kleiner Teil kam in getroffenen Unterständen um. - Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll. -

Stadt war völlig gesperrt für mindestens 24 Stunden, es war die geschaffene Voraussetzung für einen großen Erfolg, wenn Truppen nur nachgerückt wären. So nur ein voller technischer Erfolg unserer 250er u. EC.B.1.... In Guernica heilige Eiche, unter der die Könige seit über 1000 Jahren (alter Stamm unter Glas, neue Eiche gepflanzt) die Verfassung und Rechte von Vizcaya beschworen. Daneben Kirche mit Landtag pp. Von dem ganzen Bezirk am Stadtrande nichts zerstört…«

Der Luftangriff auf Guernica ist eine Tatsache. Ziel war die am Stadtrand von Guernica gelegene Brücke. Es wurde jedoch der größere Teil der Stadt zerstört. Die Frage ist nach wie vor, ob Guernica ausschließlich durch den Luftangriff zerstört wurde oder ob auch Brandstiftung vorlag. Maier verneint das. Er ist in dieser Hinsicht mit fast allen anderen Autoren einig mit Ausnahme von Luis Bolin. Der Bericht von Jeffrey Hart über Bolins Buch »Spain, The Vital Years« in »National Review« New York und »Die Welt« (11. Januar 1973), in dem die These von der Brandstiftung wiederholt wurde, fand deshalb heftigen Widerspruch.

Die nationalspanische Version beruhte auf Erfahrungen. Auch Richthofen hat sie gemacht. Er schreibt in seinem Tagebuch unter dem 26. 4. 1937 (Maier S. 104):

»Ermua unversehrt, aber Straße gut getroffen. Eibar erschütternd. Rot hat alle Einwohner, die sich nicht sehr geschickt versteckten, hinausgetrieben, sämtliche Klöster und öffentliche Gebäude vorher, die Privathäuser nachher angezündet, und zwar in der Art, daß sie einfach Benzinkanister in die unteren Häuser warfen. Häuser sehr eng, 4-5 Etagen mit von unten nach oben reichenden Holz-Galerien und Holzfachwerkmauern. Das brennt natürlich wie Zunder. Zentrum war bis auf einige Häuser voll ausgebrannt. Der Brandbeginn und das Stürzen einiger Häuser war sehr interessant zu beobachten. Das bißchen Feuerwehr, das aus San Sebastian herangeholt wurde, war machtlos. Das ganze Nest ist Industriestadt (Waffen- und Metallfabriken). Es soll von eigenen, komm. Arbeitern unter Leitung besonderer Funktionäre gemacht worden sein.«

Die Ansichten, die Franco später geäußert hat, sind von seinem Vetter, Generalleutnant Francisco Franco Salgado-Araujo in zwei umfangreichen Büchern veröffentlicht worden: »Mis Conversaciones privadas con Franco« (Meine Privatgespräche mit Franco) 1976, und »Mi vida junto a Franco« (Mein Leben an der Seite Francos) 1977. In dem ersten Buch berichtet Salgado unter dem 20. Oktober 1966 über ein Gespräch, das dem Buch von Hugh Thomas »Der spanische Bürgerkrieg« galt. Thomas hatte geschrieben, daß am 4. Januar 1937 Bilbao das Ziel eines Luftangriffs gewesen war, der von neun Junkers-Bombern in Begleitung von Heinkel-Jägern durchgeführt wurde. Salgado fragte Franco, ob dieser Bombenangriff stattgefunden habe, er könne sich daran nicht erinnern. Franco antwortete (S. 483): »Niemals wurden Objekte mit Bomben angegriffen, die keine militärischen Ziele waren. Deshalb weiß ich nicht, auf welchen Angriff sich das beziehen soll.«

In »Mein Leben an der Seite Francos« berichtet Salgado, daß er Franco bei einer Besichtigung der Nordfront am 30. April 1937 begleitete. In Vitoria seien sie mit General Mola zusammengetroffen, der von der baldigen Eroberung Bilbaos überzeugt gewesen sei. Mit dem Auto fuhren Franco, Mola und Salgado durch die kürzlich von den Nationalen besetzten Orte Durango, Marquina, Eibar, Elgoibar und Echeverria. »Am Tage vorher war Guernica eingenommen worden, das vollständig zerstört war. Der Feind schrieb diese Tatsache der Legion Condor zu, was nicht zu beweisen ist, denn an diesen Tagen konnte wegen des Nebels nicht geflogen werden, auch gab es Nieselregen, der die Sicht behinderte. Ich erinnere mich, daß der Generalissimus mir sagte, daß Guernica kein Angriffsziel für die Legion gewesen sei, ganz abgesehen von den Wetterbedingungen. Zur Zerstörung Guernicas trugen die roten Sprengkommandos bei, um dann die Verantwortung für die Zerstörung der nationalen Luftwaffe zuzuschieben. Unsere Feinde besitzen ganz abgesehen davon wenig moralische Autorität, um sich über einen Bombenangriff zu entrüsten. Sie haben Oviedo, Teruel, Irun, Eibar, Potes usw. in Trümmern verlassen. Sie waren Meister in der Anwendung von Dynamit und verfügten über eine großartige Propaganda im Ausland. Was ihnen nutzen konnte, das übersteigerten sie mit größter Leidenschaft und schrieben Franco und den unter seinem Befehl stehenden Streitkräften alles Schlechte zu. Ober das so viel diskutierte Ereignis der Zerstörung Guernicas besitze ich eine handschriftliche Notiz des Caudillo, die kategorisch sagt:

»Guernica hat wegen seiner unmittelbaren Nähe zur Front gelitten wie viele andere Orte, die, unmittelbar im Kampfgebiet liegend, die Wirkungen des Krieges gespürt haben, in diesem Fall verstärkt durch die rote Taktik, die Ortschaften in Brand zu stecken, bevor sie aufgegeben wurden. Wenn wir Vizcaya besetzt haben, wird Guernica schöner wieder aufgebaut werden, als es früher war. Später ist in sehr tendenziöser Weise geschrieben worden, daß die Nationalen Brandbomben von 1000 Pfund an einem Markttag auf Guernica geworfen und auf die flüchtenden Menschen mit Maschinengewehren geschossen hätten.«

Alle diese Behauptungen habe der Caudillo als Unwahrheiten zurückgewiesen. Sie dienten nur der roten Propaganda. (S. 255).

Einen Beweis dafür, daß es sich nicht um einen Terrorangriff auf die Stadt Guernica gehandelt hat, bieten neben Richthofens Tagebuch die Aussagen der beteiligten Flieger. Ein indirekter Beweis ist auch die Tatsache der Darstellung des Luftangriffs, den Augenzeugen gegeben haben. Es gibt so viele Widersprüche, daß manche Aussagen nur unter dem Gesichtspunkt betrachtet werden können: Dabei gewesen, gehört, erzählt, wieder gehört und wieder erzählt und dabei Gehörtes neu hinzugetan.

Klaus A. Maier veröffentlicht in seiner Untersuchung »Guernica« mehrere Aussagen von am Angriff beteiligten Fliegern, die in ihrer sachlichen Darstellung alle romanhaften Schilderungen widerlegen, auch wenn es hier unterschiedliche Darstellungen gibt. Oberst a.D. Frhr. von Beust, der als Führer des zweiten Angriffsschwarms den Einsatz miterlebt hat, erklärte:

»Die Roten strömten zu diesem Zeitpunkt längs der Küste nach Westen zurück auf den eisernen Ring (um Bilbao), um dort ihre neuen Auffangstellungen zu beziehen. Dieser Rückzug führte große Teile durch Guernica, das stark mit Feindtruppen belegt war, und hart südlich davon über eine kleinere Brücke. (Kommentar von Maier: Die Renteria-Brücke liegt nordwestlich der Stadt.) Befohlenes Ziel war diese Brücke und die darin sehr massierten Feindtruppen, die durch Auflklärung festgestellt worden waren. Geflogen wurde in drei Angriffschwärmen zu je sechs Flugzeugen, die mit einigen Kilometern Abstand in ca. 3500 m Höhe das Ziel von Norden her - also über die Stadt - ansteuerten. Durch sehr starke Staub- und Rauchentwicklung nach dem Abwurf des ersten Schwarmes wurde das Gelände über Ziel und Stadt völlig der Sicht entzogen, so daß die beiden nachfolgenden Angriffsschwärme ihre Bomben nur nach Schätzung abwerfen konnten. Dadurch und durch eine starke Windabtrift fiel die Masse dieser Bomben in die Stadt. Dieser an sich rein technisch bedingte Fehler wurde von der Gegenseite derart geschickt ausgeschlachtet, daß Franco politische Nachteile befürchten mußte und der ganze Angriff infolgedessen einfach abgestritten wurde. Die Führung der Legion hatte den Einsatz in Abstimmung mit der spanischen Führung oder auf deren Anforderung befohlen, wobei von einer Absicht, die Stadt zu zerstören, gar keine Rede war, obwohl diese durch starke Truppen der Roten belegt war bzw. durchlaufen wurde… Im übrigen stellte die Stadt durch die Truppenmassierungen an sich durchaus ein militärisches Ziel dar… Feststeht, daß die Zerstörungen durch die Bombenabwürfe erheblich gewesen sind- ich glaube nicht, daß die Roten nachträglich noch weiter zerstört haben…« (Maier, »Guernica«, S. 156/157).

Auch Oberstleutnant a.D. Karl von Knauer gibt die Brücke als Angriffsziel an. Knauer war Staffelkapitän der 1./K. 88. In seiner Darstellung heißt es:

»Die Brücke war trotz guter Wurfreihen nicht nachhaltig zerstört, jedoch der Ostteil des Ortes sehr zerstört, vor allem der Marktplatz, auf dem noch Pferdekadaver lagen. Die Wirkung unserer 50 kg-Bombenreihen konnte niemals so gewaltig sein. Wie ich erfuhr (Gespräch meines Dolmetschers mit Ortsangehörigen), sollen die sogen. Dinamiteros im Ort große Sprengstofflager gehabt haben, die entweder durch unseren Angriff oder nachträglich zur Explosion gebracht wurden. Und so erst ist die große Zerstörung hervorgerufen (worden) und zu erklären. Ich meldete dies im einzelnen Oberstlt. v. Richthofen und meinem Kommandeur Major Fuchs…

1) die nachhaltige Zerstörung von G. ist durch die Sprengstofflager zu erklären

2) eine spätere Zerstörung durch rote Truppen ist kaum anzunehmen, da schnelle, panikartige Rücknahme der Frontlinien.« (Maier »Guernica« Seite 158/159)

In der Darstellung der Kriegswissenschaftlichen Abteilung der Luftwaffe heißt es, daß ein Fliegerangriff auf Brücke und Straßengabel bei Guernica mit neun Flugzeugen aus 2300 m Höhe im Einzelanflug durchgeführt worden sei. »Es wurden neun 250 kg-Bomben und 114 50 kg-Bomben, insgesamt 7950 kg geworfene (Maier »Guernica« Seite 155).

Es ist erforderlich, in diesem Zusammenhang noch einmal auf das Buch von Uriarte zurückzukommen. Während er auf der einen Seite den Angriff auf die Brücke als Vorwand bezeichnet, gibt er andererseits zu, daß es ein der Umgebung der Brücke von Renteria« Todesopfer gegeben habe (S. 82). Um 3 Uhr nachts kommt nach seinen Angaben Wind auf, der das Feuer anfacht. Uriarte erkennt, daß »keine erfolgversprechende Arbeit mehr getan werden kann«, befiehlt der Feuerwehr, nach Bilbao zurückzukehren, und fährt selbst auch dorthin. Erst am Nachmittag des nächsten Tages, am 27. April, kommt er zurück. Was während dieser Zeit in Guernica geschehen ist, kann er aus eigenem Augenschein nicht berichten. Es gab keine Benzinkanister in den Häusern, erklärt Uriarte.

Aber gab es Dynamit, gab es Sprengladungen? Uriarte behauptet nämlich, daß in der Nacht während der Löscharbeiten ein Blindgänger infolge der Hitzeeinwirkung des Feuers explodiert sei (S. 76/77) und sich ähnliches in anderen Häusern im Stadtzentrum ereignet habe. Daß Blindgänger, die normalerweise in die Erde eindringen oder zumindest unter Trümmern liegen, durch Hitzeeinwirkung des Feuers explodieren, ist wenig wahrscheinlich, wie die große Zahl nicht explodierter Bomben beweist, die nach dem 2. Weltkrieg in allen Luftangriffen ausgesetzten Städten entschärft werden mußten. Francos Behauptung, die Roten hätten auch ihr Zerstörungswerk getan, mag zutreffend sein oder nicht. Bei der Besetzung von Bilbao konnten die Nationalen jedenfalls feststellen, daß die Roten nicht nur Brücken gesprengt, sondern auch Vorbereitungen getroffen hatten, Gebäude in die Luft zu jagen. »ABC Sevilla« veröffentlichte eine Reihe von Aufnahmen, darunter ein Bild aus der Universität, das deutlich die vorbereiteten Sprengkammern zeigt. Der Plan, Bilbao mit Dynamit zu sprengen, heißt es in der Bildunterschrift, kam im letzten Augenblick nicht zur Durchführung. (ABC Sevilla, 20. Juni 1937). Jeffrey Hart's Anmerkung in seinem in der »Welt« veröffentlichten Beitrag über Bolins Buch ist zwar nur eine propagandistische Schlußfolgerung ohne materiellen Beweiswert, trotzdem aber nicht unlogisch: Haben die zurückflutenden Truppen der Linken noch andere Städte zerstört? Die Antwort scheint ja zu lauten. Auch die Stadt Eibar wurde im Kampf um Bilbao niedergebrannt, doch wurde nicht behauptet, daß Eibar bombardiert worden sei - bis nach dem Erfolg der Propagandakampagne über Guernica. Erst dann erschien der »Augenzeugenbericht« mit der Aussage, die Vernichtung von Eibar gleiche jener von Guernica. Wie es auch tatsächlich warm (DIE WELT, 11. Januar 1973).

Nach Richthofens Aufzeichnungen wurde Eibar durch das Hineinwerfen von Benzinkanistern in die Häuser angezündet, es sind wahrscheinlich aber auch Sprengladungen benutzt worden, wie es bei den asturischen Sprengkommandos üblich war.

Wie unangenehm es den Republikanern war, daß die Methode der verbrannten Erde sie nicht nur mit der Zerstörung zahlreicher Orte in der öffentlichen Meinung belastete, sondern auch in den Verdacht gebracht hatte, Bilbao vor der Übergabe an die Truppen Francos in einen Trümmerhaufen verwandeln zu wollen, beweist eine Pressekonferenz des baskischen Präsidenten José Antonio de Aguirre, die am 23. Juli 1937 in Barcelona stattfand.

»ABC Madrid« berichtete darüber am 24. Juli 1937. Aguirre wurde von einem Journalisten gefragt, wie er zu der Erklärung von Federico Montseny stehe, es habe der Plan bestanden, Bilbao vor der Übergabe völlig zu zerstören. (Dieser Minister der 2. Republik ist nach einem Bericht der Zeitung »Informacion«, Alicante, vom 17. Juli 1979 bei einer Veranstaltung der anarchistischen Gewerkschaft CNT in Denia zugegen gewesen und hat dort die Haltung der Linksparteien, vor allem den Eurokommunismus, verurteilt. Die Antwort Aguirres war zweideutig:

»Die Zerstörung einer Stadt ist letzten Endes der endgültige Verzicht auf sie. Wir Basken haben Bilbao nicht endgültig aufgegeben, denn wir hoffen eines Tages zurückzukehren. Wir Basken haben die Zerstörung unserer Hauptstadt nicht ersehnt, denn sie wird ohne jeden Zweifel eines Tages wieder unsere Hauptstadt sein. Als die Stadt aufgegeben wurde, wurden nach einem vorbereiteten Plan alle Produktionsstätten stillgelegt mit der Wirkung, daß vor Ablauf eines Jahres die Produktion nicht wieder in Gang gebracht werden kann. Es gibt Beispiele: Hochöfen, die Talsperre von Ordente . . .«

Unter dem propagandistischen Trommelfeuer von über vier Jahrzehnten ist die Wahrheit meist zu kurz gekommen. Lügen mögen kurze Beine haben, aber Greuelmärchen halten sich unendlich lange. Als die Leidenschaften erst angefacht waren durch die Behauptung der Roten, die baskischen Heiligtümer seien vernichtet worden, es herrsche Luftterror und Völkermord, und die Weißen behaupteten, die Roten hätten die heilige Stadt der Basken in Brand gesteckt, wurden falsche Behauptungen nicht abgebaut, sondern übersteigert. Da die Roten über den längeren Propagandaarm verfügten, half es den Weißen nicht, daß sie ihre Behauptung einschränkten, indem sie erklärten, Guernica habe während der Kriegshandlungen durch Artilleriebeschuß und Bomben natürlich gelitten. Währenddessen bombardierten die Roten weiße Städte, ohne daß sich die Weltöffentlichkeit darüber erregte. Es ging nicht um Menschenleben, es ging um Macht. Durango hatte trotz der dramatischen Schilderungen keine weltweite Wirkung erzeugt. Guernica aber wirkt heute noch nach. Es gibt keinen besseren Beweis für diese Behauptung als die leichtfertige Berichterstattung der »Frankfurter Allgemeinen«, die sich Zeitung für Deutschland nennt. Unter der Überschrift: Guernica will ›Guernica‹ « - nämlich das Picasso-Gemälde- schrieb der Madrider Korrespondent der Zeitung, Walter Haubrich, die Bombardierung der offenen Stadt… War der erste überraschende Flugangriff auf die Zivilbevölkerung einer Stadt. Ober tausend Personen wurden damals, meist auf den Straßen, getötet… Als Hauptverantwortliche für die Bombardierung gelten nach den jüngsten Forschungen der deutsche Fliegeroffizier von Richthofen und der spanische Stabsoffizier Vigón... Für das Oberkommando der deutschen Luftwaffe galt Guernica vor allem als erster Versuch eines Flugangriffes auf eine offene Stadt… Die Stadt Guernica erklärte, daß das Gemälde Picassos in Guernica auch in Vertretung für andere von den Truppen Francos und Hitlers bombardierte Städte stehen sollten (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. April 1977)

Unter dem 1. Mai 1977 berichtete Haubrich aus Madrid: »Vor 40 Jahren zerstörte die deutsche Legion Condor, die von Hitler Francos Bürgerkriegstruppen zu Hilfe geschickt war, mit Brandbomben die baskische Stadt Guernica. Der Name Guernica erhielt schnell Symbolwert, sicher auch deshalb, weil es sich um einen der ersten Luftangriffe auf die Zivilbevölkerung handelte. Die Zahl der Todesopfer - sie schwankt zwischen 250 und 1500 - ist auch nicht mehr annähernd festzustellen, da drei Tage nach der Bombardierung Francos Truppen die baskische Stadt eroberten. Sie hatten wenig Interesse daran, die Toten zu zählen…

General Sperrte, der Kommandant der Legion Condor, hatte schon am Abend des Luftangriffes seinen Fliegern befohlen, nicht über die Bombardierung zu reden. Das könnte darauf hindeuten, daß es schon vor dem Angriff zu einer Sprachregelung zwischen der spanischen Militärführung und der Legion Condor darüber kam, wie man die Zerstörung der Stadt erklären wollte.«

Am 11. Februar 1978 verzichtete Haubrich auf Zahlenangaben. In dem Bericht »Picassos Guernica nach Guernica« erklärte er summarisch, daß oder Bombenangriff der mit Franco verbündeten deutschen Legion Condor einen großen Teil der Zivilbevölkerung der baskischen Stadt getötet hat.« Er hatte immer noch keine Kenntnis von der militärwissenschaftlichen Arbeit Malers genommen. Dafür behauptete er: »Das grundlegende historische Werk über die Bombardierung Guernicas schrieb Herbert R. Southworth… Mitglied der Untersuchungskommission über Guernica.«

Haubrichs Unkenntnis und Unsachlichkeit prädestinierte ihn selbstverständlich dazu, mit folgenden Worten seine Qualifikation als Apostel der Wahrheit zu beweisen: »Die Version (von der Anzündung der Stadt durch die baskischen Republikaner) wurde trotzdem wieder aufgegriffen in der unseriösen Franco-Biographie des Engländers Crozier und sogar noch 1973 in einer als »Dokumentation« ausgegebenen Fälschung in der Tageszeitung »Die Welt«. (Es handelt sich um den Bericht von Jeffrey Hart.)

Die Behauptung, Göring habe im Nürnberger Prozeß 1946 eingestanden, den Befehl zur Zerstörung Guernicas gegeben zu haben, ist schon deswegen unsinnig, weil er von Deutschland aus keinerlei Einfluß auf taktische Einzelheiten im Einsatz der Legion Condor wie die versehentliche Bombardierung der baskischen Stadt hatte. Trotzdem wurde sie von dem auf Francos Seite kämpfenden monarchistischen Fliegermajor Juan Antonio Ansaldo in seinem 1951 in Buenos Aires erschienenen Buch »Para Que?« aufgrund von Presseberichten über den Nürnberger Prozeß aufgestellt. Andere Autoren wie Hugh Thomas (1961) und Wilfred von Oven (1978) bezogen sich auf sie. Wenn die von Ansaldo verwendeten Pressemeldungen zutrafen, wurden sie jedenfalls von dem amtlichen Text der Verhandlungsniederschriften des Internationalen Militärgerichtshofes in Nürnberg nicht bestätigt. Göring habe dabei - die Klarstellung ist Maier in seiner zitierten Arbeit zu verdanken - Lediglich von einem allgemeinen und sekundären Erprobungscharakter des deutschen Luftwaffeneinsatzes in Spanien, ohne Guernica zu erwähnen«, gesprochen. Maier zitiert Görings Aussage nach dem offiziellen Text (Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem internationalen Gerichtshof Nürnberg, 14. November 1945 bis 1. Oktober 1946, Bd. IX, Nürnberg 1948, S. 317, zitiert bei Maier S. 9/10) wie folgt: »Der Führer überlegte sich, ich drängte lebhaft, die Unterstützung (an General Franco) unter allen Umständen zu geben. Einmal, um der Ausweitung des Kommunismus an dieser Stelle entgegenzutreten, zum zweiten aber, um meine junge Luftwaffe bei dieser Gelegenheit in diesem oder jenem technischen Punkt zu erproben. Ich sandte mit Genehmigung des Führers einen großen Teil meiner Transportflotte und sandte eine Reihe von Erprobungskommandos meiner Jäger, Bomber und Flakgeschütze hinunter und hatte auf diese Weise Gelegenheit, im scharfen Schuß zu erproben, ob das Material zweckentsprechend entwickelt wurden Ob die von Göring genannte Gelegenheit, im scharfen Schuß zu erproben«, Guernica ausdrücklich einschloß oder nicht, ist unerheblich, weil seine ganze Aussage falsch war. Bei der entscheidenden Unterredung Hitlers mit den Abgesandten Francos am 25. Juli 1936 in Bayreuth, zu der Göring erst gegen Ende hinzugezogen wurde, nachdem Hitler seinen Entschluß zur Hilfeleistung bereits gefaßt hatte, drängte Göring keineswegs lebhaft, wie Wilfred von Oven in seinem Buch »Hitler und der Spanische Bürgerkrieg« (Grabert, Tübingen 1978) aufgrund sorgfältiger Recherchen und der eindeutigen Aussagen des einzigen überlebenden Zeugen der fraglichen Besprechung überzeugend nachgewiesen hat, sondern meldete ernste Bedenken an und riet von dem Unternehmen ganz entschieden ab, so daß er erst von Hitler überredet werden mußte, seine Meinung zu ändern. Natürlich hatte Göring guten Grund, eine solche Aussage wider sein besseres Wissen in Nürnberg zu machen. Man wird ihm das Recht dazu vor diesem Tribunal ebensowenig absprechen können wie das ehrenwerte Motiv, seine Untergebenen und den toten Hitler damit zu entlasten. Daß seine Aussage - in der von Ansaldo oder von den Gerichtsakten festgehaltenen Form - falsch war, kann heute jedenfalls nicht mehr bezweifelt werden.

Was bleibt übrig? Der »Manchester Guardian« schrie am 30. Juli 1937 in die Welt hinaus: »Niemals hat eine schrecklichere Geschichte die Geschichte verdunkelt.« Niemals… Die Madrider Zeitung »El Alcazar« deutete die Geschichte viel pragmatischer. Als das Gerede um die »Heimkehr« des mittelmäßigen Picasso-Bildes über Guernica die höchste Lautstärke erreichte, meldete sie unter der zweizeiligen Schlagzeile: No sera gratis - El »Guernica« nos costará dos cuadros de Velázquez« - Wir bekommen es nicht umsonst - »Guernica« wird uns zwei Gemälde von Velázquez kosten.

Am 21. Juli 1979 berichtete »El Pais« in großer Aufmachung, das Picasso-Gemälde, 3,50 x 7,82 Meter schwarz-weiß-grau bemalte Leinwand, komme endgültig Ende 1980 oder Anfang 1981 nach Spanien, obwohl eine von den zwei Bedingungen Picassos - bisher jedenfalls - nicht erfüllt worden sei: Spanien ist Monarchie und keine Republik, an die das Gemälde zurückgegeben werden sollte. Im Madrider Prado aber wird es zu sehen sein, anläßlich von Picassos hundertstem Geburtstag.

»Erschüttert über den Völkermord, eine der ersten unterschiedslosen Hinmetzelungen der Zivilbevölkerung in der Geschichte«, habe Picasso beschlossen, das Guernica-Bild zu malen, schreibt »El Pais«. Schuld ist die deutsche Legion Condor. Wie könnte es auch anders sein. Und nie und nirgendwo früher und später ist tatsächlich auf dieser Erde ein Völkermord begangen worden. Weder an den Indianern noch an den Armeniern. Es gibt noch viele andere Beispiele. Die Redakteure von »El Pais« kennen sie nicht, wollen sie wahrscheinlich nicht kennen, wollen die Wahrheit nicht zur Kenntnis nehmen, daß Picassos Gemälde nichts anderes ist als gemalte Greuelpropaganda.

Picasso neben Velazquez im Prado von Madrid. Das bedeutet dann tatsächlich: Guernica und kein Ende…

Zum ersten Teil
Zum zweiten Teil

Literatur

Castor Uriarte Aguirreamalloa, Bombas y mentiras sohre Guernica, Bilbao 1976 - Heinrich Dietz, Agitation und Massenhysterie in England, Essen 1941 - Adolf Galland, Die Ersten und die Letzten, München 1953 - Klaus A. Maier, Guernica 26. 4. 1937. Die deutsche Intervention in Spanien und der »Fall Guernica«, Freiburg 1975 - Herbert Molloy Mason, Die Luftwaffe, dt. Ausgabe, Wien/Berlin 1973 - Wilfred von Oven, Hitler und der Spanische Bürgerkrieg, Mission und Schicksal der Legion Condor, Tübingen 1978 - Francisco Franco Salgado-Araujo, Mis conversaciones privadas con Franco, Barcelona 1976 - ders., Mivida junto a Franco, Barcelona 1977 - George Lowter Steer, El arbol de Guernica, Editorial Gudari 1963 - Gordon Thomas y Max Morgan-Witts, El die en que murió Guernica, Barcelona 1976 - Hugh Thomas, Der Spanische Bürgerkrieg, dt. Ausgabe, Frankfurt/M u. Berlin 1961 - Zeitungen und Zeitschriften: ABC Madrid - ABC Sevilla Blanco y Negro Madrid - Die Welt, Hamburg- El Pais, Madrid - El Alcazar, Madrid - Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurt - Informacion. Alicante - News Chronicle, London.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 28(1) (1980), S. 19-23

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