Zur Frage der Fleckfieberepidemien im Zweiten Weltkrieg, Teil 1

Warum wurde das DDT so spät eingesetzt?

Professor Dr. R. Clarence Lang

Wie im Ersten Weltkrieg hat auch im Zweiten das furchtbare Fleckfieber in Epidemien insbesondere in Osteuropa und in Lagern vielen Tausenden von Menschen das Leben gekostet. Mit dem DDT war ein billiges und einfach anzuwendendes Mittel erfunden worden, das sicher gegen den Überträger der Krankheit wirkt. Nachdem der amerikanische Wissenschaftler bereits in der DGG 87/2 (S. 24/25) die bisher kaum behandelte Frage kurz angeschnitten hat, warum das DDT in den letzten Kriegsjahren auch vom Internationalen Roten Kreuz oder anderen Hilfsorganisationen nicht angewendet wurde, behandelt er nachfolgend ausführlich dieses Problem und legt dessen Hintergründe dar.


Denkt man an die Stätten entscheidender Ereignisse des Zweiten Weltkrieges, so kommen einem wie selbstverständlich die Namen Stalingrad, Dresden, Hiroshima und Nagasaki in den Sinn. Neapel dagegen, wo ab Dezember 1943 millionenfache Entlausungen durchgeführt wurden, tritt gegen die genannten Städte und kriegsentscheidenden Ereignisse in den Hintergrund. Was dort geschah, scheint nicht im entferntesten mit den anderen Ereignissen vergleichbar zu sein.

Und doch ist die Aktion in dieser Stadt von hoher Bedeutung und sollte daher nicht übersehen werden. Sie war eng verbunden mit der militärischen, Befreiung Neapels durch die Alliierten und wiederholte sich, als die Alliierten ähnliche Entlausungsaktionen in KZ-Lagern wie Bergen-Belsen, Dachau und Buchenwald durchführten.

Neapel erlebte als erste europäische Stadt im Dezember 1943 den dramatischen Beginn der Überwindung des Jahrtausende hindurch wütenden Todesbringers »Typhus« - oder wie man in Deutschland sagt: Fleckfieber. Möglich wurde der Sieg über diese furchtbare Seuche durch die Erfindung und Anwendung des DDT-Puders (Abkürzung für: Dichloro-diphenyl-trichloroäthan). Das Fleckfieber wird von der Rickettsia prowazeki verursacht und durch die Kleiderlaus (Pediculus vestimenti) übertragen; es ist ansteckend. Frei von Läusen zu sein ist also gleichbedeutend mit »fleckfieber-frei«.

Das Fleckfieber verband sich schon etwas mit der Frage, warum die Alliierten 1918 einen Waffenstillstand mit Deutschland schlossen, anstatt es, wie 1945, zu besetzen. 1918 tobte das Fleckfieber auf dem Balkan und im Osten. In Serbien allein fielen im Jahre 1915 etwa 315 000 Menschen dieser Seuche zum Opfer. In Rußland einschließlich der baltischen Länder und Polen soll es 30 Millionen Fleckfieberfälle gegeben haben, darunter natürlich Millionen von Toten. Die Östlichen Länder waren, was die Deutschen schon damals wußten, die Länder der Läuse und des Fleckfiebers. Das galt auch für Rumänien mit damals 1 Million Fällen.

Die alliierte Führung wußte 1918, daß ein chaotisches Mitteleuropa ein von Fleckfieber heimgesuchtes Mitteleuropa sein wurde. Darum brauchte man das die Ordnung erhaltende Militär der Mittelmächte. Dieses bildete einen Cordon Sanitaire gegen die Gefahr aus dem Osten. Hätte General Pershing 1918 die Verantwortung übernehmen sollen, die etwa drei Millionen amerikanischen Soldaten in ein potentiell verseuchtes Mitteleuropa zu schicken? Ich bemerkte bei meinen Nachforschungen, weiche Bedeutung damals das Wort Fleckfieber hatte, da erst in dessen Zusammenhang etwas außerordentlich Positives über das ordnungsbringende deutsche Militär gesagt wurde. Zuvor sprach man bei den Alliierten nur von »Hunnen« und »Verbrechern«. Als dann im Juni 1919 die Wintergefahr des Fleckfiebers mehr oder weniger vorüber war, konnte General Foch wieder mit kriegerischer Stimme drohen: Ihr Deutschen unterzeichnet den Versailler Vertrag, oder wir kommen!

Entlausung in Neapel

Was aber geschah im Dezember 1943 in Neapel? Laut Nachschlagewerken und damaligen Veröffentlichungen sowie Zeitungsmeldungen brach in Neapel, das schon Monate in amerikanischen Händen war, eine Fleckfieberepidemie aus, angeblich durch heimkehrende italienische Truppen aus dem Balkan eingeschleppt. Da man damals noch nicht wußte, ob Rom zur Festung erklärt und eine Art zweites Stalingrad würde, waren im Laufe der letzten Monate des Jahres 1943 viele Menschen aus Rom nach Neapel geflüchtet: die Stadt war voller Flüchtlinge - wie später Dresden im Februar 1945. Kaum brach die Epidemie aus, als auch schon das amerikanische Militär mit dem Einsatz von DDT-Puder in schnell errichteten Entlausungsstationen reagierte. Man hatte Ähnliches schon in Nord-Afrika mehrere Monate vorher getan. Das DDT-Puder wurde zum Teil eingeflogen, so daß durchschnittlich täglich 50 000 Menschen entlaust werden konnten. Der Rekord soll bei 73 000 gelegen haben. Ganz Neapel, sogar die ärmsten Viertel und die Umgebung, wurden einbezogen.

Das Verfahren war höchst einfach. 25 Menschen konnten mit einem Pfund DDT entlaust werden. Mit DDT-Blasgewehren konnten die GIs das Puder entweder den Ärmel hinauf- oder den Rücken hinunterblasen; die zu behandelnden Personen, ob Erwachsene oder Kinder, konnten dabei bekleidet bleiben. Innerhalb von wenigen Stunden waren die Läuse tot, die Kleider konnten gewaschen werden; die »lausfreie«Wirkung blieb tagelang bestehen. Die Prozedur konnte fast zu einem lustigen Spektakel gemacht werden; so soll es vorgekommen sein, daß bei Hochzeiten das Brautpaar und alle Gäste entlaust wurden. Eine persönliche Zustimmung im rechtlichen Sinne war bei diesem rein mechanisch ablaufenden Vorgang nicht nötig. Während all der Maßnahmen infizierten sich 50 Amerikaner leicht; kein Fall verlief tödlich. Bis Mitte März 1944 wurden angeblich 2,25 Millionen Menschen in Neapel entlaust.

Es ist anzunehmen, daß der Autor Edward I. Byng und die Leser seines Buches »A five year peace plan« dankbar zur Kenntnis nahmen, daß es 1943 in Neapel gelungen war, den »Killer Typhus« zu überwinden. Denn Byng nahm noch als selbstverständlich in seinem Buch (1943) an, daß die United Nations nach dem Kriege ein großes Problem mit der Bekämpfung des Fleckfiebers würden lösen müssen. Er meinte z.B.: »Die Besatzungstruppen der Vereinigten Nationen sollen sofort nach dem Krieg Entlausungsstationen in Polen, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Griechenland in Betrieb setzen und unter der Zustimmung von Rußland diese Maßnahmen auch an der finnisch-deutsch-ungarisch-rumänischen und russischeu Grenze treffen; denn diese Grenzen werden von den Heimkehrern der Achsen-Truppen und von Zivilisten überschritten werden.« Byng behauptete, daß es zwischen 1914 und 1920 mehr Tote durch Fleckfieber gegeben habe als auf den Schlachtfeldern.

Deutsche erhielten kein DDT

15 Monate später erschienen die Fleckfieber-Schreckbilder von Buchenwald, Dachau und Bergen-Belsen! Wie war das möglich? Die Kriegszustände erklären vieles, aber erklären sie alles? Auf Grund des bereits Gesagten und dessen, was noch zu sagen ist, stelle ich eine These auf:

Die maßgebenden alliierten Propagandisten, die auch den militärischen Bereich fest in der Hand hatten, sorgten dafür, daß nur das Militär die Möglichkeit hatte, das Wundermittel DDT anzuwenden. Damit erlaubten sie seine Anwendung nur in Verbindung mit der militärischen Befreiung. Die allgemeine humanitäre Seite spielte keine Rolle. Man hätte manches Schreckliche in den KZs durch die Anwendung von DDT verhindern können - aber man legte großen Wert darauf, aus den deutschen KZs ein ewiges, steingewordenes und anklagendes Schreckensbild zu schmieden. Dieses Horrorbild sollte benutzt werden, um damit die Umerziehung (die Re-education) der Deutschen zu begründen und die Sieger von den eigenen Schandtaten zu entlasten. Außerdem sollte es in den eigenen Ländern den propagandistischen Effekt haben, allerlei liberale und idealistische Ziele leichter verfolgen und verwirklichen zu können. Dieses Horrorbild sollte auch gegen die Deutschen und jeden unangenehmen Nationalismus der westlichen und der kommunistischen Welt dienen als ein einheitliches, fortdauerndes Schreckensmittel!

Da die alliierten Befreier selbst fleckfieberfrei waren und nie von den deutschen Entlausungskammern gehört hatten, sie auch nicht für notwendig hielten, waren sie leichtgläubig und darum bereit, nur das Allerschlimmste von den Deutschen zu glauben. Die Propagandisten, die auch die offizielle Zensur ausübten, konnten auch eine Aufklärung über die lebensrettenden Entlausungsmaßnahmen der Deutschen verhindern und leicht eine ihren Zielen günstige propagandistisch wirksame Umdeutung erreichen, da Fleckfieber mit Phantasievorstellungen und völliger »nervlicher und geistiger Erschöpfung« (vgl. »A Textbook of Medicine«, Russel L. Cecil (Ed.), Saunders Co., Philadelphia-London 1944, S. 83) verbunden ist. Solch eine Umdeutung hatte große Langzeitwirkung, da nach 1945 zwar eine Reihe von Überlebenden der Krankheit, diese selbst aber nicht mehr vorhanden war, was die wissenschaftlichen Untersuchungen erschwerte. Daher gründeten sich die Erlebnisse des Fleckfiebers mehr oder weniger auf persönliche Zeugnisse der Überlebenden und waren somit sehr subjektiv. Es ist jedenfalls eine historische Tatsache, daß Millionen von leichtgläubigen Besuchern dieser inzwischen leeren und teilweise umgebauten KZs zu Multplikatoren des ihnen dort Gesagten wurden, Besucher, die, von einer Selbstentlastungssucht motiviert, überzeugend die angebliche Schlechtigkeit der Deutschen in aller Welt »predigen«.

Voraussetzungen des Fleckfiebers

Die Entlausung in Neapel war einfach und billig. Wie kompliziert dagegen waren die Methoden, bevor das DDT zur Verfügung stand, und welche fast unbegrenzten Möglichkeiten boten sie durch Umdeutung den alliierten Propagandisten, »die deutsche Bosheit zu enthüllen«?

Bei dieser Betrachtung werden wir einen amerikanischen Arzt als Zeugen heranziehen. Dr. George M. Piersol, der Verfasser des Nachschlagewerkes »Cyclopedia of medicine surgery and specialities« (1941 -also zwei Jahre vor Neapel, Verlag E A. Davis, Philadelphia), schreibt auf Seite 534 im 15. Band: »Bisher gibt es keine Therapie für Typhus… Jedoch ohne die Kleiderlaus kann der Typhus nicht von Mensch zu Mensch übertragen werden, darum muß man alles versuchen, um die Menschen lausfrei zu machen und zu halten. Dies kann aber während eines Krieges oder einer Seuche schwierig sein. Jedoch muß man eine Entlausung konsequent durchführen.« Weiterhin meint dieser amerikanische Arzt, man könne auch komplizierte Bäder und Entlausungsanstalten bauen, aber es gäbe auch einfachere Methoden. Diese bestünden in der chemischen oder durch Hitzeanwendung vorgenommenen Reinigung der Bekleidung, oder in der Verbrennung der Bekleidung, während die Menschen gebadet und ganz enthaart (rasiert) werden.

Andere Sachkenner behaupten, daß die Ansteckung mit der Verschmutzung verbunden sei; der Kot der typhustragenden Läuse bleibe sogar ansteckungsfähig in den Kleidern und Bettlaken und zwar monatelang, nachdem die Läuse tot sind. Der Arzt Dr. Mark Boyd (Preventive medicine, WB. Saunders, 1940, wiedergedruckt 1944) spricht von der Körperlaus und meint, man könne von ihr nicht desinfiziert werden, wenn nicht zugleich die Kleidung aller infizierten Personen desinfiziert würde. Er bezieht auch das Bettzeug in die Desinfizierungsmaßnahmen ein (S281).

Das gesamte Problem der Entlausung hat dann für die Deutschen eine besondere, eine unheilvolle Bedeutung dadurch bekommen, daß es mit der Judenfrage verbunden wurde. Hier gibt es zwei entgegengesetzte Auffassungen, die der Verfechter der Vernichtungstheorie und die der Revisionisten. Die erstgenannte Meinung ist aus Zeitungen und Zeitschriften, aus Rundfunk und Fernsehen weithin bekannt. Sie beinhaltet, daß die Deutschen sechs Millionen Juden ermordet haben und diese Morde äußerlich mit Entlausungsanstalten und Ähnlichem tarnten. Es wäre für die Juden überhaupt nicht um Entlausungen gegangen, sondern um eine schon von Hitler in seinem Buche »Mein Kampf« angekündigte Vernichtung. Es sei hier um einen kleinen Krieg gegen die Juden innerhalb des großen Krieges gegangen, den Hitler gewonnen habe, obwohl er den großen verlor.

Die Lage in den Ghettos

In den letzten Jahren sind, zuerst in Frankreich, dann auch in anderen Ländern die Revisionisten aufgetreten. Sie leihen zum Beispiel der evangelischen Predigerin Martha L. Moennich ihr Ohr, d.h. sie nehmen die beschriebenen ungesunden Verhältnisse im Warschauer Ghetto zur Kenntnis. Diese schreibt in ihrem Buch »Europe behind the Iron Curtain« (1948, Zondern) in Erinnerung an ihren Besuch des Warschauer Ghettos im Jahre 1939, also unmittelbar vor dem Kriege, vor der Eroberung Warschaus durch die Deutschen, von dem Volk Gottes: »Ihre traurige Lage war schon damals (1939) zum Weinen… Sie waren zusammengepfercht in Einzelzimmerwohnungen mit großen Familien und ohne private Gelegenheiten, die zur menschlichen Sittlichkeit gehören.«

Der bekannte amerikanische Rabbiner Stephen Wise schildert in seinem Buch »Autobiography« (G. P.Putnam's Sons, New York 1949, S. 272) seinen Besuch des Warschauer Ghettos drei Jahre vor dem Kriege (1936), daß er schon »gedrängte und armselige Ghettos in den Großstädten anderer Länder gesehen« habe; aber das sei nichts gewesen im Vergleich zu dem Ghetto von Warschau »mit seinen allerärmlichsten Wohnungen, unterirdischen Kellerwohnungen und unvorstellbar armseligen Untergrundwohnplätzen«. An anderer Stelle heißt es: ›Viele Menschen kamen Tag und Nacht nicht aus ihren Wohnungen.«

Unter Berücksichtigung dieser und ähnlicher Berichte amerikanischer Zeugen kann man durchaus dem Glauben schenken, was der deutsche Arzt Dr. J. Walbaum, Obermedizinalrat und für gesundheitspolitische Maßnahmen im Generalgouvernement (Krakau) zuständig, am 24. Mai 1940 in der Münchener Medizinischen Wochenzeitschrift Nr. 21 unter »Fleckfieber und Volkszugehörigkeit« schrieb: »Wie sehr der jüdische Bevölkerungsanteil die Gesundheitsstatistik beeinflußt, sieht man nirgends so deutlich wie beim Fleckfieber. Hier ist es so, daß man sagen kann, das Fleckfieber ist - wenigstens was die Verhältnisse in Polen anlangt - eine rein jüdische Krankheit.«

Dr. Walbaum meinte feststellen zu können, daß für den Fall, ein Deutscher würde infiziert, die Gefahr größer sei, weil bei den Deutschen nicht wie bei den Juden und zum Teil auch bei den Polen eine gewisse Immunität vorhanden sei. (Ob dies stimmt, müssen Ärzte beurteilen.) Er meinte aber, dies gilt »nicht einmal mit gewissen Einschränkungen, sondern fast absolut. Im Generalgouvernement haben im letzten halben Jahre alle Fleckfiebererkrankungen ohne Ausnahme ihren Ursprung in jüdischen Kreisen gehabt. Wenn mal der eine oder andere Fall bei Polen vorkam, so war sein Ursprung so gut wie immer durch die Juden nachzuweisen… Bei den beobachteten Epidemien begann das Fleckfieber stets im Ghetto, breitete sich dort aus und sprang dann auf einzelne Häuser außerhalb des Ghettos über… Zum Teil war der Kontakt durch jüdische Ärzte geschehen, so daß ich Anordnung geben mußte, die Behandlung von Polen durch Juden nach Möglichkeit zu vermeiden und Juden durch Juden und Polen durch polnische Ärzte behandeln zu lassen.« (S. 568).

Als dann im Jahre 1940 sich die deutschen Behörden in Warschau dazu entschlossen, den sogenannten jüdischen Distrikt mit einer Mauer zu umgeben, rechtfertigte Dr. J. Walbaum dies damit, daß er feststellte, alle anderen Maßnahmen hätten sich als unzureichend erwiesen. Die Deutschen mußten »zur Abriegelung der Wohnungen übergehen, und so kam es, daß ganze Wohnviertel oder Straßen hermetisch von der Außenwelt abgeschlossen werden mußten, wobei natürlich für die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung gesorgt wurde. Daß diese Regelung fast ausschließlich Juden betraf, lag nur an den tatsächlichen Verhältnissen« (S. 568).

Im übrigen ahnte dieser Gesundheitsbeamte bereits, welche propagandistischen Gefahren diese Maßnahmen mit sich brachten. »Hieraus etwa entspringende Greuelmärchen, mit denen man bei der Berichterstattung des Auslandes ja immer rechnen muß, lassen sich mit Leichtigkeit widerlegen, da es sich um eine Maßnahme handelt, die wir im Interesse der übrigen Bevölkerung ergreifen mußten« (S. 568).

Ähnlich wie Dr. Walbaum argumentierten auch Prof. Dr. E. Zimmermann (»Epidemiologie des Fleckfiebers im Gen.Gouvernement« in »Zeitschrift für Hygiene und Infektionskrankheiten«, Bd. 123, 5. Heft, Springer-Verlag, Berlin 1942, S. 552 ff.) und Gollert in »Warschau unter deutscher Herrschaft«, (Burgverlag, Krakau GmbH, 1942); im letzteren findet man zwölf Bilder vom ummauerten Ghetto, außerdem ebenfalls die Behauptung, gesundheitliche Gründe seien dafür ausschlaggebend gewesen. -Wie in Warschau verfuhren die Deutschen auch in anderen Städten im Osten.

Man könnte bei den eben erwähnten Feststellungen Walbaums, Zimmermanns und Gollerts kritisieren, daß es Äußerungen deutscher Ärzte seien, deren Wahrheitsgehalt während eines Krieges angezweifelt werden könnte. Aber es gibt auch jüdische Stimmen, wie etwa die von Mietek Eichel. Eichel war neun Jahre alt, als die Deutschen nach Warschau kamen, und er schrieb seinen Bericht in ›The roots and the bough« (verfaßt von Leo W Schwarz, Rinehart u. Co., New York-Toronto). Der Bericht erschien erst 1949, war aber bereits vor 1947 von Eichel geschrieben worden, und zwar für die Lubliner Geschichtliche Kommission. Dem Zitat möchte ich eine kleine Bemerkung vorausschicken. Eichel schrieb, daß die Deutschen im Jahre 1941 das Ghetto absonderten; in Wahrheit wurde es aber schon 1940 ummauert; außerdem spricht er vom »Ghetto«, die Deutschen aber nannten es »Distrikt«.

»Fleckfieber tobte wild«, so heißt es in Eichels Bericht (S. 284). »Wenn jemand erkrankte, schlossen die Deutschen die Haustür und hängten das Schild ›Fleckfieber‹ daran. Ein jeder wurde desinfiziert, die Strohsäcke wurden verbrannt, und das Bettzeug und das Zubehör wurden entweder gekocht oder verbrannt. Die Kranken brachte man ins Krankenhaus, die Zurückbleibenden wurden für zwei Wochen unter Quarantäne gestellt. In der Zwischenzeit sind die meisten verhungert.«

Eichels Feststellungen bedürfen einer kritischen Anmerkung. Wenn er schreibt, die Deutschen hätten die betreffenden Maßnahmen durchgeführt, so kann das kaum stimmen; denn sie hatten die gesundheitlichen Regelungen den Juden übergeben. Es gab im jüdischen Distrikt, wenn überhaupt, nur wenige Deutsche vor dem großen Aufstand am 19. April 1943, da es doch im allgemeinen den deutschen Streitkräften an Ärzten und Krankenhelfern mangelte. Auch daß Eichel, wie oben schon gesagt, statt des Jahres 1940 das Jahr 1941 nennt, könnte von Bedeutung sein; denn bis Ende 1941 waren die gesundheitlichen Probleme leichter lösbar, da bis Amerikas Eintritt in den Krieg, Dezember 1941, Hilfe für polnische Juden aus Amerika und vom Roten Kreuz zur Verfügung stand. Aber schon nach dem Beginn des Rußlandfeldzugs haben sich die Bedingungen außerordentlich erschwert.

(wird fortgesetzt)


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 36(2) (1988), S. 7-10

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