Zur Frage der Fleckfieberepidemien im Zweiten Weltkrieg, Teil 2

Warum wurde das DDT so spät eingesetzt?

Professor Dr. R. Clarence Lang

Zum 1. Teil

Nachdem der US-Wissenschaftler im ersten Teil dieser Studie die allgemeinen Tatsachen über das Fleckfieber in Osteuropa behandelt hat, betrachtet er nachfolgend die betreffenden Vorgänge während des Zweiten Weltkrieges, insbesondere gegen dessen Schluß, und untersucht auch die Frage, ob hier das Internationale Rote Kreuz und die Kirchen versagt haben.


1941 und in den folgenden Jahren kamen Millionen von Kriegsgefangenen, Millionen von Flüchtlingen, Umsiedlern, Zwangsarbeitern in die von Deutschland kontrollierten Gebiete und in das Reichsgebiet. Verschiedene Sprachen erschwerten die gegenseitige Verständigung, Mißverständnisse waren nicht zu vermeiden und führten zu Entwicklungen, die durch die Unmöglichkeit, unter den kriegsbedingten Verhältnissen die Menschenmassen menschenwürdig zu betreuen, sich zu katastrophalen Verhältnissen in manchen Lagern ausweiteten. Dazu kamen Kriegspropaganda, Sabotage, Partisanenkrieg, der Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung und machten den Krieg zu einem schmutzigen Krieg, den Terror zu einem verabscheuungswürdigen notwendigen Kriegsinstrument.

Daß die Deutschen unter diesen Umständen auch noch den lebensnotwendigen Kampf gegen das Fleckfieber führen mußten, erleichterte es der Feindpropaganda, die Entlausungsmaßnahmen zu Vernichtungsmaßnahmen umzudeuten. Dabei ist wieder zu beachten, daß die Westalliierten niemals derartige Gesundheitsmaßnahmen durchzuführen brauchten, sich vielfach auch keine Vorstellung von dem zu machen wußten, was eine größere Entlausungsanstalt an Anlagen benötigte, bevor es DDT gab.

Diese Anstalten zu »Todesfabriken« umzufunktionieren war ein Schachzug der Feindpropaganda, der den Partisanen und den Untergrundkämpfern (auch denen, die in den Lagern um ihr und das Leben ihrer Mitgefangenen rangen) die nötige Härte und psychische Widerstandskraft gab, indem man sich und anderen einredete, die Deutschen würden sowieso alle versklaven und am Ende umbringen.

Man bekommt Einblicke in die damalige Situation, wenn man die Literatur über den Untergrundkampf betrachtet. Die Bibliothek der UNO in Genf bietet dem Forscher dafür einige Möglichkeiten. Da liest man etwa (ich sage es in meinen Worten): Solltest du dich in deutscher Gefangenschaft, im Zwangsarbeiter- oder im Konzentrationslager befinden oder dazu Verbindung haben, so muß du soviel aktive und passive Sabotage treiben wie möglich. Spiele krank, so oft wie möglich; solltest du in die Krankenabteilung kommen, huste andere an, vor allem Deutsche. Benutz unnötig viel Wasser, besonders warmes. Weigere dich mitzuarbeiten, halte alles schmutzig, besonders die Toiletten. Wenn dir etwas erklärt wird, so tue, als wenn du es nicht verstehst, so daß es dir immer wieder erklärt werden muß. Falls du Deutsch lesen kannst, so laß es dir nicht anmerken. Verbreite die tollsten Gerüchte; hörst du etwas Negatives, so verschlimmere es und bekräftige es. Solltest du dich in einer wichtigen Poststelle befinden, so ändere Telegramme, verwechsle Briefe, ändere Befehle, beschädige Telefone und gib falsche Pässe aus (so gaben z.B. Priester, sofern es überhaupt Priester waren, Ungetauften gültige Taufscheine).

Partisanen wurden angewiesen, sich als SS-Männer zu verkleiden; offenbar sind ihnen dadurch entscheidende Sabotageakte geglückt. So wird vom Warschauer Aufstand, 1943, behauptet, daß etwa 500Aufständische SS-Uniformen trugen und so im Namen der SS und der Deutschen eine Reihe von Maßnahmen unerkannt durchführen konnten und daß die Aufständischen diejenigen umbrachten, die mit den Deutschen zusammenarbeiteten. In einem Flugblatt der Partisanen las ich, daß sie einen deutschen Militärzug mit Bekleidung und Uniformen zur Entgleisung gebracht hatten (in Ruthenien, vor 1943, denn aus diesem Jahre stammt das Flugblatt). So konnte man nun, wenn es zweckmäßig erschien, sich der deutschen Uniformen bedienen und alles im Namen der Deutschen und Deutschlands machen.

Deutsche Entlausungsaktionen

Der amerikanische Ingenieur Friedrich Berg gibt einen Einblick in die Entlausungsmethoden der Deutschen während des Zweiten Weltkrieges in seinem Vortrag vor dem Institute for Historical Review (Frühjahrsheft 1986; vgl. auch mein Bock Review im Journal of Historical Review, Winter 1986/7, über »Warschau unter deutscher Herrschaft« von Fr. Gollart,1941).

Herr Berg hat außerdem für die Amerikaner einen Vortrag von einem Emil Wuestinger, ebenfalls Ingenieur, ins Englische übersetzt. Er wurde am 27./28. Januar 1944 in Frankfurt/M. gehalten. Wuestinger versuchte, seine Zuhörer davon zu überzeugen, daß die »hydrocyanic acid«-Methode mit dem Zyklon B nicht gefährlich sei und Vorteile habe vor den Dampf- oder Hitzemethoden. Als Beweis führte er an: »Während des Krieges (also bis Januar 1944) wurden Kleider und Instrumente für etwa 25 000 000 Menschen mit Hydrocyanid« ausgeräuchert, und es sind noch keine Unfälle ernsterer Art gemeldet worden. « Der Amerikaner Berg behauptete, daß diese Zahl auch bei Gerstein vorkomme. Aber da waren es 25 000 000 vergaste Menschen! Es gäbe einiges zu überlegen.

Trotz der Geheimhaltung des Vorhandenseins von DDT durch die Amerikaner - aber wer konnte dies schon geheimhalten, wenn 21/4 Millionen Menschen allein in Neapel damit entlaust wurden - wissen wir, daß die Deutschen auch schon DDT hatten, ja sogar »Lauseto«, das ebenso gut, wenn nicht besser war. Aus dieser Tatsache ergeben sich zwei Fragen:

1. Wenn die Deutschen doch schon DDT hatten, warum haben sie die veralteten, umständlichen Desinfektionsmethoden weiterhin verwandt? Ob diese Frage schon erforscht wurde, weiß ich nicht. Ich stimme mit der These von Herrn Berg überein, daß es 1944 nicht mehr möglich war, auf das neue Mittel überzugehen; denn die benötigte Menge an DDT und Lauseto war wegen der alliierten Bombenangriffe auf die deutschen chemischen und pharmazeutischen Anlagen kaum herzustellen.

2. Wenn die Deutschen, die Russen und die Westalliierten DDT hatten, warum war es weiterhin nötig, dieses Mittel als militärisches Geheimnis zu behandeln? Könnte es sein, daß man seitens der Amerikaner daran festhielt, um einem potentiellen Druck durch die Kirchen und die internationalen Hilfsorganisationen zu entgehen? War denn die Entdeckung des DDT - trotz des Krieges, besonders da man sich des Sieges sicher war - nicht ein Durchbruch im Interesse der ganzen Menschheit?

Diese Frage wird gestellt im Namen von denen, die in den Lagern in Deutschland an Fleckfieber starben und, wenn dem so ist, eines unnötigen Todes starben.

Die Entlausung mit Hilfe von DDT hätte nicht unbedingt bis zum Zeitpunkt der Besetzung der jeweiligen Gebiete durch die Alliierten hinausgeschoben zu werden brauchen. Roosevelt hätte sich als ein Menschenfreund und großer Staatsmann erwiesen, wenn er das DDT den internationalen Hilfsorganisationen und/oder Zivilbeamten überlassen hätte. Man hatte das DDT ja »in Hülle und Fülle«, brauchte zur Anwendung keine Spezialisten. Von der Anwendungstechnik her gesehen wäre es möglich gewesen, ganz Europa vor der großen Fleckfieber-Epidemie im Winter 1945 zu bewahren.

Man denkt dabei an Dachau, wo man (laut »Das aufgebrochene Tor - Predigten und Andachten gefangener Pfarrer im KZ Dachau«, Neubau Verlag, München, März 1946) am 16. Februar 1945 die Andacht las »zur Zeit der Fleckfieberepidemie«. Zwar wurde da von der Menschenvernichtung durch Gaskammern gesprochen, die es erwiesenermaßen dort nicht gab, aber »als am 29. April 1945 die Amerikaner das Lager befreiten, lagen am Krematorium noch 3000 unbestattete Leichen«, die der Autor des Buches selbst gesehen habe, dazu hätten auf dem Bahnhof Dachau noch viele mit Leichen aus anderen Lagern gefüllte Waggons gestanden. Allerdings sagte ein mir gut bekannter Amerikaner, er habe am Tage nach der Befreiung nur sechs oder sieben Waggons gezählt. G.S. Graber meinte in seinem Buch »History of the SS« (New York, 1978), daß die Deutschen beim Näherkommen der russischen Front, die KZ-Gefangenen allmählich ins Reich brachten, und diese »brachten das Fleckfieber mit sich« (S. 166).

Hätten nicht internationale Hilfsorganisationen, vor allem das Rote Kreuz, lange vorher das DDT für die Lager, besonders für Bergen-Belsen, zur Verfügung stellen müssen, was doch möglich gewesen sein muß, da wir wissen, daß es noch im Januar 1945 Ausreisen von Bergen-Belsen in die Schweiz gegeben hat?

Kann man dies alles mit dem Begriff »totaler Krieg« zudecken? Kann man so tun, als ob man überhaupt keine Verbindung gehabt hätte? Gab es nicht einflußreiche neutrale Länder, vor allem die Schweiz, aber auch Schweden, Portugal, Nordirland, die Türkei und Spanien wie auch Länder in Lateinamerika? Es gab auch Exilregierungen, die vieles über die Lage in den besetzten Ländern durch aktive Untergrundbewegung kannten. Außerdem gab es die Quäker, die Mennoniten und die Adventisten, die, obwohl sie aus religiösen Gründen Kriegsdienstverweigerer waren, zu solchen humanitären Diensten bereit gewesen wären.

Vielleicht hat es energische Versuche von Seiten der Hilfsorganisationen gegeben, die noch nicht bekannt, noch nicht erforscht sind. Aber ich glaube es kaum; denn das hätte das Ohr der Verantwortlichen in Washington gefunden, wie der Congressional Record (S. 6681/2) auf Grund einer Debatte im House of Representatives vom 28. Juni 1943 beweist. Damals suchten einflußreiche Amerikaner die Unterstützung des Roten Kreuzes zu erreichen. Man versuchte, die Blockade der UNO teilweise aufzuheben, um Hilfsmaßnahmen in den besetzten Gebieten in Europa durchführen zu können.

Dafür setzten sich erfahrene Politiker ein, wie etwa der Abgeordnete Herter von Massachusetts, der 1916/17 Attaché in Berlin und mit Herbert Hoover im European Relief Committee in und nach dem Ersten Weltkrieg gewesen war. Hoover hat sich bekanntermaßen außerordentlich für humanitäre Hilfen eingesetzt. Weiter waren unter den Rednern auch Carl Thomas Curtis von Nebraska, Mr. Horan vom Staate Washington, Walter Judd von Minnesota und der einflußreiche Republikaner Harold Knutson, ebenfalls aus Minnesota.

In dieser Debatte vom 28.06.43 nahm man die Hilfsmaßnahmen in Griechenland (in den Jahren 1942/43) als Beispiel. Die schwedische Regierung hätte dafür gesorgt, daß die Hilfsgüter nicht in die Hände der Deutschen gefallen wären, so stellen sogar die Dokumente vom State Department fest. Auch im besetzten Frankreich wurden Nahrungsmittel für 20 000 Menschen verteilt. »Schließlich«, so meinte der damals noch junge Abgeordnete Judd, »kämpfen wir doch nicht, damit wir die Freiheit für Tote gewinnen!« Dann ergriff Harold Knutson, skandinavischer Abstammung, schon seit 1917 im US-Kongreß und einflußreicher Republikaner, das Wort und sagte: »So ist es! Wieviel besser wäre es, wenn wir gesunde und lebenstüchtige Menschen vorfinden würden, wenn wir angreifen, anstatt solche Menschen, die hoffnungslos und verpestet sind und ganz und gar außerstande, uns zu unterstützen.« Er behauptete auch, daß Deutschland damit einverstanden sei, unter Aufsicht des Internationalen Roten Kreuzes oder einer ähnlichen Hilfsorganisation Hilfsgüter hereinzulassen, also so, wie man es zu jener Zeit in Griechenland machte. Die technischen Probleme seien leicht zu lösen. Finanzielle Mittel, so meinte der Kongreßangehörige, seien auch kein Problem, da doch Länder wie das damals von den Deutschen besetzte Norwegen in Amerika etliches beschlagnahmtes Eigentum hätten. - Und dann endete vorwurfsvoll: »Alles beruht auf dem Einverständnis der Herren Roosevelt und Churchill. Ein Wort von nur einem von ihnen könnte allen Schrecken des Hungers und der Verpestung aus Polen, Finnland, Norwegen, Dänemark und den Niederlanden verbannen. Werden Roosevelt und Churchill sich dieser Aufgabe gewachsen zeigen? ... Die Zukunft der weißen Zivilisation ruht in ihren Händen!«

Auch in England gibt es eine ähnliche Stimme, die des Bischofs von Chichester, George Bell. Ein Ausschuß, in dem er tätig war, beendet seinen Bericht über die Befreiung Europas im Jahre 1945 mit den Sätzen: »Es dürfte doch für intelligente Menschen ganz klar sein, daß unsere Blockade des Kontinents Europa für unsere Freunde und Alliierten nur eine unbegreifliche Tortur und Elend bringen und unseren Feinden nur wenig schaden würde... Es kann bewiesen werden, daß unsere Lebensmittelblockade den Krieg um keine Stunde verkürzt hat... Die Geschichte wird unsere Regierung streng wegen ihrer sinn- und zwecklosen Beharrlichkleit verurteilen, an der Politik der Nahrungsmittel-Blockade festgehalten zu haben« (S. 266).

Aus der »Dokumentation über die Tätigkeit des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz zugunsten der in den deutschen Konzentrationslagern inhaftierten Zivilpersonen (1939-1945)«

S. 51 (Zusammenfassung 1943/44): Das internationale Komitee appelliert auch dringend an die für die Blockademaßnahmen zuständigen alliierten Behörden, eine Lockerung zugunsten der Häftlinge in den Konzentrationslagern zu erreichen. Hilfspakete werden nach Dachau, Ravensbrück, Oranienburg und Mauthausen geschickt. Die Ladung des Schiffes ›Cristina‹ wird in den Monaten August und September 1944 in den Lagern verteilt.«

S. 65 (Note des IKRK an seine Delegation in Berlin vom 15. September 1944): »Das IKRK freut sich, mitteilen zu können, dass die - dank der Waren des Dampfers ›Cristina‹ - nach Dachau vorgenommenen Sendungen unerwartete Erfolge gebracht haben. Die an den Vertrauensmann gerichteten Sammelpakete, die in Genf am 23. August zum Versand kamen, sind am 3. September in Dachau eingetroffen. Die von der Post am 7. September abgestempelten Empfangsbestätigungen kamen am 11. September in Genf an. Das Ergebnis dieser Kollektivsendungen ist auch deswegen hervorragend, weil jede Empfangsbestätigung von mehreren Personen unterzeichnet (vier bis fünfzehn Personen) wurde. Das Komitee dankt seiner Delegation für die anläßlich ihres Besuches beim Kommandanten des Lagers Dachau unternommenen Anstrengungen, die gewiß zu einem erheblichen Teil zu diesem Erfolg beigetragen haben.«

Was die Hilfsorganisationen im Sinne hatten, ergeht aus Jan-Albert Goris Buch »Belgium in Bondage« (L.B. Fischer, New York 1943, S. 217): »Die belgische Regierung (im Exil) hat schon seit mehr als drei Jahren die Organisationen der Alliierten ersucht, wenigstens Milch und Vitamine nach Belgien zu schicken, ohne Erfolg. Nur einige Medikamente wurden geschickt.« Hier ging es um Milchpulver, Vitamine, Obst - also Nahrungsmittel, die man sofort verbrauchen muß, die deshalb den Deutschen militärisch nicht geholfen hätten.

Kann es wirklich möglich sein, daß das Internationale Rote Kreuz nicht alles versucht hat, das DDT über neutrale Länder für den Einsatz in Lagern zu vermitteln? Sollte es denkbar sein, daß seine maßgebenden Vertreter sich zu einem höchst fragwürdigen »gentlemen's agreement« überreden ließen, nämlich eher ein ewiges Mahnbild deutscher Schuld entstehen zu lassen als Menschenleben zu retten?

Haben Rotes Kreuz und Kirchen versagt?

Der Kieler Theologe Dr. Walter Bodenstein hat in seinem Buch »Ist nur der Besiegte schuldig?« (1985) bewiesen, wie die Alliierten sogar die leitenden Männer der deutschen evangelischen Kirche unter Druck setzten: daß es keine über die Kirche zu leitenden Hilfsgüter für das ausgebombte Deutschland geben würde, wenn sich die evangelische Kirche Deutschlands nicht zu einem schriftlichen Bußwort bereit finden werde. Nun ist die Frage: Hat man zuvor schon Ähnliches mit anderen humanitären Hilfsorganisationen, etwa mit dem Roten Kreuz, versucht? Waren hier schon Vorstellungen wirksam, die zuerst die Umerziehung Deutschlands und dann die Umerziehung der ganzen Menschheit im Auge hatten (Das wäre eine besondere Variation des so oft gehörten »Heute Deutschland, morgen die ganze Welt«). Wir wissen heute, daß vor dem Stuttgarter Schuldbekenntnis vom Oktober 1945 ganz bestimmte Vorstellungen bestanden, die mit dem Morgenthau-Plan verbunden waren, nämlich, daß die evangelischen Kirchen Deutschlands, besonders die lutherische Kirche, eine allgemeine deutsche Schuld anerkennen müßten, bevor es eine organisatorische und damit verbunden eine materielle Hilfe geben könne.

Es gibt Verdachtsmomente auch für das Rote Kreuz und sein Verhalten. Denn aus Büchern wie dem des Schweizers Dr. Marcel Junod (»Warriors without weapons«, 1951) erfährt man, daß es zwischen dem Roten Kreuz und dem Dritten Reich bis zum Mai 1945 Verbindungen gegeben hat. Als Beamter des Roten Kreuzes war Junod angeblich fünfmal während des Krieges in Deutschland, hatte auch stets Verbindungen zu den alliierten Kriegsgefangenen in Deutschland. Schiffe des Roten Kreuzes landeten immer wieder in Portugal, in Schweden und in der Türkei. Ein Beispiel nur: Das Schiff »Henri Dunant« brachte bis 1944 400.000 Tonnen Lebensmittel, 33 Millionen Pakete und 130. 000 Tonnen Medikamente (!), die über Lissabon nach Deutschland gelangten. Solche Schiffe hatten Geheimsignale mit den deutschen U-Booten und den Alliierten ausgearbeitet, die auch respektiert wurden. Die Deutschen haben kein einziges dieser Schiffe versenkt.

Es gibt weitere Beweise, daß diese Verbindungen bestanden, und zwar auch in dem Buch »To dwell in Safety« (The Jewish Publication Society of America, 1948) von Mark Wischnitzer. Da heißt es, zwei Gruppen von Juden aus Ungarn wurden aus dem KZ Bergen-Belsen kurz vor Kriegsende nach der Schweiz zum Austausch gebracht. Es waren 1673 Menschen. Im Februar 1945 konnten 1200 Juden aus dem Lager Theresienstadt in die Schweiz ausreisen.

Aus der »Dokumentation über die Tätigkeit des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz zugunsten der in den deutschen Konzentrationslagern inhaftierten Zivilpersonen (1939-1945)«, Genf 1947

S. 91:»Besuch eines IKRK-Delegierten beim Kommandanten des Lagers Auschwitz (September 194)«: »... Gespräch mit dem Kommandanten. Wie in Oranienburg, so sind auch hier die Offiziere gleichzeitig liebenswürdig und zurückhaltend. Jedes Wort ist gut überlegt. Man fühlt buchstäblich die Furcht, auch nur die geringste Information preiszugeben.

1) Die Verteilung der vom Komitee vorgenommenen Sendungen scheint zulässig und sogar durch einen für alle Konzentrationslagern allgemein gültigen Befehl geregelt zu sein. 2) Der Kommandant sagt uns, dass die persönlich an einen Haftling gerichteten Pakete stets vollständig ausgehändigt werden.

3) Für jede Nationalität gibt es Lagerälteste (Franzosen; Belgier,- eine weitere Nationalität wird nicht angegeben, aber sicher sind noch mehrere andere vorhanden).

4) Es gibt einen ›Judenältesten‹, der für die Gesamtheit der inhaftierten Juden zuständig ist.

5) Die Lagerältesten sowie der ›Judenälteste‹ dürfen Sammelsendungen empfangen. Diese Sendungen werden von ihnen ungehindert verteilt. Ankommende persönlich adressierte Pakete, deren Empfänger im Lager unbekannt ist, werden dem Lagerältesten der betreffenden Nationalität übergeben.

6) Die Verteilung der vom Komitee durchgeführten Sendungen scheint uns gesichert. Zwar besitzen wir keinen Beweis, haben aber den Eindruck, dass der Kommandant die Wahrheit sagt, wenn er behauptet, dass die Verteilungen regelmässig vorgenommen werden und jeder Diebstahl hart bestraft wird...

Spontan hat uns der britische Hauptlagerälteste von Teschen (Cieszyn) gefragt, ob wir über den ›Duschraum‹ informiert seien. Tatsächlich kursiert ein Gerücht, dass sich im Lager ein sehr moderner Duschraum befindet, in dem die Häftlinge massenweise vergast würden. Der britische Lagerälteste hat durch Vermittlung seines Kommandos von Auschwitz versucht, eine Bestätigung dieses Tatbestandes zu erhalten. Es war unmöglich, etwas zu beweisen. Die Häftlinge selbst haben nicht darüber gesprochen ... «

Wir wissen heute dank der Veröffentlichung »The Work of the ICRC (Rotes Kreuz) for civilian Detainess in German Concentration Camps from 1939 to 1945)« (Genua 1975, S. 25), daß an Paketen »vom 12. Nov. 1943 bis 8. Mai 1945, etwa 75.100, die etwa 2.600 Tonnen wogen« vom Roten Kreuz an Insassen von Konzentrationslagern geschickt worden sind. Näheres wird dazu nicht angegeben. Es gab also diese Verbindungen. Das geht auch aus dem Buch von Junod hervor: ›Während der allerletzten Kriegsmonate, unter dem Bombenhagel der Luftangriffe und der Erschütterungen der kommenden Niederlage waren die weißen Wagen des Internationalen Roten Kreuzes in Deutschland auf den Straßen zu sehen.« Daß hier den Inhaftierten in den KZ geholfen wurde, erweisen die Worte: »Die Gruppen von Schweizer Freiwilligen, unterstützt von Kanadiern, Franzosen und amerikanischen Kriegsgefangenen, eilten den Opfern der Gaskammern und Krematorien zu Hilfe, um sie zu retten. « Hatten diese Wagen keinen Platz für DDT gehabt?

Das Buch von Dr. Junod schließt dieses Kapitel mit den Worten: » ... dies (die Verbindungen mit Deutschland sind gemeint) ist eine außergewöhnliche Geschichte, die eines Tages erzählt werden wird von jenen, die es erlebt haben.« - Doch darauf wartet die Welt heute noch! Es ist schon 35 Jahre her, daß dies Buch geschrieben wurde, 42 Jahre sind seit dem Kriegsende vergangen, aber die Geschichte ist immer noch nicht erzählt worden. Vergessen wurde, in dem Buch davon zu berichten, welch heftige Debatte im amerikanischen Kongreß um die Erleichterung der UNO-Blockade geführt wurde; kein Wort wurde gesagt von dem Famine Relief Committee, das bis zum Kriegsende alles versuchte, um hier zu einer Milderung der Bedingungen zu kommen, und im letzten Bericht, Tage vor Kriegsende, meinte: »Die Geschichte wird unsere Regierung (die englische) scharf verurteilen wegen ihrer unnützen (futile), hartnäckigen Politik der totalen Blockade der Nahrungsmittel. «

42 Jahre nach diesen Worten ist zu fragen: »Wo sind diese Historiker besonders unter den Deutschen?« Es scheint für die Deutschen leichter zu sein, Schuldgefühle zu pflegen und ein unnötiges, mittelalterliches Selbstgeißeln zu betreiben sowie aus Deutschland eine Geißelbruderschaft zu machen, als ihre Geschichte wirklich zu erforschen. Dies ist besonders auffallend, da doch ein Nachfolger des Kriegspräsidenten Roosevelt, Ronald Reagan, diese Gefühle als »aufgezwungen« (imposed) und »unnötig« bezeichnete.

Forschung in Fesseln

Vor vier Jahren wollte ich einiges über diese »außergewöhnliche Geschichte« in der Hauptbibliothek in Genf erfahren. Von einem Kenner der Verhältnisse wurde mir gesagt, daß es unmöglich sei, darüber Nachforschungen anzustellen, da das historische Material des Zweiten Weltkrieges vielfach noch unter Verschluß sei. Im Sommer 1986 sprach ich mit einem Privatdozenten für neuere Geschichte in Genf darüber. Er behauptete zu wissen, daß man vor kurzem eine begrenzte Erlaubnis für Forschungszwecke gegeben, sie aber sofort wieder zurückgezogen habe, da die ersten Ergebnisse so erschütternd waren. Dies für uns Wissenschaftler gesperrte Material ist anscheinend zu günstig für die Deutschen, um es freizugeben. Es würde die Deutschen entlasten.

Aus dem Telegramm des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Genf, an Herrn Stettinius, Staatssekretär der Vereinigten Staaten, Präsident der Konferenz von San Francisko, vom 11. Mai 1945 (ausgelöst durch Presseanfragen zu deutschen Konzentrationslagern):

... Außerdem konnten alliierte Kriegsgefangene und Zivilinternierte vom Ursprungsland gelieferte Hilfspakete dank unaufhörlicher Bemühungen IKRK empfangen, dem es trotz Transportschwierigkeiten wegen des See- und Landkrieges gelang, bis Mitte 1944 ungefähr dreihunderttausend Tonnen Lebensmittel, Kleidung und Medikamente in Lager zu schicken. Durch massive Zerstörungen der Eisenbahnverbindungen Deutschlands durch Bombardierungen sowie Fehlen von Strassenverkehrsmitteln - um die IKRK jedoch alliierte Mächte seit Anfang 1944 inständig gebeten hatte -wurde diese Aktion seit Oktober 1944 ernstlich gefährdet. Beginn der Lieferung dieser Transportmittel erst Herbst 7944, und zwar in beschränkten Mengen. Alliierte Behörden genehmigten ihren Einsatz in Deutschland erst seit März 1945, als Verschärfung des Luftkrieges Organisation und Versand von Hilfsmitteln an Kriegsgefangene immer mehr erschwerte... Trotz Hindernisse deutscher Behörden und IKRK durch Blockadebehörden auferlegter Beschränkungen wurden tatsächlich mehrere hunderttausende Lebensmittel- und Medikamentenpakete an zahlreiche Konzentrationslager abgesandt. Da IKRK außerdem im letzten Augenblick Freilassung bestimmter Deportiertenkategorien erreicht hatte, konnte es durch seine Straßentransporte mehrere tausend Personen in die Schweiz und nach Schweden evakuieren. «

Wir fassen zusammen:

1. Nach Neapel, 1943, waren die Technik und der Vorrat da, schon vor der endgültigen Besetzung Deutschlands und der von ihm eroberten Gebiete das Fleckfieber durch DDT auszurotten.

2. Dies wurde dadurch verhindert, daß man das DDT zu einem militärischen Geheimnis erklärte.

3. Anscheinend wurden keine ernsthaften Versuche von den neutralen Ländern, von den Kirchen oder den Hilfsorganisationen unternommen, dagegen zu protestieren oder wenigstens dem Militär ins Gewissen zu reden.

4. Falls die Kirchen und das Rote Kreuz keine ernsthaften Versuche in dieser Richtung unternommen haben, so haben sie ihre Verpflichtungen gegenüber der Menschheit verletzt.

5. Ausreden derart, es habe keine Möglichkeiten gegeben, mit dem Dritten Reich in Verbindung zu treten, sind nicht überzeugend. Es gab keine Möglichkeiten, weil man keine wollte!

6. Wenn dem so ist, dann kann man ab 1944 von einer bakteriologischen Kriegführung sprechen, bei der man unschuldige Menschen als Propagandafutter benutzte. Denn nicht zu helfen ist in solchen Fällen auch Töten. Eine derartige alliierte Kriegführung würde dann mit der Gesinnung übereinstimmen, die zur sinnlosen Bombardierung von Dresden führte.

7. Sollten unsere Vermutungen im wesentlichen zutreffen, so wirft das tiefe Schatten auf die Alliierten.

Was der deutsche militärische Gegner tat, stand hauptsächlich unter dem Gedanken, daß durch absolute Pflichterfüllung vielleicht doch noch der Sieg zu erringen sei. Für die Alliierten jedoch war der Sieg nur eine Zeitfrage; ihr Streben danach ist keine Entschuldigung für die Unterlassung humanitärer Hilfsmaßnahmen.

8. Es ist heute an der Zeit, nicht nur von Stalingrad, Dresden, Hiroshima und Nagasaki zu sprechen, sondern auch von Neapel im Dezember 1943.

9. Mit unserem Thema im Zusammenhang steht die sogenannte deutsche Schuldfrage. Von einem der Nachfolger Präsident Roosevelts wurde am 5. Mai 1985 in Bitburg betont: Er glaube nicht an die Kollektivschuld! Damit gab er den entscheidenden Hinweis für die Historiker, für die es nur die Aufgabe geben kann, die Wahrheit zu erforschen und zu veröffentlichen.


REUBEN CLARENCE LANG, Professor Dr. phil., geboren 1925 in North Dakota als Sohn rußlanddeutscher Eltern, Studium der Geschichte und Theologie in USA und Deutschland (Kiel), luth. Pfarrer in Kanada und USA, Professor für Geschichte an verschiedenen Hochschulen, ab 1972 in Seguin, Texas. Er schrieb u.a.: »Die Geschichte der Buffalo Synode bis 1866«, » The Foreign Policy of Gustav Stresemann« und »Das Bild Deutschlands in der Öffentlichen Meinung der Vereinigten Staaten von Nordamerika in den Jahren von 1918-23«, daneben Zeitschriftenartikel.


Literatur


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 36(3) (1988), S. 8-13

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