Von der Gleichgewichtspolitik zur Umerziehung, Teil 1

120 Jahre angelsächsisch-deutsche Beziehungen

Heinrich Jordis von Lohausen

In zunehmendem Maße wird in der Gegenwart die Bedeutung der Geopolitik wieder erkannt. Sie bildet für das Verständnis der europäischen Auseinandersetzungen der letzten hundert Jahre eine wesentliche Voraussetzung wie auch für zukunftsträchtige Lösungen der Zukunft. Unser Mitarbeiter, der schon mehrfach durch seine klaren strategischen Untersuchungen hervorgetreten ist, beleuchtet unter diesem Gesichtspunkt die angelsächsisch-deutschen Beziehungen der Vergangenheit.


Angelsächsische und russische Geopolitik

Was wir weltweit heute als russisch-amerikanischen Gegensatz erleben, hat sein geopolitisches Vorspiel im deutsch-englischen. Hier wie dort steht auf der einen Seite die Insel, auf der anderen die Mitte des Festlandes. Wie der russische Raum die vier Subkontinente Europa, Vorderasien, Indien und China zusammenhält, so - wie die Hand die Finger - der deutsche Raum die europäische Halbinsel.

Wer durch Europa eine Nordsüdachse legt vom Nordkap nach Sizilien (und weiter bis Südafrika) oder eine Ostwestachse von Gibraltar über Paris bis Moskau (und weiter nach Peking) oder eine Diagonalachse von London nach Istambul (und weiter bis Indien), sieht diese Achsen sämtlich durch Deutschland hindurchführen und sich dort schneiden.

»Wer Deutschland hat, hat Europa«, sagte Lenin, »und wer Europa hat, hat die Welt«, »Der Weg nach Konstantinopel führt durch das Brandenburger Tor«, hieß es in Petersburg schon um 1890, und Lenin ergänzte: »Wenn die Revolution gesiegt hat, wird sie ihr Hauptquartier von Moskau nach Berlin verlegen.« Das war eine unzweideutige Aussage, ein klares Programm.

Im Westen finden wir keinerlei ähnliche Äußerung. Da hieß es immer nur: »Germaniam esse delendam« - Deutschland muß zerstört werden. Man sah sich in der Rolle der Römer gegenüber Karthago. Nie erblickte man - wie die Russen - im gegnerischen Land ein Sprungbrett künftiger eigener Politik. Mit anderen Worten: Der Osten hatte in Deutschland ein politisches Ziel, die Angelsachsen nur ein strategisches. Sie wollten Deutschland nicht haben, sondern weghaben - ein Unterschied wie Licht und Schatten. Eroberung ist nicht Zerstörung. Der Räuber bejaht seine Beute, der Mörder verneint sein Opfer.

Nicht die Angelsachsen haben das Denken in Kontinenten erfunden, sondern lange vor ihnen die Russen: ein Erbe der Tartaren. Das Denken der Briten war ein Denken in Ozeanen, ein Denken in Küsten. Es war das Denken einer See- und Handelsmacht, die zuerst wirtschaftliche Interessen hat und dann - zu deren Schutz - strategische. Ihre Einstellung gegenüber Deutschland war rein defensiv: nicht Eroberung war ihr Ziel, sondern Vernichtung; hier zerstören, um da zu behalten:

Im Grunde ging es um Geld: um die Alleinherrschaft ,von Pfund, Dollar und Goldstandard. Sie hatten mehr, als sie brauchten, und fürchteten - zu Recht - jene, auf die das Gegenteil zutraf. Ihre Kriege waren Kriege gegen die Habenichtse, die »havenots«, die Nichtbesitzenden. Es waren vorbeugende Kriege. »Wir haben«, so bekannte ein Engländer nach 1918, »mit diesem Krieg nur unser Weekend verteidigt«.

Die beste Verteidigung aber ist Angriff. Bekanntlich hat in beiden Kriegen England Deutschland den Krieg erklärt und nicht umgekehrt. Darauf aber kommt es nicht an, auch nicht, wer den ersten Schuß löst oder den ersten Schritt über die Grenze tut. Allenfalls interessiert dergleichen den Völkerrechtler. Wer Geschichte schreibt, hat anders zu fragen: Wer war politisch der Angreifer? Wer strategisch - strategisch im weitesten Sinne des Wortes - und wer rein militärisch?

Wer sind die Angreifer?[1]

Stets spielen Begriffe wie Angriff und Verteidigung auf mehreren Ebenen. Sie sind kein Vorrecht des Krieges, kein Privileg der Gewalt. Zwei Zitate mögen verdeutlichen, worum es hier geht.

»Der Eroberer«, so schreibt Clausewitz, »will immer den Frieden. Er möchte kampflos in unser Land einziehen.« Und Lenin erläutert: »Der Friede ist die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln.« Das heißt: auch der Angreifer erspart sich gerne den Krieg. Angriff gibt es auch so; und ob mit oder ohne Krieg, je nachdem sie den Status quo entweder erhalten oder ihn ändern will, bedeutet von vornherein zweierlei Politik: defensive und offensive.

Nicht jede zielt sogleich auf bestimmte Gegner. Oft ergibt sich die Schädigung fremder Interessen nur als durchaus unerwünschte Nebenwirkung. Stets jedoch wird - wenn zuweilen auch wider Willen - politisch zum Angreifer, wer auf welche Art auch immer auf eine Änderung bestehender Zustände hinarbeitet. Man kann nichts als den Frieden wollen und doch politisch der Angreifer sein, kann umgekehrt einen Krieg erklären und trotzdem in Notwehr handeln. Umgekehrt kann sich der Angreifer, der also, der die bestehenden Zustände ändern möchte, durchaus unblutiger Mittel bedienen. So wurde beispielsweise Mahatma Ghandi England gegenüber - trotz seiner Strategie der Gewaltlosigkeit - politisch zum Angreifer, nicht anders als seinerzeit die Christen gegenüber dem Römischen Reich. Andererseits kann sich ein in die Enge Getriebener - wie etwa Israel vor dem Sechstagekrieg - nur durch militärischen Überfall aus seiner Notlage retten. Nicht physische Gewalt ist somit politisch das Kriterium für »Angriff«, sondern das Hinarbeiten auf Änderung der bestehenden Zustände.

Dieses Hinarbeiten auf Änderung braucht sich der Gegnerschaft, die es hervorruft, nicht immer bewußt zu sein, ja, wie schon angedeutet, überhaupt nicht in der Absicht zu geschehen, einen bestimmten Partner zu schädigen. Führt es aber dazu, ist es dennoch ein Angriff. Das klassische Beispiel dafür ist das deutsch-britische Verhältnis vor 1914.

Politisch war Deutschland - wie jeder später Gekommene - der Angreifer, denn es brach das englische Welthandelsmonopol und verdrängte die britischen Waren durch seine eigenen und besseren. Daß sich dieses Verdrängen auf dem Gebiet der reinen Privatwirtschaft abspielte - also Firma gegen Firma, nicht Staat gegen Staat -, daß es keine vorbedachte Spitze gegen England enthielt, sondern nur eine unvermeidliche Auswirkung der freien Marktwirtschaft war, spielt dabei so gut wie gar keine Rolle. Friedlicher Wettbewerb ist niemals friedlich, er ist bloß unblutig.

Allein der Aufbau einer deutschen Schwerindustrie war - damals - ein Angriff auf England. Es war unvermeidlich, mußte das übervölkerte Deutschland doch, wie Bismarck sagte, »entweder Waren ausführen oder Menschen«. Wollte es seine überschüssige Jugend nicht wie bisher einfach verschenken, entschied es sich somit für »Waren«, also für die Konkurrenz auf dem Weltmarkt, dann, ob es nun wollte oder nicht, auch für den Angriff.

»Würde Deutschland morgen zerstört, gäbe es übermorgen keinen Engländer, der dadurch nicht reicher geworden wäre.« Das schrieb die »Saturday Review« schon 1897, also fast zwanzig Jahre vor 1914. Trotzdem lebte Deutschland in dem Wahn, man könne den Weltmarkt erobern, ohne diese Eroberung militärisch decken zu müssen.

Eine aggressive Politik ohne aggressive Strategie jedoch ist zum Scheitern verurteilt. Wer wirtschaftlich angreift, muß militärisch nachstoßen, sonst überläßt er die strategische Initiative dem Gegner und wird alles durch Fleiß Erworbene wieder hergeben müssen. Nicht er, sondern der andere wird dann zur gegebenen Zeit losschlagen, an der ihm zusagenden Stelle und mit den ihm zusagenden Mitteln. So wurde strategisch nicht Deutschland zum Angreifer, sondern England, weil es nach wohlvorbereiteter Einkreisung aus freien Stücken in den auf dem Kontinent ausgebrochenen Krieg eingriff, und zwar mit seiner schärfsten Waffe, der Blockade.

Strategie ist, was immer einen Gegner gefügig macht. Damit wird strategisch zum Angreifer, wer als erster Maßnahmen trifft, den Willen des Feindes zu brechen, gleich, ob mit kriegerischen Mitteln oder anderen. Man kann einen Krieg wollen und seinen Ausbruch mit allen Mitteln begünstigen, aber dennoch Grund haben, den Feind den ersten Schlag führen zu lassen - und wäre es nur, um ihn vor den Augen der nicht Eingeweihten - und das sind in der Regel 999 vom Tausend - ins Unrecht zu setzen.

Trotzdem bleibt richtig: Wer eine andere Macht mit Absicht wirtschaftlich oder diplomatisch in die Enge treibt, wer sie absichtlich in die Zwangslage versetzt, losschlagen zu müssen, ist strategisch der Angreifer, wer dann tatsächlich losschlägt, der militärisch[2]. Der strategische Angriff beginnt vor dem Krieg, der im engeren Sinn militärische, die grenzüberschreitenden Operationeu, mit ihm. Beispiele dafür sind die beiden Weltkriege.

Britons and »Vogs«

Keiner davon war seitens der Angelsachsen von dem Gedanken getragen, die Deutschen ihres Besitzes wegen zu bekämpfen. Ihnen lag nichts an Deutschland, lag nichts an Österreich, sehr zum Unterschied zu der Meute ihrer Verbündeten. Nie hätten sie, außer Kolonien, deutsches Gebiet beansprucht; nie seinerzeit, als ihre Könige noch zugleich Könige von Hannover waren, dieses Land als ein Stück England angesehen, nie die Hannoveraner - obwohl Sachsen wie sie selber - zu Briten machen, nie überhaupt Fremde gewaltsam zu ihresgleichen umwandeln wollen, wie etwa die Franzosen die Elsässer.

Zum Preußen wird man erzogen, Franzose kann man werden - freiwillig oder unfreiwillig -, wie man Christ wird oder Moslem. Franzose sein ist eine Art Weltanschauung, gebunden an einen bestimmten, klar umgrenzten Horizont. Zum Briten aber muß man geboren sein. Wer sich einbürgert, wird wohl »british subject«, Untertan seiner britischen Majestät, damit jedoch so wenig zum eingeborenen Engländer oder Schotten, wie ein Schäferhund je zur Dogge wird oder ein Haflinger zum Shetlandpony.

Nie und nirgends in der Welt ging es England um ein Sich-Angleichen von Nichtbriten, von »vogs«[3], immer nur - so sich's ergab - um deren Ausbeutung. Solange England noch England war, hielt es auf Abstand. Anders ließ sich ein Weltreich wie das seine weder bauen noch schützen. Nur so konnten einige zehntausend Beamte und Soldaten einige hundert Millionen Nichtbriten in Schach halten. Es gab keinen Aufstieg zum Engländer wie im späten Rom zum »civis romanus«. Was wir insofern heute in England erleben, ist tiefster Verfall - ein Verfall übrigens, der teilweise von Deutschland ausgeht: Rückwirkungen einer eigentlich nur dem Besiegten zugedachten Umerziehung. Darüber später.

Wiking und Ordensritter

In seiner Schrift »Preußentum und Sozialismus« bezeichnet Oswald Spengler Engländer und Preußen als höchste Ausformungen zeitgemäßen Germanentums. Dort steht am Anfang der Wikinger, hier der Ordensritter. Dort das Ethos des Erfolgs, hier das der Pflicht. Dort verkörpert sich im Gentleman der viktorianischen Zeit ein Höchstmaß an äußerer Freiheit, hier - im friderizianischen oder wilhelminischen Staatsdiener - ein Höchstmaß an innerer: »Wer auf Preußens Fahne schwört, hat nichts mehr, was ihm selbst gehört«.

Von Mirabeau stammt das Wort: »Preußen sei kein Staat, der eine Armee hat, sondern eine Armee, die einen Staat hat«. Ihn widerlegt ein Engländer, Sir Robert Sealey: »Die Freiheit in einem Lande«, sagt er im Hinblick auf Preußen, »ist stets umgekehrt proportional dem Druck auf seine Grenzen.« An dieser Formel zerbricht das Schlagwort vom preußischen Militarismus. Für Deutschland war er eine Frage des Überlebens. Immer und überall in der Welt werden Verfassung und Rüstung der Staaten mitbedingt durch ihre geographische Lage. Nur Sachfremde erwarten allerorts Gleiches.

Je leichter von Natur aus die Verteidigung eines Landes, desto unbehinderter seine Politik, desto einfacher auch seine Strategie. Je geschützter von vornherein seine Grenzen, um so mehr Freiheit kann ein Staat seinen Bürgern gewähren und umgekehrt. Immer ist der geostrategisch Benachteiligte auch politisch beeinträchtigt.

Notwendigerweise also, und keineswegs dank irgendwelcher Willkür, waren Preußens Freiheiten nie die Englands, war die richtige Politik - nach innen wie außen - an der Spree eine andere als an der Themse. Hier galten die Gesetze der ungebundenen, der ozeanischen Macht, dort jene der rundum an Nachbarn geketteten kontinentalen.

Die unvermeidliche Folge: Deutsche Politik verlangt mehr von ihren Lenkern als französische, britische oder gar amerikanische. Auch um England groß zu machen, brauchte man Männer über dem Durchschnitt. Immerhin genügten ein Pitt, ein Palmerston, ein Joseph Chamberlain, ein Disraeli. In Deutschland mußte erst ein Bismarck kommen, um die gestellte Aufgabe zu bewältigen und auch das nur unter gewaltigen Abstrichen! Ihm mußte noch ein Moltke zur Seite stehen und über beiden ein König, der ihnen freie Hand ließ. Und kein Parlament durfte Vollmacht haben, das Nötige zu verzögern. Auch das war Voraussetzung.

Schicksal der Mitte

Abwarten angesichts erhöhter Gefahr kann nur, wem die Natur auch den geeigneten Platz dazu schenkt, den nötigen Rückhalt oder unerläßlichen Spielraum - zu Lande entweder oder zur See. Amerika ist durch zwei Ozeane gedeckt, England durch den Kanal und die Nordsee, Frankreich hat die See immerhin noch in Flanke und Rücken, Italien schützen die Alpen, Spanien die Pyrenäen, Rußland kann hinter den Dnjepr, hinter den Don, die Wolga, den Ob, den Jenessei ausweichen. Nichts von alledem trifft auf Deutschland zu.

England hat überhaupt keine Landfront, Amerika keine, die zählt, auch Spanien und Italien haben jeweils nur eine, Frankreich zwei, Deutschland aber von vornherein vier. Allein das geschlossene deutsche Siedlungsgebiet grenzte an das von dreizehn anderen Völkern, die nach Osten vorgeschobenen Sprachinseln mitgerechnet sogar an das von insgesamt zwanzig. Das brachte seit je eine Vielfalt an Bindungen mit sich, daneben eine Vielfalt an Gefahr. Inbegriff dieser Bindungen war durch tausend Jahre das Reich, Inbegriff aller Gefahr die immer denkbare hautnahe Einkreisung.

Läßt diese auch Jahrhunderte auf sich warten - ein »Versailles« ist jedem Volk der Mitte als stete Möglichkeit in die Wiege gelegt. Eine einzige schwere Niederlage, und auf ein Zeichen der Sieger reißen sich sämtliche Nachbarn Stück um Stück aus dem Fleisch der Besiegten[4]. Bleibende Nutznießer von dieser Niederlage an, werden sie fortan zu verläßlichen Helfershelfern auch einer bleibenden Niederhaltung der allseits Beraubten. Sie sind das im Fall Deutschland bis heute mehr oder minder alle geblieben, auch und erst recht als »Verbündete« - nicht unbedingt zu ihrem Heil. Die ständige Aufsässigkeit gegen die Mitte versperrt den Weg in die Zukunft.

Denn immer sollte - zu beiderseitigem Vorteil - die Mitte stärker sein als die Ränder, sollte sie ihnen - als deren einigende Kraft - Dach und Rückhalt bieten. Schwächen darf sich eine Landschaft der Mitte nicht leisten. -Auf lange Sicht bleibt ihr auf die Dauer keine andere Wahl als die zwischen Ausdehnung - so einst Latium, Kastillien, Brandenburg, die Isle de France, das Großfürstentum Moskau - oder Entmachtung, zwischen einem Dasein als Vormacht ihrer Umgebung oder deren Beute, bestenfalls deren Puffer.

Inseln - siehe Japan - haben es da besser, auch in der Niederlage. Inseln liegen abseits. Nicht menschlicher Wille zog ihre Grenzen, sondern das Meer. Werden sie dennoch begehrt, dann nur von Seemächten und - ungeteilt, meist als Sprungbrett auf ein dahinterliegendes Festland (wie für Amerika heute Japan, aber auch England, früher die Philippinen). Auch sonst reizten Randgebiete im allgemeinen nur die Begehrlichkeit weniger, so Portugal seinerzeit die Spaniens, Irland die der Briten, Norwegen die der Dänen und Schweden usw. Wer in der Mitte wohnt, untersteht härterem Gesetz. Soviel Grenzen, soviel Bedrohungen, soviel Einschränkungen der Handlungsfreiheit. Dort ein Geschenk der Natur, war solche Handlungsfreiheit hier nur um den Preis militärischer Wagnisse zu erlangen. Die Geographie kennt keine Nachsicht. Dem einen erlaubt sie, was sie dem anderen versagt: ungestraft der Gegenseite den ersten Schlag zu überlassen. Was hier zuletzt für Deutschland galt, vorher für Preußen, gilt heute - in seiner Umgebung - beispielsweise für Israel.

Eindeutig fand sich in der jüngeren Geschichte Europas England stets auf der obersten Sprosse der Handlungsfreiheit, Deutschland auf der untersten. 1914 sieben, 1919 neun und 1938 zwölf unmittelbare Nachbarn bedeuten politisch ebenso viele Rücksichten, strategisch ebenso viele Fesseln. Den Vorsprung der Insel aufzuholen, hatte Deutschland erst deren sämtliche Festlandsdegen aus dem Feld zu schlagen.

Ihnen gegenüber hatte Deutschland nur einen einzigen Trumpf: Seine zentrale Lage und die der Enge seines Raumes mitgegebene Fähigkeit zu schnellster Zusammenfassung seiner Kräfte an der jeweils entscheidenden Stelle, der sogenannte Vorteil der »inneren Linie«. Auch dieser Vorteil jedoch bestand nur festländischen Nachbarn gegenüber, und auch da noch unterlag Deutschland dem Zwang, den ersten Schlag führen zu müssen und seinen Trumpf auszuspielen, ehe die anderen den ihren auf den Tisch legten: ihre erdrückende zahlenmäßige Übermacht.

The Two-Powers-Standard

Noch 1913 forderte die britische Admiralität den sogenannten »Two powers standard«. Englands Flotte habe jederzeit stärker zu sein als die beiden nächststärksten Flotten zusammen. Sie war es auch, und die Welt nahm es hin. Keiner sprach von britischem Militarismus. Gleiches für sich erreichen zu wollen - aber nun auf dem Land -, kam dem deutschen Generalstab nie in den Sinn. Angesichts allein der russischen Heeresstärken, aber auch der französischen, war hier Ähnliches schlechterdings ausgeschlossen.

Flotten bestehen aus schwimmender Artillerie und -heutigentags - schwimmenden Flugplätzen. Sie sparen das Fußvolk. Gerade jenes Fußvolk aber, auf der Erde »Königin der Waffen«, schöpft seine Kraft aus Masse und Zahl der Wehrfähigen. Damit blieb Deutschland kein anderer Ausweg, als die ihm fehlende Zahl durch Kunst und Können, die fehlende Masse durch Geschwindigkeit auszugleichen.

So etwas aber gelingt nicht ohne hochgezüchtete geistige Form. Auf ihr und auf nichts sonst beruhte die in zwei Weltkriegen immer wieder bestaunte Überlegenheit der deutschen Waffen. An dieser Stelle der Erde war Militarismus eine schlichte Notwendigkeit. Er hat den Europäern nach 1871 immerhin volle 43, ihnen in solcher Dauer ganz und gar ungewohnte Friedensjahre beschert (die bisher letzten noch echten der jüngeren Geschichte). Konnte schon vorher in Übersee nichts gegen die britische Flotte entschieden werden, so nun auf dem europäischen Festland auch nichts mehr gegen das deutsche Heer.

Was immer der weiße Mann jenseits der Meere besaß, besaß er im Schutz jener beiden einander ergänzenden Kräfte. Umspannten die Briten die Ozeane, die Franzosen Europas südliche Gegenufer bis an den Kongo, die Russen den ganzen eurasischen Norden, so fanden sie sich doch alle nach innen zu abgestützt durch Deutschland: Es verband sie und hielt sie zugleich auseinander. Diese Abstützung von der gemeinsamen Mitte her war für Europa nicht minder wichtig als der weltweite Schirm britischer Kreuzer. Europas damals noch unbestrittene Vormacht setzte voraus, daß diese beiden zumindest sich nie gegeneinander kehrten. Als das dann doch zweimal nacheinander geschah, war seine Weltstellung dahin. Die Gegnerschaft von stärkstem europäischem Heer und stärkster europäischer Flotte war tödlich. Frieden im alten, klassischen Sinn hat es seither nicht mehr gegeben.

Das überholte Gleichgewicht

Wie kam es dazu? Den einen Grund - Deutschland hatte beschlossen, lieber Waren auszuführen als immer nur Menschen - haben wir genannt. Der andere war Englands Gleichgewichtspolitik.

Sie entfaltete sich in wechselnder Fehde zuerst nur mit Spanien, Frankreich und Holland. Da das Reich den Kampf um die Ozeane selig verschlief, führte ihn Holland an dessen Stelle notgedrungen allein. Sein Abfall hat den englisch-gesamtdeutschen Gegensatz um gut 200 Jahre verzögert. Der brach erst auf mit dem Tag von Sedan. Dieser Tag sprengte das Gleichgewicht. Er sprengte es zu einer Zeit, da eben jene klassisch englische Politik des europäischen Gleichgewichts eigentlich bereits überholt war, überholt, überständig: seit 1865, dem Jahr der Kapitulation der amerikanischen Südstaaten.

Diese Politik war sinnvoll gewesen, solange es - außer Rußland - Großmächte nur in Europa selbst gab. Sie wurde falsch, als das mit dem Ende des amerikanischen Sezessionskrieges, der solcherart »wiedervereinigten« Staaten, nicht mehr der Fall war. Von da ab ging es nur noch um das Weltgleichgewicht, war es nicht mehr richtige britische Politik, gegen das europäische Festland Front zu machen, sondern sich mit dessen stärkster Macht zu verbünden. Von da ab ging es um den Vorrang Europas als Ganzem.

Über 200 Jahre lang war England an allen Küsten erfolgreich gewesen, außer der amerikanischen. Anderenfalls hätte es dort 1776 keine Unabhängigkeitserklärung gegeben, aber auch 1865 keinen Sieg der Union. Der Freiheitskampf des Südens war die einzigartige Gelegenheit, das nördliche Amerika in drei Teile zu spalten - Kanada, Union, Konföderation - und die aufstrebende Union in die Zange zu nehmen. Aber: Die Yankees waren die ergiebigeren Handelspartner, die kleinen Geschäfte des Augenblicks gingen vor, die Wirtschaft diktierte der Politik. Fünfzig Jahre später ist England amerikanischer Satellit, achzig Jahre später ganz Westeuropa,

Denn auch Napoleon 111. hatte sich damals, 1862, zu mehr als zu halben Maßnahmen nicht aufgerafft. Und die Deutschen? Zu Hunderttausenden hatten sie sich im amerikanischen Bürgerkrieg gemeldet - unter die falschen Fahnen und an die falsche Front! Ausgerechnet an die des künftigen Todfeindes, des Todfeindes jeglicher europäischen Großmacht, auch der britischen; nicht jedoch der eurasischen Großraummacht Rußland.

Sie ist Amerikas geopolitisches Gegenstück in der Alten Welt', der einzige dort als wirklich ebenbürtig erachtete Partner. Ihre Beziehung war Liebe auf den ersten Blick. Lag die Spaltung der Vereinigten Staaten - so sah man ganz klar in St. Petersburg - lag ein Sieg der Konföderierten offensichtlich im Interesse des europäischen Westens, so galt für Rußland schon allein darum das Gegenteil. Dies aller Welt darzutun, erschienen russische Kriegsschiffe mitten im Kriege zu einem Freundschaftsbesuch in San Franzisko und in New York. Entsprechend war ihr Empfang:

»Die Vorsehung«, so begrüßte sie der Yankee-Admiral Hiram Wallbrot, »hat die Welt in zwei Hemisphären geteilt, eine im Osten, eine im Westen. Auf daß die eine durch Rußland vertreten sei und die andere durch die Vereinigten Staaten.« Kein Wort mehr von England.

Noch zwar war dessen Abstieg nicht zu erkennen, noch stand es im Zenit seiner Macht. Noch war Europa, war das Dreieck Deutschland, England, Frankreich die politisch unbestrittene Mitte der Erde.

Alsbald jedoch taten britische Regierungen zweimal nacheinander, was ihre Vorgängerinnen niemals getan hätten: sie banden sich auf dem europäischen Festland die Hände, schon 1904 durch die »entente cordiale«, dann nochmals 1939 in Polen.

1939 allerdings war England nicht mehr Alleinherr seiner Entschlüsse, sehr wohl aber noch 1904. Trotzdem verpflichtete es sich dem - seinerseits vertraglich an Rußland geketteten - Frankreich. Damit war es festgelegt, festgelegt gegen Deutschland, den anscheinend lohnendsten Gegner, verlegte Deutschland doch allen gleichermaßen den Weg:

Die Einkreisung war unvermeidlich, ihre Vorbereitung oblag der Presse.

(wird fortgesetzt)


Anmerkungen

  1. Dieses Kapitel ist dem Buch des Verfassers »Mut zur Macht - Denken in Kontinenten« entnommen, Vowinckel-Verlag, D-8131 Berg a/See, 1981
  2. Diesem wird in der Regel die »Kriegsschuld« angelastet. »Cet animal est fort méchant: quand on l'attaque, il se défend«, sagt man dazu in Frankreich. (»Dieses Tier ist voller Tücke, wenn man es reizt, beißt es zurück«)
  3. abgekürzt für »very oriental gentlemen«
  4. Die Zerstückelung Deutschlands (und selbstverständlich Österreichs) findet sich auf russischen, polnischen und serbischen Karten bereits lange vor 1914.

Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 31(3) (1983), S. 3-7

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