Von der Gleichgewichtspolitik zur Umerziehung, Teil 2

120 Jahre angelsächsisch-deutsche Beziehungen

Heinrich Jordis von Lohausen

Zum 1. Teil

Im ersten Teil seiner strategischen Studie hat unser Mitarbeiter die geopolitischen Grundlagen der europäischen Politik dargelegt und dabei insbesondere das Schicksal der europäischen Mitte und Englands Politik des Gleichgewichts der Kräfte untersucht. In dem nachfolgenden zweiten Teil werden die Folgen dieser Ausgangslage für unser Jahrhundert, vor allem für das Entstehen der beiden verheerenden, Europa um seine Machtstellung bringenden Weltkriege betrachtet.


Die große Einkreisung 1914

Als die Presse das Ihre getan hatte, brüstete sich Lord Northcliffe: »52 englische, russische, französische und italienische Zeitungen haben den Krieg zustande gebracht,« Schon nach dem Signal von Sarajewo hatte Oberst House, Wilsons engster Vertrauter, von Paris an den Präsidenten berichtet: »Sobald England zustimmt, werden Rußland und Frankreich über Deutschland herfallen.« England wiederum vertraute der Blockade. Ohne Nachschub an Chilesalpeter - so glaubte man im War Office - könne Deutschland höchstens ein Jahr lang Krieg führen. Ein verhängnisvoller Irrtum! Dank unbemerkter Fortschritte ihrer chemischen Wissenschaft brauchten die Deutschen den überseeischen Salpeter nicht mehr. Sie wehrten sich ganze vier Jahre hindurch; viel zu lange für England.

Der Krieg überstieg die Kräfte der Insel. Sie lebte nicht mehr von den Zinsen, sie vergeudete ihr Kapital. 1914 noch der Welt unbestritten erster Kreditgeber, stand sie 1918 mit 700 Millionen Pfund in der Kreide. Das Geld regierte den Erdkreis nun zwar erst recht, bloß nicht mehr von London aus, sondern von New York.

1936 bemerkte Churchill zu einem Vertreter des »New York Requirer«: »Wäret ihr Amerikaner doch 1916 zu Hause geblieben und bloß euren eigenen Geschäften nachgegangen. Dann hätten wir 1917 mit den Zentralmächten Frieden gemacht und eine Million britischer und französischer Soldaten wäre am Leben geblieben ... « und natürlich - was er nicht sagte - noch gut eine weitere Million deutscher, Österreichischer, russischer, italienischer und anderer.

Gerade dieses Nicht-zu-Hause-Bleiben aber, gerade diese Verlängerung des Krieges war für Amerika das große, das einzigartige Geschäft. Um seinetwillen hatten die Europäer weiter zu bluten, einschließlich der Briten. Und eines gleichen Geschäfts wegen, eines zweiten nun noch viel größeren, wiederholte sich zwanzig Jahre später das Spiel.

Auszubeuten, Märkte zu erobern, gab es noch genug rund um die Erde. Noch hielten die Europäer - Briten, Franzosen, Belgier, Holländer, Portugiesen - die Hand über ganz Afrika und fast den gesamten asiatischen Süden, hatten sie dort alle Vorrechte. Noch legte sich Japan wie ein Riegel vor Chinas 400 Millionen möglicher Kunden! »Four hundred million customers«, das war mehr als bloß ein Buchtitel, das war so gut wie bereits eine Kriegserklärung, war über die Hälfte der Alten Welt doch den Bankherren der Neuen noch unerschlossen geblieben. Der Erste Weltkrieg war nur ein Auftakt gewesen. Sein Werk zu vollenden, bedurfte es eines zweiten. Die Minen dazu waren gelegt, von den Europäern selber und auf ihrem eigenen Boden.

Nicht umsonst hatte man gerade hier das von Wilson versprochene Selbstbestimmungsrecht mit Füßen getreten; nicht umsonst hatte Marschall Foch nach den Diktaten von Versailles, St. Germain, Trianon, Sèvres und Neuilly seinen Offizieren verkündet: »In diesen Verträgen liege Zündstoff für mehr als nur einen Krieg.«

»Hitler zum Kriege gezwungen«

Und wieder machte England den Vorreiter. »Wenn Hitler Erfolg hat«, erklärte als erster Sir Robert Vansittart, die graue Eminenz im Foreign Office, »wird er binnen fünf Jahren einen Krieg bekommen.« 1934 bemerkte Churchill: »Deutschland muß wieder besiegt werden und diesmal endgültig.« 1936 eröffnete er General Wood (USA): »Wir werden Hitler den Krieg aufzwingen, ob er will oder nicht.« Die Männer in den Penthäusern von Manhatten, sie hörten es gerne.

Hitler aber äußerte im engsten Kreis: »Ich müßte ein Idiot sein, wenn ich wegen dieser lausigen Korridorfrage in einen Weltkrieg hineinschlittern wollte wie die unfähigen Menschen im Jahr 1914 (wegen Serbien). Er schlitterte doch. Er wollte zwar Krieg nur da, wo es Platz gab, im Osten; solange Pilsudski noch lebte, mit den Polen gemeinsam, dann, als dessen Nachfolger in die Gegenfront einschwenkten, notgedrungen gegen sie. Er wollte den begrenzten Krieg, zeitlich wie räumlich, wie die Italiener in Äthiopien und die Japaner in der Mandschurei. Nur zu deutlich hatte der Erste Weltkrieg gerade den Deutschen - aber nicht nur ihnen - ihre Abhängigkeit von fremden Böden, fremden Rohstoffen und von fremden Flotten beherrschten Verkehrswegen vor Augen geführt - ihre stete lebensgefährliche Abhängigkeit also vom guten Willen anderer.

1918 gebot England zu seiner Versorgung über 30 Millionen Quadratkilometer, Rußland über 20, die Vereinigten Staaten über 9, Frankreich über 3, außerdem Belgien über mehr als 2 und Holland über anderthalb Millionen Quadratkilometer, die gleichfalls auf engstem Raum zusammengepreßten Japaner, Italiener und Deutschen aber nur über rund je knapp eine halbe Million.

Die anderen aber brauchten den unbegrenzten Krieg und wollten den begrenzten nur, um den unbegrenzten daran zu entzünden. Und Hitler tat ihnen den Gefallen.

Zwecks Einkaufs von Kriegsmaterial bereiste bereits im Frühjahr 1939 eine britische Militärmission Kanada und die Vereinigten Staaten. Im März 1939 sagte der amerikanische Geschäftsträger in Budapest dem ungarischen Außenminister Czak, der Zweite Weltkrieg breche mit Sicherheit noch im selben Jahr aus. Sein Land setze zu diesem Zweck - über die ganze Länge des amerikanischen Kontinents - die Judenfrage ein.

Die Rolle Serbiens übernahm diesmal Polen, die Sarajewos fiel Danzig zu. Beim ersten Schuß über die Grenze triumphierte Lord Halifax, der britische Außenminister: »Nun haben wir Hitler zum Kriege gezwungen.« Polen hatte seine Schuldigkeit getan, mochte es nun fallen, an wen immer. Sein Schicksal vollzog sich. Anlehnung hier oder Anlehnung dort - eine dritte Möglichkeit gab es hier nicht. Liebling des Westens zu sein und doch immer wieder preisgegeben zu werden, war keine. Da es sich mit Deutschland nicht hatte vergleichen wollen, fiel es 1945 folgerichtig an Rußland.

Im übrigen - so bemerkte Neville Chamberlain, der britische Premierminister, am 3. Oktober 1939 vor dem Unterhaus - war es wohl die »unmittelbare Gelegenheit zum Kriege gewesen, nicht aber dessen grundlegende Ursache«. Später fügte er noch hinzu: »Amerika und die Weltfinanz haben England in den Krieg gezwungen. «

Ihn bestätigte James Forrestal, Minister (Staatssekretär) im Kabinett Präsident Roosevelts: »Weder Engländer noch Franzosen hätten Polen zum Kriegsgrund gemacht, wäre nicht das ständige Aufstacheln aus Washington gewesen. « Dort war man seiner Sache sicher. Amerika lief keine Gefahr, was immer geschah, verlieren konnte es niemals, nur gewinnen, je länger der Krieg dauerte, um so mehr.

Das Opfer seiner Verbündeten

Trotzdem erklärte Churchill: »Dieser Krieg ist ein englischer Krieg« - und er erklärte weiter - »und sein Ziel die Vernichtung Deutschlands.« Bereits im Mai 1942 aber bemerkte Roosevelt im engsten Kreis seiner Staatssekretäre, Hauptziel dieses Krieges sei die Beseitigung des britischen Weltreiches. Hitler hingegen machte den Engländern offen oder versteckt Angebot über Angebot. Er gestand Stalin 1940 nur widerwillig freie Hand in Richtung Indien zu. Er ließ das britische Heer bei Dünkirchen entkommen. Er versagte dem Afrika-Korps die nötige Unterstützung. Er entließ Heß über die Nordsee ... usw.

Ein eigentümlicher Krieg: Der Feind will das britische Weltreich um jeden Preis erhalten, der eigene Verbündete es auf billige Weise zerstören (und natürlich - beerben). Der Verbündete hat es leichter. England will sich nicht retten lassen und schon gar nicht von einem Mann, der an eine der Grundfesten allen britisch-protestantischeu Selbstverständnisses rüttelt: Das Alte Testament. Bei Kriegsende ist England nicht wie 1918 mit nur drei Vierteln einer Milliarde, sondern mit 20 Milliarden damaliger Pfund verschuldet, und sein Weltreich ist dahin.

Töten vor Torschluß

Einen Verbündeten durch beharrliches Hochtreiben eines gemeinsamen Krieges zugrunde zu richten, gehört in den Bereich dessen, was man in der Fachsprache »indirekte Strategie« nennt. Eine solche zielt stets weniger auf die Streitkräfte des Gegners, als auf dessen Lebensgrundlagen: abwürgen ist billiger als schlagen. Vor allem Seemächte neigen zu dieser Art Strategie. Die überlegene Flotte hat die Schlacht nicht nötig, sie unterbindet die Zufuhren, denn der erfolgreichste Krieg ist immer der gegen Frauen und Kinder. Die Amerikaner knallten den Indianern zu Millionen die Büffel ab, von denen sie lebten. Der Hunger besorgte alles Weitere. Endlösung waren die Reservationen.

Strategie ist, was einen Gegner dem eigenen Willen unterwirft. Alle Unterwerfung aber nützt dem nichts, der von der Erde getilgt werden soll. Für die Flüchtlinge in Dresden, für die Einwohner von Hiroshima und Nagasaki gab es keine Unterwerfung - so wenig wie für die Indianer - oder jene 800000 Deutschen, hauptsächlich Kinder, die nach dem Ersten Weltkrieg zu Opfern der bis 1919 unbeirrt fortdauernden alliierten Hungerblockade wurden. Das Töten in den genannten Fällen diente nicht mehr dem Krieg, sondern zielte schon weit über diesen hinaus. Sein Zweck war kein strategischer mehr. Er war politisch, das Morden war Selbstzweck. Noch im letzten Augenblick vor Torschluß sollten so viele Deutsche getötet werden wie nur irgend möglich, gleich welchen Alters oder Geschlechts.

»Das unvermeidliche Böse«

Die Politik der Völker ist eines, ihre Gesittung ein anderes. Offenherzigkeit, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft der Amerikaner - namentlich im Westen und Süden - sind sprichwörtlich, und niemandes Gesellschaft ist so wohltuend höflich, beherrscht und unaufdringlich wie jene der Engländer. Nur selten aber ist das Betragen der Bürger ein brauchbarer Maßstab für das ihrer Staaten, oft besteht hier ein anscheinend unauflösbarer Gegensatz.

»Wir Engländer«, so schreibt Harold Nicolson zu diesem Thema, »sind von Natur aus einer hohen und reinen Ethik zugetan und fühlen uns nur da wohl, wo wir ihr folgen können. Doch dürfen sich um der Staatssicherheit willen nicht alle unter uns dieser edlen Neigung hingeben. Um das britische Weltreich zu erhalten, muß sich eine bestimmte, eng begrenzte Gruppe führender Männer aufopfern und der Welt der Tatsachen und ihren Erfordernissen Rechnung tragen, indem sie das unvermeidliche Böse tut. «

Dieses Doppelspiel, hervorgerufen durch die Notwendigkeit, das Gewissen der eigenen Mitbürger zu schonen, kennzeichnet folgerichtig gerade Staaten mit hochentwickeltem Rechtsgefühl. In solchen Ländern erfährt die Rechte nie, was die Linke insgeheim tut. In anderen, man denke an Prag 1945, geschieht dergleichen auf offener Straße.

Eine Kriegführung, die zum Mord entartet, bedarf, ihr Gewissen zu übertönen, um so lauterer Trommeln. Gewalt, die das Recht nicht achtet, sagt Solschenizyn, kann ohne Lüge nicht sein. Gewalt und Lüge, schlechtes Gewissen und Lüge, auch jede Verdrängung unerwünschter Erkenntnis und Lüge sind stets Verbündete.

Schlimmer als ein Verbrechen

Noch während des Krieges bekamen Männer des deutschen Widerstandes von britischer Seite zu hören: »Ob bei euch ein Jesuitenpater an der Spitze steht oder ein Hitler, ist für uns ganz und gar uninteressant. Entscheidend allein ist, daß Deutschland als Wirtschaftsmacht verschwindet. «

Gerade aber das tat es nicht. Und schon sehr bald nach dem Krieg schrieb der »Daily Express« voll Empörung: »Sie, die wir mit Bomben und Sprengladungen zur Unterwerfung gebracht haben, sind nun schon wieder so stark, daß sie alle Nachbarn überragen. « Es war das alte Lied. Andere Blätter hatten es schon lange vor 1914 gesungen. (»Würde Deutschland heute vernichtet, gäbe es morgen keinen Engländer, der dabei nicht reicher geworden wäre. « (Siehe DGG 1983/3, S. 4.)

Sie wurden nicht reicher. Die Kriege waren ein einziger ungeheurer Irrtum gewesen, schon der erste. Man hatte ein Weltreich verspielt, die Herrschaft über die See und die über den Geldmarkt dazu. Das allein war genug. Nun noch zuzugeben, all das sei umsonst und eigentlich sinnlos gewesen, war niemandem zuzumuten. Auch die Verdrängung, (auch das Nicht-denken-Wollen bestimmter Gedanken, das Nicht-bewußt-machen-Wollen gewisser Zusammenhänge) ist eine politische Macht.

Nur Churchill fand den Mut zu der Bemerkung »Mir scheint, wir haben das falsche Schwein geschlachtet.« Ihm hat man sie nachgesehen. Wiederholt hat sie keiner. Sie war ungeheuerlich. Schlimmer noch, es war die Wahrheit. Man gewinnt einen Krieg nicht unter derartigen Verlusten, verbeißt sich nicht zweimal nacheinander in einen selbstgewählten Gegner, um hinterher einzusehen, man sei einer Verwechslung erlegen. Auch Englands »black humour« hat seine Grenzen.

Was aber nutzt es, des Feindes Rückgrat gebrochen zu haben, wenn man seiner um der eigenen Sicherheit willen mit einem Mal dringend bedarf? Am Kanal läßt sich England heute kaum noch verteidigen, auch nicht an der Elbe. Was hier fehlt, ist das Reich von der Maas bis an die Memel. Polen wird es niemals ersetzen.

Zweimal konnten die anderen den Krieg gewinnen, aber nicht den Frieden, denn beide Male war es der falsche Krieg gewesen, beide Male die falsche Politik. Beide Male hätte ein Unentschieden mehr eingebracht, nach 1914 und nach 1939. Kein militärischer Erfolg macht falsche Politik je wieder wett.

Die Vernichtung Deutschlands war ein gigantischer Mißgriff. Die Absicht, an seine Stelle ein Nichts, eine Art politischen Leerraums treten zu lassen, verriet eine erstaunliche, in früherer Zeit völlig unausdenkbare Verkennung geopolitischer Zusammenhänge. Denn gerade an jener Stelle der Erde, die zufällig Deutschland einnimmt, kann nicht nur, hier muß - schon um seiner Umgebung willen - ein in sich ruhender Kraftmittelpunkt unter allen Umständen erhalten bleiben. Wer ihn zerstört, weiß nie, wieviel er am Ende dafür wird bezahlen müssen. Auch insofern waren diese beiden Kriege, um mit Talleyrand zu sprechen, weit »schlimmer als bloß ein Verbrechen: Sie waren ein Fehler. «

Ende der »Pax britannica«

Deutschlands Entmachtung hatte die ganz Europas zur unmittelbaren Folge, und diese wiederum das Ende der »Pax britannica«, des bald hundertjährigen Friedens der äquatorialen Länder. Dieser »Pax britannica« ist die erhoffte »Pax americana« nirgends gefolgt. Im Gegenteil: Kaum daß sie »frei«, d. h. ihrer weißen Herren ledig und solchen gleicher Hautfarbe untertan waren, starben Millionen farbiger Menschen einen unnatürlichen Tod. Binnen kürzester Zeit kostete der friedliche Abzug ihrer Kolonialherren Asiaten wie Afrikanern mehr Menschenleben als der Erste Weltkrieg den Europäern.

Keine Spur von mehr Friede, mehr Gleichberechtigung oder mehr Selbstbestimmung, keine Rede von den versprochenen vier Freiheiten. Die Zahl der fremder Willkür ausgelieferten Völker und Volksstämme nahm nicht ab, sondern zu. Ebenso und in geradezu beängstigender Weise auch jene der Kriege. Allein vierzig zählt das Pentagon bis 1965, um 1980 sind die hundert - vorläufiger Ersatz eines dritten Weltkriegs - weit überschritten.

Sämtlich stehen sie unter dem Zeichen uferlosen Terrors, gehen sie in einem seit der Ausrottung der nordamerikanischen Indianer nicht mehr gekannten Ausmaß zu Lasten des jeweils wehrlosen Teils der Bevölkerung. Bereits in Vietnam übertraf der Anteil der ermordeten Nichtkämpfer jenen der gefallenen Krieger um mehr als das Zehnfache, in Kambodscha war er noch höher, desgleichen in Biafra, Ruanda, Angola, Mozambique, Ogaden usw.

Schon um 1960 überschritt die Zahl der in südlichen Ländern getöteten Frauen, Kinder und unbewaffneten Männer sogar jene der im Zweiten Weltkrieg durch Terror und Vertreibung zu Tode gekommenen Deutschen bei weitem. (Übertroffen wird sie nur durch die in westlichen Ländern nach 1945 im Mutterleib bei Abtreibungen zu Tode geätzten oder zerstückelten Kinder.)

Mächte der Ablenkung

Um Tatsachen wie diese leichter zu verschleiern, um den Fehlschlag der 1945 von den Siegern errichteten Weltordnung wenigstens nicht in seinem vollen Umfang erkennen zu lassen (und von den sich allerorts häufenden Greueln mit immerhin einigem Erfolg abzulenken), bedurfte es, zumindest für die Völker weißer Hautfarbe, schon bald eines Propagandadauermanövers von außergewöhnlichem Ausmaß. Mit allen Mitteln zeitgenössischer Publizistik mußte ein sich von Jahr zu Jahr steigender Feldzug gegen längst beseitigte, längst nicht mehr lebende Veranstalter früherer Greuel in Szene gesetzt und pausenlos weiter in Gang gehalten werden. Dieser, einer allgemeinen Ver-Blendung im buchstäblichen Sinne dienende Feldzug ist mittlerweile zur fixen Pflichtübung der gesamten den beiden Weltmächten gefügigen Meinungsindustrie geworden. Tausende, zumal in Deutschland, leben davon. Tausende in Literatur, Film, Theater, Schule, Presse und Rundfunk werden immer wieder von neuem damit befaßt. Die ewig selben toten Hunde werden immer wieder von neuem zu Tode getreten, Monat für Monat die schon vor Jahrzehnten aus dem Leben Gestoßenen erneut ins Öffentliche Bewußtsein zurückgerufen, erneut an den Pranger gestellt und schließlich, kaum verscharrt, zum soundsovielten Male zu abermaliger Anklage ausgegraben.

Ein makabres Spiel, aber das einzig verfügbare, weil man der Menge den Blick auf den weltweiten Bankrott der 1945 verkündeten Heilslehren und der dafür verantwortlichen Kreise wenigstens einigermaßen verstellen. So etwas gelingt nur durch unablässiges Verwirren der Begriffe, dank ebenso unablässigem Einblenden von längst Überholtem und Ausblenden dessen, was ist.

Posthum unentbehrlich

Zweierlei kommt diesem Verfahren in ungewöhnlichem Maße zugute: Einmal das Fernsehen. Das Bild täuscht wirksamer noch als das Wort. Das zweite: Es hat einen Hitler wirklich gegeben. Man braucht ihn nicht erst zu erfinden. Auch lügt es sich leichter mit etwas Wahrheit zwischen den Zähnen. Dieser Mann, von dem Churchill gesagt hat, er habe »Erfolge erzielt, die zu den bemerkenswertesten der Weltgeschichte gehören«, ist für seine Feinde jetzt, posthum, noch viel wertvoller als 1939, als er ihnen in Polen prompt in die Falle ging. Damals nur eben willkommen, ist er nunmehr für sie schlechthin unentbehrlich.

Nicht, um ihre Verbrechen leichter zu verstecken. Die fallen bei Siegern kaum ins Gewicht. Die umgibt eine Mauer des Schweigens. Nötigenfalls wischt sie eine rechtzeitige Amnestie mit einem einzigen Federstrich samt und sonders vom Tisch, die schon begangenen und die ihnen noch folgen würden gleich mit. Nein nicht darum, allein um jener ungeheuren Fehlrechnung willen, die beiden Weltkriegen von Anfang an zugrunde lag, bildet jener Mann für sie ein unschätzbares, mit nichts zu vergleichendes Geschenk. Ins Mythische gesteigert, wie die Schuld Kains oder die Ursünde Adams, gleich gesetzt mit dem absolut Bösen, deckt sein Versagen dann notdürftig immer noch das ihre.

Unersetzlich von Natur

Seit 1945 haben Nichteuropäer beiderseits den Fuß in der europäischen Tür. Dort können sie seither weder vor noch zurück, können sie die Tür weder aufstoßen noch den Fuß von ihr wegziehen. Den Türhüter haben sie beseitigt und sehen sich zu ihrem Staunen unlösbar aneinander gefesselt. Keiner der beiden Mächte kam hier ans Ziel seiner Wünsche. Weder gelangten die Russen an den Atlantik, noch machten die Amerikaner Europa wirklich »safe for the dollar«.

Solange der Krieg noch im Gang war, war er für Amerika das große Geschäft. Das Schlachten in Europa war über alle Maßen einträglich. Soweit war alles einwandfreier Gewinn. Deutschland zu zerstören trug unsäglich viel ein, es dann zerstört zu haben hingegen - außer dem Raub an den deutschen Patenten - schon nicht mehr, im Gegenteil, es kostete nur. Inmitten Europas Schildwache zu stehen, tun zu müssen, was bisher die Deutschen getan und ein viertes Reich ohne weiteres wieder tun könnte, das ist kein Gewinn mehr, ist nicht nur lästig, sondern echte Belastung.

Und Rußland? 1955 flog Adenauer nach Moskau. Er berichtet: Chruschtschow kam wieder auf Rotchina zu sprechen: »Stellen Sie sich vor: 600 Millionen Menschen und jedes Jahr kommen neue 12 Millionen dazu. Alles Leute, die von einer Handvoll Reis leben. Was soll - und dabei schlug er die Hände zusammen - was soll bloß daraus noch werden? Wir können diese Aufgabe lösen, aber nur sehr, sehr schwer. Darum bitte ich Sie: Helfen Sie uns! Helfen Sie uns, mit Rotchina fertig zu werden! «Und zögernd fügte er hinzu: »und mit den Amerikanern«.

(wird fortgesetzt)


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 31(4) (1983), S. 9-12

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