Kollaboration oder Europa-Bündnis? Teil I

Frankreichs Tragödie im Zweiten Weltkrieg

Pierre de Pringet

50000 Franzosen trugen im Zweiten Weltkrieg als Freiwillige im Kampf gegen den Bolschewismus die Uniform der Deutschen Wehrmacht (mit der Trikolore als Ärmelschild), bis die letzten von ihnen die Reichshauptstadt (und ganz besonders die Reichskanzlei) gegen den Ansturm der Roten Armee verteidigten und so die Absicht des Kremls vereitelten, am 1. Mai 1945, dem Feiertag des Weltproletariates, dessen Sieg über den verhaßten Klassenfeind verkünden zu können. Das war der militärische Teil des ersten Versuches einer engen und aktiven deutsch-französischen Zusammenarbeit in europäischem Rahmen, deren französische Bezeichnung »la collaboration« zu einem Schimpfwort geworden ist. Wie es dazu kam und warum dieser Versuch scheiterte, hat einer jener französischen Freiwilligen, Pierre de Pringet, in seinem Buch »Die Kollaboration / Untersuchung eines Fehlschlags« unter Enthüllung vieler bisher vollkommen unbekannter Einzelheiten scharf kritisch und ohne den deutschen Freund zu schonen untersucht. Aus dem in Kürze in unserem Verlag erscheinenden Buch veröffentlichen wir den nachstehenden Vorabdruck.


Diese Arbeit will nicht die Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen während des Zweiten Weltkrieges beschreiben, sondern die Gründe für das Scheitern dessen untersuchen, was man die »Kollaboration« zwischen den beiden Ländern genannt hat. Es wurde daher auf den folgenden Seiten (von unerläßlichen Ausnahmen abgesehen) darauf verzichtet, den Ablauf der Ereignisse zu schildern, um statt dessen Hintergründe und Triebkräfte des behandelten Vorgangs herauszustellen. Das war keine leichte Aufgabe, aber der Verfasser glaubt, sie zufriedenstellend gelöst zu haben, da er aufgrund seiner politischen Betätigung (vor dem Kriege und bis Mitte 1943) und seines militärischen Einsatzes danach, die ihm Zugang zu vielen vertraulichen Quellen verschafften, die einzelnen Abschnitte des Geschehens persönlich miterlebte.

Noch schwieriger war es für einen Franzosen, seine Urteile und Schlußfolgerungen für deutsche Leser in die richtigen Worte zu kleiden. Der Verfasser ist sich bewußt, daß seine Arbeit viele von ihnen, auch und gerade unter denjenigen, die seinen Auffassungen am nächsten stehen, vor den Kopf stoßen wird, und er befürchtete, daß man ihm den Vorwurf machen werde, er habe den Schuldanteil seines eigenen Landes verkleinern wollen. Um in dieser Beziehung jeder falschen Auslegung vorzubeugen, die sich aus diesem oder jenem Abschnitt seiner Untersuchung ergeben könnte, möchte er an dieser Stelle einige Zeilen aus seinem Abschlußkapitel vorwegnehmen: »Schuld hatten beide Regierungen, die durch verständliches gegenseitiges Mißtrauen gehemmt waren. Aber der größere Anteil kommt Deutschland zu, denn es war Deutschland, das die Macht und daher auch die Entscheidungsgewalt hatte. Die höchste Verantwortung trägt immer der Führer.«

Das gilt für die Kollaboration, das Thema dieser Arbeit. Was den deutsch-französischen Krieg von 1939-40 betrifft, ist klar (und ebenso klar ausgedrückt), daß es Frankreichs Schuld war, wenn es sich in die Rolle eines Waffenträgers für England und die hinter diesem stehenden übernationalen Mächte drängen ließ.

Jedenfalls möchte der Verfasser von vornherein um Nachsicht bitten, wenn er, ohne es zu wollen, dieses oder jenes Urteil zu scharf formuliert hat oder hier und da, vielleicht infolge unvollständiger Information, zu einer Fehlbeurteilung gelangte.

Die Niederlage 1940: Was nun?

Schlecht bewaffnet, noch schlechter befehligt und lustlos wurde das französische Heer innerhalb von drei Wochen geschlagen. Die für die Kriegserklärung verantwortliche Republik brach zusammen. Ihr Präsident selbst rief den Marschall Pétain. Es wurde ein Waffenstillstandsabkommen mit Deutschland geschlossen, das die französische Souveränität respektierte, was niemand erwartet hatte. Ja, als der Französische Staat proklamiert war, reichte Reichskanzler Hitler in Montoire dem Sieger von Verdun die Hand. Dieser hatte in seiner Rundfunkbotschaft vom 11. Oktober 1940 die Begegnung vorgeschlagen: »Das neue Regime wird den wirklichen Nationalismus wieder zu Ehren bringen, der, sich selbst beschränkend, über sich hinauswachsen und zu internationaler Zusammenarbeit gelangen wird. Diese Kollaboration zu suchen, ist Frankreich auf allen Gebieten und mit allen seinen Nachbarn bereit. Es weiß auch, daß, wie die politische Landkarte Europas und der Welt auch aussehe, das in der Vergangenheit so verbrecherisch behandelte deutsch-französische Verhältnis weiterhin sein Schicksal bestimmen wird. Natürlich kann Deutschland nach seinem Sieg zwischen einem traditionellen Frieden der Unterdrückung und einem völlig neuen Frieden der Kollaboration wählen (...). Die Wahl steht in erster Linie dem Sieger zu; sie hängt auch vom Besiegten ab. Wenn uns alle Wege gesperrt werden, werden wir zu warten und zu leiden wissen. Wenn sich dagegen eine neue Hoffnung in der Welt aufrichtet, werden wir unsere Schmach, unsere Schmerzen und unsere Trümmer zu beherrschen wissen. Gegenüber einem Sieger, der seinen Sieg zu beherrschen verstanden hat, werden wir unsere Niederlage zu beherrschen wissen.«

Einige Tage später formulierte Hitler seinerseits die verschiedenen Möglichkeiten, als er sich mit Laval zur Vorbereitung der Begegnung von Montoire traf: »Ich könnte einen Rachefrieden machen - ich habe das Recht und die Macht dazu. Ich bin nicht deswegen gekommen. Ich biete Ihnen Zusammenarbeit an. Sie können sie zurückweisen. Sie haben das Recht, einen Sieg Englands abzuwarten und herbeizuwünschen.

Aber in diesem Fall werde ich einen anderen Frieden machen. Und wenn mir England inzwischen einen Verhandlungsfrieden anbietet, werde ich aus Rücksicht auf Frankreich Deutschland nicht weitere Leiden zumuten.« Am 30. Oktober, einen Tag nach seiner Begegnung mit dem Führer, erklärte der Marschall: »In Ehren und um die französische Einheit, eine Einheit von zehn Jahrhunderten, im Rahmen des Aufbaus der neuen europäischen Ordnung zu wahren, beschreite ich heute den Weg der Kollaboration.«

Kollaboration - ein Begriff war geboren. Er sollte unheilvoll werden.

Ideen und Männer

1939 war Frankreich in zwei zahlenmäßig praktisch gleiche Lager gespalten, die man einfach, wenn auch nicht ganz zutreffend, als »rechts« und »links« bezeichnen kann. Auf der einen Seite eine konservative Gruppe, die sich aus der alten Aristokratie, dem Mittelstand und der Bauernschaft zusammensetzte, traditionsgebunden und oberflächlich vaterländisch, antisemitisch, innerlich dem Kommunismus feindlich und vom Parteienwesen enttäuscht. Auf der anderen Seite eine kollektivistische Masse, bestehend aus der Arbeiterklasse und einem guten Teil der Öffentlichen Bediensteten, internationalistisch, antikapitalistisch, antimilitaristisch und antiklerikal. Diese Teilung war in den vorhergehenden Jahren offensichtlich geworden, als die Wahlen von 1936 die Volksfrontregierung von Léon Blum mit knapper Mehrheit und für kurze Zeit an die Macht gebracht hatten, und auf internationaler Ebene durch die Sympathie der Rechten und die Feindseligkeit der Linken gegenüber Italien während des Abessinien-Krieges und gegenüber der nationalen Erhebung Spaniens. Über diesen beiden Lagern stand das liberale und englischen Interessen eng verbundene kapitalistische Großbürgertum, ein Feind sowohl des Kommunismus als auch dessen, was allgemein Faschismus genannt wurde.

Auf der Linken wirkte als aktive Minderheit die kommunistische Partei, die den mächtigen Gewerkschaftsverband CGT beherrschte. Ihre marxistisch-leninistische Ideologie braucht hier ebensowenig erläutert zu werden wie ihre operative Abhängigkeit von Moskau. Auf der Rechten stellten die nationalistischen Verbände die aktive Minderheit dar, die am 6. Februar 1934 einen durch die Spaltung, Unentschlossenheit und in einem Fall durch den Verrat ihrer Führer gescheiterten Putschversuch unternommen hatte: die Action Française, die Patriotische Jugend, die Französische Solidarität, die Feuerkreuzler und (mit einer verschwindend kleinen Zahl von Mitgliedern) die Bewegung des Franzismus. Zu erwähnen bleibt noch die Geheim-Organisation der National-Revolutionären Aktion (OSARN), bekannter unter ihrem Beinamen »La Cagoule« (die Kapuze), eine Abspaltung von der Action Française, die einen bewaffneten Umsturz vorbereitete, der jedoch von der Polizei der Volksfront schnell verhindert werden konnte, ohne daß es freilich gelang, die Organisation selbst zu zerschlagen. Obwohl diese Verbände 1936 von der Regierung aufgelöst wurden, blieben sie unter anderen Namen weiter tätig. Ihnen hatte sich damals schon die von Jacques Doriot, dem ehemaligen Generalsekretär der kommunistischen Partei, gegründete Französische Volkspartei (PPF) hinzugesellt, die der Linken einen Teil ihrer entschlossensten Mitglieder abspenstig zu machen begann. Gegenüber dem Wahlsieg der Volksfront schlossen sich alle diese Verbände die Action Française aus Gründen, auf die wir noch näher eingehen werden, nur als »Verbündete« - zur Freiheits-Front zusammen, wovon sich nur die Feuerkreuzler ausschlossen, die mit eindeutig parteipolitischen Absichten in die Französische Sozial-Partei (PSF) umgewandelt worden waren. Ihr Führer, der Oberst de la Rocque, wurde, wie später ein Gerichtsverfahren erwies, von dem jeweiligen Innenminister bezahlt.

Maurras und die Action Française

Von all diesen Verbänden einschließlich der Französischen Volkspartei (PPF) besaß nur die Action Française dank ihrem Herrn und Meister Charles Maurras ein Programm. Sie forderte eine autoritäre und daher antiparlamentarische Monarchie, eine durch die Autonomie der alten Provinzen dezentralisierte Verwaltung und eine korporativistisch gelenkte Wirtschaft. Im Namen des »integralen Nationalismus« widersetzte sie sich der Macht der Juden, der Freimaurerei und der Hochfinanz. Dies Programm war in den Anfängen der Bewegung zu Beginn des Jahrhunderts ebenso antikapitalistisch wie antidemokratisch, und es war Maurice Barrès, der geistige Motor des Nationalismus der vorhergehenden Generation und Herausgeber der Zeitschrift »La Cocarde«, an der der junge Maurras mitarbeitete; er prägte den Begriff »Nationalsozialismus«. Das Programm war auch antichristlich. In seinen Artikeln in der »Revue d'Action Française« (Vorgängerin der 1908 gegründeten Tageszeitung »Revue«) tadelte Maurras »die trüben orientalischen Schriften«, die »jüdisch-christliche Barbarei«, das »Gift des Magnificat«, die »Anarchie der Evangelisten und Propheten« und verwünschte den »hebräischen Christus«. Dies ebenso aristokratische wie heidnische Programm mußte sich auch die Schlußfolgerungen aus der wissenschaftlichen Tatsache der Ungleichheit der Rassen zu eigen machen. In der »Revue« schrieb Jacques Bainville schon 1908 in einer Besprechung des Buches »L'Aryen, son role social« (Der Arier, seine soziale Rolle) von Vacher de Lapouge: »Für das Programm, das die Action Française auszuarbeiten sich vorgenommen hat, hat m.E. kein Buch mehr Bedeutung als das des Herrn Lapouge.« Und Maurras selbst hatte schon 1900 in seiner »Enquête sur la monarchie« (Untersuchung über die Monarchie) »diese erlösenden Ideen Rasse, Auswahl, Fortdauer« erwähnt.

Die praktischen Erfordernisse der politischen Betätigung schwächten jedoch schon bald die Thesen der ersten Zeit ab. Die Verbindung mit den revolutionären Sozialisten der Linie von Georges Sorel, die schon vor dem Krieg von 1914 eingeleitet und später von Georges Valais, einem der Führer der nationalen Verbände, wiederaufgenommen worden war, erschreckte die Unternehmer, die die Bewegung wirtschaftlich förderten. 1930 wurde die Verbindung zugunsten einer vagen »Berufsorganisation« aufgegeben, in welche man den Korporativismus vorsichtig verpackte. Die Herkunft seiner Anhänger aus den traditionsbewußten Schichten der Bevölkerung veranlaßte Maurras, ohne daß er jemals seine Jugendschriften leugnete, zwischen dem eigentlichen Christentum und dem römischen Katholizismus zu unterscheiden, der es verstanden habe, das Schädliche seiner Herkunft zu neutralisieren. »Der Meister« (Maurras) ging sogar so weit, von einem »katholischen Heidentum« (in lobendem Sinn) zu sprechen. Nach und nach wurde die Action Française schlicht konservativ. Überflüssig zu erwähnen, daß sie damit ihre Feinde nicht hinters Licht führen konnte. Rom verurteilte sie 1926 und entzog ihr so die Unterstützung eines guten Teiles ihrer Mitglieder und Anhänger. Vom kapitalistischen Bürgertum sollte sie nie Hilfe erhalten.

Die nationalen Verbände

1936 hatten jedoch die kirchlichen Sanktionen, die Pius XII. drei Jahre später ganz aufhob, einen guten Teil ihrer Wirksamkeit verloren. Die Kraft der Action Française stammt in diesem Augenblick weniger aus der Zahl ihrer Mitglieder oder aus der Gewalt ihrer Stoßtrupps, der berühmten »Camelots du Roi«, als aus ihrem doktrinären Einfluß auf die anderen nationalen Bewegungen. Ihre monarchische Staatsauffassung erlaubt ihr zwar nicht, förmlich der Freiheits-Front beizutreten, schreckt aber andererseits auch republikanische Nationalisten nicht ab, zumal der Herzog von Guise aus dem Haus Orleans, ein Nachkomme von Louis Philippe und des Königsmörders Philippe Égalité, der durch das Aussterben der französischen Hauptlinie der Bourbonen zum Erben der Krone Frankreichs geworden war, die Action Française verurteilt hat. Ohne ihre Theorie aufzugeben, verwandeln sich die Monarchisten immer mehr in »Maurrasisten«, und ihre Kameraden in den anderen nationalen Verbänden (mit Ausnahme der Feuerkreuzler, wie wir gesehen haben) und in der Französischen Volkspartei (PPF) betrachten Maurras als ihren intellektuellen Führer. Seine Tageszeitung richtet (mit einer heute unvorstellbar heftigen Polemik) alle französischen Nationalisten aus, und seine Losungen werden von den Kollegen der »großen nationalen Presse« getreulich übernommen. Die Intelligenz gerät unter seinen Einfluß, was die Academie Française dadurch besiegelt, daß sie ihn zu ihrem Mitglied wählt, und zwar einen Tag, nachdem er aus dem Gefängnis befreit wird, wohin er durch seine Todesdrohungen gegen diejenigen Abgeordneten und Senatoren gelangt ist, die für militärische Sanktionen gegen Italien stimmen sollten.

Nationalismus und Deutschenfurcht

Maurras' »integraler Nationalismus« war derjenige der Kapetinger. Nicht, daß er die französische Nation vergöttert hätte. Im Gegenteil schätzte er das Römische Imperium und das Reich Karls des Großen gering und scheute nicht einmal davor zurück, von der »nationalistischen Barbarei« zu sprechen, die aus der Französischen Revolution hervorgegangen sei. Er vertrat lediglich die Ansicht, daß gegenüber der Zerstörung Europas die Nation die größte der vorhandenen politischen Gemeinschaften sei und als solche verteidigt werden müsse. Aber unter diesem historischen Empirismus lagerte ein irrationaler Haß gegen Deutschland und ganz allgemein gegen das Deutschtum. Irrational deshalb, weil er es selbst mit den ersten Worten seiner Verteidigungsschrift eingestand, die er vor dem Gerichtshof verlas, der ihn im Januar 1945 zu lebenslänglicher Haft verurteilte: »Ich spreche in erster Linie von dem, was in mir an tief antideutschem Instinkt vorhanden ist (...). Die Gegnerschaft von Franzosen und Deutschen beherrschte meine Jugend.« Von der Niederlage von 1870/71 gezeichnet, danach vom Geist der Revanche beseelt, empört über den Verrat des Hauptmanns Dreyfus, eines jüdischen Offiziers im französischen Heer, der im Sold des Militärattachés der Deutschen Botschaft in Paris stand, und schließlich begeistert über den Sieg von 1918 und die Wiedergewinnung der »verlorenen Provinzen«, hat Maurras stets seinen Verstand ausgeschaltet, wenn es sich um Deutschland handelte. Er verstand kein Deutsch, er war nie auf der anderen Seite des Rheins, er hatte keinen einzigen deutschen Bekannten. Er haßte ganz einfach.

Dieser »Instinkt« hatte ihn freilich nicht gehindert, vor dem Krieg von 1914 in seinem Buch »Kiel et Tanger« eine deutsch-französische Allianz gegen England als wünschenswert, wenn auch leider unmöglich zu bezeichnen; er konnte ihn auch nicht abhalten, 1939 von den Spalten seiner Zeitung aus eine heftige Kampagne gegen die Kriegstreiber zu führen, die Frankreich in ein gefährliches militärisches Abenteuer gegen das Dritte Reich stürzen wollten. In erster Linie sei dieser Krieg nicht »der unsrige«. In zweiter Linie sei Frankreich auf einen Krieg nicht vorbereitet, schon gar nicht auf einen Verteidigungskrieg hinter der Maginot-Linie. Und schließlich hätten die Verträge, die Frankreich zum Beistand für Polen verpflichteten, allein schon durch die zügellose Politik Warschaus ihre Gültigkeit verloren, ganz zu schweigen davon, daß man für diesen Verbündeten nichts tun konnte. Als dann aber der Krieg erklärt war, kehrte Maurras zur »nationalen Einheit« von 1914 zurück. Das Schlimmste wäre, als Verlierer aus diesem Krieg hervorzugehen. Man müsse Deutschland niederwerfen und nach dem Sieg nicht den Irrtum von Versailles wiederholen, sondern zum Westfälischen Frieden zurückkehren. Eine Niederlage würde auf unserem Gebiet die preußische Roheit sich austoben lassen, und von Frankreich würde nichts übrig bleiben. Hatten die Deutschen nicht im Ersten Weltkrieg die Bibliothek von Mecheln in Brand gesteckt, die Kathedrale von Reims zerstört und Rumänien geplündert, »wobei sie sogar die sanitären Einrichtungen von Privathäusern mitnahmen«?

Der »Meister« und die deutschen Sieger

Die Niederlage kam, und keiner von den angekündigten Schrecken ereignete sich. Das deutsche Heer verhielt sich gegenüber der Zivilbevölkerung korrekt und manchmal freundschaftlich. Weit davon entfernt, das Land niederzuwalzen und zu demütigen, gewährte ihm Hitler den von Pétain erbetenen Waffenstillstand unter unerwarteten Bedingungen. Mehr noch: nach der Proklamation der Nationalen Revolution in Vichy griff er die Anregung des Marschalls bezüglich der Kollaboration auf. Andererseits ergriff Frankreichs neues Regime spontan Maßnahmen, die vom Programm der Action Française inspiriert waren: die autoritäre Staatsform, das Juden-Statut, die Auflösung der Freimaurerei, Inkraftsetzung der (korporativistischen) Arbeits-Charta usw. Nach dem Waffenstillstand und den ersten Aufrufen (eines Rebellen-Offiziers) aus London zögerte Maurras nicht einen Augenblick mit seiner Stellungnahme: den Krieg von Übersee aus fortsetzen heiße, das wirkliche Vaterland gegen ein nur gedachtes, tatsächlich aber England unterworfenes eintauschen. Nach der Ausrufung des Französischen Staates bekundete er Öffentlich seine Freude und seine Hoffnungen, indem er die von Pétain besorgte Ersetzung der Republik durch ein Regime, das seine eigenen politischen Gedanken zu verwirklichen begann, eine »göttliche Überraschung« nannte. Privat zeigte er sich jedoch weniger befriedigt. Im August 1940 hörte ihn der Verfasser vor einem kleinen Kreis von Funktionären der Action Française in Südfrankreich sagen: »Nur ein Marschall von Frankreich* konnte den Deutschen mit erhohener Stirn gegenübertreten und ihnen Respekt einflößen. Aber welch Jammer, daß es Pétain sein mußte!« Gegenüber der Politik der Kollaboration führte der alte Deutschenhasser einen wahren Eiertanz auf. In einem Dialog mit sich selbst schrieb er:

»- Sind Sie Befürworter dieser Kollaboration?
- Ich habe keine Veranlassung, ihr Befürworter zu sein.
- Dann sind Sie also ihr Gegner?
- Auch das nicht.
- Neutral?
- Keineswegs.
- Also dulden Sie sie?
- Ich habe keine Veranlassung, sie zu dulden oder zu diskutieren.«

Pétain: Ich bleibe bei euch

Pétain war der Führer und übernahm die Verantwortung. Die Außenpolitik war kein Gebiet, auf dem die Öffentliche Meinung eine Rolle zu spielen hatte. Jede Debatte war ein Faktor der Spaltung, und jede Spaltung setzte Frankreich einer tödlichen Gefahr aus.

Falls die Möglichkeit einer Wahl bestanden hätte, wäre Pétain nicht der Kandidat Maurras' gewesen. Weit davon entfernt, sich aus der Politik herauszuhalten (wie Foch oder Joffre) oder seine Sympathie für die Action Française zu erklären (wie Lyautey und Franchet d'Esperey), hatte sich der Sieger von Verdun immer bereit gezeigt, der Republik zu Hilfe zu eilen. Er hatte es nach dem Putsch von 1934 getan, indem er das Kriegsministerium im Kabinett Doumergue übernahm, mit dem er beauftragt worden war, um die Rechte zu beruhigen und eine neue Offensive der vaterländischen Verbände zu verhindern; dies zudem wenige Stunden, nachdem der Marschall Lyautey sich anerboten hatte, in voller Galauniform an die Spitze der Aufständischen zu treten, die bei einem zweiten Erhebungsversuch die Abgeordnetenkammer im Sturm nehmen sollten. 1938 hatte Pétain den Posten eines Botschafters bei der Regierung des Generalissimus Franco angenommen, die die französische Volksfrontregierung hatte anerkennen müssen, nachdem diese bis dahin die Roten im Bürgerkrieg unterstützt hatte. Er war »der republikanische Marschall«, wie ihn der Volksfrontminister Pierre Cot nannte, der 1934 auf die Nationalisten hatte schießen lassen. Die Republik hatte diesen mit Ruhm bedeckten alten Herrn schon zweimal ins Schaufenster gestellt, um hinter ihm ihre Irrtümer zu verbergen. Bei der Niederlage in einem Krieg, den er nicht gewollt hatte, war er es, zu dem Staatspräsident Lebrun seine Zuflucht nahm, damit er »die Leiche auf die Schultern nehme«; er war es, dem die Nationalversammlung nahezu einstimmig die Summe der Öffentlichen Gewalt (einschließlich der verfassunggebenden) übertrug. Wie bisher immer, nahm Pétain an. Aus Ehrgeiz? Was konnte ein Mann von 84 Jahren, der schon seinen Platz in der Geschichte hatte, damit gewinnen, daß er die Folgen fremder Verfehlungen auf sich nahm! Ein Satz aus einer seiner ersten Botschaften an das französische Volk scheint die Wirklichkeit besser wiederzugeben: »Ich war bei euch in den Tagen des Ruhms. Ich bin und werde bei euch bleiben in den düsteren Tagen. Ich mache Frankreich das Geschenk meiner Person.« Das Verhalten des Staatschefs bis zum Ende und vor dem Gerichtshof, der ihn zum Tode verurteilte, zeigt, daß das keine hohlen Worte waren

Der mutige Greis

Der republikanische Marschall - heißt das, daß Pétain demokratisch war? Ganz gewiß nicht. Kein Militär kann ehrlich an die absolute Freiheit glauben, die jede Autorität zunichte macht, noch an die Gleichheit der Menschen und Völker, der seine ganze Berufserfahrung widerspricht. Schon 1938 brandmarkte er in einer Rede vor ehemaligen Frontkämpfern die politischen Parteien als »Spalter«. Der Marschall war ganz einfach ein Soldat, der sich gemäß der Tradition des französischen Heeres der parteipolitischen Betätigung enthielt und andererseits keinerlei sachliche Vorbildung dafür besaß. Als er sich an der Macht befand, hielt er sich daher an das einzige Programm, das den bei ihm selbst vorhandenen Hohlraum ausfüllen konnte. Es war dasjenige von Charles Maurras. Und er umgab sich mit Männern, die der gleichen Richtung angehörten.

Die nationale Revolution wurde also auf der Grundlage der Ideen der Action Française gemacht. Viele Deutsche werden damals geglaubt haben, der Marschall mache den Nationalsozialismus nach, weil sie nicht wußten, daß dieser viele seiner Ideen von französischen Denkern hatte: von Gobineau, Vacher de Lapouge, Drumont, Barrès, Sorel und - auf dem Umweg über Italien - von Maurras selbst. Jedenfalls war die Übereinstimmung auffällig. Aber von hier bis zur Kollaboration fehlte noch viel. Es wäre für Pétain einfacher gewesen, sich bis zum Ende des Konfliktes an die Klauseln des Waffenstillstandsvertrages zu halten. Anfänglich erwartete Deutschland auch gar nichts anderes, denn die Begegnung von Montoire fand erst vier Monate nach Beendigung der Kampfhandlungen statt. Militärisch war Frankreich erledigt. Die Zukunft konnte nur vom Sieger abhängen, und dieser würde sich einem Land gegenüber nicht wohlwollend verhalten, das ihn angegriffen hatte und nun nichts zu seinem Erfolg beitrug. England zeigte, indem es seine Truppen in Dünkirchen einschiffte, einen Teil der entwaffneten französischen Flotte in Mers-el-Kebir meuchelmörderisch versenkte und die Loslösung der französischen Kolonien vom Mutterland unterstützte, daß von seinem möglichen Sieg nichts zu erhoffen war. Ihm zu helfen, hieß den Kopf auf den Richtblock legen. Deutschland dagegen zeigte sein Interesse an der Mitarbeit eines Landes, ohne das Europa nicht denkbar war und das andererseits einen ansehnlichen Beitrag zu den eigenen Kriegsanstrengungen leisten konnte. Pétain traf seine Wahl, ohne zu zögern. Man konnte vom Sieger von Verdun nicht mehr verlangen, als was er gab: Loyalität. Das bedeutete gewiß nicht, daß er bereit gewesen wäre, sich in einen Lakaien Deutschlands zu verwandeln, oder daß er sich blind dem Diktat der Besatzungsbehörden fügte. Aber das Doppelspiel, das ihm seine Verteidiger und einige seiner ehemaligen Mitarbeiter nach dem alliierten Sieg zuschrieben, um sein Ansehen vor einer von der Propaganda der Gaullisten und Kommunisten irregeführten Öffentlichen Meinung wiederherzustellen, war nichts anderes als der Winkelzug einer opportunistischen Taktik, die den Marschall beleidigte und die er in seinem mit Schweigen und Verachtung ertragenen Prozeß zu benutzen sich geweigert hatte.

Tatsache ist dagegen, daß dieser Greis, der mit seiner würdigen Haltung und seinem undurchdringlichen Gesicht jeden beeindruckte, ganz einfach nicht die Arbeitskraft und manchmal auch nicht die geistige Klarheit besaß, die die Führung eines revolutionären Staates unter so dramatischen Umständen erfordert hätte. Hinzu kam, daß er als Militär Befehle zu geben und ihre Ausführung seinen Untergebenen zu überlassen pflegte, die jedoch, wie wir noch sehen werden, nicht immer die Politik der Kollaboration teilten.

Pierre Laval

Bei Pierre Laval, seinem Regierungschef und zeitweilig vorgesehenen Nachfolger, war das nicht der Fall. Es konnte wohl kaum einen größeren Unterschied geben als zwischen dem Marschall und diesem Berufspolitiker mit dem Gesicht eines Zigeuners und seiner liederlichen äußeren Erscheinung, der sich in seiner politischen Laufbahn als Minister oder sogar Ministerpräsident der verschiedensten Kabinette der Dritten Republik vom bösartigen Sozialisten zum konservativen Liberalen gewandelt hatte. 1940 war Laval die treibende Kraft für die legale Machtübergabe an den Marschall gewesen, womit es Frankreich möglich wurde, seinen internationalen Status zu wahren. Und Pétain war von der Geschicklichkeit, mit der Laval Senatoren und Deputierte beeinflußte, um von ihnen ein für unmöglich gehaltenes Abstimmungsergebnis zu erzielen, so beeindruckt, daß er ihn dafür in dankbarer Anerkennung zu seinem zweiten Mann machte.

Als mehrfacher Außenminister maß Laval der internationalen Politik viel mehr Bedeutung bei als der von ihm nur verbal und scheinbar befürworteten nationalen Revolution. Anfangs setzte er sich ohne Hintergedanken für die Kollaboration ein. »Ich hoffe auf den Sieg Deutschlands« - dieses sein Wort drückt seine unveränderte Einstellung deutlich aus. Als er es 1943 aussprach, fügte er hinzu: »weil es sonst in die Hände des Kommunismus fallen würde«. Er tat es, um den Franzosen in ihrer großen Mehrheit ein Argument für seine Unterstützung zu geben. Aber er hatte nicht bis zum Juni 1941 gewartet, um sich so deutlich zu erklären. Die Wähler des Arbeiterbezirks Aubervilliers hatten ihrem Bürgermeister und Abgeordneten immer wieder ihre Stimme gegeben, obwohl er aus seiner politischen Wandlung von links nach rechts kein Hehl gemacht hatte. Das neue Regime war für ihn nichts anderes als die notwendige Bühne. Im Grunde blieb er der Parlamentarier, der weder nach seiner Überzeugung noch nach seinem Wesen und seinen Freunden irgend etwas mit dem Nationalsozialismus gemein hatte. Und sein Verhalten war so pöbelhaft, daß der Marschall, der Lavals Mangel an Erziehung für einen solchen an Respekt hielt, ihn sehr bald zu hassen begann.

(wird fortgesetzt)


* Die Würde eines Marschalls von Frankreich ist nicht mit dem deutschen Rang eines Generalfeldmarschalls zu vergleichen. Sie kann nur einem General verliehen werden, der in einem siegreichen Krieg Oberbefehlshaber gewesen ist. 1940 lebte von den Marschällen des Ersten Weltkrieges außer Pétain nur noch Franchet d'Esperey, der jedoch schwerkrank und bewegungsunfähig war.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 29(2) (1981), S. 22-28

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