Kollaboration oder Europa-Bündnis? Teil 2

Frankreichs Tragödie im Zweiten Weltkrieg

Pierre de Pringet

Zum 1. Teil

Warum wurde die »Kollaboration«, der erste große Versuch einer engen politischen und militärischen deutsch-französischen Zusammenarbeit ein Fehlschlag? Die Frage, um deren klare Beantwortung sich bisher alle Zeitgeschichtler, fanzösische wie deutsche, gedrückt haben, ist Gegenstand des soeben in unserem Verlag erschienenen Buches von Pierre de Pringet »Die Kollaboration/Untersuchung eines Fehlschlags«, mit dessen auszugsweisem Vorabdruck wir in unserer vorigen Ausgabe begannen. Heute setzt unser Mitarbeiter die Vorstellung der wichtigsten Akteure in diesem europäischen Trauerspiel fort.


Und auf deutscher Seite? Keiner der hohen Beamten des Dritten Reiches kannte Frankreich, mit Ausnahme von Ribbentrop, der nicht den Eindruck machte, als habe er Verständnis oder gar Liebe für das Land. Sie hielten es für ein verkommenes Land, das in einem nicht rückgängig zu machenden Prozeß biologischer und politischer Dekadenz begriffen war. Man kennt die so bezeichnende Anekdote, die SS-Brigadeführer Krukenberg, der Inspekteur der Division Charlemagne, von dem ersten Aufenthalt Himmlers in Paris nach dem Waffenstillstand berichtet hat. Als der Reichsführer seinen Wagen in den Straßen von Paris im Schrittempo am Bürgersteig entlang fahren ließ, um sich die Pariser anzusehen, rief er überrascht und beinahe empört aus: »Das ist doch nicht möglich...! Viele von ihnen könnten genausogut Deutsche sein!« Diese allgemeine Unkenntnis in den höheren Kreisen Berlins sollte die Ursache für gewisse Schwierigkeiten sein.

Der »Erbfeind« im Westen

Selbst Hitler machte von diesen Vorurteilen keine Ausnahme. Aber auf dem Gebiet der Außenpolitik lag seinen Überlegungen stets (nur nicht in bezug auf England) der kühlste Realismus zugrunde. In »Mein Kampf«* schrieb er: »Der unerbittliche Todfeind des deutschen Volkes ist und bleibt Frankreich [...] das Schlußziel ihrer (der in Frankreich Regierenden) außenpolitischen Tätigkeit wird immer der Versuch einer Besitzergreifung der Rheingrenze sein und einer Sicherung dieses Stromes für Frankreich durch ein aufgelöstes und zertrümmertes Deutschland [...] Ich glaube niemals daran, daß sich Frankreichs Absichten uns gegenüber je ändern könnten, denn sie liegen im tiefsten Grunde nur im Sinne der Selbsterhaltung der französischen Nation. Wäre ich selbst Franzose und wäre mir somit Frankreichs Größe so lieb, wie mir die Deutschlands heilig ist, so könnte und wollte auch ich nicht anders handeln, als es am Ende ein Clemenceau tut. Das nicht nur in seiner Volkszahl, sondern besonders in seinen rassisch besten Elementen langsam absterbende Franzosentum kann sich seine Bedeutung in der Welt auf die Dauer nur erhalten bei Zerstörung Deutschlands.« Die unversöhnliche Feindschaft der beiden Länder als Ergebnis eines endgültigen historischen Determinismus könnte nicht klarer ausgedrückt werden.

Als er jedoch an der Macht war, gebrauchte Hitler eine andere Sprache. Kurz vor der Saar-Abstimmung vom Januar 1935, mit der dieses Gebiet zu Deutschland zurückkehren sollte, sagte er: »Die Saar-Frage ist das einzige Territorialproblem, das uns noch von Frankreich trennt. Wenn sie gelöst ist, wird es keinen sichtbaren und vernünftigen Grund mehr geben, daß sich die beiden großen Nationen bis ans Ende der Tage bekämpfen. Vielleicht werden sich dann unsere ehemaligen Gegner darüber Rechenschaft ablegen, daß die Probleme, vor denen wir alle stehen, so gigantisch sind, daß wir sie gemeinsam lösen müssen, statt uns gegenseitig zu bekriegen.« Und 1938: »Welche Folge auch immer die nächsten Ereignisse haben können, habe ich gegenüber Frankreich eine klare deutsche Grenze gezogen.« Und er fügte hinzu: »Die Elsaß-Lothringer wünschen nicht, daß Blut fließt, damit sie ins deutsche Vaterland zurückkehren.« Deutschland und Frankreich hätten »unzähligemal« auf den Schlachtfeldern das Blut ihrer besten Söhne vergossen. Die Grenzen wurden mal in dieser, mal in jener Richtung um 50 oder 100 Kilometer verschoben. Auf diese Weise ist es unmöglich, zu einem endgültigen Ergebnis zu gelangen, aber wenn man damit fortfährt, werden beide Völker ihr bestes Blut vergießen. Sie werden in Sorge und Mißtrauen, in Furcht und Haß leben.« Und um diese Zitate, die man beliebig fortsetzen könnte, abzuschließen: »Der Nationalsozialismus muß unserem Volk die Augen Öffnen über das wahre Wesen der anderen Nationen und es unablässig daran erinnern, wer der wirkliche Feind ist. Er wird nicht den Haß gegen arische Völker predigen, von denen uns fast alles trennt, aber mit denen uns die Gemeinschaft des Blutes und eine in ihren großen Zügen identische Kultur verbindet.«

Hitler und das besiegte Frankreich

Entsprach der Wechsel der Worte einem wirklichen Wechsel des Denkens? Oder war es nur die Geschicklichkeit des Staatsmannes, der in Frankreich am Vorabend des Krieges im Osten eine Atmosphäre zuversichtlicher Passivität schaffen wollte? Als ein Pariser Verleger 1934 eine französische Ausgabe von »Mein Kampf« herausbrachte, ließ Hitler sie auf gerichtlichem Wege einziehen, nicht bloß weil man seine Genehmigung nicht eingeholt hatte, sondern auch und vor allem, weil »es unaufrichtig ist, den Franzosen einen Text vorzulegen, der vom Ressentiment über die Rheinland-Besetzung geprägt ist, ohne die späteren Berichtigungen hinzuzufügen«. Hin- und hergerissen zwischen ihrer Friedenssehnsucht und der Furcht, betrogen zu werden, zögerte jedoch die Masse der Franzosen - von einer bescheidenen deutschfreundlichen Minderheit abgesehen -, an einen ehrlichen Sinneswandel zu glauben.

Der Waffenstillstand von 1940 mit seinen unerwartet günstigen Bedingungen einerseits und das deutsche Angebot einer Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern andererseits schienen eine der Glaubwürdigkeit des Führers günstige Auslegung zu unterstützen. Es war unbestreitbar, daß die Wehrmacht in einigen wenigen Tagen mehr die Mittelmeerküste ohne größere Verluste hätte erreichen können und daß Deutschland in der Lage war, Frankreich eine deutsche Militärregierung aufzunötigen und damit ein Schicksal zu bereiten, wie es bis dahin nur Polen vorbehalten war. Nichts dergleichen geschah. Andererseits hätte eine solche totale Besetzung des Mutterlandes das französische Kolonialreich England ausgeliefert, und die französische Flotte, ihrer Kampfkraft nach die zweite der Welt, hätte sich, dem Zwang der Ereignisse folgend, mit der britischen vereinigt, was zu verhindern für Deutschland von höchstem Interesse war. Es dauerte nicht lange, daß einige in Berlin getroffene Entscheidungen, auf die wir noch zurückkommen werden, die Zweifel der Franzosen bestärkten, auch derjenigen, die die Kollaboration am loyalsten, ja sogar mit Begeisterung befürworteten. Sie wurden noch verstärkt, als man nach dem Juni 1941 in der französischen Presse Hitler-Reden lesen konnte, in denen er von der Einheit, von der Organisation und von der Zukunft Europas sprach, während gleichzeitig die »Pariser Zeitung« (das Organ der deutschen Besatzungsmacht) dieselben Reden im Originaltext veröffentlichte, der statt des Wortes »Europa« ein anderes gebrauchte: »Deutschland«.

Die Militärbefehlshaber

In der südlichen Zone Frankreichs machte sich die deutsche Anwesenheit nur durch die üblichen Konsulate und durch die militärischen Waffenstillstands-Kommissionen bemerkbar, die so unauffällig wie möglich aufzutreten suchten und großzügig die Tricks übersahen, mit denen das besiegte Heer seine Männer und sein Material zu verbergen versuchte. In der nördlichen Zone war die Lage natürlich völlig anders. Wenn auch die Öffentliche Verwaltung, die Gerichtsbarkeit und die Polizei unter der Hoheit der französischen Regierung verblieben, so waren doch die Anwendung der nationalen Gesetze und die Entscheidungen der Örtlichen Behörden dem Einverständnis des »Militärbefehlshabers in Frankreich« unterworfen. Der erste, der dieses Amt ausübte, war der Admiral von Arnaud de la Périère, dessen Name den Franzosen Spaß machte und sie Deutschen gegenüber zu der Scherzfrage veranlaßte, ob da nicht eine Verwechslung vorliege und man ihn nicht gegen Pétains Verteidigungsminister, General Huntzinger, austauschen solle. Dieser Nachkomme französischer Emigranten von 1791- er war kein Hugenotte und hegte daher keinen Groll gegenüber Frankreich - hinterließ bei der Bevölkerung keine Erinnerung, was bedeutet, daß er seine Funktionen zufriedenstellend erfüllte, ohne irgendwelche Öffentlichkeitsarbeit nötig zu haben. Das kann man von dem General von Stülpnagel nicht sagen, der aus Dummheit oder aus Treulosigkeit gegenüber seiner Regierung- er beteiligte sich in Ausübung seines Amtes an der Verschwörung vom 20. Juli 1944 - oder aus beidem zusammen alles nur Mögliche tat, um die guten Beziehungen, die die deutschen Truppen zur französischen Bevölkerung unterhielten, zu stören, während er gleichzeitig die vorbeugenden Maßnahmen von Himmlers Sicherheitsdienst (SD) behinderte. Er haßte erwiesenermaßen Frankreich, und die Besatzung war für ihn eine glänzende Gelegenheit der Revanche. Gerade er befahl bei den ersten Terrorattentaten die Erschießung von Geiseln, die nicht etwa unter den Insassen der Gefängnisse ausgewählt, sondern aus der Bevölkerung genommen wurden, womit er de' Politik der Kollaboration den schwersten Schlag versetzte.

Die Rolle von SD und SS

Den Militärbehörden war anfänglich die kleine Zweigstelle des SD in Paris unterstellt. Ihrem ersten Chef, SS-Brigadeführer Thomas, waren auf polizeilicher Ebene die Hände gebunden, da hier nur die Geheime Feld-Polizei handeln durfte, die anfänglich der Abwehr, später dem Militärbefehlshaber unterstellt war. Er stellte daher von vornherein Verbindung mit den nationalen Verbänden Frankreichs her, vor allem mit den Aktivisten der OSARN (Geheim-Organisation der National-Revolutionären Aktion), den »cagoulards« (Kapuzenmännern) von gestern. Er wurde schon nach wenigen Monaten aufgrund eines Zusammenstoßes mit dem General von Stülpnagel aus dem Amt entfernt. Sein Nachfolger, der SS-Hauptsturmführer Knochen, ein zum Offizier des Nachrichtendienstes gewordener Doktor der Philosophie, organisierte seine Dienststelle nach dem Schema des SS-Hauptamtes. Seine Intelligenz, seine Liebenswürdigkeit und seine Liebe zu Frankreich ermöglichten es ihm, die schon unter Thomas hergestellten Beziehungen auszunutzen. Als im Mai 1942 der SS-Brigadeführer Oberg zum »Obersten SS- und Polizeiführer und persönlichen Vertreter des Reichsführers SS« in Paris ernannt wurde, stieg Knochen schnell zum SS-Standartenführer auf, als welcher er praktisch den Befehl über den SD behielt. Oberg, der nicht sonderlich intelligent war, nichts von französischen Angelegenheiten verstand und dem auch seine äußere Erscheinung seine Aufgaben nicht erleichterte, war vernünftig genug, seinen viel tüchtigeren Untergebenen mit seinem Dienstrang und mit seiner Autorität gegenüber den militärischen Dienststellen zu decken und ihm freie Hand zu lassen. Der SD wurde bald der militärischen Befehlsgewalt entzogen und konnte regionale Zweigstellen einrichten, deren Netz schnell das gesamte besetzte Gebiet und ab Ende 1942 ganz Frankreich überzog. Oberg hatte sich persönlich die Beziehungen zur Wehrmacht und ihren Dienststellen sowie zur französischen Polizei vorbehalten. Mit dem deutschen Oberkommando (oder vielmehr gegen dieses) hatte er Erfolg. Gegenüber den französischen Bebörden zeigte er sich freundschaftlich. Manchmal zu freundschaftlich

Otto Abetz, des Reiches Hochkommissar

Wir müssen jetzt auf diejenige Persönlichkeit zu sprechen kommen, die von deutscher Seite in Frankreich die herausragende Rolle spielte: auf Seine Exzellenz, den Herrn Deutschen Botschafter in Paris, Otto Abetz. Unter seinem Titel verbargen sich die viel wichtigeren Funktionen eines Hohen Kommissars des Reiches. Abetz war kein Karriere-Diplomat. Vor dem Krieg hatte er Aufträge in Frankreich erfüllt, wobei es ihm mit relativem Erfolg gelungen war, Zugang zu den verschiedensten politischen Kreisen zu finden.

Frankophil bis zur Übertreibung und mit einer Französin verheiratet, war er der aufrichtigste Architekt der Politik der Kollaboration. Sein Nationalsozialismus war sehr oberflächlich. Was er wollte, war die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich und das Ende der periodischen Kriege zwischen ihnen. Fünfzehn Jahre früher wäre er ein ausgezeichneter Vertreter Stresemanns oder Brünings gegenüber Briand gewesen. Gewiß, er war dem Führer nicht untreu, aber ihm gefiel die Kollaboration besser als die französischen Kollaborateure, die ihm - vielleicht ohne daß er sich das eingestand - zu nationalsozialistisch waren. Deswegen verstand er sich so gut mit Laval und duldete - wahrscheinlich ohne sich darüber Rechenschaft zu geben - die Sabotage seines Untergebenen Achenbach, den viele (nicht ohne Grund) für einen Freimaurer hielten (er tauchte nach dem Krieg als Abgeordneter der Freien Demokratischen Partei in der Bundesrepublik wieder auf).

Dieser kurze Überblick über die Männer, die nach dem Waffenstillstand die Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland in den Händen hielten, genügt für den Hinweis, daß sich die Kollaboration nicht ohne große Schwierigkeiten entwickeln konnte. An der Spitze standen der Führer, der noch vor wenigen Jahren die Ansicht vertreten hatte, daß die Feindschaft gegenüber Deutschland die natürliche, unüberwindliche und anerkennenswerte Bekundung des französischen Selbsterhaltungstriebes sei, und der »republikanische Marschall« von gestern. Beide, der eine aus politischem und militärischem Realismus und in fortschreitendem Bewußtsein der Notwendigkeit eines geeinten Europas, der andere aus politischem Realismus und in plötzlicher Erkenntnis des Strukturwandels, den die Ursachen und Folgen der Niederlage notwendig machten, akzeptierten 1940 die Kollaboration, die für sie jedoch nichts anderes als das kleinere Übel sein konnte. Unter ihnen rangierten Männer, für die der Nationalsozialismus ein nicht sehr angenehmer Zufall war, mit dem man sich abzufinden hatte: der fähige politische Macher Pierre Laval und der Pazifist Otto Abetz. In dritter Reihe auf französischer Seite Minister und hohe Beamte, die ihre Ausbildung mehr oder weniger in der Schule der Action Française erfahren hatten, deren politische Ideen dem Nationalsozialismus sehr nahekamen, ja, dessen Vorläufer waren, in denen aber noch immer, wenn auch vielleicht nur unbewußt, Nachwirkungen der Deutschfeindlichkeit des »Meisters« unverkennbar waren; und auf deutscher Seite, von der SS abgesehen, die die Dinge anders sah, deutschnationale und revanchistische Militärs.

Unter allen Persönlichkeiten, die in der Politik der Kollaboration eine Rolle spielten, gab es - mit einigen wenigen Ausnahmen - nur einen gemeinsamen Nenner: ihre völlige Unkenntnis des neuen Partners. Wenn man ein bißchen an dem Bild kratzte, das sie sich gegenseitig voneinander machten, wäre bei dem von den eifrigsten französischen Kollaborateuren entworfenen das Gesicht eines Neandertalers, bei demjenigen der frankophilsten Deutschen das eines verweichlichten, wenn nicht negroiden graeculus zum Vorschein gekommen.

Kollaboration oder Bündnis?

Die Unterzeichnung des Waffenstillstands-Abkommens ließ sowohl die französische Zivilbevölkerung, von der sich mehrere Millionen in kopfloser Flucht auf den Straßen nach Süden befanden, als auch das geschlagene und in Auflösung begriffene Heer aufatmen. Nichts von dem, was die Kriegspropaganda hatte erwarten lassen, war eingetreten. Die Wehrmacht hatte bei ihrer Blitzoffensive jede nicht unbedingt notwendige Zerstörung vermieden und vor allem Paris geschont, das in extremis zur offenen Stadt erklärt worden war. Die Flüchtlingskolonnen waren nicht beschossen worden, obwohl sie den Vormarsch der Deutschen behinderten. Nur im Rhône-Tal hatten einige italienische Flugzeuge - in Ermangelung anderer Heldentaten - Operationen dieser Art durchgeführt. In den besetzten Gebieten war das Verhalten der deutschen Truppen - wir sagten es schon - korrekt, ja herzlich. Der Erleichterung gesellte sich eine offen, wenn auch verschämt eingestandene Empfindung hinzu, die man geradezu als Anerkennung bezeichnen könnte.

Das Gegenstück dazu war ein tiefer Haß gegenüber England. Die französische Bevölkerung war sich vollkommen bewußt, daß es die britische Regierung gewesen war, die unter Benutzung einiger schlechter oder schwacher französischer Politiker den Krieg herbeigeführt hatte. Und sie wußte ganz genau, daß London während der Schlacht in Frankreich seine Luftwaffe zurückgehalten hatte, so daß die französische in einem Verhältnis von eins zu sechs gegen die deutsche kämpfen mußte. Und schließlich war auch noch der englische Rückzug von Dünkirchen in aller Erinnerung. Nicht nur, daß das Expeditionskorps unter Lord Gort seine Stellungen aufgegeben hatte, ohne auch nur den französischen Generalstab zu benachrichtigen, hatte es bei der Evakuierung skandalösen Vorkommnisse gegeben. Unter dem Feuerschutz der Örtlichen Befestigungen hatten die Briten ihre Truppen eingeschifft, während sie die französischen Soldaten am Strand ihrem Schicksal überließen, ja sogar diejenigen von ihnen ins Wasser warfen, denen es gelungen war, eines der Schiffe zu erklimmen. Der Gipfel der Empörung wurde erreicht, als man erfuhr, daß die Briten sich überraschend in den Besitz der in englischen Häfen liegenden französischen Kriegsschiffe gesetzt hatten, darunter auch des »Surcouf«, des damals größten U-Bootes der Welt, Stolz der französischen Kriegsmarine. Damals konnte man in den Offiziers- und Unteroffiziersmessen, in den Kasernen und in der Öffentlichkeit wieder das alte Seemannslied aus der Zeit der Segelschiffe hören:

Buvons un coup, buvons en deux
A la santé des amoureux,
A la santé du roi de France.
Et merde pour le roi d'Angleterre
Qui nous a déclaré la guerre!

Fast die Gesamtheit der Schiffsbesatzungen, die in englische Gewalt geraten waren, und der Gebirgsjäger, die aus Norwegen auf die englischen Inseln evakuiert worden waren, verlangten und erreichten ihre Rückführung nach Frankreich. Für die sogenannten »Frei-Französischen Streitkräfte« de Gaulles blieben nur ein paar hundert Mann übrig. Ihren Befehlshaber hatte man einige Monate zuvor, um ihn zum Staatssekretär für Verteidigung ernennen zu können, vom Oberst zum »provisorischen Brigadegeneral« befördert, weil seine militärischen Verdienste für eine reguläre Beförderung nicht ausreichten.

Der »englisch-französische Krieg«

Einige Wochen nach Dünkirchen forderte die englische Flotte die französischen Kriegsschiffe, die in Erfüllung des Waffenstillstands-Abkommens entwaffnet im algerischen Stützpunkt Mers-el-Kebir lagen, zur Übergabe auf und nahm sie, als das Ultimatum abgelehnt wurde, unter Feuer, wobei mehrere Schiffe versenkt und 1000 Besatzungsmitglieder getötet wurden. Damit konnte ein nahezu unglaubliches Bravourstück nicht verhindert werden. Der Panzerkreuzer »Strasbourg« nahm Munition an Bord, heizte die Kessel an, kappte die Ankertrossen, erkämpfte sich die Ausfahrt, versenkte drei englische Zerstörer und gelangte, von einigen kleineren Einheiten begleitet, in den Hafen von Toulon. In Vergeltung für den niederträchtigen Überfall auf Mers-el-Kebir, den allein De Gaulle zu rechtfertigen wagte, führten die Flugzeuge des französischen Stützpunktes Marrakesch in Marokko auf eigenen Entschluß ihres Kommandeurs, des Obersten du Jonchay, einen Strafeinsatz gegen Gibraltar durch, ihren einzigen Bombenangriff während des ganzen Krieges. Einige Monate später drangen englische Truppen in Syrien ein und griffen zusammen mit einigen zu ihnen übergelaufenen Elementen der französischen Fremdenlegion den winzigen Verband des französischen Kolonialheeres unter General Dentz an, der bis zur letzten Patrone kämpfte. Der Waffenstillstand von Saint-Jean d'Acre sah die Heimführung der Truppen vor. Der Prozentsatz der Deserteure (fast ausschließlich Fremdenlegionäre) war trotz der intensiven gaullistischen Propaganda unbedeutend.

Hier bekundete sich zum ersten (aber leider nicht letzten) Mal ein bedauerlicher Mangel an Psychologie und Information beim deutschen Oberkommando. Die französischen Streitkräfte in Syrien, deren Fliegerhorste der deutschen Luftwaffe als logistische Stützpunkte dienten, erwarteten verzweifelt die Hilfe des Reiches. Frankreich, das schon über keine eigene Luftwaffe mehr verfügte, konnte ihnen weder Verstärkungen noch Munition schicken. Obwohl Berlin durch Botschafter Rahn, der in französischer Uniform in vorderster Linie kämpfte, unterrichtet war, geschah nichts. Schlimmer noch: auf Ersuchen Vichys übernahm es die deutsche Luftwaffe, ein Regiment französischer Gebirgsjäger nach Syrien zu transportieren; aber die Maschinen wurden unterwegs auf Befehl von oben angehalten. Die deutsche Führung befürchtete, daß dieses ihr Eingreifen die Truppen des Generals Dentz veranlassen könnte, zu den Engländern überzulaufen!

Die »psychologische Lücke«

Unter Franzosen ist es ein Gemeinplatz, von den Deutschen zu sagen, sie hätten auf internationalem Gebiet kein psychologisches Einfühlungsvermögen. Etwas davon trifft in jeder Beziehung auch hinsichtlich Frankreichs zu. Einige (leider authentische) Anekdoten zeigen das besser als die scharfsinnigste Untersuchung. Als Frankreich aufgrund des Waffenstillstands-Vertrages in zwei Zonen geteilt wurde, stellte man gut sichtbare Tafeln mit der zweisprachigen Beschriftung auf: »Demarkationslinie - Überschreiten verboten«. Nach getaner Arbeit kehrten die Soldaten beruhigt und im Bewußtsein erfüllter Pflicht in ihre Quartiere zurück. In den folgenden Wochen stellten sie jedoch zu ihrem Entsetzen fest, daß die Bewohner der anliegenden Ortschaften die Grenze wie eh und je überschritten. Für einen Deutschen ist ein Verbotsschild geheiligt; für einen Franzosen ist es ein Anreiz zum Ungehorsam, eine regelrechte Provokation. Die Kommandanturen ließen daher längs der Demarkationslinie Maschinengewehre in Stellung gehen, die sogar gelegentlich in Aktion traten, wenn eine Kuh ebenso wie der hinter ihr herlaufende Bauer das Verbotsschild mißachtet hatte.

Die Besatzungsmacht behandelte also die Franzosen, als hätten sie den gleichen Sinn für Disziplin wie die Deutschen. Und als die Sache schiefging, nahmen sie ein Verhalten als feindselig, das jeder französische Gendarm hätte voraussehen können. In dieser Beziehung war das Verhalten der deutschen Polizei sehr charakteristisch. Anfänglich setzte sie ihr eigenes Personal ein, das nicht nur am Akzent, sondern auch schon von weitem an den in Frankreich unbekannten weißen Regenmänteln zu erkennen war. Aufgrund verschiedener Mißerfolge entschloß man sich, französische Hilfskräfte einzustellen. Was das für Franzosen waren, ist leicht vorstellbar - für einen Franzosen. Das ging so weit, daß man bei der Verhaftung eines Verbrechers durch die französische Polizei immer wieder erlebte, wie dieser einen Ausweis der Geheimen Feldpolizei oder des SD vorzeigte, weswegen die Bevölkerung die Deutschen beschuldigte, Kriminelle in Schutz zu nehmen. Ein anderes Beispiel für diese deutsche Fehleinschätzung des besetzten Landes ergab sich, als Frankreich nach dem Waffenstillstand nicht mehr als feindliches Land betrachtet wurde. Die deutschen Soldaten waren daher den gleichen Vorschriften wie in ihrer Heimatgarnison unterworfen. Wenn sie in irgendeine Kneipe kamen, hängten sie Mütze und Koppel mit der dazugehörigen Seitenwaffe (Pistole oder Seitengewehr) an den dafür vorgesehenen Kleiderhaken. Wenn dann die Waffe nach einiger Zeit spurlos verschwunden war,

erschien die Geheime Feldpolizei und verhaftete die anwesenden französischen Gäste, die natürlich nichts mit dem Waffenraub zu tun hatten.

Die »resistance« machte sich später diese psychologische Unzulänglichkeit der Deutschen systematisch zunutze, um in der Bevölkerung feindselige Gefühle zu erzeugen. Ein Terrorist ermordete meuchlings einen deutschen Soldaten, der in seiner Freizeit nichtsahnend über eine einsame Straße schlenderte. Als Gegenmaßnahme verhängte die Kommandantur Ausgangssperre über das ganze Stadtviertel; seine Bewohner, die mit dem Mord natürlich nicht das geringste zu tun hatten, empfanden die Maßnahme als unbillige Härte. Uns ist der Fall eines SD-Offiziers bekannt, Vertreter des Amtes VI in einer großen Stadt im Süden Frankreichs, der in Erkenntnis des Geschehenen Fehlers Bekanntmachungen erließ, in denen erklärt wurde, daß diese militärisch sinnlosen Attentate nur begangen wurden, um Repressalien mit ihren negativen Auswirkungen auf das Verhältnis zur Bevölkerung zu provozieren. Das half überhaupt nichts. Der Bericht ging auf dem Dienstweg über Paris nach Berlin, wo er schließlich in irgendeiner Abteilung des OKW landete. Zwei Monate später kam er, mit unzähligen Dienststempeln versehen, auf dem gleichen Weg zurück mit dem Entscheid: »Es darf nicht zugelassen werden, daß deutsche Soldaten ermordet werden, ohne entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen.« Niemand hatte oben irgend etwas begriffen.


* Wörtlich nach Adolf Hitler: Mein Kampf, München 1943 (851.-855. Auflage). Die sonstigen deutschen Zitate dieser Arbeit wurden nach den vom Autor verwendeten französischen Quellen ins Deutsche zurückübersetzt. Sie sind daher - im Gegensatz zu diesem - nur sinngemäß, nicht wörtlich originalgetreu. (Der Übersetzer).

Neuerscheinung
Pierre de Pringet
Die Kollaboration
Untersuchung eines Fehlschlages
200 Seiten, 12 Abbildungen, Karte, Personen- und Literaturverzeichnis, kartoniert DM 19,80

Pierre de Pringet, der die hier vorgestellten Akteure nicht nur zum großen Teil persönlich kannte, sondern in dem von ihm geschilderten Drama als französischer Patriot und europäischer Freiwilliger in den Reihen der Waffen-SS selbst aktiv mitwirkte, enthüllt in seinem Buch die interessantesten, bisher völlig unbekannten Einzelheiten aufgrund teils geheimer Dokumente, die ihm zugänglich waren. Ein Buch, das viele - auf dieser wie jener Seite - zum Widerspruch herausfordern wird, das aber niemand gleichgültig lassen kann.

GRABERT VERLAG
72006 Tübingen, Postfach 1629


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 29(3) (1981), S. 19-23

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