Von der Dummheit der Juden und der Deutschen

Eine bemerkenswerte Analyse

Dr. Hans-Dietrich Sander


In den Staatsbriefen 9, 10 und 11/1993 erschien über das gegenwärtige Verhältnis von Juden und Deutschen und die Entwicklung zu diesem unguten Zustand diese bemerkenswerte Analyse. Wir halten diese aufrichtige Darstellung für so gehaltvoll, daß wir sie unseren Lesern nicht vorenthalten und deswegen ausnahmsweise nachdrucken möchten, und sind der Meinung, daß diese Gedanken weite Verbreitung verdienen, um endlich das deutsch-jüdische Verhältnis zu entkrampfen. Dem Verfasser sind wir für die freundliche Genehmigung zum Nachdruck dankbar.

I.

Niemand kann sagen, Gott habe sie nicht gewarnt, die Juden und die Deutschen, um sie vor dem heraufziehenden Verderben zu bewahren. Sie verschotteten störrisch ihre Sinne und hießen kaltblütig ihr Herz schweigen.
Nachdem er sich das lange mit wachsendem Verdruß mitangesehen hatte, befahl Gott den Polen, die Opfertafel von Auschwitz auszuwechseln. Nicht mehr vier Millionen waren hier umgekommen, bzw. umgebracht, die Zahl der toten Lagerinsassen hatte sich zwischen 1 und 1,3 Millionen belaufen, hieß es nun. (Vgl. Staatsbriefe, 8/90, »Auschwitz-Baisse«). Das war die erste Warnung. Wer gehofft hatte, die legendäre Ziffer der sechs Millionen von Deutschen ermordeter Juden fiele nun dahin, fehlte fundamental. In Israel kam die Rede auf, es seien eigentlich um die zehn Millionen gewesen. Und in Deutschland wurde das Gesetz, mit dem die Deutschen sich die Erforschung der strittigen Angelegenheit verbaten, von den Staatsanwälten, die es lange lax gehandhabt hatten, nun erst recht mit wütendem Eifer strapaziert.
Die zweite Warnung fiel an, als Gott am 29. Juli 1993 den Obersten Gerichtshof in Jerusalem zwang, nach langem skandalösen Sträuben John Demjanjuk »wegen bestehender Zweifel« in seine Identität von den »schrecklichen Anklagen, die Iwan dem Schrecklichen in Treblinka zur Last gelegt werden«, freizusprechen.
John Demjanjuk war im Februar 1986 von den USA an Israel ausgeliefert worden, wo man ihn am 18. 4. 1988 zum Tode verurteilte. Es war dies, nach dem Prozeß gegen den Bürokraten des Todes, Eichmann, vor einem Vierteljahrhundert, der Prozeß gegen einen mörderischen Satan. Laut Münchner Abendzeitung vom 27. 2. 87 berichtete der Augenzeuge Pinchas Eppstein, dieser Iwan der Schreckliche habe am Eingang der Gaskammer »mit einem Rohr oder mit einem Beil« auf die Todeskandidaten eingeschlagen: »Frauen schnitt er in die Brust, Männern zerschmetterte er den Kopf«. Derselben Ausgabe zufolge berichtete der Augenzeuge Elijahu Rosenberg: »Weil die Deutschen herausgefunden hatten, daß Frauen und Kinder besser brennen, mußten wir die toten Männer immer erst zum Schluß ins Feuer werfen.« Dieser Iwan, der Schreckliche, fabulierte Rosenberg weiter, »habe ihn einmal zwingen wollen, sich sexuell an einer toten Frau zu vergehen. Nur weil SS-Leute in der Nähe standen, habe er sich weigern können.«
Was solche schrecklichen Anklagen betrifft, so liegt mir ein Leserbrief vom 1. 3. 87 vor, den die Abendzeitung nicht veröffentlichte. Es hieß darin, das Blatt solle doch bedenken, daß es »auch technisch gebildete Leser« habe, für die es eine Zumutung sei, »zu glauben, daß der menschliche Körper soviel wie Brennmaterial sei«. Eine ebensolche Zumutung sei, zu glauben, »ein Mann könne auf den Gedanken kommen, einem anderen Mann die männliche Potenz anzubefehlen … zum Zwecke einer Leichenschändung, und dies auch noch vor Zuschauern«. Der Leserbriefschreiber fuhr fort, das sei überhaupt nur vorstellbar, wenn Demjanjuk Rosenberg einen »Penisknochen« angedichtet habe, »wie ihn der ausgestorbene Höhlenbär besaß«. Der Verfasser ging dabei noch taktvoll vor, indem er vermutete, der »sensationelle Stuß« sei einer nicht einwandfreien Beherrschung der Gerichtssprache von seiten des Reporters entsprungen …
Zweifel in die Identität des Angeklagten hatte es schon vor dem Prozeß gegeben. Der Gerichtshof indessen ignorierte und manipulierte sie. Die Ermittlungsbehörden, die sich nicht ganz sicher waren, hatten Demjanjuks Dienstausweis 1393, der inzwischen als eine KGB-Fälschung verifiziert ist, damals im Bundeskriminalamt Wiesbaden prüfen lassen. Das Amt ließ vernehmen, er sei eine »Totalfälschung«. »Wie sollen wir das unseren Leuten zuhause klar machen?«, soll Major Amnou Bezaleli vor seiner Abreise aus Wiesbaden gesagt haben. Das Gericht fragte später den Wiesbadener Beamten Dr. Reinhardt Altmann nur, ob das Gesicht auf dem Foto dem Porträt des Angeklagten entspreche. »Mit hoher Wahrscheinlichkeit«, antwortete er. Die Echtheit des Ausweises oder des Fotos stand nicht zur Debatte. »Nicht den Schatten eines Zweifels« hatte das Gericht, als es am 18. 4. 88 das Todesurteil verhängte. Bei der Verkündung »fielen sich viele Prozeßbeobachter singend und tanzend in die Arme, und der Gerichtssaal bot das Bild triumphierender Rache. Es war dies aber auch die Stunde der Opportunisten, und manche, die es besser wußten, unterließen jede Kritik«.
Dieses Zitat entstammt der Sondernummer der Zeitschrift Semit Times, die bei Frankfurt am Main als »deutschjüdisches Meinungs- und Zeitmagazin« firmiert. Sie rollte im März 1992 den Fall Demjanjuk als einen israelischen »Justizskandal« auf, der »das Andenken an den Holocaust in eine fatale Krise zu stürzen« droht. Bis dahin saß der Unschuldige schon vier Jahre in der Todeszelle. Sein Anwalt D. Ellon hatte zwar Revision eingelegt, stürzte aber eine Woche vor dem Revisionstermin im November 1989 »auf unerklärliche Weise aus dem Fenster eines Büros im 15. Stock des Eilin-Hotels in Jerusalem«, nachdem er für das Revisionsverfahren eine »Überraschung« angekündigt hatte.
Semit Times hatte unter Zugzwang gestanden. Im Stern vom 5. März war, zur Rechtfertigung des Bundeskriminalamtes, eine vierseitige Dokumentation unter dem Titel »Zum Morder gestempelt - Obwohl das Bundeskriminalamt die Israelis warnte, der angebliche SS-Dienstausweis von Iwan Demjanjuk sei gefälscht, soll der Exil-Ukrainer hingerichtet werden«, erschienen. »Seit langem gibt es Zweifel …«, schrieb der Stern; er selbst hatte sie in Nr. 1/29 geäußert. Der Münchner Merkur hatte über ein entsprechendes Gutachten des Zeitgeschichtlers Dieter Lehner schon im August 1989 berichtet. Semit Times trat die Flucht nach vorn an, um die legendäre Ziffer zu retten.
Das hatte vielleicht eine gewisse Wirkung erzielt, wenn die Revision die sofortige Folge der Sondernummer gewesen wäre. Die verantwortliche israelische Justiz ließ aber den Unschuldigen noch über ein weiteres Jahr in der Todeszelle sitzen. Hoffte sie vielleicht, Demjanjuk, der sich keiner guten Gesundheit mehr erfreute, wurde sterben? Eine Sterbehilfe riskierte man nicht; nach der Lage der Dinge hätte sie noch katastrophalere Folgen. Und so kam es endlich zu dem halbherzigen Freispruch, der Identität wegen, die schrecklichen Anklagen ließ man unangetastet, als wolle man auch diese zweite Warnung in den Wind schlagen.
Es folgte buchstäblich nichts daraus. Selbst Simon Wiesenthal forderte, den Freigesprochenen unverzüglich freizulassen. Das war auch das Mindeste, was in einer solchen Situation der Anstand gebietet. Der falsche Schreckliche sollte noch zwei Monate einsitzen. Es sollte erst geprüft werden, ob ihm nicht andere Untaten in anderen Lagern zur Last gelegt werden konnten. Krawallinskis überflegelten diese Unverfrorenheit noch, indem sie drohten, wohin der Massenmörder auch ginge, sein verdientes Ende wurde ihn überall ereilen. Schließlich ließ sich am 29. September der Oberste Gerichtshof zu der Erklärung herbei, John Demjanjuk wurde wegen mangelnder Beweislage »in Kürze ausgewiesen«. Unfähig zu jeder Große, sich bei dem Betroffenen zu entschuldigen oder gar von Wiedergutmachtung zu reden, die man selbst nur allzu gern kassiert, wird dieses bis zum Schluß abstoßende Verhalten, wie im Alten Testament, Folgen haben.
Die deutschen Medien enthielten sich bei der Meldung des Freispruchs jeglichen Kommentars, als ginge das alles uns gar nichts an. In Bonn glaubt man, wie in Jerusalem, in der gewohnten Geschäftsordnung fortfahren zu kennen. Kanzler Kohl kündigte, laut Süddeutsche Zeitung vom 15. 9., der Allgemeinen Jüdischen Wochenzeitung sogar an, er werde im Gedenken an die jüdischen Opfer des Massenmords durch die Nationalsozialisten eine »eigene Erinnerungsstätte« einrichten. Auch diese Instinktlosigkeit wird Folgen haben.
Was die Revision des Jerusalemer Schauprozesses bedeutet, hat bisher nur ein Germanist der Universität von Jerusalem öffentlich zu sagen gewagt. Er empfand die ganze Angelegenheit als eine Heimsuchung und verlieh seiner Furcht vor rechten Reaktionen überzeugenden Ausdruck. Es wird nicht bei Reaktionen Rechter bleiben. Die Quintessenz des Verfahrens ist, daß die Revision, ob sie es wollte oder nicht, die Glaubwürdigkeit jüdischer Zeugenaussagen in Prozessen dieser Art irreparabel erschüttert hat. Nachdem in Jerusalem erwiesenermaßen jüdische Zeugen handfest gelogen haben, kann, auch rückwirkend, kein einziges jüdisches Zeugnis in Holocaustprozessen mehr als offenkundig gelten, ohne genauestens überprüft worden zu sein.
Das ist schlimm genug. Noch schlimmer ist, daß es dabei nicht allein um Wahrheit und Gerechtigkeit geht. Die Juden haben den Holocaust instrumentalisiert. Der Londoner Oberrabbiner Sir Immanuel Jacobovits hat es oft beklagt, ohne Widerhall zu finden - so wie die Alarmglocke der Sondernummer Semit Times, die ihn zitiert, ins Leere ausklang. Andere solitäre Juden haben in Abständen seit 1945 die Aufrechnung des Unrechtes in Geld unsittlich genannt. Die Instrumentalisierung ist aber auch dumm - dumm bezüglich der Juden, dumm bezüglich der Deutschen.
Ich betrachte die Dummheit der Deutschen sogar noch als verhängnisvoller, weil ihre Katzbuckeleien die Dummheit der Juden erst so hochgeschaukelt haben. Sie ist um so unverständlicher, als während dieser ganzen Zeit die Palästinenser zeigten, daß man expansiven Juden fest und offensiv entgegentreten muß, um sie zur Vernunft zu bringen (wie gerade geschehen in der Frage des Autonomiestatus). Die Deutschen haben die Juden sich gegenüber maßlos werden lassen. Sie haben sie, indem sie sie jeglicher Kritik entrückten, kritikunfähig gemacht, und das kann bei jener Instrumentalisierung lebensgefährlich werden.
Sollte sich herausstellen, daß die nach oben schnellenden Zahlen mit den nach unten absinkenden realen Opferziffern nicht mehr in ein rationales Verhältnis zu bringen sind, drohen unvorhersehbare Eruptionen, die sich in Zeiten der Not zu fürchterlichsten Ausschreitungen steigern können. Das war immer schon zu befürchten. Die Folgen der Revision des Demjanjuk-Prozesses für die Glaubwürdigkeit jüdischer Zeugenaussagen können solche Zustande schnell einreißen lassen.
Es wäre aus diesen Gründen das oberste Gebot politischer Verantwortung für Bonn, die Holocaustforschung freizugeben, solange der entrechtete Deutsche sich noch nicht als auch noch verelendet vorkommt, und das heißt sofort. Wenn das nicht geschieht, müßten die Juden aus eigenen wohlverstandenen Interessen es von Bonn verlangen.
Das eine wie das andere klingt ganz und gar phantastisch. So werden die Juden und die Deutschen, die Gott rechtzeitig warnte, wohl in ihr Verderben hineinschliddern.
Trotzdem ein Vorschlag zur Güte: Lasset bloß, Ihr Juden, die Rechten in Ruhe! Sie sind die Einzigen, die Euch schützen können, wenn der getäuschte philosemitische Mob ins rabiate Gegenteil umschlagt.

II.

Kaum war das letzte Heft der Staatsbriefe mit der dringenden Empfehlung für die Juden und die Deutschen, Gottes Winke zu befolgen, an die Leser unterwegs, wurde die »Gesamtzahl der Auschwitztoten« erneut gesenkt (Die Welt, 27. 9. 93). Nach einer 2jahrigen Auswertung von 80 000 Dokumenten, die im Moskauer KGB-Archiv liegen, bezifferte der französische Apotheker Jean-Claude Pressac, der, zunächst Anhänger des Revisionisten Faurisson, später zu den Verfechtern der Ausrottungsthese übergegangen war, die Zahl der ermordeten Juden in Auschwitz auf 800 000. Nach Kriegsende hatte die sowjetische Auschwitz-Kommission die Gesamtzahl auf 5,5 Millionen beziffert. Die Nürnberger Prozesse setzten 4 Millionen voraus. Nach polnischen Untersuchungen von 1990 sprach man nur noch von 1,3 oder 1,2 oder I, I Millionen. Diese schrumpfende Zahl hat nun der Apotheker weit unter die Millionengrenze gedruckt. Seine »Arbeit liefert wenig neue Einsichten, untermauert aber akribisch die bisherigen Kenntnisse …«, ließ die FAZ am 14. 10. Herrn Joseph Hanimann ungerührt behaupten.
Es folgt deshalb dem leitenden Artikel des Septemberheftes hier ein zweiter Teil, der mir die Gelegenheit gibt, das Thema aufzufüllen. Die Sorge um die Folgen überheblicher und unterwürfiger Dummheit wird dabei noch drückender. Es zeichnet sich die alptraumartige Erkenntnis ab, daß der Mißbrauch, der mit diesem Kapitel getrieben wird, wider besseres Wissen floriert.
Es sind ja nicht die letzten offiziösen Auschwitzforschungen und der Freispruch John Demjanjuks, des Teufels von Treblinka, in Jerusalem allein, die zu einer neuen Bewertung dieses ganzen Komplexes drangen. Im Hintergrund entfalteten zwei Veröffentlichungen eine umgreifende Wirkung, deren Verfasser darum gebeten hatten, sie durch Nichtrezension vor Indizierungsverfahren zu schützen. Diese Vorsicht ist nun nicht mehr notwendig
Die erste dieser Veröffentlichungen war das Buch Die zweite babylonische Gefangenschaft - Zum Schicksal der Juden im Osten seit 1941, das Steffen Werner, Mitarbeiter der Staatsbriefe, 1990 im Selbstverlag herausbrachte und vom Vertrieb des Grabert-Verlages verbreitet wurde. Seine These, von zahlreichen Beweisen gestützt, lautet, daß die Endlösung der Judenfrage im Zweiten Weltkrieg hauptsächlich in einer Umsiedlung in den östlichen Teil von Weißruthenien bestand, wo die deportierten Juden von der Sowjetunion in einer Art Gefangenschaft gehalten wurden.
Die zweite dieser Veröffentlichungen war das Rudolf Gutachten, das 1993 bei der Cromwell Press, 27. Old Gloucester Street, London WCLN 3XX, erschien. Laut Presseerklärung der Max-Planck-Gesellschaft in München vom 25. 5. 93 hatte der Diplomchemiker Germar Rudolf, der als Doktorand am Max-Planck-Institut für Festkörperforschung in Stuttgart arbeitete, im Auftrag des Rechtsanwaltes Hajo Herrmann, der den Generalmajor a. D. Otto Ernst Remer vor Gericht vertritt, ein »Gutachten über die Bildung und Nachweisbarkeit von Cyanid-Verbindungen in den 'Gaskammern' von Auschwitz verfaßt. Rudolf ließ Gemäuerproben aus Sachentlausungsanlagen und aus Gaskammern in Auschwitz ohne Angabe der Herkunft von dem Frankfurter Fresenius-Institut auf ihren Gehalt an Cyanid-Rückständen untersuchen. Von den in die Untersuchung einbezogenen Proben zeigten nur die aus den Sachentlausungsanlagen stammenden Gemäuerstücke signifikante Cyanid-Rückstände…« Zu diesem Zeitpunkt hatte das Gutachten nicht nur dem Max-Planck-Institut, sondern der gesamten Professorenschaft für Anorganische Chemie vorgelegen. Ein fachlicher Fehler konnte nicht entdeckt werden.
Eine offizielle Rezeption der beiden Bücher fand nicht statt. Steffen Werner hatte seine Untersuchung nicht nur an die Jüdische Allgemeine Wochenzeitung geschickt, sondern auch an einzelne einflußreiche Juden: von Simon Wiesental über Michael Wolffsohn bis zu Salcia Landmann (Mitarbeiterin der Staatsbriefe in den ersten beiden Jahrgängen), ohne eine Stellungnahme zur Sache zu erhalten. Das Rudolf Gutachten ist nicht nur Ignaz Bubis, sondern auch Helmut Kohl und allen Bundestagsabgeordneten zugegangen - und alle, alle schwiegen (wie die Medien zur Presseerklärung der Max-Planck-Gesellschaft).
Es wurde indessen nicht nur ignoriert. Der freiberufliche Steffen Werner blieb von Repressalien verschont. Germar Rudolf jedoch wurde von der Max-Planck-Gesellschaft entlassen. Am 30. September erschienen Beamte des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg zu einer Hausdurchsuchung. Dabei beschlagnahmten sie, laut Gäubote Herrenberg, »eine größere Zahl Originalgutachten in gebundener Form, eine Vielzahl von Ordnern mit Arbeitsunterlagen, Manuskripten und Analysen, eine komplette Computeranlage, Fotos und Schriftverkehr mit bekannten Revisionisten« zur Sicherstellung und Auswertung.
Nachzutragen ist noch, daß fast gleichzeitig mit der Forderung der Staatsbriefe nach einer Freigabe der Holocaust-Forschung der Historiker Ernst Nolte in seinem neuen Buch Streitpunkte (Propyläen Verlag, Berlin) erstmals die Argumente der Revisionisten in den wissenschaftlichen Diskurs einführte, indem er sie in ausführlichen Zitaten den Argumenten der Ausrottungstheoretiker gegenüberstellte, und in einem Interview mit dem Magazin Focus (36193, S. 62) forderte, das Gespräch mit den Revisionisten aufzunehmen.
Bis zur Stunde zeigt das einschlägige Establishment keine Wirkung. Es reagiert nicht einmal in überleitenden Unterlassungen. Im Gegenteil: mit approbierter Intransigenz wandte sich der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland gegen die Aufstellung Steffen Heitmanns zum Bundespräsidentschaftskandidaten, der bei allem Festhalten an der fabrikmäßigen Ausrottung für eine nüchterne Aufarbeitung des Dritten Reiches eintritt, während der Bundeskanzler mit routinierter Unerschütterlichkeit sein Placet gab zur Einbeziehung der Judenvernichtung in die Umfunktionierung der Neuen Wache zu einer Sühnestätte.
Das alles spielt sich außerhalb nachvollziehbarer Rationalität und vertrauter Rechtsstaatlichkeit ab. Und auch das geschieht bewußt in dieser Weise. Es ist kein Zufall, daß die Verteidiger dieses Status quo nun allerorts zum Tabu greifen.
Am 3. Mai 1993 trat im Max-Planck-lnstitut dem Gutachter Rudolf Prof. Dr. A. Simon mit den Sätzen entgegen: »Jede Zeit hat ihr Tabu… Auch wir Forscher müssen das Tabu unserer Zeit achten. Wir Deutsche dürfen dieses Thema nicht aufgreifen. Das müssen andere tun… Wir müssen akzeptieren, daß wir Deutsche weniger Rechte haben als die anderen…« (zit. nach einem Infoblatt der Cromwell Press).
Laut FAZ vom 20. September kritisierte der sozialdemokratische Ministerpräsident des Saarlandes den Präsidentschaftskandidaten Heitmann, weil er zu einer Einordnung des Völkermordes an den Juden geraten, ohne daraus eine Sonderrolle Deutschlands »bis ans Ende der Geschichte« abzuleiten, und sich dagegen gewandt habe, bestimmte Themen als Tabus zu behandeln. Dazu sei es zu früh (!). Wer fordere, das Tabu der Vergangenheit zu brechen, so Oskar Lafontaine, gieße Öl ins Feuer (der Rechtsextremisten).
Am 3. Oktober erklärte Ignatz Bubis im Anschluß an seine Festrede zum Tag der deutschen Einheit im Plenarsaal des sächsischen Landtags zu Dresden, ihn störe vor allem der von Heilmann benutzte Begriff der »Enttabuisierung«, den der Politiker auch auf das Thema der Ausländerproblematik angewandt wissen wolle. Dieser Begriff sei für ihn, Bubis, eindeutig »negativ besetzt« und habe »einen Beigeschmack« (zit. nach Süddeutsche Zeitung, 4. 10. 93).
Jeder, der sich seine gesunden fünf Sinne bewahrt hat, muß sich fragen, was sich diese drei Herren, von denen jeder auf seine eigene Art für intelligent gelten kann, von der Tabuisierung des brenzlich zerstrittenen Themas versprechen. Wenn die Keule der Offenkundigkeit in die Ecke gestellt wird, weil sie nicht mehr trifft, was soll dann noch eine Keule des Tabus bewirken? Sie kann doch nur bei der nächsten Beschleunigung des dramatischen Verifizierungsprozesses zu Sperrmüll werden. Und das kann schon bei der nächsten Senkung der Totenziffer von Auschwitz passieren.
Überdies haben die Juden mit der Affäre Demjanjuk das heillose Thema in die USA katapultiert, die zu den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges gehören.
Die Amerikaner hatten nie etwas unternommen, um von sich aus den dunklen Komplex der Judenvernichtung aufzuhellen. Sie wußten die Betroffenheit und die Schuldgefühle, die den Deutschen daraus erwuchsen, nur zu gern für ihre Zwecke zu gebrauchen. Das änderte sich aber, als Israel die Auslieferung eines amerikanischen Staatsbürgers erzwang, in dessen Identität es sogleich berechtigte Zweifel gegeben hatte. Als Demjanjuk in der Todeszelle saß, veröffentlichte der Publizist Pat Buchanan, der 1992 in den Vorwahlen als Präsidentschaftskandidat auftreten sollte, einen Artikel, in dem er ausführte, »daß in Treblinka unmöglich 850 000 Juden durch Dieselabgase in Gaskammern getötet worden sein können: Das Problem ist: Dieselmotoren geben nicht genügend Kohlenmonoxyd ab, um irgend jemanden damit zu töten. Die Umweltschutzbehörde verlangt keine Emissionskontrollen für Diesel-PKWs und LKWs. 1988 waren im District Columbia 97 Jugendliche in einem Tunnel 130 Meter unter der Erde eingeschlossen, während zwei Diesellokomotiven ihre Abgase in die Waggons bliesen. Nach 45 Minuten konnten alle ohne jegliche Schaden befreit werden. Demjanjuks Waffe für den Massenmord kann nicht töten!« (The New Republic, October 22, 1990, p. 26) Das war wohl der Hauptgrund dafür, daß Demjanjuk nicht gehängt wurde. Aber welch billige und riskante Rache war es, als der schließlich Freigesprochene in Handschellen in die Vereinigten Staaten überführt wurde. Kann Jerusalem da hoffen, in Sachen Holocaust von Washington noch lange unterstützt zu werden? Die Hilfe Moskaus hat es schon verloren…
Wer gießt vor dieser weltpolitischen Kulisse Öl ins Feuer? Der Diplomchemiker Germar Rudolf oder Professor Simon von der Max-Planck-Gesellschaft? Steffen Heitmann oder Oskar Lafontaine und Ignatz Bubis?
Die CDU/CSU ist in Sachen Heitmann überraschend hart geblieben. Sie hat sich dabei sogar zum ersten Mal dem Weltjudenrat widersetzt, der sich zum Ärger von Bubis, der klüger ist als Bronfman, in das Trommelfeuer eingeschaltet hatte, das die gesellschaftlich relevanten Kräfte in Szene setzten. Sie dürfte freilich nicht aus prinzipiellen Gründen an ihrem Präsidentschaftskandidaten festhalten. Kohl hatte Heitmann allein aus Wahltaktik nominiert. Ließe er ihn wieder fallen, wurden die Aussichten seiner Partei für das Wahljahr 1994 sich noch mehr verschlechtern.
Eine List der Geschichte? Vielleicht. Eine Remedur des strittigen Komplexes käme auch für Kohl, der genau informiert ist, »zu früh«. Günstigstenfalls tritt er eine Lawine los, die alle Barrieren einreißt. Was nicht frühzeitig passiert, kommt oft zu spät.

III.

Nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Theresienstadt stellte sich Leo Baeck vor die Wachmannschaft, um sie vor Vergeltungsaktionen zu schützen. Es war kein flüchtiger Impuls. Der Religionsphilosoph sagte in einem seiner letzten Gebete, als wolle er an der deutsch-jüdischen Symbiose, die er selbst mitverkörperte, unter allen Umständen festhalten: »Ein Ende sei gesetzt der Rache und allen Reden von Strafe und Züchtigung.« Das, was geschehen, spotte aller Maßstäbe. »Darum, o Gott, wäge nicht mit der Waage der Gerechtigkeit, sondern laß es anders gelten! Friede werde wieder auf dieser armen Erde über den Menschen guten Willens, und daß Friede auch über die anderen komme.«
Eine Versöhnung zwischen Deutschen und Juden wäre damals möglich gewesen, eine Versöhnung, die dieses Wort verdiente. Die Deutschen waren mitten im Zusammenbruch erschüttert und aufgewühlt, und wer von den Würdenträgern des nationalsozialistischen Regiments überlebt hatte, fragte sich und seinesgleichen: Was haben wir falsch gemacht? Wo und wann ging es mit uns abwärts? Diese Fragen gingen durch die Memoirenliteratur bis ans Ende der fünfziger Jahre. Der Antisemitismus des Dritten Reiches war nicht monolithisch gewesen. Manches war nur Kritik. Manche Maßnahmen hatten Widerspruch hervorgerufen. Der Führer hatte sich einmal beschwert, wie er den Kampf gegen die Juden bestehen solle, wenn jeder Parteigenosse (was er nicht sagte: einschließlich seiner selbst) einen guten Juden kenne und decke. Die latente Bereitschaft zur Versöhnung wurde nicht angenommen. Wie immer, wenn die Juden verblendet waren, gab es auch damals Gerechte unter ihnen, aber sie waren die einsamsten Menschen dieser Erde. So hatte es schon an mehreren Stellen das Alte Testament beschrieben. Über alle Bedenken hinweg griff eine Entwicklung Platz, die den Deutschen wie den Juden schlecht bekommen ist. Vielleicht hatte Leo Baeck dergleichen im Angesicht seines Todes geahnt und abwenden wollen.
Die Juden wägten wahrlich nicht mit der Waage der Gerechtigkeit. Sie ließen es anders gelten - doch ganz anders als es der Sterbende im Gebet erflehte. Sie brachen die Gerechtigkeit nicht des Friedens, sondern des Unfriedens willen. In den Jahrhunderten ihrer Zerstreuungen und Verfolgungen von traumatischer Herrschsucht befallen, erlagen die Juden der Versuchung, die ihnen aus der deutschen Niederlage erwuchs: sie unterwarfen die Deutschen zu einem Ende, an dem diese auf gegensätzliche Art verstockten und jene in unwidersprochenem Übermut anmaßend und maßlos über die Strange schlugen. Dem Triumph wurde noch die Krone des Hohnes aufgesetzt, indem diese Verkehrsform Versöhnung hieß.
Der Preis für das Füllhorn, das seine kurzfristigen Vorteile reichlich ausgoß, war zu hoch. Er bestand für die Juden in der Verleugnung ihrer Geschichte, die ihnen schwere Heimsuchungen immer als göttliche Strafgerichte auferlegte. Sie hatten sich 1945 nach ihren Anteilen an dem Desaster zumindest fragen müssen. Die deutsch-jüdische Symbiose war nicht von ungefähr zerbrochen. Mein Doktorvater Hans-Joachim Schoeps, einer jener einsamen Juden, hatte schon vor 1933 empfunden, daß die Symbiose von den Juden in vielfältiger Weise aufs Spiel gesetzt worden war; es ging deshalb für sie verloren. Als das Dritte Reich in Trümmern lag, lautete die allgemeine Devise, allein die Deutschen hatten alle Schuld.
Um die reinwaschende Abweichung von der jüdischen Geschichte zu begründen, bedurfte es der These von den deutschen Vergehen als unvergleichliche Verbrechen, die eine Hypostasierung der Geschehnisse erzwang. Nichts war zu schrecklich, zu abwegig, um die These festzuzurren. Damit sie nicht hinterfragt wurde, sind die Wurzeln des Antisemitismus in die Sozialpathologie der nichtjüdischen Volker verwiesen worden. Die Folge war, daß die Juden außerhalb jeglicher Kritik gerieten. Das verträgt kein Volk, ohne aus der Façon zu geraten.
Die Erhebung der Juden über die Deutschen ist den Usurpatoren noch auf andere Art schlecht bekommen. Der jüdische Geist nimmt leicht alles auf. Damit es in ihm auch Früchte trage, bedarf er der zwingenden Herausforderungen durch eine tief gegründete Hochkultur. Er lebte deshalb in der deutsch-jüdischen Symbiose buchstäblich auf. So blieben die Folgen nicht aus, als die Juden die Symbiose verächtlich auf den Kehrichthaufen der Geschichte warfen. Indem der leichten Apperzeptionskavallerie alles zu leicht gemacht wurde, setzte sie sich in den Sand. Der jüdische Geist verflachte, wurde dumm. Man vergleiche Franz Rosenzweig mit Michael Brumlick, Kurt Tucholsly mit Henryk Broder, um den steilen Sturz zu ermessen, der hier statthatte. Nur nach 1945 konnte ein »Kommis« wie Heinz Galinski, so nannte Salcia Landmann ihn, Vorsitzender des jüdischen Zentralrats in Deutschland werden.
Der überhebliche Habitus, mit dem die Juden ihre neue Rolle spielten, sollte dieses Manko vor den anderen kaschieren; er kaschierte indessen noch einen weiteren Defekt, und zwar vor sich selbst. Die Juden waren den Versuchungen der deutschen Niederlage erlegen, aber sie erlagen ihnen nicht allein aus selbständigen Stücken. Es hatte einen Versucher gegeben, einen lachenden Dritten, der sie inspirierte. Der Versucher der Juden war die Vierfältigkeit der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges. Ihr waren die Juden als Wächter über die Deutschen nur zu willkommen; es genügten einige Händevoll, um ihre fremde Herrschaft über das zerlegte Deutschland zu befestigen. Die Juden spielten als Beherrscher der deutschen Geister in Wirklichkeit nur den Büttel der Besatzungsmächte. Sie verdanken nur dem wohlwollenden Stillschweigen der Alliierten, daß die florierende Hypostasierung und Instrumentalisierung der Judenvernichtung bis heute ungefährdet anhalten konnten. Es ist verständlich, daß auf dieser erbärmlichen Position sich viele Juden in der Brust der »Weltmacht Nr. 1« warfen. Gleichwohl ist es lebensgefährlich, denn die Alliierten können sie bei veränderten Interessen in einer neuen Weltlage jederzeit ins Bodenlose versinken lassen und sich dabei wie Pilatus die Hände in Unschuld waschen - nach der Parole: die Juden waren immer die besten Sündenböcke.
Die Dummheit der Juden nach 1945 griff unter diesen Verhältnissen notwendigerweise auch auf die Deutschen über. Sie wirkte sich bei ihnen noch verheerender aus. Die Dummheit hat sich der Deutschen über zwei Infusionskanäle bemächtigt. Der erste bestand in der Annahme der Kollektivschuld an jenen unvergleichlichen Verbrechen, die nur bei einer freiwilligen Herabsetzung des Intelligenzgrades erklärlich ist; die Ersetzung der Kollektivschuld durch Kollektivscham (Heuss) oder Haftungsgemeinschaft (Wolffsohn) ist liberales Geschwätz, das an der Sache nichts ändert. Der zweite Infusionsweg war die masochistische Bewunderung des siegreichen Judentums durch die Geschlagenen. Das bedeutete nach dem Gang der Dinge, daß die Deutschen in dem Maße, wie der jüdische Geist durch Verwerfung der Symbiose verflachte, die Verdummung der Juden unterboten. Es gab keine jüdische Banalität, die von Deutschen nicht andächtig zitiert wurde. Eine Kehrseite dieser degenerativen Ehrfurcht war die Akzeptanz, der sich die jüdische Lebenslüge von der Weltmacht Nr. 1 bei einer bestimmten Spezies der Deutschen erfreute, die sich einbildete, dem jüdischen Geist zu wehren, und ihm doch bis zur Lähmung verfiel. Das sind die Verschwörungstheoretiker, die nichts daraus gelernt haben, daß die Fixierung auf Juden und Freimaurer Adolf Hitler zunehmend unfähig gemacht hatte, konkrete Lagebestimmungen zu treffen.
Die Verdummung traf die Deutschen auch stärker, weil die Aushöhlung ursprünglicher Kapazitäten Neurosen hervorrief, in denen sie affektgeladen alles niedermachten, was sich dem kollektiven Marasmus widersetzte. Das ist der vertrackte Grund für ihre Politikunfähigkeit nach dem Wiederaufstieg, die noch übertraf, was gegen Ende des Zweiten Weltkrieges Leon Degrelle 1943 in Wien festgestellt hatte: »Die Deutschen sind trotz ihrer Tüchtigkeit geistig nicht in der Lage, die Rolle zu spielen, die ihnen die Geographie aufzwingt.« Das erklärt auch, warum die Deutschen nach 1945 bei massenhafter Produktion an geisteswissenschaftlichen und schöngeistigen Werken nur wenig hinterlassungsfähige Gebilde geschaffen haben.
Die deutsch-jüdische Frage hat sich zu einem gespenstischen Herr-und-Knecht-Verhältnis zugespitzt, die von einer Umkehr aller Dinge gezeichnet ist. Eine Minderheit beherrscht ein großes Volk. Was die deutschen Juden noch in der Weimarer Republik, wie die Diskussion der Frage zeigte, ob Rathenau Außenminister werden sollte oder nicht, in vernünftiger Einschätzung ihrer Lage von sich wiesen, wird heute hemmungslos gehandhabt. Diese Minderheit, unvergleichlich geringer als in Weimar, mischt sich in alles ein, was die Deutschen als Volk angebt. Sie will, wie der Fall Heilmann zeigt, entscheiden, wer bei uns nicht Präsident werden darf. Sie will bestimmen, was in Deutschland verboten werden muß. Sie begrenzt in Deutschland den öffentlichen Diskurs und schreit Zeter und Mordio bei jeder Grenzüberschreitung. »Wir denken nicht daran, die Forschung über das Dritte Reich freizugeben.« Dieser geflügelte Satz Galinskis und seine eherne Befolgung in allen Bonner Bereichen über den Freispruch John Demjanjuks und die Baisse der Totenziffern von Auschwitz hinaus haben kein Szenarium mit einem happy end entworfen.
So etwas kann nicht gut ausgehen. Alle Anzeichen deuten darauf hin, daß die Peripetie schon überschritten ist. Die unvergleichlichen Verbrechen zerrinnen unter den Händen, die noch alles im Griff haben. Die Juden merken selbst, daß ihnen heute Antisemitismus entgegenschlägt. Es breitet sich eine Stimmung aus, die judenfeindlicher ist als im Dritten Reich. Im Unterschied zu damals kennen viele Deutsche heute einen schlechten Juden. Es wäre Zeit, das unselige Herr-und-Knecht-Verhältnis aufzulösen, das heillos ist für beide, ehe es an seiner Unverträglichkeit zerschellt.
Nur eine solche Auflösung kann den Juden den Charme des Ahasver zurückgeben, der immer etwas eisig ist, und die Deutschen wieder der Anmut ihrer seelischen Tiefen anheimgeben. Allein, Figuren, die Macht hatten, das anzuordnen und durchzusetzen, stehen in niemandes Blickfeld. Die staatsmännischen Brücken, die in den leitenden Artikeln der Staatsbriefe von September bis November dieses Jahres zum Thema gebaut wurden, sind bis zur Stunde unbetreten.
Ist das Unheil unabwendbar? Wann es kommt, ist nur eine Frage der Zeit. Daß die Stunde noch nicht schlug, widerlegt sie nicht. Die Hauptschuldigen sind auf beiden Seiten bekannt, doch niemand kann wissen, an wem sich die Volkswut vergreift, die in der Weltgeschichte noch nie wählerisch gewesen ist. Vielleicht hat Leo Baeck nach seiner Befreiung aus dem Konzentrationslager Theresienstadt auch deshalb dringend vor einem Geist der Vergeltung gewarnt.


HANS-DIETRICH SANDER, Dr. phil., geb. 1928 in Mecklenburg, 1948-52 Studium der Germanistik, Theaterwissenschaften, Theologie und Philosophie in Westberlin, 1952-56 Dramaturg im Henschelverlag in Ostberlin, 1957 Flucht in den Westen, 1958-62 u. 1965-67 Journalist bei der »Welt«, 1969 Promotion bei Hans-Joachim Schoeps (Erlangen);  1975/76 Lehrbeauftragter an TU Hannover, 1978/ 79 an FU Berlin; Publizist, Bücher: »Marxistische Ideologie und allgemeine Kunsttheorie«, 2. Auflage 1975; »Geschichte der schönen Literatur in der DDR«, 1972; »Die Auflösung aller Dinge«, 1988; »Der nationale Imperativ«, 2. Auflage 1990; Gründer und Herausgeber der »Staatsbriefe« seit 1990 (Postfach 14 06 28, D-80456 München).


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 42(1) (1994), S. 4-9

Zurück zum DGG-Menü