Die europäischen Juden

Eine technische Studie zur zahlenmäßigen Entwicklung im Zweiten Weltkrieg

Vierter Teil (Schluß):

Die jüdische Auswanderung aus Europa nach 1945

Die vom Institut für deutsche Nachkriegsgeschichte veröffentlichte vierteilige Serie über die zahlenmäßige Entwicklung der europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg stellt lediglich die Vorarbeit eines in Vorbereitung befindlichen Werkes dar, das voraussichtlich 1981 veröffentlicht wird. Neben der Vor- und Nachkriegseinwanderung europäischer Juden in westliche Ländern und Israel war der enorme Zuwachs der Juden in der Sowjetunion durch die Einverleibung von über zwei Millionen polnischen, baltischen und rumänischen Juden (1939/1940) der wichtigste Grund für den Rückgang der Zahl der nicht-sowjetischen europäischen Juden. Über das Schicksal der unter deutsche Hoheit geratenen Juden in Europa im Zweiten Weltkrieg aber können wir uns nur dann Klarheit erhoffen, wenn wir mehr Angaben über die Bevölkerungszahl der sowjetischen Städte nach dem 22. Juni 1941 in Erfahrung bringen, insbesondere in den unmittelbar an die deutsch-sowjetische Demarkationslinie angrenzenden Bereichen. Wenn, wie zahlreiche Hinweise zeigen, ein großer Teil der Bevölkerung dieser Städte von den Sowjets vor der Besetzung durch deutsche Truppen deportiert worden war - die Juden stellten nicht nur einen zahlenmäßig großen, sondern auch wirtschaftlich wichtigen Teil der Stadtbevölkerung der westlichen sowjetischen Städte dar-, dann muß die »zeitgeschichtliche« Auffassung von Millionen durch deutsche Maßnahmen ermordeten Juden grundsätzlich überdacht werden. Sowjetisch-jüdische Dissidenten jedenfalls, die in den letzten Jahren aus der Sowjetunion emigrierten, sprechen alle von einer um Millionen größeren jüdischen Bevölkerung im ›Roten Imperium‹, als von zionistischen Kreisen im Westen zugegeben wird.

 

Nach dem Zusammenbruch des Großdeutschen Reiches ergoß sich eine Flut von nicht-deutschen Flüchtlingen aus dem Osten in die drei westlichen Zonen des besetzten Deutschland; darunter waren auch viele Juden. Der britische General Sir Frederick Morgan, nach dem Krieg Leiter der UNRRA (United Nations Relief und Rehabilitation Administration) in Deutschland erklärte Ende 1945 in einem Interview in Frankfurt, daß eine unbekannte jüdische Organisation große Massen von Juden aus dem Osten nach Deutschland einschleuse und daß diese alle gut gekleidet und wohlernährt sind. Auch der zionistische Gelehrte Hilberg stellte fest:

»In Polen, der Tschechoslowakei und in Ungarn haben viele Juden gar nicht erst abgewartet; sie machten sich sofort auf die Reise... Von Polen ergoß sich die Flut durch die Tschechoslowakei in die amerikanische Zone Deutschlands. Von Ungarn und sogar von Rumänien kamen Juden in Österreich an. Im November 1945 verstärkte sich diese Flut, und Tausende dieser Flüchtlinge strömten nach Italien.«[1]

Gleich nach dem Krieg waren dem jüdischen Historiker Solomon Grayzel zufolge mehr als 250.000 Juden in DP-Lagern in Deutschland, und im Juli 1947 sollen sich noch immer mehr als 400.000 jüdische Flüchtlinge in Westeuropa aufgehalten haben[2]. Dabei darf nicht vergessen werden, daß diese Zahlen nur den angeblichen Bestand zu bestimmten Stichtagen wiedergeben, denn während all dieser Zeit haben Hunderttausende von Juden Europa in Richtung Israel, Nord- und Südamerika und anderswohin verlassen!

Dieses unkontrollierte Kommen und Gehen in jener chaotischen Nachkriegszeit machte leider eine Erfassung der wandernden, flüchtenden und entwurzelten Juden unmöglich. Die einzige Möglichkeit, heute über das Ausmaß jener Völkerwanderung auch nur ein grobes Bild zu erhalten, besteht darin, die Einwanderung in der Nachkriegszeit in den Hauptaufnahmeländern festzustellen.

a) Vereinigte Staaten

Schon 1937 lebten nach halboffiziellen Angaben 4.770.647 Juden in den USA[3]. Betrachten wir aber die diversen Veröffentlichungen des American Jewish Year Book, werden wir durch folgende Angaben überrascht:

1947
1949
1957
1959
1960
1968
1971

4.771.000 Juden
5.000.000 Juden
5.197.000 Juden
5.367.000 Juden
5.532.000 Juden
5.869.000 Juden
6.060.000 Juden

Diese Zahlen sind in dieser Form reine Phantasie! Man schrieb einfach den schon 1937 erreichten Bevölkerungsstand ohne Änderung 12 Jahre lang fort. Als man sich 1949 zu einer Anpassung entschloß, wurde die Zahl gerade um 229.000 erhöht, also kaum genug, um das natürliche Wachstum zu erklären. Diese Zahlen können nur politisch motiviert sein.

1943 schon bezifferte der bekannte jüdische Historiker und frühere Generalsekretär des Hilfsvereins der Deutschen Juden, Mark Wischnitzer, der seit 1938 im Dienste des Joint Distribution Committee stand und führend an der Herausgabe der Universal Jewish Encyclopedia beteiligt war[4], in einem Artikel im The Jewish Quarterly Review die jüdische Bevölkerung der USA auf 5.199.200[5]. Der Anstieg um 429.000 seit 1937 rührt zum größten Teil von einer gewaltigen Einwanderung her. Dies wurde am 26.Nov.1943 vom amerikanischen stellv. Außenminister Breckenridge Long vor einem Untersuchungsausschuß des Repräsentantenhauses, dem House Foreign Affairs Committee, bestätigt. Er erklärte:

»Die Vereinigten Staaten haben etwa 580.000 Opfer der Verfolgung durch das Hitler-Regime, seit es vor zehn Jahren begann, aufgenommen... die meisten davon waren Juden.«[6]

Die offiziellen Einwanderungsstatistiken jedoch weisen nur einen Bruchteil dieser Einwanderung aus. Der Grund dafür liegt erstens in der Tatsache, daß - wie Mr. Long weiter bestätigte - auch Juden mit Besuchervisa hereingelassen wurden, und zweitens in der eigenartigen Registrierungsmethode, derzufolge - wie der bekannte jüdische Statistiker Arthur Ruppin feststellte - Juden nur als jüdische Einwanderer registriert wurden, wenn sie nach außen durch ihre Alltagssprache deutlich als solche zu erkennen waren. Das bedeutet, daß jüdische Einwanderer aus Deutschland in der Regel als »Deutsche« erfaßt wurden[7].

Im Jahre 1970 fand eine großangelegte Erhebung der jüdisch-amerikanischen Bevölkerung, die sog. National Jewish Population Study (NJPS) unter Leitung des Council of Jewish Federations and Welfare Funds statt. Ziel dieser Erhebung war nicht, alle Juden - nach dem Motto »Jude ist Jude« -, sondern nur diejenigen Juden zu erfassen, die sich in irgendeiner Form noch mit dem Judentum identifizierten. Das heißt, Juden, die alle Beziehungen zum Judentum abgebrochen hatten und keinerlei innere oder äußere Beziehungen zu ihm mehr unterhielten, wurden nicht berücksichtigt[8]. Wir wollen versuchen, an Hand der Ergebnisse des NJPS Antworten auf unsere Fragen bezüglich Einwanderung zu erhalten.

NJPS fand nur 5.731.685 Personen in jüdischen Haushalten, davon waren lediglich 5.370.000 Juden[9]; anscheinend also nur 170.000 mehr, als schon 1943 in den Vereinigten Staaten lebten. Eine Analyse der Altersstruktur zeigt aber die völlige Unmöglichkeit einer solch geringen Zunahme[10].

Zwar hatten die Geburten in den Jahren 1941 bis 1945 nur ein sehr niedriges Niveau, aber von 1946 bis 1960 war es relativ hoch. Die Zahlen lassen darauf schließen, daß der Geburtenüberschuß von 1946 bis 1960 bei schätzungsweise 0,8% pro Jahr lag. In dem Jahrzehnt 1961-1970 dagegen verzeichneten die Geburten einen starken Rückgang; es ist anzunehmen, daß die natürliche Zuwachsrate auf 0,2% abfiel[10a]. Mit solchen Wachstumsraten hätte die jüdische Bevölkerung auch ohne Nachkriegseinwanderung im Jahre 1970 die Sechs-Millionen-Grenze erreichen müssen.

 

Anteil in %

Geburtsjahre

Alter

pro Altersgruppe

pro Jahrgang

1966-1970
1961-1965
1956-1960
1951-1955
1946-1950
1941-1945

0- 4
5- 9
10-14
15-19
20-24
25-29

5,70
6,70
10,10
9,40
8,70
5,70

1,14
1,34
2,02
1,88
1,74
1,14

Die absolute Unmöglichkeit von nur 5,37 Millionen Juden im Jahre 1970 wird noch von weiteren Ergebnissen des NJPS gestützt. NJPS stellte nämlich fest, da 8,6% aller Haushaltsvorstände der Altersgruppe ›20 bis 24 Jahre‹ - Geburtsjahre: 1946-1950! - im Ausland geboren waren[11]. Es gibt keinen Grund dafür, daß sich die Haushaltsvorstände merklich von der Gesamtbevölkerung unterscheiden. Das heißt, man kann davon aus gehen, daß in der gesamten Altersgruppe ›20 bis 24 Jahre‹ auch 8,6% im Ausland geboren waren.

Damit kommen wir zu folgenden Resultaten: Bei einer jüdischen Bevölkerung von 5,37 Millionen gehörten 8,7% der Altersgruppe ›20 bis 24 Jahre‹ an, als insgesamt 467.000. Davon waren 8,6 % oder ca. 40.000 in den Jahren 1946 bis 1950 im Ausland geboren.

Von der einfachen Überlegung ausgehend, daß Einwanderer meistens einen größeren Anteil an jüngere Jahrgängen aufweisen, können wir die Gruppe der Jahrgänge 1946-1950 auf 10% unter den Einwanderern veranschlagen. Dies läuft auf eine Gesamteinwanderung von 400.000 hinaus!

Unter Zugrundelegung der vom NJPS ermittelten Altersstruktur und der sich daraus ergebenden natürlichen Zuwachsraten mußte der Geburtenüberschuß in der Zeit von 1946 bis 1970 etwa 700.000 betragen. Ziehen wir diese beiden Nachkriegsentwicklungen. nämlich Geburtenüberschuß und Einwanderung, von den 5,37 Millionen des Jahres 1970 ab, dann müßten wir auf den Stand der jüdischen Bevölkerung bei Kriegsende kommen.

Diese Zahl liegt aber noch eine halbe Million unter der schon für 1937 ermittelten Bevölkerungszahl!

Die daraus zu ziehende Schlußfolgerung ist keineswegs, daß die vom NJPS ermittelten Daten falsch sind. Sie stimmen sehr wahrscheinlich. Das Problem ist, diese Untersuchung war nur an den Juden interessiert: die noch Bindungen zum Judentum besaßen, die assimilierten Juden wurden nicht gezählt. Kurz, die Studie zeigt, welch riesige Verluste die amerikanischen Juden in den letzten Jahrzehnten durch Assimilation erlitten!

Angebliche jüdische Bevölkerung - 1970
abzüglich:

Geburtenüberschuß 1946-1970
Einwanderung 1946-1970

Verbleiben


700.000
400.000

 

5.370.000



1.100.000

4.270.000

Doch wie groß war nun die jüdische Bevölkerung tatsächlich im Jahre 1970? Als der World Almanac and Book of Facts die zionistischen Bevölkerungsziffern für 1957 veröffentlichte, waren ihm diese Zahlen doch etwas zu anachronistisch. Zwar veröffentlichte er die Zahl von 5,2 Millionen, fügte aber gleichzeitig hinzu, daß »eine unabhängige Studie den Anteil (der jüdischen Bevölkerung) auf 3,69% und die mögliche Zahl der Juden in den Vereinigten Staaten auf 6,29 Millionen festgelegt« hatte[12].

Gehen wir von diesen 6,29 Millionen (1957!) aus und projizieren sie auf der Basis der o. a. Zuwachsraten bis 1970, dann kommen wir auf runde 6,6 Millionen. Diese Zahl schließt natürlich auch die assimilierten Juden mit ein. Falls diese, was anzunehmen ist, keine drastisch differenzierten Merkmale aufwiesen, gehörten also von den 6,6 Millionen 8,7% den Jahrgängen 1946-1950 an, und davon waren 8,6% im Ausland geboren; das Verhältnis dieser Altersgruppe zur gesamten eingewanderten jüdischen Bevölkerung (nach 1945) war demnach auch 1 zu 10. Die sich daraus ergebende Entwicklung wäre wie folgt:

 Jüdische Bevölkerung in den Vereinigten Staaten - 1970

6.600.000

abzüglich:  
Geburtenüberschuß 1946-1970 (errechnet auf der Basis der oben angegebenen Geburtenüberschüsse der Nachkriegszeit) 865.000

Einwanderung 1946 1970

(errechnet wie folgt: jüdische Bevölkerung der Jahrgänge 1946-1950 ist 8,7% von 6.600.000 oder 574.000;
davon sind im Ausland geboren 8,6% von 574.000
oder 49.000;
diese 49.000 stellen ungefähr 10% der Gesamteinwanderung dar.)

ca. 490.000

Gesamte Nachkriegsveränderung

1.355.000

Verbleiben 1945

5.245.000

Diese Zahl liegt leicht über dem von Wischnitzer für 1943 angegebenen Bevölkerungsstand. Unter Berücksichtigung der von Mr. Long erwähnten Einwanderung bis 1943 wird auch die halbamtliche jüdische Bevölkerungszahl für 1937 bestätigt.

Die relative Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung nach Alter und Auslandsgebürtigkeit, wie vom NJPS ermittelt, macht die Schlupfolgerung zwingend, daß nicht weniger als 6,6 Millionen Juden in den Vereinigten Staaten lebten. Davon waren 490.000 nach dem Krieg eingewandert, und 865.000 sind dem natürlichen Wachstum seit 1946 zuzuschreiben. Gleichzeitig erbrachte die NJPS ungewollt die Bestätigung dafür, daß 11/4 Millionen Juden, oder einer unter fünf, sich seit Kriegsende vom Judentum losgesagt haben:

Tatsächliche Bevölkerung 1970
Vom NJPS ermittelte Juden 1970
Assimilierte Juden

6.600.000
5.370.000
1.230.000

b) Israel

Die Bevölkerungsentwicklung von 1943 bis 1948 läßt darauf schließen, daß in diesem Zeitraum ca. 100.000 Juden in Palästina ankamen. Vom Mai 1948 bis Dezember 1970 wanderten 1.399.112 Juden ein, und zwar aus[13]:

Osteuropa (ohne UdSSR)
UdSSR
Westeuropa

Europa
Westliche Hemisphäre
Asien
   davon: Iran
Afrika
   (davon: Marokko
   Tunesien
Sonstige

Insgesamt








60.581)

252.642
46.255)

487.326
21.391
75.037

583.754
75.372
322.746

392.443


24.797

1.399.112

Unter den 60.581 aus dem Iran können kaum iranische Juden gewesen sein. Vor dem Krieg soll der Iran 40.000 Juden beherbergt haben[14]; nachdem bis 1970 60.581 Juden den Iran in Richtung Israel verlassen hatten, waren 1971 immer noch 80.000 dort[15]. Da eine solch karnickelartige Vermehrung auf berechtigte Zweifel stößt, bleibt nur eine Erklärung: Sie müssen im Laufe des Krieges in Persien, aus Osteuropa kommend, eingewandert sein. Die Sowjetunion, Großbritannien und die USA hatten die Neutralität des Iran mit Waffengewalt gebrochen, und das Land war somit auch nicht in der Lage, die Einwanderung von Juden, die dem deutschen Einflußgebiet (über Bulgarien und die Türkei) entflohen waren und die kein Land aufnehmen wollte, zu verhindern.

Französisch-Marokko hatte 1936 durch eine Volkszählung 161.312 Juden ermittelt[16]. Auch bei einer Vermehrung von 1% pro Jahr (die Sterblichkeitsrate der afrikanischen Juden war relativ hoch) konnten sie bis 1960 auf nur knapp über 200.000 zugenommen haben. Aber nach der Auswanderungswelle Anfang der sechziger Jahre waren 1971 immer noch 48.000 in Marokko[17]. Mit anderen Worten, es können eigentlich im Höchstfall nach der Statistik nur ca. 150.000 Juden nach Israel ausgewandert sein. Tatsächlich waren es aber 252.642. Das heißt, da Marokko als französisches Protektorat während und nach dem Krieg Auffangland für europäische Juden war, sind 100.000 der 252.642 in Israel eingewanderten »marokkanischen« Juden den europäischen zuzuordnen.

Ähnlich war es in Tunesien. Laut Volkszählung gab es 1936 59.485 Juden[18]. 1951 aber waren es schon 105.000[19]. Bei einem natürlichen Anwachsen auf 70.000 (1% pro Jahr), müßten also 35.000 Einwanderer aus Europa darunter gewesen sein. Als die Masse der Juden Tunesien in den 50er und 60er Jahren verließ (10.000 waren 1970 noch dort), gingen 46.255 nach Israel, der Rest von 49.000 übersiedelte nach Frankreich. Damit beträgt die Zahl der aus Europa (ohne UdSSR) stammenden jüdischen Einwanderer in Israel nach dem Krieg ungefähr 858.000:

nach 1948: aus Osteuropa (ohne UdSSR)
        Westeuropa
   Europäische Juden aus:
        dem Iran
        Marokko
        Tunesien

487.326
75.037

60.581
100.000
35.000


Einwanderung 1943-1948

757.944
100.000
858.000

c) Frankreich

Als einziges unter den Hauptaufnahmeländern jüdischer Nachkriegseinwanderer war Frankreich während des Krieges besetzt und hatte außerdem eine große Einwanderung aus Nordafrika zu verzeichnen. Aus Tunesien kamen 49.000; in Algerien hatten sich 1962/1963 von den 130.000 algerischen Juden nur 13.000 für Israel entschieden; außer 1500 ist der Rest von 115.500 nach Frankreich gezogen, als Algerien unabhängig wurde[20]. Zusammen mit den bei Kriegsende angeblich in Frankreich überlebenden 238.000 Juden[21] würde dies 403.000 Juden ergeben. Zwar erwiesen sich die nordafrikanischen Juden als relativ fruchtbar, aber die alteingesessenen französischen Juden hatten eine in Europa übliche geringe Zuwachsrate. Es ist deshalb kaum anzunehmen, daß sich diese gemischte jüdische Bevölkerung bis 1977, als in Frankreich die jüdische Bevölkerungszahl von offizieller Seite ermittelt wurde, auf mehr als 450.000 vermehrt hat. Von der amtlicherseits in den 70er Jahren festgestellten jüdischen Bevölkerung von 700.000[22] abgezogen, ergibt dies eine weitere Einwanderung, deren Ursprung nur in Osteuropa gelegen haben kann. Sie umfaßt 250.000 Personen!

d) Lateinamerika und die angelsächsischen Länder

Der jüdische Bevölkerungsstand im Jahre 1943 und in der Nachkriegszeit stellt sich folgendermaßen dar[23].

Der Anstieg der lateinamerikanischen jüdische Bevölkerung in der Nachkriegszeit ist größtenteils der Einwanderung zu verdanken, wie ein Blick auf die oft sprunghafte Zunahme in den einzelnen Ländern zeigt Da es sich bei Lateinamerikas Juden meistens um großstädtische Einwohner handelt, insbesondere in Argentinien und Brasilien, und die meisten davon in dem Land mit dem geringsten Bevölkerungswachstum in Lateinamerika, in Argentinien, leben, ist es äußerst unwahrscheinlich, daß der Geburtenüberschuß mehr als 100.000 betragen hat, d. h. die Netto-Einwanderung muß 150.000 erreicht haben.

Die angelsächsischen Länder verzeichnen ein Zunahme um 277.000 von 666.741 auf 944.045. Mit der möglichen Ausnahme von Kanada stagnierte die jüdische Bevölkerung und setzte damit den Trend der Vorkriegsjahre fort. Von Anfang der 30er Jahre bis 1943 verzeichnete die jüdische Bevölkerung dieser Ländergruppe zum Beispiel eine Zunahme von 97.000, aber davon waren 90.000 der Einwanderung zuzuschreiben[24]. Unter Berücksichtigung der niedrigen natürlichen Zuwachsrate und im Falle Englands auch der kurzen Zeitintervalls (bis 1950) ist höchstenfalls ein Geburtenüberschuß von vielleicht 10% oder 27.000 möglich gewesen. Der Rest von 250.000 ist der Nachkriegseinwanderung zuzuordnen.

 

1943

Nachkriegszeit

(Jahr)

Argentinien
Brasilien
Chile
Kolumbien
Mexiko
Peru
Uruguay
Venezuela

Lateinamerikanische Länder

Kanada
Australien
Südafrika
England

Angelsächsische Länder

Insgesamt

350.000
110.750
25.000
5.800
20.000
2.150
37.000
1.600

552.300

170.241 (1941)
32.500
99.000
365.000

666.741

1.219.041

500.000
150.000
40.000
10.000
35.000
5.000
50.000
12.000

802.000

296.945[25]
72.000
125.100
450.000

944.045

1.746.045

1970
1970
1950
1970
1970
1970
1970
1970

 

1971
1970
1970
1950

Die Nachkriegseinwanderung in den besprochene Ländern - USA, Israel, Frankreich, lateinamerikanische und angelsächsische Länder - von 1.998.000 schließt jedoch auch die Rückkehrer aus der Sowjetunion nach 1945 von ca. 158.000 mit ein[26]. Wenn wir diese in Abzug bringen, betrug die Auswanderung aus den europäischen Ländern (ohne UdSSR) ca. 1,8 Millionen:

Vereinigte Staaten
Israel/Palästina
Frankreich
8 lateinamerikanische Länder
4 angelsächsische Länder

Nachkriegseinwanderung in o. a. Ländern
Rückkehrer aus der UdSSR nach 1945

Auswanderung aus den europäischen Ländern (ohne Sowjetunion)

490.000
858.000
250.000
150.000
250.000

1.998.000
158.000

1.840.000

1970 sollen aber in den ehemals besetzten Ländern Europas (ohne Frankreich) außerhalb der UdSSR 370.000 Juden gelebt haben, davon 217.000 in den kommunistischen Ländern[27]. Wie akkurat diese Ziffern sind, ist schwer zu beurteilen. Insbesondere in Europa war die Tendenz zur Assimilierung groß, die Verstädterung und die Auswanderung der jüngeren, fruchtbaren Jahrgänge führte bei den verbliebenen europäischen Juden zu teils recht erheblichen Geburtendefiziten, und die steigende Zahl von Mischehen tat ein übriges. Unter diesen Umständen ist anzunehmen, daß die entsprechende Zahl für 1945 mindestens 10% höher gelegen haben muß, wahrscheinlich sogar beträchtlich höher als bei über 400.000. Addieren wir dazu noch die angeblich 238.000 in Frankreich nach dem Krieg vorgefundenen Juden, kommen wir auf runde 640.000. Unter Berücksichtigung einer Nachkriegsauswanderung von 1.840.000 müßten also in den besetzten Ländern (außerhalb der Sowjetunion) 2,48 Millionen Juden den Krieg in Europa überlebt haben:

In Frankreich verblieben
In restlichen europäischen Ländern verblieben
Nachkriegsauswanderung aus europäischen Ländern

238.000 Juden
400.000 Juden
1.840.000 Juden

In europäischen Ländern außerhalb der Sowjetunion überlebende Juden - 1945

2.478.000

Zu Anfang des Krieges mit der Sowjetunion sollen dem American Jewish Year Book zufolge - ohne Berücksichtigung Polens, aber unter Einbeziehung Italiens, Bulgariens, Rumäniens, Ungarns usw. - 2.300.000 Juden im deutschen Einflußbereich gelebt haben[28]. Diese Zahl ist mit Sicherheit um mindestens ein Zehntel zu hoch. Um nur einige Beispiele anzuführen:

  1. Ungarn (Trianon-Grenzen von 1919) wird mit 444.567 Juden aufgeführt. Diese Zahl galt für 1930[29]. Schon für 1939 liegen zionistische Berichte vor, wonach damals nur noch 404.000 Juden auf dem gleichen Gebiet lebten[30].
  2. Das von Ungarn 1938 annektierte slowakische Gebiet soll 81.720 Juden gehabt haben. Dies ist völlig ausgeschlossen. Nach der Volkszählung von 1930 lebten in der gesamten Slowakei 135.737[31] Juden. Als die Slowakei sich 1938 von der Tschechei trennte, lebten in der nun unabhängigen, gebietsmäßig aber kleineren Slowakei nur 85.045 Juden[32]. Außerdem waren zwischenzeitlich einige tausend ausgewandert. Also konnten in dem von Ungarn besetzten Gebiet nicht mehr als 45.000 Juden[33] gelebt haben (85.045 plus 45.000 plus einige tausend Auswanderer ergibt 136.737).
  3. Auch die Zahl von 339.513 für das bis 1941 stark zusammengeschrumpfte Rumänien basiert wohl auf der Volkszählung von 1930. Wie wir vom Institut für Zeitgeschichte wissen, sind jedoch auch aus diesem Land die Juden in großen Scharen ausgewandert. Unseren Berechnungen zufolge können im Rumpf-Rumänien vom Mai 1941 noch ca. 300.000 Juden gewesen sein[34].
  4. Die vom Year Book für Holland angegebene Zahl von 186.817 (Mitte 1941) ist unseriös. Die Volkszählung von 1930 registrierte nur 111.917 Juden[35]. Zehntausende von jüdischen Flüchtlingen kamen in den 30er Jahren in den Niederlanden an. Nach Mitteilung des Niederländischen Roten Krenzes waren Mitte 1941 140.552 Juden in Holland[36].

Die wenigen Beispiele demonstrieren, wie übertrieben die Zahlen für die jüdische Bevölkerung zu Kriegsanfang sind. In diesen vier Beispielen allein fanden wir schon über 160.000 »Phantom«-Juden:

Jüdische Bevölkerung Mitte 1941

 

Lt. American
Jewish Year Book

Tatsächlich

»Phantom« -
Juden

Ungarn (Grenzen von 1919)
Von Ungarn besetztes slowakisches Gebiet
Rumpf-Rumänien
Niederlande
Summe

444.567 -
81.720 -
339.513 -
186.817 -
1.052.617 -

404.000
45.000
300.000
140.552
889.552

= 40.567
= 36.720
= 39.513
= 46.265
= 163.065

Ferner müssen wir die insgesamt 165.000 ungarischen und karpatho-ukrainischen Juden berücksichtigen, die nach 1945 in der Sowjetunion verschwanden (siehe DGG 1980, Nr. 2, S. 20) sowie die 50.000 großungarischen Juden, die als Angehörige des ungarischen militärischen Arbeitsdienstes im Felde blieben[37].

Damit ist es uns möglich, die Zahl der während des Krieges in den deutschen Einflußbereich geratenen Juden außerhalb der Sowjetunion festzustellen und sie mit den Überlebenden von 1945 zu vergleichen:

Juden in besetzten europäischen Ländern außerhalb der Sowjetunion und Polens im Mai 1941 (lt. Angaben des American Jewish Year Book)
Polnische Juden unter deutscher Verwaltung
abzüglich: »Phantom«-Juden

Während des Krieges im deutschen Einflußbereich befindliche europäische Juden außerhalb der UdSSR
abzüglich:
    Nach 1945 in der UdSSR verschwundene ungarische und karpatho-ukrainische Juden
    Gefallene Juden in der ungarischen Armee

1945 zu erwartende überlebende Juden
Von uns ermittelte überlebende Juden (siehe oben)

»Vermißte« Juden


2.300.000
756.000
(163.000)


2.893.000

(165.000)
(50.000)

2.678.000
2.478.000

200.000

Uns ist nicht bekannt, wie die »vermißten« 200.000 zu erklären sind. Sicherlich würde eine detaillierte Überprüfung der Vorkriegszahlen für die restlichen europäischen Länder weitere Übertreibungen ausfindig machen. Auch ist es durchaus wahrscheinlich, daß die genannten Zahlen für die 1970 in Europa lebenden Juden viele »untergetauchte« Juden nicht erfaßt haben.

Weiterhin haben wir uns in dieser kurzen Ausarbeitung nur mit den Hauptaufnahmeländern beschäftigt. Alle diese Faktoren können gut und gern weitere 100.000 oder mehr ausmachen. Der Rest aber besteht sicherlich aus tatsächlichen Verlusten, hervorgerufen durch Epidemien in den deutschen Lagern, alliierte Bombardements und miserable Verpflegung in den letzten chaotischen Kriegsmonaten. Die 4,5 bis 6 Millionen Juden, die - wie man sagt - der »Endlösung« zum Opfer fielen, sind bei dieser Untersuchung nicht aufgefunden worden.


Anmerkungen zum 4. Teil

  1. Hilberg, Raul. The Destruction of the European Jews, N.Y., 1973, S. 729-730.
  2. Butz, Arthur R. The Hoax of the Twentieth Century, Los Angeles, 1977, S. 232.
  3. American Jewish Year Book (AJYB), 1976, Vol. 77, S. 271 - 274.
  4. Encyclopaedia Judaica, N.Y., 1971, Vol. 16, S. 554-555.
  5. Wischnitzer, Mark. »The History of the Jews in Russia in Recent Publications«, The Jewish Quarterly Review, Philadelphia, 1944-1945, Vol. XXXV, S. 393.
  6. New York Times, »580.000 Refugees Admitted to United States in Decade,« 11.12.1943, S. 1.
  7. Ruppin, Arthur. The Jewish Fate and Future, London, 1940, S. 46.
  8. AJYB, 1974, Vol. 75, S. 300, und 1977, Vol. 78, S. 262 - 263.
  9. ebd., 1974, Vol. 75, S. 296-297.
  10. ebd., 1973, Vol. 74, S. 271.
  11. Im Vergleich zum Rückgang der Wachstumsrate um 0,6 Prozentpunkte bei der jüdischen Bevölkerung verzeichnete die gesamte amerikanische Bevölkerung eine Reduzierung um 0,5 Prozentpunkte im gleichen Zeitraum: US Department of Commerce, Bureau of the Census, Population Estimates and Projections, Current Population Report, Series P-25, Nr. 632, Juli 1976, S. 1.
  12. AJYB, 1973, Vol. 74, S. 276.
  13. 1958 World Almanac and Book of Facts, N.Y., S. 270.
  14. Encyclopaedia Judaica, Vol. 9, S. 535-542
  15. AJYB, 1944, Vol. 46, S. 501.
  16. 1972 World Almanac, S. 156.
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  19. AJYB, 1944, Vol. 46, S. 501.
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  22. Reitlinger, Gerald. The Final Solution, N.Y., 1961, S. 328.
  23. International Herald Tribune, »French Revise Policies to Court the Jewish Vote«, 10. Mai 1977, S. 2.
  24. AJYB (verschiedene Ausgaben).
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  37. Reitlinger. Final Solution, S. 329.
  38. Encyclopaedia Judaica, Vol. 9, S. 1098: Als sich die 2. Ungarische Armee nach dem Durchbruch der Roten Armee am Don im Januar 1943 praktisch auflöste, sind allein in dieser Katastrophe 40.000-43.000 der 50.000 in ungarischen Arbeitsbataillonen dienenden Juden auf der Flucht umgekommen. Da die anderen Rückzugskämpfe auch verlustreich waren, dürfte die Gesamtzahl der ungarischen Juden, die im Laufe des Krieges als Angehörige des ungarischen militärischen Arbeitsdienstes den Tod fanden, 50.000 weit überschritten haben.

Eine Bitte unserer Redaktion:

Alle Leser, die über Informationen bezüglich der Bevölkerungszahl der nach dem 22. Juni 1941 unter deutsche Verwaltung gekommenen sowjetischen Städte verfügen, werden gebeten, diese unserer Redaktion mitzuteilen.


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 28(4) (1980), S. 25-31

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