Die europäischen Juden

Eine technische Studie zur zahlenmäßigen Entwicklung im Zweiten Weltkrieg

Dritter Teil

Die jüdische Nachkriegsbevölkerung in der Sowjetunion

In der Nachkriegspresse wird die Zahl der in der Sowjetunion überlebenden Juden mit ca. 2 Millionen oder weniger angegeben: Das American Jewish Year Book kam auf 2.032.500[1], andere zionistische Quellen sogar nur auf 1.500.000. Man bestreitet heute die Tatsache, daß es den Sowjets gelungen ist, die Masse der jüdischen Bevölkerung nach dem angeblich unerwarteten, »überfallartigen« Angriff durch Deutschland rechtzeitig zu evakuieren. Wenn trotzdem 600.000 Juden in der Roten Armee gedient haben[2], dann wäre dies wohl nur mit der Evakuierung eines Teils der wehrfähigen männlichen jüdischen Bevölkerung zu erklären.

Um das damit verbundene Problem zu sehen, müssen wir uns Zahlen über die Alterszusammensetzung derjenigen Juden beschaffen, die in den niemals von Deutschland besetzten Teilen der UdSSR vor Kriegsausbruch (1941) lebten. Da es solche Zahlen unseres Wissens nicht gibt, wollen wir die Altersstruktur der polnischen Juden zugrunde legen. Auf der Basis der von Universal Jewish Encyclopedia aufgeführten Statistiken können wir darauf schließen, daß 46,5% in der Altersgruppe von 18 bis 44 Jahren waren[3]. Vor Kriegsausbruch lebten über 1,5 Millionen Juden in Teilen der Sowjetunion, die niemals besetzt wurden (siehe auch 1. Teil dieser Studie). 46,5 % dieser mehr als 1,5 Millionen ergeben ca. 700.000. Bei einem Geschlechterverhältnis von 1 zu 1, lebten vor 1941 nur 350.000 Juden und 350.000 Jüdinnen der Altersgruppe 18 bis 44 Jahre in den von Deutschland niemals erreichten sowjetischen Gebieten.

Von diesen 350.000 männlichen Juden im wehrfähigen Alter wiederum wurden kaum alle eingezogen: Rückstellungen wegen der Notwendigkeit, Fachkräfte in der Industrie zu belassen, körperliche Gebrechen usw. ließen bestimmt nicht zu, daß davon mehr als 250.000 eingezogen wurden. Also müssen 350.000 aus den besetzten Gebieten stammen. Legt man auch hier das gleiche Verhältnis zwischen denen, die in die Rote Armee eingezogen, und denen, die zurückgestellt wurden, zugrunde, dann müssen die Sowjets ca. 500.000 jüdische Männer im wehrfähigen Alter aus den besetzten Gebieten entfernt haben.

Damit kommen wir auf rund 2,1 Millionen. Ziehen wir davon die 300.000 gefallenen jüdischen Rotarmisten ab und addieren die angeblich nur sehr geringe Anzahl von Juden, die die deutsche Besetzung überlebten, dann kommen wir tatsächlich auf nur ca. 2 Millionen oder

weniger überlebende sowjetische Juden. Nur so ist erklärlich, wieso so viele Juden in der Roten Armee dienten, obwohl doch die meisten Sowjetjuden - wenigstens in der Nachkriegsversion - in deutsche Hände gefallen sein sollen.

Doch die Sache hat einen Haken. Insgesamt hätten den Sowjets also 850.000 Juden im wehrfähigen Alter zur Verfügung gestanden; die Mehrzahl wurde eingezogen, und 300.000 können im Felde geblieben sein. Übrigblieben nach Kriegsende nur noch 550.000 männliche Juden dieser Altersgruppe. Falls die Sowjets aber nur die obengenannte halbe Million männlicher Juden evakuiert hatten und die Masse der Juden zurückgelassen wurde, wie heute stets behauptet wird, dann können nach 1945 den überlebenden 550.000 männlichen Juden nur 350.000 Jüdinnen derselben Altersgruppe gegenübergestanden haben, ein Verhältnis von 3 zu 2. Eine solch »verkehrte« Geschlechterstruktur ist u.W. aber nirgends in der Nachkriegsliteratur kommentiert worden. Im Gegenteil, die sowjetische Volkszählung von 1970 zeigt trotz der in den 25 Jahren eingetretenen Normalisierung der Geschlechterstruktur deutlich weniger männliche als weibliche Juden auf 46 % zu 54%; konkreter gesagt, es gab 175.000 weniger Juden als Jüdinnen[4]. (Bundesrepublik 1970: 47,6% zu 52,4%)

Wir sehen uns also folgenden Tatsachen gegenüber:

  1. Nach dem Krieg gab es einen gewaltigen Frauenüberschuß, was auf sehr große Gefallenenverluste unter den jüdischen Rotarmisten deutet.
  2. Dieses große Männerdefizit bestätigt die von den Sowjets während des Krieges herausgegebene Zahl von 600.000 Juden in der Roten Armee.
  3. Wenn 1970 aber trotzdem noch 17% mehr Jüdinnen als Juden in der Sowjetunion lebten, müssen die Sowjets einfach auch die Frauen und somit die dazu gehörenden Familien evakuiert haben.

Die Nachkriegsthese, derzufolge die Masse der Juden keine Gelegenheit hatte, rechtzeitig zu fliehen, ist daher nicht mehr haltbar. Die sowjetische Volkszählung von 1970 ist damit endgültig der Beweis für eine Massenevakuierung der Juden im Jahre 1941!

Wie verläßlich ist die sowjetische Volkszählung von 1970? Erstens haftet allen sowjetischen Statistiken das Stigma der Manipulation an. Aber auch wenn wir diesen Einwand beiseite lassen, liegt doch der größte Nachteil in der Methode. Es wurde dem einzelnen überlassen, sich zu diesem oder jenem Volkstum zu bekennen. Dadurch verschafften die Sowjets nicht nur den gänzlich assimilierten Juden, sondern auch denen, die sich mit dem Judentum verbunden fühlten, eine Gelegenheit, nach außen nicht als Juden in Erscheinung treten zu müssen, was bei der antisemitischen Einstellung großer Teile der slawischen und baltischen Bevölkerung verständlich ist. Daß die Tendenz zur Assimilierung unter den Juden männlichen Geschlechts größer ist, ist eine Tatsache, die auch in westlichen Ländern beobachtet werden kann. Die 1970 noch bestehende Differenz zwischen den Geschlechtern kann deshalb zu einem gewissen Teil dadurch zu erklären sein.

Mit anderen Worten, während die sowjetische Volkszählung trotz gewisser Vorbehalte in etwa die geschlechtermäßige und wohl auch altersmäßige, Zusammensetzung der sowjetischen Juden im Jahre 1970 widerspiegelt, ist sie wertlos, was die absolute Zahl der in der Sowjetunion lebenden Juden betrifft.

Die in der Nachkriegspresse vor 1959 veröffentlichten Zahlen von nur zwei Millionen überlebenden Juden in der UdSSR können sich keineswegs auf offizielle sowjetische Statistiken stützen. Wie man auf diese Zahl gekommen ist, schildern Auszüge aus einem Artikel[5] im American Jewish Year Book von 1947:

»Statistische Angaben über die russischen Juden waren auch schon vor dem Krieg spärlich und nicht immer verläßlich… Die aus vielerlei inoffiziellen sowjetischen und anderen Quellen zusammengetragenen Informationen sind zwangsweise bruchstückhaft und haben oft hypothetischen Charakter. Es gibt keine befriedigende Basis, ein vollständiges Bild über das heutige Judentum in der Sowjetunion zu erlangen oder die durch Krieg und Nachkriegswiederaufbau hervorgerufenen weitreichenden Veränderungen abzuschätzen.«»... In den Jahren 1939-1940 wurden Ostpolen, Bessarabien, die Bukowina und die baltischen Staaten in die Sowjetunion eingegliedert... Die Gesamtzahl der innerhalb der Grenzen der Sowjetunion lebenden Juden vor Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges im Juni 1941 kann deshalb auf 5.500.000 geschätzt werden, einschließlich ungefähr 350.000 polnisch-jüdischen Flüchtlingen. Corliss Lamont (The Peoples of the Soviet Union, Harcourt, Brace & Co., N.Y., 1946) veranschlagt die Zahl der damaligen Sowjetjuden auf 5.300.000, die nicht-sowjetischen jüdischen Flüchtlinge nicht miteingerechnet.«

»Aber diese Zahlen als solche sagen nichts über die Zahl der gegenwärtigen jüdischen Bevölkerung in der Sowjetunion aus. Denn dafür sollten wir nicht nur die Zahl derjenigen Juden kennen, die ihr Leben aufgrund von Nazi-Verbrechen verloren, sondern auch die Geburtenrate der sowjetischen Juden, die Zahl der im Krieg gefallenen jüdischen Soldaten, die Sterblichkeitsrate der nach Zentralasien und Sibirien deportierten und evakuierten Juden und das Ausmaß der Rückführungen nach dem Krieg nach Polen und Rumänien. Nur in bezug auf den letzten Punkt jedoch haben wir genaue Informationen. Von den 350.000 Juden aus Mittel- und Ostpolen, die in der sowjetischen Zone Polens in den Jahren 1939/1940 Sicherheit suchten, wurden die allermeisten von den Sowjets nach Sibirien, Zentralasien usw. deportiert, eine große Anzahl davon in Konzentrationslager. Es muß hier betont werden, daß diese Menschen nicht als Flüchtlinge gingen, sondern zwangsweise verbannt wurden. Einige tausend haben die Sowjetunion mit der nach Persien im Jahre 1942 evakuierten polnischen Armee verlassen, ungefähr 150.000 kehrten 1946 nach Polen zurück und nur einige tausend entschieden sich dafür, in der Sowjetunion zu bleiben. Der Rest- beinahe 200.000 - ist dort wahrscheinlich gestorben.«

»Die größten Meinungsverschiedenheiten tauchen bei der geschätzten Zahl der Opfer der deutschen Massenmorde auf. Diese Schätzungen bewegen sich zwischen 1.500.000 (Corliss Lamont) und 3.000.000 (Jacob Lestschinsky). Nur ein ganz geringer Teil der Juden, die in den von den Deutschen eroberten Gebieten zurückgeblieben sind, hat überlebt (vielleicht nur 1 Prozent). Die Zahl der Juden, die aus diesen Gebieten vor der deutschen Besetzung evakuiert wurden, ist deshalb äußerst wichtig, aber diese kann nicht genau ermittelt werden. Es scheint sicher zu sein, daß die optimistischen Schätzungen außerhalb der Sowjetunion während und gegen Ende des Krieges übertrieben waren. Die deutsche Besetzung der baltischen Staaten, der Ukraine und Weißrußlandsb - alles Gebiete mit großen, dichten jüdischen Siedlungen - ging sehr schnell voran, und weder war das sowjetische Transportsystem in der Lage, die Evakuierung schnell, noch in dem dafür notwendigen Ausmaß durchzuführen. Viele Transporte wurden von dem schnellen deutschen Vormarsch überrollt.«

»In seiner Studie The Displacement of Populations in Europe (International Labor Office, Montreal, 1943) schätzt Kulischer, daß 1.100.000 Juden aus den Gebieten der Sowjetunion in den Vorkriegsgrenzen, 30.000 aus den baltischen Staaten und 500.000 aus den westlichen Teilen Weißrußlands und der Ukraine in die nichtbesetzten sowjetischen Gebiete evakuiert wurden. In der letzteren Zahl schließt er die Zwangsdeportierten der Jahre 1939/40 ein. Andere glauben, daß diese Zahlen übertrieben sind.«

»Die Meinungsverschiedenheiten führen natürlich zu unterschiedlichen Kalkulationen über heute in der Sowjetunion lebende Juden. Sogar Dr. Frank Lorimer von der Universität Princeton, ein hervorragender Fachmann, wagte nicht, in seinem Werk The Population of the Soviet Union: History and Prospects (Genf, Völkerbund, 1946) eine Berechnung anzustellen.«

»Inoffizielle sowjetische Veröffentlichungen erwähnen 2500000 als die gegenwärtige [1947] jüdische Bevölkerung der UdSSR. Diese Zahl, die Kulischers Kalkulation (Rescue, Juli/August 1946) entspricht, scheint aber übertrieben.«

»Diese inoffiziellen Schätzungen wurden von dem jüdischen Volkswirt Lestschinsky schwer kritisiert. Seiner Darlegung zufolge leben gegenwärtig nicht mehr als 1.500.000 Juden innerhalb der Grenzen der heutigen Sowjetunion (The New Leader, 8. März 1947, N.Y.). Er behauptet auf der Basis inoffizieller sowjetischer Informationen errechnet zu haben, daß in den 60 größten Siedlungen im europäischen Rußland höchstens 800.000, in den kleineren Siedlungen im europäischen Teil der UdSSR weniger als 100.000 Juden und im asiatischen Teil der Sowjetunion 500-600.000 Juden leben. Auf diese Weise kommt er auf die Gesamtzahl von 1.500.000 Juden in der Sowjetunion.«

»Vergleicht man diese Zahl mit den 5.500.000 in der Sowjetunion vor Ausbruch des Krieges im Jahre 1941, dann ergibt sich eine Differenz von 4.000.000. Um diese verschollenen 4.000.000 Juden zu erklären, schätzt Lestschinsky die Zahl der im Krieg gefallenen jüdischen Rotarmisten auf 200.000, und die Zahl der in Sibirien und Zentralasien hauptsächlich im Zuge der Deportations- und Evakuierungsmaßnahmen umgekommenen Juden auf 500.000. Daraus folgt, daß die Deutschen mehr als 3.000.000 Sowjetjuden massakrierten. Es ist offensichtlich, daß auch Lestschinskys Zahlen nur hypothetischen Charakter haben.«

»Die Forschungsabteilung des American Joint Distribution Committee in New York schätzt die gegenwärtige Zahl der Sowjetjuden auf 1.800.000. Dies schließt die asiatischen Provinzen ein, aber nicht die baltischen Staaten, wo jetzt angeblich 32.500 Juden leben (vor dem Krieg 255.000).«

»Die Schätzungen des J.D.C. scheinen den Tatsachen am nächsten zu kommen. Jedoch, bis offizielle und verläßliche Statistiken veröffentlicht werden, kann die tatsächliche jüdische Bevölkerung der UdSSR nicht definitiv ermittelt werden.«[5]

In der darauffolgenden Ausgabe (1949) schreibt das Year Book nochmals:

»... weder die russisch-jüdischen Organisationen noch die allgemeinen UdSSR-Statistiken geben Informationen über dieses so wichtige Thema bekannt. Unsere Schätzungen, die wir auf der Basis sorgfältigen Durchleuchtens russischen und jüdischen Materials über die in den nicht-besetzten Teil des Landes evakuierten Menschen machten . . .«[6]

Hier wird von einem führenden zionistischen Journal bestätigt, daß die Informationen über das Sowjetjudentum bestenfalls bruchstückhaft sind, die Zahl der aufgrund angenommener Nazi-Verbrechen umgekommenen sowjetischen Juden völlig unbekannt ist und das Rätselraten über die Zahl der den Krieg überlebenden Sowjetjuden zu großen Meinungsverschiedenheiten und Zahlen rein spekulativen Charakters geführt hat. Ja, man gibt zu, daß die Zahl von nur zwei Millionen oder weniger überlebenden Juden auf zwei Annahmen beruht: Erstens, die Deutschen haben die allermeisten der im eroberten Gebiet zurückgebliebenen Juden umgebracht. Zweiten, wird unumwunden zugegeben, daß die »Schätzungen« aufgrund eines Durchleuchtens russischen und jüdischen Materials über die in den nichtbesetzten Teil des Landes evakuierten Menschen zustande kam. Welche Sorgfalt dabei angewandt wurde, ist schon daraus ersichtlich, daß die sowjetischen Massenevakuierungen von 1941, die neben der jüdischen Bevölkerung auch einen Großteil der slawischen städtischen Einwohnerschaft umfaßten (vgl. DGG 1980/2, S. 17/18), einfach in Abrede gestellt werden.

Selbst der gewiß unverdächtige, vom American Jewish Year Book als hervorragender Fachmann gerühmte und im Jahre 1946 im Auftrage des Völkerbundes schreibende amerikanische Professor Dr. Lorimer erklärte in seinem vom American Jewish Year Book zitierten Werk wörtlich, daß die Massenevakuierung der Bevölkerung aus den an die deutsche Zone grenzenden Gebieten, d.h. Baltikum, Ostpolen, Nord-Bukowina und Bessarabien, »mindestens einige Tage vor dem 22. Juni 1941 in Gang gesetzt worden« sei[7].

Prof. Lorimer bezog sich in diesem Zusammenhang auf Untersuchungen, die unter Zugrundelegung der Kapazität des sowjetischen Eisenbahnsystems ergeben haben, daß die Sowjets in den ersten sechs Monaten bis zu 15 Millionen Menschen aus den von den Deutschen besetzten Gebieten evakuiert hätten[8].

Die Behauptung des American Jewish Year Book, daß aufgrund des schnellen deutschen Vormarsches das sowjetische Transportsystem nicht in der Lage war, die Evakuierungen schnell oder in dem erforderlichen Ausmaß durchzuführen, widerspricht damit klar dem von ihm selbst zitierten und hochgeschätzten Prof. Lorimer. Auch der sowjetische Hofhistoriker Prof. Boris Semjonowitsch Telpuchowski vom Institut für Marxismus-Leninismus in Moskau sagt dazu wörtlich:

»In den ersten Kriegsmonaten wurden aus den gefährdeten frontnahen Gebieten etwa eine Million Waggons mit Industrieeinrichtungen, Materialvorräten und Menschen abgefahren.«[9].

Die von der Nachkriegspresse auf nur zwei Millionen bezifferte Zahl überlebender sowjetischer Juden entbehrt also nach eigenem Eingeständnis jeder reellen Grundlage; sie beruht auf der heute nicht mehr haltbaren, für die Möglichkeit eines millionenfachen Mordes an sowjetischen Juden aber notwendigen Voraussetzung, daß die Sowjets gar nicht in der Lage waren, solche Menschenmassen so schnell zu evakuieren.

Auf eine Bestätigung der hypothetischen Zwei-Millionen-Zahl mußte bis 1959 gewartet werden, als die Sowjets das Ergebnis ihrer Volkszählung veröffentlichten. Man vermerkte mit Befriedigung, daß die offizielle sowjetische Zahl von 2.268.000 nur geringfügig von der eigenen abwich. Zwar wurde zugegeben, daß die sowjetische Volkszählungsmethode zwangsläufig zu einer zu niedrigen jüdischen Bevölkerungszahl führe, aber, meint das American Jewish Year Book, es bleibt nichts übrig, als sie zu akzeptieren. Es schreibt dazu:

»Die Frage der Anzahl der Juden in der Sowjetunion wurde mit der Veröffentlichung der sowjetischen Volkszählung von 1959 zum großen Teil beantwortet.«[10]

Doch die Freude über die sowjetische Bestätigung ihrer Nachkriegs-»Schätzungen« währte nur ein Jahr zehnt. Die Volkszählung von 1970 wies nur 2.151.300 Juden aus, also 117.000 weniger als elf Jahre zuvor[11]. Der sowjetische Demograph A. M. Maksimov äußerte sich dazu treuherzig:

»In der Sowjetunion spielt sich ein Prozeß der Fusion der Völker ab; dieser Prozeß hat in einer sozialistischen Gesellschaft den Charakter der Freundschaft…«

Aufgeschreckt durch diesen »Freundschaftsprozeß« bemerkten die Zionisten, daß die Sowjets dabei waren, die Juden statistisch langsam, aber sicher verschwinden zu lassen. Schreibt das Year Book:

»Ein ›untergetauchter‹ Jude oder ein assimilierter Jude, bleibt immer ein Jude und sollte als solcher gezählt werden«, und weiter: »es ist fraglich, ob man die unwahrscheinlichen Zahlen, die von einer nicht übermäßig freundlichen Quelle stammen, akzeptieren soll.«[12]

Eine sehr gute Frage! Jedenfalls ist man seit 1970 wieder der Ansicht, daß es unter diesen Umständen unmöglich ist, die genaue Zahl der jüdischen Bevölkerung in der Sowjetunion festzustellen.

Aber dieser Schock von 1970 scheint noch bedeutendere Auswirkungen gehabt zu haben. Zwar tauchten schon vor 1970 Berichte in der Presse über eine möglicherweise doch größere jüdische Bevölkerung in der UdSSR als bisher »geschätzt« auf, aber seit 1970 werden regelmäßig Berichte veröffentlicht, die ein völlig anderes Bild von den Juden in der Sowjetunion zeichnen. Am deutlichsten war bisher das American Jewish Year Book, das geradeheraus zugab, gut informierte russische Juden in der UdSSR und sowjetische Emigranten behaupten stets, in der Sowjetunion leben heute noch bis zu 4.000.000 Juden[13]. Ähnliche Zahlen wurden in der New York Times vom 22. 1. 1975 erwähnt[14]. Prof. Shapiro, der beim Year Book für die jährlich veröffentlichten jüdischen Weltbevölkerungsstatistiken verantwortlich zeichnet, sagt dazu:

»Die Schätzung der Emigranten ist auch deshalb bemerkenswert, weil alle, mit denen ich sprach, eine mehr oder weniger gleiche Zahl erwähnten, die, wie sie sagten, unter den Juden in Rußland im Umlauf sei.«[15]

Nach unseren Berechnungen waren aber am Ende des Krieges noch 4¼ Millionen Juden in der UdSSR. Gibt es eine natürliche Erklärung für ein mögliches Absinken auf 4 Millionen oder weniger innerhalb der vergangenen 25 Jahre? Viele Anzeichen sprechen dafür, daß die sowjetischen Juden in der Tat in der Nachkriegszeit einen erheblichen Rückgang ihrer Bevölkerung in Kauf nehmen mußten. Auf die enormen Männerverluste im Kriege und die beträchtliche Kindersterblichkeit im Zuge der sowjetischen Evakuierungsmaßnahmen in den Jahren 1940/1941 haben wir schon an anderer Stelle hingewiesen. Dazu kommt die fast totale Verstädterung (95%) der sowjetischen Juden[16]. Diese drei Faktoren allein lassen auf erhebliche Defizite seit 1945 schließen. So berichtet Prof. U. O. Schmelz von der Hebräischen Universität in Jerusalem, daß in der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) nur 7% der Juden der Alterklasse ›0 bis 10 Jahre‹ angehörten und 26,5 % 60 Jahre oder älter waren - eine unerhörte Überalterung. (Die vergleichbaren Zahlen in der Bundesrepublik waren im Jahre 1977: 13,5% und 19,7%.) Für die Zeit von 1959-1970 errechnete er sogar eine natürliche Bevölkerungsabnahme von 1% pro Jahr[17]. Die Daten von Prof. Schmelz beruhen auf den veröffentlichten offiziellen Zahlen, und diese enthalten sicherlich nicht unbeträchtliche Entstellungen aufgrund der Tatsache, daß jüngere Juden wahrscheinlich dazu tendierten, sich bei der Volkszählung zu einer slawischen Volksgruppe zu bekennen. Trotzdem steht außer Zweifel: Die sowjetischen Juden hatten in den Nachkriegsjahren unter großen Geburtendefiziten zu leiden.

Ein weiterer - heute wohl der bedeutendste - Faktor für die negative Wachstumsbilanz aber ist die schon in der Vorkriegszeit einsetzende und nach dem Krieg noch verstärkte Tendenz zur Assimilierung durch Mischheiraten. In der Regel gehen die aus solchen Ehen hervorgegangenen Kinder dem jüdischen Volkstum verloren[18]. So sollen schon 1926 außerhalb der Ukraine und Weißrußlands 25 % der jüdischen Männer Nicht-Jüdinnen geheiratet haben, in den beiden genannten Provinzen aber nur 4,6% bzw. 2,0%[19].

Die zunehmende Verlagerung des jüdischen Bevölkerungszentrums aus den traditionell antisemitischen Regionen (Ukraine, Weißrußland) in den Norden und Osten hatte schon seit der Revolution angedauert und wurde durch die Massendeportationen 1940/1941 noch verstärkt.

»Anfang der 60er Jahre«, schreibt das Year Book, »erreichten die Mischheiraten zwischen Juden und Nicht-Juden einer zuverlässigen Quelle zufolge ungefähr 50% in Moskau und Leningrad. Die gleiche Quelle erwähnt, daß die Quote der Mischheiraten in den neuen Städten Sibiriens - viele mit einer akademisch gebildeten Bevölkerung- äußerst hoch blieb.«[20]

Die von uns ermittelte jüdische Bevölkerung in der Sowjetunion im Jahre 1945 von wahrscheinlich weniger als 4,3 Millionen hatte seither aufgrund der großen Männerverluste im Krieg, der hohen Kindersterblichkeit während des Transportes nach Sibirien und in den dortigen primitiven Unterkünften, der steigenden Zahl der Mischheiraten nach dem Krieg und der totalen Verstädterung laufend Geburtendefizite zu verzeichnen, was zu einem Rückgang um über 10% auf unter 4 Millionen geführt hat. Diese Zahl steht völlig im Einklang mit den Schätzungen der sowjetischen Juden selbst über ihre eigene Volkstumsstärke! Die Bestätigung dafür haben wir vom Chefstatistiker des American Jewish Year Book.


(wird fortgesetzt, zum Teil 4)
(Zum Teil 2)
(Zum Teil 1)


Anmerkungen zum 3. Teil

  1. American Jewish Year Book (AJYB), 1947, Vol. 49, S. 740.
  2. ebd., 1942, Vol. 44, S. 234.
  3. Universal Jewish Encyclopedia, N.Y., 1943, Vol. X, S. 33.
  4. AJYB, 1976, Vol. 77, S. 165.
  5. ebd., 1947, Vol. 49, S. 393-397.
  6. ebd., 1949, Vol. 50, S. 696.
  7. Lorimer, Frank. The Population of the Soviet Union: History and Prospects, Genf, Völkerbund, 1946, S. 195.
  8. ebd., S. 197.
  9. Telpuchowski, Boris Semjonowitsch. Die sowjetische Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges 1941-1945, Frankfurt, 1961, S. 78-82.
  10. AJYB, 1961, Vol. 62, S. 284-285.
  11. ebd., 1972, Vol. 73, S. 536.
  12. ebd., 1972, Vol. 73, S. 536.
  13. ebd., 1977, Vol. 78, S. 432.
  14. ebd., 1976, Vol. 77, S. 460.
  15. Privatkorrespondenz mit Dr. Shapiro vom AJYB (vom 3. 1. 1980), die dem Autor im Original vorliegt.
  16. AJYB, 1969, Vol. 7O, S. 279.
  17. ebd., 1976, Vol. 77, S. 471.
  18. ebd., 1976, Vol. 77, S. 472.
  19. Universal Jewish Year Book, Vol. IX, S. 670.
  20. AJYB, 1973, Vol. 74, S. 481.

Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 28(3) (1980), S. 17-21

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