Das Münchener Abkommen im Lichte amerikanischer Geheimdokumente, Teil 1

Beweise zur Rechtmäßigkeit des Anschlusses des Sudetenlandes

Dr. Alfred Schickel

Die Veröffentlichung von Geheimakten der Vorkriegszeit aus US-Archiven hat weiteres Licht in die Vorgeschichte des Münchener Abkommens vom September 1938 gebracht. Schon vorher stand fest, daß - mit den Worten des Erlanger Historikers Hellmut Diwald - »schon zehn Tage vorher, am 19. September 1938 ... Prag mit der englischen und französischen Regierung ... ohne jede deutsche Beteiligung seine Abtretungsbereitschaft erklärt und dokumentiert« hat. Damit hat die tschechische Regierung zutreffend bestätigt, »daß das Sudetenland seit rund einem Jahrtausend von Deutschen bewohnt und deutsches Land war«. Während die meisten professoralen Zeitgeschichtler sich nicht um derartige Akten kümmern, hat unser Mitarbeiter in Washington die freigegebenen Dokumente studiert und daraus folgende für Deutschland wichtige Erkenntnisse gewonnen.


Obwohl schon über vier Jahrzehnte ins Land gegangen sind, erscheinen manche Umstände und Ereignisse der sogenannten Sudetenkrise immer noch nicht ganz aufgehellt. Das liegt zum einen an der verbreiteten Vorabqualifizierung der deutschen Tschechenpolitik des Jahres 1938, zum andern am Geheimnisschutz alliierter Dokumente. Mit der Freigabe der vertraulichen Akten Öffnet sich jetzt der Weg zur objektiven Würdigung der seinerzeitigen Ereignisse. Dies um so mehr, als die gängigen parteiischen Darstellungen der Tschechen nunmehr durch die Berichte neutraler Zeitzeugen ergänzt werden. So liefern die Geheimtelegramme der amerikanischen Gesandtschaft in Prag aufschlußreiche Einblicke in die Vorgänge der Prager Innen- und Deutschlandpolitik und vermitteln zugleich einen geläuterten Eindruck von den damals handelnden politischen Persönlichkeiten. Etwa, wenn der US-Gesandte an der Moldau, J. Butler Wright, unter dem Datum des 2. März 1938 ein vertrauliches Gespräch mit ČSR-Präsident Edvard Benesch weitergibt und meldet, daß die tschechische Staatsführung zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinen militärischen Angriff Deutschlands erwartet (»no exspectation atpresent a military attackfrom Germany«); oder der Washingtoner Missionschef am 20. April 1938 vertraulich an das State Department kabelt, daß dem reichsdeutschen Gesandtschaftssekretär Henke die Fensterscheiben seiner Privatwohnung von Tschechen eingeworfen wurden, weil er zu Hitlers Geburtstag die Hakenkreuzflagge gehißt hatte (»in protest against his flying of the swastika«). Auch die Mitteilung, daß am 25. Mai 1938 zwei Sudetendeutsche beerdigt wurden, welche von Tschechen ermordet worden waren, und daß die tschechische Regierung durch die Einberufung von Reserve-Jahrgängen die Mobilisierung einleitete, geht auf diese US-Quelle zurück und vermag so manche Kenntnislücke zu schließen.

Tschechische Mobilmachung

Die Eile der britischen Regierung, noch während der Sommer- und Ferienwochen des Jahres 1938 einen eigenen Sonderbotschafter in die Tschechoslowakei zu schicken, um Lösungsmöglichkeiten der Sudetenkrise zu sondieren, wird erst so recht vor dem Hintergrund der diplomatischen Geheimberichte der Westmächte verständlich, in denen von der bevorstehenden Mobilmachung der tschechoslowakischen Armee die Rede ist (»US-Legation from Praha, July 17, 1938: Reports rumored mobilization in Czechoslovakia«); wie auch das gemeinsame Bemühen Englands und Frankreichs, die ČSR-Regierung auf einen gemäßigteren Kurs gegenüber Deutschland zu bringen, durch diese Lagebeschreibung einsichtig wird (» US-Legation from Praha, July, 28, 1938: London and Paris have continued to urge the Czechoslovak Government to make the most liberal concessions to Sudetens in interest of peace«), die vom amerikanischen Gesandten in Prag an das Washingtoner Außenministerium gegeben wurde.

Wie dramatisch sich die Entwicklung im Sommer zuspitzte, geht aus dem Geheimkabel der US-Gesandtschaft vom 17. August 1938 hervor, in welchem der amerikanischen Regierung beziehungsweise dem Außenminister »vertraulich und persönlich« mitgeteilt wurde (»Secretary of State, Confidential. This for Your Information only«), daß der Kriegsrat der tschechoslowakischen Regierung am Vortag beschlossen habe, umgehend weitere Reservisten-Jahrgänge zur Armee einzuberufen (»The Government is stating that War Council took measures at yesterday's meeting. The same source ... informs me, that it was now decided to call six instead of five classes. Furthermore, it was decided to grant Chief of Staff extraordinary powers in the event of emergency arising when signature of President or Prime Minister was unavailable«) und dem Generalstabschef der Armee umfassende Vollmachten für den Notfall zu übertragen.

Russische Hilfe für Prag

Der amerikanische Botschafter in London, Joseph Kennedy (der Vater des späteren US-Präsidenten), besprach schon am gleichen Tage diese Maßnahmen der Prager Regierung mit seinem sowjetischen Kollegen an der Themse, Iwan Michailowitsch Maiskij, und hörte von diesem, daß die Sowjetunion militärisch der Tschechoslowakei zu Hilfe kommen würde, wenn Frankreich dazu den ersten Schritt unternähme. Diese Reihenfolge war im übrigen zwischen der Prager und der Moskauer Regierung im tschechisch-sowjetischen Defensivbündnis vom 16. Mai 1935 vereinbart worden, so daß sich der Kreml in der Tat nicht allein gefordert sehen mußte.

Botschafter Maiskij schien aber nicht nur mit dem Hinweis auf Frankreich im Recht, sondern auch in der Einschätzung der Berliner Tschechenpolitik von zutreffendem Urteil. Meinte er doch in seinem Gespräch mit Joseph Kennedy, daß Hitler bei seinen Drohungen gegen Prag teils spiele, teils bluffe und letztlich gar nicht gewillt beziehungsweise in der Lage wäre, ernsthaft einen Angriff auf die Tschechoslowakei zu wagen, und daß man mithin nur in einer ganz bestimmten Sprache mit ihm sprechen müsse, die er gut verstehe: der Sprache der Stärke (»US-Embassy in London, August 17, 1938: Secretary of State. In the view of the Soviet Ambassador Hitler is playing, as in the past, a game of fifty percent bluff which would be called by a strong stand at Berlin. The situation is too critical to talk to the Germans in any language except the only one they understand, that of force and Hitler is not prepared to face a general war«).

Die Meinung, daß Hitler im Sommer 1938 keinen allgemeinen Krieg riskieren wollte, teilte im übrigen auch der tschechische Gesandte Jan Masaryk, mit dem Botschafter Kennedy am Vortag seines Gesprächs mit Maiskij, am 16. August 1938, in London einen Gedankenaustausch geführt hatte. Der US-Missionschef kabelte darüber dem »Secretary of State« (Außenminister Cordell Hull) »strictly confidential« am gleichen Abend nach Washington: »Masaryk is sure, he says, that Hitler does not desire war.« Wie Maiskij vermutete - nach derselben Quelle - auch der tschechische Außenminister, daß Hitler das Sudetenproblem auf dem bevorstehenden Nürnberger Parteitag anheizen werde (»Masaryk thinks any sudden move by Hitler within the next month is improbable and that the time of greatest danger will be September 15, when the annual Nazi Congress meets at Nuremberg«), um es schließlich auf seine Weise - ohne einen heißen Krieg - zu lösen. Nach dem »Anschluß« Österreichs im März sollte nun das Sudetenland durch den nächsten »Blumenfeldzug« gewonnen werden. Dem wollten sich jedoch führende tschechische Politiker, allen voran der amtierende Präsident Benesch, mit Entschiedenheit entgegenstellen. Auch sein Gesandter in London, Jan Masaryk, gehörte zu den erklärten Gegnern Hitlerscher Annexionspolitik. Dem Bericht der amerikanischen Botschaft in London zufolge versicherte er am 16. August 1938, daß die Tschechoslowakei bei einem Angriff Deutschlands »kämpfen werde, solange sie kann«. Dabei ging er jedoch davon aus, daß Hitler nicht angreifen werde, wenn er davon überzeugt würde, daß ein Einfall in die Tschechoslowakei unweigerlich in einen Weltkrieg münden müßte. Dementsprechend erwartete der Prager Gesandte eine feste Haltung der westlichen Verbündeten, wie sie auch von US-Präsident Roosevelt gewünscht wurde.

Die Westmächte lenken ein

Statt jedoch auf diesen Konfrontationskurs zu gehen, setzten England und Frankreich auf Verhandlungen. Dabei sollte London der britische Sonderbotschafter Lord Runciman helfen, der sich im August 1938 zu einer Erkundungsreise durch die ČSR aufgemacht hatte und als Ergebnis seiner Mission der Regierung an der Themse die Empfehlung unterbreitete, auf eine friedliche Angliederung der sudetendeutschen Gebiete an Deutschland hinzuarbeiten. Der Weg dazu könnte durch eine Volksabstimmung der Sudetendeutschen oder eine mit Prag vereinbarte Abtretung gefunden werden.

London und Berlin bevorzugten die Lösung durch ein Plebiszit, stießen jedoch mit diesem Gedanken auf den entschlossenen Widerstand der Prager Regierung. Dies gab der amerikanische Gesandte an der Moldau in seinem vertraulichen Bericht vom 9. September 1938 nach Washington durch (»Government officials would never accept determination of the problem by plebiscite«).

Bei dieser versteiften Haltung der Benesch-Regierung schien es neben der militärischen Auseinandersetzung nur noch den Weg der Gebietsabtretung zur Lösung der Sudetenfrage zu geben. Auf ihn zog sich die tschechische Staatsführung schließlich Mitte September 1938 zurück, als sie die endgültige Gewißheit hatte, daß der ČSR bei einem etwaigen Krieg mit dem Deutschen Reich von den Westmächten nicht geholfen würde.

»Der Anschluß Österreichs 1938 und das Münchener Abkommen desselben Jahres haben ihre bündige Vorgeschichte, die von den früheren Gegnern Deutschlands machtvoller eingeleitet worden ist als von den Deutschen der alten k.u.k.-Monarchie. Wer das vergißt oder unterschlägt, der begreift nicht das Glück, den Jubel und man muß sagen auch die Erlösung der Deutschen in Österreich während des Anschlusses im Jahre 1938, der begreift nicht dieselben Empfindungen bei den Sudetendeutschen nach der Unterzeichnung des Münchener Abkommens im gleichen Jahr und der Besetzung des Sudetenlandes durch deutsche Truppen.«

(Professor Dr. Hellmut Diwald,
Mut zur Geschichte, 1983, S. 237)

Prag stimmt der Abtretung zu

So entsandte der Staatspräsident am 15. September 1938 seinen ehemaligen Sozialminister Necas mit einem Geheimangebot nach Paris und ließ den Westmächten signalisieren, daß er mit der Abtretung des sudetendeutschen Gebietes einverstanden wäre, wenn ihm diese gleichsam offiziell von den Briten und Franzosen nachdrücklich empfohlen würde und Hitler zur Annahme bestimmter Bedingungen veranlaßt werden könnte. Zu diesen von Benesch gewünschten Bedingungen gehörte außer der geforderten Geheimhaltung (»Niemals erlauben, daß gesagt wird, der Plan komme von den Tschechen. Er muß äußerst geheimgehalten werden, veröffentlicht werden darf nichts«) die vorherige Verständigung über die Größe des abzutretenden Gebietes, die Möglichkeit eines Bevölkerungsaustauschs (»Das würde also eine Bevölkerungsumsiedlung bedeuten, bei der die Demokraten, Sozialisten, Juden bei uns bleiben würden«) und die erklärte Endgültigkeit des Angebots (»Der ganze Plan muß Hitler als in sich geschlossene Einheit und letzte Konzession vorgelegt und ihm, zusammen mit anderen Konzessionen, aufgezwungen werden«).

Wie aus geheimen Besprechungspapieren der Westmächte hervorgeht, waren sie einerseits über dieses signalisierte Einlenken Prags erleichtert, hielten aber andererseits die von Benesch gestellten Bedingungen für schwer durchsetzbar, wobei ihnen nicht nur Formulierungen wie »aufgezwungen werden« Kopfzerbrechen bereiteten. Schließlich stand hinter der deutschen Erwartung das Selbstbestimmungsrecht der Deutschböhmen, das man 1918/19 seitens der Alliierten und der Tschechen gröblich mißachtet hatte, was letztlich die Krise des Jahres 1938 heraufbeschworen hatte. Daran erinnerte in jenen Tagen auch wiederholt die Londoner Tageszeitung »The Times« und sprach von der »verspäteten Einlösung des Selbstbestimmungsversprechens der Alliierten«. Dazu kam, daß infolge der militärischen Mobilisierungsmaßnahmen der Prager Regierung zunehmend mehr Sudetendeutsche nach Deutschland flohen, um der drohenden Rekrutierung für die tschechische Armee zu entgehen. So berichtete die US-Botschaft in Berlin unter dem Datum des 15. September 1938, daß bislang schon rund dreitausend sudetendeutsche Flüchtlinge ins Deutsche Reich gekommen seien (»... flight of 3000 Sudeten Germans to the Reich«). Am 16. September 1938 waren es bereits fünfzehntausend, und am 19. September bezifferte die amerikanische Mission an der Spree die Gesamtzahl auf vierundachtzigtausend Flüchtlinge.

»Das Münchener Abkommen ist für die Sudetendeutschen nichts anderes als die Erfüllung des Selbstbestimmungsrechtes gewesen, das ihnen im Jahre 1919 und in den folgenden Jahren von der Tschechoslowakei verweigert worden war ... Es war eine der rein europäischen Entscheidungen in eigener Sache, die im 20. Jahrhundert so selten sind.«

(Professor Dr. Hellmut Diwald,
Mut zur Geschichte, 1983, S. 237)

Vor dem Hintergrund dieser Fluchtbewegung erschien die Lösung der Sudetenfrage auch aus menschlichen Gründen überaus drängend und veranlaßte sowohl den britischen Premierminister Chamberlain zu einem Treffen mit Hitler in Berchtesgaden am 15. September 1938 als auch den französischen Ministerpräsidenten Daladier zur Beratung der Geheimofferte von Benesch mit seinem Londoner Kollegen am 18./19. September in der englischen Hauptstadt.

Die Westmächte drängen auf den Anschluß

Was bei den französisch-britischen Konsultationen über das tschechische Geheimangebot, sudetendeutsches Gebiet »auf Druck der Westmächte« an das Reich abzutreten, herauskam, erfuhr wenige Stunden nach Beendigung des Gipfeltreffens der amerikanische Botschafter in London, Joseph Kennedy, und gab es noch am Mittag des 19. September 1938 »streng vertraulich für den Staatssekretär persönlich« nach Washington weiter. Danach waren die beiden Regierungen (in London und in Paris) nach den jüngsten Ereignissen davon überzeugt, daß nunmehr ein Punkt erreicht sei, »wo das weitere Verbleiben der deutschen Gebiete innerhalb der Grenzen der Tschechoslowakei tatsächlich nicht mehr länger ohne eine Gefährdung der tschechischen Interessen und des europäischen Friedens m6glich ist« (»The British and French Governments declare that they are convinced after recent events that the situation has now reached the point, where the maintenance of the German districts within the present boundaries of Czechoslovakia is in fact no longer possible without imperiling the interests of Czechoslovakia and European peace«). Entsprechend dieser Lageeinschätzung kamen die beiden Regierungen zu dem Schluß, »daß die Aufrechterhaltung des Friedens und die Lebensinteressen der Tschechoslowakei nur dann wirksam gesichert werden können, wenn diese Gebiete jetzt an Deutschland abgetreten werden« (»Great Britain and France are, therefore, constrained to the conclusion, that the maintenance of peace and of the vital interests of Czechoslovakia can only be assured effectively if these German districts are now transferred to Germany«).

Hinsichtlich der möglichen Wege zur unumgänglich gewordenen Angliederung des Sudetengebiets an das Deutsche Reich haben Chamberlain und Daladier -nach dem Botschaftsbericht Kennedys - die Möglichkeit sowohl einer Volksabstimmung als auch einer direkten Gebietsübertragung erörtert und sich schließlich darauf verständigt, das sudetendeutsche Problem in Form einer tschechischen Landabtretung zu lösen. Dabei unterstellten sie ausdrücklich, daß Benesch eine solche Lösung für die Tschechoslowakei wünsche. Der englische Text des amerikanischen Geheimtelegramms an Außenminister Cordell Hull nimmt noch deutlicher auf die Vorstellungen Beneschs und seines Geheimangebots vom 15. September 1938 Bezug, wenn es darin heißt: »They (the British and French Governments) suggest to Benes, that Czechoslovakia would probably prefer to effect a direct transfer. « Ebenso läßt die Formulierung, mit welcher die Möglichkeit einer Volksabstimmung verworfen wurde, »»plebiscite ... presents obvious difficulties, the greatest of which would be its repercussions in other countries where minority problems are acute««, die Rilcksicht Chamberlains und Daladiers auf Beneschs »Necas-Papier« erkennen, in welchem es dazu hieß: »Was die Frage des Plebiszits betrifft, ... so wäre ein neues Minoritätenproblem im Entstehen. Denn sobald bekannt werden würde, daß eine Volksabstimmung stattfindet, würden alle Demokraten, Sozialisten, Juden aus dem Gebiet flüchten, wir hätten eine innere Emigration, und das Nationalitätenproblem bliebe ungelöst«, um zusammenfassend festzustellen: »Ein Plebiszit ist technisch, rechtlich und politisch eben unmöglich. « Dieser Vorstellung des (ČSR-Präsidenten trugen die beiden anglo-französischen Staatsmänner in ihrem Beschluß vom 19. September 1938 voll Rechnung.

Entschädigungen für Prag

Sie taten ein übriges, indem sie für die Festsetzung der neuen deutsch-tschechischen Grenze eine internationale Kommission in Aussicht nahmen und Prag darin einen Sitz zusicherten (»They suggest, that the transfer of the territories and the limiting of the new frontier should be carried out through negotiations by an international commission on which Czechoslovakia would be represented«) und darüber hinaus der Prager Regierung eine internationale Garantie ihres neuen Staatsgebiets versprachen. Kennedy telegraphierte darüber an seinen Außenminister: »They suggest to Benes that if Czechoslovakia accepts these proposals it is only natural, that she will expect some form of guarantee of the new Czechoslovak state from the countries which have brought her to this decision. The note here states that the Government of the United Kingdom is therefore prepared to take its part in an international guarantee of the neutrality of the frontiers of the new Czechoslovak state.«

Nach diesem britisch-französischen Konzept sollte Prag also für die unausweichlich gewordene Abtretung des deutschbesiedelten Gebiets mit einer Mitsprache bei der endgültigen Grenzfestsetzung (Mitgliedschaft in der internationalen Kommission) und einer internationalen Bestandsgarantie für die »neue Tschechoslowakei« entschädigt werden: Pläne, die noch über die Erwartungen des »Neeas-Papiers« hinausgingen und Berlin bestimmte Zugeständnisse zumuteten, die aber letztlich auch geeignet waren, der tschechischen Regierung die Annahme der von England und Frankreich empfohlenen (und von Benesch insgeheim bestellten) Gebietsabtretung zu erleichtern.

»Und da sollte festgehalten werden, daß durch die Vereinbarung von München die friedliche Revision eines Kriegsfolgeunrechts als Präzedenzfall in die Weltpolitik unseres Jahrhunderts eingeführt worden ist.«

(Professor Dr. Hellmut Diwald,
Mut zur Geschichte, 1983, S. 237)

Kennedy schließt seinen geheimen Botschaftsbericht mit dem Satz, daß sein Informant »pointed out the obvious fact, that this note has not been delivered to Benes and emphasized, that the main portion was given in the most strict confidence«.

Wenige Stunden nach Übermittlung dieses Geheimkabels, genauer: um 4 Uhr nachmittags des 19. September 1938, traf sich Botschafter Kennedy mit dem britischen Premierminister Chamberlain. Schon um 6 Uhr abends berichtete er darüber »strictly confidential« dem »Seeretary of State« und bestätigte darin den Inhalt des vorausgegangenen Telegramms an Cordell Hull. Als Neuigkeit hatte er jedoch hinzuzufügen, daß Chamberlain dem ČSR-Präsidenten Benesch eine persönliche Botschaft übermittelt habe, in welcher nochmals die Notwendigkeit der Abtretung des Sudetenlands an das Deutsche Reich unterstrichen wurde. Der britische Regierungschef berief sich dabei auf seinen Sonderbotschafter Lord Runciman, den er zitierte (»The Prime Minister ... had sent a personal message to Benes telling him Runciman felt that Benes' last offer for settlement of the Sudeten problem was entirely beyond hope now; the nature of affairs had reached such a state that nothing but separation of the Sudeten region was possible.«). Von einer möglichen militärischen Auseinandersetzung riet er entschieden ab, da dafür weder die Tschechoslowakei noch die beiden Westmächte entsprechend gerüstet seien. Dies habe Chamberlain auch seinem französischen Kollegen Daladier beim soeben stattgehabten Treffen mitgeteilt.

(wird fortgesetzt)


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 32(3) (1984), S. 6-9

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