Das Münchener Abkommen im Lichte amerikanischer Geheimdokumente, Teil 2

Beweise zur Rechtmäßigkeit des Anschlusses des Sudetenlandes

Dr. Alfred Schickel

Zum 1. Teil

Nachdem der Leiter der »Zeitgeschichtlichen Forschungsstelle Ingolstadt« im letzten Heft die Vorgeschichte des Münchener Abkommens beleuchtet hat, untersucht er nachfolgend die Entwicklung ab Mitte September 1938.


Von der Schwäche der britischen Armee im Sommer 1938 hatte die US-Botschaft schon in einem vertraulichen Gespräch zwischen dem amerikanischen Militärattaché und dem britischen Direktor des »Military Operations and Intelligence at the War Office« erfahren und dies in einem Telegramm vom 26. August 1938 »strictly confidential« dem Washingtoner Außen- und Kriegsministerium mitgeteilt. Kernpunkt der Lagebeurteilung des britischen Generalstabsoffiziers war die Feststellung, daß die Engländer zum Zeitpunkt des Gesprächs schlechter dastünden als 1914 und erst in ein oder zwei Jahren eine wesentlich günstigere Ausgangslage hätten (»the General said, that the British Army was in a much more unsatisfactory condition now than it was in 1914 and that there could be no worse time than this summer and autumn for the British to go to war. If the conflict could be tided over until next summer, the British would be in a much better shape and if it could be tided over two years the British would be really strong.«).

So blieb England vorläufig nichts anderes übrig, als auf eine friedliche Lösung des Sudetenproblems hinzuarbeiten und dafür auch die Verbündeten zu gewinnen. Die nach Abtrennung des Sudetenlands verbleibende RestÜSR sollte dann durch eine multilaterale Bestandsgarantie erhalten werden. Das bestätigte am 21. September 1938 auch der englische Unterstaatssekretär im britisehen Außenministerium, Sir Alexander Cadogan, in einem Gespräch mit US-Botschafter Kennedy. Dieser kabelte kurz nach dem Besuch im Londoner Foreign Office »strictly confidential for the Secretary of State‹« nach Washington: »I asked Cadogan about the guarantee to the Czechoslovak state after this Sudeten split up and he told me, that England would be a participant in this guarantee for protection against aggression.«

Der britische Premierminister Chamberlain gedachte diesen Plan auch bei seinem bevorstehenden Treffen mit Hitler in Bad Godesberg dem deutschen Diktator vorzulegen und nahezubringen. Unterstaatssekretär Cadogan informierte Botschafter Kennedy in diesem Sinne und teilte dabei auch mit, daß der englische Regierungschef mit Hitler nur die Sudetenfrage erörtern wollte und nicht noch andere Streitfragen, wie etwa die Lösung der Minderheitenproblematik der Volkspolen und Volksungarn in der Tschechoslowakei. Für den Fall, daß der deutsche Reichskanzler doch über weitere Themen sprechen wollte, beabsichtigte Chamberlain die Zusammenkunft zu beenden und nach Hause zurückzukehren (»If Hitler insists on talking of these issues, Chamberlain will adjourn the meeting and return home«).

Ob es nun diese von Chamberlain gewünschte Eingrenzung der Gesprächsthemen von Godesberg war oder andere Gründe hatte, ist nicht ganz ersichtlich, jedenfalls war die deutsche Berichterstattung über das deutsch-britische Gipfeltreffen am Rhein nicht sonderlich breit und ausführlich. Das stellte auch die amerikanische Botschaft in Berlin fest, die am 23. September 1938 nach Washington meldete, daß lediglich ein Berichterstatter auf das Hitler-Chamberlain-Treffen in Bad Godesberg eingegangen sei. Dafür hätten die Zeitungen die Probleme der polnischen und ungarischen Minderheiten an prominenter Stelle gebracht und viel von neuen tschechischen Grenzverletzungen und sonstigen Übergriffen berichtet (» The only comment relative to the Hitler-Chamberlain conversations is contained in a despatch from Godesberg … The evening papers continuefull of reports of new examples of the Czech terror in the Sudetenland and violations of the German frontier. Poland's and Hungary's demands regarding their minority in Czechoslovakia are also given prominence. «). In einem weiteren Telegramm der US-Botschaft in Berlin vom 23. September 1938 ist dann von der »militärischen Wiederbesetzung der sudetendeutschen Grenzgebiete« durch Prag die Rede, von welcher die deutschen Nachrichtendienste meldeten. Die tschechischen Terroraktionen gingen auf das Konto bolschewistischen Einflusses auf die neue Prager Regierung, was sogar bis zum Ausbruch eines Krieges führen könnte (»the military reoccupation of the Sudeten border districts by order of the new Praha Government Moscow is completely dominating the Czech Government and has ordered a policy of terrorism centering on the German borders. Sirovy is said to have declared before a Bolshevik mass meeting that in spite of all previous decisions the possibility of war within the next few days is not to be excluded.«).

Neue Mobilmachung Prags

Am 24. September 1938, mittags, meldete die US-Botschaft aus Berlin, daß Beneschs Mobilmachungsbefehl für den nächsten Tag in der deutschen Presse ausführlich kommentiert werde und dabei auch die »chaotischen Verhältnisse« in der Tschechoslowakei ausgiebig Erwähnung fänden und daß die Fluchtbewegung der Deutschen (Sudetendeutschen) vor der tschechischen Mobilisierung ständig anwachse. Letztlich stecke nach Meinung der deutschen Kommentatoren hinter den kriegerischen Drohgebärden Prags die Sowjetunion, welche auch die Verhandlungen zwischen Hitler und Chamberlain sabotieren wolle und darin im Einklang mit der neuen tschechischen Regierung handle. So wörtlich die US-Botschaft in ihrem Telegramm an den »Secretary of State« in Washington: » The morning press features Benes' order for general mobilization. Reports of chaos and tyranny in Czechoslovakia continue to appear in abundance, it being emphasized that desertion from the Czech army and resistance among the people against mobilization are increasing attacks on the Praha Government which is accused of having gone over entirely to Moscow and of deliberately making every possible endeavor to sabotage the Hitler- Chamberlain negotiations.«

Von der bevorstehenden Generalmobilmachungs-Anordnung der Prager Regierung erhielt die amerikanische Gesandtschaft an der Moldau schon zwei Tage vorher Kenntnis, wie ein Geheimtelegramm an das Washingtoner Außenministerium ausweist (»From US-Legation in Praha, September 23, 1938: First day of Czech mobilization fixed for September 25.«). Die ebenfalls darin enthaltene Zahlenangabe: »Believes 1000000 men are in the field« dürfte freilich auf einem Mißverständnis oder einer Null zuviel beruhen, da die tschechoslowakische Armee nie eine solche Mannschaftsstärke aufweisen konnte; es sei denn, der amerikanische Gewährsmann zählte zu dieser Million Soldaten auch die deutsche Wehrmacht und wollte eine Gesamtübersicht vermitteln. Am 20. Oktober 1938 meldete die US-Gesandtschaft in Prag an das State Department, daß »ungefähr vierhunderttausend Tschechoslowaken während der deutsch-tschechischen Krise mobilisiert gewesen sind« (»About 400000 Czechoslovakians mobilized during the Czecho-German crisis«), was die kriegsmäßige Stärke der tschechoslowakischen Armee zutreffend beschreiben dürfte.

Diese Mobilisierungsmaßnahmen sollten nicht nur tschechische Stärke demonstrieren und den Deutschen - eingeschlossen den Sudetendeutschen - entschiedene Prager Abwehrbereitschaft vor Augen führen, sondern schienen auch dazu angetan, die Fluchtbewegung der sudetendeutschen Wehrpflichtigen in das Reich zu verstärken. Die immer zahlreicher eintreffenden deutsch-böhmischen Flüchtlinge in Thüringen, Sachsen und Schlesien sowie in Bayern und Österreich vergegenwärtigen aber auf ihre Weise ständig die Sudetenkrise und ließen Hitler auf eine baldige Lösung drängen. Seine Gespräche mit Premierminister Chamberlain in Bad Godesberg vermittelten ihm zudem den Eindruck, daß einer Abtretung der sudetendeutschen Gebiete an das Großdeutsche Reich letztlich nichts mehr ernsthaft im Wege stünde und es jetzt nur noch um das genaue Wann und Wie des Abtretungsvollzugs ginge. Ihn zu beschleunigen, war Hitlers erklärtes Ziel. Seine obligatorische Rede auf dem alljährlichen Reichsparteitag in Nürnberg bot ihm die gern genutzte Gelegenheit, dies mit drohendem Nachdruck vor aller Welt zu verkünden und eine Lösung »so oder so«, das heißt friedlich durch Übereinkommen oder gewaltsam durch Einmarsch in das Sudetenland, zu fordern. Die von tschechischen Deutschland-Experten und britischen Militärsachverständigen vorhergesehenen »gefährlichen Tage des Nazi-Kongresses in Nürnberg« schienen gekommen und damit Gewalt-Aktionen nicht mehr ausgeschlossen. Um so eifriger war Premierminister Chamberlain dahinter, einen kriegerischen Konflikt zu vermeiden und auf eine friedlichschiedliche Lösung zu drängen.

Chamberlains Brief an Hitler

So schrieb er am 26. September 1938 dem deutschen Reichskanzler einen persönlichen Brief, den er vom Sonderbeauftragten, Sir Horace Wilson, noch am gleichen Tage in Berlin übergeben ließ und in dem es hieß: »Zunächst möchte ich Euere Exzellenz darauf hinweisen, daß, da die Tschechoslowakische Regierung bei ihrer Annahme der Vorschläge bezüglich der Abtretung der sudetendeutschen Gebiete verbleibt, keine Rede davon sein kann, daß Deutschland für seine unterdrückten Volksgenossen in der Tschechoslowakei auf dem Verhandlungswege dem klaren Rechte nicht zum Durchbruch verhelfen kann … Eine Konferenz, wie ich sie vorschlage, würde das Vertrauen geben, daß die Abtretung des Gebietes tatsächlich durchgeführt wird, daß dies aber in Ruhe und Ordnung mit den entsprechenden Sicherheiten geschehen würde.«

Hitler antwortete auf dieses Schreiben Chamberlains am 27. September 1938 und versicherte darin nochmals, daß er »jeden Zugriff auf das tschechoslowakische Gebiet ablehne« und »sogar bereit« sei, »für den Restbestand der Tschechoslowakei eine förmliche Garantie zu übernehmen«. Chamberlain ging auf diese Antwort am 28. September 1938 in einem weiteren Brief an Hitler ein und führte darin aus:

»… bin ich sicher, daß Sie alles Wesentliche ohne Krieg und ohne Aufschub erreichen können. Ich bin bereit, sofort nach Berlin zu kommen und die Übergangsmodalitäten mit Ihnen und den Vertretern der tschechischen Regierung zu besprechen, wenn Sie es wünschen, zusammen mit Vertretern Frankreichs und Italiens. Ich bin überzeugt, daß wir in einer Woche ein Abkommen erzielen können …«

Bevor Chamberlain diese Botschaft von Außenminister Lord Halifax an den britischen Missionschef in Berlin, Henderson, zur Weiterleitung an Hitler telegraphisch übermitteln ließ, verständigte er in einem persönlichen Telefongespräch den amerikanischen Botschafter in London, Joseph Kennedy, von seinem Inhalt. Dieser gab die Nachricht sofort »strictly confidential for the Secretary of State‹« nach Washington weiter (»The Prime Minister just telephoned and said that early this morning he sent two wires, one to Hitler and one to Mussolini«) und meldete noch zusätzlich, daß sich der englische Regierungschef auch an seinen italienischen Amtskollegen Mussolini gewandt habe, um von diesem Unterstützung für den unterbreiteten Konferenzvorschlag zu erhalten (»His message to Mussolini notified him that he had wired Hitler to his effect and urged Mussolini to use this influence toward having the problem settled without war«, kabelte Kennedy vertraulich an Außenminister Hull).

Nachdem auch Frankreich für die Einberufung einer Konferenz eintrat, sollte sich Hitler gleichsam von drei Seiten zu einem solchen Treffen gedrängt fühlen, es jedoch von seinem politischen Freund Mussolini nahegelegt bekommen. In die gleiche Richtung zielte auch eine Botschaft des amerikanischen Präsidenten Roosevelt an Hitler vom 26. September 1938, in welcher »im Namen von nahezu 130 Millionen Amerikanern und um der Menschheit willen« appelliert wurde, die Lösung der Sudetenkrise nur in und durch Verhandlungen zu suchen. In einem zweiten Geheimtelegramm Kennedys an das State Department vom 28. September 1938 berichtete der US-Missionschef, daß »a number of ambassadors and ministers spoke to me at the meeting of the President's wonderful appeal«; und Außenamts-Unterstaatssekretdr Alexander Cadogan habe ihm, Kennedy, bestätigt, daß der Appell des US-Präsidenten fraglos seine Wirkung getan habe und daß der Druck auf Hitler jetzt sehr groß sei (»Cadogan told me that unquestionably the President's appeal had done the trick; that thepressure on Hitler today must have been very great; that to his knowledge it is the first time Hitler has interrupted his time schedulefor doing things by five minutes and that as this definitely delays his program Cadogan is very hopeful«).

Hitler lädt nach München ein

In der Tat bedankte sich Hitler nicht nur bei allen Absendern der ihm zugegangenen Briefe und Botschaften, sondern berief auch dann am 28. September 1938 eine Konferenz der vier europäischen Großmächte (Frankreich, Großbritannien, Italien und Deutschland) für den nächsten Tag (29. September) nach München ein. US-Botschafter Kennedy beschrieb in einem Telegramm an das Washingtoner Außenministerium die Szene vom Eintreffen der Hitlerschen Einladung an Premierminister Chamberlain, wie er sie im Londoner Unterhaus, wo Chamberlain gerade eine Rede hielt, beobachten konnte (»When the Prime Minister read out the replies …, the cheers in the House from both sides were terrific. Everybody feels tremendously relieved tonight …«) und wie sie dann in verschiedenen nachfolgenden Darstellungen weitergegeben wurde.

Die amerikanische Botschaft in Berlin lieferte währenddessen die in der deutschen Reichshauptstadt erhältlichen Informationen nach Washington und meldete am 28. September um 4.55 Uhr nachmittags dem »Secretary of State«, daß der italienische Botschafter die US-Vertretung soeben über Hitlers ergangene Einladung an Chamberlain, Daladier und Mussolini unterrichtet habe und daß von Rom und Paris bereits die Zusagen eingegangen seien, sie aber auch aus London erwartet werde (»The Italian Ambassador has just informed us that Hitler has issued invitations for a Meeting with him in Munich tomorrow that Mussolini and Daladier have accepted that no reply has yet been received from Chamberlain, who is atpresent speaking in the House of Commons and that his acceptance is taken for guaranted«). Diese Information wurde den Amerikanern auch vom britischen Botschafter Henderson bestdtigt. Der US-Missionschef, Robert Hugh Wilson, kabelte darüber nach Washington: »All this is confirmed by Henderson and while I was talking to him Goering called him and obviously was urging strongly that Chamberlain accepts.«

Henderson berichtete seinem amerikanischen Kollegen auch von seinem Gespräch mit Hitler; dabei sei der deutsche Reichskanzler sehr »moderat« aufgetreten und habe den Gedanken einer britischen Schutztruppe in der ČSR vorgetragen. Danach sollten englische Legionäre jene Gebiete des Sudetenlandes besetzen, in denen eine Volksabstimmung über die Zugehörigkeit des Landes vorgesehen war (»Henderson says that in this conversation with Hitler this morning the Chancellor was much more moderate, that they had been working on an idea of German troops occupying the major portion of those territories predominantly Germanic with British legionaries to occupy those territories whose fate is to be decided by plebiscite«). Überlegungen und Zugeständnisse Hitlers, die entweder weitgehend unbekannt geblieben sind oder bislang nicht gewürdigt wurden. Der Einblick in die vertraulichen Diplomatenpapiere der amerikanischen Missionen in Prag, London und Berlin vermag jedenfalls diese historiographische Lücke zu schließen. Er vermittelt auch die Erkenntnis, daß die Einberufung der Münchener Konferenz nicht allein eine Usurpation der vier europäischen Großmächte war, sondern auch einen ersten Teilerfolg der britischen Diplomatie über Hitlers Sudeten- und Tschechenpläne darstellte.

Dies sah im übrigen auch der italienische Botschafter in London, Dino Grandi, so, wie aus einem Telegramm Kennedys »strictly confidential for the Secretary of State« vom 29. September 1938 hervorgeht (»He - Grandi - feels that Hitler has really lost his first battle in the delay in marching his troops since Chamberlain's first visit to Germany«).

Auch die Tschechen waren in München

Dabei kann sogar außer Betracht bleiben, daß sich neben den eingeladenen Briten, Franzosen und Italienern auch eine tschechische Delegation nach München begab, um den beiden Westmächten zur Verfügung zu stehen. Da die Prager Vertreter nicht zur Konferenz geladen waren, konnten sie auch an den Verhandlungen nicht direkt teilnehmen, sondern lediglich mit den westlichen Delegationschefs Chamberlain und Daladier Kontakte pflegen. Die deutsche Seite hat ihnen aber nicht verwehrt, eigens in einem Sonderflugzeug von Ruzyn nach München zu fliegen, dort gegen 16.25 zu landen und im Hotel »Regina« Quartier zu beziehen, um Verbindung zu den Engländern und Franzosen aufzunehmen. Obwohl kein offizieller Konferenzteilnehmer, wurde der Sprecher der tschechischen Abordnung von den deutschen Behörden mit allen protokollarischen Aufmerksamkeiten bedacht, wie auch aus einer Aufzeichnung des Referenten im tschechoslowakischen Außenministerium, Hubert Masarik, vom 29. September 1938 hervorgeht.

Das schließlich zwischen Chamberlain, Daladier, Hitler und Mussolini in der Nacht vom 29. auf den 30. September 1938 vereinbarte »Münchener Abkommen« erwies sich auch nicht als ein Sieg Hitlers, sondern als ein beachtlicher Kompromiß, auf den auch die beiden Westmächte stolz sein konnten.

Sie konnten ihre Zusagen vom 19. September 1938: Bevölkerungsaustausch, Optionsrecht, Bildung einer internationalen Kommission und Beteiligung der Tschechen an diesem Gremium sowie Garantie der Rest-ČSR im vollen Umfange durchsetzen und in das Abkommen hineinschreiben. Sie haben damit Hitler ein mögliches Ausgreifen über die Volkstumsgrenzen hinaus verwehrt und die Tschechei in ihrem eigentlichen ethnischen Kern bewahrt.

Daß dieser militärgeographisch letztlich nur sehr schwer oder gar nicht zu halten war, ist jedoch objektiv nicht die Schuld der Signatarstaaten von München, sondern liegt in den natürlichen Umständen begründet. Dabei muß man gar nicht den geschichtsphilosophischen Gedanken Karl Marx' folgen und die Meinung vertreten, daß »die Tschechen nur noch eine historische Aufgabe haben, nämlich im Deutschen Reich aufzugehen«.

Und wenn in den verbreiteten Darstellungen auf das schwere Opfer der Tschechen hingewiesen wird, das ihnen in München zugemutet worden sei, und das VierMächte-Abkommen als »ungerecht« bewertet wird, darf nicht vergessen werden, daß es andererseits auch ein zwanzigjähriges Unrecht, nämlich die Vorenthaltung des Selbstbestimmungsrechtes der Sudetendeutschen, wiedergutmachte und aufhob. Schließlich wollten die Deutschböhmen schon 1918 mit überwältigender Mehrheit zu Deutschland und wurden darin von den Alliierten im Verein mit den Tschechen gewaltsam gehindert. So darf gelten, was die Londoner »Times« in jenen Tagen über das Münchener Abkommen schrieb: »Es brachte -neben Hoffnung für die Zukunft - den Sudetendeutschen das Selbstbestimmungsrecht mit zwanzigjähriger Verspätung, aber noch nicht zu spät.«


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 32(4) (1984), S. 6-9

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