Die Niederschriften des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß

Dr. jur. Wilhelm Stäglich

(Auszug aus DER AUSCHWITZ-MYTHOS. Legende oder Wirklichkeit, Grabert-Verlag, Tübingen 1979)

Die Niederschriften, die der einstige Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß während seiner Gefangenschaft in Krakau verfaßte oder - vorsichtiger ausgedruckt - verfaßt haben soll, wurden der deutschen Öffentlichkeit durch das Münchener Institut für Zeitgeschichte im Jahre 1958 als Band 5 der Reihe »Quellen und Darstellungen zur Zeitgeschichten« vorgelegt, was allein schon die ihnen beigemessene Bedeutung kennzeichnen dürfte. Die Veröffentlichung, die unter dem Titel »Kommandant in Auschwitz - Autobiographische Aufzeichnungen von

Rudolf Höß« erschienen ist, wurde vom derzeitigen Direktor des Instituts, Professor Dr. Martin Broszat, eingeleitet und kommentiert. Es handelt sich indessen bei diesen von Broszat in seiner Einleitung als »wissenschaftliche Edition« bezeichneten Aufzeichnungen nur um eine Teilveröffentlichung der - wie Broszat mitteilt - im polnischen Justizministerium in Warschau aufbewahrten »Originale«, bei der überdies die »orthographischen und klaren syntaktischen Fehler sowie Höß’ sehr eigenwillige Interpunktion« durch die Herausgeber »verbessert« wurden. Unsere Analyse kann notgedrungen im wesentlichen nur diese redigierte Ausgabe der Niederschriften berücksichtigen.

Es ist fast unglaublich, mit welcher Leichtfertigkeit diese »Geschichtsquelles der Öffentlichkeit von einem angeblich wissenschaftlich arbeitenden Institut als in jeder Hinsicht authentische Aussage von Rudolf Höß vorgestellt wurde. Zwar leitet Broszat die »Aufzeichnungen« mit der Frage ein, ob »die Niederschriften eines Mannes, der unvorstellbaren Massenmord befehligte, außer sensationellen Aufsehen, das sie erregen mögen, denn überhaupt irgendwelche Glaubhaftigkeit verdienen und als geschichtliches Zeugnis von Bedeutung sein« könnten. Doch zeigt allein schon diese Fragestellung die ganze Unwissenschaftlichkeit, die bei der Herausgabe dieser auf der Grundlage von Fotokopien der angeblichen Originale veröffenlichten Niederschriften Pate gestanden hat. Denn damit wird als wahr vorausgesetzt, was selbst heute noch des Beweises bedarf und wofür seither gerade diese Niederschriften stets als wesentlichster - meist sogar einziger - Beleg von historischem Gewicht angeführt werden: die angebliche Vernichtung von Millionen Juden in den legendären Gaskammern und Krematorien von Auschwitz-Birkenau!

Natürlich gab es - wie wir gesehen haben - bereits vorher eine ganze Reihe von Zeugenaussagen über Judenvernichtungen und deren Durchführung in Auschwitz-Birkenau, einschließlich der früheren Angaben von Höß. Es gab für sie jedoch in keinem amtlichen Dokument irgendeine Bestätigung. Darüber hinaus war entweder ihre Unglaubwürdigkeit vom Inhalt der Aussage her offensichtlich oder sie waren derart unbestimmt und widersprüchlich, daß sie schon aus diesem Grunde nicht den an eine zeitgeschichtliche Quelle zu stellenden Anforderungen genügen konnten. Für einen objektiven Historiker konnten sie daher kaum Bedeutung haben. Der »unvorstellbare Massenmord« war also im Zeitpunkt der Herausgabe der Höß-Aufzeichnungen - entgegen der von Broszat einleitend erweckten Vorstellung—noch keineswegs eine gesicherte zeitgeschichtliche Tatsache. Deshalb ist auch die von Broszat an anderer Stelle seiner Einleitung getroffene Feststellung, »Dokumente über Auschwitz und die Judenvernichtung« seien »nichts Neues«, zumindest irreführend.

Golo Manns »volkspädagogisch erwiinschtes Geschichtsbild«

Wenn Broszat trotzdem in dem oben zitierten einleitenden Satz die Bedeutung der Höß-Aufzeichnungen unverkennbar herunterzuspielen versucht und - zunächst einmal - Zweifel an der Glaubwürdigkeit eines Mannes äußert, der »unvorstellbaren Massenmord befehligte«, so kann man das nur als psychologischen Trick bezeichnen, mit dem unkritischen Lesern Objektivität und Gewissenhaftigkeit der Herausgeber der Aufzeichnungen vorgetäuscht werden sollen. Denn weder Broszat noch sonst einem Mitarbeiter des Instituts für Zeitgeschichte kann damals unbekannt gewesen sein, daß es für den Kern der Auschwitz-Legende - die Judenvergasung - weder einwandfreie dokumentarische Unterlagen noch glaubwürdige Zeugenaussagen gab, sofern man nicht die wissenschaftliche Qualifikation dieser Leute in Zweifel ziehen will. Wer sich kritisch mit den Aussagen dieses Instituts beschäftigt hat, weiß allerdings, daß es - was seine führenden Vertreter nicht einmal leugnen—dem Geschehen im Dritten Reich nicht unvoreingenommen gegenübersteht. Broszats Bemühen, den Eindruck strengster Objektivität auf Seiten der Herausgeber der Höß-Aufzeichnungen zu vermitteln, kann daher kaum ernst genommen werden. In Wahrheit war man wahrscheinlich froh, mit diesem »Dokument« endlich eine ausführliche und zeitnahe »Geschichtsquelle« zur Verfügung zu haben, die das »volkspädagogisch erwünschte Geschichtsbild« (Golo Mann) bestätigte. Das zeigte sich spätestens im Frankfurter Auschwitz-Prozeß, wo Broszat selbst als einer der Gutachter sich vornehmlich auf diese »Quelle« stützte und dem Gericht ihre Authentizität versicherte. Vor allem aber hat damals auch jener Gutachter des Instituts für Zeitgeschichte, der in seinem Gutachten speziell die Judenvernichtung in Auschwitz-Birkenau behandelte, nämlich Professor Krausnick, sich in seinen Darlegungen über die Birkenauer Gaskammern so gut wie ausschließlich auf die Höß-Aufzeichnungen bezogen.

Broszat räumt freilich - auch hier wieder »Wissenschaftlichkeit« vortäuschend - in seiner Einleitung zu den Höß-Aufzeichnungen ein, es möge »ein gewisses Mißtrauen gegenüber der Echtheit eines Dokumentes bestehen, das in der Zelle eines polnischen Untersuchungsgefängnisses entstanden ist«. Damit trifft er zweifellos den Kern der gegen diese Aufzeichnungen zu erhebenden Bedenken. Doch läßt er sich auf eine breitere Erörterung dieses Sachverhalts und der damit sich aufdrängenden Fragen gar nicht erst ein. So mußte denn die Prüfung, ob die Höß-Aufzeichnungen tatsächlich in jeder Hinsicht als echt angesehen werden können, bei ihrem Kommentator Broszat zur reinen Formsache werden. Sie wird mit einer für einen Fachhistoriker geradezu unglaublichen Oberflächlichkeit abgetan. Für Broszat und seine Mitherausgeber bestand offensichtlich von vornherein keinerlei Zweifel daran, daß jede Silbe der Höß-Aufzeichnungen originär von Höß stammt und insbesondere die darin enthaltene Darstellung der Judenvernichtung die reine Wahrheit ist.

Im wesentlichen weiß Broszat zur Echtheit der Aufzeichnungen auf etwa einer halben Seite der Einleitung lediglich folgendes zu sagen.

1. Die »formale Echtheit« der Aufzeichnungen stehe auf Grund »des klaren handschriftlichen Befundes« außer Frage.

2. Ihre inhaltliche Echtheit ergebe sich vor allem aus ihrer »inneren historischen und subjektiven Stimmigkeit«.

3. Diese »Stimmigkeit« sei zugleich »sicheres Kriterium« dafür, daß es sich bei den Höß-Aufzeichnungen insgesamt um »freiwillig niedergeschriebene, nicht irgendwie beeinflußte oder manipulierte Aufzeichnungen« handelt.

Fotokopien sind keine Beweise

Hierzu ist zu bemerken:

Zu 1.: Broszat weist darauf hin, daß handschriftliche Zeugnisse von Höß aus früherer Zeit - u. a. ein zweiseitiger handschriftlicher Lebenslauf vom 19. 6. 1936 in Höß’ SS-Personalakte - einen Handschriftenvergleich ermöglichten. Zur Frage, ob und von wem ein solcher Handschriftenvergleich vorgenommen wurde und ob er gegebenenfalls - was mir unabdingbar erscheint - anhand der »Originale« durchgeführt werden konnte, äußert Broszat sich nicht. Er teilt in diesem Zusammenhang lediglich mit, daß sich die »Originale« der Aufzeichnungen mit anderen in Polen verbliebenen deutschen Akten im polnischen Justizministerium in Warschau befänden und daß als Vorlage für die Edition des Instituts für Zeitgeschichte Fotokopien gedient hatten, die dem Institut »dank der freundlichen Vermittlung« polnischer Dienststellen überlassen worden seien. Broszat will diese »Originale« im November 1956 »an Ort und Stelle« eingesehen haben. Unter welchen Umständen diese »Einsichtnahme« vor sich ging und wieviel Zeit hierfür zur Verfügung stand, teilt Broszat ebenfalls nicht mit. Man muß aber wohl davon ausgehen, daß Broszat selbst damals keinen ausreichenden Handschriftenvergleich vornehmen konnte, zumal er auch nicht die hierzu erforderlichen Fachkenntnisse haben dürfte. Ein zuverlässiger Handschriftenvergleich könnte selbstverständlich nur durch neutrale Schriftsachverständige auf der Grundlage der »Original«-Aufzeichnungen - nicht der Fotokopien! - erfolgen. Hierzu ist es aber mit Sicherheit bislang nicht gekommen, weil Broszat andernfalls wohl darüber berichtet und auf die entsprechenden Gutachten verwiesen hätte.

Rassinier hat übrigens darauf aufmerksam gemacht, daß es unmöglich sei, daß nach seinen Angaben im Auschwitz-Museum aufbewahrte »Dokument« an Ort und Stelle zu untersuchen, wenn man nicht gerade Kommunist sei. Ein wissenschaftlich qualifizierter Auschwitz-Besucher (Historiker), der sich für die Höß-Niederschriften interessierte, hat mir das nach einem Besuch von Auschwitz im Jahre 1976 bestätigt. Es gelang ihm - wie er mir brieflich versicherte - nur unter Schwierigkeiten und Zuhilfenahme eines Tricks für etwa 20 Minuten Einblick in die »Originale« der Aufzeichnungen zu erhalten, die für kurze Zeit in Warschau gewesen seien und sich jetzt im Archiv des Staatlichen Auschwitz-Museums befänden.

Auch den von Rassinier aaO. weiter mitgeteilten Umstand, daß die Höß-Aufzeichnungen mit Bleistift geschrieben seien, hat mein Gewährsmann bestätigt. Broszat hat diese wichtige Tatsache nicht einmal erwähnt. Sollte die Erklärung hierfür darin liegen, daß die zwischen den Seiten 24 und 25 der deutschen Ausgabe der Höß-Niederschriften eingeschobene Faksimile- Wiedergabe der ersten Seite der Autobiographie von Rudolf Höß deutlich erkennen läßt, daß der Kopie eine Tintenschrift zugrunde lag? Hat man Broszat bei seinem Besuch in Warschau vielleicht auch Aufzeichnungen von Höß vorgelegt, die mit Tinte geschrieben waren?

Rassinier hat das Faksimile der Handschrift von Höß als Fälschung bezeichnet. Das ist möglich. Wahrscheinlicher allerdings scheint es mir, daß das Faksimile die echte Höß-Handschrift zeigt, die dann als Modell für die Fälschung der mit Bleistift geschriebenen Aufzeichnungen gedient hat. Mit Bleistift ist eine Fälschung leichter zu bewerkstelligen. Jedenfalls durfte aber unbestreitbar sein, daß »Originale« von Höß-Aufzeichnungen sowohl in Tintenschrift als auch in Bleistiftschrift vorliegen. Dem Institut für Zeitgeschichte wurden zumindest teilweise Fotokopien der Tintenschrift zur Verfügung gestellt, während die im Archiv des Auschwitz-Museums aufbewahrten angeblichen »Original«-Aufzeichnungen vollständig mit Bleistift geschrieben sind. Diese Aufzeichnungen waren und sind selbstverständlich jeglicher Manipulation zugänglich. Man kann darin z. B. wegradieren und ändern, was einem nicht paßt, oder auch Ergänzungen einschieben. Nach Angaben meines Gewährsmannes sind bei den »Original«-Aufzeichnungen, die er im Auschwitz-Museum gesehen hat, Radierungen an verschiedenen Stellen erkennbar gewesen. Die Frage, von wem sie herrühren, muß offen bleiben.

Wie man sieht, ist hier so gut wie alles noch unklar. Die »formale Echtheit« der Höß-Aufzeichnungen, wie sie das Institut für Zeitgeschichte herausgegeben hat, ist keineswegs so zweifelsfrei, wie Broszat es hinzustellen versucht.

Unzulängliche Quellenkritik

Zu 2.: Mit dem gelehrt klingenden Kauderwelsch von einer »inneren historischen und subjektiven Stimmigkeit« der Aufzeichnungen meint Broszat nichts anderes, als daß sie mit dem übereinstimmen, was man über Person und Werdegang von Rudolf Höß ohnehin weiß, daß sie aber auch vor allem dem entsprechen, was man schon immer über Auschwitz behauptet hatte und demzufolge auch von Höß zu hören wünschte. Auf letzteres kam es den Herausgebern besonders an, wie Broszats Einleitung an vielen Stellen erkennen läßt. Nun konnte man zwar hierin die von Historikern schon immer geübte Methode der Quellenkritik sehen, die selbstverständlich erforderlich ist, um den Wert einer historischen Quelle beurteilen zu können. Indessen sind die in diesem Zusammenhang von Broszat herangezogenen Vergleichstatsachen ihrerseits so fragwürdig, daß man hier schon von einem recht merkwürdigen Echtheitsbeweis sprechen muß. Broszat belegt seine Feststellung nämlich im wesentlichen mit dem Hinweis, das viele Einzelheiten der Krakauer Niederschriften »durch die Protokolle der Nürnberger Vernehmungen oder in Dr. Gilberts Bericht über Höß weitgehend bestätigt« würden.

Dieser Vergleich vermag nicht zu überzeugen. Broszat zeigt damit zunächst nur, daß er die auffallenden Widersprüche zwischen den Krakauer Aufzeichnungen und den Nürnberger Protokollen sowie vor allem der von Gilbert präsentierten Höß-Aufzeichnung vom 9. April 1946, die Broszat bezeichnenderweise mit Schweigen übergeht, überhaupt nicht bemerkt hat oder nicht bemerken wollte. Abgesehen hiervon sind die eigenen Aufzeichnungen Gilberts über Höß höchst unzuverlässig. Gilbert machte sich bei seinen Gesprächen mit den Nürnberger Angeklagten und Zeugen - wie er selbst mitteilt - nie Notizen, sondern schrieb das Gehörte erst nachträglich nieder. Außerdem war er selbst nicht unvoreingenommen, wie seine Bemerkung zeigt, er habe »den Beweis für das Nazi-Barbarentum an Orten wie dem Dachauer Konzentrationslager« schon gesehen. So war von ihm eine in jeder Hinsicht objektive Wiedergabe des von seinen Gesprächspartnern Gesagten kaum zu erwarten, schon gar nicht aber bei einem Mann wie Höß. Und sicherlich nicht ganz zu Unrecht meint Rassinier, Gilbert habe Höß bei seinen Besuchen unter geschickter Ausnutzung der drohenden Auslieferung an die Sowjets suggeriert, was auszusagen nötig war, um der Auslieferung zu entgehen. Denn sicherlich gehörte es zu Gilberts Aufgaben als amerikanischer Gefängnispsychologe, die seiner Urobhut« unterstehenden Angeklagten und Zeugen im Sinne der Anklage zu beeinflussen. Die Tätigkeit des Psychologen ist ein Teil der während solcher Schauprozeß-Verfahren üblicherweise vollzogenen »Gehirnwäsche«. Auch Höß stand im Krakauer Gefängnis laufend unter der Kontrolle eines Psychiaters.

Auch die Protokolle des Nürnberger IMT-Prozesses kennen, wie wir bereits in anderem Zusammenhang gesehen haben, nicht als zuverlässige Geschichtsquelle gelten oder auch nur als Vergleichsmaßstab für andere Dokumente, wie hier die Höß-Niederschriften, herangezogen werden. Denn die unter dem Nürnberger »Recht« produzierten Aussagen enthielten alles andere, nur nicht die zeitgeschichtliche Wahrheit. Darüber sind sich inzwischen alle objektiven und unvoreingenommenen Betrachter dieser Gerichtsfarce einig. Daß Höß selbst nach seiner Gefangennahme der unmenschlichsten Behandlung ausgesetzt war und in jedem Stadium seiner Haft auf die verschiedenste Weise unter Druck gesetzt wurde, haben wir bereits erörtert.

Nach alledem kann man nur zu der Feststellung kommen, daß Broszat als verantwortlicher Bearbeiter der Höß-Niederschriften nicht einmal im Ansatz eine Quellenkritik versucht hat, die man bei einer Geschichtsquelle dieser Bedeutung und dieser obskuren Herkunft von einem Fachhistoriker eigentlich hatte erwarten dürfen. Auch die von Broszat zum Text der Niederschriften verfaßten Fußnoten sind insoweit ohne jede Bedeutung, soweit sie den behaupteten Tatbestand der Judenvernichtungen betreffen.

»Freiwillige« Geständnisse

Zu 3.: Wenn Broszat schließlich in der behaupteten »Stimmigkeit« der Aufzeichnungen zugleich ein »sicheres Kriterium« für deren Freiwilligkeit und Originalität zu sehen meint, so stellt er damit an den Begriff »sicheres Kriteriums als Historiker erstaunlich geringe Anforderungen. Weit eher ließe sich doch aus der Übereinstimmung der Aufzeichnungen mit dem Geschichtsbild, das uns die Sieger über die KL des Dritten Reiches mitbrachten und durch ihre Nürnberger Schauprozesse zu erhärten suchten, das Gegenteil folgern. Es gehört im übrigen schon eine reichliche Portion Naivität - wenn nicht bewußte Ignoranz - zu der Annahme, daß die polnischen Kommunisten mit Höß besonders menschlich umgegangen seien und keinerlei Einfluß auf den Inhalt seiner Niederschriften genommen oder dies wenigstens versucht haben könnten.

Höß schreibt auf Seite 147 seiner Autobiographie, daß man ihn habe »fertig« machen wollen, und es besteht kein Grund, an der Richtigkeit dieses Teils der Aufzeichnungen zu zweifeln. Wenn Höß dann allerdings weiter feststellt, daß dieses Vorhaben nur durch das Eingreifen der Staatsanwaltschaft verhindert worden sei, so hat er, wenn auch dieses zutrifft, die Situation, in der er sich befand, völlig verkannt. Und ebenso unterlag der zweifellos durch seine Behandlung in britisch-amerikanischer Haft charakterlich gebrochene Höß einem tragischen Irrtum, als er einige Zeilen weiter schrieb (wenn er es schrieb!): »Ich muß offen sagen, nie hätte ich erwartet, daß man mich so anständig und entgegenkommend in der polnischen Haft behandeln würde, wie es seit dem Einschreiten der Staatsanwaltschaft geschieht.« Denn wenn es sich wirklich so verhielt, dann hätte sich nur die Behandlungsmethode seiner Kerkermeister geändert. Es kann aber überhaupt keinen Zweifel daran geben, daß es diesen geschulten kommunistischen Inquisitoren damals allein darauf ankam, wie in allen im kommunistischen Machtbereich bekanntlich nicht seltenen Schauprozessen im Wege der »Gehirnwäsche« einen geständigen und reuigen Angeklagten zu produzieren, den man möglichst auch noch zur Abgabe eines schriftlichen »Geständnisses« bewegen konnte.

Die sog. Gehirnwäsche, über deren Methoden bereits vielfältige Erfahrungen vorliegen, bedarf nicht der physischen Folter. Von dieser primitiven Beeinflussungsmöglichkeit war man schon damals weitgehend abgekommen. An ihre Stelle ist ein langsames »Garkochen« durch eine raffinierte seelische Beeinflussung getreten. Die Arten seelischer Drangsalierung sind dabei so mannigfaltig und von den jeweiligen Umständen abhängig, daß es zu weit führen würde, sie hier im einzelnen zu beschreiben. Im Vorbereitungsstadium wird das Opfer zunächst durch Erzeugung von Angst, lange Wartezeiten bis zum ersten Verhör und totale Isolation zermürbt. Dann geht man mit verschiedenen Mitteln daran, es davon zu überzeugen, daß es ein Verbrechen begangen hat, das praktisch als zweifelsfrei erwiesen gilt. Auch scheinbar menschliches Verstehen kann als Mittel dienen, das Opfer gefügig zu machen. Und stets wird bei der Gehirnwäsche in irgendeinem Zeitpunkt ein Psychologe eingeschaltet, dem es obliegt, die letzten seelischen Widerstände zu brechen und das Opfer nach Möglichkeit sogar zu einem schriftlichen »Geständnis« zu bewegen.

Wir sahen bereits, daß auch bei Höß der Psychologe nicht fehlte, der - wie Broszat es ausdrückt - in Höß den »Gedanken gefordert« hat, »einen Lebensbericht über sich zu schreiben«. Es ist denkbar, daß ihm dabei die belastenden Teile seiner Niederschriften mit den Mitteln psychologischer Beeinflussung - also durch Drohungen, Versprechungen, Täuschungen usw. - abgepreßt oder abgelistet wurden. Es gibt - wie gesagt - viele Methoden der Gehirnwäsche, und gerade die Kommunisten waren schon damals auf Grund langer und intensiver Erfahrungen Meister darin.

Die Staatsanwaltschaft kann sich aber auch deshalb »anständig« gezeigt haben, um einwandfreie Schriftproben von Höß zu erhalten, die versierten Fälschern später als Vorlage dienen konnten. In diesem Fall brauchte Höß nicht einmal Belastendes selbst zu schreiben. Das ließ sich anhand gewonnener Schriftproben nachträglich ohne weiteres in etwa freiwillige Aufzeichnungen einfügen, besonders wenn diese - wie hier - mit Bleistift niedergeschrieben waren.

Broszat berührt eigenartigerweise alle diese auf der Hand liegenden Fragen überhaupt nicht. Er unterstellt völlig unkritisch einfach alles, was die Aufzeichnungen enthalten, als freiwillige, unbeeinflußte und auch nachträglich in keiner Weise manipulierte Aussage eines Mannes, der doch normalerweise keinen Grund gehabt hatte, sich so ausführlich zu äußern, insbesondere nicht zu Dingen, die ihn selbst an den Galgen bringen mußten. Broszat deutet die angebliche Aussagewilligkeit von Höß als »eilfertig-eifrige Gewissenhaftigkeit eines Mannes, der immer nur im Dienst irgendwelcher Autoritäten steht, der stets seine Pflicht tut,… und deshalb auch bereitwillig sein eigenes Ich, ein erschreckend leeres Ich, dem Gericht in der Form einer Autobiographie übergibt, um der Sache zu dienen«. Doch ist das wenig überzeugend. Ein derart abstraktes und keinerlei Wertvorstellungen verpflichtetes Pflichtbewußtsein gibt es nicht. Broszat versucht hier aus leicht zu erratenden Gründen mit Hilfe einer illusionären Theorie die harte Wirklichkeit jener Zeit und die besondere Situation, in der Höß sich befand, zu vernebeln.

Nun schreibt allerdings Höß am Schluß seiner Autobiographie: »Freiwillig und ungezwungen habe ich dies alles niedergeschrieben.« Doch erscheint das im Hinblick auf die damaligen zeitlichen und örtlichen Verhältnisse geradezu als absurd. Den unvoreingenommenen Historiker mußte eigentlich gerade dieser Satz stutzig machen. In der Tat kann nämlich nichts deutlicher machen, daß auf die Niederschrift von anderer Seite Einfluß genommen wurde, da sonst kein Anlaß zu einem solchen »Bekenntnis« bestanden hätte. Wer schließt schon einen persönlichen Lebensbericht mit einer solchen Floskel ab?

Im übrigen liefert sogar die Autobiographie selbst den Beweis, daß Höß seine Niederschriften nicht im eigentlichen Sinne »freiwillig« fertigte. Man war insoweit bei der Redaktion offenbar nicht sorgfältig genug. Auf Seite 63 der Autobiographie - also noch in jenem Teil, der im wesentlichen den persönlichen Werdegang von Höß enthält und daher weitgehend Höß’ eigene Gedanken wiedergeben dürfte - schreibt Höß nämlich: »Gerade in der jetzigen Haft vermisse ich so sehr die Arbeit. Wie dankbar bin ich für die aufgegebenen Schreibarbeiten, die mich voll und ganz ausfüllen.«

Höß schrieb mithin nicht aus eigenem Antrieb, sondern die Schreibarbeiten waren ihm »aufgegeben«! Wie die Aufgabe im einzelnen lautete, wissen wir nicht und werden es wohl auch nie erfahren.

Mit den vorstehend zu 1. bis 3. behandelten Argumenten für die angebliche Echtheit der Höß-Niederschriften, die nicht einmal eine halbe Seite der insgesamt 15 Seiten umfassenden Einleitung ausmachen, begnügt sich Broszat. Es ist kaum anzunehmen, daß er oder einer seiner Mitarbeiter darüber hinaus noch etwas zur Feststellung der Echtheit unternommen haben; es wäre dem Leser gewiß mitgeteilt worden. Alles Weitere, insbesondere die die Einleitung abschließenden Ausführungen über »Wesen und Bedeutung der autobiographischen Aufzeichnungen von Höß« ist leeres Wortgeklingel und Drumherumgerede, das trotz allem Bemühen des Kommentators Broszat die Fragwürdigkeit des Ganzen eher noch vergrößert. Auch fehlen zum Text der Aufzeichnungen in ihren entscheidenden Teilen - also dort, wo Höß (oder ein Fälscher?) seine völlig unsinnigen Behauptungen über die technische Durchführung der angeblichen Vernichtungsaktionen aufstellt - quellenkritische Anmerkungen gänzlich.. Bei einer »wissenschaftlichen Edition« ist das ungewöhnlich. Berücksichtigt man alles dies, so erscheint die Feststellung Heinrich Härtles durchaus glaubhaft, daß Broszat »von der exakten Geschichtsforschung nicht für voll genommen« werde, seit er »die unglaubwürdigen angeblichen Aufzeichnungen des ›Kommandanten von Auschwitz‹, Höß, eingeleitet und kommentiert hat«.

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß nicht einmal Ansätze dafür erkennbar sind, daß die »Historikers des Instituts für Zeitgeschichte dieses von ihnen herausgegebene Urdokument« nach herkömmlichen wissenschaftlichen Methoden auf seine Glaubwürdigkeit hin überprüft haben. Nicht einmal die formale Echtheit der angeblichen Höß-Niederschriften in der vom Institut für Zeitgeschichte vorgelegten Fassung kann als gesichert gelten. Als Geschichtsquelle können sie daher nur mit Einschränkung herangezogen werden. Soweit sie die angebliche Judenvernichtung behandeln, kommt ihnen – ins besondere aus den schon im vorigen Abschnitt angeführten Gründen- keinerlei Beweiskraft zu.

Damit kannte unsere Untersuchung über die Authentizität der Höß-Niederschriften abgeschlossen werden, da die offensichtlich mangelhafte Verifikation dieser »Geschichtsquelle» durch ihre Herausgeber im Grunde jedes weitere Wort überflüssig macht. Trotzdem möchte ich die Aufmerksamkeit des Lesers noch auf eine Reihe weiterer Gesichtspunkte lenken, die schon dem Laien erkennbar machen, daß die Höß-Niederschriften weitgehend manipuliert wurden. Ihre Oberprüfung durch qualifizierte und unabhängige Fachwissenschaftler könnte hierzu sicherlich noch manchen zusätzlichen Beweis liefern. Doch man wird sie - wie bisher - nach Möglichkeit zu verhindern wissen.

(wird fortgesetzt)


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 27(1) (1979), S. 11-16

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