Die Niederschriften des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß

Dr. jur. Wilhelm Stäglich (Fortsetzung. Zum erster Teil)

Der nachstehende Auszug wurde dem soeben im Grabert-Verlag erschienenen Werk von Dr. jur. Wilhelm Stäglich, DER AUSCHWITZ-MYTHOS. Legende oder Wirklichkeit entnommen. Aus technischen Gründen wurde auf die Wiedergabe der im Originaltext enthaltenen Anmerkungen und Quellenverzeichnisse verzichtet, auch die Zwischenüberschriften wurden eingefügt.

Zehn Jahre lang wurde das Dokument »redigiert«

Ich möchte die Aufmerksamkeit des Lesers auf eine Reihe weiterer Gesichtspunkte lenken, die schon dem Laien erkennbar machen, daß die Höß-Niederschriften weitgehend manipuliert wurden. Ihre Überprüfung durch qualifizierte und unabhängige Fachwissenschaftler konnte hierzu sicherlich noch manchen zusätzlichen Beweis liefern. Doch man wird sie - wie bisher - nach Möglichkeit zu verhindern wissen.

In erster Linie drängt sich die Frage auf, weshalb denn eigentlich diese doch angeblich so wichtige Geschichtsquelle der Öffentlichkeit länger als ein Jahrzehnt vorenthalten wurde. Zwar berichtet uns Broszat in seiner Einleitung zur 1958 erschienenen Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte, daß das »Außergewöhnliche dieser Quelle« die polnische »Hauptkommission zur Untersuchung der nat.-soz. Verbrechen in Polen« schon 1951 zu einer »ersten Veröffentlichung von Höß-Aufzeichnungen in polnischer Obersetzung« bewogen habe und daß nach dieser ersten Teilveröffentlichung eine vollständige Veröffentlichung der Aufzeichnungen - ebenfalls in polnischer Sprache - im Verlag des polnischen Justizministeriums in Warschau erschienen sei. Immerhin waren aber auch damals schon 4 bzw. 9 Jahre seit dem Tode von Rudolf Höß verstrichen, und es mutet mehr als seltsam an, daß man die angebliche Lebensbeichte eines solchen Mannes so lange zurückhielt, ganz abgesehen davon, daß man sie zunächst in einer Sprache herausbrachte, die er selbst nie gesprochen hatte.

Die beiden polnischen Ausgaben wurden überdies - wie Broszat weiter mitteilt - nur »einigen Fachleuten in Deutschland und dem westlichen Ausland bekannt« und sollen einen französischen Schriftsteller zu einer entsprechenden Romanhandlung inspiriert haben. Darüber kann man sich nur wundern. Denn wenn - wie Broszat behauptet - Fachleute in Deutschland bereits zu Beginn der 50er Jahre darüber unterrichtet gewesen sein sollen, daß Höß bei seinem Tode schriftliche Aufzeichnungen hinterlassen hatte, so ist kaum zu verstehen, warum sie sich nicht sogleich um diese wichtige Geschichtsquelle bemühten und deren Zuverlässigkeit zu ergründen suchten. Hierzu bestand doch um so mehr Veranlassung, als damals über das KL Auschwitz-Birkenau und seine angebliche Bedeutung noch weitgehende Unklarheit bestand. Auch hatten westliche Wissenschaftler seinerzeit sicherlich Übersetzungen in die Sprache ihres Landes veranlaßt, wenn sie wirklich zuverlässige Kunde von diesem außergewöhnlichen Dokument gehabt hatten. In Wirklichkeit scheint man also polnischerseits noch nicht an einer allzu großen Publizität dieser heute als so überaus bedeutungsvoll angesehenen Niederschriften interessiert gewesen zu sein.

Angesichts aller dieser Umstände konnte man auf den Gedanken kommen, daß gewisse an der Durchsetzung der Auschwitz-Legende interessierte Kreise zu jener Zeit erst noch versuchten, den Rahmen für das abzustecken, was einmal als »Lebensbeichte« des Rudolf Höß an die Weltöffentlichkeit gelangen sollte. Daß etwa gleichzeitig mit der ersten polnischen Teilveröffentlichung der von Broszat erwähnte französische Schriftsteller einen Höß-Roman mit dem Titel »La mort est mon métier« (Der Tod ist mein Beruf) verfaßte, sollte zu denken geben. Möglicherweise »befruchtete« man sich da gegenseitig, und das deutsche »Original« der Niederschriften wurde damals erst in seinen heute für besonders wichtig gehaltenen Teilen konzipiert und erarbeitet oder bearbeitet.

Doch mag es sein, wie es will. Zumindest hatte man von den deutschen Herausgebern der Höß-Niederschriften Aufklärung darüber erwarten dürfen, warum die »Redaktion« der (wirklichen oder nur fingierten?) Aufzeichnungen von Rudolf Höß in ihrer deutschen Originalsprache mehr als ein Jahrzehnt in Anspruch nahm. Daß diese Frage von ihnen nicht einmal angeschnitten wird, ist aufschlußreich genug. Die durch nichts begründete Zurßckhaltung eines zweifellos bemerkenswerten Dokuments in seinem Urtext über einen Zeitraum von mehr als einem Jahrzehnt hinaus ist jedenfalls mit der Behauptung, es sei in jeder Hinsicht authentisch und sogar das »maßgebendste Zeugnis« (Rawicz) für die angeblichen Judenvernichtungen in Auschwitz-Birkenau, kaum zu vereinbaren. Normalerweise hätte ein solches Dokument unmittelbar nach seiner Abfassung allen daran interessierten Fachwissenschaftlern zur Prüfung und Auswertung zugänglich gemacht werden müssen. Hierauf will man sich aber polnischerseits offenbar selbst heute noch nicht einlassen. So erscheint denn schon aus diesem Grunde die Vermutung nicht abwegig, daß die Höß-Niederschriften nicht nur weitgehend das Ergebnis einer kunstgerechten »Gehirnwäsche« waren, sondern daß sie darüber hinaus sogar noch nachträglich ergänzt oder teilweise verändert wurden. Eine andere Erklärung für die Tatsache, daß dieses Dokument erst so spät - und immer noch nicht vollständig! - auftauchte, ist kaum denkbar.

Seuchen oder Vergasung?

Bei näherer Betrachtung des Gesamtinhalts der uns vorliegenden Aufzeichnungen erfährt diese These sogar eine gewisse Bestätigung. Man kann wohl davon ausgehen, daß jedenfalls die Autobiographie von Rudolf Höß insoweit echt ist, als sie den persönlichen Werdegang von Höß, seine Höchstpersönlichen Vorstellungen, Überzeugungen und Gefühle sowie alle mit der angeblichen Judenvernichtung nicht im Zusammenhang stehenden dienstlichen Vorgänge widerspiegelt. Es wäre selbst für eine Gruppe von Fälschern viel zu mühsam und zeitraubend gewesen, alle diese Einzelheiten selbst zusammenzutragen und schriftlich niederzulegen. So ließ man Höß wohl schon aus diesem Grunde den größten Teil der Autobiographie selbst schreiben. Außerdem konnte man auf diese Weise eine umfangreiche Handschriftenprobe von Höß erhalten, mit deren Hilfe sich nicht nur sein Schriftbild, sondern auch - was für Ergänzungen und Änderungen wichtig war- sein Stil und seine Wortwahl ermitteln ließen. Hätte man aber diese Grundlagen, so war es für versierte Fälscher ein Leichtes, den erwünschten Inhalt zu manipulieren, soweit nicht Höß selbst schon auf Grund der an ihm vollzogenen Gehirnwäsche sich zu belastenden Aussagen bereitgefunden hatte.

Dafür, daß es sich so und nicht anders verhält, gibt es in den Niederschriften eine ganze Reihe von Anhaltspunkten, die kaum einen anderen Schluß zulassen. Wir wollen uns auf den folgenden Seiten damit befassen, wobei vorauszuschicken ist, daß unsere Analyse keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Sie muß sich schon aus Platzgründen auf die wichtigsten Punkte beschränken.

Betrachten wir die Autobiographie, so fällt vor allem auf, daß darin eigenartigerweise nur die angebliche Vernichtung der Juden in den ersten Behelfsanlagen, den - wie es heißt - zu Gaskammern umgebauten Bauernhäusern, geschildert wird. Über die Krematorien und Gaskammern, die später gebaut worden sein sollen, schreibt Höß in seiner Autobiographie überhaupt nichts. Das ist um so auffälliger, weil Höß bis Ende des Jahres 1943 Kommandant von Auschwitz war. Der angeblich im Winter 1942/43 begonnene Bau der Krematorien und deren Inbetriebnahme im Frühjahr 1943, was sicherlich mancherlei Probleme mit sich gebracht haben mußte, fiel also in seine Kommandantenzeit. Ebenso verliert Höß über die fast ständig in der Auschwitz-Region grassierenden Typhusepidemien, die Butz als den eigentlichen Grund für den Bau von großen Krematorien in Birkenau ansieht, kein Wort. Höß übergeht also in seiner Autobiographie wenn man so will - wichtigste Tatbestände aus der Geschichte des Lagers Auschwitz-Birkenau, die er persönlich erlebt haben muß und die wahrscheinlich in mehr als einer Hinsicht problematisch waren.

Es kommt hinzu, daß der Abschnitt über die Judenvergasungen nur etwas über 9 Seiten des insgesamt 42 Seiten umfassenden Auschwitzabschnitts in der Autobiographie einnimmt. Das ist recht wenig, wenn die Hauptbedeutung von Auschwitz-Birkenau wirklich darin bestanden haben sollte, alle im deutschen Machtbereich befindlichen Juden zu vernichten.

Ganz ausführlich behandelt Höß dagegen die Judenvernichtung in seiner angeblich schon einige Monate früher entstandenen gesonderten Abhandlung »Die Endlösung der Judenfrage im KL Auschwitz«, auf die er jedoch in seiner Autobiographie an keiner Stelle Bezug nimmt. Hier äußert er sich insbesondere auch eingehend zu den angeblichen Vergasungen und Verbrennungen in den neuen Krematorien von Birkenau, mit denen wir uns bereits im vorigen Abschnitt beschäftigt haben. Diese Abhandlung ist vermutlich in ihrer Gesamtheit eine erst nach dem Tode von Höß entstandene Fälschung. Denn abgesehen von den darin enthaltenen Widersprüchen und Ungereimtheiten, auf die schon hingewiesen wurde, enthält sie den Kern der Greuelpropaganda sozusagen in einem Guß. Sie macht ganz den Eindruck einer »Auftragsarbeit«, die bemüht ist, die mit der Legende einhergehenden Widersprüche nach Möglichkeit auszugleichen oder doch zu verwischen, was freilich - wie wir sahen - nicht immer gelungen ist. Es ist schon bezeichnend genug, daß sie in der Sprache der Sieger mit dem Slogan der Greuelpropaganda »Endlösung der Judenfrage« betitelt ist, obwohl dokumentarisch bis heute nicht nachweisbar ist, daß der Begriff »Endlösung« jemals die Bedeutung von »Vernichtung« hatte.

Die Erklärung für diese eigenartige Behandlung der angeblichen Judenvernichtung in den Höß-Niederschriften erscheint recht einfach. Höß hatte mit Sicherheit in seiner Autobiographie auch einige Seiten über die in Auschwitz grassierenden Seuchen, den dadurch veranlaßten Bau der Krematorien und die damit verbundenen Probleme geschrieben. Das alles paßte natürlich nicht zur Legende, so daß man bei der »Redaktion« der Autobiographie diese Seiten entfernte und durch andere - gefälschte - ersetzte. Auf diesen etwas mehr als 9 Seiten ließ sich aber nicht alles, was man Höß zum Thema Judenvernichtung sagen lassen wollte, unterbringen, weshalb man noch die gesonderte Abhandlung über die Endlösung fertigte und als schon vorher - im November 1946 - von Höß niedergeschriebene Aussage ausgab. Man vergaß dabei nur, in die von Höß im Februar 1947 abgeschlossene Autobiographie Bezugnahmen auf diese angeblich vorher entstandene Abhandlung aufzunehmen, was Höß sicher nicht versäumt hätte, wenn die Ausführungen über die Judenvernichtung in Autobiographie und dieser Abhandlung von ihm selbst niedergelegt worden wären.

Obwohl diese Erklärung am wahrscheinlichsten ist, ist selbstverständlich auch nicht auszuschließen, daß Höß die Aussagen über die Judenvernichtung unter Zwang selbst schrieb. Nur eines ist schon vom Inhalt der Aussagen her nicht möglich: daß sie aus Höß’ eigenem Kopf stammten und der Wahrheit entsprechen. Abgesehen von den bereits im vorigen Abschnitt für die Unglaubwürdigkeit dieser Passagen angeführten Gründen gibt es noch einige weitere Hinweise darauf, daß es sich insoweit nicht um freiwillige, der Wahrheit entsprechende Aussag en von Höß handelt.

Auschwitz war kriegswirtschaftlich wichtig

So spricht für eine nachträgliche Einfügung der etwa 9 Seiten umfassenden Passage über die behelfsmäßige Judenvernichtung in die Autobiographie der Umstand, daß damit das Auschwitzkapitel abgeschlossen wird, während sich diese Vorgänge 1942 - also um die Mitte der Kommandantenzeit von Höß - abgespielt haben sollen. Den Abschluß von Höß’ Kommandantenzeit hatte eigentlich der Bericht über die Inbetriebnahme der neuen Krematorien im Frühjahr und Sommer 1943 bilden müssen, wovon in der Autobiographie - wie gesagt - kein Wort zu finden ist. Vor diesem letzten Teil des Auschwitzkapitels spricht Höß die angebliche Judenvernichtung ausdrücklich nur an zwei Stellen an, die ebenfalls wahrscheinlich nachträglich eingeschoben oder entsprechend verändert wurden.

Auf Seite 110 der Autobiographie liest man hierzu folgendes: »Als der RFSS seinen ursprünglichen Juden-Vernichtungsbefehl von 1941, nach dem alle Juden ausnahmslos zu vernichten waren, dahin abänderte, daß die Arbeitsfähigen für die Rüstungsindustrie heranzuziehen seinen, wurde Auschwitz Judenlager, ein Judensammellager in einem Ausmaß, das bis dahin nicht gekannt.« Höß hatte vorher von einem »Judenvernichtungsbefehl«, auf den sich dieser Satz beziehen konnte, nichts erwähnt, so daß Broszat sich bemüßigt fühlt, in einer Fußnote insoweit auf die gesonderte Abhandlung über die »Endlösung« hinzuweisen. Höß hätte das vermutlich selbst getan, wenn er diese Abhandlung und jenen Satz auch selbst verfaßt hätte. Auch sonst paßt der zitierte Satz aber nicht recht in den Zusammenhang, so daß seine nachträgliche Einfügung wahrscheinlich ist. Bei einer Bleistiftschrift war das ohnehin kein Problem. Die Tatsache, daß am Schluß des Satzes das Hilfszeitwort fehlt, deutet im übrigen darauf hin, daß er von jemandem stammen muß, der der deutschen Sprache nur unvollkommen mächtig war. Der Stil von Höß ist das nicht! Die gleiche Beobachtung können wir an anderer Stelle machen. Auf den Seiten 105-106 schildert Höß einen im Juli 1942 erfolgten Besuch Himmlers in Auschwitz, bei dem dieser sich u. a. das Zigeunerlager mit seinen überfüllten Wohn- und Krankenbaracken angesehen habe. Es heißt dann weiter wörtlich: »Er sah alles genau und wirklichkeitsgetreu - und gab uns den Befehl, sie zu vernichten, nachdem die Arbeitsfähigen wie bei den Juden ausgesucht.« Auch hier also wieder das fehlende Hilfszeitwort am Schluß des Satzes, eine Sprachschluderei, die sonst in Höß’ Aufzeichnungen über sein Leben nicht zu finden ist. Ferner hat dieser Satz ebenfalls in den vorangehenden Ausführungen keinen Bezugspunkt, soweit er die Juden betrifft. Über die Juden in Auschwitz beginnt Höß erst ab Seite 108 der Autobiographie zu sprechen, und auch dann wird zunächst noch mit keinem Wort angedeutet, daß sie ins Lager gebracht wurden, um dort liquidiert zu werden.

Außer an diesen beiden Stellen, bei denen es sich also nur um nachträglich eingeschobene Passagen handeln kann, wird die angebliche Judenvernichtung im Auschwitzkapitel der Autobiographie - wie bereits -erwähnt- nur am Schluß in einem geschlossenen Block im Umfang von etwa 9 Seiten - beginnend mit Seite 120 und endend mit Seite 130 - angesprochen. Zuvor schildert Höß die einzelnen Häftlingskategorien sowie deren Verhalten, nachdem er den schwierigen Aufbau des Lagers und seine Bedeutung als Arbeitslager eingehend herausgestellt hat. Er spricht auch viel von seinen Auffassungen über die Führung eines KL und die Behandlung der Häftlinge, wobei er immer wieder die Wichtigkeit einer menschlichen Behandlung zur Erhaltung und Forderung der Arbeitskraft und Arbeitsmoral der Häftlinge betont. Immer wieder beklagt er sich auch, daß er in dieser Zielsetzung von seinen Unterführern weitgehend nicht verstanden worden sei, ja daß sie sogar den - wie Höß es nennt - »Terror der inneren Gewalten« geduldet hatten, nämlich die Quälereien und Mißhandlungen von Häftlingen durch ihre eigene Häftlingshierarchie, die auch Rassinier aus eigener Erfahrung anschaulich in seinem Buch »Die Lüge des Odysseus« geschildert hat.

Wenn man das alles so liest, gewinnt man zunächst nur den Eindruck, daß Auschwitz ein riesiges Menschenreservoir für kriegswirtschaftliche Arbeiten, nicht aber wie es immer dargestellt wird - ein Vernichtungslager für Juden gewesen ist. Dies um so mehr, als Höß auf Seite 120 schließlich gewissermaßen zusammenfassend ausdrücklich feststellt: »Nach dem Willen des RFSS waren die KL zur Rüstungsfertigung eingesetzt. Ihr war alles andere unterzuordnen.« Höß bekräftigt das sogar noch mit einigen weiteren Sätzen und meint u. a., daß auch er von dieser Notwendigkeit als einer der Voraussetzungen zur Erringung des Endsiegs überzeugt gewesen sei; er habe geglaubt, dafür »arbeiten zu müssen, ja nichts versäumen zu dürfen«.

Und erst jetzt kommt - noch auf derselben Seite 120 - ein auffallender Bruch in der Gesamtdarstellung. Der folgende Absatz beginnt nämlich mit dem in keinerlei Beziehung zum Vorhergehenden stehenden Satz: »Nach dem Willen des RFSS wurde Auschwitz die größte Menschen-Vernichtungsanlage aller Zeiten.« Es ist die Einleitung zu der nun folgenden Geschichte des Beginns der angeblichen Judenvernichtungen, die hier völlig den Eindruck eines Torsos hinterläßt. Im Anschluß daran berichtet Höß dann nur noch über seine Zeit als Amtschef des Wirtschaftsverwaltungshauptamts der Waffen-SS in Berlin und über das Kriegsende.

Es wurde schon ausgeführt, daß diese 9 Seiten über die Judenvernichtung ursprünglich einen anderen Inhalt gehabt haben müssen und wahrscheinlich nachträglich an die Stelle des früheren Inhalts dieser Seiten gesetzt wurden. Zur vollständigen Darstellung der angeblichen Judenvernichtung reichten die zur Verfügung stehenden 9 Seiten offenbar nicht aus. Jedenfalls fällt dieser Teil der Autobiographie unverkennbar aus dem Rahmen der Gesamtdarstellung. Das wird bereits an der offensichtlichen Unvereinbarkeit der oben zitierten beiden Sätze deutlich, die fast unmittelbar aufeinander folgen. Der Fälscher war zwar am Anfang des Teilstücks über die Judenvernichtung ängstlich bemüht, die Ausdrucksweise von Höß (»Nach dem Willen des RFSS…«) beizubehalten. Aber gerade das macht den Widerspruch besonders auffällig und eindrucksvoll. Denn der RFSS (Reichsführer-SS Himmler) wird kaum zwei völlig entgegengesetzte Willensentscheidungen getroffen haben.

Aufgewärmte Greuelküchenkost

Im weiteren Verlauf der Darstellung verstärkt sich dieser Eindruck noch. Denn was Höß dort über die Judenvernichtung sagt und wie er es sagt, das beweist keineswegs wie Broszat meint (Einleitung Seite 10) - »die Urheberschaft des mit seinem Gegenstand wohlvertrauten Auschwitzer Kommandanten«. Es ist vielmehr nichts weiter als wieder aufgewärmte Greuelküchenkost, wie sie in der ersten Nachkriegszeit in bezug auf alle deutschen KL einem bedauernswerten Publikum mit phantasieloser Gleichförmigkeit vorgesetzt wurde, ja mitunter sogar heute noch - z. B. durch die jüngst erfolgte Neuauflage von Eugen Kogons Buch »Der SS-Staat« - vorgesetzt wird. Die Höß zugeschriebene Schilderung stimmt mit solchen Darstellungen manchmal fast wörtlich überein, was über ihre einheitliche Herkunft kaum noch Zweifel offen läßt. Stil und Inhalt dieses Teils der Autobiographie lassen es ausgeschlossen erscheinen, daß er von dem sonst in seiner Darstellung so nüchtern und oft fast langweilig wirkenden Höß stammt. Rassinier spricht deshalb insoweit mit Recht von einer »Sammlung unkontrollierbarer Klatschgeschichten« und vergleicht dieses »Werk« ironisch mit dem »Roman der Portiersfrau«. Einige Hinweise mögen das veranschaulichen.

So enthält diese Höß in den Mund gelegte Geschichtensammlung z.B. die bekannte Geschichte von Müttern, die vor dem Betreten der Gaskammer ihre Säuglinge unter Kleiderbündeln zu verstecken suchten, ein zwar unmögliches und unsinniges Bild, mit dem man sich aber wohl besondere Wirkungen auf die Gefühlswelt eines Durchschnittslesers versprach. Ferner erscheinen in der Darstellung auch jene Opfer, deren aufrechte Haltung beim Gang in die Gaskammer man Höß rühmen läßt, wie etwa der »alte Mann«, der vor seiner »Vergasung« den Deutschen Vergeltung verheißt und in vielen ähnlichen Geschichten - manchmal ist es auch eine Frau - immer wieder vorkommt. Daß diese Legenden im Widerspruch zu der Behauptung stehen, den Opfern sei bis zuletzt vorgetäuscht worden, daß sie zum Baden oder zur Desinfektion geführt wurden, wird dabei stets - so auch in dieser Höß-Darstellung - übersehen. Natürlich läßt man Höß auch das Entfernen der Goldzähne und Abschneiden der Haare der Toten wie überhaupt die als besonders abscheulich und unverständlich bezeichnete Tätigkeit der jüdischen Sonderkommandos erwähnen: »wiederholt« entdeckten sie »nähere Angehörige unter den Leichen«. Auch hier ist wieder die schamlose Spekulation auf die Gefühlswelt gutgläubiger Leser unübersehbar. Das besonders beliebte Greuelmärchen vom Übergießen der brennenden Leichenhaufen mit dem dabei anfallenden Leichenfett bleibt selbstverständlich ebenfalls nicht unerwähnt, ein physikalisch und technisch unmöglicher Vorgang.

Bei dieser Darstellung der Tätigkeit des sogenannten Sonderkommandos ist den »Redakteuren« der Höß-Aufzeichnungen allerdings ein Fehler unterlaufen, der so schwerwiegend ist, daß sich damit die Judenvernichtungslegende sozusagen von selbst erledigt. Bei der Beschreibung des Herausschleppens der Leichen aus den »Gaskammern« durch die Männer des Sonderkommandos läßt man Höß nämlich wörtlich sagen: »Beim Leichenschleppen aßen sie oder rauchten.«

Zeitlich geschah das unmittelbar im Anschluß an die »Vergasung«. Es heißt hierzu an anderer Stelle der Aufzeichnungen: »Eine halbe Stunde nach dem Einwurf des Gases wurde die Tür geöffnet und die Entlüftungsanlage eingeschaltet. Es wurde sofort (Hervorhebung vom Verf.) mit dem Herausziehen der Leichen begonnen.«

Wir erfahren also - mit anderen Worten -, daß das Sonderkommando seine Arbeit, die dieser Darstellung zufolge u.a. auch noch das Herausziehen der Goldzähne und Abschneiden der Haare der Gastoten umfaßte, bereits eine halbe Stunde nach dem Einwurf des Gases in die Kammern aufnahm, und zwar ohne Gasmaske! Denn die Männer des Sonderkommandos »aßen oder rauchten« dabei, was selbstverständlich mit Gasmaske nicht möglich gewesen wäre.

Damit aber wird die Lüge offenkundig! Dieser Geschichte fehlt jede Wirklichkeitsbezogenheit, weil sie einen im Hinblick auf die Wirkungsweise des Zyklon B ganz unmöglichen Vorgang beschreibt. Da sie indessen auch sonst in dieser oder ähnlicher Form Bestandteil der einschlägigen Greuelliteratur ist, mußte sie wohl zwangsläufig auch Höß in den Mund gelegt werden.

Daß es in Wirklichkeit ganz unmöglich war, einen mit Zyklon B gesättigten Raum nach so kurzer Zeit ohne Gasmaske zu betreten und darin sogar noch zu arbeiten, wird einwandfrei durch zwei Dokumente bewiesen. Es handelt sich dabei um Unterlagen aus dem Arbeitsgebiet der Firma DEGESCH, die damals bekanntlich - und zwar schon seit dem 1. Weltkrieg - das Ungeziefervertilgungsmittel Zyklon B herstellte und vertrieb. Beide Dokumente wurden in dem Nürnberger Prozeß des amerikanischen Militärtribunals gegen Angehörige der IG-Farben-Industrie (Fall 6 der Nachfolgeprozesse) vorgelegt, ohne daß damals allerdings ihre die Gaskammerlegenden ad absurdum führende Bedeutung erkannt wurde. Seither sind sie »verschollen« und werden bezeichnenderweise in der einschlägigen Literatur mit keinem Wort mehr erwähnt. Ich verdanke ihre Kenntnis einem Hinweis des französischen Universitätsprofessors Dr. Robert Faurisson. Es gelang mir, Fotokopien dieser Dokumente im Staatsarchiv Nürnberg ausfindig zu machen und einzusehen. Ihr Inhalt muß im Hinblick auf die üblichen Darstellungen in der Greuelliteratur geradezu als sensationell bezeichnet werden.

Das eine dieser Dokumente (NI-9098) ist eine Broschüre der Firma DEGESCH, die 8 Vorträge aus dem Arbeitsgebiet dieser Firma enthält. Aus ihr ergibt sich vor allem, daß die »Lüftbarkeit« des Gases Zyklon B »wegen starken Haftvermögens des Gases an Oberflächen erschwert und langwierig« ist. Es muß demnach nicht nur an Gegenständen und in den durchgasten Räumen, sondern insbesondere auch an etwaigen Gasleichen selbst ziemlich dauerhaft gehaftet haben, so daß der Umgang mit solchen Leichen in jedem Fall das Tragen einer Gasmaske erfordert hatte.

Das andere Dokument (NI-9912) - »Richtlinien für die Anwendung von Blausäure (Zyklon) zur Ungeziefervertilgung« - ist eine Gebrauchsanweisung für die Arbeit mit diesem Präparat. Es gibt die Entlüftungszeit für Zyklon B mit »mindestens 20 Stunden« an. Weiter geht daraus hervor, das zur Arbeit mit Zyklon B bzw. in den damit durchgasten Räumen stets eine Gasmaske getragen werden muß, und zwar sogar mit einem besonderen Spezialfilter. Für die Entlüftung der durchgasten Räume sind detaillierte Anweisungen einzuhalten; sie können keinesfalls »vor Ablauf von 21 Stunden nach Beginn der Lüftung« wieder ohne Gasmaske betreten werden. Eine beschleunigte Entlüftung ist also gar nicht möglich. In beiden Dokumenten wird im übrigen wiederholt nachdrücklich betont, daß der Umgang mit diesem Gas und die Entlüftung der damit durchgasten Raume speziell hierfür ausgebildetes Personal erfordert. Nirgendwo aber wird berichtet, daß jüdische Sonderkommandos jemals eine derartige Spezialausbildung erhalten hatten.

Keinesfalls also konnte das Sonderkommando die »Gaskammer« bereits eine halbe Stunde nach Einwurf des Gases ohne Gasmaske betreten und dort all die Hantierungen vornehmen, die in den Höß-Aufzeichnungen und anderswo immer wieder geschildert werden. Kein »Augenzeuge«, der Gegenteiliges berichtet, kann jemals einer »Vergasung« beigewohnt haben - auch Höß nicht! -


Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 27(2) (1979), S. 22-26

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