Teheran und Jalta, Teil 2

Eine kurze Vor- und Nachgeschichte

Professor Dr. Andreas R. Wesserle

Zum 1 Teil

lm ersten Teil seiner Studie über die alliierten Kriegskonferenzen und ihre Folgen betrachtete der deutschamerikanische Wissenschaftler die Auswirkungen auf Asien und Osteuropa. In diesem zweiten Teil werden die Folgen für Deutschland, die Besatzungspolitik und ihre ursprünglichen Ziele behandelt. Viel zu spät erkannten die Westmächte, daß sie in verblendetem, kurzsichtigem Haß gegen Deutschland den Sieg völlig an Stalin verspielten.


Die Kriegs- und die Friedenspolitik der angloamerikanischen Alliierten und ihres Östlichen Verbündeten entlud sich in einem Zeitraum von drei Jahren über Deutschland: angefangen von der »Arcadia«-Konferenz zwischen Roosevelt und Churchill in Washington (Dezember 1941-Januar 1942), während welcher Deutschland zum Hauptfeind erklärt wurde, bis hin zur Krimkonferenz vom Februar 1945. Das Dreiertreffen von Potsdam - unter dem Vorzeichen des Atommonopols Amerikas - stellte für Europa und Asien trotzdem nur eine Fortentwicklung des Vorausgegangenen dar.

Die Verantwortlichen trafen Entscheidungen auf drei Hauptgebieten:

  1. das Festlegen der Kriegsziele gegen Deutschland und damit auch die Bestimmung über die Art und Dauer des Krieges;
  2. die Nachkriegspolitik in Deutschland und seine Teilung;
  3. die Besatzungspolitik des Westens: die »Entmilitarisierung« bzw. die teilweise »Entvölkerung« Deutschlands im Rahmen eines stark verringerten Resteuropas.

Auch auf dem Gebiete der Kriegspolitik des Westens erschien der Einfluß des Präsidenten ausschlaggebend. Er war es, der schon auf der Konferenz von Casablanca (14.-23. Januar 1943) Öffentlich die Formel von der »bedingungslosen Kapitulation« der Achsenmächte - insbesondere des Hauptfeindes Deutschland - zum Glaubenssatz erhob. Er setzte sich damit über den anfänglichen Widerspruch Churchills hinweg und verstieß sogar gegen den Rat Marschall Stalins, der hervorhob, das starre Beharren auf Bedingungslosigkeit stärke nur den verzweifelten Widerstand der Feindvölker[24]. Aber Roosevelt und seine einflußreichsten Ratgeber bestanden auf ihrer Forderung und gingen damit 1943 und 1944 sogar so weit, die ernstgemeinten Friedensangebote starker deutscher Untergrundverbindungen abzuschlagen und zunichte zu machen. Es war seine. Absicht, den totalen Krieg auch nach der Kapitulation Deutschlands fortzuführen. Wie einfach der Präsident sich die Zukunft vorstellte, erhellt sich aus seiner Mahnung, sollten die Deutschen seine Forderung ablehnen, man sie an das Ende des amerikanischen Bürgerkrieges erinnere (1861-1865), als General Grant, der Befehlshaber der siegreichen Nordarmee, den Soldaten des geschlagenen Feindes trotz ihrer bedingungslosen Kapitulation es erlaubte, ihre Pferde wieder mit heimzunehmen, um sie als Ackertiere zu verwenden. Dies würde auf die Deutschen den Eindruck gewiß nicht verfehlen[25]. Roosevelt erwähnt dabei nicht, daß die Besatzungspolitik der Nordstaaten gerade gegen die Zivilbevölkerung des Südens oft mit grausamer Härte durchgeführt wurde.

Zeitweilig, unter dem Druck einiger Diplomaten im State Department (so des Aul3enministers Hull, des Assistierenden Außenministers Adolf A. Berle und des US-Botschafters in London, Winant) und des Einflusses Besonnener im Kriegsministerium (darunter der Generale Dwight D. Eisenhower und Walter Bedell Smith), stimmte der Präsident eine etwas weichere Tonart an. In einem am 18. Mai 1944 Churchill unterbreiteten Aufruf - er zielt auf die Erleichterung der Invasion hin - rief er die Soldaten Deutschlands auf, weiteres Blutvergießen zu vermeiden; die Alliierten hätten »... nicht die totale Zerstörung des deutschen Volkes« im Auge[26]. Unerwähnt blieb, daß »nur« das Reich, »nur« Deutschland als Staat, vernichtet werden sollte. Eine belanglose Unterscheidung? Unter den vorherrschenden Verhältnissen der Gegenwart kann und wird ein Kulturvolk ohne den notwendigen Schutz eines starken Zentralstaats - mag er gestaltet sein, wie föderativ er will - niemals überleben.

Solche Ratgeber im Gefolge Roosevelts, wie sein späterer Außenminister Edward Stettinius, die selber vorgaben, der Formel von der bedingungslosen Kapitulation treu ergeben zu sein, befürworteten trotzdem Friedensvorschläge unmittelbar »An das deutsche Volk in Umgehung der Naziregierung«. Stettinius sah in einem Memorandum vom 10. März 1944 voraus, daß der USStaat »... eines Tages einer gewissen Kritik wird Antwort stehen müssen« (»Proposal of Peace Terms to the German People Over the Heads of the Nazi Government«; »... because some day we might have to answer certain criticisms« )[27].

Aber Roosevelt und seine intimsten Berater wiesen die frühzeitige Beendigung des Krieges durch ein nichtoder antinationalsozialistisches Deutschland schon 1943 oder 1944 kategorisch von sich:

»Das Schlechte an der Denkschrift (der amerikanischen Generalstabschefs) ist, daß sie das Wiedererrichten eines deutschen Staates vorsieht, der anscheinend sofort aktiv für den Frieden in Europa (mit uns) zusammenarbeiten würde ... «

(»The trouble is that the reasoning of the memorandum (of the Joint Chiefs of Staff) presupposes a reconstituting of a German state which would give active cooperation apparently at once to peace in Europa ... «)[28]

Das dürfte nicht sein, da die »deutsche Philosophie« weder durch Gesetz noch durch Militärokkupation, sondern nur durch eine »evolutionäre Entwicklung« von zwei Generationen Dauer verändert werden kann. Etwas anderes anzunehmen, hieße, einen Dritten Weltkrieg heraufzubeschwören ...[29]

Deutschland als Staat und als Nation mußte vernichtet werden, selbst wenn das die Verzögerung des Kriegsendes um ein Jahr, grenzenlose Zerstörung, den Tod von Millionen - den Untergang Europas bedeutete. Kein Wunder, daß deutsche, ungarische und rumänische ›Friedensfühler‹ im Sande verliefen.

Deutsche Friedensfühler

In einer Depesche vom 3. Januar 1944 unterrichtete der amerikanische Gesandte in Schweden (»The Minister in Sweden«) Johnson sein Außenministerium, hochgestellte deutsche Offiziere in Norwegen, darunter mindestens ein Stabsoffizier General von Falkenhorsts, kollaborierten schon seit 1942 mit der norwegischen Untergrundbewegung in der Hoffnung, mit verantwortlichen britischen und amerikanischen Stellen Verbindung aufnehmen zu dürfen. Am 10. Januar 1944 kabelte das State Department an Johnson, Amerikas »einzige Bedingung (sei) die bedingungslose Kapitulation«. Die in den Jahren 1943 und 1944 regelmäßig weiterlaufenden deutschen Kontakte mit amerikanischen Amtsstellen, Vertrauensleuten und dem US-Nachrichtendienst OSS erlitten dasselbe Schicksal, ob nun in Stockholm, Bern, Lissabon, Madrid, dem Vatikan, Bukarest, Ankara oder an anderen Orten. Ihre Anzahl, Stärke und Bandbreite weisen darauf hin, daß ernst zu nehmende deutsche Kreise, darunter führende Generale der Wehrmacht, herausragende Sozialdemokraten, Persönlichkeiten des Zentrums und der katholischen Kirche, Industrielle und weitere, darunter 250 Politiker und Widerstandsmitglieder aus dem Rheinland, Bayern, Österreich und den Donaugebieten, sich zusammengetan hatten und schon im September 1943 bereit waren, Hitler zu stürzen und mit den westlichen Alliierten militärisch und politisch eng zusammenzuarbeiten[30].

Einige der wichtigsten deutschen Vorschläge richteten sich an Allen W. Dulles, den OSS-Vertreter in Bern (später CIA-Chef, Bruder des Außenministers). Am 17. Mai 1944 berichtete Brigadegeneral Magruder, der stellvertretende Direktor des OSS, an den Assistierenden Außenminister Berle, Dulles habe seit Anfang 1944 periodisch Friedensangebote einer deutschen Widerstandsgruppe erhalten. Unter ihren Leitern befanden sich unter anderem der Sozialdemokrat Wilhelm Leuschner, Generalmajor Oster, früher die rechte Hand von Admiral Canaris, der frühere Oberbürgermeister Leipzigs, Goerdeler, die in Frankreich kommandierenden Generale Rundstedt und Falkenhausen und - besonders hervorzuheben - Generaloberst Kurt Zeitzler, Chef des Oberkommandos des Heeres, und sein Stabschef, Generalleutnant Heusinger, schließlich General Olbricht, den die amerikanischen Quellen als Chef der Deutschen Heeresverwaltung und als Stellvertretenden Chef der Deutschen Heimatarmee bezeichnen.

Im Falle, daß es der Wehrmacht erlaubt sei, an der Ostfront weiterzukämpfen, erklärten sich diese ernst zu nehmenden Männer bereit, 1. die Landung von drei alliierten Luftlande- oder Fallschirmdivisionen im Raum Berlin zu unterstützen; 2. eine Seelandung bei Bremen oder Hamburg zu erleichtern; 3. einer darauffolgenden Invasion in Frankreich keinen Widerstand zu leisten, und 4. Hitler und seinen Kreis von verläßlichen Münchener Einheiten am Obersalzberg festnehmen zu lassen. Eine Garantie für das Gelingen des Vorhabens gaben die Generale selbstverständlich nicht[31]. Die Tätigkeit einer ähnlichen oder einer erweiterten deutschen Gruppe, der »Brecher« (»Breakers«), welche linksgerichtete und liberale Zellen enthielt und mit dem Militärnachrichtendienst verbunden war (Otto John von der Deutschen Lufthansa, ein Vertrauensmann von Admiral Canaris, wird als aktives Mitglied bezeichnet), berichtete Dulles am 2. Februar 1944 an Berle. In Stockholm leitete ein »spezieller Abgesandter« des Reichsaußenministers von Ribbentrop Friedenskontakte mit westlichen Stellen ein. Sie und die Bemühungen des Legationsrates im deutschen Auswärtigen Amt und Widerstandmitgliedes, F. A. von Trott zu Solz, reichte Johnson am 26. und 27. Juni weiter nach Washington[32]. Die Angebote wurden abgeschlagen.

Man darf über die Aussichten und die Taktik dieser Unterredungen geteilter Meinung sein. Auch fällt es nicht immer leicht, nach einem Zwischenraum von 40 Jahren die selbsteinsuggerierte pro-sowjetische Euphorie mancher angelsächsischen Staatsmänner genau einzuschätzen, obwohl davon einiges die Zeiten überdauert hat. Doch zweifellos steht fest, daß es noch nach 1942 unerhörte Möglichkeiten gab, das Hitlerregime zu stürzen und zugleich die Rote Armee im Baltikum und vor den Karpaten aufzuhalten. Dem Risiko eines deutschen Bürgerkrieges wäre man wirkungsvoll begegnet, hätten die Amerikaner unter anderem ihre weitreichenden Verbindungen zu den deutschen Nachrichtendiensten aller Gattungen im größeren Maßstabe weitergeführt. Die von Allen Dulles eingeleitete Frühkapitulation der deutschen Streitkräfte in Norditalien unter SS-General Wolff zeigt, daß die kalt-realpolitische Art der angelsächsischeu Nachrichtenstäbe auch weitgesteckte Ziele hätte erreichen können - und dies besonders mit deutscher Unterstützung.

Nachkriegsdeutschland aus der Sicht des Westens

Einen von den Spitzenpolitikern Amerikas und Großbritanniens ausgearbeiteten, gemeinsamen Deutschlandplan gab es vor der Teherankonferenz nicht.

Präsident Roosevelt sprach schon im März 1943 von der »Zerstückelung« (»dismemberment«) Deutschlands, von der Förderung deutscher separatistischer Tendenzen und auch davon, ganz Europa von Rußland und England ständig kontrollieren zu lassen (»police Europe in general«). Vor der Moskauer Außenministerkonferenz (Oktober 1943) schärfte er seinem widerstrebenden Außenminister Hull ein, auf die Zerteilung Deutschlands hinzuarbeiten. Während der Konferenz von Teheran - er hatte sich vorher schon unbändig auf sein Treffen mit Stalin gefreut - sagte Roosevelt, er sei darauf aus, die »Idee an sich« der deutschen Einheit zu vernichten. Das Wort »Reich« solle aus dem Wortschatz der deutschen Sprache getilgt werden (»destroy the very concept of German unity ... eliminate the word ›reich‹ from the German language«). Am 1. April 1944 behauptete er, er habe aus einem »ziemlich eingehenden Studium« der deutschen Verhältnisse (›»a somewhat long study and personal experience in and out Of Germany«) den Schluß gezogen, das Reich müsse vernichtet werden[33].

Im Gegensatz zum radikalen Teilungsvorschlag des Präsidenten und seines Mannes im State Department, Sumner Welles, hatte Außenminister Hull vor dem Oktober 1943, teilweise in Zusammenarbeit mit dem Wehrminister Stimson, in einem »Interdivisional Country Committee on Germany« eine Denkschrift ausgearbeitet, welche Bestimmungen enthält, die dann nach 1947 in etwas veränderter Form auf den westlichen Teil Deutschlands angewendet wurden: Begingungslose Kapitulation der deutschen Streitkräfte; militärische Besetzung Deutschlands; Entmilitarisierung; Entnazifizierung; zeitlich begrenztes Regieren durch eine Alliierte Kontrollkommission der Großen Drei; Bestimmung von Reparationen durch eine ähnlich gestaltete Reparationskommission; Aufbau einer Örtlichen deutschen Zivilverwaltung und später eines liberalen Bundesstaates, der allmählich die Vollmachten der Kontrollkommission übernimmt; Abschaffung Preußens; Abtrennung Ostpreußens und Österreichs. Eine Aufteilung in mehrere Staaten wurde nicht erwähnt, aber Hull sprach sich, im Gegensatz zu Eden schon früh, 1943, gegen eine derartige Lösung aus. Die Grenzziehung sollte erst im Rahmen einer »allgemeinen Friedensregelung« erfolgen[34].

Für Churchills und Edens geplanten »Donau-Bund« .zeigten weder Roosevelt noch Hull Verständnis. Aber Hull gab wenigstens zu, Fiume und Triest dürften in einem süddeutschen Staate Platz finden. Der Premierminister andererseits hatte seinen Donauplan den Amerikanern schon im Frühjahr 1943 unterbreitet, um - wie er sich ausdrückte - das durch das Auslöschen der Habsburger-Monarchie entstandene Vakuum »auszufüllen«.

Ebenso hielten die Briten die Exilpolitiker Polens und der Tschechoslowakei an, sich in einem Staatenbund zusammenzuschließen. Aber Stalin und der mit Roosevelt eng befreundete tschechische Präsident Benesch durchkreuzten mit dem tschechisch-sowjetischen »Freundschafts- und Nachkriegspakt« dieses Vorhaben gründlich (Abschluß 12. Dezember 1943). Die Regierung Großbritanniens erteilte ihre Zustimmung zu diesem Schritt erst nach langem Zaudern. Die Exilregierung Polens vollends wähnte sich von Benesch verraten, da Stalin die Katynkrise ausgenützt hatte, das Lubliner Komitee zur Regierung Polens zu erheben. Nun hießen die Tschechen (und Roosevelt) dies gut - ein Schritt, dessen Nachwirkungen in Mitteleuropa noch heute zu spüren sind[35].

Der Premierminister bemühte sich in Teheran trotzdem, diesem sowjetischen Vormachtsanspruch über Mitteleuropa mit seinem Donauplan noch einmal entgegenzutreten. Der Plan war einfach und entbehrte nicht der staatsmännischen Weitsicht: 1. Süddeutschland und Österreich bilden zusammen mit Ungarn und anderen Donaustaaten eine Föderation mit der Hauptstadt Wien; 2. Preußen (laut Churchill »das böse Kernstück des deutschen Militarismus«) wird verringert und vom restlichen Reich ausgeschieden; Ostpreußen und das schlesische Oppeln Östlich der Östlichen Neiße werden an Nachkriegspolen übergeben. An einigen Stellen wäre eine »Entflechtung« (»disentanglement«) der betroffenen Völker wünschenswert[36].

Roosevelt und Stalin griffen Churchill an. Der Präsident überfuhr die Vorschläge sowohl des britischen Premiers als auch des eigenen Außenministers. Deutschland sollte in sieben getrennte und eigenständige Stücke geteilt werden: 1. Preußen so klein wie möglich; seine Ostprovinzen kommen an Polen; 2. Hannover und Nordwestdeutschland; 3. Sachsen; 4. Hessen und das südliche Rheinland; 5. Bayern - Baden-Württemberg; 6. Österreich; 7. der Nord-Ostseekanal, Hamburg, Bremen, das Ruhrgebiet und die Saar unterstehen der »internationalen Kontrolle«. Churchill kommentierte: »Um es auf amerikanisch auszudrücken: ›Der Präsident hat sich den Mund vollgenommem ‹« (»the President has said a mouthful«). Stalins Plan glich seinem früheren vom Dezember 1941 und deswegen im Kern auch dem Crippsplan von 1940. Er ähnelte Roosevelts Vorschlag, da beide auf die Vernichtung Deutschlands als Staat und als Nation -wohl aus verschiedenen Gründen - abzielten. Dem britischen Premierminister, der Deutschland ›lediglich‹ ernsthaft schwächen wollte, gelang es in Teheran gerade noch, die Frage auf den langen Tisch zu schieben, als er erfolgreich empfahl, das Thema von der »Europäischen Beratenden Kommission« eingehender studieren zu lassen. Da Roosevelt widerstrebte und auch seine weiteren Balkanvorschläge zum Scheitern verurteilt waren, mußte Churchill nun den Deutschland- und Donauplan schweren Herzens aufgeben. Aus Roosevelts und Stalins Ausführungen zu schließen, sahen sie vor, Griechenland und Jugoslawien anscheinend ganz dem Kommunismus zu überlassen, Frankreich zu teilen und zu schwächen und dazu noch Rumpfdeutschland, Europa und den ganzen Erdball durch das Besetzen von »strategischen Knotenpunkten« durch die Großen Drei oder die Großen Vier ständig überwachen zu lassen. Bekannt ist, daß Churchill nach einer hartumkämpften Tagung sich auf sein Bett warf und matt ausrief: »Europa wird zur Wüste und man wird mich dafür verantwortlich machen!« (»Europe [will] be desolate and I may be held responsible«). Roosevelt hegte solche Skrupel kaum[37].

Roosevelts Besatzungspolitik in Deutschland

Casablanca, Quebec, Teheran, Jalta und Potsdam legten die Grundlage zu einem der gigantischsten Unternehmen der Weltgeschichte. Weit über zwanzig Millionen Deutsche, Ungarn, Polen, Ukrainer und andere ereilte das Schicksal der »Umsiedlung« aus ihrer altangestammten, oft vor mehr als tausend Jahren erschlossenen Heimat. Kurz gesagt, siedelten sich bis Ende 1950 7,95 Millionen vertriebene Deutsche in den drei Westzonen (später der Bundesrepublik) an, 4,4 Millionen in der Sowjetzone und über 300 000 in Österreich. Bis 1952 wuchs die Zahl der deutschen »Umsiedler« in Westdeutschland auf 10 Millionen, während darüber hinaus bis August 1953 weitere 2,2 Millionen politischer Flüchtlinge aus der »DDR« in der Bundesrepublik ankamen. Für diese schwergeprüften Massen - und für ihre Landsleute -stellte sich die Überlebens- und Anpassungsfrage in einem zerrütteten Rumpfdeutschland mit einer Heftigkeit, welche die Vorstellungskraft eines normalen Menschen bei weitem übersteigt[38].

Es überrascht deswegen, daß die Direktive »JCS 1067« der amerikanischen Generalstabschefs (»Joint Chiefs of Staff Directive 1067«) vorn April 1945 die Notlage in noch Schlimmeres zu verwandeln drohte. Dieser Befehl an den Oberkommandierenden der US-Besatzungstruppen in Deutschland schreibt unter anderem vor:

»...4.b. Der Zweck der Besetzung Deutschlands ist nicht die Befreiung, sondern (seine Behandlung) als eine geschlagene Feindnation ... Sie werden die Fraternisierung mit den deutschen Beamten und dem deutschen Volk stark unterbinden (»discourage«) ...

5.a.... Die deutsche Wirtschaft darf nur soweit gelenkt werden ... als dies für die Sicherheit und das Bedürfnis der Besatzungsstreitkräfte wesensnotwendig ist und die Herstellung und Instandhaltung jener Güter und Dienstleistungen sicherstellt, die erforderlich sind, um eine Hungersnot oder solche Epidemien oder Unruhen zu verhüten, die diese Besatzungsstreitkräfte gefährden könnten ...

5.b... . Es soll dem deutschen Volke klar werden, daß es und die deutschen Dienststellen ... die Verantwortung für irgendwelchen Zusammenbruch jener Lenkmaßnahmen selber tragen...

16... Sie unternehmen keine Maßnahmen, die darauf abzielen, (a) Deutschland wirtschaftlich wiederherzustellen, oder (b) die deutsche Wirtschaft zu erhalten oder zu stärken ... «[39]

Bekanntlich waren 1943/1944 drei wichtige Zweige des US-Staates zu verschiedenartigen Nachkriegsplänen gelangt: 1. das Department of State unter Außenminister Hull; 2. das Kriegsministerium unter Wehrminister Stimson - einem alten Republikaner - und seinem fähigen Stellvertreter (Assistant Secretary) McCloy; und 3. das Finanzministerium (Treasury Department). Wie zu anderen Zeiten, so war auch diesmal das Außenministerium zu schwach und zu gespalten, um mit seinem eher staatsmännischen Vorschlag im Weißen Haus durchzukommen. Das Kriegsministerium dachte hauptsächlich an eine apolitische Militärbesetzung Deutschlands - als ob so etwas möglich gewesen wäre. So war es das Finanzministerium, das - mit der starken und persönlichen Unterstützung des Präsidenten - den Sieg im Klein- und im Großkrieg davontrug. Der Finanzminister hieß Henry Morgenthau. Sein fähigster Berater war der bewiesene Kommunist Harry Dexter White[40]. Nun beweist dieser Tatbestand keineswegs eine großangelegte kommunistische Verschwörung. Morgenthau, dessen Plan noch negativer ausfiel als der Whites, war kein Kommunist. Sein Vorschlag ähnelt dem Rat des konservativen Engländers Vansittart, der seinerseits stark in den deutschfeindlichen Propagandakampagnen der britischen Presse vor und nach der Jahrhundertwende wurzelte (so in der »Daily Telegraph«, der »Daily Mail«, der Zeitschrift »Vanity Fair«), da die Macht eines aufsteigenden Deutschlands den Briten allzu stark zu werden schien. Winston Churchill, Sproß eines hochadligen Geschlechts, glänzender Marineminister (»Erster Lord der Admiralität«), und sein dynamischer Untergebener, der Erste Seelord Admiral Fisher (1904-1910; 1914-1915), standen damals in der ersten Reihe der Führer dieses Nervenkrieges. Auch der Vorstand des »Imperial Shipping Committee« und Direktor der »London School of Economics«, der Geopolitiker Halford Mackinder, befürwortete vor dem Ersten als auch während des Zweiten Weltkrieges (1940), die großzügige »Umsiedlung« der Deutschen aus Ostdeutschland und die »Slawisierung« Ostmitteleuropas -wobei er sich mit manchem philoslawistischen Theoretiker aus der Zeit von 1848 bis 1945 die Hände reichte[41].

Ähnliche Gedanken bewegten auch andere. Auf der zweiten Konferenz von Quebec vom 14. September 1944 schlug der gute Freund Roosevelts, Finanzminister Morgenthau vor, die Besatzungsmächte täten gut, sich nicht anzustrengen, der Wirtschaft Deutschlands wieder auf die Beine zu helfen. Eine katastrophale Inflation, wie nach dem Ersten Kriege auch, würde den Deutschen einschärfen, daß Krieg dem wirtschaftlichen Untergang gleichkommt. Viscount Cherwell, der Wissenschaftsberater Churchills, unterstützte dabei Morgenthau und seinen Plan, das Ruhrgebiet und die Saar zu demontieren und in landwirtschaftliche Nutzfläche zu verwandeln. Churchill stimmte zu, als die Aussicht winkte, die demontierten deutschen Industrien in Großbritannien wieder aufzubauen. Eden und Hull waren von diesem Vorhaben - aus realpolitischen Gründen - gleichermaßen entsetzt, doch politisch zu schwach, es zu vereiteln.[42]

Die Nachkriegspläne Cordell Hulls und des Wehrministers Stimson kamen erst mit dem Erlaß No. 1779 der »Joint Chiefs of Staff« vom 15. Juli 1947 voller zum Vorschein, als der amerikanische Außenminister und General Marshall in Deutschland und Europa eine neue Ära einzuleiten begann:

»... Obwohl Schranken weiterhin bestehen bleiben ... (führt) unsere Militärregierung Maßnahmen durch, die auf das Hervorbringen stabiler politischer und wirtschaftlicher Verhältnisse in Deutschland hinzielen, und welche Deutschland befähigen, einen Hauptbeitrag zur Wiedergenesung Europas zu leisten ...

... 5. Es ist die Absicht der US-Regierung, in Deutschland so schnell wie möglich eine politische Ordnung und ein politisches Leben von der Art hervorzurufen, welche - da sie auf einer soliden Basis wirtschaftlichen Wohlseins ruhen - die bürgerliche Ruhe innerhalb Deutschlands stärken und den Geist des Friedens zwischen den Völkern mit zu erwecken helfen ... «[43]

Fürwahr eine Sprache, die sich von viel Vorhergehendem wohltuend unterscheidet. Die Bundesrepublik Deutschland hat 35 Jahre lang daran gezehrt.


Anmerkungen

  1. US Foreign Relations, 1944, Band 1. »Mr. William Philips, Political Adviser at the Headquarters of the Supreme Allied Commander, to the Secretary of State«, London, December 17, 1943. S. 484. »The Secretary of State to the Ambassador in the United Kingdom (Winant)«. Washington, 24. Dezember 1943. Ebda., S. 484-485. US Foreign Relations, Tehran. S. 513, 854-855, 862-863. »The ›Unconditional Surrenden Meeting: ... Churchill and Roosevelt at Casablanca.« The (London) Times, 27. Januar 1943.
  2. US Foreign Relations, 1944, Band I. »Memorandum by President Roosevelt to the Secretary of State«, Washington, 17. Januar 1944. S. 493-494.
  3. US Foreign Relations, 1944, Band I. »President Roosevelt to the British Prime Minister (Churchill).« Washington, 18. Mai 1944. S. 513-514. Churchill gibt vor, gegen den sanfteren Ton wutentbrannt zu reagieren. Er, sowie Ministerpräsident Curtin (Australien) und Smuts (Südafrika) befürchten anscheinend ein Nachlassen der Angriffslust der britischen und Dominion-Soldaten kurz vor der Invasion.
    Ebda., »Joint Chiefs of Staff Memorandum.« 25. M5rz 1944. »The Under Secretary of State (Stettinius) to the Secretary of Stateo, London, 13. April 1944. »The Secretary of State to the Ambassador in the United Kingdom (Winant).« Washington, 15. April 1944.
  4. US Foreign Relations, 1944, Band 1. »Memorandum by the Under Secretary of State (Stettinius) to the Secretary of State«, Washington 10. Mdrz 1944. S. 501.
  5. US Foreign Relations, 1944, Band 1. »Memorandum by President Roosevelt to the Joint Chiefs of Staff«, Washington, 1. April 1944. S. 501-502.
  6. Ebda.
  7. US Foreign Relations, 1944, Band 1. »The Minister in Sweden (Johnson) to the Secretary of State.« Stockholm, 3. Januar 1944. S. 487-489.
    Ebda., »The Ambassador in Spain (Hayds) to the Secretary of State.« Madrid, 7. Februar 1944. S. 499-500.
  8. US Foreign Relations. 1944, Band 1. »Overtures by German Generals and Civilian Opposition for a Separate Armistice«. Washington, 16. Mai 1944. S. 510-513.
  9. US Foreign Relations, 1944,, Band 1. »Memorandum by the Assistant Secretary of State (Berle)«, (Washington), 2. Februar 1944. S. 496-498.
    Ebda., »The Minister in Sweden (Johnson) to the Secretary of State.« Stockholm, 26. Jum 1944. S. 523-526.
  10. US Foreign Relations, 1944, Band 1. »Memorandum by President Roosevelt to the Joint Chiefs of Staff«, Washington, 1. April 1944, S. 501. US Foreign Relations, Tehran. S. 496-512.
    Eden, aaO., S. 495-497.
    Robert Murphy, Diplomat Among Warriors. New York 1964. S. 236f.
    Robert E. Sherwood, Roosevelt and Hopkins. An Intimate History. New York 1950. Band II. S. 375-531.
  11. US Foreign Relations, 1943, Band I. S. 629-634; 720-723.
  12. US Foreign Relations, 1943, Band 1. S. 744-746.
    Jaksch, aaO., S. 376-390. Dr. Benesch ließ 1943 in Moskau verlauten, der sowjetisch-tschechische Pakt sei die »Erfidlung der Neu-Slawischen Politik« und ermögliche es einem »zukünftig demokratischen Polen ... mit uns und der Sowjetunion emen unüberwindbaren, permanenten und blühenden Block freier und befreundeter Nationen« zu bilden. (Jaksch, S. 384-385.) US Foreign Relations, Tehran. S. 597-605.
  13. Am 15. Dezember 1944 hielt Churchill seine Ansprache vor dem Unterhaus, in welcher er, Roosevelt gleich, die Vorteile einer westlichen »Verlagerung« Nachkriegspolens hervorhob. Er befürwortete stark die totale »Entflechtung« der deutschen Bevölkerung aus den Oder-Neiße-Gebieten. (Jaksch, aaO., S. 401.)
  14. US Foreign Relations, Tehran. S. 597-605; S. 552-554.
    Sir Charles Wilson, Churchill: The Struggle for Survival, 1940-1965. From the Diaries of Lord Moran. Boston 1966. S. 149-151.
  15. Deutschland Taschenbuch. A. Hillen Ziegfeld. Dr. Hans Joachim von Merkatz (MdB), Dr. Wolfgang Metzner, u. a., Frankfurt am Main - Berlin, 1954.
    Germany 1958. German Federal Ministry for Federal Property. Verlag firr Publizistik, Bad Godesberg 1958.
  16. Germany, 1947-1949. The Story in Documents. Government Printing Office, Washington, D. C. March 1950. S. 23-27: »1945 Directive to the Commander in Chief of the US Forces of Occupation (JCS 1067).«
  17. Walter L. Dorn, »The Debate Over American Occupation Policy in Germany in 1944-1945.« Political Science Quarterly, Dez. 1957.
  18. Ebda., Daily Mail, 22. August 1910; Daily Telegraph, 27. Oktoher 1910; Vanity Fair, 3. November 1904.
    Peter H. Peel, British Public Opinion and the Wars of German Unification: 1864-1871. College Park, Maryland, 1981.
    Halford J. Mackinder, Demoratic Ideals and Reality. Ncuausgabe New York 1963. Ein Großteil des Buches wurde von 1904 bis 1919 veröffentlicht. Antony Preston, Battleships of World War I. New York City 1972. S. 90-162. Sarah Meiklejohn Terry. Poland's Place in Europe. General Sikorski and the Origin of the Oder-Neiße-Line, 19391943. Princeton, New Jersey, 1983.
  19. Churchill, aaO., S. 134. Eden, aaO., S. 552-553. The Earl of Birkenhead, The Professor and the Prime Minister. Cambridge, Boston, 1962. S. 257-268. Laut einer Denkschrift Professor Lindemanns an Churchill vom 30. März 1942 dürfte es leicht fallen, »mit moderner Ausrüstung« die 58 deutschen Großstädte mit einer Gesamteinwohnerzahl von 22 Millionen Menschen zu vernichten. Damit wäre ein Drittel der Bevölkerung Deutschlands »ihres Hauses und Heims verlustig« (S. 261-262).
  20. Germany, 1947-1949, aaO., S.-34: »1947 Directive to the Commander in Chief of the US Forces of Occupation« (JCS 1779).

Quelle: Deutschland in Geschichte und Gegenwart 33(3) (1985), S. 24-28

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