Die Monroedoktrin - ein Instrument amerikanischer Machtpolitik, Teil 2

Kampf um die Rohstoffe!

Um die Jahrhundertwende traten die USA, wie wir gesehen haben, in eine neue Phase ihrer Außenpolitik ein. Man kann sie, auch das haben wir schon erwähnt, die imperialistische nennen. In der Karibik und in Fernost überschnitten sich von nun an die Kraftfelder der Großmächte, zu denen auch die USA zählten. Das führte zu Konflikten, zumal die Industrialisierung den Kampf um Absatzmärkte und um Rohstoffvorkommen erzwang. Eine Doktrin, die im Kern defensiv war - das wird auch heute noch von der Monroedoktrin behauptet - konnte keine Zukunft mehr haben - es sei denn, sie wurde von denjenigen Amerikanern mit Beschlag belegt, die für eine völlige Abschottung der USA mitsamt den anderen Staaten des amerikanischen Kontinents eintraten. Davon gab es in den Staaten viele, und wir werden sie noch kennenlernen. Denn diese "Isolationisten" besaßen soviel Einfluß, daß der amerikanische Präsident Roosevelt, als er 1939/41 gegen Deutschland auf Kriegskurs ging, alle Hände voll zu tun hatte, um sie auszuschalten.

Aber war die Monroedoktrin wirklich, wie wir es bisher unterstellt haben und wie sie in der Literatur überwiegend bewertet wird, im Ansatz die Magna Charta des Isolationismus, das fundamentale Dokument für die Separation Amerikas? Sind die Präsidenten, die sich weltweit in kriegerische Auseinandersetzungen einließen, von den Grundsätzen der Doktrin abgewichen? In jüngster Zeit mehren sich die Zweifel der Historiker, und je näher man sich mit dem Text, den Umständen, unter denen er entstand und dem Handeln der Verantwortlichen, die sich auf ihn beriefen, befaßt, um so stärker werden sie.

Erinnern wir uns noch einmal an die Formel, mit der Monroe in seiner Doktrin den europäischen Mächten das Recht abgesprochen hatte, in Amerika zu intervenieren und dort Herrschaft auszuüben. Dort hieß es: "Das politische System der verbündeten Mächte unterscheidet sich wesentlich von dem Amerikas" und nicht von einem Fernhalten von irgendwelchen europäischen Großmächten von der westlichen Hemisphäre war im folgenden die Rede, sondern davon, daß die USA den Versuch bestimmter Mächte, "...ihr System dorthin zu erstrecken, als Gefährdung des Friedens und (ihrer) Sicherheit betrachten" würden.

Es war also eine ganz bestimmte Staatsidee, die die Amerikaner Adams und Monroe zu Beginn der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts umtrieb und mit der sie ihr Engagement rechtfertigten. Der gesellschaftspolitische Strukturunterschied zwischen der in Amerika etablierten demokratischen und republikanischen Ordnung auf der einen und der Autokratie und dem monarchischen Prinzip, wie es die Heilige Allianz verfocht, auf der anderen Seite war in ihren Augen so fundamental, daß es keinen Kompromiß geben konnte. Das war natürlich auch qualitativ gemeint, denn der Kontinent, in dem die Menschen endlich in Freiheit leben konnten, durfte, so sahen es Adams und Monroe, nicht in die Hände der Finsternis und der Reaktion fallen.

Die Tradition der Doktrin!

Die Monroe-Doktrin, die scheinbar so pragmatische Erklärung, die die Neutralitätspolitik der USA stützen sollte, war also im Ansatz ein ideologiebefrachtetes Papier, wenn es sich auch in der Tagespolitik als außerordentlich nützlich zur Durchsetzung der US-amerikanischen Hegemonie in der westlichen Hemisphäre erweisen sollte. Hat man dies erst einmal erkannt, dann wird auch deutlich, in welcher Tradition die Monroedoktrin stand. Sie setzte jenes Engagement fort, das die gerade erst von der britischen Kolonialherrschaft befreiten USA beim Ausbruch der französischen Revolution im Jahre 1789 eingegangen waren. So war etwa der spätere Präsident Thomas Jefferson an der Formulierung der Menschenrechtserklärung in Paris persönlich beteiligt gewesen.

Nun sagt man jenen, die sich im Besitz ewiger Wahrheiten wähnen, daß sie im Missionieren ihren Lebenszweck sähen und erst Ruhe finden würden, wenn sie die Uneinsichtigen überzeugt und die Widerspenstigen zu ihrem Glück gezwungen hätten. Dem scheint eine Isolationspolitik, wie sie der Monroedoktrin unterstellt wird, zu widersprechen. Das stimmt aber nicht. Der Historiker Moltmann schreibt: "Es ist eine korrekturbedürftige Simplifikation mancher Geschichtsbetrachtungen, daß sich die USA im 19. Jahrhundert politisch konsequent von Europa abgewandt und getreu den Mahnungen Georges Washingtons und James Monroes von 1796 bzw. 1823 isoliert hätten, um kontinental abgesteckte Ziele zu erreichen und sich von politischen Praktiken der Alten Welt zu distanzieren". Moltmann kann nachweisen, daß Präsident Monroe nicht nur ein äußerst interessierter Beobachter der Vorgänge in Europa war und zu Gott betete, die Revolutionäre in Spanien, Italien und in Griechenland möchten gegen ihre monarchischen Unterdrücker obsiegen - er erörterte auch mit seinen Mitarbeitern, als man über die Monroedoktrin beriet, ob die USA nicht zwei oder drei Fregatten nach Griechenland schicken und den Aufständischen, die sich gegen den Sultan erhoben hatten, zwei Millionen Dollar zur Verfügung stellen sollten.

Monroe ließ also seine Bereitschaft, zugunsten des europäischen Liberalismus zu intervenieren, in der Entstehungsphase des Dokuments deutlich erkennen. Wenn der gültige Test, abgesehen von der eindeutigen Verurteilung der Prinzipien, für die sich die "Heilige Allianz" engagierte, darüber nichts enthält, dann war das Außenminister John Quincy Adams zuzuschreiben. Er war Pragmatiker genug, um den Rattenschwanz von Problemen, mit denen sich die USA in einem solchen Fall hätten quälen müssen, zu erkennen.

Ein Januskopf des politischen Programms!

So war denn die endgültige Fassung der Monroedoktrin ein Kompromiß zwischen Mouroes heiligem Eifer, der eine Intervention in Europa nicht ausschloß, und Adams Nüchternheit, der sie zumindest unter den Verhältnissen, wie sie in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts herrschten, nicht für opportun hielt. Dieser Januskopf machte es möglich, daß sich sowohl diejenigen, die sich für die Unterstützung der republikanisch-demokratischen Kräfte in Europa einsetzten, als auch die, die den Isolationismus verfochten, auf die Monroedoktrin berufen konnten. Erst wenn man das beachtet, wird die wahre Rolle, die das Papier in der Außenpolitik der USA in den 175 Jahren seit seiner Veröffentlichung gespielt hat, deutlich.

Es ist auffällig, wie wenig sich die deutsche Geschichtsschreibung um die Indizien gekümmert hat, die eine Einmischung der USA in europäische Angelegenheiten nicht nur im 20. Jahrhundert, sondern schon viel früher belegen. Amerikanische Historiker wie George Barraclough und Dexter Perkins sind da viel unbefangener. Der erste räumt ein, daß sich der Horizont amerikanischer Politik seit George Washington nie auf den amerikanischen Kontinent begrenzt habe, und der zweite weist sogar nach, daß dies mit der Monroedoktrin aus den Gründen, die wir erwähnt haben, leicht zu vereinbaren gewesen sei. Vorsicht ist also angebracht, wenn man auf die These stößt, die USA hätten den durch die Monroedoktrin angeblich festgeschriebenen Isolationismus erst mit dem Eintritt in den Ersten Weltkrieg aufgegeben, und dies sei gewissermaßen aus einem moralischen Verantwortungsgefühl für das Schicksal des Alten Kontinents heraus geschehen. Die Einmischung in die inneren Angelegenheiten Europas begann vielmehr in dem Augenblick, in dem die Monroedoktrin verkündet wurde.

Sie zeigte sich, wie wir gesehen haben, in Plänen, die griechische Freiheitsbewegung militärisch und materiell zu unterstützen und den italienischen und spanischen Liberalen beizustehen. Es blieb jedoch wegen der Verhältnisse, die eine Intervention nicht gestatteten, bei Sympathiekundgebungen und moralischer Parteinahme, bei Ermunterung durch die Presse und bei politischer Beratung. Besonders beliebt war die diplomatische Anerkennung von Regierungen, die durch rovolutionäre Akte in den Besitz der Macht gekommen waren, etwa nach der Julirevolution im Jahre 1830.

Aber es gab immer wieder Stimmen in Amerika, die eine solche Politik verurteilten. Sie sahen der Regierung auf die Finger, um sie von provokativen Aktionen abzuhalten. Diesen Kreisen war auch der starke Flottenverband, den die USA seit 1815 im Mittelmeer unterhielten, äußerst suspekt. Er war in Menorca stationiert und hatte den Auftrag, die berberischen Seeräuber zu bekämpfen. Der Einsatz war erfolgreich. Aber die Versuchung für den amerikanischen Präsidenten, diese Schiffe in den zwanziger Jahren den Freiheitskämpfern in Spanien, Italien und in Griechenland zu Hilfe zu schicken, muß groß gewesen sein. Dazu kam es nicht. 1847 aber sollte der gleiche Verband bei der Unterstützung der Aufständischen in Italien eine aktive Rolle spielen, nachdem er seinen Stützpunkt von Menorca nach La Spezia verlegt hatte.

Die Maske fällt!

Bei Ausbruch der Februarrevolution des Jahres 1848 in Frankreich gab die amerikanische Regierung jede Zurückhaltung auf. Sie begrüßte in enthusiastischen Worten die Vertreibung des Bürgerkönigs Lonis Philippe, und als die Unruhen im März auf den Deutschen Bund übergriffen, behielt sie diese Haltung bei. Amerikas Gesandter am Preußischen Hof in Berlin, Andrew Jackson Donelson, überschlug sich förmlich vor Begeisterung und ließ sich nicht im Geringsten durch mahnende Worte der preußischen Staatsregierung von dieser Einmischung in innere Angelegenheiten eines souveränen Staates abhalten. Die USA waren auch die einzige Großmacht, welche die deutsche Zentralregierung des Reichsverwesers, Erzherzog Johann, in Frankfurt am Main anerkannte, und sie entsprach den deutschen Wünschen, beim Aufbau der Reichsmarine zu helfen, in vollem Umfang. Als die Revolutionen in Europa gescheitert waren, nahmen die amerikanischen Kriegsschiffe in La Spezia zahlreiche Flüchtlinge auf. Nordamerika, das seine Gesandten in Europa angewiesen hatte, mit amerikanischen Pässen für verfolgte Liberale nicht zu geizen, wurde auch für viele Deutsche, die sich der Rache der Reaktion entziehen konnten, zum Zufluchtsort.

Diese Männer agitierten in Zukunft von den Staaten aus, und die US-Regierung hielt die Hand über sie. Die Proteste Rußlands, Österreich und Deutschlands gegen eine hemmungslose Pressekampagne, die in einem Aufruf gipfelte, in dem für die Ermordung Kaiser Franz Josephs I., Friedrich Wilhelm IV. und anderer Fürsten Prämien ausgesetzt wurden, wies die amerikanische Regierung unter Hinweis auf die Pressefreiheit zurück. Als der ungarische Freiheitsheld Kossuth im Jahre 1852 die USA besuchte, löste er einen Sturm der Begeisterung aus, der um so mehr beachtet wurde, als Präsidentschaftswahlen anstanden.

Kossuth mußte seine Hoffnung, die USA zu einem militärischen Vorgehen gegen Rußland und Österreich zu bewegen, allerdings begraben. Das lag daran, daß sich in der Interventionsdebatte, die in den USA in aller Schärfe geführt wurde, auch die Isolationisten zu Wort gemeldet hatten. Sie, die sich wieder einmal auf die Monroedokirin beriefen, konnten das Blatt unter Hinweis auf die Schwierigkeiten und auf die Folgen einer solchen Politik wenden. Kritisiert wurden vor allem die Vergleiche, die man zog. Reichsverweser Johann wurde zu George Washington, die Eingliederung Schleswig-Holsteins mit der Annexion von Texas gleichgesetzt. Die Gründung des Deutschen Reiches in der Paulskirche verglich man mit der Errichtung des amerikanischen Bundesstaates, und wenn die Deutschen Freiheit forderten, dann war es für die Interventionisten selbstverständlich, daß dies nur in Formen verwirklicht werden konnte, wie sie in den USA vorherrschten. Die Wortführer der Isolationisten kritisierten damit ein Grundübel der amerikanischen Europapolitik, das bis heute noch nicht geheilt ist. Das war die fatale Neigung amerikanischer Politiker und Publizisten, die Zustände in der Alten Welt an Maßstäben zu messen, die für den amerikanischen Kontinent, nicht aber für Europa gelten konnten.

Die schlimmsten Folgen hatte diese unbekümmerte Art, die Welt ausschließlich durch die amerikanische Brille zu sehen, für den Verlauf des Ersten Weltkrieges und für die Friedensschlüsse, die er nach sich zog. Leidtragende waren aber nicht nur die Verlierer, sondern auch die Vereinigten Staaten selbst. Woodrow Wilson, der amerikanische Präsident, der die USA an der Seite der Alliierten in den Krieg gegen die Mittelmeermächte geführt hatte, wurde in Deutschland in der Zwischenkriegszeit, wie der Historiker Graf Kielmannsegg schreibt, geradezu zum Synonym für Unaufrichtigkeit, tückische Falschheit und abgrundtiefe Heuchelei. Da das mit der Monroedoktrin oder besser gesagt mit deren eigenwilliger Auslegung durch den Präsidenten zu tun hatte und das deutsch-amerikanische Verhältnis abermals schwer belastete, müssen wir uns kurz damit befassen.

Die Zunge an der Waage!

Als der Erste Weltkrieg entfesselt worden war, wußten beide Seiten, daß es von den USA abhängen würden, ob eine der Parteien siegen oder ob die Feindseligkeiten durch einen Verhandlungsfrieden beendet werden würden. Denn sowohl für die Mittelmächte als auch für die Entente war Amerika eine furchterregende Macht mit unerschöpflichen materiellen Reserven. Von Anfang an und allein schon das war mit der Tradition des Isolationismus, wie sie angeblich in der Monroedoktrin verankert war, nicht zu vereinbaren, bemühte sich Washington um die Vermittlung; Wilson ließ schon im August 1914 die kriegführenden Mächte wissen, daß er seine guten Dienste anbiete, und das wiederholte er mehrfach.

Aber zu Beginn des Krieges hörte keine der Parteien auf ihn. Die Deutschen wollten sich nicht auf Verhandlungen einlassen, weil ihre militärischen Erfolge ihnen das Erreichen von Kriegszielen zu ermöglichen schienen, die sie ein für allemal vor jeder Bedrohung schützen würden. Die Alliierten verweigerten ihre Zustimmung, weil sie ebenfalls nicht gewillt waren, zum Status quo der Vorkriegszeit zurückzukehren. Rußland verlangte die Meerengen, Frankreich Elsaß-Lothringen, England die Ausschaltung der deutschen Flotte.

Für England, Frankreich und Rußland kam aber noch etwas hinzu, und das dürfte bei ihrer Entscheidung, Wilsons Angebot nicht anzunehmen, ausschlaggebend gewesen sein. Die drei Großmächte wußten, daß die Sympathie des amerikanischen Präsidenten eindeutig auf ihrer Seite war. Die angelsächsische Prägung der amerikanischen Führungsschicht war dafür bestimmend; für sie und Wilson war England der Hort der Moral und Frankreich der Hüter der Menschenrechte und der Demokratie. Über die Tatsache, daß der Zar, der Dritte im Bunde, seine Untertanen mit der Knute regierte und in den vergangenen Jahrzehnten als der Todfeind aller Liberalen und Demokraten beschimpft worden war, sah man geflissentlich hinweg. Deutschland hingegen war für Wilson und seine Berater Hort des Militarismus und der Autokratie, es dürstete förmlich danach, kleine Völker wie Belgien zu vergewaltigen und deren Zivilbevölkerung zu massakrieren. Der Verdacht, dieses staatliche Monstrum strebe nach Welthegemonie, schien dem Präsidenten begründet; alle Menschen, die guten Willens waren, mußten davor auf der Hut sein.

(Fortsetzung folgt)


Quelle: Der Freiwillige 44(1) (1998), S. 5ff.

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