Die Monroedoktrin - ein Instrument amerikanischer Machtpolitik, Teil 3

Die USA und die Mittelmächte

Die Regierungen in London, Paris und Petersburg kannten diese Stimmung; sie wußten, daß Wilson einen Sieg der Mittelmächte niemals zulassen würde. Mit dem Herzen war er bei ihnen. Wenn er mit dem Kriegseintritt zögerte und seine Vermittlung anbot, dann lag das zwar auch daran, daß er ein doktrinärer Pazifist war, der den Krieg verabscheute. Da er aber Recht und Moral auf Seiten der Alliierten glaubte, hätte ihn dies nicht abhalten können, den

"letzten Krieg, der den Krieg beendet", zu führen. Aber praktische Erwägungen ließen es ihm ratsam erscheinen, noch abzuwarten. Einmal hatte er mit einer starken deutschen und polnischen Minderheit in seinem Land zu rechnen, die es bis zum Wahlkampf im Jahre 1916 hinzuhalten galt. Und zum anderen gab es die einflußreiche Gruppe der Isolationisten, die noch nicht begriffen hatten, wie dehnbar die Monroedoktrin war. Sie klammerten sich an den Wortlaut und an die Umstände, die zu der

Zeit herrschten, als sie verkündet worden war. Daher beriefen sie sich auf Monroe und verdammten jede Einmischung in die politischen Verhältnisse anderer Staaten als Sakrileg. Auch sie verfügten über zahlreiche Stimmen, auf die der Präsident bei der Wiederwahl angewiesen war.

Im November 1916 zog Woodrow Wilson erneut ins Weiße Haus ein. Nun hatte er die Hände frei. Er versuchte wieder zu vermitteln, aber die Mittelmächte waren argwöhnisch geworden. Der Verdacht, der Präsident sei kein "ehrlicher Makler", wuchs, als seine Vorschläge bekannt wurden. Falls Deutschland das Vermittlungsangebot ablehne, werde Amerika auf Seiten der Entente in den Krieg eintreten. Weigerte sich diese, gedachte Wilson Europa sich selbst zu überlassen - bei Beibehaltung der Waffenlieferungen und der propagandistischen Unterstützung der Mächte, denen seine Sympathie galt. Gewiß, die Politik der Reichsleitung, die in dem diplomatischen Meisterstück gipfelte, gleichzeitig den uneingeschränkten U-Bootkrieg zu erklären, Wilsons Vermittlung zu begrüßen und eigene Vorschläge zu unterbreiten, spielte ihm in die Hände. Aber an seiner Entschlossenheit, die Alliierten vor einer militärischen Niederlage zu bewahren, hätte auch eine geschicktere Außenpolitik nichts ändern können. Am 6. April 1917 erklärten die USA Deutschland und seinen Verbündeten den Krieg, und das entschied das große Ringen. Der uneingeschränkte U-Bootkrieg war eine stumpfe Waffe. Er konnte das Erscheinen amerikanischer Truppen auf dem Kontinent nicht verhindern.

Die Phrasen, mit denen Wilson die Kriegserklärung an die Mittelmächte schmückte, zeigten, daß er die Monroedoktrin längst nicht mehr als Instrument begriff, mit dem der amerikanische Kontinent von fremden Einflüssen frei gehalten werden sollte. Denn der Präsident erklärte Deutschland "...zum Feind der Menschheit und der Menschlichkeit". Woher kam diese Einsicht? Es waren nicht die erfundenen deutschen Kriegsgreuel, die damals die Zeitungen der Alliierten füllten - es war der deutsche U-Bootkrieg, der dieses Verdammungsurteil in den Augen des Präsidenten rechtfertigte. Am 2. April 1917 sagte er vor dem Kongreß: "Der deutsche U-Bootkrieg gegen den Handel ist ein Krieg gegen die Menschheit, er geht an die Wurzeln des menschlichen Daseins". Über die britische Blockade hingegen, die Tausende deutscher Kinder dem Hungertod auslieferte und Millionen darben ließ, verlor der Menschenfreund kein Wort.

Der große Heuchler!

Wilson hielt hartnäckig an der These, daß die USA zur Rettung hehrer Prinzipien ins Feld gezogen seien, daß sie die ganze Welt vor dem schrecklichen Schicksal bewahren wollten, vom deutschen Knobelbecher zertreten zu werden, fest. Das setzte massive Einflußnahme auf fremde Staaten voraus. Dies auch deshalb, weil die USA wußten, wie die künftige Welt auszusehen habe. Kriege würde es nicht mehr geben, auf der ganzen Erde würde Demokratie herrschen. Graf Kielmannsegg meint dazu: "Mit dieser Erklärung vollendete sich die

schon in den ersten Kriegsjahren vor allem von der Entente forcierte Entwicklung zu einer ideologischen oder - vom Standpunkt der Westmächte aus gesehen - moralischen Frontenbildung". Für Wilson war es der Kampf des Lichtes gegen die Finsternis, und die USA wurden der Bannerträger des Guten, Edlen, Schönen - weltweit. Amerikanische Zeitungen priesen diese Politik als die logische Vollendung der Ideen, die Monroe in seiner Doktrin angelegt habe.

Andere vermuteten das genaue Gegenteil. Diese Männer, die die isolationistische Tradition der USA aufrecht erhalten wollten, sahen sich in ihrer Auffassung bestärkt, als das schöne Bild, das die Propaganda von Amerikas selbstlosem Einsatz gezeichnet hatte, bei den Friedensschlüssen, die den Weltkrieg beendeten, sich in eine häßliche Karikatur verwandelte. Wilson erntete für seine zaghaften Versuche, bei den Friedensverhandlungen auf seine mit allen Wassern gewaschenen Alliierten mäßigend einzuwirken, Hohn und Spott - nicht nur von den betrogenen Deutschen, Österreichern, Ungarn, Bulgaren und Türken, sondern auch bei seinen Verbündeten. Er ließ sich von seinen Freunden regelrecht übertölpeln, so daß er die schwere Verantwortung vor der Geschichte tragen muß, für die haarsträubenden Ungerechtigkeiten, die die Pariser Vorortverträge enthielten, verantwortlich zu sein oder sie hingenommen zu haben. Das verziehen ihm die Unterlegenen nicht, hatte doch Deutschland im Vertrauen auf Wilsons 14 Punkte einem Waffenstillstand zugestimmt und die Waffen niedergelegt.

Wilsons Feinde in den USA machten mobil. Den Isolationisten war vor allem Wilsons Lieblingsidee, die Schaffung eines "Völkerbundes", ein Dorn im Auge. Der Träumer hoffte allen Ernstes, dadurch zukünftige Kriege unmöglich zu machen. Es fällt aber schwer, an seine ehrliche Überzeugung zu glauben. Denn die Voraussetzung dafür wäre das Festschreiben des Status quo gewesen, und das hätte für alle Zeiten Vierfünftel der Menschheit der Unterdrückung der großen Kolonialmächte, die mit den Siegern identisch waren, ausgeliefert. Wie weltfremd Wilson war, zeigt sich auch bei seinem Lieblingsprojekt, dem Völkerbund. Diese "Liga der Nationen" sollte keine Bündnisse oder wechselseitigen Verpflichtungen zwischen den Staaten mehr kennen, um den Automatismus der Beistandspakte, der zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges entscheidend beigetragen hatte, in Zukunft auszuschließen. Was der Präsident aber nicht bedacht hatte - eine solche Klausel wäre nicht mit den Abkommen zu vereinbaren gewesen, welche die USA unter Berufung auf die Monroedoktrin mit den amerikanischen Staaten abgeschlossen hatten. Zu einem Verzicht aber waren die wenigsten Amerikaner bereit, und der Senat in Washington leistete energischen Widerstand. Wilsons "Völkerbundsidee" war in ein Dilemma geraten.

Friedensideologien nach Wilsons Ideen

Also trat der Präsident die Flucht nach vorne an. Es ist schon deprimierend, nachzeichnen zu müssen, wie sich das weltfremde, schwache amerikanische Staatsoberhaupt in dem unentwirrbaren Knäuel, den Monroedoktrin, französisches Streben nach Hegemonie auf dem Kontinent, britische Weltherrschaftspläne und die Versuche der Unterlegenen im großen Völkerringen, die schlimmsten Folgen abzuwenden bildeten, hoffnungslos verstrickte. Um den Senat in Washington zu besänftigen, beantragte Wilson beim Völkerbund einen Vorbehalt zugunsten der Schutzverträge, die auf der Basis der Monroedoktrin zwischen den USA und den amerikanischen Staaten abgeschlossen worden waren. Frankreich war sofort einverstanden - unter der Voraussetzung, daß es das gleiche Recht für sich in Anspruch nehmen konnte. So wurde der Artikel 21 der Völkerbundssatzung geboren, der nicht unerheblich zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges beitragen sollte. Er bestimmte, daß Regionalpakete "...wie die Monroedoktrin, die die Erhaltung des Friedens sichern", zulässig sein sollten.

Sofort begann Frankreich, Europa mit einem Netz von solchen "friedenssichernden" Pakten zu überziehen. Dazu zählten die "Kleine Entente", aber auch zweiseitige Beistandspakete, etwa mit Polen. Paris saß dabei wie eine Spinne im Netz. Diese Abkommen sicherten die Präponderanz, das Übergewicht, der Grande Nation in Ost-, Mittel- und Südosteuropa und dienten dazu, die territorialen Bestimmungen der Vorortverträge zu verewigen. Mit der Monroedoktrin hatten diese Systeme, da Frankreich in diesen Weltgegenden nichts zu suchen hatte, nichts gemein. Als sich die französische Regierung nicht einmal scheute, im Jahre 1935 einen nach Ansicht namhafter Völkerrechtler aggressiven, weil zur Niederhaltung Deutschlands bestimmten Militärpakt mit der Sowjetunion zu schließen und ihn mit dem Artikel 21 der Völkerbundssatzung und damit mit der Monroedoktrin zu begründen, zeigte sich das ganze Ausmaß der Ahnungslosigkeit, mit der Präsident Wilson sich 15 Jahr früher um den ewigen Frieden bemüht hatte, noch einmal vor aller Augen.

Wilson selbst nützte der Artikel 21 nichts. In den USA erhob sich ein Sturm der Entrüstung gegen die Haltung, die der Präsident beim Zustandekommen der Friedensverträge eingenommen hatte. Im März 1920 lehnte der Kongreß die Ratifizierung ab. Aber er weigerte sich auch, dem Beitritt der USA zum Völkerbund zuzustimmen. Die Isolationisten hatten sich unter Berufung auf die Monroedoktrin durchgesetzt. Unter den Präsidenten Harding, Coolidge und Hoover begann jene Epoche der amerikanischen Geschichte, die von außenpolitischer Enthaltsamkeit geprägt war und sich darum bemühte, nicht in europäische oder fernöstliche Probleme verstrickt zu werden.

Wohin mit der Überproduktion?

Das ist jedenfalls die "herrschende Lehre", aber sie ist nur ein Teil der Wirklichkeit. Denn die USA übernahmen nach 1921 alle Anstrengungen, auf der ganzen Welt Absatzmärkte zu erschließen, um die gewaltigen Überschüsse, die das Land produzierte, abzusetzen. Davon hing die politische Stabilität der Vereinigten Staaten ab. Niemand, so lautete die Konsequenz, die ein Schlußbericht einer amerikanischen Studienkommission nach einer Europareise im Jahre 1921 zog, könne ernsthaft erwarten, daß sich die Staaten wirtschaftlich von Europa, dem größten Markt der USA, isolieren könnten. Monroe hatte eine solche wirtschaftliche Verflechtung, als er seine Doktrin verkündete, noch nicht ahnen können. So mußte denn die Zukunft darüber entscheiden, ob diese gespaltene Doktrin außenpolitische Isolation bei zunehmendem wirtschaftlichem Engagement - überhaupt tragfähig war. Wie wir sehen werden, war sie das nicht. Schon die große Wirtschaftskrise, die ein Kurssturz an der New Yorker Börse im Jahre 1929 auslöste und die auch Deutschland ins Elend stürzte, bewies, in welch großem Ausmaß amerikanisches Kapital in die Volkswirtschaft Europas geflossen war.

Roosevelt und Hitler kamen im Jahre 1933 an die Macht, beide starben im Frühjahr des Jahres 1945. Der amerikanische Präsident wußte, als er die Augen schloß, daß es nur noch Tage dauern konnte, bis sein verhaßter Gegner in der Reichskanzlei und das von diesem geschaffene "Großdeutsche Reich" zugrunde gehen würden.

Hitler hegte in dieser Hinsicht, wie wir wissen, ebenfalls keine Zweifel. Er lastete aber in seinem Testament die Schuld daran, daß es überhaupt zum Zweiten Weltkrieg gekommen war, Roosevelt an; in seinen Augen war er der größte Kriegsverbrecher, den die Menschheit je gekannt habe. Hitler war fest davon überzeugt, daß der amerikanische Präsident spätestens seit dem Jahre 1938 alles getan habe, um auf dem europäischen Kontinent eine "Antihitlerfront" aufzubauen und ihr jede Hilfe im Falle eines Konflikts zugesagt habe. Stimmt das?

Weltwirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit

Das werden wir später prüfen. Zunächst hatten die beiden Politiker alle Hände voll damit zu tun, die Folgen der Weltwirtschaftskrise in ihren Ländern zu bekämpfen. Hitler gelang es bald, das Millionenheer der Arbeitslosen wieder in den Wirtschaftsprozeß einzugliedern; Roosevelts Anstrengungen waren zunächst nicht von Erfolg gekrönt. Denn das Hauptziel der amerikanischen Wirtschaftspolitik war, wie schon gesagt, die Erschließung von Auslandsmärkten zur Absorbierung der Überschußprodukte. Angesichts des weltweiten Charakters der großen Absatzmärkte im Ausland. Sie dienten aber nicht so sehr dem Verkauf von deutschen Waren als vielmehr der Versorgung der deutschen Industrie mit lebenswichtigen Rohstoffen, die diese Länder im Gegenzug liefern konnten. Schicksalhaft für das deutsch-amerikanische Verhältnis sollte werden, daß sich die wirtschaftlichen Interessen der beiden Mächte in bestimmten Regionen überschnitten.

Wenn von der Vorgeschichte der deutschen Kriegserklärung an die USA im Dezember 1941 die Rede ist, wird dieser Zusammenhang meistens übersehen. So schreibt etwa der Genfer Professor Friedländer, daß die Beziehungen zwischen dem nationalsozialistischen Deutschland und den Vereinigten Staaten infolge der extrem isolationistischen Politik Amerikas von zweitrangiger Bedeutung gewesen seien. Demnach hätte die Monroedoktrin im klassischen

Sinne während dieser Zeitspanne die amerikanische Diplomatie bestimmt. Das Gegenteil ist der Fall. Das konnte auch gar nicht anders sein, denn im März 1933, als Roosevelt zum Präsidenten der USA gewählt wurde, gingen 40% des amerikanischen Agrarexportes nach Europa. Hier arbeiteten 1300 amerikanische oder von amerikanischen Unternehmern kontrollierte Firmen. Wie sollte Roosevelt die Wirtschaftskrise in seinem Land überwinden, wenn er diese starke Position nicht mit Zähnen und Krallen verteidigte?

In seiner ersten großen Rede am 3. März 1933 ließ der neue Präsident seine Hörer denn auch wissen: "Unsere vordringliche Aufgabe wird es sein, die Menschen wieder an die Arbeit heranzubringen. Wir werden alle notwendigen Schritte unternehmen, um den Wert der Agrarprodukte zu heben und damit auch den Ausstoß der Industrie anzukurbeln". Hitler versicherte zur gleichen Zeit in seiner Regierungserklärung, "...daß die nationale Regierung ...das große Werk der Reorganisation der Wirtschaft unseres Volkes mit zwei großen Vierjahresplänen lösen" werde. Sie hätten zum Ziel: "Rettung des deutschen Bauern zur Erhaltung der Ernährungs- und damit Lebensgrundlage der Nation; Rettung des deutschen Arbeiters durch einen gewaltigen und umfassenden Angriff gegen die Arbeitslosigkeit".

Die Maßnahmen, die Hitler und Roosevelt ergriffen, glichen sich denn auch wie ein Ei dem anderen. Der eine sprach von "Autarkie", der andere vom "New deal". Beides war aber, im Fall der deutschen Wirtschaft paradoxerweise, nur dann zu realisieren, wenn der Export gesteigert werden konnte. Ein enger Mitarbeiter des Präsidenten, George S. Messersmith, faßte das Credo seines Herrn in den Worten zusammen: "Der Exportzwang ist die Konsequenz der amerikanischen Wirtschaftsstruktur. Jede andere Lösung des Problems der Überkapazitäten würde eine völlige Umgestaltung der ökonomischen Struktur der Vereinigten Staaten bedingen". Roosevelt setzte zunächst auf Verhandlungen zwischen allen Mächten, die von diesem Problem betroffen waren. Er schlug eine Weltwirtschaftskonferenz vor.

(Fortsetzung folgt)


Quelle: Der Freiwillige 44(2) (1998), S. 5ff.

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