Hein Mayer, (76) Sprecher der Stalingrader Spätheimkehrer und Co-Autor des Buches "Die Tragödie der deutschen Kriegsgefangenen in Stalingrad von 1943 bis 1956" im Biblio-Verlag, Osnabrück - ISBN 3-7648-2461-1

Einer Verbrecher - alle Verbrecher?

Wer die sowjetische Propaganda aus dem Zweiten Weltkrieg kennt und die frenetischen Mordaufrufe eines Ilja Ehrenburg, der glaubt sich im Machwerk des Hannes Heer mit seiner Ausstellung "Verbrechen der Wehrmacht" ganz in unselige AGIT-PROP-Zeiten versetzt. Und wenn man genau hinschaut, dann erkennt man auch, aus welcher Werkstatt die Mehrzahl der grausamen Bilder kommt, deren Herkunft, Namen und Daten weitgehend verschwiegen werden. Dennoch gibt sich die Ausstellung den Schein wissenschaftlicher Dokumentation, doch sie ist genau das Gegenteil dessen. Sie stellt in ihrer Einseitigkeit eine unzulässige Hetze dar, auch wenn man nach Protesten verschämt ein Schildchen aufstellt und beschwichtigt, es hätte auch Soldaten (wieviele wohl?) gegeben, die nicht schuldig geworden sind. Nanu? Dann stimmt wohl der Titel der Ausstellung nicht? Denn mit dieser Einschränkung können doch nicht nur edelmütige Deserteure gemeint sein.

Als ehemaliger mehrfach blessierter Soldat, nach Todesurteil und in Abwandlung dieses "Urteils" zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilter Kriegsgefangener, der nach über 10- jähriger Gefangenschaft aus Sibirien heimkehrte, der in sicherem "Gewahrsam" durch Hunger und Genickschuß (!) unzählige unschuldige Kameraden verloren hat, der seit 1992 durch die ehemaligen Feinde amtlich voll rehabilitiert ist, weil nur aus politischen Gründen verurteilt, der inzwischen mit russischen Veteranen und russischen Historikern befreundet ist, die eine bessere Meinung von der deutschen Wehrmacht haben als sogenannte "Historiker", kann man nur mit einem sehr bitteren Beigeschmack diese einseitige und in gezielter Absicht "gemachte" Ausstellung bewerten, die unglücklicherweise auch noch, einem Gruselkabinett gleich, wohlfeile Münze macht.

Sachlich ist festzustellen, daß es in jeder Armee Verbrechen gegeben hat, doch keine andere kriegführende Macht würde sich selbst auf die Anklagebank bringen, weder für Katyn oder Ostpreussen, noch für Dresden oder die Rheinwiesen. Nur über die volle Wahrheit aber kann Versöhnung stattfinden. Die alten Soldaten sind da viel weiter als die nachgeborenen Besserwisser, die zur Unzeit geboren stramme und begeisterte "Nazis" oder auch nur zustimmende Mitläufer gewesen wären. Sie, die im erarbeiteten Wohlstand der verleumdeten Väter groß geworden sind, haben bisher die Berechtigung zum erhobenen Zeigefinger nicht durch eigene Leistung beweisen müssen. Ihrem vermeintlichen moralischen Hochstand ermangelt es an dem geringsten Respekt gegenüber den Vätern.

Besonders im Hinblick auf die Millionen der ehemaligen Wehrmacht, die im Zweifel oder im guten Glauben an ihr Land gekämpft haben und gefallen sind, die sich nicht mehr wehren können, ist die posthume pauschale Verleumdung eine ungeheure Verletzung. Die Witwen, Kinder und Enkel dieser Gefallenen müssen schweigend hinnehmen, daß ihre Männer und Väter in Rathäusern und unter willfährig-angepaßten Claqueuren pauschal der schlimmsten Verbrechen geziehen werden.

Herr Heer nennt inzwischen als Motiv: "Die Ausstellung wolle nur die Legende von der sauberen Wehrmacht zerstören." Also kein ethisches und moralisch sonderlich edles Motiv, zerstören will er. Was keiner mehr erwartet, auch die Siegermächte und Befreier nicht. Denn keine Armee der Welt ist ganz sauber. Und warum jetzt, nach 50 Jahren? Als Schmäh-Ersatz für den Teufel des entschwundenen Kalten Krieges oder den Verlust der kommunistischen Erlösungslüge?

Selbst die in der Sowjetunion als "Kriegsverbrecher" verurteilten Kriegsgefangenen, Hingerichtete und zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilten Soldaten erweisen sich en masse als unschuldige politische Opfer, die inzwischen rehabilitiert worden sind. Die Kohl-Jelzin-Erklärung, die Arbeit und die Ergebnisse des "Instituts für Archivauswertung" Bonn, unter Dr. Wagenlehner, werden in der Ausstellung ebenso verschwiegen wie die erstaunlichen russischen Archivrecherchen von Epifanow-Mayer in dem Buch "Die Tragödie der deutschen Kriegsgefangenen".

Die mit der Ausstellung einhergehende und gewollte Polarisierung zwischen hehren Anklägern, deren angepaßtem Beistand und den schändlich Beschimpften einer gebeutelten Generation ist unglücklicherweise auch noch geeignet, Radikalismus zu fördern. Und schade um das christliche vierte Gebot*, die scheidende Generation beherrscht es noch …


* Du sollst Vater und Mutter ehren …


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