Dr. Günther Wagenlehner, (74) Präsidialrat des VdH und Direktor des Instituts für Archivauswertung

Vorwärts in die Vergangenheit

Die Anti-Wehrmacht-Ausstellung auf Tour

München:

"Uns interessiert nicht die Zukunft, sondern nur die Vergangenheit", urteilte ein stupider Altgenosse in der Abschlußdiskussion zur Ausstellung in München. Starker Beifall unter den Geladenen.

PDS-Junggenosse Graf Einsiedel (1921) schwelgte in Erinnerungen. Schon 1934 beim Röhm-Putsch - also mit knapp 13 Jahren - wußte er genau was Hitler bedeutet. Etwas später durch die Intrige gegen General von Fritsch wurde ihm das vollends klar. Und dennoch meldete er sich 1939 freiwillig zur Wehrmacht, wurde Berufsoffizier und begeisterter Jagdflieger, betrachtete den Krieg als Sport und schoß vom Juli 1941 bis August 1942 insgesamt 35 sowjetische Flugzeuge ab. (Nebenbei: in einer Diskussion in Mülheim an der Ruhr waren es nur 22 und danach im Verteidigungsausschuß des Bundestages noch weniger).

In München, Anfang April 1997 erzählte der Urenkel Bismarcks weiter, wie er dann in sowjetischer Gefangenschaft vom Saulus zum Paulus wurde. Gründung des Nationalkomitees, Rückkehr in die SBZ, (natürlich kein Wort über seine wahre Rolle im Nationalkomitee Freies Deutschland, über seine Verpflichtungserklärung Für NKFD und STASI sowie manches andere).

1948 Verlassen der SBZ, Parteiwechsel von der SED zur SPD und 1992 von der SPD zur PDS. Stürmischer Beifall der Mehrheit im Vortragssaal der "Black Box". Spätestens jetzt wurde klar, daß von den 700 Zuhörern im Saal 500 Anhänger der Linken, vor allem der PDS waren. Die Münchener klärten mich auf: Das Kulturamt der Stadt hatte den Kartenverkauf manipuliert, um einen Aufkauf durch CSU zu verhindern. So blieben die Kritiker und die bösen Rechten ausgesperrt. Hunderte fanden keinen Einlaß. Drinnen fühlte man sich, wie ein Redner in der Diskussion unter Johlen bemerkte, wie auf einer Parteiversammlung der PDS, Recht hatte er.

Frankfurt:

Genüßlich meldete die "Frankfurter Rundschau" von der Wehrmachts-Ausstellung: "Zwei Festnahmen und 30 Platzverweise", vermutete "rechte Gesinnung" allein schon durch "streng gescheitelte Haare und die Stiefel dieser Schüler", die gegen das Pauschalurteil der Ausstellung protestierten. Aber so schlimm wie in München wird es in Frankfurt nicht kommen. Für 30,-- DM bietet die Volkshochschule den Kurs "Wehrmacht im Zwielicht" an. An vier Abenden will man sich an Hand des Begleitbuches der Ausstellung "intensiver mit den Fakten" und mit dem ideologischen Hintergrund auseinandersetzen. Von anderen, etwa wissenschaftlichen Quellen ist nicht die Rede.

Hessens Ministerpräsident Hans Eichel klagt zur Eröffnung in der Paulskirche: "Die Verstrickung unserer Väter und Großväter schmerzt uns alle". Eichel und Ignatz Bubis wenden sich gegen jedes Pauschalurteil gegen die Wehrmacht. Man möchte es gerne glauben, aber da gibt es ja noch den Hauptinitiator Jan Philipp Reemtsma, der unzählige Male vom Ziel seiner Ausstellung gesprochen hat, "Den Zustand der Gesellschaft im Krieg" zu zeigen, daß "Kriegsverbrechen nicht Grenzüberschreitungen waren, sondern das Gesicht dieses Krieges selbst".

Und so empfinden es die Besucher der Ausstellung, allen voran Jutta Limbach, Präsidentin des Bundesverfassungsgerichtes, daß in diesem Regime niemand einen fairen Krieg führen konnte. Das von den Initiatoren gewollte Pauschalurteil ist auch nicht mit einem Schwall von Worten zuzudecken. Reemtsma hat es begriffen und kommentiert in Frankfurt: Ausnahmen gab es im Kriege selten, aber jeder Wehrmachtsangehörige sei nun auch nicht zum Verbrecher geworden.

"Dieser Ausstellung ist es nicht um die Demontierung einer Legende gegangen," doziert Reemtsma weiter und philosophiert über die deutsche Realitätsflucht. Hier darf gestaunt werden. In München war ich zur Schlußdiskussion eingeladen worden über das Thema: "Die 'saubere' Wehrmacht - das Ende einer Legende?"

Wie geht es weiter ... ?

Die Eröffnungsreden werden zum Ritual. Die Ausstellung wird zur Gewohnheit. Den gewollten Schock kann man nicht konservieren. Die Routine wird unausweichlich. In der Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern sind kaum noch neue Argumente möglich.

Hannes Heer, der Revoluzzer von 1968, hat offenbar in der Ausstellung seine Lebensstellung gefunden. In Frankfurt befand er, daß nur 5 % der Wehrmacht in dieser Ausstellung präsentiert würden. Nun müßten die restlichen 95 % auch noch untersucht werden. Eine Aufgabe für die nächsten Jahrhunderte also. "Bis zu Hermann dem Cherusker ist noch viel Raum", meinte General a.D. Dr. Franz Uhle-Wettler in einem Leserbrief an die FAZ sarkastisch.

Vorstand und Geldgeber Reemtsma gibt sich unnahbar, dem Anschein saturiert. Hannes Heer strebt nach der Übernahme der Ausstellung durch die Bundeswehr, die sich dazu nicht bereitfindet. Inzwischen haben sich die Gemeinderäte gegen die Präsentation der Anti-Wehrmacht-Ausstellung in ihrer Stadt ausgesprochen: Potsdam und Graz. In Dresden soll sie im Hygiene-Museum gezeigt werden. In Bonn wird noch gesucht. Das Haus der Geschichte will nicht, denn das Thema wurde durch die wissenschaftlich fundierte Kriegsgefangenen-Ausstellung 1995 behandelt, wie sein Direktor, Prof. Hermann Schäfer erklärte. Zum vorgesehenen Termin im Oktober 1998 findet im Haus der Geschichte eine andere Sonderausstellung statt. Thema: "Wie Fotos lügen können."

Der Deutsche Bundestag diskutierte am 13. März das Für und Wider und verabschiedete am 24. April mit der Mehrheit der Regierungskoalition eine Entschließung, daß für diese Ausstellunmg nicht das Foyer des Bundestages zur Verfügung gestellt wird. Unter Beifall des ganzen Hauses stellte Heiner Geißler fest: "Der Vorwurf der persönlichen Beteiligung und Verstrickung gilt nicht für die überwiegende Mehrheit der deutschen Soldaten."

Ausklang in Bremen.

Mit der Eröffnung der Ausstellung im Bremer Rathaus ist seit dem 22. April im Vorfeld durch Ausstellungen und Diskussionen die Aufklärung zum Thema "Rolle der Wehrmacht" geleistet worden, die Reemtsma und Heer bewußt abgelehnt haben; denn um Aufklärung und Wahrheit über Krieg und Wehrmacht ist es denen nie gegangen. Damit hat sich in Bremen eine Linie durchgesetzt, die der VdH von Anfang an vertreten hat: Keine Polemik, sondern die eigenen positiven Werte und Ziele herausstellen!

Auf meinen Appell an den Millionär Reemtsma am 26. Februar in Bremen, das großartige deutsch-russische Versöhnungswerk zu unterstützen, hat er damals geschwiegen und auch seitdem nichts von sich hören lassen.

Der eingangs zitierte Rufer in München hat eben doch recht. Die Anti-Wehrmachts-Ausstellung ist der Vergangenheit verhaftet. Ihre Initiatoren interessiert weder die Versöhnung zwischen den Todfeinden von einst, noch die Zukunft. Wie könnten sie auch, denn ihre Ausstellung negiert jeden Hauch von Versöhnung. Würde sie in den Dienst der Aussöhnung gestellt, dann müßte sie ganz anders strukturiert werden.

Damit ist aber auch das Urteil über das Unternehmen Reemtsma/Heer gesprochen: Wenn der Überraschungseffekt vorbei ist, dann wird diese Ausstellung von der Zukunft überholt werden. Die Saat des Hasses wird nicht aufgehen. Das Werk der deutsch-russischen Aussöhnung, wesentlich vom Heimkehrerverband und von den Soldaten der Wehrmacht in Gang gesetzt, wird sich stärker erweisen als das Festhalten an den "Verbrechen der Wehrmacht".


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