Elsbeth Weiß (60), deren Vater in Stalingrad umgekommen ist, heute Mutter eines Fähnrichs der Bundeswehr.

Offener Brief an Herrn Jan-Philipp Reemtsma

Vorab , Herr Reemtsma:

Jeder rechtschaffene Mensch in unserem Land trägt schwer an der Schuld, an der Ungerechtigkeit, die der NS-Staat an unschuldigen Menschen begangen hat. Wir tragen auch schwer an dem Leid, das der unschuldigen deutschen Bevölkerung zugefügt wurde.

Ich selbst habe den geliebten Vater und alle Onkel verloren. Die Großeltern als Bezugspersonen sind aus Kummer und Schmerz ihren Söhnen nachgestorben. Meine Mutter und Tanten sah ich erst wieder ohne Trauerkleider und mit mehr Lebensmut, als deren Kinder zu ordentlichen Menschen heranwuchsen und vor allem jetzt die Enkel den Großvätern zur Ehre gereichen. Mutter und Tanten - die alle nicht wieder geheiratet haben - mußten unter schweren Bedingungen ihre Kinder allein erziehen. Ich bin dankbar für diese gute christliche Erziehung. Zu wem, Herr Reemtsma, soll ich meine Familie nun zählen, wenn ich den Ausstellungs-Fragebogen in der Frankfurter Paulskirche ausfüllen würde? Opfer oder Täter? Eine andere Wahl lassen Sie nicht!

Ich bin stolz auf meinen Vater. Er war Kaufmann und UK-gestellt, doch er hielt es für seine vaterländische Pflicht, Soldat zu werden, als sich das Schicksal Deutschlands abzuzeichnen begann. Als Obergefreiter war er bei der Flugzeugabwehr eingesetzt. Er hätte auch die Möglichkeit gehabt sich der sowjetischen Gefangenschaft zu entziehen. Wir haben später durch einen ihm vorgesetzten Offizier erfahren, daß er sich von seiner Truppe hätte absetzen und sein Leben retten können. Dies lief jedoch seiner Ehre zuwider, und seine Kameraden wollte er nicht im Stich lassen. Sein Name wird gottlob auf keinem Deserteur-Denkmal stehen, auch wenn man jetzt Deserteure zu neuen "Helden" hochjubeln will. Glaubt Herr Bubis im Ernst, daß einer dieser Leute den Mut und die Zivilcourage aufgebracht hätte, als es galt, seine jüdischen Mitbürger damals zu schützen? Wie man immer auch einen Deserteur beurteilen will, ob als Überläufer und Verräter oder als jemanden, für den man Mitleid empfindet. Die Ehre ist das letzte, was diese Menschen verdienen, denn nur die wenigsten hatten edle Motive. Deserteure als "Vorbilder" für die Bundeswehr zu empfehlen, ist das Widersinnigste überhaupt!

Es drängt mich auch, nach den Gründen und Absichten dieser ihrer pauschalierenden und diffamierenden Ausstellung zu fragen. Gut, daß ich nicht zu fragen begann, bevor ich ihre rhetorisch brillant auf Viele wirkende Rede aus der Paulskirche gehört hatte. Dort haben Sie ja alle je an Sie gerichteten Fragen und alle Argumente schon im voraus ausgelegt und abgetan.

Auch ist es bezeichnend, daß man mit Ihnen und Ihresgleichen nicht die Möglichkeit hat, öffentlich zu diskutieren. Andersdenkende werden vor den Medien nur zugelassen, wenn sie sich nicht artikulieren können. So werden Unbedarfte durch tendenziöse Ansichten ideologisch aufgeheizt. Das erinnert doch sehr an eine andere Zeit, meine ich!

Bei aller Klugheit ist Ihnen entgangen, was Sie bei Ihren Ausführungen in der Frankfurter Paulskirche selbst offenbart haben: daß Sie an der übermächtigen Vaterfigur, die Ihnen Komplexe und ein Gespaltensein verursacht haben, leiden.- Nur bitte, spalten Sie deshalb nicht eine ganze Nation! Sie wären sonst nicht besser als jene Psychopathen, die diesen Krieg mit all seinen Folgen heraufbeschworen haben.

Ich vermisse weiterhin bei Ihnen den Gedanken des Friedens und die Taten, die Sie zu seinem Erhalt beitragen. - Ich könnte Ihnen viele Beispiele guten Willens nennen, die ich selbst erlebt habe und erlebe. Zum Beispiel den VdH (Verband der Heimkehrer), den VdK (Voksbund für Kriegsgräberfürsorge), die Jugendliche vieler Nationen zusam-

menbringen, die über Gräbern für nichtheuchlerische Völkerverständigung, Frieden und Freundschaft wirken. Es ist beglückend zu sehen, wie viele junge Menschen in aufrichtiger Weise da tätig sind. Es ist ein gleichberechtigtes Miteinander der Nationen und der Generationen ohne gegenseitige Schuldzuweisung oder Bezichtigung und Aufrechnung.

Sollten Sie der Jugend wirklich etwas vermitteln wollen, um sie auf gute Wege zu führen, dann nur durch Beispiel und Liebe!

So sind wir beim wesentlichen Punkt: der Liebe, der Nächstenliebe!

Die vermisse ich bei Ihnen auch, schon als kleinen Jungen, der dem behinderten Vater nicht großmütig, liebevoll den "Sieg" beim Treppensteigen überläßt. Nein, sich noch Jahrzehnte danach nicht versagen kann, ihn ob seines damaligen Verhaltens zu demütigen.

Als Beispiel christlicher Nächstenliebe verstehe ich auch die Aussage einer Begebenheit im Krieg, die Ihnen ein Verwandter übermitteln wollte. Nicht allein, daß Sie diesen Brief öffentlich preisgaben; auch wie sie ihn ausgelegt haben, spricht dafür, daß Sie Liebe im eigentlichen Sinne nicht praktizieren. Da kann ich Ihnen mit Liebe zum Vaterland schon gar nichts sagen. Auch nicht mit: "Wer sein Vaterland nicht ehrt und liebt, kann auch kein anderes Land verstehen und achten!" Ja, Vaterland - mein armes, immer wieder geschundenes Vaterland. Doch Vater steht am Anfang dieses Wortes. Und ich stehe und ich schreibe für alle aufrechten Töchter, Söhne und Enkel, deren Väter und Großväter durch Ihre Ausstellung pauschal als Mörder diffamiert werden. Auch das später aufgestellte Schild vor der Ausstellung rechtfertigt nicht und täuscht nicht über die Absichten hinweg.

Mein geliebter Vater und viele seiner Kameraden bezahlten mit dem Leben und hatten nicht das "Glück", aus dem Geschehenen Profit zu ziehen!

Lohnendes, Herr Reemtsma, gibt es aber immer, wofür man zu Unrecht erworbenes Geld (auch das durch diese Ausstellung erworbene zähle ich dazu) anlegen kann. Auch heute gibt es durch Krieg und Verfolgung Bedrängte und Verletzte und vor allem noch sehr viele Hungernde auf dieser Welt. Ich unterstelle Ihnen nicht, daß Sie es zur Deckung eigener Unkosten verwenden, da Sie ja - was Frankfurt angeht - vom Land Hessen und seinen Medien gesponsort werden. Die Medien dienen ohnehin dem Zeitgeist; es geht doch um die Einschaltquoten -- spätestens jetzt würde mir eine Lea Rosh das Wort entziehen, nach dem Motto: "Das gehört nun wirklich nicht hierher - Schluß, aus - weg das Mikro!"

Trotzdem kann ich es nicht lassen, das Landesoberhaupt, sprich Ministerpräsident, und seinen Kultusminister zu fragen, ob es nicht doch was mit den sprichwörtlich "Blinden Hessen" auf sich hat!

Es wäre noch der Begriff Moral (heute auch schon abgeschmackt) zu definieren. Fragen Sie bei Ihrem Helfershelfer Heer an, dem das Lenin-Zitat doch geläufig sein müßte: "Untergrabt die Moral eines Volkes, und es wird euch wie ein fauler Apfel in den Schoß fallen". Da sich Ihr Institut "sozialwissenschaftlich" nennt, sollte es auch einmal dahingehend arbeiten.

Forschen ist gut, doch es muß ehrlich, wahr und gerecht geschehen und letztlich bei sich selbst anfangen. Alles Andere, das Richten und Urteilen, sollte man Gott überlassen.

gez. Elsbeth Weiß


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