Gutachten zur Frage der Echtheit des
sogenannten Wannsee-Protokolls und der
dazugehörigen Schriftstücke

Erstellt von Roland Bohlinger und Johannes P. Ney


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1.2. Historische Merkmale

1.2.1. Kempners Berichte über die Auffindung des sogenannten Wannsee-Protokolls

Robert M. W. Kempner erzählt in seinen Lebenserinnerungen, wie das sogenannte Wannsee-Protokoll angeblich gefunden wurde :

"Ich war Chef der Abteilung 'Politische Ministerien', und im Februar/März 1947 fing ich an zu überlegen : "Was ist das Wichtigste ?" In Frage kam das Auswärtige Amt, die Reichskanzlei, geeignet für einen zweiten Prozeß zusammen mit dem Innenministerium, und das Reichssicherheitshauptamt, das in zwei, drei Prozesse aufgeteilt werden mußte : die beamtete Seite, Schellenbergs Geheimdienst und diese SS-Leute, die nicht unmittelbar zur unteren 'executive' gehörten. Ich saß also auf meinem Sessel, hatte meine Mitarbeiter engagiert oder aus anderen Verfahren, die zu Ende gingen, zusammengesucht, und da ereigneten sich merkwürdige Dinge : Ich kannte nur wenige AA-Dokumente, weniger als von anderen Behörden, die bekundeten, wie das Reichssicherheitshauptamt Deportationen durchgeführt hatte. Also sagte ich den Dokumentenfahndern : "Da muß noch anderes Material vorhanden sein. Ich habe Briefe gelesen vom Reichssicherheitshauptamt an das Auswärtige Amt." Und zu meinem Erstaunen hörte ich : Die Geheimakten des Auswärtigen Amtes sind vollständig erhalten und nach Berlin gebracht worden. Sie waren in verschiedenen Stellen gelagert...

Ich telefonierte mit meinen Berliner Mitarbeitern, alles herüberzuschicken, was dort war; es bestand ein Verdacht, weil ich von Eichmann-Leuten, die bei irgendeiner Gelegenheit vernommen worden waren, gehört hatte : Wir haben bei Deportationen ja immer im Auswärtigen Amt angefragt...

Allmählich wurde mein Schreibtisch überrollt von Dokumenten des Auswärtigen Amtes...

Unser wichtiger Zeuge im IMT-Prozeß, der ungarische Anwalt Rudolf Kastner, wie auch die Berichte der Polen, Tschechen und Holländer bestätigten, daß ungezählte Personen ermordet worden waren. Wer hat die umgebracht ? Zunächst der Mann, der sie in Krakau oder Budapest festgenommen hatte. Da haben wir ja die Mörder. Ein gewisser Adolf Eichmann hat das organisiert, und der hatte einen Chef, den Heydrich. Der Supermörder war Göring, der am 31. Juli 1941 an Heydrich den Befehl gegeben hatte : 'Organisiere Du das.'

Als das Material vom Auswärtigen Amt eintraf, telefonierte ich nach Berlin : 'Das ist nicht nur die Politische Abteilung des Auswärtigen Amtes –, da muß


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es noch etwas anderes geben.'

'Why do you say so ?'

'Weil es stinkt, weil der Rauch noch was vernebelt.'

Eines Tages, vielleicht vierzehn Tage später, es war noch im März, erhalte ich einen Anruf : 'Ich habe hier etwas gefunden.'

'Was ist das ?'

'Protokoll einer Konferenz.'

Ich sage : 'Wo war denn das ?'

'Am Wannsee, 20. Januar 1942.'

'Kommen Sie damit herüber ! Fliegen Sie los !'

Das Protokoll kam an, ich las es durch, rief die wissenschaftlichen Mitarbeiter herein : 'Lest mal.'

Ich renne zu Taylor rüber und nehme jemanden mit, der ihm das gleich übersetzt.

'Woher ist das ?'

'Aus dem Ordner D (Abteilung Deutschland), betrifft Endlösung der Judenfrage.'

Auf dem Rücken des Ordners stehend ! 'Endlösung der Judenfrage.'" 29

Dieser Bericht ist recht aufschlußreich.

Es fehlen darin die konkreten Angaben, was den genauen Zeitpunkt und Ort der Auffindung des sogenannten Wannsee-Protokolls und was den Finder betrifft.

Beim Staatsarchiv Nürnberg liegen Negativkopien von fast sämtlichen Einzelpapieren des Beweisstücks NG-2586, des sogenannten Wannsee-Protokolls, vor. Hierzu hat das Staatsarchiv mitgeteilt :

"Am 29. September 1947 wird als Fundort folgendes angegeben : Taken from the files of the German Foreign Office, FO-SD Building, McNair Barracks, Berlin BBT 1700." 29a

Als Fundzeit ist also laut Staatsarchiv Nürnberg der 29. September 1947 dokumentiert. Sollte Kempner sich in dieser schwerwiegenden Sache so sehr geirrt haben ? Das ist möglich. Möglich ist aber auch, daß Kempner tatsächlich schon im März 1947 das Wannsee-Protokolls erhalten hat, nur daß es sich damals um die echte Fassung gehandelt haben könnte und danach dann die verfälschte Fassung hergestellt und anschließend diese wieder dem Fundort in den McNair Barracks einverleibt wurde.


29 Robert M. W. Kempner, Ankläger einer Epoche, a.a.O., S. 310ff.
29a Hans Wahls, Zur Authentizität des "Wannsee-Protokolls", Ingolstadt 1987, S. 7.


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Weiterhin ist festzuhalten :

Die von den Alliierten 1945 beschlagnahmten Archivbestände des Auswärtigen Amtes waren während des Krieges an verschiedenen Stellen eingelagert. Sie umfaßten nicht nur diplomatische Akten, sondern auch Nachlässe u.a.m. Laut Frau Dr. Keipert vom Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes belegen die derzeitigen Archivbestände des Amtes etwa 16 km Regallänge. Die 1945 von den Alliierten beschlagnahmten Archivbestände betrafen das gesamte Material aus der Zeit von 1871 bis 1945.

Wenn man annimmt, die beschlagnahmten Bestände hätten die Hälfte des heutigen Umfanges betragen, dann wären das immer noch 8 km Akten gewesen. Es ist recht unwahrscheinlich, daß man bei einer derartigen Materialfülle innerhalb von 14 Tagen ein zentrales Dokument findet, besonders dann, wenn man noch nicht einmal genau weiß, wonach man suchen soll. Denn dann muß man sämtliche Akten durchsuchen. Wenn man außerdem annimmt, daß für das oberflächliche Durchsuchen eines Ordners mit durchschnittlich 500 Seiten Inhalt 2 Stunden benötigt werden, und wenn man weiter annimmt, daß Kempner für die Sucharbeit in Berlin 10 wissenschaftliche Mitarbeiter einsetzen konnte, dann wären bei einer zehnstündigen Arbeitszeit mehr als 6 Jahre erforderlich, um sämtliche Akten oberflächlich zu prüfen. Nun gut. Herr Kempner hat es irgendwie geschafft.

Doch was er fand, das konnte jedenfalls nicht ein Ordner "D (Abteilung Deutschland) betrifft Endlösung der Judenfrage" gewesen sein, wie er das behauptet (s.o.). So etwas gab es nicht. Es gab zwar beim Auswärtigen Amt eine Abteilung Deutschland mit der Abkürzung "D" und in dieser Abteilung verschiedene Referate, darunter das Referat III. Das Referat III war zuständig für : Information der Auslandsvertretung über wichtige innerpolitische Vorgänge, Judenfrage, Rassenpolitik, Flaggen- und Hoheitszeichen, Nationalhymne, Erneuerungsbewegungen, Freimaurerfragen.30 Jedes Referat beim Auswärtigen Amt hatte natürlich seine eigenen Akten, Aktenzeichen und Aktenstandorte.

Das sogenannte Wannsee-Protokoll soll sich in einer Ordnerserie unter der Bezeichnung "Inl. II g" befunden haben. Innerhalb dieser Serie gab es sogenannte Handakten, mit denen gearbeitet wurde. Diese Handakten befanden sich aber meistens nicht in Ringordnern mit einem beschreibbaren Rücken, sondern in Heften, die auf der Vorderseite einen etwa 10,5 cm breiten und etwa 31 cm hohen Deckel besaßen, der zur Beschriftung diente (siehe Kopie auf der nächsten Seite).


30 Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik, s. Anm. 8; Serie E/1, S. 567.


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Im vorliegenden Fall, bei der Akte "Endlösung der Judenfrage", gab es nicht einen Ordner, wo auf dem Rücken geschrieben stand : "Endlösung der Judenfrage", wie Kempner in seinen oben zitierten Lebenserinnerungen behauptete, sondern mehrere Hefte, wo die Beschriftung auf der Vorderseite des Deckels stand.31 Später, nach der Bearbeitung durch die Alliierten, also lange nach Beendigung des Wilhelmstraßen-Prozesses, gab es allerdings dann einen Ordner; dieser enthielt nun das Material aus den erwähnten Heften und anscheinend zusätzlich noch einschlägiges, von den Alliierten gefundenes und hinzugefügtes weiteres Material. Aber auch dieser nachträglich entstandene Ordner, der die Band-Nummer 177 besitzt, trägt nicht die von Kempner genannte Bezeichnung "D (Abteilung Deutschland) betrifft Endlösung der Judenfrage", sondern : "Politisches Archiv, Auswärtiges Amt, 177, Akten Inland II g, Akten betreffend Endlösung der Judenfrage". Dieser Ordner befindet sich jetzt im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts in Bonn.32

Kempner spricht nicht nur in seinen oben zitierten Lebenserinnerungen von nur einem einzelnen Ordner, auf dessen Rücken "Endlösung der Judenfrage" gestanden hätte, sondern auch in seinem Buch Eichmann und Komplizen.33

In einer Sendung des WDR, die um den 20. Januar 1992 ausgestrahlt wurde, wich Kempner allerdings von seiner bisherigen Version ab. Er erklärte :

"Ich bekam einen Anruf von einer meiner Mitarbeiterinnen, die hatten eine Akte gefunden. Nicht eine Einzelakte, sondern mehrere folder, und da stand drauf : Endlösung der Judenfrage... Ich bekam drei, vier, fünf solcher folder, solcher Ordner, und gehe die durch. Das fängt an : Endlösung der Judenfrage. Da war erst ein Dokument aus dem Jahre 39 drin, das handelte noch von der Auswanderung, daß man die Leute rausgehen lassen sollte, ohne Geld, damit sie trouble im Ausland machen. Ich blättere weiter, und da steht plötzlich : Konferenz am Großen Wannsee in Berlin. Das war damals ein Gestapozentrum für die internationale Zusammenarbeit der entsprechenden Gruppen, – Protokoll über die Endlösung der Judenfrage. Ich traute meinen Augen kaum, als ich das durchlas. Das war im Jahre 47, im Herbst." 34


31 S. nebenstehende Kopie aus : Akten Inland II g, Bd. 177, S. 1.
32 S. nebenstehende Kopie aus : Akten Inland II g, Bd. 177, Deckel.
33 Robert M. W. Kempner, Eichmann und Komplizen, a.a.O., S. 131. Kempner spricht hier von einem "Aktenordner", auf dessen "Rücken" sich die Bezeichnung "Endlösung der Judenfrage" befunden hätte.
34 Robert M. W. Kempner, wiedergegeben in dem Hörspiel von Rolf Defrank : Ihr Name steht im Protokoll, gesendet vom WDR um den 20. Januar 1992. Uns liegt ein Sendeskript ohne Datum vor.


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Also : Einmal ist es ein Ordner, ein andermal sind es drei bis fünf Ordner. Einmal erhält Kempner das Wannsee-Protokoll direkt von einem Mitarbeiter persönlich auf dem Flugweg überbracht, nachdem dieser es in Berlin entdeckt hatte, ein andermal entdeckt Kempner selbst das Schriftstück in einer ihm ausgehändigten Akte. Einmal ist es im März 1947, wo es zu der Entdeckung kommt, ein andermal ist es im Herbst 1947. Im übrigen war das erste Schriftstück im ersten Heft "Endlösung der Judenfrage" nicht ein Schriftstück aus dem Jahre 1939, das von der Auswanderung der Juden handelte, sondern der Entwurf eines Schreibens vom Februar 1943, gerichtet an das Reichssicherheitshauptamt zu Händen von SS-Obstbf. Eichmann, in dem es um die Abschiebung von Juden fremder Staatsangehörigkeit ging.35 (Die Tatsache, daß der Ordner mit einem Schriftstück aus dem Jahre 1943 beginnt, ist im übrigen ein Indiz gegen die Echtheit des ganzen Ordners. Weitergehende Forschungen müßten u. a. dieser Frage nachgehen.)

Außerdem war der – angebliche – Konferenzort nicht ein "Gestapozentrum für die internationale Zusammenarbeit der entsprechenden Gruppen", nämlich die "Dienststelle der Internationalen Kriminalpolizeilichen Kommission", der "Interpol", wie Kempner immer wieder behauptet.36 Doch diese Behauptung ist nicht uninteressant : Es gibt ein Schriftstück, das wir später noch untersuchen werden, mit dem Heydrich am 29. November 1941 den Staatssekretär Luther zur Teilnahme an einer "Aussprache" bezüglich einer "Endlösung" der Judenfrage eingeladen haben soll. Diese Aussprache – die heute als Wannsee-Konferenz bezeichnet wird –, sollte in der "Dienststelle der Internationalen Kriminalpolizeilichen Kommission, Berlin, Am Kleinen Wannsee Nr. 16" stattfinden.

In dem Schriftstück ist jedoch die Straßenbezeichnung ausgestrichen und mit der Hand darüber geschrieben : "Am Großen Wannsee Nr. 56-58". Die genannte Dienststelle befand sich ebenso wie Interpol tatsächlich in "Am Kleinen Wannsee Nr. 16", während sich "Am Großen Wannsee Nr. 56-58" eine große Villa befand, die der Stiftung Nordhav gehörte, einer Gründung Heydrichs.37 Heydrich hatte dieses Haus von dem Kaufmann Friedrich Minoux erworben, und zwar zu dem Zweck, dort "seine künftigen Dienst- und Ferienwohnungen einzurichten".37 Obwohl diese Tatsache längst bekannt ist, behauptete Kempner auch


35 Politisches Archiv des Auswärtigen Amts, Akten Inland IIg., betreffend : Endlösung der Judenfrage, Band 177, Heft 1, K210299 f.
36 Robert M. W. Kempner, Eichmann und Komplizen, a.a.O., S. 129; derselbe : SS im Kreuzverhör, Hamburg 1987, 2. A., S. 229; derselbe : Ankläger einer Epoche, a.a.O., S. 313.
37 Johannes Tuchel, Am Großen Wannsee 56-58, Publikationen der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, herausgegeben von Wolfgang Scheffler und Gerhard Schoenberner, Band 1, Berlin 1992, S. 76.


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noch 1992, daß sich in dem Haus, das sich Am Großen Wannsee in der Nr. 56-58 befand, "ein Gestapozentrum für die internationale Zusammenarbeit der entsprechenden Gruppen" befunden habe.34

Und nun kommt ein besonders interessantes Detail : Das Schriftstück kam von Heydrich. Das Haus, in dem die Konferenz zuerst angeblich stattfinden sollte, war das der Gestapo und Interpol. Aber nach der Niederschrift der Einladung wurde die Straßenangabe ausgestrichen und handschriftlich die andere Anschrift eingetragen, das heißt : Da plante Heydrich die Organisierung einer geheimen Mordverschwörung in einem Domizil der Gestapo und Interpol, anstatt ein paar Straßen weiter im eigenen Domizil, wo die Geheimhaltung besser gewährleistet war und eine ganz andere, ein noblere Atmosphäre herrschte ? Das ging selbstverständlich nicht. Doch versehentlich wurde bei der Korrektur übersehen, daß außer der falschen Straßenangabe auch noch die falsche Dienststelle angegeben war : nämlich die "Dienststelle der Internationalen Kriminalpolizeilichen Kommission". Doch dieser Fehler soll weder Eichmann, der das Schriftstück abgefaßt haben soll, noch Heydrich, der insgesamt 30 solcher Einladungen unterzeichnet haben soll, irgendwie aufgefallen sein. Kempner behauptet zwar, die handschriftliche Korrektur der Straßenangabe wäre nachträglich von Eichmann vorgenommen worden 38, doch das ist sicher falsch. In einer Randnotiz auf der Einladung an SS-Gruppenführer Hofmann heißt es – nicht in Hofmanns Schrift – : "Lt. tel. Rücksprache mit Stubaf. Günther am 4.12.41 Straße geändert". Das Wort "Kleinen" ist ausgestrichen, handschriftlich am Rand durch "Großen" und die Zahl "16" durch "56/58" ersetzt.39 Die handschriftliche Änderung fand also nach Eingang der Einladung statt. Doch von der zweiten vorhandenen Einladung, der an Staatssekretär Luther, gibt es zwei Versionen mit etwas unterschiedlichen Korrekturen und mit unterschiedlichen Schreibmaschinen geschrieben, aber beide mit den gleichen Merkmalen der empfangenden Dienststelle versehen, was, wie wir noch sehen werden, zusammen mit anderen Merkmalen die Fälschung aller vorliegenden Einladungen und verschiedener weiterer Schriftstücke erweist (siehe Ziffer 3). Eine der beiden Versionen liegt beim Auswärtigen Amt, die andere hat Kempner vorgelegt.

1.2.2. Die Pläne des Auswärtigen Amts und Rademachers Schreiben vom 10.2.1942

Am 3. Juni 1940, wenige Wochen nach Übernahme des Referats D III im Auswärtigen Amt, faßte Karl Rademacher seine "Gedanken über die Arbeiten und Aufgaben des Ref. D III" in einer Aufzeichnung für den Leiter der Abteilung


38 Robert M. W. Kempner, Eichmann und Komplizen, a.a.O., S. 126 ff.
39 Nürnberger Beweisdokument PS-769. Stubaf. Günther ist Eichmanns Mitarbeiter im Referat IV B 4, Sturmbannführer Rolf Günther.


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Deutschland im Auswärtigen Amt, Unterstaatssekretär Luther, zusammen. Sein Fazit lautete :

"Durch den Krieg selbst und die dadurch heraufbeschworene endgültige Auseinandersetzung mit den westlichen Imperien und den dort herrschenden überstaatlichen Mächten ist die außenpolitische Bedeutung der jeweils zu entscheidenden Einzelfrage in Judensachen zurückgetreten. Dafür steht m.E. die Frage nach dem deutschen Kriegsziel in der Judenfrage zur Entscheidung. Es muß die Frage geklärt werden, wohin mit den Juden ? Denkbares Kriegsziel in dieser Beziehung könnte sein :

a) alle Juden aus Europa,

b) Trennung zwischen Ost- und Westjuden ... Die Westjuden werden ... aus Europa entfernt, beispielsweise nach Madagaskar.

c) In diesem Zusammenhange Frage eines jüdischen Nationalheims in Palästina ..." 39a

Rademacher ging es um eine Abschiebung möglichst vieler Juden aus Europa. Im Vordergrund stand der Plan einer Abschiebung nach Madagaskar. Der sogenannte "Madagaskar-Plan" fand schließlich die Zustimmung Hitlers, Himmlers, Ribbentrops und anderer führender Persönlichkeiten des Dritten Reiches.39b

In der Folgezeit erarbeitete das Auswärtige Amt unter der Federführung Rademachers die ihm wichtig erscheinenden Grundlagen für die Verwirklichung des "Madagaskar-Plans". Unabhängig davon entwickelte auch das Reichssicherheitshauptamt Vorstellungen, wie das Madagaskar-Projekt zu verwirklichen sei.39c

Damals wurde im übrigen mit den Begriffen "Lösung der Judenfrage" oder "Endlösung der Judenfrage" keine Tötungsabsichten verknüpft. Döscher :

"Festzuhalten ist, daß die Termini 'Lösung der Judenfrage' und 'Endlösung der Judenfrage' im Sommer 1940 die Vertreibung der Juden aus Europa und deren Ansiedlung auf Madagaskar umschrieben. Tötungsabsichten oder gar die Vorbereitung zum Massenmord sind den Akten in diesem Zusammenhang nicht zu entnehmen." 39d

Der "Madagaskar-Plan" hatte den Nachteil, daß er erst nach Abschluß eines Friedensvertrages verwirklicht werden konnte. Man brauchte die Zustimmung


39a Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Akten Inland II, A/B 347/3.
39b Hans-Jürgen Döscher, Das Auswärtige Amt im Dritten Reich, Diplomatie im Schatten der 'Endlösung', Berlin, S. 216 (m. Quellenhinw.). Siehe Kopie der wichtigsten Seiten im Anhang.
39c Döscher, a.a.O., S. 216ff.
39d Döscher, a.a.O., S. 220.


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Frankreichs, denn Madagaskar war eine französische Kolonie. Man brauchte außerdem den Frieden mit den anderen Kriegsgegnern des Deutschen Reiches, da sonst die Deportation der Juden nicht hätte bewerkstelligt werden können. Als daher der von deutscher Seite angestrebte Friedensschluß nicht zustandekam, sich stattdessen abzeichnete, daß einerseits die USA und andererseits die UdSSR den Krieg gegen Deutschland vorbereiteten, wurde der "Madagaskar-Plan" zunächst auf Eis gelegt und schließlich, nach Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion, fallen gelassen. An seine Stelle trat der Plan, die Juden nach dem Osten, in bisher russische Gebiete, zu deportieren.

Nun wird von vielen Historikern die Auffassung vertreten, bereits 1940 hätte die nationalsozialistische Führung geplant, Massenmorde an Juden oder gar deren gänzliche Ausrottung durchzuführen und dies entweder parallel zu der geplanten Deportation oder im Rahmen oder nach der Deportation zu bewerkstelligen. Als zentrales Beweisstück wird hierfür immer wieder das sogenannte Wannsee-Protokoll herangezogen.

Aus unseren bisherigen Untersuchungsergebnissen ergibt sich bereits, daß nichts für die Echtheit jenes Protokolls spricht. Weitere Befunde in dieser Richtung ergaben die weiteren Untersuchungen, die in den nächsten Abschnitten dieses Gutachtens beschrieben werden. Zwei bisher noch nicht behandelte, aber wesentliche Indizien gegen die Echtheit des Protokolls sind nun folgende Tatsachen :

Am 8. Dezember 1941 fertigte Rademacher im Auftrag von Unterstaatssekretär Luther die Aufzeichnung an : "Wünsche und Ideen des Auswärtigen Amts zu der vorgesehenen Gesamtlösung der Judenfrage in Europa".39e Diese Aufzeichnung wird nebenstehend abgebildet. In ihr geht es ausschließlich um eine Abschiebung der Juden "nach dem Osten". Sie war gedacht, Luther zur "Vorbereitung für die morgige Sitzung bei SS-Obergruppenführer HEYDRICH" zu dienen. Die für den 9. Dezember 1941 vorgesehene Sitzung wurde dann auf den 20.1.1942 verlegt. Es ist jedoch anzunehmen, daß sich bis dahin die "Wünsche und Ideen des Auswärtigen Amts" nicht wesentlich geändert hatten. Doch aus dem sogenannten Wannsee-Protokoll ergibt sich nicht, daß auf der Konferenz diese "Wünsche und Ideen" behandelt oder deren Abweichung vom Lösungskonzept Heydrichs auch nur ansatzweise diskutiert wurden. Das ist als weiteres Indiz gegen die Echtheit des Protokolls anzusehen, erst recht unter dem Gesichtspunkt, daß wir herausgefunden haben, daß die wesentlichen Abweichungen von den "Wünschen und Ideen des Auswärtigen Amts" im sogenannten Protokoll offensichtlich einen anderen Verfasser haben als jene Passagen, die mit


39e Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Akten Inland IIg, 177, 186/7.


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den Vorstellungen des Auswärtigen Amts im wesentlichen übereinstimmen.39f Das ist zugleich ein Indiz zugunsten der von uns später behandelten These, daß das ursprüngliche Protokoll der Wannsee-Konferenz durch ein Protokoll mit Ergänzungen und Veränderungen ersetzt worden sein könnte.

Unsere Auffassung wird zusätzlich gestützt durch einen Brief Rademachers. Diesen Brief hatte Rademacher am 10. Februar 1942 verfaßt, also noch vor dem angeblichen Eintreffen des angeblichen Wannsee-Protokolls Ende Februar 1942, aber nachdem er, als der zuständige Leiter des Referats D III, von Luther über die wesentlichen Ergebnisse der sogenannten Wannsee-Konferenz unterrichtet worden war. Der Brief ging an die Referatsleiter Pol X (Afrika, Mandats- und Kolonialfragen), Bielfeld, und Pol XII (Friedensfragen), v. Schmieden. Darin hieß es :

"Im August 1940 übergab ich Ihnen für Ihre Akten den von meinem Referat entworfenen Plan zur Endlösung der Judenfrage, wozu die Insel Madagaskar von Frankreich im Friedensvertrag gefordert, die praktische Durchführung der Aufgabe aber dem Reichssicherheitshauptamt übertragen werden sollte. Gemäß diesem Plan ist Gruppenführer HEYDRICH vom Führer beauftragt worden, die Lösung der Judenfrage in Europa durchzuführen. Der Krieg gegen die Sowjetunion hat inzwischen die Möglichkeit gegeben, andere Territorien für die Endlösung zur Verfügung zu stellen. Demgemäß hat der Führer entschieden, daß die Juden nicht nach Madagaskar, sondern nach dem Osten abgeschoben werden sollen. Madagaskar braucht mithin nicht mehr für die Endlösung vorgesehen zu werden." 39g

Mit anderen Worten : Unter der Voraussetzung, daß dieses Dokument echt ist – für die gegenteilige Annahme fanden wir keine Indizien, außerdem paßt der Inhalt des Briefes zu den vorausgegangenen Tätigkeiten des Referats D III bezüglich der Lösung der Judenfrage, seitdem Rademacher dieses Referat leitete – dann ergibt sich daraus, daß Rademacher als der zuständige Sachbearbeiter im Auswärtigen Amt auch nach der sogenannten Wannsee-Konferenz der Auffassung war, daß unter der "Endlösung der Judenfrage" nach wie vor lediglich die Abschiebung der Juden zu verstehen sei.

Zu dem Inhalt des Briefes von Rademacher paßt im übrigen auch die Thematik der in den Akten des Auswärtigen Amtes enthaltenen Berichte über die Konferenzen, die der sogenannten Wannsee-Konferenz folgten, allerdings unter der Voraussetzung, daß diese Berichte echt sind, was uns zweifelhaft erscheint. Wir haben dazu unter Ziffer 6 dieses Gutachtens Stellung genommen.


39f Siehe die Ausführungen in diesem Gutachten unter Ziff. 1.3. und Ziff. 1.4.
39g Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes, Akten Inland II g, 177, D III 145/42 geheim.


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