Erstellt von Roland Bohlinger und Johannes P. Ney
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Im sogenannten Wannsee-Protokoll heißt es, Göring habe Heydrich beauftragt, die Durchführung der Evakuierung der Juden "nach dem Osten" zu leiten. Dieser "Auftrag" Görings wird auch in einem Papier erwähnt, das in der neu eingerichteten "Gedenkstätte" am Großen Wannsee öffentlich ausgestellt ist. Wir nennen es hier : GO-1.
Von dem Brief gibt es nur Kopien.50a
Kopien lassen sich viel leichter fälschen als sogenannte Originale. Für einen Fälscher ist es einfach, aus echten Unterlagen, die ihm beispielsweise nach der Besetzung eines Landes aus Beschlagnahmungen zur Verfügung stehen, eine Photomontage herzustellen. Photomontagen sind im Druckgewerbe schon lange üblich. Durch solche Montagen werden aus verschiedenen Vorlagen neue erstellt, die dann über irgendein Kopierverfahren dazu dienen, Druckplatten herzustellen. Besonders bekannt wurden die Photomontagen von John Heartfield (Helmut Herzfelde). Für eine Photomontage lassen sich natürlich echte Vorlagen ebenso wie unechte verwenden. So läßt sich z. B. aus einem echten Briefkopf, echten Eingangsstempel und echten Dienstsiegel, einer Kopie der echten Unterschrift des zuständigen Beamten, einem passenden Aktenzeichen und einem erfundenen Text, der mit einer erbeuteten SS-Schreibmaschine geschrieben wurde, eine Collage so zusammenmontieren, daß sich davon eine Kopie ziehen läßt, die vortäuscht, als Vorlage habe ein echtes Dokument gedient.
Daraus folgt, daß jedes Schriftstück, das nur in Kopie vorliegt, zunächst einmal verdächtig ist, unecht zu sein.
Dieser Satz gilt erst recht, wenn bestimmte politische Kreise ein Interesse am Vorhandensein dieses Dokuments besitzen. Und verstärkt gilt das, wenn diese Kreise auch noch Gelegenheit hatten, fast alle Akten der Regierung zu beschlagnahmen und mit Fälschungen zu durchsetzen.10
Natürlich ist es ohne Vergleich mit echten Dokumenten nicht möglich, die Kopie einer Photomontage als Fälschung zu erweisen, wenn für die Photomontage
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| Die beiden Versionen des Briefes von Göring. Links : GO-1, rechts : GO-2. Verkleinert. (zum Vergrößern anklicken) | |
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die Abbildungen echter Vorlagen, z. B. die Abbildungen eines echten Briefkopfs, eines echten Stempelabdrucks und einer echten Unterschrift zusammen mit einem erfundenen Text zu einer in sich stimmig erscheinenden Einheit montiert worden sind. Umgekehrt läßt sich eine solche Kopie aber auch nicht als Wiedergabe eines echten Dokuments erweisen, wenn dies nicht über den Vergleich mit echten Dokumenten schlüssig möglich ist.
Nun sind jedoch viele Fälschungen nicht so gut gelungen. Sie weisen irgendwelche Mängel auf, aus denen sich dann ergibt, daß der Vorbehalt, die Kopie gebe kein echtes Dokument wieder, zurecht bestand. Solche Mängel sind z. B. : Verwendung eines echten aber falsch gewählten Briefkopfes oder eines ungebräuchlichen Eingangsstempels, eines falschen Datums, Aktenzeichens oder Verteilers, einer falschen Redeweise oder Behördenbezeichnung.
Die wichtigste Erkenntnis, die aus diesen Überlegungen gezogen werden muß, ist im wesentlichen die gleiche, die wir bereits früher in Bezug auf vervielfältigte Schriftstücke formuliert haben :
Derjenige, der die Kopie eines Schriftstücks für irgendwelche Beweisführungen verwenden möchte, die sich auf den Inhalt des Schriftstücks stützen, der muß zuerst nachweisen, daß die von ihm verwendete Kopie ein echtes Dokument wiedergibt.
Bei einem solchen Echtheitsnachweis ist zu beachten, daß die Echtheit natürlich nicht erwiesen werden kann mithilfe anderer Dokumente, deren Echtheit gleichfalls noch nicht erwiesen ist.
"Der Reichsmarschall des Großdeutschen
Reiches
Beauftragter für den Vierjahresplan
Vorsitzender
des Ministerrats für die Reichsvertei-
digung"
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Ein Briefkopf, der mit Schreibmaschine geschrieben ist, das ist bei Göring, der auf Äußerlichkeiten viel Wert legte, kaum glaubhaft. Noch weniger glaubhaft ist die Kombinierung von drei Ämtern in einem Briefkopf. Denn zu jedem dieser Ämter gehörte eine Dienststelle. Die verschiedenen Dienststellen hatten unterschiedliche Funktionen, unterschiedliche Akten und unterschiedliche Aktenzeichen. Unter welchem Aktenzeichen wäre denn der Durchschlag des Schreibens zu archivieren ? Unter drei verschiedenen Aktenzeichen ? Und was hatte der Inhalt des Schreibens – der Auftrag Görings an Heydrich – mit der Funktion Görings als "Beauftragter für den Vierjahresplan" oder als "Vorsitzender des Ministerrats" zu tun ?
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Auch Görings Unterschrift erweckt Zweifel. Einmal ist die Unterschrift in Version GO-1 nicht die gleiche wie in Version GO-2 (zu GO-2 siehe unter Ziff. 2.5.).
Uns liegt eine Originalunterschrift von Göring vor (siehe Abbildung). Diese weicht so erheblich von der in Version GO-1 und GO-2 ab, daß die Unterschrift in den beiden Briefversionen als gefälscht einzustufen ist.
Uns liegen außerdem Kopien von weiteren Originalunterschriften Görings vor, die alle der Unterschrift ähneln, die auf der nebenstehend abgelichteten Verleihungsurkunde zu sehen ist, nicht aber den Unterschriften auf GO-1 und GO-2.
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| Originalunterschrift von Göring, August 1934. Verkleinert. (zum Vergrößern anklicken) |
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| Originalunterschrift von Göring, April 1942. Verkleinert. (zum Vergrößern anklicken) |
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mals vom Vorbereiten des Anfangs die Rede : Heydrich war offenbar Görings Hofnarr und sollte nun nicht nur Vorbereitungen treffen, worüber er schon zweieinhalb Jahre zuvor begonnen hatte, Vorbereitungen zu treffen, jetzt sollte er über die zu treffenden Vorbereitungen auch noch "in Bälde" einen Entwurf vorlegen, einen "Gesamtentwurf" (als ob es auch einen Halb- oder Viertelentwurf gäbe) für eine "Gesamtlösung" (als ob er zuvor eine Halb-oder Viertellösung anzustreben gehabt hätte).
So weit, so gut. Wenn aber nirgendwo geäußert wird, worin denn diese "Gesamtlösung", beziehungsweise, die Ergänzung oder Änderung des alten Auftrags besteht, dann weiß der Befehlsempfänger natürlich nicht, was er nun eigentlich anders machen soll als bisher. Auch von diesem Gesichtspunkt aus ist also zu fragen : Sollte Göring als Befehlsgeber tatsächlich befohlen haben, "organisatorische, sachliche und materielle Vorbereitungen" im gesamten "Einflußgebiet" des Reiches in einer höchst schwerwiegenden Frage zu treffen, ohne ganz klar zu sagen, worin denn diese Vorbereitungen zu bestehen hätten oder welches Ziel diese haben sollten in "Ergänzung" – also abweichend – von dem alten Auftrag ? Das heißt, er soll einen so überaus wichtigen und weittragenden Befehl erteilt haben, ohne zu sagen, worin er nun eigentlich bestand ? Das ist undenkbar. Denkbar ist jedoch, worauf wir bereits hinwiesen, daß der Fälscher dieses Briefes sich nicht sicher war,
weshalb er sich vorsichtshalber verschiedener Leerformeln bediente. Das war auch durchaus ausreichend, um den beabsichtigten Zweck zu erreichen. Das beweist die blindgläubige Art, in der später dieses Papier und die damit im Zusammenhang stehenden weiteren Papiere durch die meisten Historiker behandelt worden sind.
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Von dem Schreiben Görings gibt es eine zweite Version. Sie befindet sich in Kempners Buch : Eichmann und Komplizen.51 Wir bezeichnen sie in diesem Gutachten als GO-2.
Die Version GO-2 wird von Kempner wiedergegeben ohne Hinweis auf GO-1 oder darauf, daß die von ihm gebrachte Version GO-2 eine Nachahmung, Abschrift o. ä. sei. Er argumentiert in seinem Buch so, als wäre die von ihm gebrachte Abbildung von GO-2 eine Kopie von GO-1 oder die Kopie von einem Original-Dokument. Er schreibt unmittelbar vor der Wiedergabe der Abbildung von GO-2 :
"Wenige Wochen später, am 31. Juli 1941, erhielt Heydrich offiziell von Göring den Auftrag zur Endlösung (PS-710). S. Seite 98." 52
Bei der Version GO-2 ist folgendes festzustellen :
Aus der Tatsache, daß Kempner die Version GO-2 vorgelegt hat, ergibt sich : Eine der beiden Versionen, entweder GO-1 oder GO-2, ist von vornherein als unecht anzusehen, nämlich als fehlerhafte Nachahmung.
Falls GO-1 die Nachahmung von GO-2 ist, wäre GO-1 unabhängig von den Gründen, die unter Ziffer 2.1.-2.3. angeführt wurden, als Fälschung anzuspre-
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chen. Vermutlich ist aber GO-2 die Nachahmung von GO-1. Denn GO-1 tauchte vor GO-2 auf, als Unterlage PS-710 im Nürnberger Prozeß. Außerdem weist GO-2 eine korrigierte Schreibweise (Datum und Buchstabe "i") auf und ist in einer Machart angefertigt, die viele Kopien von Dokumenten aufweisen, die Kempner in Eichmann und Komplizen wiedergibt.53
Da Kempner in seinem Buch über Eichmann viele Dokumente abbildet, die fehlerhafte Nachahmungen darstellen, er diese Tatsache aber verschweigt, obwohl sie ihm mindestens in einigen Fällen bekannt sein mußte,54 war er mitverantwortlich für eine schwerwiegende Irreführung. Diese Irreführung rückt ihn in ein sehr zweifelhaftes Licht. Und dieses Licht muß zugleich und zwangsläufig auch auf jene Papiere fallen, die Kempner als Dokumente entdeckt haben will, die angeblich beim Auswärtigen Amt zum Thema "Endlösung der Judenfrage" gesammelt worden waren.
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